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Ein grandioses Weltraumepos zu dem Strategie-Brettspiel Twilight Imperium. Captain Felix Duval und die Crew der Temerarious sind gerade auf Patrouille, als ein Notruf von einem Mond, der unter Beschuss steht, der beschaulichen Ruhe ein Ende setzt. Sie retten einen Wissenschaftler namens Thales, der eine revolutionäre Technologie zur Erschaffung neuer Wurmlöcher entwickelt hat. Er braucht bloß noch ein paar Dinge, damit seine Erfindung voll einsatzfähig ist. Die Temerarious gerät ins Fadenkreuz zweier konkurrierender Black-Ops-Teams, die Thales unbedingt in die Finger kriegen wollen. Kann Felix Thales vertrauen? Oder ist dieser Teil einer Verschwörung, um die Machtverhältnisse in der Galaxis für immer aus dem Gleichgewicht zu bringen?
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2021
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VON
TIM PRATT
INS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN VON
JOHANNES NEUBERT
TWILIGHT IMPERIUM
Die deutsche Ausgabe von TWILIGHT IMPERIUM: ZERBROCHENE LEERE wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler, Übersetzung: Johannes Neubert; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Jana Karsch; Korrektorat: Peter Schild; Satz: Rowan Rüster; Cover-Illustration: Scott Schomburg; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice. Printed in the EU.
Titel der Originalausgabe:
TWILIGHT IMPERIUM: FRACTURED VOID
First published by Aconyte Books in 2021
Aconyte Books is an imprint of Asmodee Entertainment Ltd
Copyright © 2021 Fantasy Flight Games. All rights reserved.
Twilight Imperium and the FFG logo are trademarks of Asmodee Group or affiliates.
German translation copyright © 2021 Cross Cult.
Print ISBN 978-3-96658-615-3 (November 2021)
E-Book ISBN: 978-3-96658-616-0 (November 2021)
WWW.CROSS-CULT.DE
Für Effie, eine Spielerin
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
EPILOG
DANKSAGUNGEN
Felix wartete in der Dunkelheit des unteren Decks der Temerarious. Die einzige Lichtquelle waren die schwachen Orientierungsleuchten, die am Boden pulsierten und den Weg zu den Ausgängen wiesen. Leise und vorsichtig setzte er sich in Bewegung; er war überzeugt, dass er zumindest für den Moment unbeobachtet war. Er schlich sich einen Korridor entlang, vorbei an unbelegten Mannschaftskabinen, die zu Lagerräumen für Notfallversorgungsgüter umfunktioniert worden waren. Er bewegte sich langsam vorwärts, wobei er in jede der vollgestellten Kabinen hineinschaute, bevor er weiterging. Er lauschte nach dem leisesten Geräusch und versuchte, die kleinsten Veränderungen in der abgestandenen Luft zu spüren.
Felix war auf der Jagd.
Er dachte darüber nach, seine Beute zu verhöhnen und so einen Fehler zu erzwingen, den er ausnutzen könnte, aber das wäre zu riskant; es war besser, damit zu warten, bis er eine bessere Verteidigungsposition gefunden hatte. Am Ende des Gangs hielt er inne: Zu seiner Linken und seiner Rechten befanden sich offene Türen. Bei einer anspruchsvolleren Mission hätten in den Kabinen zu beiden Seiten je zwei Crewmitglieder Platz gehabt. Stattdessen wurden in der linken Kabine Paletten mit Trinkwasser gelagert, während in der rechten Kabine aus irgendeinem Grund Unmengen von Kisten voller Signalfackeln standen. Zweifellos war das militärische Beschaffungswesen in allen Gesellschaften ein Mysterium, das für Kopfzerbrechen sorgte, aber in der Mentak-Koalition liefen die Dinge noch etwas seltsamer ab – die verschiedenen Versorgungsgüter, die von den Piratenflotten geplündert wurden, mussten irgendwo gelagert werden und ein Quartiermeister mit zu viel Ware hatte die Gelegenheit ergriffen, das ungenutzte Deck der Temerarious mit allerlei Krempel vollzustellen, der niemandem wirklich von Nutzen war.
Felix schlich sich in eine Nebenkabine und ging hinter einer Palette schrumpfverpackter Luftreiniger in Deckung. Er lauschte angestrengt, doch das einzige Geräusch war sein eigener Atem. Er stieß gegen die Palette und atmete scharf ein, so als ob er sich verletzt und einen unfreiwilligen Laut von sich gegeben hätte. Sofort huschte er zur anderen Seite der Kabine und wartete, ob sein Köder geschluckt werden würde. Es gab keine Bewegung, kein Geräusch, nichts. Er hätte genauso gut hier unten in der Dunkelheit allein sein können, aber er wusste es besser.
Felix schlich sich wieder in den Korridor, wobei er die Schatten nach der kleinsten Regung und die Luft nach der leisesten Störung absuchte. Nichts. Seine Beute war woanders. Er betrachtete die Kreuzung, die vor ihm lag: Wenn er nach links ging, würde er zu der stillgelegten unteren Bordküche kommen, und wenn er nach rechts ging, würde er einen Fitnessraum voller ungenutzter Trainingsgeräte erreichen. In der Küche konnte man sich besser verstecken, aber …
In der Kabine zu seiner Linken fiel etwas zu Boden. Es klang wie eine Wasserflasche, die versehentlich angestoßen worden war, vom Rahmen einer Schlafkoje abprallte und dann über den Boden rollte. Felix wirbelte sofort herum und drehte sich stattdessen nach rechts. Es war unmöglich, dass seine geschickte und tödliche Beute so ein Geräusch aus Versehen verursacht hatte. Das kleine Monster versuchte, ihn abzulenken, was bedeutete, dass der Angriff aus der anderen Richtung kommen würde …
Tatsächlich erfolgte der Angriff von oben: Etwas Schweres landete auf Felix’ Nacken und Schultern und zwang ihn in die Knie, dann schlängelte sich ein glatter, weicher Arm, den er nicht sehen konnte, um seine Kehle. Felix war allerdings größer und schwerer als sein Widersacher, deshalb warf er sich nach hinten, in der Hoffnung, den Angreifer zwischen seinem eigenen Körper und der Wand einzuquetschen und ihn auf diese Weise abzuschütteln. Stattdessen krabbelte der Angreifer an ihn herum, bis er sich auf seiner Vorderseite befand, sodass Felix mit dem Aufprall nur seine eigene Wirbelsäule traf.
»Stirb, Abschaum!«, zischte eine Stimme. Heißer Atem drang an sein Gesicht, aber er sah sich gegenüber kein Gesicht, sondern nur eine Art Flimmern, das seine Augen zum Tränen brachte, wenn er sich zu sehr darauf konzentrierte, und starke, dünne Finger, die um seine Kehle gewickelt waren …
Die Deckenbeleuchtung erwachte mit grellem Schein und die Stimme von Calred, dem Sicherheitsoffizier des Schiffs, schnurrte lakonisch aus den über das Deck verteilten verborgenen Lautsprechern: »Captain, wenn du und Tib dann fertig seid mit eurem Versteckspiel … Wir haben eine dringende Nachricht von einer der Kolonien.«
Das Flimmern erlosch und das runde, grüne Gesicht von Captain Felix Duvals erstem Offizier, Tib Pelta, kam zum Vorschein. Sie lächelte so breit, dass all ihre Zähne zum Vorschein kamen, und ihre gelben, lampenähnlichen Augen leuchteten. Einen Moment später war auch der Rest ihres Körpers, der in die Uniform der Marine der Mentak-Koalition gehüllt war, wieder klar und deutlich zu sehen. Die Fähigkeit der Yssaril, sich zu verbergen – das »Verschmelzen« mit der Umgebung – war zwar technisch gesehen keine Unsichtbarkeit, praktisch betrachtet gab es jedoch keinen großen Unterschied. Als Infiltrationsspezialistin bestanden ihre Uniformen und ihre Raumanzüge aus seltenen Materialien, die das Licht krümmen und mit Geräten erweitert werden konnten, die das Aufspüren von Wärmesignaturen und anderen Lebenszeichen behinderten.
Tib ließ die Kehle ihres Captains los, rückte seinen Kragen zurecht und tätschelte ihm leicht die Wange, bevor sie von ihm heruntersprang und sich auf den Weg zum Aufzug machte.
