Und ich beweg mich doch - Narsan Gül - E-Book

Und ich beweg mich doch E-Book

Narsan Gül

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Beschreibung

Geistheilung ist ein faszinierendes Phänomen, mit zahlreichen gut dokumentierten Erfolgen. Doch nie zuvor wurde so konkret und anschaulich beschrieben, was dabei eigentlich geschieht. Erstmals schildert dieses Buch anhand eines spektakulären Fallbeispiels, wie ein Geistheiler auf der feinstofflichen Ebene arbeitet, was dabei in Körper und Psyche der Patientin geschieht und welche geistigen Kräfte wirken. Die Deutschtürkin Narsan litt unter einer besonders schweren Form von Multipler Sklerose. Ihre Heilung darf mit Fug und Recht als Wunder bezeichnet werden – und wurde sogar ärztlich bestätigt. Von der klinischen Medizin als "austherapiert" abgeschrieben, begab Narsan sich bei dem türkischen Geistheiler Arslan in Behandlung. Dieser öffnete ihr zunächst die Augen für die geistigen Hintergründe ihrer Erkrankung, insbesondere die schleichende Auszehrung ihrer feinstofflichen Körper durch tief sitzende Lebensängste. Die Schilderung der Behandlung Narsans zeigt, wie die zerstörte Polarität zwischen fein- und grobstofflichen Regelkreisen wiederhergestellt werden konnte. Daneben erteilt der Heiler praktische Ratschläge für Übungen, um geistige Kräfte freizusetzen, durch die jeder die Erhaltung bzw. Wiedergewinnung seiner eigenen Gesundheit unterstützen kann.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2013

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TRINITY

Nazan Gül

Und ichbewegmich doch

Die Geschichte einer geistigen Heilung

1. eBook-Ausgabe

© 2013 Trinity Verlag in der

Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, Berlin · München

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Konvertierung: Brockhaus/Commission

ePub-ISBN: 978-3-95550-004-7

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.trinity-verlag.de

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von §44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Ansprechpartner für ProduktsicherheitEuropa Verlage GmbHMonika RoleffJohannisplatz 1581667 Mü[email protected]+49 89 18 94 [email protected]

Inhalt

 

Vorwort

1. Die Weisheit in meinem Innern hilft mir, die richtigen Weichen zu stellen, und ich will ihr freudig folgen.

2. In mir wohnen Kraft, Zuversicht und Mut, um mir und meinem Vorhaben treu zu bleiben.

3. Ich bin eins mit allem, weil ich vertraue. Ich höre auf meine innere Stimme, die mich lenkt und mich das Richtige tun lässt.

4. Ich habe ein Anrecht auf Gesundheit, Wohlergehen und Lebensfreude. Das alles entsteht, wenn ich gesunde Gedanken hege.

5. Ich vertraue meiner Intuition. Sie hilft mir, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und meine Chancen optimal zu nutzen.

6. Ich bin rein und gut. Wie innen so auch außen. Wie eine Blume im Sonnenschein öffne ich heute mein Herz der Liebe. Sie heilt meinen Geist und meinen Körper.

7. Ich bin ein göttlicher Ausdruck des Universums, einzigartig in meinem Sein. Es macht Freude, mich zu betrachten. Meine Intuition lässt mich den Schlüssel finden zum geheimen Ort des Allerhöchsten.

8. Ich will sein, wie Gott mich will. Ich weiß, ich bin in meinem Innersten wie Er, aus Ihm habe ich mein Sein. Mein innerer Reichtum bringt mir allzeit Wohlergehen.

9. Ich bin ein Meisterwerk, edel und unbegrenzt in meinen Fähigkeiten. In Gestalt und Bewegung bedeutend und wundervoll. Im Handeln ähnlich einem Engel, im Begreifen ähnlich einem Gott.

10. Ich bin in Frieden mit mir selbst, und es geschehen Wunder über Wunder. Ich erkenne, dass mein Glück in der Wahl meiner Gedanken liegt.

11. Ich weiß, dass meine Krankheit immer nur ein Ruf nach Liebe war. Ich bin erhört worden, und mir wird gegeben, was ich mir bisher vorenthalten habe.

12. Frieden erfüllt meine Seele, und Frieden hat in meinem Herzen seine Wohnstatt gefunden. Ich bin erfüllt von Freude darüber, was ist, und voller Zuversicht für das, was kommen wird.

13. Wenn ich in meiner Mitte suche, dann muss ich Höhen und Tiefen durchwandern. Ich darf lachen und weinen. Ich darf auch außer mir sein oder friedlich in mir ruhen. Aber ich werde den Frieden in meiner Mitte finden.

14. Gott, ich weiß, dass ich mit dir verbunden bin und in dir mein Sein habe. Ich bin dein Ebenbild und deshalb in meinem Innersten auch vollkommen, unverletzlich und voller Stärke.

15. Ich wurde geboren, um dein Licht zu sein. Wenn ich es in mir leuchten lasse, werde ich damit anderen Menschen zum Vorbild.

16. Ich weiß, dass die Liebe mein Glück ist und dass sie mir den Frieden bringen kann.

17. Das All ist Geist, das Universum ist geistig. Dieses Prinzip beinhaltet: Alles ist Geist. Es erläutert, dass das All, also die substanzielle Realität, die sich in allen äußeren Erscheinungen manifestiert, die wir unter der Bezeichnung »Materielles Universum«, »Phänomene des Lebens«, »Materie«, »Energie« kennen, eigentlich Geist ist. Der selbst nicht erkannt und nicht definiert werden kann, aber den man sich als einen universellen, unendlichen, lebendigen Geist vorstellen kann.

