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"Jenseits der Tränen" beschreibt die Geschichte einer Frau, die es verdient, in Worte gefasst zu werden. Anne war kein Wunschkind. Und das gibt ihr ihre Mutter mit verletzenden Kommentaren immer wieder zu verstehen. Später, als Anne selbst Ehefrau und Mutter ist, erfährt sie von ihren Partnern psychische und sexualisierte Gewalt, bis sie sich schließlich nach Jahren der Unterdrückung befreien kann. Erika Pattis erzählt einfühlsam von Annes jahrzehntelangem Kampf gegen Einsamkeit, Traurigkeit und Verzweiflung und wie Anne es geschafft hat, das alles hinter sich zu lassen. Dieses Buch soll Mut schenken und zeigt, dass es möglich ist, einen Ausweg und gleichzeitig inneren Frieden zu finden. Mit einem einordnenden Nachwort von Julia Ganterer
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Erika Pattis
Der folgende Text enthält Schilderungen von sexualisierten Gewalthandlungen, die belastend und retraumatisierend wirken können.
Erika Pattis
Nach wahren Begebenheiten
Mit einem Nachwort von Julia Ganterer
Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht im Gehen.
Liebe S.,
mit Freude und aus tiefstem Herzen widme ich dir dieses Buch. Ich danke dir für dein Vertrauen, deine Geduld und deinen Glauben daran, dass alles zum richtigen Zeitpunkt passiert. Es war mir eine Ehre, dich auf diesem Weg zu begleiten.
Als Frau S. mir ihre Vergangenheit anvertraute und mich bat, ihre Geschichte in Buchform zu bringen, da dachte ich mir: Das gibt’s doch nicht, was sie da erzählt! Es fühlte sich für mich so an, als würde ich auf einem Schmetterling reiten, mit Pollen im Gesicht, und durch die Hölle fliegen. Ich hatte noch nie jemanden erlebt, der so luftig und leicht von seinen traumatischen Erlebnissen erzählte. Und ich ließ mich auf das Abenteuer ein. Mir war klar, Feingefühl und Einfühlungsvermögen sind dabei ausschlaggebend, aber eben auch die Bereitschaft, in ihre Geschichte einzutauchen und sie anzunehmen. Ich habe versucht, sowohl die Zeit, die Person, ihren Charakter und ihre Persönlichkeit als auch die jeweiligen Umstände zu verstehen.
In jeder einzelnen Episode steckt Wahrheit und ich habe mich bemüht, sie mundgerecht und verdaulich zu präsentieren, ohne wertend oder anschuldigend zu wirken – auch wenn es nicht immer leicht war. Ich habe mich dazu entschieden, aus rein subjektiver Sicht zu erzählen, und mich beim Schreiben hauptsächlich auf der Gedanken- und Gefühlsebene bewegt. Vieles ist fiktional aufbereitet – real ist das Grundgefühl von Frau S., das sich in den jeweiligen Episoden widerspiegelt.
Anne war gerade eingeschlafen. Satt. Müde. Gerade einmal einundzwanzig Stunden alt. Die Hebamme hatte das kleine Bettchen ins Zimmer geschoben, damit Mutter und Kind beisammen sein konnten. Sie spürte, dass die junge Mutter etwas beschäftigte. Im Laufe ihrer Jahre als Hebamme hatte sie oft beobachtet, wie Mütter sich nach der Geburt von ihren Gefühlen überrumpelt fühlten. Zuversichtlich, mit dieser Geste die Mutterliebe bestärken zu können, verließ sie leise das Zimmer. Was in der Frau wirklich vorging, konnte sie nicht ahnen.
