… und das Schicksal atmet leise - Erika Pattis - E-Book

… und das Schicksal atmet leise E-Book

Erika Pattis

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Manchmal geschieht es nicht mit einem Knall, sondern mit einem Flüstern. Ein einziger Moment, der das Leben von Lucy, Mark und Tobi tiefgreifend verändert. Wie ein leiser Hauch des Schicksals, das seine Fäden immer enger zieht und ihre Wege sanft und beständig zueinander führt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Erika Pattis

. . . und das Schicksal atmet leise

Erika Pattis

. . . und das Schicksal atmet leise

Novelle

Mit Fotos von

Lisa Renner

R. G. Fischer Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2025 by R. G. Fischer Verlag

Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main

[email protected]

Lektorat: Katharina Preindl – www.semikolon.it

Cover- und Kapitelbilder: Lisa Renner – www.lisa-renner.com

Schriftart: Savoy

Herstellung: rgf/2A

ISBN 978-3-8301-9359-3

»Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.«

Aristoteles

Inhalt

Wasser

Feuer

Luft

Erde

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Leben

… und das Schicksal atmet leise

Dankesworte

Wasser

Lucy trägt die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Den Reißverschluss der Jacke hat sie bis zur Nasenspitze hochgezogen. Nur ihre schönen braunen Augen schauen heraus. Niemand kann ihre Gesichtszüge sehen. Niemand kann sehen, dass sie dabei schmunzelt. Niemand nimmt sie wahr. Als wäre sie unsichtbar. Trotz ihrer taubengrauen Jacke mit den knallgelben Punkten. Lucy sieht sich amüsiert um. Vor ihr ein Bild von hektisch durcheinanderlaufenden Badegästen. Fast so, als hätte jemand in einen Ameisenhaufen gestochen. Eine durcheinandergebrachte Ordnung. Besorgte Gesichter, die sich immer wieder gegen den Himmel richten. Gespannt. Ein tiefes Grollen liegt in der Luft. Kaum wahrnehmbar. Mehr gefühlt als gehört. Ein Windstoß zieht durch die Bäume. Blätter rascheln. Ein Gewitter zieht auf. Bald ist es da. Sehr bald. Es dauert nicht mehr lange. Viele haben ihre Sachen schon zusammengepackt, während andere noch hastig die Taschen vollstopfen. Sie stolpern ungeschickt über ihre eigenen Füße, während sie die nassen Badesachen auszuziehen versuchen, um in trockenes Gewand zu schlüpfen. Lucy schüttelt kaum merklich den Kopf. Wie absurd. Sie werden es nicht schaffen. Sie werden es nicht ins Trockene schaffen. Sie werden nass werden in ihrem frisch angezogenen, trockenen Gewand.

Am Rand des Sees bleibt Lucy stehen und sieht versunken auf das Wasser hinaus. Die Stimmung hat sich verändert. Zwischen den Wolken brechen einzelne Strahlen hervor und tanzen flüchtig über die Landschaft, nur um im nächsten Moment wieder verschluckt zu werden. Dann – die Wolkendecke bricht. Erste Tropfen fallen zu Boden. Es ist so weit. Sie werden nass werden in ihrem frisch angezogenen, trockenen Gewand. Lucy macht der Regen nichts aus. Sie zieht die Kapuze tiefer ins Gesicht. Niemand nimmt von ihr Notiz, wie sie dasteht und aufrecht dem Gewitter trotzt. Alle sind zu sehr damit beschäftigt, sich ins Trockene zu retten. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Niemandem fällt auf, was ihr auffällt. Niemand sieht, was sie sieht. Niemand sieht, wie die Wasseroberfläche des Badesees durch den Regen zu zittern beginnt, bis sie schließlich wie ein Spiegel zerbricht. Niemand sieht, wie der Wind ein Muster darüber zeichnet und die Bäume und Gräser dazu tanzen. Niemand spürt die Spannung in der Luft, wie es prickelt, kurz bevor der erste Blitzschlag niedergeht. Niemand atmet die frische, aufgeladene Luft. Niemand außer Lucy. Da! Wieder ein Blitz. Dann, Sekunden später, ein entferntes Donnern. Spannung. Entladung. Regen. Wind. Angst empfindet Lucy dabei nicht. Das Gewitter ist nicht so nahe. Es ist nicht gefährlich. Man wird nur nass. Es ist ungemütlich, nass zu werden, aber mehr auch nicht. Es ist nur Wasser. Wasser trocknet.

