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Jeder zweite Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Jeder Vierte stirbt daran. Krebserkrankungen stellen heute in den Ländern der westlichen Hemisphäre die Todesursache Nummer eins dar. Diese Entwicklung zu bremsen, stellt eine Herausforderung dar, der wir uns alle stellen müssen. Nach aktuellen Berechnungen können Vorbeugung und Früherkennung zusammengenommen die Krebssterblichkeit sogar um 50 bis 75 Prozent senken. Besser als je zuvor wissen wir, welche Risiken für Krebs vermeidbar sind, wer ein höheres oder niedrigeres Erkrankungsrisiko hat. Die Kommentierung der Krebsrisiken und "Krebspromotoren", die zur Aktivierung latenter Krebsgene und Krebszellen führen, macht einen Schwerpunkt dieser Reihe aus. Die Reihe stützt sich hierbei auf Studien, nach denen allein etwa 40 % aller in Deutschland neu diagnostizierten Karzinome auf einige wenige - aber weit verbreitete Lifestyle-Risiken zurückzuführen sind. Die vorliegende Reihe verdankt ihre Entstehung der zunehmenden Kritik an der derzeit praktizierten Krebsvorsorge (sekundäre Prävention), deren Nutzen in der Bevölkerung, aber auch der Ärzteschaft deutlich überschätzt wird, während die Möglichkeiten der Vorbeugung (primäre Prävention) unterschätzt werden. Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet starkes Übergewicht (Adipositas) und Bewegungsarmut als das weltweit am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem. Sie spricht von einer Epidemie, die ebenso energisch bekämpft werden müsse wie die tödlichen Infektionskrankheiten. Gelinge es nicht, dieses nach dem Nikotinkonsum größte Krebsrisiko einzudämmen, so erwarte uns in den nächsten Jahren "ein Tsunami" an Krebsneuerkrankungen. Im vorliegenden Band werden die häufigsten diätetischen, medikamentösen, chirurgischen, psychologischen, apparativen und körperlich-sportlichen Abnehmeprogrammen, Empfehlungen und Ernährungsdogmen hinsichtlich ihres Nutzens und ihrer Nebenwirkungen - speziell in Bezug auf das Krebsgeschehen - analysiert und kommentiert.
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2021
www.tredition.de
Prof. Dr. Hermann Delbrück
Übergewicht und Krebs
Empfehlungen zur Gewichtsabnahme und Krebsvorbeugung
Personalisierte Krebsvorsorge und Früherkennung
herausgegeben von Hermann Delbrück
Band 7
© 2020 Prof. Dr. Hermann Delbrück
https://www.krebs-rat-hilfe.de/uber-den-autor
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-13817-9
Hardcover:
978-3-347-13818-6
e-Book:
978-3-347-13819-3
Lektorat: Dirk Bittner
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http: dnb.ddb.de>abrufbar.
Übergewicht und Krebs.
Empfehlungen zur Gewichtsabnahme und Krebsvorbeugung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur Buchreihe: „PERSONALISIERTE KREBSVORSORGE UND FRÜHERKENNUNG“
Vorwort zu Bd. 7 „Übergewicht und Krebs“
Statistischer Hintergrund
Übergewicht, ein Risiko für Krebserkrankungen
Kriterien, die bei der Bewertung von Studien zu Übergewicht und Krebs zu beachten sind
Der Einfluss von Übergewicht auf die Entstehung und den Verlauf spezieller Karzinomerkrankungen
Mundhöhlen- und Rachenkrebs
Kopf-Hals-Bereich (Kehlkopfkrebs)
Speiseröhrenkrebs
Magenkrebs
Bauchspeicheldrüsenkrebs
Leberkrebs
Gallengangskarzinom (Cholangiokarzinom)
Gallenblasenkarzinom
Darmkrebs
Schilddrüsenkarzinom
Eierstockkrebs
Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom)
Gebärmutterkrebs (Endometriumkarzinom)
Schamlippenkrebs (Vulvakrebs)
Lungenkrebs
Blasenkrebs
Prostatakrebs
Hodenkrebs
Peniskarzinom
Nierenkrebs
Leukämien, Lymphome, Myelome
Hautkrebs
Hypothesen zum Wirkmechanismus von Übergewicht auf die Krebsentwicklung
Genanalysen und Krebsprävention
Übergewicht: Ein mutagen wirkendes Kanzerogen?
Übergewicht in den verschiedenen Phasen einer Krebserkrankung
Diagnostische Phase
Therapiephase
Krankheitsphase
Nachsorgephase
Rehabilitationsphase
Ursachen für Übergewicht
Allgemeines
Gestörte Energiebilanz
Störungen der Regulation von Hunger und Sättigung
Vererbung
Adipositasgene
Soziale Benachteiligung
Appetit
Gewichtszunahme im höheren Lebensalter
Gender
Schönheitsideal?
Kummerspeck (seelische Belastungen)
Anerkennung
Erziehung
Bildung
Stress
Bewegungsmangel
Körperliche Behinderung
Werbung
Beruf
Freizeit
Spezielle Ursachen für Übergewicht
Adipositasgene
Leptinmangel
Erhöhter Ghrelinspiegel
Niedriger Propionatspiegel
Insulin
Hormone
Binge-Eating-Störung, Bulimie und Night-Eating-Disorder
Übergewicht neugeborener Kinder von diabetischen Müttern
Dysbiose (Darmflora, Mikrobiom)
Schlafstörungen
Tabakentwöhnung
Ehepartner
Ernährungsbedingte Ursachen
Intrauterine Einflüsse
Ernährung in der Schwangerschaft
Fettreiche Ernährung
Fleischkonsum
Alkoholkonsum
Fast Food
Verarbeitete Lebensmittel, Fertigkost, Convenience-Produkte
Süßigkeiten
Süßspeisen, Softdrinks und Snacks
Energy Drinks
Süßstoffe?
Orientierende Messungen zur Risikoermittlung bei Übergewicht
Körperfett
Bauchumfang
Messung der Taille
Waist to Height Ratio (WHtR)
Fettverteilung und Risikotypen
Bestimmung der Insulinresistenz und -sensitivität
Bestimmung des Risikos nach dem Edmonton-Obesity-Scoring-System
Bestimmung des Energieumsatzes und Ruheumsatzes
Bestimmung des Energiebedarfs und des Leistungsumsatzes
PAL-Faktoren bei verschiedenen Tätigkeiten
„Gute“ und „schlechte“ Kalorien
Gibt es ein ideales Körpergewicht?