Schon immer hatte sie sich Kinder gewünscht. Vier Jungs wollte sie haben. Und dann war es so weit. Ein langersehnter Traum sollte endlich in Erfüllung gehen. Ihr Wunschkind kam zur Welt. Die Mutter sah das kleine Wesen lange an. Wie unschuldig es dalag, in dem kleinen Bettchen neben ihr. Wie ein winziger Engel mit schönen, knuffigen, rosa Pausbacken. Schuldbewusst drehte sie sich zur Seite und schämte sich ihrer Gedanken. Sie war sich so sicher gewesen, dass es ein Junge werden würde.
Doch dann … kam das Mädchen.
Dann … kam Anne.
Gestern war ein aufregender Tag für Anne gewesen. Papa brachte Mama ins Krankenhaus! Es gab nämlich ein neues Geschwisterchen für sie. Für das knapp vier Jahre alte Mädchen war das ein ziemlich aufregender Moment. Papa hatte sie in den letzten Monaten liebevoll darauf vorbereitet, dass sie nun bald eine große Schwester sein würde. Als Mamas Bauch immer dicker wurde, erklärte er ihr, dass ihr Brüderchen oder Schwesterchen darin sei. Anne konnte sich das überhaupt nicht vorstellen! Wie war es denn da reingekommen? Sie hatte eine Unmenge an Fragen, doch Papa meinte, sie sei noch zu klein, um das zu verstehen. Erst wenn sie größer sein würde und älter, dann würde Mama mit ihr darüber reden. Anne verstand gar nichts mehr. Jedenfalls, jetzt war es so weit! Anne blieb in der ganzen Aufregung und ganz entgegen ihrer Art staunend und mit großen, erwartungsvollen Augen in der Ecke zwischen Küche und Wohnungstür stehen, während Mama sich den Bauch haltend umständlich die Wohnung verließ. Annes grüne Augen wirkten hoch konzentriert und sie nahm alles bis ins kleinste Detail in sich auf.
Jetzt werde ich eine große Schwester werden!
Was immer das bedeuten mochte. Anne hatte auch noch keine Erklärung bekommen, wie es denn da rauskommen sollte, das Bauch-Geschwisterchen. Sie löcherte Frau Hilpold, die Nachbarin, die in der Zwischenzeit auf sie aufpasste, mit unzähligen Fragen. Doch niemand schien zu wissen, wie das ging. Egal. Jetzt kam es jedenfalls raus. Raus zu ihr. Raus zum Spielen. Das war das Wichtigste. Papa meinte, sie müsse nun artig sein und sich ganz fest um ihr Geschwisterchen kümmern, und das wollte sie auch unbedingt machen. Und zwar richtig. Große Schwester zu sein, empfand Anne nämlich als sehr große Ehre und sie beschloss, es dürfe dann auch bei ihr im Bettchen schlafen. Sie würde es immer gut zudecken und ihm etwas vorsingen. Sogar Hipp, den kleinen Stoffhasen mit dem kaputten Ohr, wollte sie ihm schenken. Anne war so aufgeregt und hüpfte durch die ganze Wohnung. Frau Hilpold hatte alle Mühe, das Energiebündel ins Bett zu bekommen. Sie bekam ein Geschwisterchen! Sie! Die kleine Anne! Eine kleine Schwester! Oder lieber einen kleinen Bruder? Anne konnte sich nicht entscheiden. Jonas wollte sie es nennen. Oder Anne. Gleich wie sie. Weil, das ist nämlich ein schöner Name!
Drei Tage waren seither vergangen und Mama war noch immer im Krankenhaus. In der Zwischenzeit kümmerte sich Papa zu Hause um alles. Normalerweise war er immer bei der blöden Arbeit. Hatte viel zu tun. Durfte nicht gestört werden. Musste sich erholen. Das sagte Mama jedenfalls immer, wenn Anne nach ihm fragte. Aber für diese drei Tage hatte sie ihren Papa ganz für sich alleine. Papa machte das Frühstück, half beim Anziehen, Schuhebinden und Zähneputzen. Er machte auch alles sauber, aber nicht so streng wie Mama. Er fand sogar die Zeit, um mit Anne zu spielen. Das machte Mama nie. Da musste sie immer alleine spielen. Dafür bekam Papa auch ihren Lieblingsteddy Abby. Zur Belohnung. Wenn Anne beim Malen noch mit den Stiften in der Hand auf dem Küchentisch eingeschlafen war, trug Papa sie ins Bett, streichelte ihr sanft über das Haar und küsste sie auf die Stirn. Das bekam Anne natürlich nicht mehr mit. Geliebt und wohlbehütet wie sonst nie schlief sie schon tief und fest. In diesen drei Tagen war sie überglücklich in ihrer kleinen Welt – der Welt mit Papa. Der Welt, in der sie sich geliebt fühlte.