»Habe verstanden, sind auf dem Weg nach oben«, sagte Felix. Dann: »Wir haben nicht Verstecken gespielt. Wir haben eine taktische Trainingsübung durchgeführt, um auf Zack zu bleiben. Tatsächlich ist das etwas, das du als Sicherheitsoffizier organisieren solltest.«
»Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass ihr am Leben bleibt und dieses einigermaßen wertvolle Schiff nicht in die Luft gejagt wird«, sagte Calred. »Nicht, für deine Unterhaltung zu sorgen.«
»Ich habe gewonnen«, sagte Tib, als Felix zu ihr aufholte. Sie musste zwei Schritte machen für jeden von seinen. »Es steht siebenhundertfünf für mich, einhundertzwölf für dich.«
»Einhundertdreizehn für mich, Tib«, erwiderte Felix. »Du lässt immer das eine Mal weg, als ich vierzehn war und deiner Fährte durch das Lüftungssystem zum geheimen Weinlager des Stationsverwalters gefolgt bin …«
»Das zählt nicht und es wird auch nie zählen. Ich habe nicht versucht, mich vor dir zu verstecken, also hattest du nicht gewonnen, als du mich gefunden hast – du hast einfach nur herumgeschnüffelt.«
»Du hast dich dort in der Hoffnung hineingeschlichen, den Wein ganz alleine zu verkaufen, also hast du dich vor allen versteckt und damit auch vor mir.«
Sie führten ihren alten Streit fort – nach all diesen Jahren mehr eine nette Übung in Schlagfertigkeit als eine echte Meinungsverschiedenheit –, während sie mit dem Aufzug hinauf zum Kommandodeck fuhren. Nicht, dass er viel zu kommandieren hätte, dachte sich Felix: Er hatte das Kommando über sich selbst, Tib Pelta, Calred und ein paar Drohnen. Die Drohnen befolgten jeglichen Befehl sofort und ohne Widerworte, was zwar angenehm war, abgesehen davon waren sie allerdings keine sonderlich tolle Gesellschaft. Es war kein Leichtes, die Aura von lässiger Führungsstärke auszustrahlen, in die Felix sich am liebsten hüllen wollte, wenn die Mannschaft aus seiner besten Freundin seit Kindheitstagen und einem unerschütterlich kompetenten und schwer zu beeindruckenden hacanischen Soldaten bestand. Das Schiff an sich war ganz nett, aber nichts Besonderes: Die Temerarious war ein Kreuzer der Freibeuter-Klasse, ein leicht bewaffnetes, schnelles Schiff, das dafür gebaut war, schnell zuzuschlagen und wieder zu verschwinden – diese Art von Gefährt spielte eine entscheidende Unterstützungsrolle in der militärischen Flotte der Mentak-Koalition und stellte den Großteil ihrer inoffiziellen Piratengeschwader dar.
Natürlich gab es auf ihrem abgelegenen Posten wenig Bedarf für Schnelligkeit oder Bewaffnung, leicht oder schwer. Die Temerarious war hier stationiert, um für die »Verteidigung und materielle Unterstützung« der drei Koloniewelten der Koalition (zwei Planeten und ein Mond eines Gasriesen) in diesem System zu sorgen. Felix und Tib waren auf einer Raumwerftstation in der Nähe des Kerngebiets der Koalition aufgewachsen, und hier draußen im Nirgendwo zu sein, war zermürbend langweilig. Diese Versetzung war sowohl eine Bestrafung als auch eine Beförderung gewesen. Felix hatte als Erster Offizier auf einem Schiff in der Piratenflotte gedient, sich bei einem Überfall durch großen Wagemut und Tapferkeit ausgezeichnet und so Ruhm (und Reichtümer) für die Koalition gewonnen … er hatte allerdings auch Befehle seines Captains ignoriert, um diesen wagemutigen Akt zu begehen. Der Flottenkommandant war von dem Resultat äußerst beeindruckt gewesen, Felix’ Vorgehensweise hatte seinen Captain jedoch verständlicherweise fuchsteufelswild gemacht, also war nach einigen Besprechungen ein Kompromiss gefunden worden: Als Anerkennung für seine Dienste wurde Felix zum Captain seines eigenen Schiffs befördert und als Strafe für seine Befehlsmissachtung wurde er in das abgelegene Lycian-System versetzt. Das System besaß eine knappe Million Einwohner, die sich über drei Welten verteilten, und produzierte eine winzige Menge an Ressourcen, die zu Hause ohnehin niemand so richtig haben wollte.
Die unausgesprochene Botschaft an Felix war klar: Beweise, dass du Befehle befolgen kannst, indem du am Rande der Zivilisation ein paar Jahre lang die Füße stillhältst, dann werden wir dich wieder mit offenen Armen empfangen und dir etwas Bedeutsames zu tun geben. Diese Abmachung war Felix zunächst vernünftig vorgekommen, aber nach acht Monaten, in denen sie langsame und sinnlose Runden um drei Koloniewelten gedreht hatten, war ihm langweilig. Die Kolonien waren klein, verstreut und ländlich, und keine von ihnen konnte ein nennenswertes Nachtleben vorweisen, weshalb selbst die Freizeitgestaltung einiges zu wünschen übrig ließ – obwohl es auf einem der Planeten eine süße Sanitäterin mit tollen Beinen und auf dem Mond eine angenehm kräftige Gasförderungstechnikerin gab, weshalb es Felix nicht ganz an Unterhaltung mangelte, selbst wenn man sein laufendes Versteckspiel – nein, verflucht, seine taktischen Übungen – mit Tib nicht mitzählte.
Die meiste Zeit verbrachte Felix damit, sich in ausgedehnten Tagträumen auszumalen, dass endlich etwas passierte; dass es irgendeine Herausforderung gab, der er sich stellen konnte, irgendeine weltbewegende Bedrohung, die er besiegen, oder eine Katastrophe, die er abwenden konnte, sodass er seine Buße tun und seine Karriere wieder auf Spur bringen konnte. Er wollte eines Tages an der Kapitänstafel Platz nehmen und dabei helfen, die Mentak-Koalition zu immer größerer Größe zu führen. Das Schöne an der Koalition, dieser von Häftlingen der brutalsten Strafkolonie des alten Lazax-Imperiums gegründeten Nation aller möglichen Spezies, war, dass hier jeder in die höchsten Höhen aufsteigen konnte, selbst wenn man aus den ärmlichsten Verhältnissen kam, solange man Scharfsinn, Schnelligkeit, Wagemut und Erfindungsreichtum bewies – alles Qualitäten, über die Felix, der nicht unter falscher Bescheidenheit litt, seiner eigenen Meinung nach zur Genüge verfügte.
Allerdings gab es keine Gelegenheit, diese Qualitäten unter Beweis zu stellen, weil hier draußen nie etwas passierte. Manchmal gab es einen Sturm oder eine Flut, in diesen Fällen brachte Felix Verpflegung und Decken. Er war außerdem dafür verantwortlich, Fracht von den Koloniewelten abzuholen und zu den Versorgungsschiffen zu liefern und im Gegenzug medizinische Versorgungsgüter und Handelswaren zurückzubringen. Nicht unbedingt der übliche Verwendungszweck für ein schnelles Kriegsschiff, aber die Koalition verfügte über jede Menge Kreuzer und dieser besaß nun mal eine Menge freien Stauraum für Kisten.
Felix und Tib verließen den Aufzug und betraten die Brücke, einen halbrunden Raum, der von einem großen Sichtschirm dominiert wurde, der momentan nichts außer dem leeren Weltraum vor ihnen zeigte, aus dem das hellere Leuchten von Alope aus der unteren linken Ecke hervorstach. Alope war der nächste Planet auf ihrer Runde, eine Welt reich an Holz, Erz, Schimmel, Hammelfleisch und angriffslustigen Raubtieren, die Wolflinge genannt wurden und sich nach wie vor über die Schafe und Ziegen freuten, die die Kolonisten vor Jahrzehnten in das Ökosystem eingeführt hatten.
Tib ging zur Kommunikations- und Navigationsstation. Nicht, dass sie besonders viel navigieren mussten, schließlich flogen sie mehr oder weniger im Kreis herum. Felix ließ sich in seinen Kommandosessel fallen: der beste Platz vor Ort, auch wenn der Ort so manches zu wünschen übrig ließ. »Was ist los? Ist ein Schaf verloren gegangen? Müssen wir dringend dabei helfen, eine Scheune hochzuziehen?«
Calred, ein gewaltiger Hacan mit geflochtenen Zöpfen in der Mähne, schüttelte seinen Löwenkopf. Er stand vor der taktischen Konsole, die hier sogar noch weniger von Nutzen war als die Navigationssteuerung. »Seltsamer als das, und meine Bitten um Klarstellung sind bis jetzt unbeantwortet geblieben.«
»Zeig mir die Nachricht.«
»Es gibt nur Ton, kein Bild.« Calred drückte ein paar Knöpfe und eine knisternde Stimme ertönte aus den Lautsprechern neben dem leeren Sichtschirm:
»… unbekanntes … außerhalb der Siedlung gelandet … blockiert … verstärken es so gut wir können … sofortige Unterstützung … bewaffnet …«
Die Nachricht riss abrupt ab. »Wer hat sie gesendet?«, fragte Felix. Es gab eine Vielzahl von Gemeinschaften auf Alope, von kleinen Holzfällerlagern und Bergbaustädtchen bis hin zur einigermaßen florierenden Handelsstadt Solymi, die gleichzeitig der einzige Raumhafen war und ganze fünfzigtausend Leute beherbergte (darunter auch die süße Sanitäterin, die Felix gerne besuchte).