Wie hoch ist der tägliche Energiebedarf?
Orientierungshilfen zum Umgang mit Gesundheitsinformationen im Internet 170
Activity-Tracker (Fitness-Tracker, Wearables, Fitness-Armbänder)
Empfehlungen zur Gewichtabnahme
Allgemeine Empfehlungen
Softdrinks
Kohlenhydrate?
Wieviel Zucker darf man konsumieren?
Fruktose?
Welche Zuckerersatzstoffe gibt es?
Süßstoffe statt Zucker ?
Light-Produkte?
Biolebensmittel?
Ballaststoffhaltige Ernährung?
Vegetarische Ernährung?
Vegane Ernährung?
Alternativen zum (roten) Fleisch?
Spezielle Empfehlungen gegen Übergewicht
Genbasierte Ernährung und Sport (Genetic Shaping, Gen-Diät)?
Blutgruppendiät?
Operative Eingriffe in das Erbgut (CRISP-Cas) Übergewicht?
Ernährung vor und während einer Schwangerschaft
Stillen?
Flasch ennahrung?
Cholesterinhaltige Lebensmittel reduzieren?
Präbiotika und Probiotika?
Mikrobiomtransfer (Stuhltransplantation)?
Reduzierung fetthaltiger Lebensmittel?
Diätprodukte für Diabetiker?
Obstkonsum
Maßnahmen gegen eine Gewichtszunahme bei Rauchentwöhnung
Geistige Aktivität?
Mediterrane Ernährung?
Reduzierung des Alkoholkonsums?
Alkoholfreie Getränke?
Verbesserung der Schlafqualität?
Bewusster essen?
Ab welchem Körpergewicht sind Maßnahmen notwendig?
Diäten zur Gewichtsabnahme
Diäten auf Basis einer reduzierten Kalorienzufuhr (Fastendiäten)?
Nulldiät
FdH (Friss die Hälfte)
Plus-Minus-Diät
Strategien gegen den Jo-Jo-Effekt
Schrothkur
Volumetrics-Diät
Flat-Belly-Diät (Flacher-Bauch-Diät)
Einhaltung der Fastenzeit
Flexible Dieting? (It Fits Your Makros)
Trotz Nahrungseinschränkung keine weitere Gewichtsabnahme?
Diäten auf Basis einer fettarmen Ernährung (Low-Fat-Diäten)?
Ornish-Diät
Fleischarme Ernährung
Vollwertkost
BRIGITTE-Diät
80/10/10-Diät (hoher Kohlenhydrat-, geringer Fettanteil)
Sylvester-Graham-Diät
Pu-Er-Tee
Diäten auf der Basis einer kohlenhydratarmen Ernährung (Low-Carb-Diäten)?
Banting-Kur, Ernährung mit niedrigem Kohlenhydratanteil (Low-Carb-Diät)
Zuckerfreie Diät
Ketogene Diät
Atkins-Diät
KFZ-Diät (Kombination aus Low-Carb- und Low-Fat-Ernährung)
Die „richtige“ Mayo-Diät
Diäten auf Basis eines niedrigen Insulinspiegels?
Insulin-Trennkost
Glyx-Diät und personalisierte Ernährung nach MillionFriendsR
Die LOGI-Methode
Gewichtsabnahme im Schlaf („Schlank im Schlaf“)
Haferflocken-Diät, Hafertage
Einschränkung des Alkoholkonsums
Diäten auf Basis einer eiweißreichen (proteinreichen) Ernährung?
Formula-Diäten
Eiweiß-Shakes (z. B. Protein-Drink AlmasedR, Optifast-52-Programm)
Abnehmen in der Gruppe?
„Ich nehme ab“ – die Diät der DGE
Selbsthilfegruppen, soziale Netzwerke
Weight-Watch-Programm (WW)
Diäten auf Basis einer „Entschlackung“
Gewichtsabnahme durch Abführmittel
Darmspülungen (Colon-Hydro-Therapie)
F. X. Mayr-Kur
Kombucha
Diäten auf Basis eines Flüssigkeitsentzugs?
Sieben-Tage-Körner-Kur
Ananas-Diät
Kartoffeldiät
Reisdiät
Unsinnige, aber nicht gesundheitsschädliche Diäten?
Haysche Trennkost
Die Mondschein-Diät
Hausers kosmetische Diät
Steinzeit-Diät (Paleo-Diät)
Halleluja-Diät (Jesus-Diät, Bibel-Diät)
Unsinnige und gesundheitsschädliche Diäten?
Lichtfasten
Eierdiät
Die (falsche) Mayo-Diät
Schokoladen-Diät
Hollywood-Star-Diät
Diäten auf Basis der Thermogenese
Bierdiät
Bandwurmeier
Bandwurm-Diät
Zigarettendiät
Reisediarrhö
Kaffee-Diät
Wattebausch-Diät
Wettkampf („Leistung muss sich lohnen!“)
Ernährungsprogramme der Krankenkassen und gewerblicher Firmen
Metabolic-Balance-Programm
Million-FriendsR-Ernährungsprogramm
Ernährungsangebot der DAK (EAT-Mail)
Ernährungscoach der Technikerkrankenkasse
Abnehme- und Bewegungsprogramm der AOK („Abnehmen mit Genuss“)
M.O.B.I.L.I.S
Bodymed
„Ich nehme ab“ – Programm der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
Doc Weight
Optifast52-Programm
Jenny-Craig-Diät
Reduzierung des Übergewichts dank körperlicher Aktivität und Sport
Allgemeines
Wie viele Kalorien verbrennt man beim Sport?
Sportliche (Ausdauer) Aktivitäten zur Gewichtsabnahme?
