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Otmar war fünfzehn, als ihm seine Beine nicht mehr gehorchten. Dann änderte sich alles. Zuvor hatte er die ganz normale Kindheit eines Jungen aus dem Buterland gelebt, den Krieg und die Nachkriegsjahre überstanden, und nun war ungewiss, wie es weitergehen würde. Erzählt werden seine Geschichten: - aus der Kindheit im Krieg und den Nöten der Nachkriegszeit - aus der Spielzeit in der Natur und dem Alltag zuhause in Gronau - wie er und seine Familie mit dem Nationalsozialismus umgingen - wie es war, als er schwer an Kinderlähmung erkrankte und sich sein Leben durch den Virus komplett verändert hat - wie er sich ins Leben zurückkämpfte
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2022
Catarina Knüvener
Und dann kam das Virus
Alltag, Krieg, Nachkriegsjahre, Poliomyelitis
Eine Biografie
+++ Namensähnlichkeiten mit lebenden Personen sind
zufällig, soweit diese nicht zur Geschichte gehören +++
1. Auflage 2022
© Catarina Knüvener
Auerstr. 7, 10249 Berlin
Text, Layout, Umschlaggestaltung: Catarina Knüvener
Vorwort
Viren sind die Treibkraft in der Entwicklung der Natur. Da sie für die Mutation von Genen verantwortlich sind, zählen sie als einer der wichtigsten Faktoren in der Evolution. Gleichzeitig beeinflussen sie unser Leben durch ihre zerstörerische Kraft enorm. In den 2020er Jahren wurden wir mit dem Corona-Virus konfrontiert, welches das Leben vieler Menschen komplett verändert hat. Am 10. Sept 2022 wurde New York zum Krisengebiet ausgerufen, weil im Abwasser Polioviren gefunden wurden. In den 1950er Jahren war genau dieses Virus der gefürchtete Erreger, dem wir Menschen hilflos ausgeliefert waren. Einer, dessen Leben dadurch komplett aus der Bahn geworfen wurde, war mein Vater.
Dieses Buch ist ein Erinnerungsbuch, eine Biografie, ein Bericht über sein Leben, das im 2. Weltkrieg begonnen hat, ein Bericht über seine Kindheit in der Nachkriegszeit, über die Infektion mit dem Poliomyelitis-Erreger und über den Weg zurück aus der Erkrankung ins Leben. Begleitet wurde er von wertvollen Menschen, die ihm zum Teil auch heute noch zur Seite stehen, so wie meine Mutter.
Herzlichen Dank an meinen Vater, der mir all seine Geschichten erzählt und geduldig alle Fragen beantwortet hat.
Ferner möchte ich mich beim meinen Cousin Michael Knüvener bedanken, der mich sowohl mit seiner Expertise über Gronau als auch mit einigen Fotos unterstützt hat. Peter Knüvener sowie Susan Trautwein-Köhler haben mir ebenfalls Fotos aus Gronau zur Verfügung gestellt, auch dafür meinen Dank. Einen ganz großen Dank an Pia Duckstein, für das Redigieren des Textes und an Sibylles Zimmermann für die Hilfe bei der grafischen Gestaltung des Covers. Außerdem einen herzlichen Dank an meinen Mann Marcus Becher, der mich stets in allem unterstützt hat.
Nicht Regen, nicht Sturm
Haucht ihm Schauer übers Herz.
Aus „Wanderers Sturmlied“
von Johann Wolfgang von Goethe
Inhalt
Leben vor dem Virus - Alltag
1) Geburt
2) Gronau in Westfalen
3) Name
4) Vater und Mutter
5)Haus
6)Garten
7)Nationalsozialisten
8)Krieg
9)Nachkriegsjahre
10)Bienen
11)Freiheit
12)Wäschetag
13)Schwarzbach
14)Ernährung
15)Tiere
16) Weihnachten
17)Messdiener
18)Gymnasium
19) Schulleben
Kinderlähmung – der Kampf
ums Überleben
20)Einschnitt
21)St. Antonius Krankenhaus
22)Hüfferstift
Neubeginn - Leben mit der Polio
23)Reha
24)Schule
25)Leben mit Polio
26)Berufswahl
Epilog
Fotos
Anhang
Aus dem Leben von Eckart Frey
Quellen und weiterführende Links
Sonntag, 18. August 1940. Es war ein friedlicher und für die Familie Knüvener ein besonderer Tag, denn es kündigte sich ein schönes Ereignis an; eines der Ereignisse, wie sie in der Geschichte der Menschheit fortwährend stattfinden, obwohl die Welt an anderen Orten das Gesicht des Grauens präsentiert. Seit fast einem Jahr führte Hitler Krieg und überzog die Welt mit Unheil und Leid. Polen ist bereits überfallen, Norwegen und Dänemark sind besetzt worden. Die Annektierung der Beneluxländer und Frankreich hat begonnen. Im Laufe des letzten und der nächsten 5 Jahre sollten geschätzt bis zu 80 Millionen Menschen umkommen, durch Massenmord, Kriegsverbrechen, Zwangsarbeit, Kriegshandlungen und Kriegsfolgen. Versucht man sich eine Vorstellung dieser Zahl zu machen, wären nahezu alle Einwohner des heutigen Deutschlands ausgelöscht worden.