»Eine kleine Bauernsiedlung auf dem nördlichen Kontinent«, erwiderte Calred. »Auf den Karten hat sie nicht mal einen Namen, aber ich habe gehört, dass die Einheimischen sie ›Schusters Kolben‹ nennen.«
»Ernsthaft?«
»Das wurde mir so gesagt«, antwortete Calred. »Die Nachricht wurde von der Notsignalanlage der Siedlung gesendet. Sie ist wahrscheinlich die einzige Funkanlage im Umkreis von hundert Kilometern, die leistungsstark genug ist, um eine Nachricht so weit zu senden.«
Ist es das, worauf ich gewartet habe?, fragte sich Felix. Passierte tatsächlich endlich mal etwas? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Streich. Felix dachte daran, wie langweilig ihm war, und stellte sich vor, wie langweilig einem Teenager sein musste, der in einem Ort namens Schusters Kolben lebte. Allerdings sollte man meinen, dass sie sich etwas Dramatischeres einfallen lassen hätten, wenn es sich um einen Scherz handelte. Vielleicht so was wie »Wir werden von Alien angegriffen« oder wenigstens »Hilfe, ein Wolfling hat meine Mutter gefressen.«
»Dann fliegen wir mal los«, sagte Felix. »Wahrscheinlich ist es nichts, aber es ist ja nicht so, als hätten wir was Besseres zu tun.«
Calred nickte. »Dank meiner erstaunlichen taktischen Voraussicht habe ich deinen Befehl vorhersehen können. Wir sind bereits auf dem Weg dorthin. Zählt das bereits als Ungehorsam? Ich hoffe nicht. Ich würde es furchtbar finden, zur Strafe irgendwo an den Rand der Galaxie versetzt zu werden.«
»Sagen wir, es ist die Art von Entschlussfreudigkeit, die gut zu einem Offizier deines Kalibers passt.« Felix hatte keine Ahnung, wieso Calred auf diesem Schiff gelandet war, aber er musste irgendjemanden verärgert haben.
Der Hacan erwiderte lediglich: »Ich gehe dorthin, wo man mich hinbeordert.« Er war kompetent, machte den Eindruck, souverän und tödlich zu sein, und war durch nichts aus der Ruhe zu bringen – nicht, dass ihnen hier viel begegnet wäre, was einen aus der Ruhe bringen könnte. Bei einem Sturm im letzten Jahr hatte Felix allerdings beobachtet, wie Calred in einen reißenden Fluss, der über die Ufer getreten war, gewatet war, einen Jungen, der sonst mitgerissen worden wäre, gerettet und zu seiner tränenüberströmten Familie zurückgebracht hatte. Calred hatte das mit der gleichen Beiläufigkeit getan, mit der Felix Flaschen vom Regal nahm. Felix kannte Calred nicht annähernd so lange wie Tib, aber er verließ sich bereits auf ihn.
Der Planet kam näher, eine grünliche Scheibe am Rand des Bildschirms.
»Irgendetwas bewegt sich«, sagte Calred. »Sieht aus wie ein Shuttle, das aus der Nähe von Schusters Kolben kommt und auf dem Weg in die Umlaufbahn ist.«
»Das macht keinen Sinn«, sagte Felix. »Wo will es hin?« Ein Shuttle hatte nicht die Reichweite, um es zu einer der anderen Koloniewelten zu schaffen, und es gab hier keine Raumstation. »Gibt es im Orbit irgendwas, auf das das Shuttle zufliegen könnte?«
»Da ist nichts«, sagte Calred. »Vielleicht machen sie bloß eine Spritztour.«
»Oder …«, sagte Tib.
»Oder was?«, fragte Felix.
»Oder da ist etwas im Orbit und wir können es nur nicht sehen. Lass mich mal einen Blick drauf werfen.« Sie beugte sich über die taktische Konsole und der Bildschirm schaltete durch mehrere Farbspektren, um die einzelnen Sensordatenimpulse anzuzeigen. »Da ist es«, sagte Tib mit einem kehligen Murmeln. »Ein Schiff im Orbit von Alope.«
Felix lehnte sich vor. Der Bildschirm zeigte wieder normale Farben und es war kein Schiff in der Umlaufbahn zu sehen, obwohl das Shuttle hervorgehoben war und aussah wie eine silberne Raute, die von der Planetenoberfläche emporstieg. »Zeig es mir.«
»Ich kann es dir nicht zeigen. Das Schiff benutzt irgendeine Art von Tarntechnologie – ich nehme an, eine Art von Licht/ Wellen-Deflektor.«
»Woher weißt du dann, dass es überhaupt da ist?«
Tib rollte mit den Augen, was bei der Größe ihrer Augen sehr dramatisch aussah. »Felix. Ich habe ein besonderes Interesse an Tarntechnologie und kein System ist perfekt. Es kann einen vor Sensoren verbergen und sogar das Licht krümmen, um eine visuelle Erkennung zu vermeiden, was vor einer großen, schwarzen Leere fast immer ausreicht. Mit einem Planeten als Hintergrund gibt es allerdings visuelle Krümmungen wie Flimmern oder Schimmern, und die erkennt man, wenn man weiß, wonach man suchen muss. Das ist ein wenig wie bei schwarzen Löchern, die man entdeckt, indem man sich ansieht, wie das Licht der Sterne um sie herum gekrümmt wird.«
Felix hatte keinen Grund, ihr nicht zu glauben. Die Yssaril waren in der gesamten Galaxie bekannt für ihre Spionagefähigkeiten – sie hatten ihre natürliche Begabung, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen, mit Technologie und Training verbessert und Jahrhunderte damit verbracht, ihr Spionagenetzwerk aufzubauen. Die Yssaril-Stämme verkauften ihre Dienste in der ganzen Galaxie und setzten das, was sie gelernt hatten, zweifellos dazu ein, ihre eigenen Interessen und imperialen Ambitionen zu verfolgen. Tib hatte die Heimatwelt der Yssaril nie besucht, war nicht mal in die Nähe dieses Planeten gekommen, aber sie besaß all die natürlichen Fähigkeiten ihrer Spezies, verbunden mit dem Vermächtnis der Mentak-Koalition – den Abkömmlingen von Dieben, Banditen, Schmugglern und Überlebenskünstlern. Die Yssaril-Mitglieder der Koalition stellten das Rückgrat ihres Geheimdienstes dar und Tib war einmal ein Jahr lang untergetaucht, um ein »Spezialtraining« zu absolvieren. Felix vermutete, dass sie dabei jede Menge gruselige Spionagetechniken gelernt hatte. Auf jeden Fall war sie danach sogar noch besser im Versteckspielen gewesen. »Wer könnte es sein?«, fragte er. »Wieso würde hier draußen überhaupt jemand herumfliegen, und noch dazu in einem getarnten Schiff?«
»Es ist mit Sicherheit kein Schlachtschiff«, sagte Tib. »Die werden ohnehin nicht wirklich für ihre Tarnfähigkeit gebaut. Das Flimmern lässt eher auf etwas von der Größe eines Kreuzers schließen.«
»Gib ihnen kein Anzeichen, dass wir sie gesehen haben«, sagte Felix. Was war dieses ungewohnte Gefühl? Dieses Kribbeln in seinen Adern? Ach ja, richtig: Es war Aufregung. Der Nervenkitzel der Jagd. Er hatte es vermisst. Tib auf dem unteren Deck nachzustellen war ein schlechter Ersatz für das Original.
»Mein Kommunikationsmodul empfängt etwas.« Tib projizierte die eingehende Nachricht auf die eine Hälfte des Sichtschirms, wobei sie auf der anderen Hälfte immer noch den langsamen Anstieg des Shuttles verfolgten, das sich unerbittlich dem großen roten Fragezeichen näherte, das Tib erstellt hatte, um den Standort des Tarnschiffes zu markieren.
Eine Frau mit schmutzigem Gesicht und weit aufgerissenen, wilden Augen, die sich in einem kleinen, dunklen Raum über eine Konsole beugte, erschien auf dem Bildschirm. »Sie haben Mr. Thales mitgenommen!«
»Hier spricht Captain Duval von der Temerarious.« Felix lehnte sich nach vorne. »Wer hat wen mitgenommen?«
Die Frau fuhr sich durch ihr unordentliches Haar. »Diese Soldaten, sie waren zu fünft oder sechst. Sie trugen Kampfanzüge und hatten diese Waffen, sie sind in sein Haus eingebrochen und haben ihn rausgezerrt! Sie haben ihn und einige seiner Sachen mitgenommen – wir haben gefragt, was vor sich geht, wer sie überhaupt sind, und sie haben uns gesagt, wir sollten die Klappe halten oder sie würden uns erschießen!