Vorwort

»Geistheilung? Ach, lasst mich in Frieden damit. Nicht auch noch das, ich habe doch schon alles versucht.«

Genauso habe ich gedacht. Weil die Ärzte mir sagten, ich sei unheilbar krank. »Austherapiert«, nennen sie es, sobald sie unter sich sind. Im Gespräch mit mir wurde dieses hässliche Wort natürlich nicht gebraucht. Es wäre ja auch die Offenbarungserklärung ärztlicher Kunst gewesen.

Austherapiert schon – aber wirklich unheilbar? Nein, eben nicht.

Ich sollte es erfahren, obwohl ich anfangs selbst nicht daran glaubte. Ja, ich bin geheilt. Ein Wunder? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist »Geistheilung« ja so etwas wie die Medizin der Zukunft. Auch wenn es heute noch wie Science-Fiction anmutet. Bei mir jedenfalls hat es gewirkt, und heute kommt es mir ganz normal vor.

Um auch anderen Menschen Hoffnung zu machen, denen das Etikett »unheilbar« angeheftet wird, habe ich meine Geschichte aufgeschrieben. So, wie sie sich zugetragen hat. Das sollte betont werden, denn es ist eine fast unglaubliche Geschichte. Aber sie ist und bleibt doch wahr.

Es ist nebenbei auch die Geschichte eines unglaublichen Mannes. Und auch den gibt es wirklich! Er ist tatsächlich Geistheiler in Antalya an der türkischen Riviera. Allerdings pflegt er ein anderes »Geschäftsmodell« als seine hiesigen Kollegen. Zum Beispiel legt er keinen Wert auf Publicity. Wenn man sich von ihm behandeln lassen will, muss man ihn erst einmal finden. Und wer ihn findet, hat damit schon den ersten Schritt zur Gesundheit getan. Denn nichts ist dem Zufall überlassen auf dem Weg, der zu wahrer Heilung führt. Auch das sollte ich lernen, auf meinem eigenen Weg.

München, im Winter 2012/13

Nazan Gül

1

Die Weisheit in meinem Innern hilft mir, die richtigen Weichen zu stellen, und ich will ihr freudig folgen.

Ich schloss meinen E-Mail-Account. Nur Spam und Werbebotschaften. Keine Post für mich. Wer sollte mir auch schreiben, wenn ich kein Interesse daran zeigte, Kontakte zu pflegen? Erschreckt fuhr ich zusammen. Aus meinem Handy ertönte blechern Smetanas »Moldau«. Im selben Augenblick machten die Muskeln meines rechten Armes zu, meine Hand verkrampfte sich. Die verdammte multiple Sklerose! Seit dreizehn Jahren hatte sie mich im Griff und in den letzten Monaten zu immer stärkeren Beeinträchtigungen meines gesamten Bewegungsapparates geführt. Zwar konnte ich schon seit Jahren meine Beine nicht mehr bewegen und war an den Rollstuhl gefesselt, aber wenigstens meine Arme und Hände waren bis vor Kurzem noch völlig intakt gewesen. Deren Zustand hatte sich nun ebenfalls massiv verschlechtert. Besonders betroffen waren die Finger meiner rechten Hand, die sich gerade klauenartig zusammengezogen und eine Faust gebildet hatten. Ich versuchte verzweifelt, sie zu öffnen. Es war aussichtslos. Meine Hand war so fest geschlossen wie ein Schraubstock, der mit aller Kraft zugedreht worden war. Nach wie vor dudelte mein Handy und ermahnte mich zur Eile. Mühsam drehte ich meinen Oberkörper nach rechts und griff mit meiner linken Hand nach dem Gerät. Deren Finger waren zwar auch versteift, ließen sich aber mit etwas Anstrengung noch ausreichend genug bewegen, um mit einem Tastendruck den Lautsprecher des Telefons einzuschalten. In meinem paralysierten Zustand war es unmöglich, mir den Hörer ans Ohr zu halten.

»Hi, ich bin’s«, meldete sich mein Bruder Ersun. »Nazan, ich glaube, ich habe eine wirkliche Hilfe für dich entdeckt!«

»Ja, ist klar«, erwiderte ich, eher gelangweilt als genervt. Ersun ließ seit der Diagnose meiner MS nicht nach, mich mit Tipps und Ideen für eine Therapie einzudecken – gesammelt in Büchern, Zeitungen, online, beim Stammtisch oder beim Friseur.

»Und wann soll ich nach Indien reisen? Oder reicht dieses Mal ein Kopfstand?«

»Nein, ich meine es ernst. Mein Freund Yüksel hat mir von einem kurdischen Geistheiler in Antalya berichtet, der wahre Wunder vollbringen soll. Er hat Yüksels krebskranker Mutter geholfen, und viele Menschen aus allen Teilen der Welt reisen zu ihm, um sich von ihm heilen zu lassen.«

»Und? Was soll das mit mir zu tun haben?«

Ersun nervte mich. Ein Geistheiler – langsam wurde es mir zu bunt.

»Yüksel hat mir erzählt, dass Arslan, so heißt der Typ, die MS seiner Cousine Ayze kuriert hat. DAS hat es mit dir zu tun. Wenn es einmal funktioniert hat, warum nicht ein zweites Mal? Ich bin bereit, dir den Flug und den Hotelaufenthalt zu finanzieren, wenn du nach Antalya zu Arslan reisen willst. Was meinst du?«

Ich verbiss mir eine sarkastische Antwort. Immerhin war es ein Liebesbeweis, dass er sich so um mich sorgte und verzweifelt nach Möglichkeiten suchte, mir zu helfen.

