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Das Geheimnis zur Herrschaft über die Galaxie ist auf einem weit entfernten Planeten versteckt, und interplanetare Mächte würden alles tun, um es zu entschlüsseln. Der zweite Band, nach Zerbrochene Leere, der epischen Space Opera im Universum des beliebten Brettspiels Twilight Imperium. Bianca Xing hat ihr Leben auf einem Provinzplaneten damit verbracht, davon zu träumen, die Sterne zu bereisen. Als ihr Planet vom Baronat von Letnev annektiert wird, kommt Bianca in Gefangenschaft und erfährt, dass sie etwas Besonderes ist – die geheime Tochter eines brillanten Wissenschaftlers, versteckt auf einem abgelegenen Planeten zu ihrer eigenen Sicherheit. Aber die Wahrheit über Bianca ist noch seltsamer. Ihr genetischer Code birgt Geheimnisse, die das Potenzial haben, die Galaxie zu verändern. Angetrieben von einer unfassbaren Sehnsucht und begleitet vom furchteinflößenden Letnev-Captain Dampierre muss Bianca ihrem Schicksal bis ans Ende folgen, selbst wenn es sie an Orte führt, die am besten vergessen bleiben.
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2022
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VON
TIM PRATT
INS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN VON
JOHANNES NEUBERT
TWILIGHT IMPERIUM
Die deutsche Ausgabe von TWILIGHT IMPERIUM: ZERFALLENES IMPERIUM wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler, Übersetzung: Johannes Neubert; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Jana Karsch; Korrektorat: Peter Schild; Satz: Rowan Rüster; Cover-Illustration: Scott Schomburg; Printausgabe gedruckt von CPI book GmbH, Leck. Printed in the EU.
Titel der Originalausgabe:
TWILIGHT IMPERIUM: THE NECROPOLIS EMPIRE
First published by Aconyte Books in 2021
Aconyte Books is an imprint of Asmodee Entertainment Ltd
Copyright © 2022 Fantasy Flight Games. All rights reserved.
Twilight Imperium and the FFG logo are trademarks of Asmodee Group or affiliates.
German translation copyright © 2022 Cross Cult.
Print ISBN 978-3-96658-860-7 (Juli 2022)
E-Book ISBN: 978-3-96658-861-4 (Juli 2022)
WWW.CROSS-CULT.DE
Für Aleister,der seinen eigenen Weg im Universum geht.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
DANKSAGUNGEN
In einem wissenschaftlichen Außenposten auf einem Eismond, der eine Welt aus Matsch, Dschungel und abscheulichem Licht umkreiste, arbeitete Doktor Archambelle daran, die Galaxie zu verändern.
Sie starrte auf ihren Bildschirm, auf eine Vielzahl von Bildern, die in zahlreichen archäologischen Stätten gefunden worden waren – darunter auch die jüngsten aus einem zerfallenden Metalltempel auf dem Planeten unter ihr. Vereinzelte Glyphen und Symbole leuchteten auf dem Bildschirm auf, während ihr System sie verglich, Querverweise erstellte und alles zu übersetzen versuchte. Sie hatten dieselben Ideogramme und Symbole wieder und wieder bei stichprobenartigen Grabungen auf Planeten, Monden und in technologischen Ruinen gefunden, die über die ganze Galaxie verstreut waren. Keines dieser Symbole gehörte zu irgendeiner bekannten Kultur, aber sie entstammten eindeutig derselben Kultur – einer uralten Zivilisation, die sich vor unvorstellbar langer Zeit im gesamten bewohnten Raum und vielleicht darüber hinaus erstreckt hatte.
Immer wieder hatte Archambelle in diesen Fragmenten Hinweise auf eine geheime Welt entdeckt, einen verborgenen Ort, ein Paradies, ein gelobtes Land: Ixth.
Das war ein Ort, von dem sie schon gehört hatte, in den Prophezeiungen ihres eigenen Volkes der Letnev, die sich dieses Paradies als eine hohle Welt voller Höhlen vorstellten, die mit Waffen und Schätzen vollgestopft waren. Aber Ixth tauchte auch in den Legenden der meisten anderen Spezies in der Galaxie auf. Für die Gashlai war Ixth ein Ort voller vulkanischer Schmieden und unendlicher geologischer Reichtümer. Für die Hylar handelte es sich um ein wimmelndes, wohltemperiertes Meer, in dessen Tiefen stillgelegte Alien-Fabriken warteten. Für die Menschen bestand Ixth aus Städten aus Gold mit Brunnen, aus denen exquisiter Alkohol sprudelte. Jede Kultur hatte ihre eigene Vorstellung von diesem Paradies, aber alle waren sich einig, dass dort auf jeden, der es finden würde, unermesslicher Reichtum und Macht warteten. Wenn jeder sich Geschichten über diesen Ort erzählte, mussten diese Geschichten doch auf irgendeiner grundlegenden Wahrheit beruhen, oder etwa nicht?
Wenn Archambelles Theorie stimmte, war Ixth weit mehr als nur eine Geschichte. Es war die Heimatwelt eines alten Volkes, das fast völlig in Vergessenheit geraten war, aber einst über die Galaxie geherrscht hatte. Dieses Volk war verschwunden, doch sie glaubte, dass seine Schätze überdauert hatten und dass die bloße Erinnerung an diese Schätze stark genug war, um selbst Jahrtausende später noch zahlreiche Lieder, Geschichten und Prophezeiungen zu inspirieren.
Es musste einen Weg geben, Ixth zu finden. Archambelle würde diejenige sein, die …
Ihr Computer surrte und mehrere Elemente auf dem Bildschirm rückten in den Vordergrund und fügten sich zu einem Ganzen zusammen, obwohl die Fundorte ihres Ausgangsmaterials Millionen von Kilometern auseinanderlagen. Ja, es fehlten kleinere Areale, aber die Daten reichten aus, um eine Sternenkarte zusammenzusetzen, auf der ein Punkt, nein, eine Welt markiert war. War das Ixth? Konnte es wirklich so einfach sein?
Sie ließ das Bild durch die astronomische Datenbank laufen und fand die Koordinaten. Zu ihrer Überraschung zeigten die Fragmente ein bekanntes System, wenn auch kein sehr interessantes, und der Planet war definitiv nicht Ixth. Diese Welt war sicher kein gelobtes Land, für niemanden. Sie war, wenn überhaupt, ein Planet, von dem jeder, der auch nur einen Funken Verstand besaß, versuchen würde wegzukommen.
Aber es war immerhin etwas. Ein Hinweis. Ein Ausgangspunkt.
Der Computer brummte erneut und übersetzte einen weiteren Hinweis auf diese unscheinbare kleine Welt: »Der Schlüssel zum Schlüssel«.
Das klang vielversprechend. »Ich werde dich schon bald betreten, kleine Welt«, sagte Archambelle und machte sich daran, die nötigen Gefallen einzufordern.
In der Nacht, bevor die Aliens kamen, stand Bianca Xing auf der südlichen Wiese und starrte hinauf in die Dunkelheit. Wie immer wurde ihr Blick von einem bestimmten Teil des Nachthimmels angezogen: von einer leere Stelle in der Mitte eines unregelmäßigen Dreiecks, das von drei Sternen gebildet wurde. Dieser scheinbar willkürliche Punkt wanderte im Laufe der Jahreszeiten am Firmament entlang – mal tauchte er ab, mal stieg er auf, manchmal lag er hinter dem Horizont versteckt –, aber seit sie alt genug war, um nach oben zu schauen, verspürte sie eine unerklärliche Faszination für diese drei Sterne und die Dunkelheit, die sie umgab. Nach fast zwanzig Jahren hier auf Darit, in denen ihr ganzes Leben von Klippen und Wiesen und Wäldern (und der Herde von Capriden, mit ihren Hörnern und der schmutzigen Wolle) geprägt gewesen war, war sie der Antwort darauf keinen Deut näher gekommen, warum dieser Punkt am Himmel ihre Aufmerksamkeit erregte.
»Vielleicht, weil es der am weitesten entfernte Ort ist, den ich mir vorstellen kann«, sagte sie laut. »Ein Ort, der so weit weg ist, dass selbst seine Sterne von hier aus nicht sichtbar sind.« Der Wind wehte ihr das lange, weißblonde Haar aus der Stirn und sie hoffte, dass es romantisch und tragisch aussah, auch wenn niemand sie beobachtete.
Bianca besaß eine dramatische Ader, sehr zur Belustigung ihrer Eltern, und war dafür bekannt, ein wehendes Nachthemd zu tragen und nachts über die Felder zu laufen, während sie über ihr Leben jammerte. Sie war sich ihrer selbst zu sehr bewusst, um das in vollem Ernst zu tun, aber es half ihr, sich die Zeit zu vertreiben.
Bei ihren nächtlichen Wanderungen bestand keine wirkliche Gefahr. Raubtiere wurden durch den Schutzzaun ferngehalten – der eigentlich dazu da war, die Capridenherde zu schützen, aber für sie ebenso nützlich war – und der nächste Mensch befand sich kilometerweit entfernt. Außerdem handelte es sich dabei lediglich um Torvald, der auf der Mech-Farm arbeitete, und der würde ihr nichts antun. Er war so alt, dass er sie sowieso nicht mehr über die Felder jagen konnte, ob mit böser Absicht oder ohne.
