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Begleiten Sie die Helden bei ihrem rauen Kampf gegen Outlaws und Revolverhelden oder auf staubigen Rindertrails. G. F. Barner ist legendär wie kaum ein anderer. Seine Vita zeichnet einen imposanten Erfolgsweg, wie er nur selten beschritten wurde. Als Western-Autor wurde er eine Institution. G. F. Barner wurde als Naturtalent entdeckt und dann als Schriftsteller berühmt. Seine Leser schwärmen von Romanen wie "Torlans letzter Ritt", "Sturm über Montana" und ganz besonders "Revolver-Jane". Der Western war für ihn ein Lebenselixier, und doch besitzt er auch in anderen Genres bemerkenswerte Popularität. Was geblieben ist, denkt Lansom und streicht sich über das Kinn, ist nur der Name. Ach, die prächtigen Zeiten der Büffeljäger, welche Zeit, welches Geld, welche Geschäfte. Er seufzt einmal, aber sein Seufzer bricht jäh ab, als er den Mann hereinkommen sieht. In Lansoms Saloon ist heute abend eine Menge los. Der Rest jener Mädchen, der von der glücklichen Zeit der Büffeljäger in Buffalo, Wyoming, noch übrig ist, hat zu tun. Die anderen Mädchen sind fort, in die Black Hills, nur der Rest ist noch geblieben. Und eben dieser Rest ist nicht gerade der Ausbund an Schönheit. Lansom weiß das, aber was soll er tun? Männer wollen ungern allein trinken. Und wenn Rosy, Myrna und Ginger auch nicht gerade Schönheiten sind, Männer brauchen jemand, mit dem sie reden können. Der Mann steht lächelnd in der Tür, und doch weiß Lansom in einer Sekunde, daß das Lächeln täuscht. Dieser Mann verbirgt hinter seinem Lächeln tausend andere Dinge. Dieser Mann ist gefährlich. Es ist nicht sein Revolver, ein schwarzer dunkler Revolver in einem dunklen Halfter, das mit kleinen Silbernägeln verziert ist. Es ist auch nicht seine dunkle Hose, es sind nicht die schwarzen, staubigen Stiefel. Auch das Hemd, das schön weiß ist, als hätte der Mann es gerade aus Mammy Drugeras italienischer Wäscherei geholt, macht es nicht aus. Bestimmt hat die Jacke aus dunklem Büffelleder auch nichts mit Lansoms erschreckten Gedanken zu tun. Lansom sieht nur das Gesicht des Mannes, ein Gesicht, das jetzt lächelt, als spaziere gerade ein alter Freund zu Besuch herein. Der Mann hat graue Augen, ein festes Kinn und einen harten, schmalen Mund. Lansom erinnert sich an Männer, die er gesehen hat.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Was geblieben ist, denkt Lansom und streicht sich über das Kinn, ist nur der Name. Ach, die prächtigen Zeiten der Büffeljäger, welche Zeit, welches Geld, welche Geschäfte.
Er seufzt einmal, aber sein Seufzer bricht jäh ab, als er den Mann hereinkommen sieht.
In Lansoms Saloon ist heute abend eine Menge los. Der Rest jener Mädchen, der von der glücklichen Zeit der Büffeljäger in Buffalo, Wyoming, noch übrig ist, hat zu tun. Die anderen Mädchen sind fort, in die Black Hills, nur der Rest ist noch geblieben. Und eben dieser Rest ist nicht gerade der Ausbund an Schönheit. Lansom weiß das, aber was soll er tun? Männer wollen ungern allein trinken. Und wenn Rosy, Myrna und Ginger auch nicht gerade Schönheiten sind, Männer brauchen jemand, mit dem sie reden können.
Der Mann steht lächelnd in der Tür, und doch weiß Lansom in einer Sekunde, daß das Lächeln täuscht. Dieser Mann verbirgt hinter seinem Lächeln tausend andere Dinge.
Dieser Mann ist gefährlich.