Walken (zügiges Gehen)
Laufen, Joggen
Schwimmen
Radfahren
Golfsport
Tanzen
Seilspringen
Fitnessstudios
Krafttraining
Ausdauertraining (Cardio-Training)
Trainingsgeräte für Ausdauertraining zu Hause
Vorsichtsmaßnahmen bei sportlichen Aktivitäten im Rahmen der gesundheitlichen Prävention
Apparative Interventionen zur Gewichtsabnahme
Akupunktur
Fettabsaugung, Liposuktion
Kryolipolyse (Fettbeseitigung mit Kälte)
Kältekammer
Lymphdrainage
Fettzellen-Zerstörung durch Ultraschall (Aboleo)
Elektro-Muskel-Stimulationstraining (EMS-Training)
Vibrationstraining (Powerplate)
Stoßwellentherapie (ESWT)
Saunen und Schwitzen
Psychische Hilfen zur Gewichtsabnahme
Maßnahmen gegen Stress-Essen
Verhaltenstherapien
Suchttherapie
Medikamente zur Gewichtsabnahme
Quellstoffe
Antidiabetika
GLP-1-Rezeptor-Agonisten (LiraglutidR)
Schilddrüsenhormone
Appetitzügler (Anorektika)
Lisdexamphetamin
Fettblocker (Polyglukosamin-Produkte)
Fettverbrenner (Fatburner)
Antidepressiva
Testosteron
Cannabis-Antikörper
Statine
Nikotinpflaster
Abnehmpflaster
Probiotika
Globuli (Homöopathie)
Vitamine und Mineralstoffe
Chirurgische Interventionen zur Gewichtsabnahme (Adipositas - Chirurgie, Bariatrische Operationen)
Allgemeines
Auswirkungen bariatrischer Operationen auf die Krebsentwicklung
Indikationen für bariatrische Operationen
Vor- und Nachbehandlung bei operativ behandelten Patienten
Die Notwendigkeit eines erneuten operativen Eingriffs
Bariatrische Operationsmethoden
Magenbypass
Schlauchmagen (Sleeve Gastrectomy)
Magenballon
Magenband (Gastric Banding)
Biliopankreatische Teilung (nach Scopinaro)
Magenschrittmacher
Kryoablation des N. Vagus
Operative Behandlung von Lipödemen und Cellulitis?
Kostenaspekte und öffentliche Maßnahmen zur Reduzierung von Übergewicht
Maßnahmen der Deutschen Bundesregierung
Das Präventionsgesetz
Gesetzliche Krankenversicherungen (GKV)
Private Krankenversicherungen
Gesetzliche Rentenversicherung (GRV)
Ärzteschaft
„Zuckersteuer“
Lebensmittelindustrie
Initiativen und Forderungen zur Reduzierung von Übergewicht
Glossar
Literatur und Quellen
Vorwort zur Buchreihe: „PERSONALISIERTE KREBSVORSORGE UND FRÜHERKENNUNG“
Jeder zweite Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Jeder Vierte stirbt daran. Mit einem weiteren Anstieg der Krebserkrankungen wird allgemein gerechnet. Krebserkrankungen stellen heute in der westlichen Hemisphäre die Todesursache Nummer eins dar. Diese Entwicklung zu bremsen, stellt eine Herausforderung dar, der wir uns alle stellen müssen. Dabei macht die Einschätzung des International Agency for Research on Cancer (IARC) und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) etwas Mut, dass wir dieser Herausforderung nicht völlig machtlos gegenüberstehen. 37,4 % aller Krebserkrankungen in Deutschland sind vermeidbar, wenn die Krebsbehandlung verbessert und die Krebsvorsorge intensiviert wird, befindet das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg (Behrens et al 2018, Baumann 2018). Nach aktuellen Berechnungen können Vorbeugung und Früherkennung zusammengenommen die Krebssterblichkeit sogar um 50 bis 75 Prozent senken.
Bei der Krebsbehandlung gibt es beeindruckende Fortschritte. Die „Pipeline“ der forschenden Pharmaindustrie ist voll von vielversprechenden Krebsmedikamenten. Ihr zielgerichtetes Ansprechen kann heute dank dem besseren Verständnis der molekularen Ursachen von Krebserkrankungen und der Entwicklung prädiktiver molekularer Marker vorhergesagt werden. Individualisierte Therapiekonzepte lassen eine Fortsetzung dieser Entwicklung erwarten. Onkologika sind, mit 7 Milliarden Euro und einem durchschnittlichen Kostenanstieg von 8,3 % im Jahr, inzwischen die umsatzstärkste Indikationsgruppe der Pharmaindustrie. Die innovativen Krebstherapien können allerdings nicht die Anzahl der Neuerkrankungen drosseln. Dies kann allein die Vorbeugung, die Prävention.
Die vorliegende Reihe befasst sich nicht mit der Therapie, sondern mit der Krebsvorsorge. Diese konzentrierte sich in Deutschland bisher vornehmlich darauf, den Krebs so früh wie möglich zu erkennen. Es herrschte die Vorstellung, je früher der Krebs erkannt würde, umso höher würden die Heilungschancen sein. Dies „Dogma“ bedarf der Überprüfung, zumindest der kritischen Kommentierung.
Dank besserer Bildgebung, empfindlicherer Tumormarker, Genanalysen und der Analyse von Tumor-DNA im Blut (liquid biopsy) können wir Krebsgewebe heute zwar wesentlich eher erkennen, doch wissen wir nach wie nicht den tatsächlichen Nutzen hiervon. Würde man sie alle behandeln, könnten „gesunde Menschen“ zu Patienten werden, denn viele entfernten „bösartigen“ Tumore hätten nie Probleme bereitet. Laut einer australischen Studie geht man davon aus, dass etwa 20 % der bislang dank der Krebsvorsorge erkannten Diagnosen das Ergebnis einer Überdiagnostik sind (Glasziou et al 2019). Überdiagnosen sind Krebsdiagnosen bei Menschen, die nie Symptome oder Schäden erfahren hätten, wenn bei ihnen der Krebs unentdeckt und unbehandelt geblieben wäre. Je empfindlicher die Diagnostik, umso höher das Risiko einer Überdiagnostik.
Kritiker der Krebsvorsorge-Früherkennungs-Untersuchungen behaupten, dass der durch die derzeitig praktizierte Vorsorge- Früherkennung verursachte Schaden größer als der Nutzen sei. Dieser pauschalen Kritik stimmt die Buchreihe zwar nicht zu, sie warnt indes vor systematischen Vorsorge -Untersuchungen bei Gesunden ohne Erkrankungsrisiko. Screening-Untersuchungen sollten ihrer Meinung nach vorrangig bei Gefährdeten vorgenommen werden. Sie schlägt einen Paradigmenwechsel vor, nämlich hin zur risikoadaptierten Krebsvorsorge-Früherkennung, die dann aber mit wesentlich empfindlicheren (sensitiveren) und aussagekräftigeren (spezifischeren) Untersuchungsmethoden als derzeitig durchgeführt werden sollte.