Niemand hatte sie je über die Felder gejagt, egal ob mit tödlicher oder mit romantischer Absicht. Dieser Umstand nervte sie zutiefst. Bei den seltenen Ausflügen ihrer Familie in die Stadt, um dort Handel zu treiben oder an den monatlichen Dörflerversammlungen teilzunehmen, sah sie manchmal andere Jugendliche, die ihr schöne Augen machten, aber es gab niemandem, dem sie ebenfalls schöne Augen machen wollte, außer vielleicht Mallory Zeen (ihr Bizeps!) oder Compton Sadler (seine Wimpern!), aber die beiden waren schon miteinander in einer Beziehung und außerdem reich, nicht so ein Bauernkind aus dem Randbezirk wie sie. Bianca ignorierte standhaft die gelegentlichen Flirtversuche der Söhne und Töchter und Enbys, die den Hof besuchten; als sie sich eines Sommers gelangweilt hatte, hatte sie ihren Nachbarn Grandly ein wenig zu sehr ermutigt und seitdem klammerte er sich an sie wie eine Zecke. Grandly war zwar nett und beide Elternpaare meinten, sie würden gut zusammenpassen, aber Grandlys Leben war genauso wie das von Bianca, abgesehen von einem Stechkrautbeet oder einem Wurzelkeller mehr oder weniger. Sie wollte mehr vom Leben, nicht mehr vom gleichen Einerlei.
Ihre Mutter Willin sagte, sie habe ihre Ziele zu hoch gesteckt: »Du schaust immer zu den Sternen auf, Bianca, aber es gibt auch wunderbare Dinge hier unten direkt vor deinen Füßen.« Ihr Vater Keon paffte bloß seine Pfeife und meinte: »Mmmmh, ja ja.«
Eltern.
Allerdings würde Bianca bald zwanzig werden und die Zeichen waren in letzter Zeit deutlicher geworden. Sie musste herausfinden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte, denn jede Nacht auf den Feldern herumzuhängen würde nirgendwo hinführen, auch wenn sie stets darauf achtete, zuerst alle ihre Aufgaben zu erledigen. Ihre Optionen waren einfach alle schrecklich. Paarbindung mit Grandly? Nein, danke. Bei Torvald auf dem Schrottplatz arbeiten? Besser, aber immer noch zu wenig. Einen Sack voll Essen stehlen und sich auf den Weg machen, um ihr Glück zu suchen? Viel besser, aber sie könnte einmal komplett um Darit herumlaufen und trotzdem den Sternen – der Ort, wo sie wirklich hinwollte – kein bisschen näher kommen. Sie hatte Geschichten über Weltraumreisen gelesen, aber niemand auf Darit war dazu in der Lage.
Ein neues Licht erschien am Himmel. Zuerst dachte Bianca, es sei eine verirrte Reflexion von einem der Orbitalspiegel. Darit war eine felsige, kalte, unwirtliche Welt, aber die ursprünglichen, inzwischen längst verstorbenen Kolonisten hatten Maßnahmen ergriffen, um gewisse Regionen des Planeten bewohnbar zu machen, vor allem durch Orbitalspiegel, die Licht bündelten, um die Oberflächentemperatur in Dutzenden von Zonen zu erhöhen. Außerdem gab es die schwebenden Regenmacher, bauchige, blassgraue Gebilde, die unablässig hoch oben durch die Luft glitten, Wasser sammelten und die Wolken zum Regnen anregten. Der alte Torvald spekulierte, dass hier noch weitere uralte Technologien am Werk waren – atmosphärische Maschinen, die als Berge getarnt waren, Kohlenstoffspeicher, die wie Bäume aussahen, vergrabene Bodenanreicherungsgeräte –, doch wer wusste das schon mit Sicherheit? Ihre Vorgänger hatten große Macht besessen, aber niemand kannte das Ausmaß oder wusste, warum sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatten, Teile einer Eiskugel wie Darit bewohnbar zu machen.
Sie blinzelte und entschied, dass es sich bei dem Licht nicht um eine Spiegelreflexion handeln konnte, weil es sich zu schnell bewegte. Also nur eine Sternschnuppe? Nein, denn der Streifen wurde langsamer und stoppte und verdichtete sich dann zu einem festen Punkt, der nicht mehr blinkte. Jetzt sah er wie ein Stern aus, aber Bianca kannte jeden Stern in ihrem Teil des Himmels und ließ sich davon nicht täuschen.
Sie starrte das Licht eine lange Zeit an, aber es tat nichts Interessantes. Vielleicht war es ein Schiff? Ein echtes Raumschiff? Torvald hatte auf der Mech-Farm einige Schrottteile, von denen er behauptete, dass sie von Schiffen stammten, aber die waren kaputt, rostig und verbogen. Dieses Raumschiff musste elegant, schimmernd und mächtig sein, wie jene in den Geschichten.
Vielleicht war es ein Abgesandter des Kaisers der Galaxie!
Sie hatte über das Imperium in Büchern gelesen, die sie aus dem Gewölbe unter dem Dörflerversammlungssaal mitgehen gelassen hatte, und der alte Torvald kannte eine Menge Geschichten über Kriege, Schlachten und Intrigen, aber sie stimmten nicht alle miteinander überein, was er auch selbst zugab. Was könnte der Kaiser von einem Ort wie diesem überhaupt wollen? Vielleicht verfügte Darit über irgendeine seltene Ressource, die das Imperium brauchte – es gab überall verlassene Minen, also vielleicht existierte hier ein Erz, das man nirgendwo anders finden konnte? Möglicherweise ging es auch um eine seltene Pflanze oder vielleicht waren die Capriden die Quelle einer Wunderdroge, die Unsterblichkeit verlieh, und der Kaiser wollte hier einen Raumhafen bauen und neue Menschen aus der ganzen Galaxie ansiedeln.
Womöglich waren sie eigentlich wegen ihr hier. Das war der Beginn einer alten Fantasie, die sie im Laufe der Jahre sorgfältig ausgeschmückt hatte: Sie war insgeheim eine Prinzessin, die zu ihrer eigenen Sicherheit auf einem abgelegenen Planeten versteckt worden war, aber wenn die Zeit gekommen war, würde sie gerettet werden und ihr ruhmreiches Geburtsrecht zurückerlangen.
So weit hergeholt war das gar nicht. Bianca war adoptiert worden und ihre biologischen Eltern waren unbekannt, so viel stimmte also. Ihr Vater hatte sie als Baby im Wald gefunden, schreiend und hilflos, und ihre Eltern hatten sie seither wie ihr eigenes Kind aufgezogen. Die Wahrheit über ihre Herkunft war das Geheimnis, das im Mittelpunkt ihres Lebens stand – in einer kleinen Gemeinde wie der ihren war das Auftauchen eines unbekannten Kindes ein waschechtes Mysterium. Was, wenn sie heimlich die Tochter des Kaisers war, gezeugt mit einer Mätresse, und die Frau des Kaisers wollte sie töten, also hatte ihr Vater sie auf diesen abgelegenen Planeten geschickt, wo sie sicher war, weil hier niemand nach ihr suchen würde? Vielleicht gehörte das neue Licht am Himmel zu einem Schiff voller Attentäter, die sie ermorden wollten, bevor sie den Thron besteigen konnte?
Bianca runzelte die Stirn. Nein, zu düster. Besser: Die gemeine Frau des Kaisers war tot, der Kaiser war krank und da es keine anderen Erben gab, brauchte man sie, denn ohne sie würde das Imperium zusammenbrechen! Sie waren hier, um sie auf einem kaiserlichen Vergnügungsschiff mitzunehmen, sie in schimmernde Roben zu kleiden, sie mit seltenen Juwelen zu krönen und ihr gute Manieren und Verhaltensweisen beizubringen.
Sobald sie auf der imperialen Hauptwelt landete – sie hatte vergessen, wie Torvald sie genannt hatte, Mehibatel Rocks oder so? –, würden ihre treuen Untertanen ihren Namen rufen und Blumen zu ihren Füßen streuen. Dann würde sie ihre wahren Eltern kennenlernen, ihre Mutter würde von der Mätresse zur Königin (oder Kaiserin oder was auch immer) befördert werden, der Kaiser würde sich von seiner Krankheit erholen und bereit sein, seine Tochter in die Arme zu schließen und ihr die hohe Kunst des Krieges und der Diplomatie und der Kultur und …
Ein zotteliger und stumpfhörniger Capride stieß Bianca mit dem Kopf gegen den Hintern und blökte sie an. Bianca seufzte, klopfte dem Capriden auf den Kopf und stapfte zurück zum Bauernhaus, das neue Licht am Himmel bereits vergessen, da all ihre Gedanken schon wieder der morgigen Arbeit galten.
Am nächsten Tag wälzte sich Bianca im Morgengrauen aus ihrem schmalen Bett und zündete die Feuerstellen im Haus an. Ihre Mutter hatte das fast Biancas ganzes Leben lang getan, aber Willin wurde langsam alt und konnte sich nicht mehr so gut wie früher bewegen. Bianca war sich bewusst, dass sie selbst allmählich aus ihrer Rolle als Kind herauswuchs und stattdessen zu einer Last wurde, also war es wichtiger denn je, ihren Eltern unter die Arme zu greifen.