»Lass mich darüber schlafen, okay?«

Ich wollte meine Ruhe haben und das Gespräch beenden, ohne meinen Bruder allzu sehr vor den Kopf zu stoßen. Außerdem musste ich unbedingt verhindern, dass er mitbekam, in welch desolatem Zustand ich mich gerade befand. Er hätte vermutlich noch heftiger darauf gedrängt, dass ich sofort zu dem ominösen Geistheiler reisen sollte. Zum Glück konnte er nicht sehen, wie ich schräg und verkrampft in meinem Rolli hing. Aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich in Atemnot geraten und zu keuchen beginnen würde.

»Gerne. Ich ruf dich morgen wieder an«, sagte er und beendete das Gespräch.

Erfreulicherweise lösten sich in diesem Moment meine Verkrampfungen auf. Ich sank in meinen Rollstuhl zurück und schloss erschöpft die Augen. Ein Gedankensturm raste durch meinen Kopf. Einerseits war ich bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen, um den Horror der stetig voranschreitenden Lahmlegung meiner Körperfunktionen zu bekämpfen. Andererseits hatte ich schon zu viel ausprobiert und zu viele Enttäuschungen erlebt. Sowohl alle derzeit bekannten Mittel und pharmazeutischen Drogen der Schulmedizin als auch sogenannte »alternative Heilmethoden« – nichts hatte mir wirklich geholfen. Die MS hatte sich stetig weiterentwickelt und meinen Körper mehr und mehr blockiert. Jedes Zerplatzen einer Hoffnung hatte mich psychisch stark mitgenommen. Ich wusste nicht, ob ich ein weiteres Scheitern noch einmal verkraften würde, und hatte keine Lust, meinen Ist-Zustand zu gefährden.

Inzwischen hatte ich mich nämlich mit dem Korsett meiner Krankheit abgefunden und mir mein Leben im Rollstuhl den Umständen entsprechend eingerichtet. Morgens holte mich ein ambulanter Pflegedienst aus dem Bett. Die Pflegerinnen setzten mich auf die Toilette, wuschen mich und zogen mich an. Danach richteten sie mir ein Frühstück her, und nach einem kurzen Schwätzchen verabschiedeten sie sich. Mein Mittagessen erhielt ich von einem privaten Lieferservice, der mir jeden Tag frisch gekochte Mahlzeiten mundgerecht geschnitten ins Haus brachte. Den Großteil des Tages verbrachte ich am Computer, mit Schlafen, Lesen und Fernsehen. Wenn das Wetter schön war, es mir richtig gut ging und Ersun Zeit hatte, machten wir Ausflüge in die nähere Umgebung. Die Batterie meines E-Rollis reichte für etwa 35 Kilometer, sodass ich einen Bewegungsradius von gut 17 Kilometern hatte. Ein gesunder Mensch kann sich kaum vorstellen, was es in diesem Radius aus meiner Perspektive alles zu sehen gibt. Aber inzwischen kam das kaum noch vor.

Am Abend erschien erneut eine Pflegerin, zog mich aus, wusch mich und brachte mich ins Bett. Wenn ich noch Hunger hatte, richtete sie mir eine Brotzeit her. Alles in allem ging es mir also gar nicht so schlecht.

Und jetzt sollte ich mich auf so ein riskantes Abenteuer mit völlig ungewissem Ausgang einlassen? Allein der Gedanke an die Strapazen der Hin- und Rückflüge ließ mich schaudern. Auch die Vorstellung, dass ich vermutlich Monate brauchen würde, um wieder zurück in meinen gerade gefundenen Lebensrhythmus zu finden, schreckte mich ab. Außerdem hatte ich erhebliche Zweifel an den Fähigkeiten des angeblichen Geistheilers. Was, wenn es sich um einen Scharlatan handelte, der Ersun nur sein Geld abluchsen wollte?

Ich beschloss, ein wenig im Internet zu recherchieren, und gab »Arslan - Antalya« bei »Google« ein. Es gab keine Einträge, was meine Skepsis zunächst verstärkte. Dann aber sagte ich mir, dass das auch ein gutes Zeichen sein könnte. Ich hatte mich oft mit Leidensgenossen unterhalten, die fest an esoterische Methoden für ihre Heilung glaubten. Sie hatten mir erklärt, dass ein wirklich erfolgreicher spiritueller Heiler, der im Einklang mit dem Universum steht, ohne Werbung auskommt. Er sucht keine Patienten, sondern die Patienten, die er heilen soll, finden ihn. Auch ohne Internetauftritt.

Ich beschloss, mir vor dem Einschlafen die Frage zu stellen, ob ich tatsächlich nach Antalya reisen solle. Und dann der Antwort zu folgen, die ich beim Aufwachen oder in meinen Träumen erhalten hatte. Generell stand ich vielem esoterischen Hokuspokus skeptisch gegenüber. Aber dieser Methode der Entscheidungsfindung vertraute ich. Ich hatte sie während eines Aufenthaltes in der Marianne-Strauß-Klinik am Starnberger See von einer Mitpatientin aufgenommen, die sich fest darauf verließ. Auch ich hatte damit in der Vergangenheit schon einige verblüffende Ergebnisse erzielt.

Den Rest des Tages verbrachte ich daher, ohne weiter über den Geistheiler zu grübeln. Pünktlich um 20 Uhr erschien Bianca, meine mir angenehmste Pflegerin, und brachte mich zu Bett. Ich schaute mir noch einen schwedischen Krimi an, dann wurde ich müde und schaltete den Fernseher aus. In meinem Zimmer herrschte vollkommene Stille. Ich schloss die Augen.

›Soll ich nach Antalya zu Arslan reisen?‹, fragte ich mich in Gedanken. Gebetsmühlenartig wiederholte ich diesen Satz. Bis mich schließlich der Schlaf übermannte.

