True Hearts - Ich sehe nur dich - J.D. Hawkins - E-Book

True Hearts - Ich sehe nur dich E-Book

J.D. Hawkins

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Beschreibung

Zwei Freunde, ein unerwartete Leidenschaft!

Obwohl er einer von New Yorks erfolgreichsten Unternehmensberatern war und ein Leben voller Luxus, Partys und schöner Frauen hatte, merkt Wyatt, dass all dies die Leere in seinem Inneren nicht ausfüllen kann. Er kehrt zurück in seine kalifornische Heimatstadt, wo er seine Jugendfreundin Melina wiedertrifft. Vom ersten Moment an ist ihre Vertrautheit wieder da. Was Wyatt nicht ahnt: Insgeheim ist die schüchterne Fotografin seit ihrer Jugend in ihn verliebt. Dass Wyatt von ihrem Chef engagiert wurde, das Unternehmen auf Vordermann zu bringen, ist das Letzte, was sie brauchen kann. Denn die Leidenschaft zwischen ihnen lässt sich nicht lange ignorieren. Ihr nachzugeben ist unausweichlich. Sich die tiefen Gefühle einzugestehen, die schon bald zwischen ihnen existieren, erscheint ihnen beiden jedoch unmöglich ...

"Ich bin so wahnsinnig verliebt in diese Geschichte!" BRITTANY'S BOOKS BLOG

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Seitenzahl: 342

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

1

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Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von J. D. Hawkins bei LYX

Impressum

J. D. Hawkins

True Hearts

ICH SEHE NUR DICH

Roman

Ins Deutsche übertragen von Stephanie Pannen

Zu diesem Buch

Obwohl er einer von New Yorks erfolgreichsten Unternehmensberatern war und ein Leben voller Luxus, Partys und schöner Frauen hatte, merkt Wyatt, dass all dies die Leere in seinem Inneren nicht ausfüllen kann. Er kehrt zurück in seine kalifornische Heimatstadt, wo er seine Jugendfreundin Melina wiedertrifft. Vom ersten Moment an ist ihre Vertrautheit wieder da. Was Wyatt nicht ahnt: Insgeheim ist die schüchterne Fotografin seit ihrer Jugend in ihn verliebt. Dass Wyatt von ihrem Chef engagiert wurde, das Unternehmen auf Vordermann zu bringen, ist das Letzte, was sie brauchen kann. Denn die Leidenschaft zwischen ihnen lässt sich nicht lange ignorieren. Ihr nachzugeben ist unausweichlich. Sich die tiefen Gefühle einzugestehen, die schon bald zwischen ihnen existieren, erscheint ihnen beiden jedoch unmöglich …

Für meine mutigen Mitmenschen, die täglich Kombucha trinken.

1

Wyatt

Ich steuere den Wagen auf die lange Einfahrt der Buchanans. Die breiten Reifen des Jaguar XJ knirschen über den Schotter. Als ich durch das offene Tor fahre, muss ich schmunzeln, weil das Auto ein bisschen ruckelt – das Schlagloch am Orangenhain gehört genauso fest zu meinen Erinnerungen wie der Zitrusduft, der durchs offene Fenster hereinweht.

Barbecue bei den Buchanans. Diese Worte haben eine magische Anziehungskraft, auf eine nostalgische Art und Weise. Es sind Worte, die ich bereits gehört und ausgesprochen habe, solange ich denken kann. Sie sind so einfach und wecken doch unzählige Erinnerungen. Vier Wörter, mit denen viel Spaß, lustige Geschichten und wunderbare Zeiten verbunden sind. Diese Erinnerungen sind so alt und so gut, dass sie wie weichgezeichnet wirken, die Ränder ein wenig unscharf, mit einem goldenen Schimmer über allem.

Das Haus ist eine Villa im mediterranen Stil und liegt verborgen inmitten gepflegter Obstbäume und aromatisch duftender Büsche. Stucksäulen und diverse Balustraden zieren die Fassade, und irgendwie erinnert mich dieser Ort immer an Shakespeare oder einen Gangsterfilm. Er ist wie geschaffen für Liebesgeschichten und Tragödien und epische Familiensagen.

Das Haus verrät einem viel über die Buchanans – über Bobs und Marshas extremen Reichtum und im Inneren über ihren bescheidenen Geschmack. Ihre Kinder Aiden und Becca könnten nicht unterschiedlicher sein. Aidens alberner, extrovertierter Humor steht in krassem Gegensatz zu Beccas stiller, zurückhaltender Ernsthaftigkeit. Auch wenn wir uns während meiner Jahre in New York ein wenig fremd geworden sind, mag ich beide sehr.

Ich sehe eine gebückte Gestalt in einem Arbeitsoverall, die gerade einen Busch in Form schneidet, und halte an.

»Lionel!«, rufe ich durch das Fenster auf der Fahrerseite.

Der Mann richtet sich auf und zieht sich einen Kopfhörer vom Ohr. Der blecherne Klang klassischer Musik ertönt. Er wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und kommt zum Wagen.

»Master Wyatt! Wie lange ist es her?!«

»Bitte nennen Sie mich nicht Master, Lionel. Ich bin kein Mitglied der königlichen Familie.«

Der alte Gärtner lacht auf, und der unverwechselbare melodische Klang ruft weitere Erinnerungen wach. Er mustert den Jaguar.

»Ah, aber in diesem Wagen könnten Sie es wahrhaftig sein!« Wieder lacht er und wirft einen Blick auf seine Uhr. »Sie sind spät dran. Die anderen sind schon alle hier.«

»Es ist ein langer Weg aus New York«, erwidere ich.

»Aber jetzt bleiben Sie hier«, strahlt er.

»Ich schätze schon.« Ich erwidere sein Lächeln, auch wenn es ein wenig gezwungen ist, wenn ich an all das denke, was ich zurücklasse. »Warum machen Sie nicht eine Pause und trinken oder essen was mit uns?«

»Nein, nein. Hier gibt es noch zu viel zu tun. Und Sie wissen doch, dass ich die Gesellschaft von Bäumen vorziehe.«

Ich lache und strecke meine Hand aus dem Fenster, um seine behandschuhte Rechte zu schütteln, an der noch feuchte Erde klebt.

»Wie Sie wollen«, sage ich. »Aber ich sorge dafür, dass noch genug von den guten Sachen für Sie übrig bleiben.« Ich ziehe die Hand wieder zurück und fahre weiter.