Ich habe vorhin schon versucht, euch anzurufen, aber die Soldaten haben das irgendwie verhindert und das Signal blockiert oder so.«
»Ich schätze, wir wissen jetzt, wer sich in dem Shuttle befindet«, sagte Tib. »Ich habe das Shuttle angepingt, aber es hat keinen Transponder und sie antworten nicht. Kein Anzeichen dafür, wo es herkommt oder wo es hinwill.«
»Soll ich das Shuttle in die Luft jagen?«, fragte Calred.
»Wahrscheinlich befindet sich ein entführter Zivilist an Bord, also nein«, sagte Felix. »Können wir es abfangen, lahmlegen und einsammeln?«
»Klar. Wenn wir davon ausgehen, dass wir schneller sind als das unsichtbare Schiff, was durchaus sein kann. Und wenn wir davon ausgehen, dass das unsichtbare Schiff nicht besser bewaffnet ist als wir, was schwieriger einzuschätzen ist.«
»Okay, dann bring uns dorthin. Waffen schussbereit. Funk das Shuttle noch mal an, Tib. Sag ihnen, dass wir gezwungen sein werden, sie lahmzulegen, falls sie nicht antworten.« Felix wandte sich wieder der Frau auf dem Bildschirm zu. Seines Wissens gab es in diesem System niemanden, bei dem sich eine Entführung lohnen würde – zumindest für die üblichen Gründe, wie Lösegelderpressung. Bei seiner Ankunft hatte Felix eine Liste mit nennenswerten Bewohnern erhalten, darunter Bürgermeister und lokale Geschäftsführer, und bei keinem von ihnen hätte er erwartet, dass sie das Ziel eines schwer bewaffneten Spezialkommandos mit Tarntechnologie und Störsendern sein könnten. Zudem hatte Thales ohnehin nicht auf der Liste gestanden. »Warum hatten sie es auf diesen Thales abgesehen? Wer ist dieser Typ?«
»Ich weiß es nicht«, sagte die Frau. »Er ist vor nicht mal einem Jahr hierhergezogen. Er bleibt meistens für sich allein, und wenn nicht, wünscht man sich, er würde es tun.« Sie hielt inne. »Ich meine, alle hier hassen ihn – er ist ein fürchterlicher Kerl –, aber ich wüsste nicht, warum sich jemand die Mühe machen sollte, ihn zu entführen.«
»Hm. Danke, dass du uns angerufen hast. Wir kümmern uns darum.« Er beendete die Verbindung und schaute zu, wie das Shuttle auf dem Sichtschirm größer wurde, während sie ihm näher kamen.
»Das Shuttle hat gerade geantwortet«, sagte Tib.
»Was haben sie gesagt?«
»›Bleibt zurück oder sterbt.‹«
»Oh«, sagte Felix. »Keine dieser Optionen gefällt mir. Cal, du erinnerst dich an dieses Schiff, das wir nicht sehen können?«
»Ich erinnere mich.«
»Das Shuttle ist noch ziemlich weit von dem besagten unsichtbaren Schiff entfernt, richtig?«
»Es befindet sich außerhalb des maximalen Explosionsradius, falls das die Frage ist.«
»Genau das ist Frage. Schau mal, du beweist schon wieder Eigeninitiative.« Auf Wiedersehen, Langeweile, dachte sich Felix. »Na, dann wollen wir dieses unsichtbare Schiff mal in eine Wolke aus radioaktivem Staub verwandeln.«
Die Raketen, die Calred abschoss, verwandelten das unsichtbare Schiff nicht in radioaktiven Staub. Das hatte Felix auch nicht wirklich erwartet. Stattdessen hatte er gehofft, dass das mysteriöse Schiff gezwungen sein würde, seine Tarnung aufzugeben, um Gegenmaßnahmen einzuleiten. Und das war genau das, was passierte: Plötzlich war der leere Raum auf dem Bildschirm erfüllt von einem Raumschiff, dessen Abwehrsystem die Raketenlenkung mit Lasern durcheinanderbrachte. Die Raketen trudelten davon und verbrannten in der Atmosphäre des Planeten unter ihnen.
»Sieht nach der Föderation aus«, sagte Calred. »Ein Kreuzer, gebaut für Geschwindigkeit, nicht für den Kampf.«
Die Sol-Föderation, dachte Felix und spürte sofort, wie ein Gefühl von Irritation geradezu reflexartig in ihm aufwallte. Natürlich war er selbst ein Mensch, aber er gehörte zur Koalition und wusste, dass er nichts Besonderes war, nur weil er ein Mensch war – was seine ambitionierten, expansionistischen Cousins vom Planeten seiner Ahnen nicht in ihren Schädel zu kriegen schienen. Die Koalition hatte eine recht gute Beziehung zur Föderation, da sie häufig die gleichen Interessen verfolgten, wieso also sollten sie hier herumschleichen und Leute entführen? Dieser Thales musste ganz schön wichtig sein, um wegen ihm eine Aktion zu riskieren, die leicht als Kriegshandlung interpretiert werden konnte. Es sei denn … »Sind wir sicher, dass es sich um die Föderation handelt?«
»Nicht unbedingt«, antwortete Calred. »Wir haben ein paar Föderationsschiffe in unserer Piratenflotte und manchmal verkaufen sie ihre alten Militärkreuzer.«
»Es gibt keinen Transponder, der uns sagen könnte, ob es ein zugelassenes Diplomaten- oder Handelsschiff ist«, sagte Tib. »Sie fliegen inkognito. Es könnte sonst jemand sein. Zumindest jemand, der über die Ressourcen verfügt, ein Zugriffsteam loszuschicken, das mit modernster Tarntechnologie ausgestattet ist.«
»Zielerfassung auf das Shuttle. Und sag dem großen Schiff, sie sollen sich zurückhalten«, sagte Felix. »Wenn wir sie sehen können, können wir ihnen vermutlich auch per Nachricht ins Ohr brüllen.«
»Haben wir wirklich vor, auf das Shuttle zu schießen?«, fragte Tib. »Das würde sie zwar daran hindern, einen unserer Kolonisten zu entführen, aber das wäre in etwa so, wie wenn ich mir den Kopf abhacke, um nicht mehr zu niesen.«
»Ich denke noch darüber nach«, sagte Felix. »Wie viel Zeit habe ich, um darüber nachzudenken, Cal?«
»In etwa fünf Minuten wird das Shuttle nah genug am Schiff sein, dass wir beide treffen würden, wenn wir das Feuer eröffnen.«
Felix ließ sich das Ganze durch den Kopf gehen. »Würden wir gewinnen, wenn die Ballerei beginnt?«
Cal zuckte mit den Schultern. »Vielleicht sterben sie an einem Hitzschlag, bevor wir verdursten.«
Felix hatte lange genug mit Calred gedient, um zu wissen, dass dieses hacanische Sprichwort entweder bedeutete, dass die Situation aussichtslos war, oder – etwas optimistischer – dass der Ausgang des Kampfs vollkommen offen war. Er hätte fast nachgefragt, welche Interpretation die richtige war, aber da beide keine gute Prognose boten, machte er sich nicht die Mühe.
»Das mysteriöse Schiff hat uns gerade eine Übertragung geschickt«, sagte Tib.
Die eine Hälfte des Bildschirms zeigte Kopf und Schultern einer menschlichen Frau, die offensichtlich irritiert war. Sie trug keine Uniform, dafür aber die Sorte von Kampfanzug, die von höherklassigen Söldnern getragen wurde – und sie gehörte offenbar nicht einmal zu der Einsatztruppe, die die Entführung durchgeführt hatte und vermutlich noch besser ausgestattet war. Der Teil der feindlichen Brücke (sie hatten jetzt einen Feind – wie aufregend!), den Felix einsehen konnte, ließ keinerlei Insignien, Flaggen oder sonstige Identifizierungsmerkmale erkennen. Die Frau funkelte ihn an, sagte jedoch nichts.