Und dann durfte Mama endlich mit dem Baby nach Hause. Papa hatte bereits alles vorbereitet. Er hatte das Essen für den Abend vorgekocht, die kleine Wiege im elterlichen Schlafzimmer aufgestellt und alles für das neue Geschwisterchen hergerichtet. Papa war so geschickt, fand Anne. Alles stand bereit. Windeln, Puder, die kleinen Kleider und eine lustige Spieluhr. Wenn man hinten an der Schraube drehte, kam wunderbare Musik heraus. Anne war hingerissen und hätte sie am liebsten für sich behalten. In ihrem Zimmer. Aber Papa blieb streng und meinte, sie solle ihm doch lieber beim Einräumen der Kleider helfen, anstatt Unfug zu machen. Anne freute sich so sehr darüber, von ihrem Papa gebraucht zu werden, dass sie ganz vergaß, schmollend in ihr Zimmer zu laufen und sich beleidigt aufs Bett zu werfen. Also reichte sie ihm aus dem Wäschekorb ein Kleidungsstück nach dem anderen. Nebenbei witzelte sie herum und wunderte sich, wie man denn in so etwas Winzigem überhaupt Platz haben konnte! Sie konnte das ganz und gar nicht verstehen. Überdreht versuchte sie, ihren kleinen Arm in das Beinchen eines Strampelanzugs zu schieben. Als sie dann darin stecken blieb, bekam sie sich nicht mehr ein vor lauter Lachen. Übermütig hüpfte sie schrill kichernd durch alle Zimmer. Dabei baumelte der Strampelanzug lustig an ihrem Arm hin und her. Ihr Gesicht war knallrot, ihr Herz klopfte wie wild und sie war überglücklich.
„Du überdrehtes kleines Mädi!“
Papa ließ Anne ausgiebig toben, während er sorgfältig die Strampelanzüge faltete und in die Schublade legte. Danach holte er Annes Lieblingskleid heraus. Sie freute sich riesig, ihr schönstes Sommerkleid, das weiße mit den minzigen Punkten, tragen zu dürfen. Sie konnte „mintgrün“ noch nicht aussprechen. Das war auch ein kompliziertes Wort, fand sie, und ihrer Meinung nach durfte sie es auch sagen, wie sie wollte. Deshalb blieb sie trotzig bei minzig, was zufällig auch ihre neue Lieblingsfarbe war. Mama hätte bestimmt nicht erlaubt, dass sie es mitten in der Woche anzog. Es durfte nämlich nur sonntags oder zu besonderen Anlässen getragen werden, da war Mama sehr streng. Anne hatte es zu ihrem vierten Geburtstag bekommen und es war einfach zauberhaft! Es bauschte sich so schön auf, wenn man sich im Kreis drehte. So lange, bis einem schwindlig wurde. Und das musste Anne auch sofort ausprobieren. Sie hüpfte und drehte sich und rief ihrem Papa immer wieder zu, er solle doch kurz hereinschauen! Später wollte sie es auch unbedingt Mama zeigen. Und dem kleinen Rudi. Dieser Name war ihr nämlich gerade eben eingefallen. Denn sie fand, der passte doch viel besser als Jonas. Oder Anne.