An diesem Sonntag war das Wetter mäßig. Ganz Deutschland lag unter einer Wolkendecke und es regnete immer wieder. Trotzdem war der Tag schön, denn Gertrud brachte gegen 12 Uhr mittags in einer unkomplizierten Hausgeburt ihr drittes Kind zur Welt: Es war ein kleiner Junge. Jedoch hatte sich die Nabelschnur um den Hals gewickelt und noch bevor er anfangen konnte zu atmen lief der Kleine blau an. Die erfahrene Hebamme blieb gelassen. Sie wickelte die Nabelschnur ab, legte das Kind in die Arme der Mutter und rieb es mit einem weichen Handtuch ab. Die Sauerstoffversorgung stabilisierte sich. Das Neugeborene hustete Fruchtwasser aus, die Lunge entfaltete sich und es nahm die ersten kleinen Atemzüge. Zugleich färbte sich seine Haut rosa. Der Kleine hatte den ersten Kampf seines Lebens gut gemeistert. Seine Nabelschnur wurde durchtrennt und er begann sein Leben mit den zarten Schreien eines neugeborenen kleinen Wunders. Gertrud war erschöpft, aber glücklich. Sie schaute ihren ersten Sohn liebevoll an und sagte stolz: ‚Das ist unser Otmar‘.
Zur gleichen Zeit beschäftigten sich die meisten Einwohner Gronaus mit dem Kirchgang. Gronau war seit 1591 mehrheitlich protestantisch und die meisten Gläubigen besuchten die evangelische Stadtkirche. Die deutlich kleinere katholische Gemeinde, zu der auch Otmar jetzt gehörte, versammelte sich in der katholischen St. Antonius-Kirche. Zur Kirche gehen hieß damals nicht nur, seinen religiösen Pflichten nachzukommen, sondern auch, sich mit Nachbarn und Freunden zu treffen. Nach der Messe tauschte man sich auf dem Vorplatz über Themen von großer und kleiner Bedeutung aus, wie Fußball oder Neuigkeiten aus der Nachbarschaft. Aber vor allem die Entwicklung des Kriegs beherrschte die Gespräche. Im August 1940 glaubten die Menschen kritiklos Goebbels Lügenpropaganda und waren vom Sieg der Deutschen überzeugt.
Otmar wuchs in Gronau auf. Zentren seines Lebens, als Junge in der Stadt, waren das Schloss mit seinem Marktplatz, an dem er auf dem Weg in die Stadt immer vorbeikam, die dazugehörige Altstadt mit den kleinen Gassen und der Stadtpark. Weder Schloss noch Altstadt haben die Jahre überdauert.
Schloss
In den 1960er Jahren, nach den Kriegs- und Hungerjahren, beherrschte ein Thema die Diskussionen auf dem Vorplatz der Kirche: der Abriss des über 600 Jahre alten Stadtschlosses. Es gab gleichermaßen Befürworter und Gegner. Das Schloss mit dem Schlossplatz und der umliegenden Altstadt bildeten das Zentrum Gronaus; es war ursprünglich das Herz und von hier aus war die Stadt gewachsen. Das Schloss war klein, ein längliches, eher robustes als repräsentatives Schlösschen, das ursprünglich eine Wasserburg war und die möglicherweise einst militärischen Zwecken gedient hatte. Gebaut wurde die Burganlage vermutlich im 13. Jahrhundert. Reste eines Bergfrieds wurden bei Grabungsarbeiten in den 2020er Jahren gefunden. 1365 kaufte der Graf von Bentheim die Burg als Witwensitz und als kleines Schloss. Die Fassade bestand aus sanft schimmerndem, hellem Sandstein, der in Steinbrüchen in Bentheim abgebaut worden war. Nur fünf Fenster und zwei Türen durchbrachen die Fassade, mehr Platz für Fenster bot sie nicht. Die Wohnräume lagen im Hochparterre und konnten über zwei Eingangstüren erreicht werden, zu denen je eine Treppe hinaufführte. Es waren keine imposanten, repräsentativen Treppenaufgängen, sondern schmale an das Mauerwerk geschmiegte, die zusammen eine V-Form bildeten. Darüber erstreckte sich ein Walmdach, das bereits in den 1960er Jahren abgetragen worden war.
Umgeben war das Schloss ursprünglich von einem äußeren Burggraben, der vor dem 1. Weltkrieg zugeschüttet worden war und zu einer Straße umgewandelt wurde. Diese hieß während der Nazizeit Adolf Hitler Straße und wurde nach dem Krieg, im Zuge der Entnazifizierung, in Neustraße umbenannt. Hier hatten sich zahlreiche Geschäfte angesiedelt: die Textilkaufhäuser Ernsting und Brinkmann, ein Hutgeschäft, Juwelier, Fahrradgeschäft mit Werkstatt, Apotheke oder Metzger. Und hier an der Neustraße stand und steht noch heute die St.-Antonius-Kirche. Dahinter lag ein Wall, der abgetragen zur Wallgasse umgewandelt wurde. In weiteren 50 Metern Entfernung folgte eine hohe Mauer mit einem Tor. Die Festung mit ihren Wällen, Gräben und Mauern war einst so wehrhaft erbaut worden, dass sie uneinnehmbar sein und Kriege überstehen sollte.