Aus der Summe der Informationen über Erkrankungsrisiken könnte man ein persönliches Risikoprofil erstellen, das Empfehlungen ermöglicht, ob, wann und in welcher Intensität eine Krebsvorsorge-Früherkennung oder Vorbeugung sinnvoll ist. Viele unnötige Vorsorge-Untersuchungen würden sich so vermeiden lassen.
Besser als je zuvor wissen wir, welche Risiken für Krebs vermeidbar sind, wer ein höheres oder niedrigeres Erkrankungsrisiko hat. Die Kommentierung der Krebsrisiken und „Krebspromotoren“, die zur Aktivierung latenter Krebsgene und Krebszellen führen, macht einen Schwerpunkt dieser Reihe aus. Die Reihe stützt sich hierbei auf Studien, nach denen allein etwa 40 % aller in Deutschland neu diagnostizierten Karzinome auf einige wenige – aber weit verbreitete Lifestyle-Risiken zurückzuführen sind (Brenner und Mons 2018).
Aus Behrends, G et al.: Krebs durch Übergewicht, geringe körperliche Aktivität und ungesunde Ernährung. Dtsch Ärztebl 115, 35-36 (2018).
Die Bedeutung und die Möglichkeiten der Krebsvorbeugung werden unterschätzt. So herrscht weitgehend Unkenntnis darüber, dass die Abnahme des Gebärmutterhalskrebses nicht etwa nur auf die Früherkennung und präventiven Entfernung von Krebsvorstufen zurückgeführt werden kann, sondern auch eine Folge der besseren Sexualhygiene – und neuerdings der präventiven HPV-Impfung – ist. Nicht die Krebsvorsorge-Früherkennung, sondern der abnehmende Tabakabusus und die Vermeidung einer Asbestexposition führten zum Rückgang der Lungenkrebserkrankungen. Dass die Anzahl der Neuerkrankungen bei Darmkrebs gesunken ist, verdankt man zwar auch der Früherkennung von potenziellen Krebsvorstufen (Polypen), mehr aber deren präventiven Entfernung. Der signifikante Rückgang von Magenkarzinom ist eine Folge der besseren Ernährung und Konservierung von Lebensmitteln. Zu ihr trägt auch die Helicobacter Eradikation bei, nicht jedoch die Früherkennung. Der Rückgang von Leberkrebserkrankungen in der Dritten Welt ist eine Folge der Hepatitis-Impfung, nicht der Krebs-Früherkennung.
Allein die Umsetzung wissenschaftlich belegter Maßnahmen zur Vorbeugung würde eine vierzig- bis fünfzigprozentige Reduzierung aller Krebsneuerkrankungen zur Folge haben, erklären die Weltgesundheitsorganisation, der World Cancer Research Fund und das Deutsche Krebsforschungszentrum. Das Präventionspotential der Krebsvermeidung ist mit Sicherheit größer als das der Krebsfrüherkennung. Amerikanische Forscher behaupten, die Krebssterblichkeit in den USA sinke bereits jetzt dank der Reduzierung von Lifestylerisiken stärker als die Anzahl der Krebsneuerkrankungen zunehme (Islami et al 2018).
Der Herausgeber dieser Reihe verkennt nicht die Sinnhaftigkeit der Krebsfrüherkennung, plädiert jedoch für eine risikoadaptierte Individualisierung der Krebsvorsorge-Früherkennung. Das Plädoyer für „Individualisierung und Personalisierung“ schließt die Aufforderung an die forschende Industrie mit ein, Diagnose- und Behandlungsmethoden zu entwickeln, die passgenau den Bedürfnissen der einzelnen Patienten entsprechen. Es schließt auch die Aufforderung an die Ernährungsindustrie ein, bei der Herstellung und dem Vertrieb sowie der Werbung stärker die Krebsrisiken zu berücksichtigen, die man bislang bei den Nahrungsprodukten kennt.
Die vorliegende Reihe verdankt ihre Entstehung der zunehmenden Kritik an der derzeit praktizierten Krebsvorsorge (sekundäre Prävention), deren Nutzen in der Bevölkerung, aber auch der Ärzteschaft deutlich überschätzt wird, während die Möglichkeiten der Vorbeugung (primäre Prävention) unterschätzt werden.
Prof. Dr. med. H. Delbrück, Wuppertal, September 2020
Vorwort zu Bd. 7 „Übergewicht und Krebs“
Übergewicht galt lange als ein erstrebenswerter Zustand, verband man damit doch Wohlstand, Gesundheit, einen angenehmen Gemütszustand und Ansehen. Heute ist diese Denkweise nicht mehr angebracht, denn Übergewichtige werden eher diskriminiert als geachtet. Sie haben mit vielen psychosozialen und gesundheitlichen Nachteilen zu kämpfen. Zu den gesundheitlichen Handicaps gehört auch das erhöhte Krebsrisiko.
Wären in Deutschland alle Menschen normalgewichtig, so würden pro Jahr etwa 25.000 Personen weniger an Krebs erkranken, meinen die Experten des Deutschen Krebsforschungszentrums. Bei 6,9 % aller Krebserkrankungen soll Übergewicht ein entscheidender Einflussfaktor gewesen sein, sagen sie (Behrens et al 2018).
Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet starkes Übergewicht (Adipositas) und Bewegungsarmut als das weltweit am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem. Sie spricht von einer Epidemie, die ebenso energisch bekämpft werden müsse wie die tödlichen Infektionskrankheiten. Gelinge es nicht, dieses nach dem Nikotinkonsum größte Krebsrisiko einzudämmen, so erwarte uns in den nächsten Jahren „ein Tsunami“ an Krebsneuerkrankungen. Langfristig zahle sich die Reduzierung des Übergewichts in der Bevölkerung auch in ökonomischer Hinsicht aus, sagt das Deutsche Krebsforschungszentrum (Baumann 2018, Heikenwälder et al 2019).
Sowohl bei der Entstehung und Früherkennung von Krebs als auch während der Therapie und in der Nachsorge und Rehabilitation hat Übergewicht einen negativen Einfluss. Es beeinflusst den Stoffwechsel, die Darmflora, die Bewegung und – nicht zuletzt – die Psyche und das Wohlbefinden.