„Denn Mama tut sich sicherlich ganz sicher, ganz ungeheuerlich, ganz, ganz, ganz, ganz ungemein schwer, uns beide auseinanderzuhalten, wenn wir gleich heißen!“
Verblüfft über die Logik seines kleinen Mädchens gab Papa ihr schmunzelnd recht. Doch Anne hörte ihm schon gar nicht mehr zu. Sie drehte und drehte und drehte sich immer schneller, bis sie das Gleichgewicht verlor und mit dem Hintern auf den weichen Teppich plumpste. Verblüfft schaute sie sich um, bevor sie einen heftigen Lachanfall bekam. Auch Papa lachte herzhaft mit. Als Anne sich wieder beruhigt und Papa sich vergewissert hatte, dass alles zu Mamas Zufriedenheit vorbereitet war, half er ihr noch mit den Schuhen. Es war Zeit aufzubrechen. Draußen ließ er dann sein kleines Mädchen auf dem Beifahrersitz einsteigen. Anne war begeistert. Sie durfte auf Mamas Platz sitzen! Wie ein großes Mädchen! Eigentlich war es nur logisch, denn von nun an war sie ja schließlich auch die große Schwester und die musste vorne sitzen, fand Anne, während ihr Papa sorgfältig den Sicherheitsgurt anlegte. Sie war überglücklich und küsste Abby mitten ins plüschige Bärengesicht. Ihr Teddy durfte nämlich auch mit ins Krankenhaus. Papa hatte es erlaubt. Anne hatte Abby auch schon erklärt, dass sie ab heute zu dritt spielen konnten, sie aber immer ihr Lieblingsteddy sein und bleiben würde.
„Versprochen. Ganz, ganz, ganz, ganz großes Ehrenwort!“,
flüsterte Anne Abby zu und konnte ihr Glück kaum fassen. Dafür wollte sie Mama immer helfen und immer brav sein und immer machen, was sie sagte. Das versprach sie auch Papa hoch und heilig. Dann meinte sie noch verträumt:
„Weißt du, Papa, das ist der schönste Tag meines Lebens!“
Die Fahrt ins Krankenhaus verbrachte Anne ruhig und andächtig und war enorm stolz darauf, dass sie neben Papa im Auto sitzen durfte. Während der Fahrt spielte sie verträumt mit ihren Fingerchen, schaute aus dem Fenster und rechnete gleichzeitig laut vor, wie alt sie war und wie alt Rudi war und dass sie immer die Ältere sein würde, egal wie alt Rudi sein würde. Denn sie war nämlich schon vier. Und nach längerem Nachdenken:
„‚Peter‘ … ‚Peter‘ ist doch schöner als ‚Rudi‘.“
„Ja, Mädi, ‚Peter‘ ist sehr viel schöner als ‚Rudi‘.“
Anne strahlte stolz über das ganze Gesicht, als Papa das sagte und ihr liebevoll mit einer Hand über die Wange strich. Dieser Moment könnte ewig dauern und Anne hatte sogar für einen kurzen Augenblick vergessen, dass sie unterwegs waren, um Mama und Peter abzuholen. Sie seufzte verzückt bei dem Gedanken an ihren Papa. So wie heute, so sollte es immer sein. Nur sie beide! Das wäre einfach himmlisch. Die restliche Zeit verbrachten beide schweigend und schauten dabei aus dem Fenster. Papa konzentriert auf die Straße. Anne verträumt in die Luft.
Am Krankenhaus angekommen, stieg Anne staunend aus. Der Weg hierher war ihr unendlich lang vorgekommen … und was es dabei alles zu entdecken gab! Und dann hier, das Krankenhaus! So ein großes Haus mit so vielen Fenstern hatte sie noch nie gesehen! An Papas Hand ging Anne tief beeindruckt auf den Eingang zu. Sie staunte nicht schlecht, als die riesige Glastür vor ihnen automatisch auf- und zuging. Wie Zauberei!
Da konnte man sicherlich ganz toll spielen!