Ihr Vater tauchte auf, als sie gerade das Wasser erhitzte, und küsste sie auf den Kopf, wozu er sich herunterbeugen musste. Bianca war die kleinste Person in ihrer Familie, die anderen überragten sie nahezu um einen halben Meter. Das war nur eines der Merkmale, die sie als Findelkind und als nicht blutsverwandt kennzeichnete: Ihr Haar war zudem so hell, dass es fast weiß wirkte, im Gegensatz zum üppigen Rot ihrer Mutter und dem lockigen Schwarz ihres Vaters; ihre Haut war golden und unterschied sich von der Blässe ihrer Mutter oder der tiefbraunen Haut ihres Vaters; und während Willin und Keon beide breit und stämmig gebaut waren, war Bianca eher zierlich, obwohl man nicht sein Leben lang auf einer Farm arbeiten konnte, ohne ein paar Muskeln anzusetzen. Ihre Mutter hatte blaue Augen und die ihres Vaters besaßen ein hypnotisierendes Grün, während ihre eigenen Augen so dunkel waren, dass sie fast schwarz wirkten, und … na ja, sie hätte noch mehr aufzählen können.
Das Gefühl, nicht in ihre Familie zu passen, war nur der Anfang davon, wie sehr sie sich als Außenseiterin fühlte. Die Menschen in diesem Teil von Darit waren ein bunter Haufen, aber fast alle waren größer als sie und sahen kräftiger aus. Schon oft hatte sie gehört, dass die Leute sagten, sie hätte ein »kränkliches« Aussehen, obwohl sie noch nie im Leben krank gewesen war. In den Büchern, die sie las, gab es um Menschen mit ungewöhnlichen Eigenschaften stets jede Menge Spekulationen und ihnen galt besondere Aufmerksamkeit, doch hier runzelten die Leute nur die Stirn und beäugten sie, als wäre sie ein Problem, um dessen Lösung sich jemand anderes kümmern sollte. Falls sie sie überhaupt anschauten, was nicht häufig der Fall war.
»Kannst du zu Torvald gehen und eine neue Energiezelle für uns holen?«, fragte ihr Vater.
»Er hat nichts, was neu ist«, murmelte Bianca, während sie einen Topf mit Getreidebrei für das Familienfrühstück aufwärmte.
»Neu für uns ist gut genug«, erwiderte Keon gut gelaunt. »Die Brunnenpumpe zieht das Wasser sehr langsam und die Lampen in der Scheune werden langsam schwächer. Mit der Energiezelle, die wir haben, können wir noch ein paar Tage durchhalten, aber ich hätte gern eine neue da, wenn das Licht ausgeht.«
Bianca seufzte. »Die Reise wird lang und gefährlich, aber wenn meine Familie mich braucht, werde ich das Wagnis …«
»Das weiß ich sehr zu schätzen.«
Es war unmöglich, ihren Vater zu ärgern. Das hielt Bianca nicht davon ab, es zu versuchen. Es machte ihr nichts aus, zur Mech-Farm zu gehen, wenn sie ehrlich war. Ein Besuch dort war stets eine nette Abwechslung von der alltäglichen Arbeit auf dem Hof. Aber es ging ums Prinzip: Alle Aufgaben waren ihr zuwider, alle Besorgungen waren Zeitverschwendung und ihr ganzes Dasein auf dem Hof war nur ein Hindernis, das … nun, was im Weg stand? Das war das Problem. Ihre Eltern hätten sie fraglos bei allem unterstützt, was sie tun wollte. Aber was gab es schon zu tun? Sie konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, mit Grandly sesshaft zu werden, Kinder zu bekommen und ihr Leben damit zu verbringen, Babys und Capriden zu füttern. Noch nicht. Es musste mehr im Leben geben als das, sonst würde sie nicht das Gefühl haben, überhaupt ein Leben gelebt zu haben.
Sie zog ein kurzes gelbes Kleid an – ihre Mutter murrte, dass es für Dörflerversammlungen gedacht war und nicht für die Arbeit auf dem Hof, aber Bianca konnte doch wenigstens Stil haben, oder? Sie zog eine Hose und Stiefel unter dem Kleid an und dazu eine dunkelbraune Leinenjacke, denn es war heute ein wenig frisch. Das störte den leichten Look, den sie erzielen wollte, zwar etwas, aber wie gesagt: Es ging ums Prinzip.
Bianca besaß ein Fahrrad mit schönen dicken Reifen, mit dem sie auf dem Grundstück herumfahren konnte, und es gab Wege, die bis in die Stadt führten, aber die Mech-Farm lag auf der anderen Seite des Hofs, auf einer Klippe mit Blick auf die Bucht, die man nur über eine mehrere Kilometer lange unebene Steigung erreichen konnte, und da sie kein mechanisches Transportmittel besaß, war der einfachste Weg dorthin zu Fuß.
Sie verließ das Haus mit einem Wanderstock in der Hand, mit dem man gut Banditen abwehren konnte, wie sie sich gerne vorstellte. Nicht, dass es hier irgendwelche Banditen in der Gegend gegeben hätte. In den Büchern hausten im Wald mordlustige Plünderer, aber alles, was hier versuchte, im Wald zu leben, hätte sich glücklich schätzen können, wenn es eine Woche überlebt hätte. Sobald es dunkel wurde, kamen die Nachtkriecher heraus, und die konnten einen Menschen genauso rasch davonschleppen wie jede andere Beute. Sogar tagsüber gab es Gefahren in diesen Wäldern. Im Wald waren alte Dinge vergraben, uralte Maschinen aus Darits geheimnisvoller Vergangenheit, und einige von ihnen lagen nicht sehr tief unter der Erde. Bianca hatte als Kind Geschichten über glühende Steine, leuchtende Säulen und surrende Drähte gehört, die sich wie Efeu um die Bäume rankten – alles Überbleibsel eines vergangenen Zeitalters. Einige dieser Überreste konnten einen schneller töten als ein Nachtkriecher … oder viel langsamer, was noch schlimmer war.
An diesem Tag war der Himmel fast komplett blau, mit nur einer Handvoll dicker Wolken und einem Regenmacher, der ziellos umherschwebte. Die Sonne spendete Licht, aber nicht wirklich viel Wärme, und von Darits drei Monden war nur die blasse Sichel des Kindes zu sehen, Vater und Mutter versteckten sich hinter dem Horizont. Torvald hatte erzählt, er habe einmal ein fernes Tal besucht, wo die Menschen die Monde Mama, Papa und Baby nannten. Wie albern war das denn?
Sie folgte dem Pfad über einen Bergrücken und hielt auf dem Gipfel inne, um die Aussicht zu genießen. Im Süden konnte sie gerade noch das glitzernde Meer ausmachen, dessen wahre Weite im fernen Dunst verborgen lag. Im Westen sah sie die Turmspitze des Dörflerversammlungssaals, das einzige sichtbare Zeichen ihres Dorfes, obwohl die Straße zur nächstgelegenen Siedlung ebenfalls in dieser Richtung lag. Im Osten und Norden gab es nur Wald, so weit das Auge reichte. Von hier aus wirkte er wie eine undefinierbare braune Masse, aber aus der Nähe betrachtet entpuppte er sich als eine eigene Welt aus dichten, hoch aufragenden Bäumen und verschlungenen Reben (und den köstlichen Pilzen, für die sich die Tapferen, Törichten oder gut Bewaffneten in den Wald wagten, um sie zu ernten). Der nördliche Teil des Waldes war weniger bedrohlich, da die Förster dort den Waldrand abholzten, aber im Osten erstreckte sich unberührte Wildnis.
Bianca drehte sich um und blickte zurück auf den Weg, den sie gekommen war. Da unten lag ihr Haus, umgeben von Feldern und Weiden. Rauch stieg von den Feuern auf, die sie angezündet hatte. Auf der nächstgelegenen Wiese bewegte sich ein winziger Punkt, der ihr Vater sein musste, um die Capridenherde herum. Die Tiere produzierten Milch und Wolle und ab und zu Fleisch, aber hauptsächlich produzierten sie Dung und Lärm und Matsch. Bianca wünschte sich so sehr, dem Matsch zu entkommen. Im Weltraum gab es keinen Matsch.
Sie ging weiter den Bergrücken entlang, bis sie das ausgetrocknete Bachbett erreichte, das sie endlich auf einen anständig befestigten Weg führte. Man konnte ihn fast schon als Straße bezeichnen, die sich von Torvalds Schrottplatz hinunter ins Dorf schlängelte. Das letzte Stück der Straße war jedoch steil und befand sich in schlechtem Zustand. Sie hatte Torvald einmal gefragt: »Warum reparierst du sie nicht? Du könntest doch sicher einen Straßenbau-Mech zusammenschustern.«
»Schon«, hatte er geantwortet, »aber da die Straße schlecht ist und die Leute keine Karren oder Wagen hier hochbringen können, mieten sie normalerweise einen meiner Fracht-Mechs, um Dinge zu und von ihrem Fahrzeug zu transportieren. Und das ist gut für den alten Torvald, nicht wahr?«
Sie hatte geschnaubt, weil sie wusste, dass er bloß Unsinn erzählte – die Hälfte der Leute, mit denen er zu tun hatte, kaufte bei ihm auf Kredit, und Torvald war nicht gerade eifrig, was das Eintreiben von Schulden anging. Der Großteil der anderen Hälfte bezahlte ihn mit einem Teil der Ernte, die dank seiner Mechs so viel leichter einzubringen war. Er mochte es einfach, so zu tun, als sei er ein gerissener Händler, der auf einem Schatz hockte. In gewisser Weise besaß er einen genauso großen Hang zu Fantasien wie Bianca. Das war wahrscheinlich der Grund, warum sie sich so gut verstanden.