Das Geschäft mit Angeboten zur Gewichtsreduktion boomt. Diese sind jedoch selten evaluiert. Befördert wird das Marketing durch Ernährungsmythen und Fake News. Im vorliegenden Band werden die häufigsten diätetischen, medikamentösen, chirurgischen, psychologischen, apparativen und körperlich-sportlichen Abnehmeprogrammen, Empfehlungen und Ernährungsdogmen hinsichtlich ihres Nutzens und ihrer Nebenwirkungen – speziell in Bezug auf das Krebsgeschehen – analysiert und kommentiert. Empfehlungen nach dem Muster „Essen Sie weniger!“ oder „Machen Sie mehr Sport!“ gehören zur Vergangenheit; sie helfen dem Übergewichtigen bei seinen Abnehmebemühungen nicht weiter.
Interessant ist, wie verschieden die nationalen und internationalen Institutionen auf das Problem der Zunahme von Übergewicht in der Bevölkerung reagieren. Die international und national unterschiedlichen Bemühungen zur Gewichtsabnahme in den Sozialversicherungen, der Ärzteschaft und der Ernährungsindustrie werden in einem speziellen Kapitel behandelt.
Danksagung
Der vorliegende Band enthält, als erstes Werk der Reihe „Personalisierte Krebsvorbeugung und Früherkennung“, Cartoons. Sie sollen den ansonsten eher wissenschaftlich trockenen Text etwas auflockern. Meinem Freund, dem emeritierten Radiologen und derzeitigen Kunstmaler Dr. med. Jan Dirk Rating, danke ich recht herzlich für seine Bereitschaft, vom hohen Ross der Portraitmalerei herabzusteigen, um mein Werk mit heiteren und zugleich aussagekräftigen Cartoons zu versehen. Des Weiteren danke ich meinem Schwiegersohn Alexander Keller für die große Geduld bei der Publikationsberatung sowie beim Layout des Buches. Wesentliche Anregungen, Korrekturen und Kommentierungen verdanke ich der sachkundigen und geduldigen Beratung von Paula Rupp. Herrn Lukas Armbruster verdanke ich die kritische und konstruktive Kritik sowie Durchsicht der Kapitel Aktivität und Sport.
Prof. Dr. med. H. Delbrück, Wuppertal, Oktober 2020
Übergewicht, ein Risiko für Krebserkrankungen
Die Mehrheit der Bevölkerung bringt Krebs eher mit Unter- als mit Übergewicht in Verbindung. Tatsächlich sind die Zusammenhänge zwischen Übergewicht und der Entstehung klinisch relevanter Krebserkrankungen jedoch eindeutiger. Sie sind allerdings nicht bei jeder Krebsart gleich ausgeprägt. Der zur Krebserkrankung führende Wirkmechanismus ist z. B. bei hormonempfindlichen Karzinomen (Brust-, Gebärmutter- und Prostatakrebs) ein anderer als bei hormonunabhängigen Tumoren.
Krebserkrankungen, bei denen ein ursächlicher Zusammenhang mit Übergewicht anaenommen wird (Pearson-Stuttard et al 2018)
• Speiseröhre (Adenokarzinom)
• Magen (speziell am Mageneingang)
• Bauchspeicheldrüse
• Gallenblase
• Leber
• Dickdarm (weniger der Enddarm)
• Brust (vorwiegend nach den Wechseljahren)
• Eierstock
• Gebärmutter
• Prostata
• Niere
• Melanom (?)
• Multiples Myelom
• Akute Leukämien und Non-Hodgkin-Lymphome
Je ausgeprägter das Übergewicht ist, umso größer ist die Erkrankungsgefahr. Starkes Übergewicht (BMI > 30 kg/m2) ist ein eindeutiger Risikofaktor, mittleres Übergewicht (BMI zwischen 27 und 30 kg/m2) eher ein wahrscheinliches Risiko. Leichtes Übergewicht (BMI zwischen 24 und 27 kg/m2) beeinflusst weder das Krebsentstehungs- noch das Sterblichkeitsrisiko.
Mehrere Wirkmechanismen kommen, in Frage (Heikenwälder et al 2019). Als gesichert gilt, dass Übergewicht – anders als klassische Kanzerogene – nicht die DNA-Struktur schädigt und Mutationen erzeugt, sondern die Aktivität und Wirkung von Kanzerogenen und Genmutationen beeinflusst. Übergewicht ist somit ein Tumorpromotor. Erst das Zusammenwirken von Tumorpromotoren mit Genmutationen führt zu einer Krebserkrankung!
Übergewicht ist häufig mit einer Insulinresistenz und einem erhöhten Insulinspiegel assoziiert, der das Zellwachstum stimuliert und latente Krebszellen aktiviert. Dass Insulin den Abbau von Fett hemmt und so die Bildung von Fettdepots begünstigt, ist ein weiterer Faktor, der die Krebsentstehung begünstigt.
Eine große Bedeutung haben Entzündungsfaktoren. Fettgewebe unterstützt einen dauerhaften Entzündungszustand, der zum Wachstum und zur Aggressivität von Krebszellen beiträgt. Entzündungsstoffe schwächen auch die Immunabwehr und begünstigen somit die Krebsentwicklung.
Bei Übergewichtigen kommt es häufig zu einer veränderten Zusammensetzung der Darmflora (Dysbiose). Chronische Entzündungen und Erkrankungen des metabolischen Syndroms sind die Folge. Sie gelten als Krebsrisikofaktoren
Bei korpulenten Frauen ist das Fettgewebe nach den Wechseljahren eine Quelle für die Aromatase und Östrogene. Letztere fördern hormonabhängiges Krebswachstum im Brustgewebe und in den Schleimhautzellen der Gebärmutter.
Neben Immunzellen können Fettzellen selbst Signalmoleküle produzieren (Adipokine). Zu den bekanntesten gehören Adipokin und Leptin. Leptin beeinflusst das Hungergefühl. Niedrige Adinopectin-Werte korrelieren mit einem erhöhten Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bösartige Tumore. Bei stark übergewichtigen Personen wird Adiponectin in geringeren Mengen nachgewiesen als bei normalgewichtigen Menschen.