Selbst wenn Lionel es mir nicht gesagt hätte, wäre mir spätestens beim Anblick des Fuhrparks vor dem Haus klar gewesen, dass alle anderen bereits da sind. Die frisierte Corvette meines Vaters – ein Überbleibsel seiner Midlife-Crisis, die er während der Scheidung durchgemacht hat –, das Motorrad meines Bruders Cody, ein schnittiger BMW, der nur Becca gehören kann, und ein hastig geparkter alter Käfer, der nach Winnie schreit.

Ich steige aus dem Wagen, gehe die Steinstufen zur offenen Eingangstür hinauf und betrete das Haus.

»Sieh mal, wer da ist!«, ruft Aiden, als ich den Kopf ins große Wohnzimmer stecke. »Der Teufelskerl aus New York!«

Er kommt mir mit ausgestreckter Hand entgegen, doch Winnie kommt ihm zuvor. »Wyatt!«, ruft sie, während sie sich auf mich stürzt und ihre Arme um mich schlingt.

Winnie Stapleton – Abschlussballkönigin, Cheerleader-Captain und Hauptdarstellerin in den feuchten Träumen Tausender Schuljungen. Ich wette, es gibt da draußen sogar Typen, die sie seit der Highschool nicht mehr gesehen haben und immer noch jeden Tag an sie denken.

Wenn einem zu den Buchanans als Erstes ihr Reichtum einfällt, dann sind die Stapletons zweifellos die »Künstlerfamilie« in unserem kleinen Freundeskreis. Winnies Vater Greg ist Filmrequisiteur und ihre Mutter Sabine eine berühmte Mixed-Media-Künstlerin, die seit ein paar Jahren erfolgreich Kinderbücher illustriert. Winnie selbst ist in der Modebranche, während ihre kleine Schwester Melina … aber dazu später mehr.

»Hey Leute«, sage ich, als Winnie mich freigibt. »Dieses Jahr blaue Strähnchen?«

»Und auch ein paar rote. Die sind noch vom vierten Juli.« Sie dreht sich lächelnd, um mir die bunten Strähnen in ihrem langen, glatten Haar zu präsentieren.

»Wie patriotisch von dir.« Ich kann nicht anders, als sie unauffällig zu mustern. Sie trägt ein enges Sommerkleid, und ich muss meine Erinnerung korrigieren – Winnie ist noch viel schärfer, als ich sie in Erinnerung habe.

»Schön, dich wiederzusehen«, sagt Becca mit einer halben Umarmung und schenkt mir ein seltenes Lächeln. In ihrer Anzughose und der frisch gestärkten weißen Bluse sieht sie genauso aus wie früher.

Aiden klopft mir herzlich auf den Rücken, während mir Mr Stapleton lächelnd die Hand schüttelt.

»Wie schön, dass du zurück bist, Wyatt. Jetzt ist die ganze Bande wieder komplett!«

»Danke.«

Winnie legt eine Hand auf seine Schulter. »Dad wollte uns gerade diese neue Requisite zeigen, die er für Robot Slayer gebaut hat.«

Ich bemerke einen futuristisch aussehenden Gegenstand in seiner Hand. Er sieht aus wie ein seltsam konstruierter Revolver, und als er ihn mit einer kurzen, schnellen Handbewegung nach unten schwingt, verwandelt er sich plötzlich in ein Kurzschwert.

»Beeindruckend«, sage ich mit aufrichtiger Ehrfurcht.

Mr Stapleton zuckt bescheiden mit den Schultern. »Er kommt nur in ein paar Szenen zum Einsatz. Im restlichen Film wird er hauptsächlich computergeneriert.«

»So ein Schwachsinn«, sagt Winnie kopfschüttelnd. »Dein Zeug ist immer so viel besser.«

»Ignorieren wir wirklich alle die Tatsache, dass Wyatt einen Anzug trägt? Für ein Barbecue?«, unterbricht Aiden sie augenzwinkernd, wendet sich mir zu und wischt mir unsichtbaren Staub von der Schulter. »Willst du uns etwa Versicherungen andrehen, während wir Würstchen essen, Wyatt?«

Ich trete einen Schritt zurück und mustere Aiden von Kopf bis Fuß. Er trägt eine zerrissene Jeans und ein verwaschenes T-Shirt von Queens of the Stone Age.

»Tja, eigentlich wollte ich ja ein paar Tage in meinen Klamotten pennen, mich eine Weile im Dreck herumrollen und schließlich durch Stacheldraht klettern – aber ich war besorgt, dass wir dann beide das Gleiche anhaben würden.«

»Ignoriere ihn«, sagt Winnie und stößt Aiden spielerisch in die Rippen. »Du siehst fantastisch aus, Wyatt.« Flirtet sie etwa mit mir? Quatsch, so ist Winnie einfach.

»Ach ja? Wirklich?«, sagt Aiden und steigt nur zu gerne auf ihre Bemerkung ein. »Wie fantastisch findest du ihn denn genau, Winnie? Hast du etwa Sehnsucht nach der guten alten Zeit?«

»Das ist lange her, Aiden …«, knurrt Becca wie ein Wachhund.

»So lange nun auch wieder nicht«, schießt er zurück und wackelt mit den Augenbrauen. »Für mich wirkt es so, als solltet ihr beiden …«

»Das reicht jetzt, Kinder«, warnt Mr Stapleton.

»Was denn?«, erwidert Aiden und sieht sich schulterzuckend um, wie er es immer tut, wenn er ein wenig provozieren will. »Ich sage ja nur … Wyatt und Winnie sitzen in ’nem Baum … autsch!«

Winnie beendet das Lied, indem sie ihm gegen das Schienbein tritt, und wir lachen triumphierend, als sein Grinsen zu einer schmerzverzerrten Grimasse wird.

Mr Stapleton nickt mir zu. »Deine Eltern sind draußen. Sabine hat diesen Rosé mitgebracht, den sie mögen.«

»Okay. Ich bin gleich wieder da«, sage ich und drehe mich um.

Ich verlasse das Wohnzimmer und gehe durch das große Haus. Immer wieder bleibe ich stehen, um die Realität wirken zu lassen. Ich bin zurück. Bei den Buchanans. Es fühlt sich wie mein Zuhause an, auch wenn es das genau betrachtet nicht war. Doch ich habe in meiner Kindheit und Jugend sehr oft Weihnachten und Thanksgiving hier verbracht. Die Fotos davon hängen überall an den Wänden, wie ein Museum meiner Vergangenheit.