Sie stand vor dem hohen Tor der Mech-Farm, das aus zusammengeschweißtem Schrott bestand, und klopfte mit ihrem Gehstock dagegen.
»Nennt Euren Namen und Euer Anliegen«, sagte das Tor mit rauer und knirschender mechanischer Stimme.
»Mein Name ist Kaiserin Bianca und ich bin hier, um den alten Mann zu ermorden.«
»Tretet ein«, sagte das Tor. Die kleine Tür, die in den linken Torflügel eingelassen war, entriegelte sich mit einem Klick. Das große Tor öffnete sich nur, wenn etwas wirklich Großes hindurchmusste.
»Ich meine es ernst«, sagte sie. »Ich bin auf einer Mordmission.«
»Tretet ein«, sagte das Tor erneut und diesmal surrte es, wie um die Worte zu betonen. Während der Geschäftszeiten öffnete und schloss sich das Tor für Besucher, aber diese Stimme verstand nicht, was man sagte, und schien sich auch kein bisschen dafür zu interessieren. Torvald sagte, er hätte von intelligenten Maschinen gelesen, aber auf Darit gab es keine und er hatte keine Ahnung, ob diese Geschichten realer waren als die Erzählungen über Walddämonen, außerirdische Zauberer oder Seeungeheuer, die er im Laufe der Jahre gesammelt hatte.
Im Inneren angekommen ließ Bianca den Blick über das Chaos der Mech-Farm wandern, um zu sehen, ob es etwas Neues gab. Das Panorama hier bestand hauptsächlich aus mehreren Haufen Schrott, manche gerade mal so groß wie sie selbst, andere dreimal so hoch, die alle darauf warteten, repariert, umfunktioniert oder eingeschmolzen zu werden. Einige dieser Haufen warteten schon seit Jahrzehnten. Es gab Räder, Stangen und Bleche; mysteriöse Zylinder, Kugeln, Würfel und unordentliche Spulen von Drähten, Kabeln und Leitungen. Die vorherrschenden Farben waren grau und mattes Silber, aber manche Dinge leuchteten bunt oder schillerten eigenartig. Bei ein paar Teilen hätte man vermuten können, dass sie einst zu automatisierten Transportern oder sogar Raumschiffen gehört hatten, doch sie bildeten gemeinsam mit Bettgestellen, rostigen landwirtschaftlichen Maschinen, Metallfässern und kaputten Geräten ein wildes Durcheinander. Dank Torvald verfügte Grandlys Familie über einen funktionierenden Eisschrank; das hatte Bianca in der heißesten Phase des Sommers beinahe dazu verleitet, Grandlys letzten Antrag anzunehmen.
Außerdem gab es unzählige kaputte Mechs, solche, die halb so groß waren wie sie selbst, bis hin zu Kolossen, die so groß waren wie ihr Haus. Einst war Darit ein Bergbauplanet gewesen, hatte Torvald mal erzählt, eine Kolonie des Imperiums, und es hatte Legionen von Mechs hier gegeben, um die Flöze zu bearbeiten und die Bewohner zu versorgen. Natürlich war das so lange her, dass niemand wusste, ob das Imperium noch existierte, und die meisten Leute hatten keinen Schimmer, dass es überhaupt jemals existiert hatte. Allerdings existierten immer noch jede Menge Überreste, die überall vergraben lagen, und Torvalds Familie hatte sich seit Generationen darauf spezialisiert, sie zu bergen und reparieren. Manchmal fanden die Leute Dinge auf ihren Feldern oder noch öfter im Wald (wenn sie sich hineinwagten) und brachten diese Kuriositäten zu Torvald, um mit ihm zu handeln. Bianca hatte im Laufe der Jahre mit ihren eigenen Funden beim Steinesammeln auf den Feldern genug Geld für ein paar Kleider verdient – es handelte sich zwar nur um Stücke von farbigem Glas, verschlammte Sprungfedern und faustgroße Bolzen, doch Torvald konnte sie wieder zum Glänzen bringen und brauchbar machen.
Torvald kam aus seiner Hütte und wischte sich die fettigen Hände an seiner schmutzigen Latzhose ab. Er grinste und sein faltiges Gesicht leuchtete auf. »Bee! Hast du mir was Nettes mitgebracht?«
»Ich habe mich selbst mitgebracht. Was gibt es Netteres?«
»Ich würde dich gegen ein kaputtes Rheostat eintauschen, aber ich schätze, du musst wohl reichen, wenn das alles ist, was du dabeihast.« Torvald war nie eine Paarbindung eingegangen oder hatte eigene Kinder gehabt – man munkelte, dass ihn der Kontakt mit einigen der exotischeren Gegenständen in den Tiefen der Mech-Farm unfruchtbar gemacht hatte, aber Bianca war sich ziemlich sicher, dass er sich einfach nie darum geschert hatte – und sie fragte sich manchmal, was mit diesem Ort geschehen würde, wenn er irgendwann starb. Er hatte ihr gesagt, dass sie bei ihm in die Lehre gehen konnte, wenn sie wollte, und das stand derzeit ganz oben auf ihrer mentalen Liste mit dem Titel »Die am wenigsten furchtbare von all den furchtbaren Optionen, die ich hasse«, gleich über »Von zu Hause weglaufen« und »Paarbindung mit Grandly eingehen und wenigstens den ganzen Sommer über Eis essen«. (»Von zu Hause weglaufen« wäre weiter oben auf der Liste gewesen, doch diese bewohnbare Zone war nun mal begrenzt und die Orte, die sie ohne Transportmittel und Kälteschutzausrüstung, um die dazwischenliegende Tundra zu überbrücken, erreichen konnte, waren nicht viel anders als der, an dem sie lebte.)
»Was kann ich für dich tun, wenn du schon nicht mit Geschenken gekommen bist?«, fragte er.
»Papa sagt, unsere Energiezelle macht langsam schlapp. Ich bin hier, weil ich wissen will, wie viel du uns für eine neue Zelle aus den Rippen schneiden willst.«
Er kaute auf einem Zahnstocher, der ihm zwischen den Lippen steckte. »Ach, nur ein bisschen was. Einer der Förster ist über einen Stein gestolpert, der sich als die Ecke eines autonomen Frachtcontainers herausgestellt hat, der in einem trockenen Bachbett vergraben war. Ich habe keine Ahnung, wie lange er schon dort lag. Der Förster hat einen Entwurzelungs-Mech benutzt, um den Boden rundherum freizulegen, bis er auf eine Luke gestoßen ist. Weißt du, was er darin gefunden hat?«
»Den sicheren Tod?« Bianca kochte vor Eifersucht. Sie hatte noch nie etwas entdeckt, das größer war als etwas, das sie mit beiden Händen hochheben konnte.
»Da drin gab es vor allem einen Haufen Kisten, in denen wahrscheinlich früher Rationen waren, bevor sie zu Schimmel geworden sind. Aber er hat außerdem ein halbes Dutzend Energiezellen gefunden, die nur wenig Ladung verloren haben. Sie sind natürlich nur langsam angesprungen, aber ich habe sie wieder hinbekommen. Ich kann dir eine überlassen, wenn du für mich einen Capriden schlachtest, bevor das Jahr rum ist.«
Das war ein gutes Angebot. Sie seufzte schwer und schüttelte den Kopf. »Du bist ein Bandit, Torvald. Wenn ich das Angebot an Papa weiterleite, wird er mich abschlachten.«
»Du musst mich auch zum Abendessen am Wendetag einladen«, fügte er seelenruhig hinzu. »Ich vermisse den Wurzelbrei deiner Mutter.«
Dazu luden sie ihn sowieso immer ein. »Ich bin nur ein bescheidenes Bauernmädchen und kein Gegner für die grausamen und raffgierigen Listen eines Großstädters wie Euch«, sagte Bianca. »Es ist ein …«
Etwas jagte heulend aus Richtung des Meeres über den Himmel. Bianca schrie auf und hielt sich die Ohren zu, als das schreckliche Brüllen sie von den Schädelknochen bis zu den Zehen erschütterte.
Das – Schiff? – hatte sie innerhalb eines Wimpernschlags passiert und der Wind vom Vorbeiflug war so heftig, dass er eine riesige Staubwolke aufwirbelte und einen Haufen Blech krachend umstürzen ließ.
»Was war das?«, rief Bianca, die Ohren noch taub von dem Lärm.