Es ist nicht sein Revolver, ein schwarzer dunkler Revolver in einem dunklen Halfter, das mit kleinen Silbernägeln verziert ist. Es ist auch nicht seine dunkle Hose, es sind nicht die schwarzen, staubigen Stiefel. Auch das Hemd, das schön weiß ist, als hätte der Mann es gerade aus Mammy Drugeras italienischer Wäscherei geholt, macht es nicht aus. Bestimmt hat die Jacke aus dunklem Büffelleder auch nichts mit Lansoms erschreckten Gedanken zu tun. Lansom sieht nur das Gesicht des Mannes, ein Gesicht, das jetzt lächelt, als spaziere gerade ein alter Freund zu Besuch herein.
Der Mann hat graue Augen, ein festes Kinn und einen harten, schmalen Mund.
Lansom erinnert sich an Männer, die er gesehen hat. Büffeljägerbosse, die wie dieser Mann ausgesehen haben, auch so beherrscht, auch so kühl und doch – gefährlich. Lansom blickt auf den Revolver und die rechte Hand des Mannes, die über dem Revolver liegt. Sie liegt ganz harmlos am Gurt, aber die Finger berühren fast die Waffe. Wenn er die Hand um drei Zoll rutschen läßt, dann wird er den Revolverkolben unter den Fingern haben.
Mein Gott, denkt Baccalaureus Lansom, der viele Männer erlebt hat, denn Buffalo ist einmal ein Versammlungsplatz der Jäger gewesen, wer ist das?
Er hat ihn noch nie gesehen. Der Mann ist fremd hier, so fremd, wie ein Mann aus dem Osten. Doch Lansom tippt mehr auf einen Südstaatler. Er ist sich in diesem Augenblick nicht klar darüber – und er wird es später auch nicht sein –, warum er weiß, daß der Mann aus dem Süden kommen muß. Nichts verrät, daß der Fremde lange Zeit im Sattel gehockt hat. Er sieht aus, als sei er vor zehn Minuten aus der Wäscherei gekommen, auf sein Pferd gestiegen, zum Fluß geritten und zurückgekehrt.
Jetzt blickt er Lansom an, dann geht er los. Und reichte das Lampenlicht vor drei Sekunden noch nicht bis an seine Brust – jetzt trifft es ihn voll.
Hart, denkt Lansom, gefährlich – ein zweibeiniger Wolf – oder doch nicht? Mehr ein Revolvermann? Was ist er? Schnell in jedem Fall, vorsichtig auch, die Hand sagt genug. Er hat sich umgesehen, als hätte er hier nur Freunde, dabei kennt er niemand. Ich bin sicher, er hat alle Leute gesehen und eingestuft. Barker drüben, Flatman in der linken Ecke, der mit den anderen spielt – die Mädels und Little-Johnny.
Teufel, denkt Lansom, der kommt genau auf mich zu. Ob er hier wohnen will? Warum blickt er noch mal zu Little-Johnny hin? Wenn der Teufelsjunge bloß nicht wieder so viel trinkt, daß er Krach anfängt. Johnny sucht sich immer die richtigen Männer für ein Spektakel aus, hoffentlich nicht den, der kann ihn bluffen, der wird hier jeden bluffen, nur mich nicht. Ich habe mehr von der Sorte gesehen, bloß der – der kommt mir noch härter als die anderen vor, wahrhaftig, er will was von mir.
Der Mann kommt an den Tresen, an dem noch zwei Männer stehen. Und er sagt, ehe er sich anlehnt, mit einer verteufelt sanften und freundlichen Stimme:
»Hallo, Freunde.«
Die beiden Männer sehen sich um, blicken ihn an. Er kann so lächeln, daß sein Lächeln andere ansteckt. Alle Teufel, denkt Lansom, der hat es faustdick hinter den Ohren.
Die beiden Männer lächeln zurück. Der Fremde nickt ihnen zu, als wären sie die feinsten Burschen auf Gottes weiter Welt.
»Na?« fragt er dann gemütlich. »Kleinen Drink heute nehmen. Ist ja auch warm genug draußen. Trinken wir einen zusammen, Freunde? Ich habe meine Tante beerbt. Friede ihrer armen Seele. Wir wollen auf meine Tante trinken, Freunde, was?«
»Sicher«, sagt der eine, der ihn nie gesehen hat. »Muß ’ne feine Dame gewesen sein!«
»Und ob!« erwidert der Fremde.
