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In seinem Buch beleuchtet der Autor mit viel Selbstironie und der dazu gehörigen Portion Humor die unterschiedlichen Wege zum Beruf des Personenschützers und die meist alltäglichen und weniger spektakulären Aufgaben und Anforderungen, die einen Personenschützer neben dem eigentlichen Auftrag in seinem Berufsleben begleiten. Wer wissenschaftlich belegte Faustformelberechnungen über optimale Abbremswege und Anhaltetechniken eines Begleitschutzfahrzeugs sucht, wird hier nicht fündig. Wer aber gerne erfahren möchte, warum Personenschützer nach ihrer Karriere die optimalen Arbeitnehmer für Freizeitparks sind, schon. Erwarten Sie also ein Buch, das mit vielen praktischen Beispielen den Mythos dieses Berufsbildes etwas entzaubert und auf humorvolle Weise den Bodenkontakt wieder herstellt. Wer das nicht möchte, sollte dieses Buch niemals lesen und auch weiterhin fest daran glauben, dass Personenschützer einzig und alleine das sind, was einem in den kurzen Augenblicken in der Öffentlichkeit oder in romantischen Spielfilmen präsentiert wird.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Impressum
Texte: © Copyright by Erwin KostnaUmschlag: © Copyright by Erwin Kostna
Lektorat BeraTina Schreibberatung
Verlag: Erwin Kostna
c/o BeraTina Schreibberatung
Martina Decker
Hauptstr. 71, 55546 Hackenheim
Druck: epubli - ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Über den Autor
Ich beschloss bereits in relativ jungen Jahren, dass es besser sei, schnell und effizient erwachsen zu werden, als sich weiterhin mit den Ungereimtheiten eines Lebens innerhalb der eigenen und recht undurchsichtigen Familie auseinanderzusetzen. Kurz: Ich zog frühzeitig von zu Hause aus und ging fortan meinen eigenen Weg!
Mit Anfang zwanzig verpflichtete ich mich dem Militär und begann von dort aus, die »Schönheiten« der weiten Welt in diversen humanitären Einsätzen zu erkunden.
Ich brachte es bis zum Offizier, war damit der Familientradition zur Genüge gefolgt und nahm nach XY Jahren meinen Abschied.
In den folgenden fünfundzwanzig Jahren widmete ich mich mit meiner ganzen Energie und Leidenschaft dem Bereich der privaten Sicherheitswirtschaft. Acht Jahre hiervon führte ich ein eigenes Sicherheitsunternehmen und spezialisierte mich in dieser Zeit auf den Bereich des nationalen Personenschutzes. Fast zwölf Jahre war ich erfolgreich in diesem Tätigkeitsfeld aktiv.
Mein Plan … damals: »Mach das, was man dir beigebracht hat; mach' es so effizient wie möglich; verdiene damit erfolgreich dein Geld, solange du es kannst.
Und setze dich möglichst früh in einem kleinen Fischerdorf in Südfrankreich zur Ruhe.«
Doch Pläne ändern sich.
Statt in Südfrankreich führe ich nun ein beschauliches Leben auf dem Land in einem kleinen Dorf irgendwo in Deutschland. Weit weg von Großstadtlärm und Smoke-Alarm; gemeinsam mit meiner Partnerin, zwei Hunden, Pferden, einer Stallkatze und einem kleinen, aber feinen Kreis von Freunden und der Familie.
Meinen Lebensunterhalt verdiene ich heute neben dem Schreiben von Lehrbüchern wie diesem als Auditor im Bereich des Qualitätsmanagements für einen international agierenden Landwirtschaftskonzern im Bereich der Agrarforschung.
Auch wenn es Sie nach dem Studium dieses Buches drängen sollte, mich, den Autor, persönlich kennenzulernen: Bitte, nehmen Sie Abstand von diesem Gedanken. Versuchen Sie nicht, meinen richtigen Namen und meinen möglichen Wohnort in Erfahrung zu bringen. Sie werden mich nicht finden. Warum? Weil ich nicht gefunden werden will! Dieses Buch entstand einzig und alleine aus dem Grund, die wunderbare Anonymität des Schreibens zu nutzen, um Sie vor den Gefahren dieses Berufsbildes zu warnen.