Das Feuerwerk am vierten Juli, als ich erst vier war. Die Sommer am Lake Tahoe. Aiden und ich, wie wir die Mädchen mit Wasserpistolen beschießen, während Cody mit dem breiten Grinsen zuschaut. Ein Bild von mir, auf dem ich Winnie auf die Wange küsse. Da müssen wir ungefähr sieben gewesen sein.

Dann ist da noch das Abschlussballfoto. Aiden hat seinen Arm um Danielle gelegt, ein Mädchen aus dem Lacrosse-Team, mit dem er eine Weile zusammen war, bevor sie keine Lust mehr auf seine alberne Art hatte. Und daneben stehen Winnie mit ihrer Tiara im Haar und ich. Es ist nicht das größte Bild an der Wand, aber es hängt in Augenhöhe und ist hübsch gerahmt. Die meisten Fotos bringen mich zum Lächeln, aber das hier kann ich nur kurz ansehen. So sehr ich auch versucht habe, mich auf dem Abschlussball zu amüsieren, wenn auch nur Winnie zuliebe, so erinnere ich mich doch in erster Linie an meine Eltern, die sich an diesem Abend so laut stritten, dass ich sie durch die Wände hören konnte, während ich auf der Veranda saß und auf die Limousine wartete. Ich schüttle den Kopf und gehe weiter.

Ich liebe diesen Ort und diese Leute, aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich in diesem Moment nicht wie ein Außenseiter fühle. Acht Jahre in New York City, in denen ich so viel verdient habe, dass ich nicht mehr auf Preisschilder achten musste, in denen ich mit Models ausgegangen bin, die einfach unfassbar schön waren, und in denen ich schnittige Autos gefahren bin, ohne mich um Tempolimits zu scheren, helfen nicht gerade dabei, deine Familiensentimentalität zu kultivieren. Ich habe viel zu lange auf der Überholspur gelebt, um mich jetzt nach diesem Umzug nicht plötzlich wie ausgebremst zu fühlen. Nun muss ich erst mal wieder lernen, bescheiden zu sein und mich auf etwas anderes zu konzentrieren als die Arbeit und die Damenwelt.

Und dann sind da noch meine Eltern. Ihre schmutzige Scheidung und die komplizierten Gefühle, die Spannungen und der Kampf um Diplomatie. Auch wenn ich das niemals zugeben würde, war ihre Trennung der Hauptgrund, warum ich nach meinem Abschluss an einer Elite-Uni an der Ostküste, wo ich zu dem PR-Hai wurde, der ich heute bin, nie nach Kalifornien zurückkehren wollte.

Nicht falsch verstehen: Ich liebe diesen Ort, und ich liebe es, hier zu sein, aber gerade in diesem Moment würde ich nur zu gern einfach den nächsten Flieger zurück nach New York nehmen und weitermachen wie bisher.

Ich höre die Toilettenspülung und drehe mich um. Cody marschiert in den Flur, den Kopf so tief gesenkt, dass er mich erst nach ein paar Schritten bemerkt. Er ist neunzehn und steht voll auf den Bikerlook: hochgekrempelte Jeans, ein weißes T-Shirt mit einer Zigarettenpackung unterm Ärmel, das Haar zurückgegelt, aber nicht so streng, dass ihm nicht eine Strähne in die Stirn fallen kann, so wie es die Mädchen mögen.

»Bro!«, sagt er, fast so, als könnte er gar nicht glauben, dass ich hier bin.

»Na, du alter Schwerenöter«, sage ich, umarme ihn und klopfe ihm glücklich auf den Rücken. »Schön, dich zu sehen, Mann.«

»Ja«, sagt er und nickt. Cody sagt das meiste von dem, was er meint, mit den Augen, und jetzt gerade kann ich die Freude darin sehen.

»Wie geht’s?«, frage ich.

Cody seufzt und wirkt ein bisschen bedrückter.

»Sie reden kaum miteinander. Mom hat gerade viel mit einem Projekt auf der Arbeit zu tun, darum ist sie ein bisschen gestresst, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Dad wieder mit dieser gestörten Anwältin ausgeht.«

»Ich meine, wie geht es dir?«, sage ich. Cody sieht mich verlegen an, auch wenn er weiß, dass er das bei mir nicht sein muss. Ich grinse. »Hab draußen dein Motorrad gesehen. Hast du immer noch nicht genug gespart für die Triumph?«

»Wird nicht mehr lange dauern«, erwidert er.

»Hast du denn ein Mädchen, das hinter dir sitzen wird?«

Cody lacht leise auf. »Ein paar«, gibt er zu. »Aber keine, mit der es mir besonders ernst ist.«

Ich muss ebenfalls lachen. »Du hast noch viel Zeit, bevor du auch nur daran denken musst, sesshaft zu werden. Genau wie ich.« Vorsichtig lege ich ihm einen Arm um die Schultern, da ich weiß, wie sehr er es hasst, wenn seine Haare unordentlich werden, und wir gehen nach draußen.

Als ich die Veranda betrete, quietscht jemand vor Freude. Die drei Frauen – meine Mutter Elise, Marsha Buchanan und Sabine Stapleton – springen von ihren Plätzen auf und umarmen mich. Meine Mutter drückt mich so fest, als würde ich nicht gerade ankommen, sondern gehen, und hält meinen Arm selbst dann noch, während die beiden anderen dran sind. Sie befühlen den Stoff meines Anzugs, bringen meine Haare durcheinander und geben mir das Gefühl, eine Mischung aus gerupftem Huhn und frisch erworbenem Vollblutpferd zu sein. Sie können sich gerade noch zurückhalten, mir in die Wangen zu kneifen.

»Ist er gewachsen?«, fragt Sabine. »Er ist gewachsen, oder?«

»Auf jeden Fall ist er da oben in New York ziemlich blass geworden«, sagt Marsha. »Aber dank der kalifornischen Sonne wirst du im Handumdrehen wieder eine gesunde Gesichtsfarbe haben.«

»Er sieht doch großartig aus – er ist mein Junge«, sagt meine Mom und zerstrubbelt meine Haare, während ich sie gerade wieder glatt zu streichen versuche. »Und ich kann es kaum erwarten, dich mit einem netten Mädchen zu verkuppeln, damit du endlich mal sesshaft wirst.«

»Moment mal«, protestiere ich. »An so etwas bin ich gerade überhaupt nicht interessiert.«

»Natürlich bist du das«, beharrt Marsha. »Die Mädchen werden hin und weg von dir sein – und wir werden nicht zulassen, dass du dich für eine entscheidest, die nicht absolut perfekt für dich ist.«

»Er ist ganz schön kräftig geworden«, sagt Sabine, während sie meinen Bizeps befühlt.