Den 2. Weltkrieg hat das Schloss auch unbeschadet überstanden. Aber 20 Jahre nach Kriegsende war es zu einem düsteren Gemäuer verfallen, kalt, feucht und stark sanierungsbedürftig. Dort lebten die Ärmsten der Armen, vor allem vertriebene Menschen aus Schlesien, Pommern oder Böhmen, die nach dem verlorenen Krieg eine neue Heimat finden mussten und die nicht in Familien wie der des kleinen Otmar untergekommen waren.
Das Bild vom alten Schloss passte nicht in die Vorstellungen der gronauer Stadtplaner, die Ideen von einer modernen Innenstadt hatten. Sie beschlossen also den Abriss des Gebäudes. Wegen der robusten Bauweise war es den Sprengmeistern nur schwer möglich, das Gemäuer und das Kellergewölbe mit seinen meterdicken Säulen – ein Beweis hoher Baukunst – zu zerstören. Immer wieder mussten neue Sprengladungen gesetzt werden. Könnten Bauwerke weinen, hätte das Schloss mit seinen Tränen den Burggraben gefüllt.
Vor dem Schloss befand sich der Schlossplatz, der über hunderte Jahre als Marktplatz gedient hatte. Samstags boten dort Händler, Metzger und Bauern aus der Umgebung ihre Waren, wenn nicht Krieg oder Not das verhindert hatten.
Stadt
Gronau heißt „grüne Aue“, ist eine Siedlung am Fluss Dinkel, nahe der holländischen Grenze und wurde 1365 erstmals urkundlich erwähnt. Der Ortsteil Epe wurde schon 177 Jahre zuvor erwähnt, im Jahre 1188. Das Eper Gebiet wird nachweislich schon seit 4000 Jahren besiedelt: Funde weisen auf einen Besiedlungszeitraum zwischen 2000 und 1700 v. Chr. hin. Neben Schloss und Schlossplatz prägten umliegende, dunkle und verwinkelte Gassen die Gronauer Altstadt, gesäumt von vorgründerzeitlichen Häuschen mit geflicktem Mauerwerk. Darin befanden sich Handwerksbetriebe wie Bäcker, Schreiner, Schmied, Schneider oder Schuster, die manchmal ihre Ware in kleinen Schaufenstern anboten, wenn sie Schaufenster hatten.
In dieser uralten Idylle spielte sich das städtische Leben des kleinen Otmar ab. Samstags ging Otmar an der Hand seiner Mutter zum Markt, um Fleisch zu kaufen. Und brauchte jemand aus der Familie neue Schuhsohlen, besuchten sie den Schuster in einer der Gassen. Hier trafen sich die Gronauer zum Einkaufen oder Bummeln; jeder kannte jeden, und jeder kannte die Inhaber der Betriebe. Die Gassen wirkten ärmlich, aber ihre Atmosphäre war voller Charme. Als Otmar mit sechs Jahren alt genug war, um allein in die Stadt zu gehen, steuerte er eine der drei Mühlen an, die an den Ufern der Dinkel standen. Zwei wurden jeweils mit einem großen, knarrenden Mühlrad aus Holz angetrieben. Die dritte Mühle wurde bereits elektrisch betrieben und war gleichzeitig ein Getreidehandel. Dort kaufte Otmar Futter für seine Hühner. Bei dem Schreiner holte er regelmäßig einen Sack voll „Krüllen“, das waren Hobelspäne, mit denen das Feuer im Ofen entfacht wurde. Schloss und Altstadt – wenn auch morbide – waren Herz und Seele Gronaus.
Bis Ende des 18. Jahrhunderts war Gronau arm. Dann aber, ab 1854, siedelten sich vor allem niederländische Textilhändler an und gründeten Baumwollspinnereien. Gronau erlebte mit einer der größten Baumwollspinnereien Europas (nur in England gab es größere) einen nie zuvor dagewesenen Boom an Reichtum, Wachstum und an Einwohnern. Die kleine Stadt entwickelte sich zu einer Industriestadt mit zahlreichen Textilfabriken, voll von hoch in den Himmel ragenden Fabrikschornsteinen. Die Einwohnerzahl stieg von 4500 auf 20 000. Rund um den alten Stadtkern ließen Industrielle luxuriöse Villen bauen, die noch heute stehen.
Neben den Prunk-Villen wirkte die intakte und komplett erhaltene, aus heutiger Sicht charmante, Altstadt besonders ärmlich, zumal den Häusern auch sanitäre Anlagen und Heizungen fehlten. Die Gesellschaft der 1960er Jahre, die den Krieg mit all der Zerstörung noch vor Augen hatte, befand sich im Aufbruch, wollte Neues schaffen und nicht Altes erhalten. Während andere Innenstädte durch Bomben zerstört worden waren und so zwangsläufig Platz für Ideen boten, war der Handlungsspielraum für eine Modernisierung in Gronau ein anderer: er war deutlich eingeschränkter. Kreativität war gefragt. Die Stadtplaner entschlossen sich zu einer der größten Bausünden, die in Deutschland jemals begangen wurden: Im Rahmen einer Mustersanierung wurde die komplette Altstadt abgerissen und die Gräben aufgefüllt. Fast alle historischen Straßenzüge und -verläufe existierten anschließend nicht mehr. Im Nachgang wurden moderne Neubauten errichtet, die noch heute das teils ungeliebte Stadtbild prägen und mit denen oder besser gegen die Stadtplaner noch heute kämpfen. Das Beispiel Gronau hatte zur Folge, dass man anschließend deutschlandweit derartige Mustersanierungen unterließ.