»Aliens, vermute ich«, rief Torvald zurück. »Und sie fliegen auf den Wald zu.«
»Was wollen sie im Wald?«, fragte Bianca. »Warum landen sie nicht im Dorf?«
»Wohin sie gehen, hängt davon ab, weswegen sie hier sind, nehme ich an«, sagte Torvald. »Komm mit in die Hütte. Ich muss mir was ansehen.«
Sie starrte ihn an. »Wovon redest du? Aliens sind hier! Aliens aus dem Weltraum!«
»Wahrscheinlich nicht aus dem Weltraum, Bee. Leute – sogar Aliens – leben normalerweise nicht im All. Da oben ist es nicht sehr angenehm. Es ist kalt, es gibt nichts zum Atmen und jede Menge Strahlung. Diese Aliens kommen vermutlich von einem Planeten oder Mond, von einer Raumstation oder vielleicht auch von einem Asteroiden.«
»Was weißt du darüber?« Sie drehte sich zu ihm um, die Fäuste geballt, unsicher, warum sie plötzlich so wütend war. »Du redest immer so, als würdest du alle Geheimnisse der Galaxie kennen, dabei wurdest du genau wie ich auf dieser Matschkugel geboren, und du weißt gar nichts!«
»Im Moment weiß ich nicht viel, das stimmt.«
Torvald war nicht so unerschütterlich wie ihr Vater, aber er neigte dazu, auf ihre Ausbrüche mit einer Art von distanziertem Amüsement zu reagieren. Er führte sie zu seiner kleinen Hütte. »Ich kann dir nicht sagen, wer auf dem Thron auf Mecatol Rex sitzt, falls das überhaupt jemand tut. Aber ich weiß eine Menge darüber, wie die Dinge früher waren. Ich habe so was wie ein … Familienerbstück in meiner Hütte. Beziehungsweise darunter. Eine Truhe voller Geheimnisse, nur dass die meisten davon niemanden auf diesem Planeten interessieren würden, selbst wenn ich mitten in einer Dörflerversammlung aufstehen und sie alle preisgeben würde. Aber ich denke, dich werden sie interessieren, und wenn du mein Angebot angenommen hättest, bei mir in die Lehre zu gehen, hätte ich sie dir gezeigt. Aber heute …« Er hielt einen Augenblick inne und schaute in den Himmel. »Heute ist vielleicht der Beginn einer ganz neuen Welt. Plötzlich kommt mir die Idee, meine Geheimnisse zu hüten, albern vor, zumal die aktuellen Ereignissen womöglich etwas mit unserer Geschichte zu tun haben könnten. Kommst du jetzt mit, damit ich dein Verständnis für das Universum und unseren kleinen Planeten erweitern kann?«
Sie nickte und ihre Wut verpuffte. Geheimnisse? Die mochte sie. Zumindest glaubte sie, dass ihr so etwas gefallen würde. Sie hatte nie ein Geheimnis gekannt, das diesen Namen wirklich verdient hatte.
Torvald öffnete die schmale Tür und bat sie herein. Sie war schon ein paar Mal in seiner Hütte gewesen, aber es gab darin nicht viel zu sehen: Sie bestand aus einem großen Zimmer mit einem Bett, ein paar Stühlen und einem Tisch, einem Schreibtisch, einem Bildschirm, der meistens nur flimmerte, und Regalen mit Büchern. Es gab eine Küche mit sämtlichen Küchengeräten, von denen sie je gehört hatte (die meisten funktionierten sogar, obwohl ein paar rein dekorativ waren, wie das Gerät, das angeblich Toast machen sollte). Ein kleiner Mech mit einem kuppelförmigen Kopf, der fürs Aufräumen zuständig war, allerdings keinen guten Job machte, wenn er überhaupt mal funktionierte, stand gerade ausgeschaltet in der Ecke. Die Hütte hatte nur eine Tür, und die führte zu einem kleinen, ordentlichen Bad mit einer Toilette und einer Dusche.
Diesmal jedoch hob Torvald den verblichenen alten Teppich an und darunter befand sich … noch mehr Steinboden. Sie hatte auf eine geheime Luke oder eine Falltür oder so etwas gehofft. »Stell dich neben mich«, sagte er. Sie gehorchte und er räusperte sich. »Zwei Freunde auf dem Weg nach unten.«
Der Boden bewegte sich und sie stolperte gegen Torvald, als ein quadratischer Abschnitt des Bodens von zwei mal zwei Metern sich mit einem Ruck in Bewegung setzte und einen glattwandigen Schacht hinunterfuhr – und das sehr schnell. »Was ist das?«
»Ein Aufzug«, sagte er.
Sie ließ ihn los, richtete sich auf und weigerte sich, beeindruckt zu wirken. »Blöder Name. Wir fahren nach unten. Es sollte Abzug heißen.«
»Er fährt auch wieder rauf, Bianca.«
Sie schaute hoch, wo sich die Decke über ihrem Kopf immer weiter entfernte.
»Das ist gut. Das wäre sonst ein langer Aufstieg.«
Nach ein paar Augenblicken kamen sie rumpelnd zum Stehen. »Na toll«, sagte Bianca. »Wir sind unten in einem trockenen Brunnen …«
Die Wand vor ihr teilte sich in zwei Hälften, eine Seite verschwand nach links, die andere nach rechts. Erneut packte sie Torvalds Arm. Sie hatte schon vorher automatische Türen gesehen – in Torvalds Tor natürlich und im Dörflerversammlungssaal gab es eine –, aber die schwangen einfach rein und wieder raus! Sie verschwanden nicht in den Wänden!
»Komm mit.« Torvald trat in die Dunkelheit. In die Decke eingelassene, weiße Lampen gingen an und beleuchteten einen Raum, der etwa so groß war wie der Wohnraum darüber, wobei eine Metalltür an der hinteren Wand darauf hindeutete, dass es dahinter noch weiterging. Die Wände, der Boden und die Decke bestanden aus grauem Metall und es gab nur wenige Möbelstücke – eine einfache Pritsche, einen Drehstuhl und einen Tisch.
An einer Wand hing ein riesiger leerer Bildschirm. Die Bürgermeisterin im Dorf verfügte über einen funktionierenden Bildschirm, der eine zehnminütige Schleife von bizarren Vögeln zeigte, die noch nie jemand im wirklichen Leben gesehen hatte und die über einen purpurnen Ozean flogen, doch dieser Bildschirm war locker doppelt so groß. Bianca hätte direkt darauf zugehen und die Arme ausstrecken können, ohne den Rand zu berühren. »Was ist das hier für ein Ort?«
»Wir nennen ihn den Bunker«, sagte Torvald. »Er ist schon so lange im Besitz der Familie, dass niemand mehr weiß, wer ihn ursprünglich gefunden hat. Meine Eltern haben mir erzählt, dass solche Kammern wahrscheinlich über ganz Darit verstreut liegen, aber ich habe nie selbst eine entdeckt und auch noch niemanden getroffen, der eine gefunden hätte. Ich wünschte, ich hätte es, denn wenn sie alle solche Schätze enthielten wie diese hier, wäre ich ein reicher Mann. Natürlich wüsste ich nicht, was ich tun würde, wenn ich ein reicher Mann wäre. Mehr Schrott kaufen, wahrscheinlich. Schrott ist schließlich mein Leben.«
»Moment. Du hast was von einem Schatz erzählt. Was für ein Schatz?« Hier gab es keine Truhen voller Goldmünzen, keine Regale mit seltsamen Waffen, keine glänzenden Kronen, seltenen Stoffe oder Kunstwerke.
»Informationen, Bee. Wissen.« Er ging auf den Bildschirm zu. »Lokale Kameraüberwachung anzeigen.« Der Bildschirm leuchtete auf und offenbarte einen Blick auf die Mech-Farm und seine Hütte, allerdings aus einer seltsamen Perspektive – so wie man sie sehen würde, wenn man auf einem der vertikalen Pfosten neben dem Tor stehen würde, dachte Bianca. »Spulen wir mal, hmm, zehn Minuten zurück.«
Der Bildschirm flackerte und zeigte nun Bianca und Torvald, die zwischen den Schrotthaufen standen und sich unterhielten. »Das sind ja wir!«, rief sie.
»Da oben sind Kameras montiert, die alles aufzeichnen. Jetzt kommt es.«
Das Schiff raste über den Bildschirm. »Bild einfrieren«, sagte Torvald.
Wie eingefroren hing das fliegende Gefährt auf dem Bildschirm, gerade noch sichtbar in der oberen Ecke des Bildes. Das Schiff war größer als Biancas Haus, bestand aus dunklem Metall und war mit Stacheln und Dornen übersät wie eine Art Kaktus, der durch die Luft flog. »Analysiere das Schiff und bestimme seine Herkunft«, sagte Torvald. Die Wand fing an zu summen.
»Mit wem sprichst du?«, fragte Bianca. »Du hast gesagt, es gäbe keine intelligenten Maschinen auf diesem Planeten.«
»Oh, na ja. Der Bunker ist nicht wirklich intelligent. Er weiß nicht wirklich etwas – er enthält nur Wissen. So ähnlich wie ein Buch. Der Bunker kann nicht denken, genauso wenig wie ein Buch. Aber stell dir vor, du hättest ein Buch, zu dem du sagen könntest: ›Blättere zu der Stelle mit der Kussszene, die ich mag‹, und es würde direkt die entsprechende Seite aufschlagen? Oder wenn du sagen könntest: ›Wie heißt die Figur, die die Tochter des Helden getötet hat‹, und das Buch könnte dir antworten? So ist das hier.«
»Hört sich ziemlich intelligent an«, sagte Bianca.