Das Gewitter zieht vorüber und nur noch einzelne Wassertropfen prasseln auf sie nieder. Lucy öffnet den Reißverschluss ihrer Jacke, legt den Kopf in den Nacken und breitet die Arme aus. Sie streckt ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Die Augen hält sie geschlossen und sie genießt das Aufschlagen eines jeden einzelnen Tropfens auf ihrer Haut. Sie erlebt es mit all ihren Sinnen. Lucy sieht sich um. Sie ist eine der Letzten, die den Badesee verlassen. Zutiefst bewegt und mit einem tiefen Gefühl der Freiheit macht sie sich wieder auf den Weg zurück. Zurück zum Parkplatz, wohin vor Minuten alle gestürmt sind. Die anfangs so prickelnde, atemberaubende Stimmung lässt langsam nach und Lucy ist froh, nach Hause ins Warme zu kommen. Am Auto angekommen, schüttelt sie sich die Regentropfen von der Jacke, streift zum ersten Mal, seit sie zum See gekommen ist, die Kapuze zurück, streckt den Kopf nach hinten, schüttelt ihre Locken aus und atmet noch einmal tief ein. Dabei bewundert sie ehrfürchtig die Sonnenstrahlen zwischen den Blättern der Bäume, die sich im Nebel brechen. Mit einem kurzen, wohligen Seufzer steigt sie ins Auto, zieht die Tür hinter sich zu, startet den Motor und fährt zufrieden los. Es war ein schöner Tag. Lucy genießt diese Momente sehr, in denen sie keinen Anforderungen entsprechen oder sich zurücknehmen muss. Sich nicht verstellen, nicht anpassen, niemandem entsprechen muss. In ihrem Umfeld merkt sie immer wieder, dass sie nicht so wie die anderen ist. Sie merkt es an ihren Blicken, an ihren Reaktionen, am Getuschel hinter ihrem Rücken. Aber heute, gerade eben, da hat sie sich normal gefühlt. Am richtigen Platz. Dort, wo sie ganz in sich hineinspüren und sich so richtig fühlen kann. Um ganz sie selbst zu sein.

Zu Hause angekommen, schlüpft sie schnell aus den nassen, klammen Sachen und lässt sie einfach hinter der Wohnungstür auf den Boden fallen. Darum kann man sich auch später kümmern. Zuerst muss sie sich aufwärmen. Lucy lässt sich ein warmes Bad einlaufen, gibt Salz und paar Tropfen Duftöl hinein, eine Mischung aus Sandelholz und Rose, zündet ein Teelicht an, das sie auf den Badewannenrand stellt, und gleitet sanft ins wohlig warme Wasser. Lehnt sich zurück. Genießt die Stille. Die Ruhe. Endlich. In ihrer Vorstellung ist sie wieder am See. Allein. Sie taucht ein in das herbstliche, kalte Wasser, dreht sich im Wind und tanzt mit den Bäumen im Kreis. Gedankenversunken streicht sie sanft über ihre nasse, nun warme Haut. Spielt mit ihren Zehen. Mit ihren Fingern. Die Härchen auf ihrer Haut richten sich leicht auf, wenn sie darüberstreicht. Ihre Finger erkunden ihren Körper. Genussvoll streckt sie ihren Kopf nach hinten und gibt sich ganz dem wohligen Gefühl hin, das sich in ihr ausbreitet. Schließt die Augen und genießt es, sich selbst zu spüren.