»Herr Wirt, drei Whisky!«
Lansom beeilt sich und denkt an den Sheriff. Sheriff Mark Eagan ist ein verteufelt rauher Mann, der Burschen wie diesem hier gern auf die Finger sieht und eine Menge Fragen stellt. Leider ist Eagan nicht da. Vielleicht ein Glück für den Fremden oder – für Sheriff Eagan?
Lansom schenkt ein. Der Fremde trinkt den beiden zu, er hebt das Glas auch Lansom entgegen und lächelt immer noch.
»Mister, kann man etwas essen?«
»Ja«, sagt Lansom, der aus seinen Gedanken gerissen wird, etwas stockend. »Natürlich, ich habe noch Schweinebraten von heute mittag, dauert aber zwanzig Minuten, mein Freund.«
»Prächtig, also Schweinebraten. Dann gehe ich inzwischen hinaus und stelle mein Pferd in den Stall.«
Er dreht sich um und geht hinaus.
*
Hinter Lansom ist die Uhr an der Wand. Die beiden Männer am Tresen trinken noch einen, dann gehen sie in die linke Ecke zu Flatman und sehen dem Spiel zu.
Der Fremde kommt in den Saloon zurück und setzt sich an einen Tisch an der Ecke.
In der anderen Ecke lacht Little-Johnny mit Ruby, einem der Mädchen, und ruft, schon ziemlich angetrunken, nach einer neuen Lage.
In der Tür steht plötzlich ein Mädchen.
Little-Johnnys Schwester ist da und will den Bruder holen.
Jetzt ist es passiert!
Sämtliche Männer im Saloon und auch die drei Girls wenden sich um.
Da steht Isabel McLead, ein blondes, großes, schlankes Mädchen. Es hat den Hut an einem Band um den Nacken hängen. Die Kordelquaste baumelt am Ausschnitt ihrer grünen Bluse hin und her. Es ist ein Gesicht von so herber Schönheit, daß der Fremde die Augen schließt.
Und in der Tat: Isabel McLead bietet einen Anblick, der Männer schwach werden lassen kann.
Sie wirkt sehr fraulich und doch energisch. Sie trägt keinen Rock, sondern Hosen und Stiefel wie ein Mann. Um ihre schmale Hüfte liegt der braune Patronengurt mit vollgestopften Schlaufen. An der Seite hängt ein Revolver. Es ist kein Achtunddreißiger, wie ihn manche Frau in diesem Land trägt. Es ist ein Vierundvierziger, dessen Kolben nach außen ragt. Außerdem ist die Hose nicht gerade sauber, wenn es auch die Bluse ist. Auf der dunkelbraunen Weste liegt der Staub und läßt die Lederteile matt schimmern. Um den Hals trägt sie ein knallrotes Halstuch, das lässig geknotet ist. Sie steht breitbeinig und hat die Daumen in den Gurt gehakt. Sie steht wie ein Master-Sergeant vor einer Kompanie Rekruten. Ihre Augen blitzen.
Der junge Little-Johnny – Sohn von dem alten Johnny McLead, den sie den großen McLead nennen oder auch nur einfach Big John – wendet langsam den Kopf.
Sicher ist er alles andere als klein, aber sie nennen ihn nun mal Little-Johnny, weil er gegenüber seinem Vater ein regelrechtes Würstchen ist, zu klein, um die Größe des alten McLead jemals erreichen zu können. Verdiente es jemand, mit dem alten John McLead in einem Atemzug genannt zu werden, dann seine Tochter Isabel.
Der Junge sieht sich um und sagt nur ein Wort: »Aha!«
Das Mädchen steht immer noch still und sagt zwei Worte: »Komm raus!«
Daraufhin verzieht Little-Johnny sein Gesicht. Er muß eine ziemliche Menge Whisky getrunken haben, das sieht jeder, auch der Mann, der mit dem Rücken zur Wand in der Ecke sitzt und leise lächelt, denn dieses Mädchen sieht wie eine Amazone aus.
Little-Johnny, der freundliche Lümmel, sagt gar nichts Freundliches. Er zischt: »Hau ab, Schwester, mich kannst du nicht kommandieren!«
Sie sieht ihn an, ihre Augen funkeln.