Wasser
Oberhalb von Gronau war das Buterland flach, bis auf „Kamps“ (etwa 3 Meter hohe Hügel), und wasserreich. Um es landwirtschaftlich nutzen zu können, wurde es über zahlreiche Gräben und Bäche, die das Wasser in die Dinkel leiteten, entwässert. Bei heftigem Regen füllten sich diese Gräben und große Wassermassen flossen in Richtung Gronau. Zuerst sammelte sich das Wasser vor der Stadt im Teich des Stadtparks und wenn dieser voll war, wurde der Stadtpark unter Wasser gesetzt. Doch ein- bis zweimal im Jahr waren die Wassermassen so groß, dass sie die Innenstadt für einige Tage überfluteten. Straßen und Häuser standen unter Wasser und Keller mussten ausgepumpt werden. Um die Innenstadt vor dem Hochwasser zu schützen, wurde ein kleiner Bach, der Eschbach, verlängert und verbreitert, sowie mit Dämmen an den Ufern versehen. Sobald die Dinkel einen kritisch hohen Wasserstand erreichte wurde dieser Graben über ein Wehr mit Wasser geflutet. Von den Dämmen gebannt, strömte das Wasser dann außen um die Altstadt herum. Entsprechend seiner Funktion wurde der Graben Umflut genannt.
Stadtpark
Im Stadtpark war ein großer Teich angelegt worden, der als Rückhaltebecken einen Teil der Wassermassen aufnehmen konnte. Am Teichufer hatte ein Schwanenpaar ein Nest angelegt, in dem jedes Jahr aufs Neue ein Schwanenpaar brütete. Es war vom Park durch einen Zaun abgetrennt, so konnten die Schwäne ungestört, aber unter begeisterter Aufsicht von zahlreichen Parkbesuchern, jedes Jahr ihre Küken großziehen. Der Park war von Wegen durchzogen, die zwischen gepflegten Rasenflächen, blühenden Büschen und Bäumen wie Rhododendren, Rosen, Hortensien oder Magnolien langführten. Außerdem gab es zahlreiche Tiergehege: Volieren mit Greifvögeln wie Habicht und Bussard, ein Bärenhaus mit einem Kragenbär, dem sich die Kinder nicht nähern durften da er ihnen die Hände abreißen würde ̶ so erzählten Eltern das ihren Kindern, Gehege mit verschiedenen Wildtieren wie Fuchs, Dachs, Nutria und ein Affenhaus mit munter turnenden Rhesusäffchen. Im großen Gehege liefen Damwild, Zwergziegen oder schwarze Shetlandponys gemeinsam herum. Wenn bei starkem Regen der gesamte Stadtpark unter Wasser stand, konnte das für diese Tiere eine tödliche Falle werden. Einmal war das Wasser so hoch, dass zahlreiche Vierbeiner ertranken. Deshalb wurde im Stadtpark ein Hügel angelegt, auf den die Tiere flüchten konnten. Gab es ein Parkfest, wurden die Ponys vor einen Leiterwagen gespannt und die Besucher durften mitfahren. Der Park war ein beliebter Ausflugsort. Großeltern spazierten mit ihren Enkeln durch den Park und bestaunten die Tiere. Frisch verliebte Paare trafen sich auf Parkbänken. An Sonntagen flanierten die Familien gut gekleidet durch den Park oder picknickten auf den Wiesen. Waren die Gewässer im Winter zugefroren, liefen die Menschen dort Schlittschuh. Jahre bevor Otmar geboren wurde, brach dort sein Onkel Franz, Gertruds Lieblingsbruder, ins Eis ein. Zwar konnte er sich retten, aber die darauffolgende Lungenentzündung brachte ihm den Tod. Antibiotika waren damals noch nicht entdeckt und Kräuter halfen nicht. Wer schwer krank wurde, starb. Gertrud hat seinen Tod nie verwunden und glaubte seitdem, dass auch ihr erstgeborener Sohn früh, viel zu früh, sterben würde, was sich beinahe bewahrheitet hätte.
Warum Otmar „Otmar“ genannt wurde, ist nicht bekannt. Unbekannt ist auch, ob sich die Eltern mit der Bedeutung des Namens beschäftigt hatten. Der Name stammt aus dem Mittelalter und bedeutet „reich an Erbe“, womit nicht nur Besitz, sondern auch immaterielle Werte wie Stand und die daher rührende Macht gemeint waren. Mit seinem zweiten Namen Wilhelm wurde er nach seinem Großvater benannt. Das Familienoberhaupt, also der Chef, hieß immer Wilhelm oder Willi; das war einerseits Tradition und andererseits ein Blick in die Vergangenheit, der auf das preußische Kaisertum hinwies, mit dem – wie wir heute sagen würden – größenwahnsinnigen „König Kaiser“ Wilhelm II. Dieser hielt sich für einen schlauen Fuchs und wollte als kriegslustiger Stratege sein Reich vergrößern. Zuerst führte er gegen Dänemark Krieg und nahm den Dänen Schleswig-Holstein ab. Anschließend überfiel er Frankreich und ließ sich 1871 im Schloss Versailles zum Kaiser krönen. Die besiegten Franzosen erlebten die Krönung im „eigenen Wohnzimmer“ als eine tiefe Demütigung, was zu weiteren, fatalen Folgen führte. Da Otmars Urgroßeltern nicht ahnen konnten, in welches Verderben diese Kriegslust Deutschland stürzen würde, mit welchem Leid Deutschland die Menschheit überziehen würde, nannten sie, wie so viele Eltern in der Zeit, ihren Erstgeborenen stolz „Wilhelm“. Der Vize-Chef, also der Zweitgeborene, hieß immer Paul und der Drittgeborene immer Johannes. Weil Otmars Vater der Drittgeborene war, hieß er Johann Emil. An vierter Stelle kam Felix.