Lucy weiß nicht, wie lange sie schon in der Wanne liegt. Sie hat jegliches Zeitgefühl verloren. Sie hält den Atem an und taucht ihren Kopf unter Wasser. Öffnet die Augen. Und stellt verwundert fest, wie trüb alles aussieht. Verschwommen. Der Blick ist nicht klar. Es wirkt so eigenartig. Unerwartet anders. Neu. Es wirkt wie ein weicher, sanfter und doch trüber Schleier, durch den sie hindurchschaut. Alles scheint so unwirklich. Und sie sieht das Wasser. Das durchsichtige Nass. Sie spürt es. Fühlt, wie es ist. Fühlt, wie es sich anpasst. Fühlt, wie es sich bewegt. Fühlt, wie es seinen Weg findet. Fühlt, wie es sich ihrem Zugriff entzieht. Lucy fühlt sich, als würde sie sich darin auflösen und selbst zu Wasser werden. Diese Perspektive ist überraschend verlockend für sie. Und gleichzeitig angsteinflößend. Beides zugleich. Sie fühlt, sie könnte sich darin verlieren. Und es nicht mehr zurückschaffen. Schnell taucht sie wieder auf, hält sich am Rand der Badewanne fest, zieht sich nach oben, steigt aus dem Wasser, und hüllt sich ins trockene, flauschige Handtuch. In diesem Moment fühlt sie sich zum ersten Mal an diesem Tag einsam. Fühlt eine Traurigkeit, eine Leere in sich. Fühlt sich fremd. Falsch. Fehl am Platz. Nicht richtig für diese Welt. Warum kann sie nicht so sein wie die anderen? Das Gleiche wollen, was alle wollen? Das Leben führen, das alle für richtig halten? Warum nur muss sie anders sein als die anderen? Warum muss sie alleine sein, um sein zu können? Sehnsüchtig verliert sich Lucy in ihren Gedanken. Wie schön wäre es, abgetrocknet zu werden. Wie schön wäre es, ins Bett getragen und geliebt zu werden. Wie schön wäre es, wenn diese Phantasie nur wahr wäre. Wahr würde. Und wie schön wäre es, wenn sie diese Phantasie so leben könnte, wie es für sie richtig ist. Nicht für die anderen. Für sie. Lucy. Damit sie sich nicht zu verstellen braucht. Wie schön wäre es, wenn sie Platz hätte da draußen. Wie schön wäre es, wenn sie ihre Phantasien nicht nur träumen könnte. Sie für einen Moment wahr würden. Wie schön und wie traurig zugleich. Normale Beziehungen sind nichts für sie. Das hat Lucy schnell gemerkt. Es ist am Ende immer zu eng. Zu bestimmend. Zu verlangend. Zu rechtfertigend. Zu vorgegeben. So ist es das Beste. Allein zu bleiben. Das Beste für sie. Nur so kann sie sein, wie sie wirklich ist. Ohne sich verstellen zu müssen. Ohne sich anpassen zu müssen. Die Sehnsucht macht ihr nichts aus. Die Sehnsucht ist ein Teil von ihr. Sobald aus Nähe Enge wird, fließt sie leise weiter, wie ein Bächlein, das sich nach dem Ozean sehnt.

Lucy rubbelt sich mit dem weichen Handtuch trocken und trocknet dadurch auch ihre Gedanken und Sehnsüchte.

Feuer

Kraftvoll stapft Mark den Hügel am See hinauf. Unwegsam ist der Boden unter ihm. Von oben hat man den besten Blick. Das weiß er. Er ist schon oft hier gewesen. Der Badesee liegt ihm zu Füßen. Ihm ist warm. Er geht schnell. Ein Gewitter zieht auf. Er möchte vorher oben sein, denn oben findet er leicht Schutz vor dem Regen. Die Bäume dort stehen dicht beisammen und die Äste hängen tief. Das Gewitter wird spurlos an ihm vorübergehen. Zumindest trocken wird er bleiben. Regen mag er überhaupt nicht. Zielstrebig stapft er weiter den Hügel hinauf. Die Aussicht von dort oben ist einmalig. Im See spiegelt sich die ganze Welt, so scheint es. Und er hat dann immer das Gefühl, sie würde ganz ihm gehören. Ihm alleine. Nur ihm, der da oben steht. Im Schutz der alten Bäume. Unbemerkt vom Treiben unten am See. Er liebt es, hier oben zu sein, und kommt oft hierher. Zugegeben, selten allein. Heute ist eine Ausnahme. Heute wollte er niemanden dabeihaben. Zu anstrengend war seine letzte Bekanntschaft. Zu besitzergreifend. Zu eifersüchtig. Zu fordernd. Zu durchschaubar. Zu langweilig. Sie war absolut nicht das Richtige für ihn. Und doch – mit ihr kam er fast jeden Abend hierher. Wie wild sie doch war. Wild und ungezügelt. Das war das Einzige, das ihm an ihr gefiel. Ihre Lust muss man noch aus mehreren Kilometern Entfernung gehört haben.