»Du Herumtreiber!« erwidert sie dann scharf. »Ich denke, du bist im Camp und brennst mit den Cowboys Rinder und Mavericks. Als ich hinkomme, da bist du natürlich nicht da. Aber hier – bist du. Ich zähle bis drei, bist du dann nicht draußen, dann erlebst du was, du Herumtreiber!«
Sie ist etwa zweiundzwanzig Jahre alt, während Johnny vielleicht zwei Jahre jünger ist.
Little-Johnny grient, nimmt die Flasche, gießt sich ein Glas ein und kichert albern.
Dann sagt er glucksend: »Du kannst zehn Hosen tragen, mich schaffst du nicht. Ich habe keine Lust, blöde Kühe und glotzende Mavericks zu brennen. Brenn sie allein, wenn du Spaß hast, ich sitze hier gut. Und nun sause ab, ich habe noch eine Weile zu tun!«
»Du kommst jetzt gleich mit, verstanden?«
Das klingt ungefähr so, als wenn eine wilde Katze einen Straßenhund anfaucht, der sie verbellt hat. Johnny muß das wohl noch mitbekommen, denn er zuckt zusammen, wird wütend und fühlt sich bestimmt bis auf die Knochen vor den Männern und besonders den Girls blamiert.
»Du blöde Schreckschraube, du kannst mich gern haben«, sagt er darum mit sehr wenig Geschwisterliebe. »Ich gehe, wann es mir paßt. Wenn du nicht bald verschwindest, dann werfe ich dich raus und binde dich auf dem Gaul fest, verstanden? Jetzt ist es genug, du hast mir gar nichts zu sagen!«
»Ich zähle bis drei, bist du dann nicht draußen, dann wirst du was erleben, Flegel. Dad hat gesagt, daß ich dich holen soll. Und du kommst, hast du mich gehört?«
»Soll er selbst kommen, der alte Bursche, wenn er was will. Ich gehorche keinem Unterrock. Hau ab, zum letztenmal: Verschwinde!«
Sie steht einen Augenblick starr da, dann beißt sie sich auf die Lippen und wendet kurz den Kopf.
Hinter ihr sind zwei Männer in der Tür aufgetaucht. Ein Graukopf mit verwitterten Zügen, ein junger Mann mit krausem Haar und großen Kinderaugen.
»Miß Isabel«, sagt der Graukopf heiser. »Wenn ich mal mit ihm…«
»Sei ruhig, Stone!«
Sie bewegt kaum die Lippen, greift dann aber an die Hüfte. Und jeder im Saloon sieht, daß sie den Revolver so schnell wie ein verdammt schneller Schießer zieht.
In der nächsten Sekunde liegt der Revolver in ihrer Hand. Es ist ein mächtiges Schießeisen für so zarte Finger, aber niemand hat den Eindruck, sie könnte mit der Kanone nicht umgehen.
Die Girls an Johnnys Tisch springen auf, als wären sie jede von ihnen von einer Tarantel gebissen worden. Die beiden Männer verlassen artig Little-Johnnys Freihalte-Tisch und stellen sich mit bleichen Gesichtern an die Wand.
Bloß Little-Johnny bleibt sitzen und hebt langsam sein Glas.
Da sagt das Girl auch schon grimmig: »Eins!«
Little-Johnny ist taub, er trinkt einen kleinen Schluck und grient.
»Zwei!«
Little-Johnny schlürft genießerisch und wendet nicht mal den Kopf.
»Drei!«
Little-Johnny trinkt das Glas leer und kichert.
»In Ordnung, Flegel!«
Der Revolver in der Hand von Isabel spuckt Feuer und eine Kugel aus.
Die Kugel fliegt sieben Zoll an Johnnys rechtem Bein vorbei, aber sie bohrt vorher ein Loch in den Hinterstollen des Stuhles.
Es ist ein feines Loch, genau drei oder auch nur zwei Millimeter Holz bleiben außen stehen.
Es gibt noch einen Knall.
Und da das erste Loch beinahe unter Johnnys Gesäß den rechten Hinterstollen erwischt hat, sitzt die zweite Kugel genau neben diesem.