»Könnte sein, dass die Grenzen zwischen intelligent und nicht-intelligent bei manchen Maschinen etwas verschwimmen«, räumte Torvald ein. »Der Bunker ist kein besonders guter Gesprächspartner, so viel kann ich zumindest sagen. Aber er hat ein langes Gedächtnis, vollgestopft mit der Geschichte dieses Planeten aus der Zeit, als er noch eine imperiale Bergbaukolonie war, hauptsächlich in Form von Aufzeichnungen, die von einer Frau stammen, die sich ›Interimsprovinzgouverneurin‹ nennt. Ich kann dir nicht sagen, was in den letzten dreitausend Jahren außerhalb von Darit passiert ist, aber wenn du wissen willst, was davor in der Galaxie los war, weiß ich zumindest einen Teil davon.«
»Schiff unbekannt«, verkündete die Wand mit einer warmen, weiblichen Stimme.
Torvald seufzte. »Das hatte ich befürchtet. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Aliens ein Schiff fliegen würden, das so alt ist, dass mein Bunker es erkennen würde, aber einen Versuch war es wert. Hmm. Bunker, welche Art von Schiff kommt dem, das wir gerade gesehen haben, am nächsten?«
»Das nächste vergleichbare Schiff ist ein leichter Kreuzer des Baronats von Letnev.« Eine Zeichnung erschien auf dem Bildschirm und sie hatte tatsächlich viele Gemeinsamkeiten mit dem Gefährt, das sie gesehen hatten, besonders die Art und Weise, wie der Rumpf mit bedrohlich wirkenden Noppen und Wülsten übersät war. »Es gibt mehrere Überschneidungen in Struktur und Design, doch das zuletzt aufgezeichnete Schiff ist viel kleiner.«
»Das liegt daran, dass es eine Art Shuttle ist«, murmelte Torvald. »Aber wenn das Design und die Ästhetik ähnlich sind, dann ist es vielleicht ein Schiff des Baronats.«
»Wofür sind diese ganzen Stacheln?«
»Vielleicht sind es Sensoren«, überlegte Torvald. »Oder Waffen. Vielleicht mögen die Letnev auch einfach nur diesen Look, so wie Milt Karnecki die Flammen toll findet, die er auf die Seite seines Autowagens gemalt hat. Ich kann es dir nicht sagen.«
»Du bist derjenige mit der geheimen Datenbank voller verborgenem Wissen!« Bianca war schrecklich frustriert. Torvald hatte die ganze Zeit auf einer sprechenden Enzyklopädie voller Wissen über die Außenwelt gehockt. »Du wusstest über alles außerhalb von Darit Bescheid, du wusstest echte Dinge, nicht nur Vermutungen und vergessene Geschichten! Du hättest … hättest …« Sie sackte in sich zusammen. »Du hättest etwas tun können … etwas für mich.«
»Es gibt im Bunker keine Wegbeschreibung zum nächsten Raumhafen, Bee.« Sein Ton war freundlich, und das machte es irgendwie noch schlimmer. »Er kennt auch keine spezielle Funkfrequenz, um ein vorbeifliegendes Schiff zu rufen, das dich zu den Sternen bringt. Ich weiß, du hattest immer Größeres im Blick als nur die nächste Schur oder Ernte, Bianca, und ich bewundere das. Mein eigenes Interesse an dem, was jenseits unserer Atmosphäre liegt, dreht sich mehr um Wissen als um die eigene Erfahrung. Aber wenn ich in der Lage wäre, ein funktionierendes Raumschiff aus dem Schrott in meiner Mech-Farm zusammenzuschustern, wärst du vor drei Jahren an deinem sechzehnten Geburtstag hier weggeflogen, das kannst du mir glauben.«
»Mein geschätzter sechzehnter Geburtstag«, murmelte sie. Ihr genauer Geburtstag war eine Vermutung, da sie ein Findelkind war, aber wenn man bedachte, wie jung sie gewesen war, als ihr Vater sie gefunden hatte, war er wahrscheinlich bis auf ein oder zwei Tage mehr oder weniger genau. »Aber danke. Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass du es mir erzählt hättest.«
Torvald nickte flüchtig. »Vielleicht hätte ich das tun sollen. Was geschehen ist, ist geschehen. Ich habe dich hierhergebracht, weil Aliens nach Darit gekommen sind. Selbst wenn sie Menschen sein sollten, sind sie für uns Aliens. Sie könnten dein Ticket von diesem Planeten sein oder sie könnten uns allen Ärger bereiten. Meine Datenbank ist seit Tausenden von Jahren veraltet, aber sie ist alles, was wir haben, es sei denn, die Aliens fangen an zu reden. Wenn diese Besucher wirklich vom Baronat von Letnev sind, und dieses noch irgendeine Ähnlichkeit mit dem Baronat hat, das vor langer Zeit Teil des Imperiums war, dann … Nun. Es könnte schlimmer sein, aber es könnte auch besser sein.«
»Was meinst du damit?«
»Ich meine damit, die Letnev sind keine Menschen, aber sie sind uns so ähnlich, dass wir mit ihnen reden können. Sie sind keine riesigen, mörderischen Spinnen oder hungrige Schleimpilze oder eine brennende Wolke, die aus irgendeinem Grund sauer auf dich ist und du nicht weißt, warum. Sie sind nicht hier, um uns buchstäblich zu fressen, obwohl ich vermute, sie könnten wegen der Capriden gekommen sein. Allerdings kommt mir das wie sehr viel Aufwand für ein wenig zähes Fleisch vor. Das Baronat war – mal sehen, es ist eine Weile her, dass ich etwas darüber gelesen habe – eine militaristische, bürokratische Gesellschaft, die viel Wert auf Regeln und polierte Stiefel gelegt hat. Sie haben jede Menge Zeit in Höhlen und Tunneln unter der Erde verbracht. Sie waren in irgendeine Unannehmlichkeit verwickelt, die einen großen Krieg ausgelöst hat, laut dem Tagebuch, das die Interimsgouverneurin geführt hat. Irgendwas über die Blockade eines Wurmlochs, was eine ganze Reihe von Leuten wütend gemacht hat.«
»Ein Wurmloch.« Allein das Wort klang für Bianca schon magisch. Als sie noch klein gewesen war, bevor sie genug gelesen hatte, um zu verstehen, was genau Wurmlöcher eigentlich waren, hatte sie ihren Arm (und manchmal den Kopf) in jedes Loch gesteckt, das sie finden konnte, weil sie gedacht hatte, es könnte sie in eine andere Welt führen. Alles, wozu sie je geführt hatten, waren ein schmutziges Gesicht und hin und wieder ein Insektenstich.
»Die Letnev mochten Regeln, aber sie haben sich nicht viel darum geschert, die Regeln anderer zu befolgen, denn ihre waren die einzigen, die für sie gezählt haben. Sie haben auch gerne neue Regeln erfunden, um Leute zu bestrafen, wenn die alten Regeln das noch nicht gut genug taten.« Torvald seufzte. »Das Baronat ist ziemlich weit oben auf der Liste der fremden Kulturen, deren Mitglieder ich nur ungern zu einem Stück Kuchen und einer Tasse Tee einladen würde. Vielleicht kannst du sie als Sprungbrett zu den Sternen nutzen, aber sie höflich um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten wird wahrscheinlich nicht ausreichen.«
»Einen Versuch ist es wert«, sagte sie. »Falls sie überhaupt landen. Vielleicht sind sie nur hier, um zu sehen, ob es auf dem Planeten etwas Interessantes gibt, und wenn sie merken, dass es nichts gibt, fliegen sie wieder weg.«
»Das wäre vielleicht das Beste für uns alle«, sagte Torvald. »Ich …«
Der Bildschirm flackerte erneut auf und zeigte den Schrottplatz. »Neuer Umweltreiz erkannt«, sagte die körperlose Stimme. Ein lautes, hohes Heulen erfüllte den Raum, bis Torvald sagte: »Lautstärke um achtzig Prozent reduzieren!«, und es wieder zu einem fernen Wimmern wurde.
»Was ist das?«, rief Bianca.