»Hallo«, sagte Felix. »Bringt die Person zurück, die Ihr entführt habt, und wir werden Euch nicht umbringen.«
»Wir haben einen entflohenen Gefangenen wieder eingefangen«, antwortete die Frau. »Er ist kein Bürger der Koalition. Er ist auf der Flucht vor dem Gesetz.«
»Mal angenommen, dass das stimmt: Wir haben diplomatische Beziehungen mit der Föderation und für solche Dinge gibt es offizielle Kanäle. Ihr könnt nicht einfach aufkreuzen und Leute entführen, ohne vorher die nötigen Papiere einzureichen.«
»Wir haben nie gesagt, dass wir von der Föderation sind.«
Felix lächelte. »Tut mir leid, dass ich das einfach angenommen hatte. Vielleicht seid Ihr aus Jol-Nar? Oder von einer Fraktion, mit der wir keine diplomatischen Beziehungen haben? Ich bin mir recht sicher, dass das hier dann nicht nur wahrscheinlich, sondern definitiv eine Kriegshandlung ist. Wollt Ihr Euch diese ganze Sache …«, er machte eine Handbewegung, »… nicht noch mal überlegen?«
Die Frau knirschte mit den Zähnen. »Wir sind unabhängige Kopfgeldjäger.«
»Interessant. Welche Verbrechen hat Thales begangen und unter wessen Gerichtsbarkeit?«
Sie verzog das Gesicht. Sie war offensichtlich nicht glücklich darüber, dass Felix diesen Namen kannte. Felix fand es bloß schade, dass er wohl nie Gelegenheit haben würde, mit jemandem wie ihr, die ihre Emotionen so deutlich auf ihrem Gesicht zur Schau stellte, Karten zu spielen. Er knöpfte Fremden leidenschaftlich gerne Geld ab. »Phillip Thales hat Diebstahl, Mord und Sachbeschädigung begangen.«
»Und wo hat er gestohlen, gemordet und Dinge beschädigt?«
»Das ist streng geheim.«
Calred lachte laut auf. »Sagt wer? Lasst mich raten: Das ist auch streng geheim?«
Felix legte das Kinn auf seiner Hand ab und musterte sie. »Thales muss etwas ganz schön Großes gestohlen haben, wenn Ihr den Diebstahl vor dem Mord erwähnt. Schusters Kolben ist ein ungewöhnlicher Ort, um dort seine unrechtmäßig erworbenen Gewinne zu verprassen, aber ich schätze, Geschmäcker sind verschieden. Ich bin mir sicher, dass wir das Ganze aufklären können. Wenn Ihr Kopfgeldjäger seid, schickt mir einfach die Unterlagen, die beweisen, dass Ihr berechtigt seid, im Raum der Koalition zu operieren.«
Sie mahlte mit dem Kiefer, als hätte sie gerade in etwas Saures gebissen und könnte sich nicht entscheiden, ob sie es herunterschlucken oder ausspucken sollte. »Vielleicht können wir uns ja irgendwie anders einigen.«
»Wollt Ihr mich etwa bestechen?«, fragte Felix.
Sie zuckte mit den Schultern. »Wo ich herkomme, gibt es ein Sprichwort: Jedes Schiff der Koalition ist ein Piratenschiff. Der Mann, den wir an Bord haben, ist kein Koalitionsbürger, und kein Bürger der Koalition wurde bei unserer Aktion verletzt. Wir lassen Euch gerne eine beträchtliche Summe an Föderations-Credits zukommen, wenn Ihr zustimmt, uns in Frieden zu lassen und keinen offiziellen Bericht über diese Sache einzureichen. So kann jeder hier glücklich nach Hause gehen.«
»Wie beträchtlich?«
Sie nannte eine Summe. Felix gab ein brummendes Geräusch von sich. »Wie ist der Wechselkurs gerade, Tib? «
»Eins Komma fünf Föderations-Credits zu einem Koalitions-Credit.«
Also doch nicht ganz so beträchtlich, aber immerhin. »Alles klar. Tib, schick die Kontodaten rüber.«
Die Frau blinzelte ihn an. »Ernsthaft?«
Felix zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Ich mag Geld.« Fast hätte er gesagt: »Ich gehöre zur Koalition. Was habt Ihr erwartet? Ich würde die Zähne meiner Mutter verkaufen, wenn ich dafür ein paar Credits bekäme, nicht wahr?«, aber er entschied, dass er damit etwas zu dick aufgetragen hätte.
»Überweisung abgeschlossen«, meldete Tib nach ein paar Sekunden. »Von einem Konto, das sich nicht zurückverfolgen lässt – sehr raffiniert.«
»Vielen Dank für Eure großzügige Spende an den Fonds zur Unterstützung der Witwen und Waisen«, sagte Felix. »Die Koalition wird Euch ewig dankbar sein. Und jetzt gebt Euren Gefangenen frei oder wir eröffnen das Feuer auf Euer Schiff.«
»Wir hatten eine Abmachung!«, rief die Frau.
Erneut zuckte Felix mit den Schultern. »Ich habe gehört, dass mein Volk dafür bekannt ist, nicht sonderlich vertrauenswürdig zu sein. Soll ich bis, sagen wir, fünf zählen? Eins, zwei, …«
Er schaffte es nicht, zu Ende zu zählen, da das andere Schiff auf sie feuerte und die Temerarious ihre eigenen Gegenmaßnahmen einleiten musste. Felix war überrascht. Die Temerarious hatte das Shuttle anvisiert und die Crew des feindlichen Schiffs wusste mit Sicherheit, dass sie sich einem taktisch ebenbürtigen Gegner gegenübersah, dennoch hatte man sich für einen Kampf entschieden? Kopfgeldjäger waren stets gezwungen, Risiko und Gewinn gegeneinander abzuwägen: Das hier waren keine Kopfgeldjäger. (Nun, das war offensichtlich: Die Summe, die sie Felix bezahlt hatten, war höher als jedes Kopfgeld, von dem er je gehört hatte.)
»Sollen wir zurückschießen?«, fragte Cal. Das Shuttle befand sich jetzt so nah am Schiff, dass es unweigerlich zerstört werden würde, falls die Temerarious das Feuer erwidern würde.
Verdammt. Vielleicht war Thales ein Koalitionsbürger – Felix wollte die Leute, die auf ihn schossen, da nicht beim Wort nehmen –, aber selbst wenn nicht, war jemand bereit, keine Kosten und Mühen zu scheuen, um ihn zu entführen, was bedeutete, dass er wertvoll war. Die Koalition ließ gerne wertvolle Dinge mitgehen und mochte es nicht, wenn jemand sie ihr wieder wegnahm. »Nein, wir ziehen uns zurück. Können wir mit dem Schiff mithalten, wenn sie fliehen?«
»Wenn ihre Tarntechnologie nicht besser ist als alles, von dem ich bis jetzt gehört habe, dann ja«, sagte Cal.
»Gut. Dann lassen wir sie gehen, folgen ihnen in sicherem Abstand, ermitteln ihren wahrscheinlichen Kurs und schauen, ob eine Piratenflotte in Position ist, um sie abzufangen.« Hier draußen waren keine Schiffe der Militärflotte stationiert, aber sie waren nicht weit von einer Handelsroute entfernt und in der Dunkelheit zwischen den Sternen lagen häufig ein paar Truppen der Koalition, die nicht zur regulären Armee gehörten, auf der Lauer und warteten auf leichte Beute.
Die Temerarious zog sich zurück, während das Shuttle im Bauch des feindlichen Kreuzers verschwand, der die Umlaufbahn verließ und davonflog.
»Sie müssen doch wissen, dass wir nach Hilfe rufen werden«, sagte Felix. »Was ist ihr Plan?«
»Ich glaube, ihr Plan war, nicht erwischt zu werden«, meinte Tib. »Hier draußen, wo wir die einzige mögliche Bedrohung sind, ist das ein vernünftiger Plan. Sie hatten einfach Pech, dass wir zufällig in der Gegend waren. Ansonsten hätten wir erst von der Entführung erfahren, nachdem sie schon längst wieder verschwunden wären. Ihr neuer Plan lautet wahrscheinlich: ›Schnell abhauen und aufs Beste hoffen.‹«
Felix nickte. Das war kein guter Plan, aber das nahm er den Menschen nicht übel; immerhin standen ihnen keine anderen Optionen zur Verfügung. »Cal, wärst du so nett, mal nachzuschauen, was wir über diesen Thales herausfinden können?«
»Ich bin gerade dabei, ein Dossier zu erstellen. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass es kurz sein wird.«
»Gute Neuigkeiten«, sagte Tib. »Ich habe eine Verbindung zu Commander Meehves hergestellt, die mit ihrer kleinen Flotte in der Nähe ist und unsere neuen Freunde in etwa einem halben Tag abfangen können sollte.«
»Die gute alte Meehves«, sagte Felix.