Übergewicht erschwert die Diagnostik, so z. B. sonografische Untersuchungen. Wegen der eingeschränkten Strahlenplanung, der beeinträchtigten Medikamentenwirkung und der höheren Operationsrisiken verlaufen Krebserkrankungen bei Übergewichtigen häufig ungünstiger.
Übergewichtige haben in der Nachsorge eindeutige Nachteile; so z. B. ein höheres Wiedererkrankungsrisiko. Für das Rehabilitationsteam stellen stark Übergewichtige eine Herausforderung dar.
Kriterien, die bei der Bewertung von Studien zu Übergewicht und Krebs zu beachten sind
Während sich der Effekt einer Krebsvorsorge-Früherkennung bzw. der einer Chemo- oder Hormontherapie relativ einfach feststellen lässt, ist dies bei der Frage, ob Übergewicht die Entstehung beeinflusst, wesentlich schwieriger. Dies liegt an der Komplexität der Krankheitsentwicklung und der manchmal bis zu Jahrzehnten dauernden Einwirkungszeit von der Einwirkung des Lifestylefaktors bis zur Krankheitsmanifestation. Dies ist aber nur einer der Gründe, weswegen der Nachweis vieler Untersuchungen zum Einfluss von Übergewicht auf das Krebsgeschehen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht standhält.
Zahlreiche Studien sind schon vom Konzept und der Methodik her ungeeignet, da in ihnen fälschlicherweise davon ausgegangen wird, dass Krebs ausschließlich die Folge von Übergewicht ist. Es wird nicht berücksichtigt, dass noch viele andere Einflüsse vorhanden sein müssen, damit es zum Ausbruch der Erkrankung kommt (Pan et al 2009). In der Regel handelt es sich bei den Untersuchungen auch nur um Beobachtungsstudien, die nur darauf hinweisen können, dass zwei Dinge möglicherweise miteinander zusammenhängen. Im Optimalfall können sie Korrelationen, nicht aber Kausalitäten nachweisen.
Eine Korrelation sollte bestenfalls als Grundlage für eine Hypothese dienen, die mittels weiterer Untersuchungen (und anderer Methoden) erhärtet werden muss. Statistisch gesehen, ist es z. B. eindeutig, dass stark Übergewichtige häufiger an bestimmten Krebsarten erkranken als Normalgewichtige. Das ist allerdings noch kein Beweis für eine Kausalität, denn Übergewicht geht häufig mit anderen krebsfördernden Einflüssen einher, so etwa mit Typ-2-Diabetes, schlechter Ernährung, Bewegungsarmut, erhöhtem Alkoholkonsum und psychosozialen Problemen.
Die Schlussfolgerungen aus Beobachtungsstudien beruhen häufig auf Angaben von Fragebögen. Diese sind oft subjektiv gefärbt; auch lässt sich ihr Wahrheitsgehalt meist nur schwer nachprüfen! Die Angaben beziehen sich oft nur auf einen begrenzten Zeitraum, zumeist auf die letzten Jahre vor Ausbruch der Krebserkrankung. Dem steht entgegen, dass die Zeitspanne von der Entstehungsursache bis zur manifesten Erkrankung meist viele Jahre, ja Jahrzehnte, beträgt.
Aussagekräftiger als die Schlussfolgerungen einer einzelnen Studie sind Metaanalysen, die die Ergebnisse aus vielen Studien bei unterschiedlichen Umwelt- und Ernährungsbedingungen zusammenfassen und auswerten. Allerdings hängt die Aussagekraft einer Metaanalyse von der Qualität der Studien ab, die ausgewertet werden. Eine Metaanalyse von 30 selektierten Beobachtungsstudien kann in ihrer Aussagekraft problematischer sein als die jene einer einzigen kontrollierten Studie.
Einteilung und Klassifizierung klinischer Studien
• Bei Beobachtungsstudien werden Personen in ihrer normalen Lebensführung beobachtet. Die Angaben werden anschließend hinsichtlich bestimmter Fragestellungen analysiert. Die Studien zeichnen sich dadurch aus, dass die untersuchten Bedingungen nicht kontrolliert (bewusst gesteuert) werden. Sie können pro- oder retrospektiv sein, also aktuelle oder ehemalige Verhaltensweisen betreffen. Beobachtungsstudien haben im Vergleich zu kontrollierten klinischen Studien eine geringere Aussagekraft. Sie beschreiben häufig Assoziationen; kausale Zusammenhänge sind nur eingeschränkt feststellbar).
• Bei Fall-Kontroll-Studien werden erkrankte Patienten mit nicht erkrankten Personen verglichen, die ihnen möglichst ähnlich sind. In der Regel handelt es sich um retrospektive Studien: Beide Personengruppen werden befragt bzw. ihre Krankenakten analysiert. Um z. B. Risikofaktoren für Lungenkrebs zu erkennen, werden Patienten mit bzw. ohne Lungenkarzinom nach ihren Rauch- und Ernährungsgewohnheiten sowie ihrem Beruf befragt. Die Studien haben im Vergleich zur kontrollierten klinischen Studie eine geringere Aussagekraft.
• Kohortenstudie: Bei einer Kohortenstudie werden zwei (oder mehrere) Gruppen beobachtet, die verschiedenen Einflüssen ausgesetzt sind. Beispielsweise treibt die eine Gruppe viel Sport, die andere weniger. Untersucht wird, wie sich der Gesundheitszustand in beiden Gruppen über die Jahre entwickelt, ob und woran die Teilnehmer erkranken – und wie viele von ihnen sterben. An Kohortenstudien nehmen oft Menschen teil, die bei Studienbeginn gesund sind. Man beobachtet z. B. Raucher und Nichtraucher – und sieht nach einigen Jahren, wie viele von ihnen an Krebs erkrankt sind. Eine Kohortenstudie ermöglicht die direkte Bestimmung der Neuerkrankungsrate (Inzidenz) und stellt somit eine Möglichkeit dar, Hinweise für das mögliche Risiko einer Exposition gegenüber Krankheiten zu bestimmen. Um Ergebnisse zu erzielen, sind viele Studienteilnehmer notwendig, was das Studiendesign teuer und aufwendig macht. Nachteilig ist auch, dass die Ergebnisse erst nach längerer Zeit verfügbar sind.