»Eine Notfallsirene. Die im Haus der Bürgermeisterin. Ich habe sie seit dem großen Feuer nicht mehr gehört, und das war … hm, etwa fünf Jahre bevor du geboren wurdest? Die Dorfältesten benutzen sie nicht gern, weil sie nicht wissen, wie viele Ladungen das Ding noch hat und sie haben Angst, dass eines Tages ein echter Notfall eintritt und sie auf den Knopf drücken und es überhaupt keinen Ton mehr von sich gibt. Ich schätze, das muss also ein echter Notfall sein. Jeder, der sich in Hörweite dieser Sirene befindet, soll sofort ins Dorf gehen.«
»Wir müssen los!«
Torvald nickte. »Das sollten wir. Aber vorher möchte ich hier noch ein paar Nachforschungen anstellen. Du gehst runter und schaust, was los ist – du kannst mich dann später informieren. Oben liegt eine Energiezelle auf dem Tisch. Nimm sie mit. Aliens hin oder her, deine Eltern werden garantiert das haben wollen, wofür sie dich hergeschickt haben.«
Bianca nickte, dann machte sie ein finsteres Gesicht. »Es wird ewig dauern, ins Dorf zu kommen, ich muss nach Hause laufen und mein Fahrrad holen …«
»Nimm den Trailrunner«, sagte Torvald. »Sei nur vorsichtig und brich dir nicht das Genick. Da sitzt zwar kein besonders guter Kopf drauf, aber ich habe mich an ihn gewöhnt.«
Bianca grinste, schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste seine bärtige Wange.
»Danke! Ich bringe ihn zurück und erzähle dir alles. Ich wette, wir werden gerufen, um über die Aliens zu reden.«
»Ich bezweifle, dass es um Händler aus Upper Creek geht oder um jemanden, der Hilfe beim Bau einer neuen Scheune braucht«, sagte Torvald.
Er brachte sie zum Aufzug und schickte sie zurück an die Oberfläche. Als sie allein in seiner Hütte ankam, erlaubte sie sich einen aufgeregten Jubelschrei. Alien-Raumschiffe! Notfallsirenen! Es passierte etwas! Sie griff nach der Energiezelle – sie war etwa so groß wie ein Buch, aber wesentlich schwerer – und steckte sie in ihren Rucksack. Wahrscheinlich war es Zeitverschwendung. Die Aliens würden ihnen sicher bald grenzenlose Energie und Raumschiffe und all die anderen Wunder der Galaxie anbieten.
Bianca hastete auf den Innenhof der Mech-Farm hinaus. Der Trailrunner war wie gewöhnlich hinter der Hütte geparkt. Torvald hatte ihr schon mal erlaubt, damit auf seinem Grundstück herumzureiten, aber nie außerhalb der Mauern. »Das Ding wird meine Beine ersetzen, wenn meine eigenen nicht mehr funktionieren«, pflegte er zu sagen. »Ich kann nicht riskieren, dass du damit von einer Klippe stürzt, nur weil du den Wind in deinen Haaren spüren willst, während du fällst.«
Er benutzte den Trailrunner, wenn er ins Dorf kam oder selbst auf Schatzsuche ging, was er inzwischen längst nicht mehr so häufig tat wie in seinen jüngeren Jahren. »Du kannst mit dem Trailrunner zu meiner Beerdigung reiten, Bee, aber ich werde nicht riskieren, dass du vorher mit ihm die Mech-Farm verlässt«, hatte er einmal gesagt und kein noch so großes Flehen hatte seine Meinung ändern können.
Aber heute war in vielerlei Hinsicht ein besonderer Tag.
Der Trailrunner war ein Mech nach Torvalds eigenem Design, zusammengeschustert aus Teilen von Bergbaurobotern, abgewrackten Transportern und diversem Schrott. Die Maschine bestand aus einem gepolsterten Metallstuhl, der von einer Reihe von gelenkigen Beinen umgeben war, von denen jedes so lang wie Bianca groß war, und sie besaß ein kleines Kontrollfeld, das man im Sitzen erreichen konnte. Die Bedienelemente dienten nur zur Eingabe der Richtung und der gewünschten Geschwindigkeit, der Trailrunner bewegte sich größtenteils von selbst, dank des Computergehirns und der Sensoren unter dem Sitz. Torvald hatte Bianca beigebracht, damit umzugehen, und sie hatte ihm über die Jahre sogar geholfen, ein wenig daran herumzubasteln, um die Leistung zu verbessern.
Bianca verstaute ihren Rucksack in der kleinen Ladekiste hinter dem Sitz und vergewisserte sich, dass er sicher und gut gepolstert war. Energiezellen konnten zerbrechen, wenn sie hinfielen, und manchmal gab es einen Lichtblitz, wenn das passierte, ab und zu trat in solchen Fällen auch Glibber aus, der rauchte und ein Loch in den Boden fraß … aber mindestens einmal hatte eine heruntergefallene Energiezelle eine Explosion verursacht, die sowohl ein Dach als auch den Kopf eines Jungen aus der Gegend weggesprengt hatte.
Sie kletterte in den Sitz, legte die Gurte an und tippte den achtzehnstelligen Entsperrcode ein, eine Sicherheitsmaßnahme, die sie für ein bisschen übertrieben hielt, aber Torvald fühlte sich damit wohler. Er war überrascht gewesen, dass sie sich den Code merken konnte, nachdem er ihn nur einmal heruntergerasselt hatte, doch Bianca war schon immer gut darin gewesen, sich wichtige Dinge zu merken. Sie vergaß nur langweilige Sachen.
Der Trailrunner summte und richtete sich auf seinen sechs Beinen auf. Sie gab einen Kurs zum Dorfzentrum ein und stellte die Geschwindigkeit auf »Maximum«. Das Fahrzeug machte einen Satz und sprang in einem einzigen Hüpfer über die Hütte hinweg, Bianca blieb jedoch ruhig auf ihrem Platz sitzen; es gab »Tragbügel« und »Stoßdämpfer« und »gyroskopische Ausgleichsmechanismen«, die sicherstellten, dass selbst wenn sich der Trailrunner stark zur Seite neigte oder mit einem harten Aufprall landete, ihr Kopf immer noch gen Himmel zeigte, die Füße zum Boden gerichtet blieben und sie kein Schleudertrauma erlitt. Es sei denn, die Landung war so hart, dass der ganze Apparat auseinanderbrach, aber der Trailrunner war mit voreingestellten Toleranzen programmiert, und sein Computerhirn übersetzte »Maximalgeschwindigkeit« als »maximale sichere Geschwindigkeit«. Schade. Manchmal machte es Spaß, nicht ganz so sicher unterwegs zu sein.
Bianca machte sich nicht die Mühe, das Tor zu öffnen, sondern sprang flink von Schrotthaufen zu Schrotthaufen und segelte über die Mauer hinweg. Die Sensoren, mit denen der Trailrunner die Umgebung erfasste, konnten erkennen, welche Strukturen stabile Punkte zum Abstoßen darstellten und welche unter dem Gewicht zusammenbrechen würden. Voller Freude über die Bewegung jubelte Bianca, als sie das Hindernis hinter sich gelassen hatte, aber sie wünschte sich, sie hätte daran gedacht, eine Schutzbrille aufzusetzen. Der Trailrunner war noch nie so schnell gewesen, als sie darin gesessen hatte, und ihre Augen tränten. Sie ermahnte sich selbst, den Mund fest geschlossen zu halten, um keine Käfer zu verschlucken. Das Gefühl des Windes, der ihr durchs Haar strich, war allerdings eine wunderbare Sache.
Sie landete auf dem Pfad vor dem Tor und wurde nicht mal langsamer, sondern rannte einfach auf das Dorf zu, wobei die Beine des Trailrunners unter ihr verschwammen. Vor ihnen lag die gewundene Straße Richtung Dorf, aber der Trailrunner hielt sich nicht lange darauf auf: Er war mit einer lokalen Übersichtskarte und einen Kompass ausgestattet und nahm stattdessen die direkteste Route. Bianca raste durch die hohen Wiesen, sprang über Felswände und Zäune, tanzte felsige Abhänge hinunter, ohne dabei je ein bestelltes Feld zu betreten (Torvald wusste sehr genau, dass das nichts als Ärger gebracht hätte). Stattdessen duckte sich der Trailrunner tief und sauste unter den Bäumen des Obstgartens auf dem Glinnis-Hof hindurch. Unweit des Dorfs begab sich der Trailrunner wieder auf die Straße und schreckte Gruppen von Menschen zu Fuß, auf dem Fahrrad oder in verschiedenen Verkehrsmitteln auf, die von ihren eigenen verstreuten Höfen und Betrieben herkamen, um dem Ruf der Sirene zu folgen. Einige Leute riefen ihr zu: »Torvald, mach langsamer«, und »Ich wünschte, ich hätte auch so ein Ding«, und erfreulicherweise: »Ist das Bianca Xing?«
Bianca lehnte sich stark nach rechts, als der Trailrunner von der Straße hüpfte, um dem Verkehr auszuweichen, und dann wieder Tempo aufnahm, sodass sie weit vor den anderen Neuankömmlingen ankam. Der Mech wurde ein wenig langsamer, als er sich dem zentralen Platz näherte, einer offenen Grünfläche, die von den größten Gebäuden des Dorfes umgeben war: Hier erhob sich das elegante, gewölbte Dach des Dörflerversammlungssaals, dort die imposanten zwei Stockwerke des Bürgermeisterhauses, daneben befanden sich der Gemischtwarenladen mit seiner breiten Veranda voller Stühle und die staubige, vernachlässigte Fassade des Gasthauses Zum Ruhenden Reisenden, einer Raststätte, die kaum genutzt wurde, da das Dorf nicht viele Besucher anzog und auch nicht auf dem Weg zu irgendeinem bestimmten Ort lag. Immerhin war der Alarm inzwischen verstummt. So laut, wie er auf der Mech-Farm gewesen war, mochte sie sich kaum vorstellen, wie ohrenbetäubend er hier an der Quelle gewesen sein musste.