Warum dieses Buch?
Ich könnte jetzt sagen: Weil ich mein profundes Wissen an Sie weitergeben möchte. Auch wenn jeder neue Kollege und jede neue Kollegin ihre eigene Erfahrung machen muss und wird. Weil es aber trotzdem nichts schadet, uns alten Hasen zuzuhören. Weil ich vieles erlebt habe in den gesammelten zwölf Jahren, in denen ich den Beruf des Personenschützers ausgeübt habe.
Ebenso könnte ich sagen: Sowohl meine Psychologin als auch meine Partnerin sind beide einhellig der Meinung, dass ich so das Erlebte besser verarbeiten kann. Das wiederum wäre die Grundvoraussetzung für die nötige Distanz zu diesem Beruf, um wieder ein funktionierender Bestandteil der normalen Gesellschaft zu werden, wenn man eine solche Karriere beendet hat.
Die Erwartungen meiner Frau sind also entsprechend hoch und die meiner Therapeutin nicht viel niedriger.
Was aber dürfen Sie erwarten?
Thema dieses Buches ist und bleibt »Personenschutz«. Fakten, Eindrücke, Erlebtes. Persönlich gefärbt, authentisch, aber auf gar keinen Fall eine Lebensbeichte.
Erwarten Sie aber bitte auch nicht das klassische Fachbuch. Davon gibt es bereits eine genügende Zahl auf dem Markt. Sie wissen schon: Ich meine diese Bücher, geschrieben von Experten der inneren Sicherheit, oder solchen, die sich dazu ernannt haben.
Eben all die Bücher, die vollgepackt wurden mit wissenschaftlich belegten und quadratischen Faustformelberechnungen über Abbremswege zur optimalen und zum Schutz aller irgendwie Beteiligten ausgerichteten Anhaltetechnik eines Fahrzeugs, die es einem voll-und gut ausgebildeten Personenschützer ermöglichen, selbst einer verträumt über die Straße laufenden Milchkuhherde auszuweichen, ohne dabei auch nur den leisesten Hauch an Geschwindigkeit oder gar die Kontrolle über das Auto zu verlieren.
Und wir reden hier gewiss über Geschwindigkeiten, die sich selbstverständlich in Tempobereichen jenseits der dreihundert und fünfzig Stundenkilometer bewegen und die nötigenfalls auch auf schlecht ausgebauten Feldwegen oder in verkehrsberuhigten Zonen im Stadtkern gefahren werden müssen.
Solche Fachbücher erklären Ihnen explizit und unwiderlegbar, warum es zu dem Attentat auf John F.Kennedy an diesem damals so sonnigen Tag überhaupt kommen konnte und liefern Ihnen gleichzeitig alle Erklärungen und Begründungen in alphanumerischer Folge, weshalb ein solches Szenario heutzutage im modernen Personenschutz nicht mehr möglich und sogar völlig undenkbar wäre.
Heute fahren Schutzpersonen, besonders die des öffentlichen Lebens, so gut wie nicht mehr mit dem offenen Verdeck durch die Landschaft, um einer jubelnden und begeisterten Menge am Straßenrand zuzuwinken. Sie fahren in besonders gepanzerten und geschlossenen Limousinen, was die Möglichkeit, durch einen Heckenschützen getroffen zu werden, prozentual ungemein einschränkt.
Ist ein Dach auf dem Auto und sind die Scheiben gepanzert und die Türen zu, hat es der Heckenschütze schwer. Noch Fragen?