• Bei retrospektiven Studien werden Untersuchungsbefunde, Röntgenbilder und Datenmaterialien analysiert, die bei Beginn der Studie bereits vorliegen. Bei prospektiven Studien werden die Daten hingegen nach Beginn der Studie eigens für diese neu erhoben. Wie alle Beobachtungsstudien können auch retrospektive Studien mögliche Kausalzusammenhänge nahelegen, jedoch nicht nachweisen. Mögliche zusätzliche, störende Faktoren (Confounder) sind im ausgewerteten Datenmaterial oft nur unzureichend aufgezeichnet oder fehlen ganz.
• Randomisierte Studien: Bei einer randomisierten, kontrollierten Studie werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer per Zufall unterschiedlichen Gruppen zugeordnet. Die eine Gruppe erhält das neue Medikament A, die andere das bewährte Medikament B oder ein Scheinmedikament (Placebo). Medikament und Placebo sollten äußerlich und im Geschmack nicht unterscheidbar sein. Idealerweise erfolgt die Zuordnung „doppelt verblindet“: Dann wissen weder die Teilnehmenden noch die behandelnden Mediziner, wer zu welcher Gruppe gehört. Verlässliche Aussagen über Ursache und Wirkung sind nur aufgrund der Ergebnisse randomisierter, kontrollierter Studien möglich.
• Meta-Studien kombinieren eine Vielzahl von Einzelstudien zu einer Gesamtschau. Die Resultate bereits gemachter Studien werden verglichen und als Kollektiv ausgewertet. Bei Meta-Studien fallen Fehler, die in einzelnen Studien auftreten, weniger stark ins Gewicht. Die Datenlage wird auf eine breitere Basis gestellt.
• Interventionsstudien sind prospektive Studien. Der Aufbau der Studie wird vorher festgelegt. Es wird geklärt, welche Menschen für die Studie in Frage kommen (Ein- und Ausschlusskriterien). Wissen die Studienteilnehmer, welche Behandlung sie bekommen, so handelt es sich um eine unverblindete Studie. Andernfalls spricht man von einer verblindeten Studie. Werden die Teilnehmer per Zufall unterschiedlichen Gruppen zugeordnet, so handelt es sich um eine randomisierte Studie.
• Querschnittstudie: Die klassische Form der Querschnittstudie ist die Umfrage: Eine repräsentative Auswahl von Menschen – meist eine Zufallsstichprobe – wird für die Erhebung bestimmter Meinungen oder Fakten interviewt bzw. untersucht. Da die Daten nur einmal erhoben werden, sind Querschnittstudien meist schnell und vergleichsweise günstig machbar. Sie können Erkenntnisse z. B. über die Häufigkeit einer Erkrankung liefern. Querschnittstudien erlauben keine festen Aussagen über die Ursache oder die beste Behandlung einer Erkrankung.
Tücken (Pitfalls) bei Studien zum Einfluss von Übergewicht auf Krebs
• Bei vielen Ernährungsstudien wird nicht berücksichtigt, dass Lebensmittel komplexe Systeme sind, deren Inhaltsstoffe und Wirkungen untereinander bzw. mit anderen Einflüssen in Wechselwirkung treten. Kochen und backen ändern z. B. ihre Eigenschaften.
• Häufig konzentriert sich die Fragestellung ausschließlich auf die Ernährung, obwohl sich deren Einfluss nicht separat von anderen Einwirkungen beurteilen lässt.
• In vielen Arbeiten wird nicht berücksichtigt, dass der Body-Mass-Index (BMI) und der Bauchumfang keine eigene Krankheitsidentität darstellen. Der BMI ist ein reiner Surrogat-Parameter, der weder die Anfälligkeit für Krebs noch die Sterblichkeit abbilden kann.
• Die Sensitivität (Empfindlichkeit) einer Untersuchungsmethode sagt nicht zwangsläufig etwas über ihre Wertigkeit bzgl. der Zielkriterien der Studie aus.
• Übergewicht wird häufig nicht näher definiert. Handelt es sich um starkes, mittleres oder leichtes Übergewicht? Die Messparameter sollten angegeben sein (z. B. BMI, Waist to height Ratio, Taille-Hüft-Quotient).
• Ein erhöhter BMI-Wert sagt weder etwas über die Ursache des Übergewichts aus, noch lässt er Schlussfolgerungen für die einzuschlagende Therapiestrategie zu.
• Häufig wird der Zeitpunkt der Gewichtsmessung nicht angegeben, gleichwohl das Körpergewicht bei der Krebsdiagnose kaum etwas über den möglichen Einfluss auf die Krebsentstehung aussagt.
• Gelegentlich erfolgt keine Differenzierung der Krebserkrankung, obwohl die Auswirkungen von Übergewicht von Organ zu Organ unterschiedlich sein können.
• Wie lange das Übergewicht bestand, wird manchmal nicht präzisiert, obwohl dies durchaus einen Einfluss haben kann.
• Gelegentlich ist nicht klar erkennbar, wo und unter welchen Begleitumständen die Angaben erhoben worden sind. Ethnische und soziale Einflüsse werden z. B. selten gewürdigt. Dabei reagieren sozial Benachteiligte anders und leiden häufig unter zusätzlichen Erkrankungen.
• Mitunter wird bei der angeblichen Häufigkeitszunahme von Krebserkrankungen nicht die höhere Intensität an Diagnostik, speziell an Vorsorge-Früherkennungs-Maßnahmen, berücksichtigt.
• Oft erfolgten die Analysen nicht altersangepasst, gleichwohl der Organismus auf Schadstoffe je nach Alter unterschiedlich reagiert.
• Genderunterschiede werden gelegentlich nicht berücksichtigt, obwohl sich Ernährungsverhalten und Übergewicht hier unterschiedlich auswirken. Manchmal werden Erfahrungen aus Tierversuchen – oder gar Zellkulturen – auf den Menschen übertragen, was nicht statthaft ist.
• Gelegentlich fehlen Angaben zu den Zielkriterien. Geht es um das Gesamtüberleben (OS), um krankheitsfreies Überleben (DFS), um ereignisfreies Überleben (EFS), um die Phase bis zur Tumorprogression (TTP um progressionsfreies Überleben (PFS) oder um die Zeit bis zum Therapieversagen (TTF)?
• Heilungen sind nicht identisch mit Fünf-Jahres-Überlebensraten. Sie dürfen deshalb nicht zur Bewertung von Vorbeugemaßnahmen herangezogen werden, da eine vorzeitige Krebsdiagnose zwangsläufig eine längere Überlebenszeit vortäuscht.