Am nächsten Morgen war ich sofort hellwach. Doch an einen konkreten Traum konnte ich mich nicht erinnern. Mist. Ich träumte normalerweise ausgesprochen lebendig, konnte dabei meinen Körper beherrschen, konnte rennen, tanzen und Ski fahren wie früher. Mein Traumleben war deutlich intensiver als mein Realleben. Deshalb war ich manchmal in Tränen aufgelöst, wenn ich aufwachte und mir klar wurde, dass die Nacht vorbei war und wieder zwölf Stunden im Rollstuhl vor mir lagen.

Ich schloss erneut die Augen, um mich an meine Träume zu erinnern. Doch da war nichts. Es gab kein einziges Bild, das vor mir auftauchte. Plötzlich erschien ein Löwe vor meinem inneren Auge und verschwand wieder. Ich verharrte in diesem Dämmerzustand, aber es geschah nichts.

Nach einer gefühlten Ewigkeit sah ich mich auf einmal in meinem elektrischen Rollstuhl unter einem Affenbrotbaum in der afrikanischen Savanne sitzen, dessen dicht belaubte Äste sich weit über mir ausstreckten. Ein Schrecken durchfuhr mich, als ich einen mächtigen Löwen entdeckte, der im Schatten des Baumes lag. Er schien tief zu schlafen. Behutsam wollte ich mich zurückziehen. Ich startete meinen Rolli und konnte nicht verhindern, dass dabei ein leises Klicken ertönte. Das reichte. Wie von der Tarantel gestochen sprang der Löwe auf und blickte suchend um sich.

Als er mich entdeckte, straffte sich sein Körper. Er streckte seine Nase in den Wind, um meine Witterung aufzunehmen. Ohne Vorwarnung ließ er ein dumpfes Brüllen ertönen und lief los. Starr vor Angst sah ich die mächtige Raubkatze mit weit aufgerissenem Maul auf mich zu springen. Ich war sicher, dass sie mich mit Haut und Haaren verschlingen würde.

Mit einem gewaltigen Satz landete der König der Tiere etwa zwei Meter vor meinem Rollstuhl. Dann blieb er vollkommen ruhig stehen. Er funkelte mich mit seinen smaragdgrünen Augen an. Trotz meiner Panik konnte ich meinen Blick nicht von ihnen lösen. Ich fühlte mich hypnotisch anzogen.

›Steh auf und komm zu mir‹, hörte ich auf einmal eine fauchende Stimme in meinem Kopf. ›Los, du kannst das!‹ Verwirrt und gelähmt vor Entsetzen saß ich in meinem Stuhl. Immer noch bannten mich die hypnotisierenden Augen des Löwen, der unbeweglich vor mir stand. In diesem Moment hatte ich den Eindruck, dass er mir zublinzelte. ›Steh auf und komm sofort zu mir!‹

Wieder vernahm ich die fauchende Stimme, aber diesmal deutlich energischer. Ich fühlte, wie mich eine nie gekannte Energie durchströmte. Mein durch die Erkrankung stets leicht gebeugter Rücken straffte sich von allein. Ohne Kraftaufwand und ohne Spastik im Rumpf! Wie von selbst glitten meine Füße von den Fußrasten meines Rollis und berührten den weichen Boden. Meine Hände ergriffen die Armlehnen. Mühelos gelang es mir, mich aus dem Sitz zu stemmen und mein Gewicht auf meine Füße zu verlagern. Ich stand aufrecht vor meinem Stuhl! Wie glühende Lava durchströmte mich vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen ein tiefes Glücksgefühl. Den Löwen hatte ich völlig vergessen. Doch schon vernahm ich wieder das ungeduldige Fauchen.

›Jetzt lauf endlich los und setz dich auf meinen Rücken!‹, herrschte er mich an.

Diesmal folgte ich, ohne zu zögern. Mit winzigen Trippelschritten ging ich auf ihn zu. Es fühlte sich wunderbar an, unter meinen nackten Fußsohlen das weiche Moos zu spüren, das den Boden bedeckte. Bei jedem Schritt genoss ich die sanfte Massage. Der Löwe legte sich nieder. Ich schwang mich mühelos auf seinen Rücken. Er grollte zufrieden und ich …

»Guten Morgen, Nazan. Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag!«

Die Stimme Biancas holte mich schlagartig ins Hier und Jetzt zurück. Offensichtlich war ich noch einmal eingeschlafen und hatte einen Traum der vergangenen Nacht wiederholt. Aber leider nicht bis zum Schluss. Verwirrt und enttäuscht öffnete ich die Augen. Das eben noch einmal Geträumte enthielt für mich keinerlei Antwort auf meine Frage, ob ich dem Geistheiler vertrauen und nach Antalya reisen sollte. Ich vermutete, dass sie im letzten Teil des Traumes versteckt gewesen sein könnte. Den ich aber gerade verpasst hatte, weil ich von Bianca geweckt worden war.

Missmutig und ungeduldig ließ ich die morgendlichen Zeremonien über mich ergehen. Ich war heilfroh, als wir endlich fertig waren und Bianca sich von mir verabschiedete.

Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, brachte ich den Rolli mithilfe seines Joysticks in seine Liegeposition, schloss die Augen und versuchte, noch einmal in den Traum einzusteigen. Es gelang mir sogar, doch auch dieses Mal endete er, als ich auf dem Rücken des Löwen saß. Zwei weitere Versuche scheiterten ebenso.

Resigniert beendete ich mein sinnloses Unterfangen und rollte zu meinem Computer, um mich abzulenken. Ich starrte eine Weile nachdenklich den Bildschirmschoner an. Da hatte ich eine Eingebung: Ich gab »türkische Männernamen« bei Google ein und suchte nach der Bedeutung des Namens Arslan. Als mir das Ergebnis entgegenleuchtete, begann mein Herz zu rasen. Arslan bedeutet Löwe.