»Oh, du weißt doch, wie die Männer heutzutage sind«, erwidert Marsha schmunzelnd. »Sie denken, es braucht nicht mehr als ein paar Muskeln, um eine Frau zu bekommen.« Die drei kichern.

»Sag das mal Winnie«, wirft Sabine ein. »Der letzte Kerl, den sie nach Hause gebracht hat, hätte durch ein Kanalgitter rutschen können. So ein Musikvideoregisseur, der über WeTube oder so bekannt geworden ist. Wenn ihr mich fragt, braucht sie jemand Starkes, der sie ein bisschen in ihre Schranken weist.«

Es entsteht eine kleine Pause, als Sabine ihre Tochter erwähnt. Die Frauen sehen zu mir, weil sie wissen wollen, ob ich mir etwas anmerken lasse. Doch ich lächle nur, zucke mit den Schultern und nutze den Moment, um meinen Dad und Bob zu begrüßen, die am Grill stehen und mir mit Pfannenwendern und Bierdosen zuwinken.

»Ich sag Dad mal schnell Hallo«, sage ich und setze mich in Bewegung. »Noch viel Spaß, die Damen.«

»Richte Bob aus, dass er es mit seiner scharfen Barbecuesoße nicht übertreiben soll«, ruft Marsha mir nach. »Die rieche ich bis hierher!«

»Mach ich«, sage ich und gehe rückwärts, um ihr zuzunicken, bevor ich mich wieder dem Grill zuwende.

»Sohn!«, sagt mein Dad und begrüßt mich mit einem festen Händedruck.

»Wie schön, dass du wieder da bist«, sagt Bob, als ich ihm als Nächstes die Hand gebe. »Dieses Mal bleibst du doch, oder?«

»Ich denke schon«, sage ich und versuche die Unsicherheit aus meiner Stimme zu verbannen, während mein Dad mir ein Bier reicht. »Marsha sagt übrigens, du sollst es nicht mit der Soße übertreiben.«

»Ist sie verrückt? Das Zeug ist hausgemacht!« Bob lacht, macht aber die Flasche zu und stellt sie beiseite. »Es war eine ganz schöne Überraschung, als wir gehört haben, dass du wieder nach Hause kommst«, fährt er fort. »Ich dachte, du wärst da oben in New York ziemlich glücklich. Wie kam es zu der Entscheidung? Hast du den Sonnenschein vermisst? Deine Familie und Freunde? Die chillige Atmosphäre?«

»Niemand sagt mehr ›chillig‹, Bob«, tadelt ihn mein Vater.

Ich lache mit, während ich versuche, eine Antwort auf Bobs Frage zu finden. In Wahrheit weiß ich selbst nicht so genau, warum ich zurückgekommen bin. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich die Entscheidung getroffen habe. Ich bin mit dröhnenden Kopfschmerzen aufgewacht, die selbst die beiden Blondinen neben mir nicht lindern konnten. Auf dem Nachttisch stand neben meiner Rolex eine leere Ginflasche, und ich fühlte mich im Inneren genauso leer, während ich auf das Schwarz-Weiß-Foto wirkteiner Wüstenlandschaft an meiner Wand starrte.

»Ich brauchte einfach eine Veränderung«, sage ich schließlich. »Ist vielleicht auch nur vorübergehend. Mal sehen, wie es aussieht, wenn das Beratungsprojekt abgeschlossen ist.«

Bob nickt. »Klingt vernünftig.«

»In der Tat«, sagt mein Vater und nickt ebenfalls. »Ich hoffe allerdings sehr, dass du bleibst. Hätte nichts dagegen, dich öfter zu sehen.«

Er sieht älter aus als vor anderthalb Jahren, als ich ihn das letzte Mal getroffen habe. Seine Haut wirkt ein wenig schlaffer und seine Augen abwesender. Er lächelt und nippt an seinem Bier. Er wirkt, als ob es ihm schwerfällt, sich zusammenzureißen.

Mir fällt ein, dass Cody mir gerade erzählt hat, dass Dad wieder mit dieser Anwältin ausgeht, und einen Moment bin ich versucht ihn zu fragen, ob er jemanden hat. Bei unserem letzten Telefonat hat er erzählt, er würde eine jüngere Frau treffen; er habe sie über eine Datingseite im Internet kennengelernt, die ihm von einem Freund empfohlen worden wäre. Aber vielleicht war daraus nichts geworden, da Cody zu denken schien, dass unser Vater wieder mit Jill zusammen war. Keiner von uns hatte sie gemocht, da sie bei unserem Kennenlernen im Restaurant nichts anderes getan hatte, als Dads Tischmanieren zu kritisieren und sich über das Essen und die Bedienung zu beschweren.

Doch am Ende frage ich nicht. Ich schätze, dass mein Dad nicht über sein Liebesleben reden will, wenn er es nicht von sich aus erwähnt. Dennoch fällt mir seine Körperhaltung auf und wie sein Blick gelegentlich über meine Schulter nach hinten zur Terrasse wandert – wo meine Mom sitzt. Egal, ob er sich nun mit jemand anderem trifft oder nicht, er ist nie wirklich über sie hinweggekommen.

Stattdessen machen wir Smalltalk. Bob fragt mich, was für einen Wagen ich fahre, und ich erzähle ihm von dem Firmenjaguar – eine Belohnung für die gute Arbeit, die ich in New York leiste. Wir sprechen über die lokalen Waldbrände, die Chancen der Lakers in dieser Saison und warum der F150 immer noch der beste Truck – und vielleicht sogar der beste Wagen – ist, den man kaufen kann. Alte Themen, vertraut und abgedroschen, die wir eher aus Bequemlichkeit als aus Interesse diskutieren, bis unsere Mägen knurren und das Essen fast fertig ist.

»Einen Moment noch«, sagt Bob und greift nach einer Schüssel Gemüse. »Die müssen wir auch noch grillen. Ich kann mich nicht erinnern, ob Winnie momentan Vegetarierin ist oder nicht, also gehe ich lieber auf Nummer sicher.«

»Wo ist eigentlich Melina?«, frage ich, als mir plötzlich klar wird, dass ich sie die ganze Zeit noch nicht gesehen habe.

Die beiden Männer zucken mit den Schultern.

»Such sie doch mal«, schlägt mein Dad vor. »Sie muss hier eigentlich irgendwo sein.«

»Mach ich. Ich habe ihr noch gar nicht Hallo gesagt.« Plötzlich schnellt mein Puls aus unerfindlichen Gründen in die Höhe. Ich kippe den Rest meines Biers herunter und gebe meinem Dad die Flasche zurück.