Little-Johnny fliegt der Länge nach auf den Rücken. Der Stollen bricht natürlich ab, dazu auch noch die Lehne, denn Little-Johnny ist nicht gerade leicht.
Einen Augenblick liegt Little-Johnny still, dann wälzt er sich, das Glas immer noch in der Hand, herum. Er kommt auf die Knie, betrachtet den Stuhl, schüttelt den Kopf, grient und steht auf. Brummend stellt er das Glas auf den Tisch.
Dann erst wirft er einen Blick auf den rauchenden Revolver in Isabels Hand und furcht die Brauen.
»Gut geschossen!« sagt er zufrieden, als hätte er selbst diese Leistung vollbracht. »Machst du etwa Ernst, du Unterrock?«
»Genau, Kleiner. Kommst du jetzt, Herumtreiber?«
»Nicht mal einen Spaß darf man sich leisten«, sagt Little-Johnny kleinlaut, und alle sind ziemlich verdutzt, daß er gehorcht. »Na gut, ich komme schon. Bac, schreib es nur immer auf, verstanden?«
Er geht los und schüttelt immer wieder den Kopf. Dabei schielt er auf den Revolver, den seine Schwester in der Hand hält. Johnny sieht mächtig angetrunken aus.
Er schwankt leicht beim Gehen und macht einen kläglichen Eindruck.
»Nun, du wirst schon noch vernünftig werden«, sagt seine Schwester grimmig. »Ich sage dir…«
Dann sagt sie gar nichts mehr, denn Johnny ist plötzlich neben ihr. Zwar torkelt er leicht, aber blitzschnell schlägt er zu.
Es ist ein hinterhältiger Schlag, den keiner dem angetrunkenen und offensichtlich kleinlauten Burschen zugetraut hätte.
Little-Johnny holt kurz aus und schlägt die flache Hand mit einem kurzen wilden Hieb auf das Handgelenk seiner Schwester herab.
Der Hieb ist so stark, daß das Mädchen einen Schrei ausstößt und der Revolver zu Boden fliegt. Dann streckt Johnny auch schon die Arme aus, packt seine Schwester mit einem Ruck und sagt wild:
»Jetzt werde ich mal mit dir reden, Miß Unterrock. Du hast mich genug geärgert, du hast mich oft genug gereizt, aber jetzt – jetzt ist Feierabend. Stone, scher dich weg, sonst bekommst du Prügel. Hau ab, Mann, noch bin ich der Sohn, der einzige Sohn auf dieser Ranch. Und nun raus mit dir, Isabel! Von deinen Späßen habe ich genug!«
Der Graukopf weicht zurück, Johnny reißt seine Schwester mit einem Ruck herum, schleift sie, spottend lachend, aus der Tür und hebt sie draußen auf ihr Pferd. Dort bleibt sie sitzen, funkelt ihn wütend an und sagt, mit den Zähnen vor Zorn knirschend:
»Daran denkst du noch. Ich werde es dem alten Mann sagen und…«
»Geschenkt«, erwidert Little-Johnny spöttisch. »Du kannst ihm sagen, daß ich schon noch kommen werde. Also los, verschwinde und komm bloß nicht wieder mit deiner Kanone herein. Wirst du noch einmal frech, dann erlebst du es, daß du eine Tracht Prügel bekommst, von der du noch in zehn Jahren träumst. Ich habe es satt, mir von dir Vorschriften machen zu lassen. Stone, ich sage dir, kommt sie wieder, dann gibt es ein Unglück!«
»Hör mal, Junge«, sagt der Graukopf heiser. »Old Big John meint wirklich, du solltest…«
»Das kann er mir selbst sagen, ich brauche keinen Vormund in Unterröcken, das bestelle ihm nur. Und wenn sie weiter so frech ist, dann komme ich gar nicht mehr nach Hause!«
»Junge, du gehst zu weit.« Der alte Bursche wird wütend. »Soll ich ihm das alles sagen?«
»Ja, genau das«, erwidert Little-Johnny bissig. »Haut ab, brennt allein, ich habe es gar nicht nötig, wie ein Kuhtreiber zu schuften, verstanden?«
»Nun gut, Junge, wie du willst. Kommen Sie, Miß Isabel!«
Das Mädchen hockt starr auf dem Pferd und sieht an ihrem Bruder vorbei. Dann nimmt sie das Pferd herum und reitet wild an.