Das gab den Ausschlag. Mit zitternden Händen ergriff ich mein Telefon und rief Ersun an.

»Brüderchen, ich bin einverstanden. Sag Yüksel, er soll mir einen Termin mit diesem Arslan vereinbaren. Und dann kannst du mir die Reise nach Antalya buchen. Ich nehme dein Angebot hiermit dankend an.«

Ich habe vergessen, was Ersun antwortete, aber ich weiß noch, dass er sich riesig freute.

Schon zwei Tage später rief er mich an und teilte mir mit, dass Arslan mich erwartete.

»Arslan hat Yüksel gesagt, dass du am Wochenende anreisen und eine Woche, maximal zehn Tage für deine Behandlung einplanen sollst. Ich habe die Flüge und ein Arrangement in einem guten, rollstuhlgerechten Hotel in Antalya für dich gebucht. Eine Pflegerin habe ich auch besorgt. Sie wird sich morgens und abends um dich kümmern. Du fliegst am Sonntag. Also hast du noch vier Tage Zeit, um packen zu lassen und alle sonstigen Vorkehrungen zu treffen. Ich komme morgen vorbei, um dir zu helfen.«

2

In mir wohnen Kraft, Zuversicht und Mut, um mir und meinem Vorhaben treu zu bleiben.

Am Sonntagmorgen um 11.30 Uhr saß ich in meinem Klapprollstuhl, den ich statt meines E-Rollis benutzte, vor der gläsernen Schiebetür des Terminals B des Münchner Franz-Josef-Strauß-Flughafens. Ich wartete auf Ersun, der mit seinem Auto ins Parkhaus gefahren war. Er hatte mich zum Flughafen gebracht, mein Gepäck ausgeladen und mich in meinen Rolli gewuchtet. Dann war er davongebraust und hatte mich einfach stehen lassen. Obwohl ich wusste, dass er gleich wieder erscheinen würde, kam ich mir hilflos und verlassen vor. Seltsame Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich fühlte mich klein wie eine Erdnuss mit einer dicken Schale drumherum. Ich war nicht mehr ich. Nicht mehr die, die ich mal gewesen war. Die vermisste ich, weil ich die, die ich jetzt war, noch weniger mochte als die alte Nazan. Denn die Jetzige dachte solche Sätze, während sie mit einem Riesenkoffer vor den Füßen und einem Rolli unterm Hintern auf ihren Bruder wartete. Als ich mir vorstellte, was mir gleich bevorstand, wurde mir schlecht vor Aufregung.

»Nazan, reiß dich zusammen!«, befahl ich mir halblaut. Mich selbst anzusprechen half mir manchmal, mich daran zu erinnern, dass sich wenigstens an meinem Namen nichts geändert hatte. Dann erinnerte sich auch mein Körper an früher. Nicht, dass er plötzlich aufstehen und gehen konnte. Aber tief durchatmen, um das mulmige Gefühl in den Griff zu kriegen, Zähne zusammenbeißen und Energie sammeln, um lächelnd anzugreifen – so weit reichte es noch.

Ersun war inzwischen wieder aufgetaucht und hatte meinen Koffer mit der einen und den Haltegriff meines Rollis mit der anderen Hand ergriffen. Er schob mich schweigend durch die lange Halle des Münchner Flughafens. Offensichtlich war er immer noch angesäuert, dass ich sein Angebot abgelehnt hatte, mich zu begleiten. Ich hatte kurz darüber nachgedacht und dann entschieden, alleine zu reisen.

Ersun würde mich nach jeder Sitzung mit Arslan sicher fragen, wie es gelaufen wäre und ob ich schon eine Verbesserung spürte. Diesen Druck wollte ich mir nicht antun. Ich hatte mich entschlossen, das Beste aus dem Trip zu machen und einfach meine Zeit in Antalya zu genießen, selbst wenn es mit der Heilung nicht so gut liefe.

Mein Bruder brachte mich zum Check-in der Chartergesellschaft für den Flug nach Antalya.

Ich war anscheinend die Erste, die hier einchecken wollte. Ersun schob mich direkt vor das Desk und hob meinen Koffer auf das Transportband neben dem Pult.

Ich bedankte mich und sagte ihm, dass ich jetzt alleine zurechtkäme. Er blickte mich skeptisch an, dann umarmte er mich und wünschte mir mit feuchten Augen viel Erfolg. Ich sah ihm nach, wie er leichtfüßig entschwand – befreit von meiner Last. An der Ausgangstür drehte er sich noch einmal um und warf mir eine Kusshand zu. Ich fing sie auf und warf sie ihm zurück.

Entschlossen drehte ich mich mitsamt meinem Rollstuhl um und fasste die Frau hinter dem Schalter ins Auge. Sie saß in einer tadellos sitzenden Uniform hinter ihrem Counter und schaute auf mich herab. Mir kam der Gedanke, dass sie mir auf den Kopf spucken könnte. Tat sie aber nicht.

Sie lächelte mir aufmunternd zu. Ich lächelte verkrampft zurück und nestelte mit meinen steifen Fingern den Flugschein nach Antalya aus meinem kleinen Rucksack, den ich auf meinem Schoß transportierte. Nachdem ich endlich das Ticket ans Tageslicht befördert hatte, streckte ich mühsam meinen Arm aus und reichte es ihr nach oben.

»Wie komme ich eigentlich an Bord des Fliegers?«, japste ich. Mir fehlte die Luft, weil mich die Bewegung meiner Gliedmaßen so angestrengt hatte.

»Darum kümmern wir uns. Moment bitte.«

Die Bodenstewardess fummelte an irgendetwas unter ihrer Arbeitsplatte herum, klebte einen Zettel an meinen Koffer und reichte mir mein Ticket zurück. Ich musste recht überfordert ausgesehen haben, denn sie lächelte mich mitfühlend an.