»Aber bleib nicht zu lange weg. Das Essen müsste in ein paar Minuten fertig sein«, sagt Bob.

Ich nicke und gehe an den kichernden Frauen vorbei zurück ins Haus.

Melina ist Winnies kleine Schwester. Sie ist zwei Jahre jünger als Winnie (und ich). Vielleicht liegt es an der Überschwänglichkeit ihrer älteren Schwester, oder vielleicht ist sie einfach ein eher introvertierter Typ, aber Melina scheint sich bei diesen großen Zusammenkünften nie so richtig gefühlt zu haben und hat sich schon früher lieber eine ruhige Ecke gesucht, um alles zu beobachten. Das hat mir immer an ihr gefallen.

Irgendwie kann ich das nachvollziehen. Melina prahlt nie oder albert herum. Sie ist nicht so süchtig nach Aufmerksamkeit wie Winnie, so beherrscht wie Becca, so scherzhaft wie Aiden. Sie besitzt nicht die kühle Zurückhaltung, mit der Cody alles angeht. Stattdessen scheint Melina in einer inneren Welt zu leben, die sie erfüllt, und ist gleichzeitig unfähig, diese mit anderen zu teilen. In einem persönlichen Gespräch kann man sie dazu bringen, sich zu öffnen, wenn sie einem vertraut, und dann blüht sie förmlich auf – aber nur für einen kurzen Moment. Diese großen Rehaugen beginnen zu strahlen und sie gewährt einen flüchtigen Blick auf all die leuchtenden Farben und die Lebendigkeit, die sie in sich trägt. Ich habe das nie jemandem erzählt, aber ich hatte es mir früher insgeheim auf jeder Party zum Ziel gemacht, Melina mindestens ein Lächeln zu entlocken. Mich reizte die Herausforderung, und wenn ich ehrlich bin, fand ich ihr Lächeln schon immer unwiderstehlich.

Doch ich habe sie eine Weile nicht mehr gesehen. Bei meinem letzten Besuch hier war sie noch auf dem College und hatte es nicht zur Party geschafft. Ob ich sie wohl immer noch zum Lachen bringen kann?

Während sich die anderen so langsam in den Garten aufmachen und dabei die letzten fehlenden Dinge aus der Küche mitnehmen, werfe ich einen Blick in die vielen Räume des ziemlich großen Buchanan-Anwesens: das Bad, das Arbeitszimmer, den Wintergarten, Bobs Büro.

Wie sich herausstellt, war das unnötig – ich hatte von Anfang an eine Ahnung, wo Melina sein würde. Dort, wohin sie sich früher immer zurückzog, wenn ihr alles ein bisschen viel wurde. An diesem Ort fand ich sie schon, als wir noch Kinder waren.

Die Vorratskammer ist direkt neben der Küche. Ich gehe zurück und quetsche mich am offenen Kühlschrank vorbei, aus dem Aiden und Greg gerade Colaflaschen holen, um sie in den Garten zu bringen. Sobald sie weg sind, schließe ich den Kühlschrank, fahre mir durchs Haar und öffne vorsichtig die Tür zur Vorratskammer.

Ein Lichtblitz blendet mich, und ich höre das Klicken einer Blende.

»Okay«, sage ich und taste mit meiner Hand nach der Wand. »Jetzt bin ich blind.«

Melina und ihre Kameras. Sie ist nicht auf vielen Fotos drauf, die hier im Haus überall hängen, was daran liegt, dass sie die meisten geschossen hat.

»Sorry«, höre ich sie sagen, während sich meine Augen langsam an das Halbdunkel des kleinen, kühlen Raums gewöhnen.

Ich muss lachen. Sie kann einfach nicht anders. Fotos zu machen war so etwas wie ein Zwang für sie, eine Sucht, eine Besessenheit. Die Kamera war für sie immer schon so etwas wie ein Schutzschild, eine Brücke zwischen ihr und der Welt um sie herum. Sie macht Fotos, wenn sie sich inspiriert fühlt, wenn sie traurig, glücklich oder unsicher ist. Letzteres ist wahrscheinlich der Grund, warum sie mich jetzt gerade geblendet hat.

Die in meinen Augen herumwirbelnden Lichtpunkte verblassen, und zwischen ihnen erkenne ich Melina, als würde sie in diesem Moment wie durch einen magischen Zauber aus dem Nichts erscheinen. Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, neben sich eine Familienpackung Kekse in Tierform.

Ihre schulterlangen und stufig geschnittenen Haare rahmen ein herzförmiges Gesicht mit dunklen Augen und olivfarbener Haut ein. In einem gewissen Licht erscheint sie fast südländisch. Eine Dreivierteljeans, weiße Sneaker und ein enges Tanktop, vom dem sie wahrscheinlich nicht ahnt, wie sexy es ist. Es lässt sich nicht in einem Wort beschreiben, wie Melina aussieht – irgendwie zwischen wunderschön und mysteriös, faszinierend und fesselnd. Die Franzosen haben wahrscheinlich ein Wort dafür, aber ich habe im Unterricht nie besonders gut aufgepasst.

»Bist du doch endlich vom Film umgestiegen?«, frage ich, als sie schüchtern den Blick senkt und auf das Display ihrer Digitalkamera schaut.

»Für die Arbeit ging es nicht mehr anders«, sagt sie wehmütig, während ich mich neben sie setze. »Aber diese neuen Fujis kommen nah dran – Zentralverschluss, optischer Bildsucher, Fünfunddreißig-Millimeter-Linse.«

»Ah ja«, sage ich und tue so, als würde ich verstehen, wovon sie spricht. »Aber belichtet sie auch doppelt, wenn du vergisst, sie aufzuziehen, wie die alte Plastikkamera, die du hattest?«

»Die Smena?«, fragt Melina. Ihre großen braunen Augen leuchten aufgeregt, weil wir über Kameras sprechen. »Oder die Diana? Oh, die benutze ich immer noch für Doppelbelichtungen. Denkst du etwa, ich würde meine Lieblinge aufgeben? Niemals!«

Ihre Begeisterung für Kameras bringt mich zum Lachen, und als sie das bemerkt, muss sie ebenfalls lachen. Ziel erreicht, denke ich. Sie hat ein ansteckendes Lachen, etwas atemlos, unbedarft, ein bisschen hoch. Ich bin froh, dass es sich nicht verändert hat.

»Schön, dich zu sehen«, sage ich.