Otmar hatte Geschwister: Seine älteste Schwester hieß Mechthild, sie war sieben Jahre älter und ein gescheites Kind. Dann kam die vier Jahre ältere Schwester Ursula, auch Ursel genannt, die, wenn auch nicht geradlinig, so doch auch ihren Weg fand. Drei Jahre nach Otmar wurde der jüngste Spross Udo geboren. Mit ihm hat Otmar als Kind und als Jugendlicher viel Zeit verbracht. Er war sehr hilfsbereit, genauso wie die anderen Familienmitglieder, und er war gemeinsam mit der Familie für Otmar eine wichtige Stütze in der schwersten Phase seines Lebens.
Johann
Johann Emil wurde 1893 in Buldern geboren. Er arbeitete als Oberstudienrat am Werner von Siemens Gymnasium, übernahm in der Nachkriegszeit für einige Jahre die Schulleitung und wurde von der englischen Besatzungsmacht als Ratsherr eingesetzt. Und er war der Sohn des erfolgreichen Geschäftsmannes Wilhelm Zacharias Knüvener aus Haltern, der Müller, Kaufmann im Getreidehandel, Inhaber einer Gastwirtschaft und später Gründer einer Genossenschaftsbank war. Johann hatte eine schwache Konstitution, da er chronisch magenkrank war und nicht richtig Essen konnte: immerzu quälten ihn Magenschmerzen und er musste ständig erbrechen, weshalb er nur spezielle Nahrung vertrug. Wegen der mangelhaften Nahrungsaufnahme war er deutlich schmächtiger als seine großen, kräftigen Brüder. Anstrengende körperliche Arbeiten schaffte er nicht. Aus diesem Grund musste er in der Mühle nicht im gleichen Maße wie seine Geschwister helfen. Stattdessen verbrachte er viel Zeit bei seinem Großvater mütterlicherseits, Heinrich Püttmann. Heinrich arbeitete als Statiker, nachdem er sich nach seinem Volksschulabschluss (acht Schuljahre) selbst höhere Mathematik beigebracht hatte. Dieser Großvater weckte in Johann das Interesse an Naturwissenschaften und die Neugier, selbst die Zusammenhänge der Natur erkunden zu wollen. Johann sagte häufig, er habe keine Freunde, aber er habe einen Großvater. Und eben dieser Großvater legte den Grundstein dafür, dass Johann so ein vergeistigter Mensch wurde, gern und viel lernte und das Gegenteil von einem Lebemann wurde. Schon als Kind galt er als ein Eigenbrötler, denn wegen der Freude an der Wissenschaft entwickelte er komplett andere Interessen als seine Altersgenossen, mit denen er folglich nichts anfangen konnte. Er lernte eine ganz andere Welt als seine Geschwister, Nachbarskinder oder Mitschüler kennen, eine Welt, die durch den Kontakt zum Großvater geprägt wurde.
Johanns Mutter Franziska Antonie, geborene Püttmann, war fromm und liebevoll. Sie war die Seele des Hauses. Gemeinsam mit Wilhelm entschied sie, dass Johann Priester werden sollte. Damals war es üblich, dass Familien versuchten, einem der Söhne eine gute Bildung zu ermöglichen, damit dieser die Chance hatte, den angesehenen Beruf eines Priesters ergreifen zu können. Da Johann zudem mit seiner schwachen Konstitution für den Müllerberuf ungeeignet schien, durfte er als Einziger Abitur machen und studieren. Er wurde sehr konkret auf die Priesterlaufbahn vorbereitet: Zuerst besuchte er das bischöfliche Internatsgymnasium Collegium Augustinianum Gaesdonck (Kreis Kleve), wo er neben einer theologischen Grundausbildung auch Griechisch, Hebräisch und Latein lernte. Anschließend begann er seine Priesterausbildung im Collegium Borromaeum in Münster, brach diese aber nach zwei Jahren ab. Stattdessen fuhr er nach Hamburg, um sich mustern zu lassen und in den Krieg zu ziehen.