»So, Sie fliegen ab Gate 29. Gleich kommt eine Kollegin und fährt Sie dorthin. Dem Flugpersonal sage ich telefonisch Bescheid, die helfen Ihnen in die Maschine und setzen Sie in Ihren Sitz.«

Mir fiel ein kleines Gebirge vom Herzen. Die kümmerten sich wirklich um mich. Aber was genau meinte sie mit »fahren«?

In dem Moment näherte sich ein knallgelb lackiertes, offenes Wägelchen, das mich ein bisschen an ein Golfkart erinnerte. Es hatte eine Sitzgelegenheit neben der Fahrerin und eine Ladefläche fürs Gepäck. Am Steuer saß eine Blondine mit streng nach hinten gekämmten Haaren und einer dunkelblauen Uniform. Sie fuhr direkt auf mich zu und hielt neben mir an. Ohne abzusteigen, begrüßte sie mich mit einem routinierten Lächeln, das hier wohl Vorschrift war. Dann fragte sie mich: »Schaffen Sie es, sich an meinem Cart festzuhalten, damit ich Sie zu Ihrem Gate bringen kann? Oder soll ich Sie an mein Gefährt festbinden?«

Es kostete mich Mühe, keine pampige Antwort zu geben.

»Ich hab’s noch nie probiert«, sagte ich stattdessen. »Aber wenn ich keine Spastik bekomme, müsste es funktionieren.« »Gut, dann versuchen wir es. Ich werde sehr langsam fahren. Wenn es nicht mehr geht, rufen Sie einfach.«

Sie rangierte das Wägelchen vorsichtig rückwärts an mich heran. Ich beugte mich vor und ergriff mit beiden Händen die Haltestange an seinem Heck. Zu meinem Erstaunen schafften es meine steifen Finger, sich um sie zu krallen. Gemächlich zuckelten wir los. Ich dachte daran, dass ich es jetzt im wahrsten Sinn des Wortes in meinen eigenen Händen hatte, ob ich mein Vorhaben tatsächlich durchziehen sollte, das ich verrückterweise nur wegen einer vagen Traumbotschaft angetreten hatte. Noch war es möglich, die Stange loszulassen und meiner Chauffeurin zu erklären, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage wäre, den Flug durchzuhalten. Dann würde sie mich zum Taxistand ziehen, ich würde mich zurück in meine Wohnung bringen lassen, und das wär’s dann gewesen.

Nach ein paar Sekunden schüttelte ich den Gedanken ab. Das konnte ich meinem Bruder und seinem Freund Yüksel, die alles für mich arrangiert hatten, nicht antun. Ich umklammerte den Haltegriff noch fester und beschloss, nicht mehr nachzudenken, sondern mich auf die Fahrt zum Gate zu konzentrieren.

Während wir im Schritttempo durch den Terminal rollten, zog der ungewöhnliche Transport alle Blicke auf sich. »Mami, ich will auch Eisenbahn spielen wie die Frau!«, hörte ich einen kleinen Jungen rufen.

»Sei still, die Frau ist sehr krank. Das willst du sicher nicht«, antwortete seine Mutter.

Ich lächelte bitter.

›Nein, das willst du bestimmt nicht‹, dachte ich betrübt. Dann versetzte ich mir einen symbolischen Tritt. ›Hör auf mit dem Selbstmitleid und der Rückschau in die Vergangenheit. Konzentriere dich auf die Gegenwart.‹

Ich beschloss, die Situation einfach zu genießen. Nach der monatelangen Abgeschiedenheit begann es mir tatsächlich Spaß zu machen, durch den Flughafenterminal gezogen zu werden. Und mir dabei die Leute anzusehen, die um mich herumwuselten oder in langen Schlangen vor den Check-in-Schaltern standen. Sie alle verströmten Erwartung, Aufregung, Vorfreude. Diese fiebrige Energie beflügelte mich. Plötzlich genoss ich es, »Eisenbahn zu spielen«, wie es der kleine Junge so treffend ausgedrückt hatte. Vielleicht war es sogar eine dieser versteckten Botschaften, mit denen das Leben seine gravierenden Veränderungen ankündigt. Es war doch ein schönes Symbol, dass ich hinter einem Mobil hing, das mir zu einer schnelleren Fortbewegung verhelfen konnte.

›Könnte das ein Sinnbild für Arslan sein?‹, dachte ich. ›Ein Hinweis darauf, dass er mich auch beschleunigen, beweglicher werden lassen könnte?‹ Die Vorstellung ließ mich übermütig werden.

»Geben Sie Gas, Sie können ruhig schneller fahren«, rief ich meiner Chauffeurin zu.

Sie drehte sich um und blickte skeptisch zu mir herunter. »Kein Problem für mich, aber können Sie das aushalten?« »Na klar. Geht ganz leicht.«

Wenig später überholten wir die auf den horizontalen Transportbändern stehenden Menschen. Ich blickte abfällig zu ihnen hinüber. Offensichtlich wussten sie es nicht mehr zu schätzen, dass ihnen noch zwei funktionstüchtige Beine zum Gehen gegeben waren, und zogen es vor, zu stehen. Gut, ich war ungeduldig und unfair, wenn ich so pauschal urteilte – das war doch nur der blanke Neid.