»Ja.« Jetzt wirkt sie wieder verlegen und schaut auf ihre Kamera herunter. »Alle freuen sich tierisch, dich zu sehen.«

»Aber du versteckst dich hier«, necke ich sie.

»Ich brauchte einfach eine kleine Verschnaufpause.« Ihr Blick begegnet meinem, und sie lächelt entschuldigend. »Irgendwann reicht es dann auch mit Kindheitserinnerungen und Fragen nach der Arbeit.«

»Ich versteh schon. Es kann ein bisschen überwältigend sein.« Ich nicke, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

»Ja … ähm.« Sie wird rot und sieht weg. »Magst du ein Zebra? Oder vielleicht eine Giraffe? Hier, bitte.« Sie bietet mir die Packung Tierkekse an, doch ich schüttle den Kopf.

»Ich kann nicht. Gleich gibt es Abendessen – und meine Mom wird mich an den Stuhl fesseln und zwangsernähren, wenn ich nicht mindestens eine ganze Kuh esse. Komm, die anderen warten schon auf uns.« Ich stehe auf und biete ihr meine Hand an.

Sie sieht meine Hand kurz an, als ob sie sich unsicher wäre. Doch als sie sie ergreift, bin ich plötzlich derjenige, der ein wenig unsicher ist. Ihre Berührung ist kühl und fest – wie sie immer schon war – und ruft mehr Erinnerungen wach als alles andere bisher.

Ich denke unwillkürlich an den Tag, als wir zusammen die Schule geschwänzt und ich ihre Hand gehalten habe, um ihr dabei zu helfen, den steilen Abhang hinter ihrem Haus herunterzuklettern. Einmal sind wir zu einem Triangles-Konzert gegangen – nur wir beide, weil die anderen die Band nicht mochten –, und der Refrain hat uns so mitgerissen, dass wir uns an den erhobenen Händen gehalten haben. Am Abend meines Abschlussballs saßen wir auf dem Rasen, um die Sterne zu betrachten und über die Zukunft zu reden. Auch dabei haben wir uns an den Händen gehalten, ohne es je wieder zu erwähnen.

Niemand schien je bemerkt zu haben, dass ich in Melinas Nähe immer unter Hochspannung stand und viel wacher war – wahrscheinlich nicht mal Melina selbst. Alle waren immer zu sehr davon überzeugt, dass Winnie und ich das perfekte Paar abgäben. Vielleicht haben sogar unsere Familien nie so viel in ihr gesehen wie ich.

Selbst jetzt lässt keiner von uns beiden los, nachdem sie aufgestanden ist und ich sie aus der Vorratskammer führe. Erst als wir die Küche verlassen und das Gelächter vom Esstisch draußen hören, lösen sich unsere Hände voneinander, als wäre nichts geschehen.

»Was ist so lustig?«, frage ich, als wir in den Sonnenschein hinaustreten, wo gerade das Essen verteilt und Gläser eingeschenkt werden.

»Da ist sie ja!«, sagt Aiden und sieht von seinem Handy auf, vor dem sich Winnie, Cody und er versammelt haben. »Gebt dieser Frau einen Oscar! Was haben die dir gezahlt, um das zu tun? Denn was immer es war, es ist nicht genug!«

»Aiden«, sagt Marsha nur halb tadelnd. »Setzt euch alle.«

Während wir Platz nehmen, werfe ich Melina einen fragenden Blick zu. Ihr Lächeln wirkt aufgesetzt und erreicht nicht ihre Augen.

»Ich mache Social-Media-Werbung für diesen neuen Gesundheitsdrink«, erklärt sie mir.

»Er ist ekelhaft!«, scherzt Aiden zwischen zwei Schlucken Bier.

»Hast du ihn schon probiert?«, frage ich ihn.

»Nein. Ich verlasse mich allein auf Melinas Gesichtsausdruck in dem Video, das sie hochgeladen hat!«

»Ich bin Fotografin«, protestiert Melina mit gepresster Stimme, obwohl sie noch immer lächelt. »Keine Schauspielerin.«

»Das sehe ich«, sagt Aiden, und Winnie muss lachen.

»Ich finde, dass es echt schön gefilmt ist.« Beccas ruhige Stimme durchdringt das Gelächter, während sie Servietten verteilt.

»Absolut«, sagt Aiden, der sich zurücklehnt und zur Abwechslung für einen Moment ernst wirkt. »Man bekommt tatsächlich einen Eindruck davon, wie ekelhaft das Zeug wirklich ist. Die Ausleuchtung deines Gesichts ist einfach … muah.« Er küsst seine Finger.

»So schlimm schmeckt es gar nicht«, sagt Melina und versucht, nicht allzu beleidigt zu wirken. »Und es ist richtig gesund. Es hat fast keine Kalorien und enthält zweimal so viele wichtige Bakterienstämme wie vergleichbare Konkurrenzprodukte. Und es basiert auf einem jahrhundertealten Rezept aus Ostasien.«

»Meinten sie vielleicht doch eher, dass das Zeug selbst Jahrhunderte alt ist?«, scherzt Aiden.

Melina sieht ihn nur böse an – oder versucht es zumindest. Bei ihr wirkt es niedlich.

Ich strecke die Hand über den Tisch aus und sage nachdrücklich: »Lass mich das mal ansehen.« Sobald ich das Handy habe, betrachte ich erst das Foto, dann Melina. »Das ist eigentlich gar kein schlechtes Bild. Du hast auch schon ein paar Likes bekommen. Und Kommentare.«

»Ja«, sagt Aiden. »Aber die Hälfte von ihnen sagt nur, wie furchtbar der Drink schmeckt.«

Mit ernster Miene gebe ich ihm das Handy zurück.

»Gut oder schlecht – es ist Publicity. Und Publicity funktioniert.«

»Ich weiß nur eins«, sagt Aiden grinsend. »Ich bin nicht daran interessiert, dieses Zeug zu trinken.«

»Du siehst auch nicht so aus, als hättest du in letzter Zeit was Gesundes probiert«, sage ich. »Wann hast du das letzte Mal etwas Grünes aus dem Kühlschrank genommen? Mountain Dew zählt nicht.«

Cody und Winnie lachen, und Aiden stemmt in gespielter Empörung die Hände in die Hüften.

»Willst du damit sagen, ich werde fett?«

Ich sehe ihn in gespielter Verwirrung an. »Werden? Offensichtlich bist du nie von deiner strengen Diät aus Taco Bell und Videospielen jedes Wochenende abgewichen.«

»Das reicht«, sagt er und deutet über den Tisch hinweg auf mich. »Du und ich, Armdrücken, jetzt!«

Sabine schiebt Aidens Arm weg, als sie nach dem Pulled Pork greift.