1. Weltkrieg
Die Welt war in Aufruhr. Im von Österreich-Ungarn besetzen Serbien waren im Juni 1914 der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, ermordet worden. Österreich erklärte daraufhin Serbien den Krieg, unter Beteiligung Deutschlands, denn Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Theobald von Bethmann sagten Österreich die volle Unterstützung zu. Obwohl Deutschland nicht angegriffen worden war, glaubten die Menschen, sich verteidigen und das Unrecht vergelten zu müssen. Das Attentat und die Empörung darüber, fiel auf einen fruchtbaren, von Nationalismus und Militarismus geprägten Boden, in einem Land mit einer massiv aufgerüsteten Kriegsmaschinerie, und sorgte für ein Welle nationaler Begeisterung. Einerseits erzürnt und andererseits von regelrechtem Glücksgefühl und Siegesgewissheit erfasst, meldeten sich Männer allen Alters massenhaft und begeistert zum freiwilligen Wehrdienst. Ihnen wurde erzählt, dass der Krieg schnell gewonnen sein würde. Sie ahnten nicht, dass dieser mit neuentwickelten Chemie-Waffen unendlich grausam und fast die ganze Welt beteiligt sein würde, mit insgesamt rund 17 Millionen Toten.
Wilhelm Zacharias folgte Johann nach Hamburg. Weil Johann ständig krank war, landete er nicht bei der Armee, sondern Blut spuckend im Lazarett. Körperlich angeschlagen und enttäuscht lag er im Bett, als er hörte, wie sich jemand laut hustend näherte. Es war das typische und vertraute Bölken seines Vaters. Wilhelm war ein energischer Mann; er war der Kaiser in seiner Familie und duldete keinen Widerspruch. Nun bestimmte er, dass Johann nicht in den Krieg zog. Stattdessen nahm er ihn wieder mit nach Buldern, wo Johanns Zukunft neu verhandelt wurde. Da er eigentlich Arzt werden wollte, aber Priester werden sollte, einigten sie sich auf Lehramt. Er durfte jetzt Mathematik, Chemie, Biologie, Physik und Geologie studieren, insgesamt fünf Fakultäten. Als erster seiner Familie brach er aus der Tradition des Handwerks aus und startete eine Akademikerlaufbahn. Währenddessen zogen Soldaten weltweit in den entsetzlichen Krieg. Einige waren in einem grausamen Stellungskrieg in Verdun im Osten Frankreichs gefangen, so wie Gertruds Vater Franz Böyng, der mit seinen Kameraden Granatenhagel im Dauerbeschuss ausgesetzt war. Der Krieg produzierte hunderttausende physisch und psychisch deformierte menschliche Wracks, lauter zerstörte Leben, voller Leid und Schmerz.
Die Tragödie der Kriegsrückkehrer sehend und die Verelendung der Gesellschaft durch hohe Reparationszahlungen erlebend, veränderten Johanns Einstellung zum Krieg. Vom Befürworter wurde er zum Kritiker, zumal auch seine Familie unter den Kriegsfolgen litt. Sie war inzwischen verarmt, denn alles an Wert war zwangsweise in die Kriegskasse geflossen. Als Junge hatte sich Johann keine Gedanken über Wohlstand gemacht, aber er hatte Goldrollen bewundert, die in der Kasse lagen. Jetzt war alles an Vermögen fort ̶ und die Armut war deutlich spürbar.
Als Hitler mit der NSDAP 1933 die Macht übernahm, weigerte sich Johann, in die Partei einzutreten. Diese Entscheidung traf er nicht ausschließlich wegen seiner Kriegserfahrung und der darauffolgenden Armut seiner Familie. Als Katholik, gläubiger Christ und ehemaliger Priesteranwärter folgte Johann der von der katholischen Kirche im Münsterland, bzw. der vom Bischof van Galen vorgegebenen Linie: Priestern war in seinem Bistum die Mitgliedschaft in der NSDAP untersagt, weil er die nationalsozialistische Ideologie menschenverachtend und mit dem christlichen Glauben unvereinbar sah. Johann war deshalb der einzige Lehrer am Gymnasium in Gronau ohne Parteibuch. Und er verachtete die Nazis genauso intensiv, wie er sie fürchtete.
Gertrud
Mit 34 Jahren stand Johann mit beiden Beinen im Berufsleben. Er lebte im Haus seiner zukünftigen Frau Gertud Böyng in Gronau. Gertuds Mutter, die ebenfalls Gertrud hieß und Trude genannt wurde, unterhielt eine Pension, in der sie unverheirateten Männern ohne eigenen Hausstand, ein Zimmer anbot. Ihre Gäste waren überwiegend Lehrer oder Ärzte, aber auch andere Berufsgruppen, die es sich leisten konnten. Dank der zahlenden Gäste konnte Trude das Familieneinkommen aufbessern, denn Gertruds Vater Franz leitete als Polier Baustellen. Sein Einkommen war deutlich kleiner als das eines Akademikers wie Johann; einer Familie mit fünf Kinder erlaubte es keine großen Sprünge. In einer Pension zu wohnen, bot auch den Gäste Vorteile: Sie wurden versorgt und musste sich um nichts kümmern. Die Zimmer waren möbliert, wurden geputzt, sie bekamen Mahlzeiten bereitgestellt und ihre Wäsche wurde gewaschen und gebügelt.