• Bei einigen Studien werden Erfolgsquoten in Prozent, bei anderen in Absolutzahlen ausgedrückt, obwohl Angaben in Relativprozent die Wirksamkeit einer Maßnahme verfälschen können.
• Ein häufiger Fehler bei der Beurteilung des p-Wertes ist die Annahme, dass ein statistisch signifikantes Ergebnis automatisch bedeutsam ist. Tatsächlich kann ein statistisch hoch signifikantes Ergebnis völlig irrelevant sein.
• Wesentlich häufiger als negative werden positive Studienergebnisse publiziert. Negative Studienergebnisse verschwinden oft in der Schublade (Publikationsbias)!
• Gelegentlich bestehen Interessenkonflikte. Grundsätzlich sollte geklärt sein, ob eine Zusammenarbeit mit gewinnorientierten Unternehmen stattgefunden hat.
• Empfehlungen sind überzeugender, wenn die Autoren keine Interessenkonflikte nachweisen. Oft werten Lobby-Verbände unliebsame Studien ab und diskreditieren die Ergebnisse, können jedoch ihre Gegenposition nicht mit Untersuchungen belegen (Cochrane-Zentrum).
Kommentar und Empfehlungen:Zur Ermittlung der tatsächlichen Ursache für ein erhöhtes Krebsrisiko bedarf es randomisierter, kontrollierter und prospektiver Studien, bei denen Freiwillige nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt (randomisiert) werden. Die eine Gruppe müsste auf eine Ernährung mit wenig Fleisch festgelegt werden, während die andere sich wie gewohnt ernährt. Das Zufallsprinzip muss dafür sorgen, dass beide Gruppen wirklich miteinander vergleichbar sind. Aus ethischen, technischen und finanziellen Gründen ist ein solcher Nachweis aber nicht anwendbar.
Statistiken sind immer so gut wie die Qualität der Datenerfassung. Diese ist aber bei vielen Studien unbefriedigend. Während sich der Effekt einer Krebsvorsorge-Früherkennungs-Untersuchung – und der Erfolg einer Chemo- oder Hormontherapie – auf die Krankheitsentwicklung leicht feststellen lässt, ist das bei der Frage nach dem Einfluss von Körpergewicht wesentlich schwieriger. Dies liegt vor allem an der Komplexität der Zusammenhänge und der mitunter jahrzehntelangen Einwirkungszeit von Lifestylefaktoren vor dem Ausbruch der Krebserkrankung.
Seriosität und Glaubwürdigkeit von Gesundheitsinformationen im Internet
Zunehmend klagen Ärzte über eine „Cyberchondrie“ ihrer Patienten, von denen sie mit falsch verstandenen Empfehlungen aus dem Internet unter Druck gesetzt werden. Qualität und Seriosität sowie Relevanz und die Vertrauenswürdigkeit von Gesundheitsinformationen im Internet sind für Laien häufig schwer erkennbar.
Kommentar und Empfehlungen:Bei Suchmaschinen sagt die Reihenfolge der Suchergebnisse nur wenig über die Qualität und Verlässlichkeit der gefundenen Informationen aus. Bei den ersten Treffern handelt es sich häufig um gekaufte Werbung.
Gute Internetseiten sollten zu erkennen geben, inwieweit sie finanziell unterstützt werden und – wenn ja – durch wen. Es muss erkennbar sein, wann die Internetseite aufgebaut und zuletzt aktualisiert worden ist. Werbung und Information müssen getrennt sein.
Grundsätzlich sollte man sich vergewissern, wer hinter den Informationen steht. Gute Seiten nennen die Namen der Betreiber, die Autoren und ihre Qualifikation. Auch die Finanzierung der Website wird offengelegt. Gute Seiten legen dar, was in der Forschung noch unsicher ist. Auch die Therapie-Nebenwirkungen werden erwähnt. Gute Seiten geben Quellen an und benutzen Erfahrungsberichte nicht als Beleg für die Wirksamkeit einer Maßnahme.
Seit Verabschiedung des Präventionsgesetzes haben Krankenkassen die Möglichkeit, gesunde Verhaltensweisen mit Boni zu belohnen. Einige Krankenversicherungen tun das bereits, indem sie den Erwerb von Smartwatches und Fitness-Trackern finanziell unterstützen. Voraussetzung ist, dass die Geräte mit einer entsprechenden App ausgestattet sind und der Kunde die Dokumentation seiner Gesundheitswerte belegt. Die Weitergabe dieser Daten, die damit auch für andere verfügbar werden, ist nicht unproblematisch. Einerseits bringen sie Vergünstigungen, wie etwa „Gesundheitsboni“, andererseits bergen sie Risiken, wie den Ausschluss vonVersicherungen oder Krediten. Insofern ist Vorsicht geboten. Das Interesse mancher Krankenkassen beschränkt sich nämlich nicht darauf, etwas für die Gesundheit ihrer Versicherten zu tun. Sie wollen auch weitergehende Informationen über deren Gesundheitszustand erhalten.
Datenschützer warnen davor, mit sensiblen Gesundheitsdaten unbedacht umzugehen. Sie raten dazu, kurzfristige Vorteile gegen langfristige Gefahren abzuwägen. Bevor man die Installation einer Gesundheits-App erwägt, sollte man prüfen, ob es sich dabei um einen vertrauenswürdigen Anbieter mit qualitätsgesicherten Informationen handelt.
Kliniken, Vereine und Selbsthilfegruppen bieten meist werbefreie Anwendungen an, ohne kommerzielle Absichten. Sie arbeiten mit einem wissenschaftlichen Gremium zusammen, das für die Qualität der Informationen bürgt. Das Online-Portal HealthOn (www.healthon.de) informiert regelmäßig über Gesundheits-Apps und gibt hilfreiche Einschätzungen zu deren Qualität. Eine Checkliste, mit deren Hilfe man als Nutzer das Risiko einer App und deren Vertrauenswürdigkeit einschätzen kann, lässt sich – nach (kostenloser) Registrierung – über die unabhängige Informations- und Bewertungsplattform für Gesundheits-Apps von HealthOn problemlos einsehen. Verlässliche Gesundheitsinformationen erhält man auch vom unabhängigen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sowie – ab 2021 – vom Nationalen Gesundheitsportal.