Und die vielen Menschen in ihren weißen Mänteln wirkten enorm wichtig. Anne war sehr stolz darauf, mit ihrem weißen Sommerkleid zu ihnen zu gehören. Die minzigen Punkte störten sie dabei überhaupt nicht. Das einzig Störende war, fand sie, dass es überall so komisch roch.
„Papa, hier muss mal jemand lüften“,
flüsterte Anne ihm zu und rümpfte dabei ihre kleine Nase. Papa ermahnte sie liebevoll, ab jetzt doch ruhig zu sein, und das hibbelige Mädchen wollte sich nun brav zusammennehmen. Anne staunte still über die vielen Zimmer und darüber, dass alle im Bett sein durften. Sie durfte das nie. Schon gar nicht mitten am Tag! Das Bett durfte nicht durcheinandergebracht werden, wenn es schon einmal gemacht war. Auch nicht zum Spielen, wenn Annes Fantasie mit ihr durchging und draußen ein ungeheuerlicher Sturm tobte und man sich schnell unter der Bettdecke verstecken musste. Abby hatte doch auch immer so Angst bei einem Sturm. Aber Mama ließ das Argument nicht gelten. Das Bett war tagsüber tabu. Verboten. Und wenn Anne nicht gleich gehorchte, wurde Mama sehr wütend. Dann packte sie Anne grob am Arm und schüttelte sie ganz wild durch, sodass sie richtig Angst bekam. Anne hielt bei dem Gedanken daran Abby instinktiv ganz fest an sich gedrückt und war so froh, dass Papa da war und er ihr erlaubt hatte, sie mitzubringen. Sie wollte Abby auch unbedingt Klaus vorstellen. Na ja, Peter sollte nun Klaus heißen. Anne erklärte Abby liebevoll und leise, wo sie waren und was alles um sie herum passierte. Dass Mama irgendwo in einem dieser Zimmer sein müsste und dass es irre komisch wäre, wenn Mama auch am Tag im Bett liegen würde. Dabei kicherte sie aufgeregt, worauf Papa kurz innehielt und sie eindringlich bat, nun endlich leise zu sein. Anne nickte und legte den Zeigefinger auf ihre Lippen, damit auch Abby verstand, dass sie nun still sein mussten. Doch sie hatten sich geirrt. Mama stand angezogen neben der Tür und redete leise mit einem Mann, der keinen weißen Mantel anhatte. Anne fiel das sofort auf. Als Mama sie kommen sah, verabschiedeten sie sich und der fremde Mann ging schnell in die andere Richtung. Papa begrüßte seine Frau mit einem Kuss auf die Wange und betrat mit Anne das Krankenhauszimmer. Anne sah sich mit fragendem Blick um. Wo war denn nun Klaus? Sie konnte ihn nirgends entdecken! Da hob Papa das neugierige Mädchen samt Teddy hoch, damit sie in das Tragebettchen schauen konnte, das auf dem Tisch neben dem frisch gemachten Bett stand.