Als Gertrud Wilhelmina Luise Böyng und Johann Emil Knüvener sich kennenlernten, war Gertrud 17 Jahr alt und Johann 34. Sie war Schülerin einer Mädchenschule in Ahaus. Sie schaute zu dem gelehrten, älteren Johann auf und war fasziniert von seinem umfangreichen Wissen. Beide bildeten ein ungleiches Paar. Sie war sehr jung und fröhlich, sie redete, tanzte und sang gern. Johann sang und tanzte nie. Sie war ein feinfühliger, sanfter Mensch, wobei sie aber immer sehr genau wusste, was sie wollte. Und entgegen dem Willen ihrer Familie wollte sie Johann heiraten. Die Familie, auch die vier Brüder Franz, Alois, Severin und Heinz, versuchten ihr das auszureden. Außerdem war sie mit 17 Jahren noch nicht volljährig, so dass ihr eine Hochzeit verboten werden konnte. Die Pläne der Brüder sahen vor, dass sie unverheiratet im Haus der Eltern blieb und diese im Alter versorgte. Die Pläne der Eltern sahen vor, dass Gertrud als kluge und wissbegierig Schülerin zuerst selbst eine gute Bildung bekommen sollte. Für Handwerker-Töchter war es eher unüblich, Abitur zu machen oder zu studieren, auch weil den Familien oft das Geld für gute Bildung ihrer Kinder fehlte. Aber Bildung war in Gertruds Elternhaus wichtig und aufgrund der Einnahmen durch die Pension war das Geld auch vorhanden.
Da es in Gronau kein Mädchengymnasium gab und Jungen und Mädchen noch nicht gemeinsam unterrichtet werden durften, wurde sie auf ein Mädcheninternat nach Kassel geschickt, wo sie Sprachen, Handarbeiten, Kochen oder Buchhaltung lernte. Außer Gertrud schaffte nur Severin das Abitur, obwohl alle Söhne der Familie ein Gymnasium besucht hatten. Sie waren pfiffig, aber nicht so intelligent wie Gertrud. Deshalb sahen die Eltern für diese drei einen Ausbildungsberuf vor. Gertrud schätzte ihre Brüder sehr. Vor allem Severin sollte ihr und ihrer Familie später, als Otmar so krank wurde, eine große Stütze sein. Nachdem Gertrud die Schule beendet hatte und volljährig war, konnte Sie selbst über ihre Zukunft entscheiden. Sie setzte sich gegenüber ihrer Familie durch: 1931 heirateten Johann und Gertrud. Sie war 21 und Johann 38.
Jeder, der es sich leisten konnte, zog aus der Innenstadt Gronaus weg, denn die Häuser waren zwar charmant, wurden damals aber als alt, klein und baufällig betrachtet, weshalb sie später, in den 1960er Jahren, abgerissen werden sollten. Johann und Gertrud wählten ein Grundstück in der Altstädter Straße, das ruhig und etwas außerhalb der Stadt lag, aber von dem aus alles gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar war, denn das Stadtzentrum lag nur etwa einen Kilometer entfernt. Ein Auto hatte Johann nicht und es gab keinen Öffentlichen Personen-Nahverkehr. Der Weg in die Innenstadt führte über befestigte Rad- oder Fußwege durch den Stadtpark, an den Tiergehegen und Blumenbeeten vorbei. Etwa 150 Meter hinter dem Grundstück floss der Schwarzbach entlang, ein naturbelassener Wildbach. Daran schloss sich der Schwarzbachwald an. Weil das Gebiet vom Schwarzbach bis einschließlich Stadtpark ein Überflutungsgebiet war, durfte es nicht bebaut werden. Die Gegend um die Alstätter Straße blieb lange Zeit dünn besiedelt, ruhig, naturnah und sie war mit den Bächen, Gräben, Wiesen und Wäldern in direkter Umgebung ein großer Abenteuerspielplatz für Kinder.
Auf diesem Grundstück bauten Johann und Gertrud ein Haus, ganz im Stil der 1930er Jahre, mit viel Sinn für Ästhetik, der noch aus der Zeit des Jugendstils nachwirkte. Der Jugendstil hatte sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelt und war mit viel Sinn für Schönheit als ein Gegenentwurf von Künstlern und Kunsthandwerk zu verstehen, zu der als seelenlos empfundenen Industrialisierung und dem Historismus, der sich bei Vorbildern vergangener Zeiten bediente. Im Jugendstil waren Dinge liebevoll gestaltet und alles war handgefertigt. Johann war durch den Stil geprägt worden und so war das der Leitgedanke beim Bau seines Hauses. Er plante es akribisch und es machte ihm Freude, sein Wissen einzubringen.
Das Haus bestand aus zwei Stockwerken und einem teilweise ausgebauten Dach, mit insgesamt neun Zimmern, da es groß genug sein musste, um den Großvater, Kinder und ein Kindermädchen – so wie es damals üblich war – unterzubringen. Es war quadratisch und den Proportionen eines griechischen Tempels im Goldenen Schnitt nachgebildet. Das Mauerwerk bestand aus rotbraunem, gebranntem Ziegel. Johann rechnete die Gliederung der Fassade perfekt durch: Abständen und Größen der 3-teiligen Fenstern zu Türen, Hauskanten und Dach verhielten sich in einem exakten Verhältnis zueinander. Warmes Licht floss durch handgearbeitete Bleiglasfenster des Treppenhauses ins Innere. Und weil das Treppenhaus so hell war, platzierte Johann überall Kakteen neben und vor den Fenstern. In der Mitte des Treppenhauses, auf einem hölzernen Absatz, stand ein ausgestopfter Mäusebussard mit weit gespreizten Flügeln. Otmar betrachtet ihn immer voller Ehrfurcht, wenn er als kleiner Junge an ihm vorbeimusste: Die spitzen Krallen, der scharfe Schnabel und der stechende Blick wirkten bedrohlich. Andere ausgestopfte Vögel hingen auf Ästen stehend an den Wänden. Ein Tischler fertigte die Jugendstil-Haustür aus Eichenholz an, die Licht durch eine mittige, schmale Milchglasscheibe in den Flur ließ. Alles wirkte sehr harmonisch, innen und außen.