Der Mech hielt am Rande des Platzes an, da Bianca kein bestimmtes Ziel angegeben hatte. Der Trailrunner brummte leise vor sich hin, während Bianca zum Dörflerversammlungssaal hinüberstarrte. Etwas hatte sich verändert. Es war eine kleine Veränderung, aber sie fühlte sich gewaltig an.
Jemand war auf das Dach des Saals geklettert und hatte eine Stange aufgestellt. Eine große Flagge hing daran, der Stoff war schwarz mit silbernen Verzierungen und in der Mitte prangte ein roter Kreis, der aussah wie ein Planet, der in einer sternlosen Leere hing.
»Bianca!« Ihre Mutter eilte von der Veranda des Gemischtwarenladens herüber. Sie hatte ihr Haar in Eile zurückgesteckt und trug eine Hose und ein Arbeitshemd – sie war noch nie so zerzaust ins Dorf gekommen, aber schließlich passierte heute etwas, nicht wahr? »Was machst du auf diesem Ding?«
Bianca wies den Trailrunner an, am Straßenrand zu parken und sich abzuschalten, dann kletterte sie aus dem Sitz.
»Torvald hat ihn mir geliehen.« Sie hasste es, wie trotzig und kleinlaut ihre Stimme in Gegenwart ihrer Mutter klang. Bianca war alt genug, um eine Paarbildung einzugehen, warum also fühlte sie sich immer wie ein Kind, wenn sie sich mit ihr unterhielt? Vielleicht, weil ich nach wie vor in ihrem Haus wohne, ihr Essen esse und meistens Kleidung trage, die sie mir genäht hat, dachte Bianca. Konnte man wirklich erwachsen werden, wenn man sich immer noch am selben Ort und in demselben Umfeld befand, wo man so viel Zeit als Kind verbracht hatte?
»Torvald kommt nicht?« Ihre Mutter wirkte abgelenkt, ihre Augen huschten zur Fahne hinauf und dann wieder hinunter zu Biancas Gesicht.
»Er hat gesagt, er hätte zu viel zu tun. Er meinte, ich solle gehen und ihm nachher erzählen, was passiert ist. Wir … wir haben ein Schiff vorbeifliegen sehen und …«
»Das haben wir auch«, erwiderte ihre Mutter. »Ich jedenfalls, dein Vater hat es nur gehört. Oh, Bianca.« Sie legte eine Hand auf den Arm ihrer Tochter. »Ich bin so nervös. Was geht hier bloß vor sich? Was bedeutet diese Flagge?«
»Ich weiß es nicht.« Bianca drückte ihre Hand. »Lass uns reingehen und es herausfinden.« Sie sah sich um. »Wo ist Papa?«
»Er konnte die Capriden nicht allein lassen – sie sind alle auf der Weide.«
»Wie kann er in so einer Situation an das Vieh denken?«, fragte Bianca aufgebracht. »Es sind Aliens hier!«
Ihre Mutter starrte sie an, als wäre ihr ein zweiter Kopf gewachsen. »Aliens hin oder her, wir haben immer noch Hausarbeit zu erledigen, oder nicht?«
»Ich schätze schon.« Eigentlich hätte ein derart großes Ereignis die ganze Welt auf einen Schlag verändern sollen, aber so liefen die Dinge nun mal nicht, was?
Inzwischen strömten die anderen Leute in Richtung des Dörflerversammlungssaals. Das Innere bestand aus einem einzigen großen Raum mit mehreren Reihen von Bänken, die im Halbkreis auf die Bühne am anderen Ende ausgerichtet waren. Das hier war der Ort, an dem Hochzeiten und Totenwachen, Tänze und Feste, Versteigerungen und Gerichtsverhandlungen stattfanden (nicht, dass es zu Biancas Lebzeiten ein Verbrechen gegeben hätte, bei dem ein Prozess nötig gewesen wäre). Außerdem gab es jede Woche ein kleines Gemeinschaftstreffen und ein großes jeden Monat, damit die Leute auf den weit entfernten Farmen und Obstplantagen nicht vergaßen, dass sie Teil einer Gemeinschaft waren, mit Menschen, die ihnen in schweren Zeiten beistanden und die guten Zeiten mit ihnen feierten. Theoretisch konnte der Dörflerversammlungssaal so gut wie jedem im Umkreis von fünfzig Kilometern Platz bieten, aber Bianca hatte selten erlebt, dass er zu mehr als ein Drittel gefüllt gewesen war. Sie vermutete, dass er heute wahrscheinlich viel näher an seine Kapazität herankommen würde.
Bianca und ihre Mutter setzten sich in die Nähe des vorderen Bereichs; die Augen ihrer Mutter waren nicht mehr so gut. Die Bürgermeisterin war schon da, sie trug eine schicke gelbe Schärpe über der Brust. Es war die Aufgabe ihrer Familie, den Dörflerversammlungssaal instand zu halten, und da sie auch den Gemischtwarenladen besaßen, hatte ihre Familie häufiger als jeder andere hier Kontakt mit den benachbarten Gemeinden. Die Bürgermeisterin half bei der Organisation des Fünf-Jahres-Festes, bei dem alle aus den sechs nächstgelegenen Dörfern sich auf einem entfernten Feld versammelten und eine provisorische Feststätte errichteten, wo sie mit Essen, Kunst und feinen Gütern handelten, sich unter die Besucher mischten, wobei es nicht selten vorkam, dass sie sich in Fremde verliebten und mit ihnen eine Paarbindung eingingen. Ein paar Leute verließen fast immer das Fest, um sich in anderen Siedlungen niederzulassen, und bis heute war es stets das aufregendste Ereignis in Biancas Leben gewesen. Das nächste Fünf-Jahres-Fest sollte im Frühjahr stattfinden und sie hatte mit dem Gedanken gespielt, sich in jemanden von möglichst weit weg zu verlieben oder sich einzureden, dass sie sich verliebt hätte, nur um einen Vorwand zu haben, an einem neuen Ort zu leben … aber sie wusste, dass die anderen Siedlungen ähnlich waren wie ihre eigene, nur mit einer etwas anderen Anordnung von Hügeln und Tälern – welchen Sinn hatte das Ganze also? Die Angst, dass jeder Ort gleich aussehen würde, war dieselbe, die sie davon abhielt, ihre besten Schuhe anzuziehen, einen Sack mit Essen zu füllen und sich auf den Weg zu machen. Darit war einfach Darit und wie konnte sie sich damit zufriedengeben, wenn es im Universum so viel mehr zu entdecken gab? Wohin sie auch ging, ihre Augen wurden immer wieder von diesem dunklen Fleck am Himmel und den Wundern, die er versprach, angezogen.
»So viele Leute«, sagte ihre Mutter. Bianca warf einen Blick über die Schulter und riss die Augen auf. Sämtliche Bänke waren besetzt und es waren noch mehr Menschen da, die standen und die Wände säumten! Es waren bestimmt dreihundert Leute gekommen! So viele auf einmal hatte sie nur beim Fünf-Jahres-Fest gesehen und selbst dort standen sie nicht alle dicht gedrängt beieinander, atmeten laut, traten unruhig auf der Stelle und murmelten vor sich hin. Der Lärm der Menge war wie das Rauschen von Wellen, die gegen einen Felsen brandeten.
Die Bürgermeisterin erschien auf der Bühne und räusperte sich.
»Liebe Gemeinschaft!«, rief sie. »Danke, dass ihr dem Aufruf gefolgt seid.«
Die Akustik des Saals war perfekt und Bianca konnte die Anspannung in der Stimme der Frau hören. Sie war die reichste Person im Ort und wirkte immer, als hätte sie sich und alles um sie herum vollkommen unter Kontrolle, aber heute … heute ging etwas vor sich. »Einige von euch haben vielleicht vorhin etwas, äh, Seltsames am Himmel bemerkt …«
Jemand betrat die Bühne von der Seite her.
Er war nicht nur ein Fremder, sondern wirkte auch fremd – er trug glänzende schwarze Kleidung, seine Haut besaß einen ungesunden, bläulichen Farbton und er hatte den Mund zu einer harten Linie verzogen. Er schritt mit steifem Rücken über die Bühne, wobei seine Stiefelabsätze auf den Brettern klackten. Er blieb neben der Bürgermeisterin stehen, dann drehte er den Kopf und starrte sie an. Er war einen halben Meter größer als sie und sie war keine kleine Frau. Sie wich zurück und huschte dann zu einem Sitzplatz hinter ihm auf der Bühne. Der Mann folgte ihr mit seinem Blick, bis sie Platz genommen hatte, dann wandte er sich wieder der Menge zu.
Er schniefte kurz. »Ich bin Unterkommandant Voyou.« Er sprach die örtliche Sprache, aber sein Akzent klang so, als würde er eine Mauer aus groben Steinen behauen. »Es ist mir eine Ehre … wie heißt diese bezaubernde Siedlung noch gleich?« Die letzten Worte waren an die Bürgermeisterin gerichtet.
»Wir … das hier ist Lowcliff, ein …«