„Schau, Mädi, das ist dein Brüderchen! Das ist Dirk.“
Anne wollte noch einwenden, dass er doch eigentlich Klaus heißen sollte oder Anne, so wie sie, doch genau in diesem Moment fiel ihr Abby aus der Hand und direkt auf den kleinen Dirk hinunter. Das Baby bekam einen riesigen Schreck und fing gleich an zu weinen. Mama kam hergerannt und schimpfte und fuchtelte dabei wild mit den Armen. Papa fischte schnell den Teddy aus dem Bettchen und gab ihn Anne zurück. Anne drückte Abby beschützend ganz fest an sich. Dann ging Papa mit ihr nach draußen vor die Tür, wo er sie sachte auf dem Boden absetzte. Er legte beide Hände auf ihre Schultern und bat sie, einen Augenblick hier zu warten. Er müsse kurz mit Mama alleine sprechen. Dann ging er wieder ins Zimmer zurück. Die erschrockene Anne blieb wie angewurzelt draußen im Flur stehen und spähte zaghaft durch die offene Tür ins Zimmer hinein. Mama war wirklich sehr aufgebracht und Papas Stimme ungewohnt ernst. Anne sah ungläubig zu, wie Mama und Papa sich stritten. Das machten sie sonst nie! Anne hielt sich beschützend an Abby fest und verstand nicht, was sie falsch gemacht hatte. Warum war Mama plötzlich so böse auf sie? Es war doch keine Absicht gewesen. Und warum schimpfte sie mit Papa? Mit ihrem lieben Papa? Er hatte doch nichts falsch gemacht. Anne wäre gerne zu ihm hingerannt, um ihn ganz fest zu halten und zu trösten, aber sie traute sich nicht. Mama würde sie bestimmt hauen, wenn sie hineingehen würde. Da war Anne sich ganz sicher. Also blieb sie da stehen, wo sie war, und spähte zaghaft ins Zimmer. Mama war richtig böse zu Papa. Dicke Tränen kullerten Anne über die Wangen und landeten auf Abby, die sie die ganze Zeit über ganz fest an sich gedrückt hielt. Damit sie keine Angst zu haben brauchte. Mama blickte immer wieder mit bösen, funkelnden Augen in ihre Richtung und Anne hörte dumpf, wie sie ihr in kaltem Ton verächtlich zuzischte:
„Ja, Anne … und dann kamst du!“
Die Art, wie Mama das sagte, vermittelte Anne das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Wertlos. Sie fühlte sich ungeliebt, verlassen und unverstanden. Auch wenn sie diese Emotionen noch gar nicht zuordnen konnte. Anne weinte leise, während sie dort allein auf dem Flur stand und starr ins Zimmer blickte. Und mit dem blöden Dirk wollte sie auch nichts zu tun haben.
„Dirk“ war auch ein so blöder Name!
An diesem Tag hat sich das weiße Sommerkleid mit den schönen mintfarbenen Punkten, das sich so toll aufbauscht, wenn man sich im Kreis dreht, nicht mehr gedreht. Und auch sonst nie wieder.
Anne spielte betrübt und allein in ihrem Zimmer Eisenbahn. Ihre bunten Socken waren wie Waggons aneinandergereiht und der kleine Puppenstuhl musste als Tunnel herhalten. Sie hatte noch ihren Pullover ausgezogen und ihn darübergelegt, damit es auch richtig echt wirkte. Denn in einem Tunnel musste es ja schließlich auch dunkel sein. Doch das machte heute alles keinen Spaß. Blöder Sonntag! Blöde Eisenbahn! Blöder Dirk! Blödes Frühstück! Alles war blöd. Mama hatte sie vorhin ausgeschimpft und sie ohne Frühstück in ihr Zimmer geschickt. Dabei hatte sie Anne ganz fest am Arm gepackt, der immer noch wehtat.
… ich wollte doch nur helfen!