Während Gäste die Haustür nutzen, ging die Familie durch den Kellereingang ein und aus. Schmutzige Schuhe oder Stiefel wurden hier ausgezogen und blieben dort unten stehen. Da sich der Keller im Souterrain befand und die Fenster oberhalb des Geländeniveaus lagen, war er immer hell und je nach Sonnenstand lichtdurchflutet. Hier befanden sich die Wirtschaftsräume des Hauses: eine immer kühle Vorratskammer, mit Regalen versehen, die mal mehr und mal weniger gefüllt waren, eine moderne Waschküche, mit einem gemauerten Waschkübel über einer Feuerstelle und ein Chemielabor, in dem Johann forschte, Tiere in Formaldehyd einlegte und Experimente für seine Schüler vorbereitete. Das Labor sollte später als Luftschutzkeller noch eine weitere wichtige Rolle spielen. Außerdem stand im Keller eine Koks-Zentralheizung, die morgens mit Koks, Holz, Kohle, Braunkohle-Briketts oder Torf befüllt wurde, und die das Badezimmer und die Heizkörper mit warmem Wasser versorgte.
Im Erdgeschoss lagen Küche, Wohnzimmer, Johanns Arbeitszimmer mit dunklen, hochwertigen Eichenmöbeln, die mit geschliffenen Glastüren versehen waren. Bücher über Bücher standen in Regalen, ausgestopfte Tiere, wie ein Dachs, ein Iltis und weitere Vögel standen auf Schränken. An den Wänden hingen Ölgemälde in goldenen Rahmen sowie eine von Johann erstellte Sternenkarte, und wo Platz war, standen Globusse, bronzene Tintenfässer, griechische Bronzestatuen, ein echter menschlicher Schädel und etliche fantastische Dinge mehr. Hier saß Otmar oft gegenüber von seinem Vater, um unter seinem strengen Blick seine Hausaufgaben zu machen. Neben dem Arbeitszimmer befand sich ein Raum mit einem Erker, der mal ein Herrenzimmer, mal das Zimmer von Opa Franz war und Jahre später das von Otmar werden sollte, als dieser die Treppe nicht mehr hochgehen konnte.
In der ersten Etage befanden sich vier Zimmer, für die Kinder und die Eltern und ein Badezimmer mit einem Waschbecken und einer Badewanne, jedoch ohne Toilette. Ein Teil des Dachs war ausgebaut in zwei Zimmern und die andere Hälfte war Dachboden. Jedes Zimmer hatte ein Waschbecken, allerdings nur mit kaltem Wasser. Die Toilette befand sich im Erdgeschoss, hatte keine Heizung aber ein modernes Wasserklosett: Der Spülkasten war weit oberhalb der Toilette befestigt und wurde durch eine Kette mit einem Knauf betätigt, die an der Seite herunterhing. Frisches, sauberes Wasser gelangte durch den Wasserdruck aus einem Wasserturm in die Häuser, der schon vor dem 1. Weltkrieg in Gronau unter der Aufsicht von Großvater Franz gebaut worden war.
Abwasser floss nicht in eine Kanalisation unter der Straße, sondern nacheinander in drei Gruben direkt am Haus, wo es durch Bakterien vorgeklärt und anschließend in den Straßengraben geleitet wurde. Das vorgeklärte Wasser war ein guter Dünger für die am Straßenrand stehenden Linden, die rasch und üppig wuchsen.
In diesem Haus mit den neun Zimmern, einem Badezimmer und nur einem Klo, lebten Johann und Gertrud, ihre vier Kinder, Opa Franz und – nach dem Krieg – mehrere Flüchtlingsfamilien aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien, zeitweise gleichzeitig. Sie mussten sich alle Räume teilen.
Das Haus war gut isoliert. Das Innenmauerwerk bestand aus Bimsstein und zwischen Außen- und Innenmauer blieb ein Hohlraum, der zur Isolierung diente. In diesem Hohlraum lebten Mäuse. Vor allem nachts, wenn alles ruhig war, hörte man sie durch die Wände schleichen, schaben und rascheln und wie sie am rauen Bimsstein rauf und runter tapsten. Das war ein vertrautes Geräusch.
Torfstechen
Trotz der guten Isolierung und der modernen Heizungsanlage war es im Winter im Haus immer kalt, denn es wurde nur das Wohnzimmer geheizt. Im Krieg waren Brennstoffe wie Kohle oder Koks rar und teuer, und nach dem verlorenen Krieg musste als Reparationszahlung sehr viel Kohle nach Frankreich exportiert werden, weshalb die Versorgungslage in Deutschland schlecht war. Gab es keine Kohle, musste mit Holz aus dem Garten oder mit Torf geheizt und gekocht werden. Torf hatte getrocknet einen ähnlichen Brennwert wie Briketts und war deshalb zum Heizen ein überlebensnotwendiger Brennstoff. Er musste im Fenn, einer morastigen Niederung, von den Familien selbst gestochen werden.