»Oh, wir können sie einholen.« Meehves lümmelte mit einem Drink in der Hand auf einem Stuhl in ihrer Kabine; ihre gräuliche Haut und ausdruckslosen Augen zeugten von ihrer Letnev-Abstammung. Diese Augen machten es verdammt schwierig, beim Kartenspielen gegen sie zu gewinnen, wie Felix während der Offiziersausbildung hatte feststellen müssen. Meehves gab hin und wieder Taktikunterricht, mit besonderem Fokus auf Überraschungsmanöver und Irreführung, und hatte gut gelaunt erklärt, dass es eine wertvolle Lektion in ihrem Fachgebiet sei, ihren Studenten das Geld abzuknöpfen. »Du willst die Entermannschaft anführen?«
»Wenn es dir nichts ausmacht. Das wäre eine willkommene Abwechslung davon, ständig im Kreis zu fliegen.«
Meehves winkte mit ihrer freien Hand träge ab. »Wir haben hier draußen nur auf der Lauer gelegen und auf ein fettes, einsames Frachtschiff gewartet. Danke, dass du uns was zu tun gibst. Wer ist dieser Thales überhaupt? Wieso sollte die Föderation – oder wer auch immer diesen Haufen Söldner angeheuert hat – sich so viel Mühe machen, ihn zu entführen?«
»Viel wissen wir nicht.« Felix scrollte mit der Fingerspitze durch die Informationen, die Calred in den letzten paar Stunden zusammengekratzt hatte. »Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, dass er sich auf Alope aufgehalten hat, bis vor etwa zehn Standardmonaten, als er in Schusters Kolben aufgetaucht ist …«
»Wessen Kolben?«
»Das Gleiche habe ich mich auch gefragt. So nennt die lokale Bevölkerung ihre kleine Siedlung, die aus einem Streifen Weideland, einem Fluss, ein paar Feldern und ein paar Wohnmodulen besteht. Vielleicht wurde sie von jemandem namens Schuster gegründet oder womöglich gibt es in der Nähe einen Berg, der aussieht wie ein Schuh, oder so was. Wie dem auch sei, dieser Thales ist vollkommen legal eingewandert. Er hat behauptet, dass er aus der Sol-Föderation stammt, und ich muss leider sagen, dass die Sicherheitsoffiziere seine Identität nicht besonders genau unter die Lupe genommen haben, weil sie ansonsten gemerkt hätten, dass alle seine Dokumente gefälscht waren.«
»Gründliche Überprüfungen der Vergangenheit von Kolonisten auf abgelegenen Welten sind Ressourcenverschwendung«, sagte sie. »Es ist schließlich nicht so, dass Alope ein vorrangiges Ziel für Terroristen wäre. Die meisten Leute, die auf solche Welten emigrieren, haben dubiose Vorgeschichten und keine anderen Optionen.«
»Auch wieder wahr«, sagte Felix. »Er ist auf der Suche nach einem Ort zum Leben in Schusters Kolben aufgetaucht und aus irgendeinem Grund hat das liebe Landvolk ihm nicht einfach das Geld geklaut und seine Leiche in einen Brunnen geschmissen. Stattdessen haben sie ihm ein verlassenes Häuschen mit einem großen Rübenkeller hergerichtet, worüber er sich sehr gefreut hat – er hat gesagt, er könne den Platz für seine Arbeit gut gebrauchen, ohne zu verraten, was diese Arbeit eigentlich ist. Er hat sich abgeschottet und ist nur rausgegangen, um Vorräte zu kaufen und sich über das Essen, das Wetter, die Hygiene der anderen Kolonisten und jedes andere vorstellbare Thema zu beschweren. Niemand hatte eine Ahnung, was er dort getrieben hat, und er hat nichts von sich preisgegeben. Die Einheimischen dachten, er sei vielleicht ein Künstler oder ein Schriftsteller, ein einsiedlerisches Genie, das sich ganz und gar seiner Arbeit verschrieben hat, oder dass er sich vor dem Gesetz versteckt. Was das angeht, gab es ein paar Meinungsverschiedenheiten, aber alle waren sich einig, dass er unhöflich, unangenehm und ein absoluter Mistkerl ist.«
Meehves nippte an ihrem Drink – einer klaren Flüssigkeit, von der Felix vermutete, dass sie extrem leicht entzündlich war. »Normalerweise schickt man keine Tarnschiffe voller Söldner los, um Künstler zu entführen, und wer auch immer ihn geholt hat, war kein Gesetzeshüter.«
»Die Einheimischen haben die Gelegenheit genutzt, um nach seiner Entführung sein Haus zu durchstöbern, und es ließen sich nirgendwo irgendwelche Kunstwerke finden. Das sind zwar keine ausgebildeten Ermittler da unten, aber sie sagen, dass es so aussieht, als hätten die Entführer alles bis auf die Möbel mitgenommen. Es gibt keine Dokumente, keine persönlichen Gegenstände, nichts.«
Meehves schwenkte ihren Drink. »Vielleicht war er auf der Flucht, aber wenn dem so ist, wieso haben sie uns nicht über die normalen Kanäle kontaktiert? Wieso das Risiko eingehen, sich mit der Koalition anzulegen?«
»Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Vielleicht ist er aus einem besonderen Grund auf der Flucht – weil in seinem Kopf lauter Staatsgeheimnisse stecken und die Föderation oder wer auch immer Angst hat, dass er sie weitergibt. Oder womöglich hat er was gestohlen, das sie sehr gerne wieder zurückhätten?«
»Warum ihn dann nicht einfach umbringen?«, fragte Meehves. »Sie hatten genügend Waffen dabei. Wenn ich ehrlich bin, klingt es so, als hätten sie jemanden in Schusters Kolben mit zwei Schafen bezahlen können, um ihn umzubringen.«
»Aus irgendeinem Grund brauchen sie ihn lebend«, sagte Felix. »Vielleicht geht es nicht um etwas, das er hat, sondern um etwas, das er weiß.«
Meehves nickte. »Also ist er kein brillanter Künstler, aber er könnte auf andere Art brillant sein – auf eine nützliche Art. Manchmal hört man davon, dass Hylar-Wissenschaftler entführt werden, in dem Versuch, sich einen Vorteil in der Waffenforschung zu verschaffen.«
»Oder er könnte ein Spion sein, der Informationen hat, die nirgendwo aufgezeichnet sind, oder er ist ein Augenzeuge irgendeines Zwischenfalls und sie brauchen seine Aussage … oder, oder, oder. Plötzlich fallen mir jede Menge Möglichkeiten ein.«
Meehves zuckte mit den Schultern. »Wir werden es noch früh genug herausfinden. Es sei denn, sie töten ihn, sobald wir ihr Schiff entern, frei nach dem Motto: ›Wenn wir ihn nicht haben können, bekommt ihn niemand.‹ Allerdings werden wir von einem von ihnen schon herausfinden, was vor sich geht, wenn sie nicht alle lieber den Tod wählen, als ihre Ehre zu verlieren. Wir müssen nur auf die richtige Art fragen.«
»Söldner opfern ihr Leben normalerweise nicht für ihre Ehre.«
»Normalerweise nicht«, stimmte Meehves zu. »Wollen wir hoffen, dass es sich tatsächlich um Söldner handelt und nicht um irgendwelche Fanatiker. Wir sollten ihr Schiff bald abfangen.« Sie wuchtete sich aus ihrem Sessel. »Ich werde sicherstellen, dass die Waffen geladen und die Enterkapseln bereit sind. Beziehungsweise, ich werde anderen sagen, dass sie sich um diese Dinge kümmern sollen – die Last der Verantwortung, du kennst das ja.« Sie lehnte sie vor, schaute auf ihren Bildschirm und geradewegs hindurch in Felix’ Gedanken. »Das Geld, das du ihnen für den Wohltätigkeitsfonds abgeknöpft hast. Wie viel hast du davon einbehalten?«
»Nur zwei Prozent«, sagte Felix. »Was ich natürlich mit meiner Crew teilen werde.« Niemand erwartete von einem Offizier der Mentak-Koalition, dass er absolut ehrlich war – das würde ihn nur verdächtig machen –, aber man wollte auch nicht als zu gierig gelten, weil man sonst in Zukunft von lukrativen Geschäften ausgeschlossen werden könnte.
»Na gut. Gibt in den Territorien nicht viele Gelegenheiten, Beute zu machen, nicht wahr?«
»Es gibt jede Menge zu stehlen, solange man es auf Dreck oder Schafe abgesehen hat«, sagte Felix. »Leider gehört das alles Leuten, die ich beschützen soll, anstatt sie auszunehmen. Ich erhebe Anspruch auf die erste Wahl bei allen Waffen, die wir auf dem feindlichen Schiff finden. Eine reguläre Dienstwaffe zu tragen ist so primitiv.«
»Kriegsbeute, was?« Meehves beendete die Übertragung.
Die Entführer erwiesen sich als vernünftig genug, mit dem Davonlaufen aufzuhören, als ein Zerstörer in Begleitung mehrerer Jäger vor ihnen (und neben, über und unter ihnen) auftauchte. Die Temerarious, die mit ausreichend Abstand gefolgt war, um genug Zeit zu haben, einem etwaigen Angriff zu begegnen, schloss rasch auf, um die letzte Rückzugsmöglichkeit abzuschneiden.
»Sie versuchen, irgendeine verschlüsselte Nachricht zu senden«, sagte Calred über Felix’ Helmfunkgerät. »Wie niedlich.«
Felix grinste. Natürlich hatte Meehves dafür gesorgt, dass sämtliche ausgehenden Signale gestört wurden. Er kletterte in das Shuttle der Temerarious und ließ den Kurs vom Computer berechnen. Die kleinen, halbrunden Enterkapseln lösten sich bereits von Meehves’ Schiff, der Bad Cat, und würden sich bald an den Rumpf des Schiffes heften wie Blutegel an einen Schwimmer. Sie waren sich nicht ganz sicher, was sie im Inneren vorfinden würden – das feindliche Schiff war wie die meisten Militärschiffe gegen Tiefenscans abgeschirmt, weshalb sie raten mussten, wie der Grundriss aussah und die Besatzung zusammengestellt war. Die Enterkapseln waren vollgestopft mit elektronischen Systemen zur Abwehr von Angriffen und zur Umgehung von Sicherheitsmechanismen, um Schiffe dazu zu bringen, ihre Luftschleusen zu öffnen. Falls das nicht half, hatten sie außerdem Laser, Schneidbrenner und Säurespritzdüsen dabei, um sich einen eigenen Weg durch den Rumpf zu bahnen.