»Kein Armdrücken. Wir essen jetzt.«

Daraufhin greifen alle nach dem Essen in der Mitte des Tischs. Die Unterhaltung wird ersetzt durch Bitten, das Ketchup oder die Kartoffeln rüberzureichen. Ich sehe verstohlen zu Melina, die geduldig darauf wartet, dass alle etwas haben, damit sie sich ihren eigenen Teller füllen kann. Ihr Gesichtsausdruck wirkt gelassen, aber ihr Blick sieht aus, als wäre sie meilenweit entfernt. Ich kenne diesen Blick bei ihr gut.

Ich greife unter den Tisch, lege meine Hand auf ihren Oberschenkel und drücke ihn durch die Jeans. Sie zuckt leicht zusammen, dann entspannt sie sich unter meiner Berührung und sieht mich an. Es ist ein vertrauliches Lächeln, intim selbst hier, umgeben von allen anderen. Ich will ihr zeigen, dass ich es niemals zulassen werde, dass sie sich geistig entfernt – jedenfalls nicht von mir.

Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee, nach Hause zurückzukehren.

2

Melina

Es ist Montagmorgen, und ich stecke im Berufsverkehr fest. Ich versuche, den Kopf freizubekommen, und will die Gedanken loswerden, die mich seit gestern bedrücken. Ich wünschte, ich könnte sie einfach abschütteln, all ihre Kommentare und Witze, die mich wie Pfeile getroffen haben. Aber ich bin einfach nicht der Typ dafür.

Ich weiß, dass Aiden einfach so ist. Ich weiß, dass niemand von der Familie wirklich denkt, dass ich schlecht in meinem Job bin. Ich weiß, dass im Grunde alle nur finden, dass ich etwas Besseres versuchen sollte, als einen ungenießbaren Drink zu promoten – aber es tut trotzdem weh.

Selbst Wyatt zu sehen hat nicht ausgereicht, um die Sticheleien an mir abprallen zu lassen. Obwohl er so gut aussah, obwohl ich mich unglaublich ruhig gefühlt habe, als er meine Hand genommen hat … obwohl er sofort gemerkt hat, dass ich mich beim Abendessen unwohl gefühlt habe, und mir geholfen hat, indem er die Unterhaltung von meiner Arbeit abgelenkt hat. Obwohl ich weiß, dass er diesmal bleibt.

Wenn überhaupt, verwirrt mich Wyatts Rückkehr nur noch mehr – besonders wenn er mir zeigt, dass er mir wie früher immer noch Rückendeckung geben wird. Denn es lässt diese komplizierten, nie ausgesprochenen Gefühle wieder aufleben, die ich tief in mir vergraben hatte. Ich schwärme für ihn, seit ich alt genug bin, um zu wissen, was das bedeutet. Er war der erste Junge, der in mir Verlangen und Sehnsucht ausgelöst hat – obwohl er nie wusste, dass er das tat. Wegen ihm hatte ich zum ersten Mal ein gebrochenes Herz, als Winnie mir erzählte, dass sie und Wyatt ein Paar seien, und ich wusste, dass ich meine alberne Schwärmerei für immer begraben muss. Allerdings war es mir nie richtig gelungen.

Ich setze den Blinker und bewege mich Zentimeter für Zentimeter in Richtung Ausfahrtsspur. Als mich eine unglücklich dreinblickende Mutter in einem SUV in die Spur lässt, winke ich ihr dankbar zu. Während ich auf die Grand auffahre, bin ich innerlich wieder so aufgewühlt wie am Vorabend.

Jedes Mal wenn unsere Eltern gestern beim Barbecue darüber geredet haben, was für »ein süßes Paar« Winnie und Wyatt doch sind, bei jedem unlustigen Scherz darüber, dass er »für Winnie nach Hause gekommen ist«, wurde ich daran erinnert, wie hoffnungslos meine Gefühle für ihn waren.

Und nachdem ich im Flur der Buchanans dieses Abschlussballfoto von den beiden wieder gesehen habe, auf dem sie so perfekt füreinander wirken, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bevor sie wieder zueinanderfinden. Dieses Foto verfolgt mich seit Jahren. Es ist das Erste, was mir zu Wyatt und Liebe einfällt. Er sieht darauf unglaublich attraktiv aus, und Winnie ist mit ihrer funkelnden Krone der Abschlussballkönigin einfach perfekt. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, dort an ihrer Stelle zu stehen. Es war das erste – und härteste – Mal, dass mir klar wurde, dass man im Leben nicht immer das bekommt, was man will, ganz egal, wie sehr man es sich wünscht. Aber ganz davon abgesehen war ich für Wyatt ohnehin nie etwas anderes als eine kleine Schwester.

Ich wünschte, dass mich die Sticheleien von gestern nicht immer noch so herunterziehen würden. Aber es ist das Einzige, woran ich denken kann, auf dem Weg zu einem weiteren endlosen Tag in diesem Job, der meine Seele aussaugt. Als ich mit meinem Studium der Fotografie am Brooks Institute fertig war, schien es, als läge mir die ganze Welt zu Füßen, voller unendlicher Möglichkeiten, von denen jede einzelne aufregend und inspirierend wäre. Vielleicht würde ich in Afrika landen, um die Savanne und bedrohte Tierarten zu fotografieren, vielleicht würde ich die Großstädte Europas bereisen und Modefotos vor klassischer Architektur schießen, oder vielleicht würde ich in schönen, aufgeräumten Studios voller Equipment arbeiten und die Ikonografie des nächsten lebensverändernden Produkts erschaffen.

Ich wusste, dass ich gut genug bin. Ich wusste, dass ich es in mir hatte, all diese Dinge zu tun. Aber Talent und harte Arbeit waren nicht genug – nicht in einer Zeit, in der jeder eine Kamera in der Tasche hat und sich jeder für einen Fotografen hält.

In Wahrheit war ich viel zu introvertiert, um Beziehungen zu knüpfen, die mir größere, bessere Jobs verschafft hätten. Ich war zu schüchtern, um online Werbung für mich zu machen und um Likes und Follower zu betteln. Ich war zu besessen von der Kunst der Fotografie, um sie als Produkt zu behandeln und zu verkaufen.

Also schieße ich jetzt Fotos für nicht relevante Social-Media-Accounts, bewerbe ein Getränk, das wie Spülwasser schmeckt, für eine Firma, die irre ist.