Ich bin nicht willens, allen auch noch so begründeten Expertenmeinungen zu folgen und diese in meinem Buch zu bekräftigen oder zu untermauern. Ich möchte mich vielmehr mit den meist unspektakulären Dingen im Leben eines Personenschützers befassen. Dinge, die ein Personenschützer in seinem Arbeitsalltag erlebt und die so oft ganz weit weg von der Darstellung sind, die der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Dinge, die von keiner Kamera eingefangen werden, aber trotzdem einen wesentlichen Bestandteil in diesem Job ausmachen.
Was nützt es mir als Personenschützer denn, wenn ich in der Theorie gelernt habe, eine Kuhherde mit höchster Geschwindigkeit zu umrunden, letztlich aber überhaupt nicht dazu komme, weil ich in meinem Begleitschutzfahrzeug wie jeden Morgen im Stau auf der A5 stehe und schon froh wäre, wenn sich die Tachonadel meines für zweihundertfünfzig Stundenkilometer ausgelegten Personenschutzwagens auch nur annähernd in den Bereich der Dreißigkilometermarke bewegen würde?
Da dreht sich doch bereits das Rad, und wenn hier irgendjemand irgendjemanden umrundet, dann wohl eher die Kühe mich als umgekehrt.
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, für all diejenigen, die sich für dieses Berufsbild begeistern, den meist doch sehr langen und steinigen Weg dorthin zu beschreiben und sie im Vorfeld darüber aufzuklären, auf was für ein Leben sie sich unter Umständen einlassen.
Wie jeder gute und höfliche Autor möchte ich allerdings, bevor wir in die ersten Erklärungshandlungen einsteigen, die Gelegenheit nutzen, um all den Menschen zu danken, die meinen beruflichen Weg und die Strapazen dorthin in all diesen Jahren klaglos begleitet haben – vollständig oder auch nur in Teilen.
Ein ganz besonderer Dank gilt hier zum einen meinem damals großen Freundeskreis, den ich bedauerlicherweise aufgrund der ständigen beruflichen Abwesenheit sträflich vernachlässigt habe, was zur Folge hatte, dass es heute eigentlich keinen Freundeskreis aus dieser Zeit mehr gibt, dem ich für die Entstehung dieses Buches danken könnte.
Weitere sehr warme und liebe Worte möchte ich an meine erste Ehefrau richten, die bereits vor vielen Jahren beschloss, mich insofern auf diesem steinigen Weg zu begleiten, dass sie die Trennung vollzog, die Scheidung einreichte und mir damit das schlechte Gewissen nahm, sie ständig auf meine Heimkehr warten lassen zu müssen.
Meiner zweiten Frau schulde ich diesen großen Dank in der gleichen, angemessenen und liebevollen Form. Auch sie gelangte aufgrund meiner dauerhaften Abwesenheit von zu Hause zu dem Schluss, dass es eigentlich völlig egal war, ob wir denn jetzt verheiratet wären oder eben nicht. Jetzt sind wir es eben nicht mehr.
Letztlich danke ich auch all denen, die ich hier nicht namentlich erwähnt habe – die, die ich einfach vergessen habe und die, die der Meinung sind, ich hätte sie bedenken sollen. Und natürlich danke ich auch all den Menschen, die mich bereits vergessen hatten und sich jetzt durch dieses Buch wieder an mich erinnert fühlen.
Sollten Sie aus meiner Dankesbekundung herausgelesen haben, dass dieser Beruf ein gewisses Risiko der Vereinsamung birgt und die Angst davor – durchaus berechtigt – in Ihnen gedeiht und Sie verunsichert, dann sollten Sie das Beste daraus machen, solange Sie noch die Zeit dafür haben: Werfen Sie dieses Buch ganz schnell und weit von sich weg. Oder verschenken Sie es ersatzweise an jemanden weiter, der Ihnen nicht so ganz besonders am Herzen liegt, um ihn auf diese Art für eine Weile aus ihrem Leben zu verbannen.