Normalerweise brauchte man die Kapseln nicht. Die inoffizielle Piratenflotte der Koalition mordete für gewöhnlich nicht und sie hatte auch nicht vor, den interstellaren Handel zum Erliegen zu bringen; es handelte sich im Prinzip um eine Art Zoll, den man zahlen musste, wenn man sich zu nah an den Raum der Koalition wagte, ohne vorherige Absprachen zu treffen. Die Handelsschiffe wussten, dass sie ein wenig mehr mitnehmen mussten, um die Captains der Flotte zufriedenzustellen und trotzdem einen angemessenen Profit zu machen, und rechneten diese Ausgaben in ihre geplanten Geschäftskosten mit ein. Hin und wieder traf man auf ein Schiff, dessen Besatzung die Regeln nicht kannte und der man sie beibringen musste – persönlich, mit vorgehaltener Waffe. Selbst dann gab es für gewöhnlich keinen Grund, jemanden umzubringen. Immerhin konnte man Leute, die man ermordete, nur einmal bestehlen.
Dieses Schiff war allerdings anders als die anderen und es galten nicht dieselben Anstandsregeln. Sobald man auf ein Schiff der Koalition feuerte, besonders auf ein offizielles wie die Temerarious, gab es nicht mehr viel zu verhandeln. Als Felix’ Shuttle nah genug herangekommen war, um anzudocken, hatten die Enterkapseln bereits die Kontrolle über die Luftschleuse am Heck übernommen und Meehves’ Erster Offizier, ein Xxcha namens Qqmel, wartete an Bord auf Felix. Sich einem massiven, reptilischen Zweibeiner gegenüberzusehen war für Menschen, die nicht mit Xxcha aufgewachsen waren, grundsätzlich verstörend – wer wäre also besser geeignet gewesen, die Entermannschaft anzuführen?
Qqmel war geduldig und nachdenklich, aber auf Fremde wirkte er dank dieser Eigenschaften emotionslos und bedrohlich und dieser Eindruck wurde durch die ausgeklügelte Kanone, die er auf der Schulter trug, nur noch verstärkt. Die Kanone bewegte sich eigenständig mit hörbarem Surren und Klicken und zielte unermüdlich auf das Gesicht (oder Gesichtsäquivalent) der Person, die der Xxcha gerade ins Visier nahm. »Wie würdest du diese Sache gerne handhaben?«, fragte Qqmel.
»Oh, stimmt. Ich bin hier der höchstrangige Offizier.« Felix straffte die Schultern.
Qqmel gab dieses seltsame kleine Husten von sich, mit dem Xxcha lachten. »Ich habe das Kommando über die Entermannschaft und unterstehe Commander Meehves. Du begleitest mich. Aber Meehves hat gesagt, dass ich dich fragen soll, wie du vorgehen würdest, um zu sehen, ob du im Taktikunterricht irgendwas gelernt hast.«
Felix ließ die Schultern wieder hängen, dachte aber darüber nach. »Sie werden Thales mit einer oder zwei Wachen in irgendeinem abgelegenen Bereich des Schiffs in Sicherheit gebracht haben, während der Hauptteil der Mannschaft versuchen wird, uns davon abzuhalten, ihn zu erreichen. Allerdings müssen sie sich längst im Klaren sein, dass sie uns hoffnungslos unterlegen sind, weshalb sie irgendeinen Plan haben werden, vom Schiff zu entkommen. Vielleicht mit einer Rettungskapsel, mit der sie versuchen, sich unbemerkt mit Thales davonzustehlen und zu einem vorher festgelegten Treffpunkt zu fliegen. Also, wieso kümmerst du dich gemeinsam mit deinen großen, gewalttätigen Kameraden nicht um das ganze Zeug, das mächtig Krach macht, wie zum Beispiel die Brücke einzunehmen, während ich mich durch die Wartungsgänge schleiche und versuche, den Gefangenen zu finden? Ich wette, dass sie sich entweder in den Tunneln verstecken oder sie benutzen, um zu ihrem Fluchtvehikel zu gelangen.«
»Das ist akzeptabel«, sagte Qqmel. »Aber wenn du Thales entwischen lässt, wirst du derjenige sein, dem man dafür die Schuld geben wird, nicht mir oder dem Commander.«
»Ja, das ist mir bewusst. Taktisch klug von dir.«
»Willst du einen meiner Marines mitnehmen?«
Felix schüttelte den Kopf. Er hatte bereits eine Geheimwaffe und brauchte keine zusätzliche, die groß und auffällig war. »Alleine bin ich schneller und leiser. Ich halte besser auch Funkstille, also kontaktiere mich nicht – ich werde dich kontaktieren. Ich würde mich aber über einen Grundriss des Schiffes freuen, falls wir einen haben.«
Nachdem er den Grundriss kurz im Display seines Helms überflogen hatte (die Diagramme bezogen sich auf das Standardmodell dieses Schiffstyps, jegliche Modifizierung würde also eine unangenehme Überraschung darstellen, aber etwas Besseres hatten sie nicht), ging er links durch einen Gang zu einer Luke, die zu den Wartungstunneln führte.
Felix war auf einer Raumwerftstation in der Nähe des Kerngebiets der Koalition aufgewachsen und es machte ihm nichts aus, durch das Innenleben von Schiffen zu klettern, aber als Zehnjähriger war er noch wesentlich agiler gewesen als jetzt, fast zwanzig Jahre später. Er bewegte sich leise, duckte sich unter Kabelbündeln hindurch, drehte sich zur Seite, um an Rohren vorbeizukommen, und schaute ab und zu auf sein Display, um sicherzugehen, dass er sich nicht verirrt hatte. Als einzige Lichtquelle dienten dünne Streifen entlang des Bodens, die die Tunnel in ein Schattenreich verwandelten, doch Felix hatte keine Probleme damit, in so einer Umgebung seinen Weg zu finden. Er hatte jede Menge Erfahrung darin, Tib zu jagen und von ihr gejagt zu werden. Das hier war genau das Gleiche, nur würde seine Beute am Ende dieser Übung möglicherweise tatsächlich versuchen, ihn umzubringen.
Hin und wieder hörte er Explosionen, Schreie und dumpfe Schläge, die ihm verrieten, dass anderswo an Bord gekämpft wurde. Die Piratenflotte war geübt darin, feindliche Schiffe zu entern; für exakt diesen Zweck hatte sie Anti-Personenwaffen dabei, sowohl tödlich als auch nicht tödlich, weshalb er sich nicht den Kopf darüber zerbrach, ob seine Leute dabei waren zu gewinnen. Allerdings kam er sich langsam ein wenig lächerlich vor, weil er schon eine Menge Tunnel passiert hatte, ohne jemanden zu sehen. Vielleicht traute er seinen Gegnern zu viel zu und sie waren letztendlich gar nicht so clever – was, wenn Qqmel Thales bereits gefangen genommen hatte und ungeduldig auf der Brücke wartete? Felix überlegte, ob er das Risiko eingehen sollte, sein Funkgerät zu benutzen und nachzufragen …
Aha, was haben wir denn hier? Er erreichte einen schmalen, nach unten abfallenden Gang, der nicht auf seinem Grundriss auftauchte, was bedeutete, dass es sich um eine nachträgliche Änderung an der Konstruktion des Schiffs handelte, was wiederum bedeutete, dass dieser Abschnitt potenziell von Interesse war. Er machte sich auf den Weg nach unten, hinein in den Bauch des Schiffes – wo das Shuttle, die Fracht und vielleicht auch andere Dinge untergebracht waren. Möglicherweise ein geheimes Versteck für eine kleine Rettungskapsel.
Er rutschte einen senkrechten Schacht hinunter, der gerade groß genug war, dass er hindurchpasste. Sofort stiegen wieder Zweifel in ihm hoch: Es wäre schwierig, einen Gefangenen durch so einen engen Raum zu bugsieren. Wenn allerdings jemand eine Pistole auf ihn richtete und ihm sagte, er solle loskrabbeln, würde er es vermutlich tun. Es war unmöglich vorherzusehen, wo er ankommen würde, also bewegte er sich weiter. Wenn ich in einer Müllpresse oder so was lande, wird Tib mich das nie vergessen lassen …
Felix kroch auf Händen und Knien durch eine Röhre auf einen Schacht zu; das Abdeckgitter, das die Öffnung hätte verschließen sollen, hing herunter. Das bedeutete entweder, dass dieses Schiff schlampig gewartet wurde, oder dass jemand vor ihm hier entlanggekommen war.