Meine Zugmaschine schwenkte unvermittelt nach links und bog in den langen Gang ein, der zu den abflugbereiten Flugzeugen führte. Ich war so mit dem Beobachten meiner Umwelt und meinen Gedanken beschäftigt, dass ich nicht aufpasste und es versäumte, die Bewegung des Carts mitzumachen. Meine rechte Hand löste sich, und mein Rolli fuhr geradeaus weiter. Bevor es mir den linken Arm ausriss, ließ ich los. Der Rolli schoss auf eine Stahltür am Ende des Ganges zu. Verzweifelt versuchte ich, die Räder des Rollstuhls mit meinen Händen abzubremsen. Es gelang ein paar Zentimeter vor der Tür. Meine Handflächen brannten von der Reibung, mein Herz raste.

Neben mir sagte jemand: »Das war knapp.«

Ich atmete tief durch und drehte meinen Rolli herum. Ein junger Typ mit Rucksack stand direkt vor mir – Bergstiefel, Fußballerwaden unter einer knielangen Lederhose. Offenbar war er auf dem Weg zu einer Klettertour.

»Du hättest mich fast erwischt, aber nur fast. Anscheinend sind wir beide unverletzt, oder?«

»Ja, bei mir ist alles klar. Tut mir leid, dass ich Sie beinahe über den Haufen gefahren hätte.«

»War ja nicht deine Schuld.«

Er deutete mit dem Kinn auf meine blonde Fahrerin, die inzwischen den Rückwärtsgang eingelegt hatte und mit ihrem Wägelchen auf mich zufuhr.

»Die hat wohl einen an der Waffel, mit dir so durch die Gegend zu rasen.«

»Ich hab sie dazu angestiftet. An eine Kurve hab ich nicht gedacht«, erwiderte ich kleinlaut.

»Kamikaze oder was?«

Ich sah verlegen auf meine Knie. Kaum lasse ich den Griff los, fahre ich beinahe einen jungen Bergfex um, knalle fast gegen eine massive Stahltür und werde auch noch als japanischer Selbstmordpilot bezeichnet. Na, wenn das keine Hinweise waren, an meinem Vorhaben festzuhalten und nach Antalya zu fliegen!

»Wird wohl doch nicht mein Traumjob«, brachte ich schließlich hervor.

Er lachte. »Warte, ich helfe dir.«

Er trat hinter meinen Rolli und schob mich zu dem Transportwägelchen, das meine Chauffeurin inzwischen dicht herangefahren hatte. Seine Offenheit und Hilfsbereitschaft machten mich noch verlegener.

»Alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragte meine Chauffeurin sichtlich erschrocken.

»Ja, ja, alles gut.« Ich packte, so fest es mir meine schmerzenden Hände erlaubten, wieder die Haltestange.

»Es ist wohl besser, wenn wir jetzt langsam weiterfahren.«

Recht hatte sie! Was war ich doch für ein dummes Huhn. Wieder einmal hatte ich mich und meine Leistungsfähigkeit völlig falsch eingeschätzt. Diese Erkenntnis und auch, dass meine Kraft und meine Reaktionsfähigkeit so gewaltig nachgelassen hatten, deprimierten mich.

Gate 29 war ganz am Ende des langen Ganges, von dem die vielen Rüssel abgingen, an deren Enden die auf ihre Passagiere wartenden Flugzeuge geparkt waren. Meine Güte, ohne meine Zugmaschine, allein auf mich gestellt, hätte ich mich hier kaputt gerollt und irgendwann wohl aufgegeben. Im Gegensatz zu Querschnittlern, die von der Taille aufwärts öfter Bodybuilding-Format haben, schrumpft bei MSlern alles und lässt sie im besten Fall Muskeln erhalten, aber nicht aufbauen. Meine Bauch-, Rumpf- und Armmuskulatur waren während meiner Krankheit stark zurückgegangen.

Wie wenig Kraft ich noch besaß, hatte ich gerade erlebt. Wir erreichten das Ende des Ganges und fuhren im Schritttempo den leicht geneigten Rüssel zu meinem Flieger hinunter. Dabei musste ich all meine verbliebene Kraft aufbieten, um mich an dem Haltegriff abzustützen und zu verhindern, dass ich hinten auf das Heck des Wägelchens auffuhr. Als wir endlich vor der geöffneten Kabinentür der Maschine angekommen waren, stand mir Schweiß auf der Stirn, und meine Schultern schmerzten. Außerdem brannten meine Handflächen jetzt wie Feuer.

›Verdammt, du bist wirklich alles andere als belastbar‹, dachte ich und fühlte, wie mir Tränen über die Wangen liefen.

»Geht es Ihnen wirklich gut?« Meine Chauffeurin sah mich prüfend an.

»Danke, geht schon«, antwortete ich und biss die Zähne zusammen. »Ich muss nur ein wenig durchatmen, dann werde ich mich wieder erholen.«

»Das ist kein Problem. Wir haben noch jede Menge Zeit, bevor die anderen Passagiere erscheinen. Ich informiere die Flugbegleiter, dass Sie angekommen sind.«

Sie verschwand in der Maschine. Gierig sog ich die frische Luft ein, die durch die offene Versorgungstür des Rüssels hereinströmte. Mit jedem Atemzug fühlte ich mich besser. Meine dunklen Gedanken lösten sich auf. Nach ein paar Minuten erschien meine Begleiterin mit zwei Stewardessen. Sie begrüßten mich überaus freundlich, und ehe ich mich versah, schoben sie mich in den noch leeren Jet und hoben mich mit geübten Griffen in einen Sitz in der ersten Reihe. Während die eine mir den Sicherheitsgurt anlegte, klappte die andere gekonnt meinen Rollstuhl zusammen und verstaute ihn in einem Kabinenschrank. Die Blondine kam ein letztes Mal zu mir und reichte mir die Hand.

»Wie Sie sehen, wird man sich bestens um Sie kümmern. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug und eine wundervolle Zeit in der Türkei.«

Ich bedankte mich und hatte keine Ahnung, was für prophetische Worte sie gerade gesprochen hatte.