Der Junge aber steht still am Rand des Vorbaues und lacht spottend.
Lansom, der hinter dem Tresen geblieben ist, sieht den Fremden an, der immer noch lächelt. Es ist seltsam, denkt Lansom, der Kerl grinst dauernd.
»Feiner Bursche, Lansom, was?«
»Ja«, sagt Lansom bitter. »Nicht leicht für Big John, er läßt ihm jeden Willen. Eines Tages wird der Alte platzen, ich glaube, der Tag ist jetzt. Er hängt mindestens genauso an seiner Tochter!«
Er schiebt sich mit einem Drink an den Tisch, setzt sich und seufzt, als der Junge wieder hereinkommt und lärmend am Tisch der Girls Platz nimmt, den Stuhl mit einem Fußtritt an die Wand befördernd.
»Mein Lieber«, sagt Bac Lansom heiser. »Die McLeads sind die größten Leute in dieser Gegend, selbst größer als Johnston oder die andern reichen Rancher. Vierzig Mann reiten zur Brennzeit für die Flying-Eagle von Big John. Wenn ein Mann hier etwas zu bestimmen hat, dann ist es der Alte. Nur mit dem Jungen wird er nicht fertig. Der sucht noch mal so lange Krach, bis er wirklich welchen bekommt, an dem er sich verschluckt. Das Mädel ist in Ordnung, die sitzt von früh bis spät im Sattel und arbeitet wie ein Mann. Versteht schon was von einer Ranch. Die Mannschaft gehorcht ihr, bloß Little-Johnny nicht. Der bildet sich ein, daß er eines Tages alles bekommt, aber, na ja, es ist ein offenes Geheimnis, daß er nur die Hälfte zu erwarten hat. Prächtiges Girl, Mister…«
»Joel Rutherford, kein seltener Name, wie?«
»Kann man schon sagen«, brummt Lanson. »Da hinten ruft einer nach mir, Rutherford, ich gehe mal eben.«
Er geht los. Ja, es gibt wirklich eine Menge Rutherfords, der Name ist ihm bekannt.
Lansom hat zu tun. Er holt das Essen aus der Küche. Rutherford ißt geruhsam und sieht einmal nach der Uhr.
Von seinem Sitz aus kann er schräg über die Straße sehen. Ab und zu hebt er den Blick, als wäre dort etwas Besonderes zu sehen. Joel Rutherford lächelt, als er das Licht hinter den beiden Fenstern in dem Haus schräg über die Straße sieht.
Es ist nun zehn Uhr und dreißig Minuten, denkt Joel Rutherford. Der Kerl hat immer noch Licht, aber die Nacht ist warm, und er wird sich sicher über die Mücken und Falter ärgern, die hereinfliegen und um die Lampe schwirren. Er wird bald das Licht ausmachen und schlafen wollen.
Hoffentlich schläft er bald. Es ist immer unangenehm, wenn jemand nicht fest schläft.
Er ist mit dem Essen fertig. Lansom sieht es und schenkt, als Joel den Daumen hochhält, einen Whisky ein.
Der Whisky steht auf dem Tresen, als die Tür klappt.
Am Tisch von Little-Johnny lacht Ruby gerade fröhlich.
Und dann lacht sie nicht mehr, sondern verschluckt sich.
Er sollte doch gar nicht da sein, aber nun ist er doch da.
Er heißt Brod Calvert und treibt sich mal hier und mal da herum. Was er genau macht, das weiß nicht mal Ruby, obwohl sie seit acht Wochen seine beste Freundin ist.
Brod Calvert steht in der Tür. Ein Mann, der einen Revolver sehr tief geschnallt trägt und der leicht wütend wird.
Ruby, die Hand um Little-Johnnys Schulter, hört auf zu lachen, als sie Brod Calverts Augen sieht. Die Wut in diesen Augen ist nicht zu übersehen.
Calvert steht still, beißt die Zähne zusammen und atmet einmal scharf durch die Nase aus.