Der Schacht führte zu einem kleinen, zylinderförmigen Raum, der etwa so groß wie eine Luftschleuse war und keine sichtbaren Eingänge hatte. Eine Rettungskapsel in Form einer geschlossenen Blumenknospe nahm den größten Teil des Raums ein, sodass es nur eine dünne Lücke rundherum gab, wo man sich bewegen konnte. Eine Frau in schwarzer Söldnermontur – aber zum Glück ohne Helm – hockte neben der Eingangsluke der Kapsel und tippte auf einem Handterminal herum. Es gab keine Spur von Thales, aber vielleicht war er bereits in der Kapsel.
Felix löste einen Krachmacher von seinem Gürtel und stellte ihn auf fünf Sekunden Verzögerung ein, dann warf er ihn zu der Frau. Das kleine Objekt prallte an ihrem Kopf ab, sodass sie fluchte und zu ihm herüberschaute. Sie war diejenige, mit der er vorhin geredet hatte: Die Frau, die ihre Emotionen nicht verbergen konnte und versucht hatte, ihn zu bestechen.
Wie schön, sie wiederzusehen.
Krachmacher waren kleine blaue Kugeln, gerade so groß, dass sie bequem in der Hand lagen, und wenn man sie auslöste, gaben sie Schallwellen von solcher Intensität von sich, dass sie jegliche Konzentration zerstörten und ihre Opfer verwirrt, blinzelnd und aus den Ohren und der Nase blutend zurückließen. Felix trug natürlich seine Ohrstöpsel mit Geräuschunterdrückung, weshalb die Lärmattacke für ihn nur wie ein unangenehmes Heulen und ein Poltern klang, das seine Knochen prickeln ließ. Er kletterte aus dem Schacht, ließ sich auf den Boden fallen und lief auf die Frau zu. Sie lag auf dem Rücken und starrte ausdruckslos zu ihm hoch – aber Moment, sie blutete ja gar nicht aus den Ohren oder aus der Nase, also …
Felix warf sich in dem Moment zur Seite, als sie ihre Pistole hob und abdrückte. Der Energiestoß schmolz einen Teil der Wand hinter ihm. Verdammt. Sie musste wohl ebenfalls Schutzausrüstung tragen. Er warf sich auf sie, um ihr das Schießen so schwer wie möglich zu machen, und versuchte, ihre Schusshand an den Boden zu pinnen. Selbst mit beiden Händen schaffte er es kaum – sie trug eine Powerrüstung, mit der sie locker doppelt so stark war wie er. Sein eigener Anzug war auf Infiltration ausgelegt und nicht auf den Einsatz roher Gewalt, was ihm vor Kurzem noch wie eine gute Idee vorgekommen war.
Sie fing an, mit ihrer freien Hand auf ihn einzuschlagen, und wenn er sie nicht bald dazu brachte, damit aufzuhören, würde sie seine Rippen brechen, da seine Rüstung nicht so gut gepanzert war wie ihre. Sie knurrte und beschimpfte ihn als Verräter an der Menschheit und so weiter, aber er ignorierte ihre Tirade. Er navigierte mit seinen Augen durch sein Helmdisplay, wählte die Gegenmaßnahme aus, die er schon längst hätte einstellen sollen, und blinzelte, um sie zu aktivieren.
Sein Anzug verbrauchte den Großteil seiner verbleibenden Akkuladung dafür, einen elektromagnetischen Impuls auszustoßen, und ihre Augen traten hervor, als ihre Rüstung blockierte. Die Systeme von Felix’ Anzug waren ebenfalls betroffen – EMPs machten keinen Unterschied zwischen Freund und Feind –, aber sein Anzug besaß eine zweite, abgeschirmte, temporäre Energiequelle, die sofort ansprang. Er nahm ihr die Waffe ab und schleuderte sie beiseite, dann warf er einen Blick in die Rettungskapsel.
Sie war leer.
Er seufzte und musterte sie. Sie hatte den einen Arm immer noch erhoben; die Powerrüstung war an Ort und Stelle eingerastet, ihre Finger zu einer Klaue verkrallt. »Wo ist Thales?«
»Weg.« Sie grinste wild. »Längst verschwunden. Du bist zu spät. Meine Gruppenführerin ist mit ihm entkommen.«
»Soll das etwa heißen, du bist nicht die Gruppenführerin? Moment, stimmt ja – natürlich bist du das nicht. Schließlich haben sie dich auf dem Schiff zurückgelassen, während die kompetenten Leute gelandet sind und die wahre Arbeit geleistet haben. Na ja. Sag mir wenigstens, warum ihr ihn haben wolltet. Was ist überhaupt so besonders an Thales?«
»Dir verrate ich gar nichts, Piratenabschaum.«
»Das ist aber nicht nett.« Er lehnte sich gegen die abgerundete Wand der Rettungskapsel, verschränkte die Arme und starrte zu ihr hinunter. »Ich habe nicht viel Erfahrung mit den Verhörtechniken der Koalition – das war nie mein Fachgebiet –, aber wie ich höre, sind sie recht effektiv. Früher oder später werden wir ohnehin herausfinden, was du weißt, also erspar dir doch einfach den Ärger und sag es mir jetzt.«
»Niemals.« Sie presste den Kiefer zusammen und mahlte mit den Zähnen, dann verkrampfte sie sich; Schaum quoll zwischen ihren Lippen hervor und sie sackte zusammen.
»Beim Geist des Großen Erwan«, murmelte Felix. Damit hatte er nicht gerechnet. Hatte sie auf eine Selbstmordpille oder so was gebissen? Gab es solche Sachen nicht nur in Agentenserien? Er stieß sie mit dem Fuß an, für den Fall, dass sie ihm wieder etwas vormachte, und suchte dann an ihrem Hals nach einem Puls. Anscheinend gab es so etwas wirklich.
Felix hielt sich selbst für einen Patrioten, aber es gab gewisse Grenzen. War Thales etwa so wichtig, dass es besser war zu sterben, als dass die Koalition herausfand, was dahintersteckte?
Er schaltete seinen Funk ein. »Qqmel, ich habe ein Crewmitglied gefunden, das fliehen wollte, aber keine Spur von Thales. Sie hat sich selbst getötet, bevor ich sie richtig befragen konnte. Bitte sag mir, dass ihr mehr Glück hattet.«
»Wir haben einigen Leichen ein paar sehr hübsche Waffen abgenommen. Die Rüstungen sind aber größtenteils hinüber. Keine feindlichen Überlebenden hier – sie haben bis zum letzten Mann gekämpft. Wir haben ihnen nett angeboten, sie gefangen zu nehmen, aber sie haben den Tod bevorzugt. Wo bleibt denn da der Profit? Deine Artgenossen sind seltsam, Felix.«
»Sag mir, dass du nur vergessen hast zu erwähnen, dass ihr die Geisel gefunden habt.«
»Tut mir leid, Felix. Keine Spur von dem mysteriösen Thales. Wir suchen weiter, also gib die Hoffnung noch nicht auf. Wir haben einen Haufen an Dokumenten und Ausrüstung gefunden – Ersteres ist verschlüsselt, Zweiteres rätselhaft. Meine Techniker durchforsten gerade die Schiffscomputer, aber bis jetzt haben sie keinerlei Hinweise finden können, wer diese Leute angeheuert hat oder was genau das Ziel ihrer Mission war. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, das Ganze riecht nach einer klassischen Geheimoperation: Befehle nur mündlich, alles streng unterteilt, Informationen nur nach Bedarf. Offensichtlich denkt niemand, dass wir Bedarf haben.«
»Irgendwelche Verluste?«, fragte Felix.
»Nein, wir waren gut vorbereitet – dein Bericht ließ ja darauf schließen, dass sie gut ausgerüstet waren. Wir haben Mobilität für bessere Panzerung geopfert. Lieutenant Roarge wird eine Weile außer Gefecht sein – sie haben einen Glückstreffer gelandet und seinen Arm am Ellenbogen abgeschossen, also werden die Sanis ihm einen neuen wachsen lassen müssen. Aber ansonsten nur ein paar blaue Flecken.«
»Bin froh, das zu hören. Ich komme hoch und helfe euch bei der Suche.« Er schaute sich um, aber es gab keine Türen, also musste er zurück durch den Lüftungsschacht. Als wäre sein Tag bis jetzt noch nicht schlimm genug gelaufen.
Mehrere Stunden später saß Felix zusammengesunken auf dem Kapitänssessel des feindlichen Schiffs, von wo aus die Frau, der er beim Sterben zugesehen hatte, ihn vor nicht allzu langer Zeit angeknurrt hatte. »Wo sind sie hin?«, fragte er nicht zum ersten Mal.
»Ich weiß es nicht, aber ich