Nachdem wir unsere Flughöhe erreicht hatten und die Leuchtschrift »Bitte anschnallen« erloschen war, bat ich eine der Flugbegleiterinnen um ein Glas Sekt. Ich führte es mit beiden Händen zum Mund, um es auf einen Zug zu leeren. Erschöpft schloss ich die Augen und dachte an die Geschichte meiner Krankheit. Ich erinnerte mich an den Tag, an dem alles so harmlos angefangen hatte. Den Tag, an dem ich plötzlich nicht mehr rennen konnte. In jeder Hinsicht bin ich der Typ Mensch, der es klar und geradeheraus mag. Klare Linien, klare Gedanken, klare Ansagen.

Kein Schnickschnack, kein Firlefanz. Und ausgerechnet mich holt dann eine Krankheit von hinten ein, die keinerlei Klarheiten in sich birgt. Kein Querschnitt, kein Krebs, nicht Arm ab und nicht Magengeschwür. Multiple Sklerose hat sich angeschlichen. Kein Mensch weiß, was das eigentlich ist. Natürlich gibt’s eine Definition. Die Krankheit befällt das zentrale Nervensystem, schädigt die Hüllschicht der Nerven. MS ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) betrifft. Im Krankheitsverlauf verhärtet sich langsam die äußere Schicht des Rückenmarks. Dadurch können die elektrischen Impulse der Nervenzellen, die vom Gehirn zum Rest des Körpers und umgekehrt unterwegs sind, nicht mehr passieren. Mein Hirn sagt: »Lauf!«, doch meine Beine rufen verzweifelt: »Wir hören nix.«

Keiner kann genau erklären, wo’s herkommt, und vor allem nicht, wo’s hinführt. Es kann jeden treffen – dich oder eben mich. Mich erwischte es, als plötzlich bei dem Besuch eines Reitstalls meine Beine taub wurden. Von jetzt auf gleich wurde ich verlangsamt und konnte nur noch wie eine altersschwache Greisin bedächtig einen Schritt nach dem anderen machen. Schnelles Laufen war mir aus heiterem Himmel unmöglich geworden. Es mag sein, dass bei dem einen oder anderen eine genetische Disposition vorliegt, aber ich habe viele MSler kennengelernt, und von denen wusste gerade mal eine, dass die Mutti den Mist auch schon am Hals hatte. Alle anderen traf es einfach aus dem Blauen heraus. Theorien über Ursachen gibt’s viele. Ernährung mag eine Rolle spielen, wobei ich überzeugt bin, dass man es nicht auf so einfache Erklärungen schieben kann, wie ich es kürzlich in einer Zeitung gelesen hatte: »Zu viel Fleischwurst gegessen«.

Ich glaube schon, dass der übermäßige Fleischverzehr heutzutage in unseren Breiten, verbunden mit der dazu nötigen Massentierhaltung, allen möglichen seltsamen Krankheiten Vorschub leistet – seien es Allergien, Arthritis, Krebs, multiple Sklerose. Oder die Umweltverschmutzung. Oder der Stress. Oder, oder …

Ganz heimlich glaube ich, dass jeder Mensch die Anlage für seinen potenziellen Kaputtmacher von vornherein in sich trägt. Und dabei denke ich nicht an DNA-Stränge. Es gibt meiner Meinung nach in uns allen eine Sollbruchstelle, die dann nachgibt, wenn wir mit uns selbst physisch oder psychisch nicht pfleglich umgehen. Gesund gestorben ist selten jemand, sieht man von Unfällen mal ab. Und sterben müssen wir alle. Dem einen ist ein Flugzeugabsturz in den Lebensplan geschrieben, dem anderen der plötzliche Kindstod, der Herzinfarkt und mir die MS. Was ist daran tragisch? Gut, ich bekomme es in der langsameren Variante und hab noch die zusätzliche Chance, einen anderen Abgang zu erleben.

Denn wirklich tödlich ist MS ja nicht unbedingt. Jahre vergehen, in denen du dem schleichenden Verfall deiner Physis zuschauen kannst – falls du nicht gerade eine superaggressive Variante auslebst. Denn MS ist niemals gleich. Jeder schwächelt auf seine Art.

Manchmal fragte ich mich, was übler ist. Zumindest phasenweise habe ich schon sehr gehadert mit der mir auferlegten Plackerei. Scheiß Krüppeldasein und so. Die Welt ist nun mal auf Menschen ohne Behinderung eingestellt und funktioniert nur mit ihnen und damit auch für sie. Für Leute im Rollstuhl ist alles zu groß, zu schnell, zu hoch. Ich bin jetzt nun mal klein, langsam, behäbig. An diese Tatsache habe ich mich gerade mal so gewöhnt. Und jetzt flog ich einer nahen Zukunft entgegen, in der ein Fremder angeblich dafür sorgen will, dass die fernere Zukunft nicht so bleiben wird. Unvermittelt bekam ich Herzrasen.

Gottlob erschien in diesem Moment eine der Stewardessen mit ihrem Servierwagen neben mir und wollte wissen, ob ich Hühnchen oder Pasta wollte. Ich lehnte dankend ab. Mit meinen halb gelähmten Händen wäre sowieso die Hälfte auf meinem T-Shirt und meiner Hose gelandet, und die Sauerei musste ich wirklich nicht haben. Ich bat sie, mir noch einen Sekt zu bringen. Ich wollte ein bisschen Alkohol, um mich zu beruhigen und den Rest des Fluges ein Nickerchen machen zu können. Wieder leerte ich das Glas auf einen Zug und schlief tatsächlich ein.

3

Ich bin eins mit allem, weil ich vertraue. Ich höre auf meine innere Stimme, die mich lenkt und mich das Richtige tun lässt.