Mama war, seit der blöde Dirk da war, eigentlich immer schlecht gelaunt, fand Anne. Alles, was sie machte, war falsch. Immer war der blöde, schreiende, stinkende Zwerg wichtiger! Und Anne fand überhaupt nicht, dass er gut roch. Auch wenn das immer alle sagten. Er tat es einfach nicht. Anne durfte auch nicht mit ihm spielen! Sie durfte nicht schauen, ob er noch schlief! Sie durfte ihm nichts zeigen! Sie durfte gar nichts machen, was große Schwestern eigentlich machen sollten. Immer musste sie leise und ein großes, braves Mädchen sein. Anne war es leid, andauernd gesagt zu bekommen, etwas nicht zu können, zu klein dafür zu sein, aufpassen oder leise sein zu müssen, um den blöden Dirk nicht zu wecken. Dabei wachte er doch dauernd von alleine auf! Und außer schreien konnte er sowieso nichts! Eigentlich nervte er nur die ganze Zeit. Deswegen hatte Anne beschlossen, heute das Frühstück zu machen, um allen zu beweisen, dass sie schon groß und brav war und viele Sachen alleine machen konnte. Und sie fing damit an, den Tisch zu decken. Abby setzte sie auf einen der Stühle, damit sie ihr dabei zusehen konnte. Als Erstes nahm sie das große, gefährlich gezackte Brotmesser aus der Schublade, das sie sonst nie anfassen durfte, und legte es mit beiden Händen und ganz konzentriert auf den Küchentisch. Geschafft. Jetzt kamen die Tassen aus dem Regal oberhalb des Spülbeckens dran. Anne stieg dafür auf einen Stuhl, um sie zu erreichen. Ganz vorsichtig nahm sie einzeln eine Tasse nach der anderen aus dem Regal und stellte sie behutsam auf den Küchentisch. Eine für Papa. Eine für Mama. Eine für sich. Und nach längerem Überlegen … eine für Dirk. Ausnahmsweise. Mama würde sich sicherlich freuen, wenn sie für ihn auch eine Tasse hinstellen würde. Auch wenn er sie noch gar nicht halten konnte. Dazu war er viel zu klein. Nicht wie Anne. Sie konnte die Tasse auch schon mit nur einer Hand halten. Doch heute sollte Dirk auch eine Tasse bekommen. Die mit dem kleinen Sprung, dachte sich Anne, denn wenn er sie fallen ließ, war es nicht so schlimm. Danach holte sie rasch Buttermesser und Löffel aus der Schublade und legte sie ordentlich neben die Tassen. So wie sie es bei Mama gesehen hatte. Jetzt fehlten noch die Butter und die Marmelade aus dem Kühlschrank.
… mmmh, Himbeere!
Das war Annes Lieblingsmarmelade. Gleich nach Erdbeere. Dann noch schnell die Zuckerdose für den Kaffee von Mama und Papa. Anne naschte heimlich einen Löffel davon, während sie sie auf den Tisch stellte. Es sah ja keiner. Was noch? Kakaopulver für sich. Frisches Brot von gestern aus dem Brotkasten. Und zum Schluss noch die Eier aus dem Kühlschrank. Denn sonntags gab es immer Frühstückseier. Für jeden eines. Das war immer etwas ganz Besonderes und Anne freute sich jedes Mal sehr darauf. Das wäre dann alles und eigentlich könnten nun alle kommen, fand Anne und war sehr zufrieden mit sich selbst. In diesem Moment hörte sie, wie jemand im Badezimmer die Klospülung betätigte. Sie musste sich beeilen und nahm drei Eier gleichzeitig aus der Eierschachtel. Ganz vorsichtig. Sie wusste, die konnten leicht kaputtgehen und man musste gut aufpassen. Aber Anne musste sich auch beeilen. In ihren kleinen Händen balancierte sie so schnell wie möglich alle drei Eier Richtung Küchentisch. Heil angekommen war leider nur eines. Zwei lagen aufgeschlagen mitten auf dem Küchenboden. Und während Anne sich eigentlich noch darüber wunderte, warum das alles so glitschig und eklig aussah und ganz und gar nicht so, wie sie sonst immer waren, wenn Mama sie machte, spürte sie auch schon, wie eine Hand nach ihr griff, sie grob herumdrehte und ihr so richtig auf die Finger schlug. Anne zuckte erschrocken zusammen. Ängstlich sah sie vom Boden zu Mama hinauf und eine dicke Träne kullerte dabei über ihre Wange. Alles war kaputt! Die Eier waren kaputt! Das Frühstück war kaputt! Annes Bemühungen waren kaputt! Aber das Schlimmste war, dass Mama schon wieder böse auf sie war und sie ganz arg schimpfte. Anne duckte sich instinktiv und hielt sich die Hände vors Gesicht, während Mama sie böse anzischte und grob schüttelte.