Mind, Energy and Spirit Syndicate, Inc. ist das geistige Kind von Jim Aster, einem ehemaligen Wall-Street-Börsenmakler. Er war von schnellen Autos besessen und lebte mit einer an American Psycho erinnernden Intensität, doch dann kam der große Börsencrash und Jim verlor alles. Also ging er nach Indien, um den Buddhismus zu studieren, zu meditieren und »wieder mit sich in Einklang« zu kommen. Er hatte eine Zukunftsvision, und auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob in dieser Vision ein Büro vorkam, in dem Birkenstocks und Batikmuster praktisch vorgeschrieben sind, schuf er genau das, als er in die USA zurückkehrte. Das erste Produkt seiner Firma war ein Kombucha-Drink nach einer antiken Rezeptur, die Jim selbst »entdeckt« hatte.

Wenn man einen Hinweis darauf braucht, wie gut und durchdacht diese Firma geführt wird, muss man nur wissen, dass die Abkürzung von Mind, Energy and Spirit Syndicate MESS lautet, also Chaos, was wahrscheinlich die beste Beschreibung dafür ist.

Das Büro ist ein zweistöckiges Gebäude in einem schäbigen Teil der Stadt. An der Wand prangt ein halb fertiges Bild von Buddha. Die Künstlerin hatte irgendwann keine Lust mehr auf Jims autoritären Führungsstil. Nachdem ich geparkt habe, atme ich tief durch und gehe zum Eingang. Ich zwinge mich, den Kopf hoch erhoben zu halten, während ich durch die Tür marschiere. Es gibt keine Einlasskontrolle, aber jeder Angestellte muss aufschreiben, wie er sich beim Eintreten gerade fühlt.

Ich nehme das Klemmbrett von der gelangweilten Rezeptionistin entgegen und schreibe zufrieden – so wie ich mich meistens fühle, seit ich hier vor sechs Monaten angefangen habe.

Es ist natürlich eine Lüge. Andere schreiben Sachen wie »Drachenenergie« oder »blumig«. Eine Person hat drei Zeilen gebraucht, um aufzulisten, in welchen Körperteilen ihr Chi gerade blockiert ist.

Ich nehme die Treppe. Oben angekommen muss ich mich an einer Gruppe von Leuten vorbeiquetschen, die einem schlechten Gitarristen lauschen. Dann sehe ich mich nach einem Arbeitsplatz um. Bei MESS bekommt man keinen eigenen Schreibtisch, da das den »freien Energiefluss hemmt«, also muss man sich jeden Tag aufs Neue einen freien Platz suchen. Jim hat sich natürlich das Eckbüro geschnappt, und wir müssen immer noch klopfen. Die Hälfte der Schreibtische ist nicht mal mit Computern ausgestattet, und das einzige Gerät, dessen Monitor für meine Bildbearbeitung ausreichend farbkalibriert ist, wird immer von Jims Neffen benutzt, einem Teenager, der den ganzen Tag darauf Computerspiele zockt. Seine Berufsbezeichnung lautet übrigens »Yang-Energieverbesserer«.

Der einzige freie Computer steht auf einem Schreibtisch mit Räucherstäbchenasche und einer Bong in Form eines Rastafari darauf. Ich drücke den An-Schalter und kämpfe gerade mit dem Monitorkabel, das nicht richtig eingesteckt ist, als Jim mich ruft.

»Melina!«

Ich sehe hinter dem Schreibtisch hervor.

»Hi Jim. Wie geht es d…?«

»Genau dich wollte ich sehen – Besprechung in meinem Büro«, sagt er. »Jetzt sofort. Komm mit.«

Er ist barfuß und trägt eine verschlissene Stoffhose zu einem afrikanisch gemusterten Hemd, das bis zu seiner grauen Brustbehaarung aufgeknöpft ist. Sein Glatzkopf und die verschwollenen Augen lassen ihn wie einen Touristen am Ende eines ausschweifenden Urlaubs aussehen.

Ich drücke den Stecker ein letztes Mal in die Buchse – es funktioniert nicht –, bevor ich aufgebe und meinem Chef folge.

»Wie ist deine Energie heute?«, fragt er.

»Gut«, erwidere ich mit möglichst unbewegter Miene. »Ähm … blumig?«

»Ausgezeichnet! Aber hör mal …«, sagt er, und sein Gesichtsausdruck wird plötzlich ernst, als würde der Börsenmakler für einen Moment den Hippie verdrängen. »Unsere Social-Media-Abteilung ist ziemlich besorgt. Seitdem du bei uns bist, konnten wir kaum eine Steigerung unserer Reichweite feststellen.«

»Ich weiß, aber ich bin immer noch mit den ganzen Grundlagen beschäftigt, über die wir ge…«

»Peter, Indigo, Sam – Besprechung in meinem Büro, jetzt.«

»Wie ich schon sagte«, beginne ich erneut, während ich mich bemühe, mit ihm Schritt zu halten. »Ich bin noch mit …«

»Divinity Kombucha muss ein Bild gelassener Energie projizieren«, unterbricht er mich. »Die Leute sollen verstehen, wie wichtig es ist, was sie ihrem Körper zuführen, und wie lebensverändernd Divinity Kombucha ist.«

»Absolut«, pflichte ich ihm bei. »Ich habe gerade noch gedacht, dass …«

»Evelyn, Graham, kommt mit.«

Inzwischen folgt Jim eine mittelgroße Gruppe, während er auf sein Büro zumarschiert.

Wieder versuche ich fortzufahren. »Ich denke, was am meisten helfen würde …«

»Lebensverändernd«, unterbricht mich Jim erneut. »Und darum habe ich einen freien Berater angeheuert, um mit dir zusammenzuarbeiten.«

»Moment mal, was? Einen Berater?«, frage ich, und mir dreht sich plötzlich der Magen um.

Jim erreicht sein Büro und legt die Hand auf den Türknauf. Er lächelt uns alle an, als wollte er etwas Spektakuläres enthüllen, dann stößt er die Tür auf.

Es fühlt sich an, als wäre ich vom Blitz getroffen worden.

»Dies ist Wyatt Hyde – von der New Yorker Top-PR-Firma Greene Consultants.«

Es ist Wyatt – mein Wyatt –, der lässig auf einem der Sofas in Jims Besprechungsraum sitzt. Er sieht uns alle im Eingang stehen, erhebt sich und schenkt uns dieses einladende, aufrichtige Lächeln, das ich nur allzu gut kenne. Die anderen gehen hinein, um ihm die Hand zu schütteln und sich vorzustellen, während ich mich bemühe, mir meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen.

»Melina?«, sagt Jim.