Wenn es Sie aber tatsächlich interessiert, wie weit Sie im Beruf des Personenschützers kommen können und welche Abenteuer Sie abseits der Öffentlichkeit erwarten, dann bleiben Sie als Leser bei mir und folgen meinen Ausführungen – so schonungslos sie sich auch teilweise lesen lassen.
Sie werden staunen, was ein Personenschützer im Alltag so alles erleben darf, wenn er am Ende die harte Schule bis zu seinem Traumberuf durchgestanden hat.
Bevor wir uns denn jetzt gemeinsam den einzelnen Themen-und Aufgabenbereichen des Personenschutzes näher widmen, weise ich pflichtgemäß darauf hin, dass natürlich alle Handlungen in diesem Buch, Orte und Personen und Namen von Personen aus datenschutzrechtlichen Gründen von mir bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen, auf die eine oder mehrere Beschreibungen in diesem Buch passen und oder hinweisen könnten, sind daher rein
zufällig, nicht gewollt und unter keinen Umständen bewusst herbeigeführt.
Trotzdem beruhen natürlich alle, oder sagen wir mal, fast alle Kapitel und behandelten Themen auf wahren Begebenheiten, die ich persönlich in etwa in der geschilderten Form erlebt habe.
Es sind diese Dinge, die Sie an dem wie bereits erwähnt von meist jungen Frauen bewunderten Berufsbild zweifeln lassen könnten. Natürlich auch an der Weit-oder Einsicht dieser Frauen, aber das soll ja nicht das Thema meiner pseudowissenschaftlichen Abhandlung sein.
Es sind solche Dinge, die Sie niemals im Leben mit der Tätigkeit eines Personenschützers in Verbindung bringen würden, weil auch Sie durch ein völlig falsches Bild in Ihrer Meinung geprägt wurden.
Und letztlich sind es die Dinge, über die man nicht spricht oder nicht sprechen darf als Personenschützer. Manchmal aus vertraglichen Gründen, aber eben sehr oft einfach, weil man sein eigenes Berufsbild schützen möchte.
Dennoch werden Sie diese Erfahrungen lebenslang begleiten. Selbst dann noch, wenn Sie diesen Beruf schon längst nicht mehr ausüben und sich jeden Tag auf das Neue im Vergessen üben.
Ganz zu Anfang dieser meiner Aufklärungskampagne stellt sich daher die durchaus berechtigten Fragen, was denn eigentlich ein Personenschützer ist, und was er denn wohl so alles in seinem Berufsalltag tut.
Diese Fragen sind natürlich mehr als berechtigt, denn will man über das Thema Personenschutz ausführlicher und qualitätsorientiert sprechen, dann sollte »Personenschutz«
ein allen bekannter Begriff, verbunden mit zumindest ein wenig Hintergrund-und Fachwissen, sein.
Widmen wir uns also zunächst der Bedeutung dieser Berufsgilde mit all den dazugehörenden Meinungen und verbundenen Klischees der außenstehenden Menschen ohne Einblick, die ich in meinen Berufsjahren zu hören bekommen habe.
Meinungen und Klischees
In all meinen Jahren, in denen ich meiner Berufstätigkeit als Personenschützer nachgegangen bin, wurde ich immer wieder auf den eigentlichen Aufgabenbereich dieser Tätigkeit von den unterschiedlichsten Menschen angesprochen und musste feststellen, dass die Meinungen der Leute hier weit auseinandergehend geprägt sind und in den meisten Fällen nicht annähernd der Realität entsprechen, mit der wir es als Personenschützer täglich zu tun haben.
Im Kontext ergeben sich hieraus drei erwähnenswerte Gruppen mit jeweils übereinstimmender Meinung ihrer Mitglieder. Diese Gruppen lassen sich wiederum in mehrere Untergruppen skalieren, bevor man diese nochmals in weitere, kleinere Untergruppen zerlegen könnte.
Eine nicht ganz unkomplizierte Angelegenheit, die ich für Sie lösen möchte, indem ich mich bei den nachfolgenden Erklärungsansätzen nur auf die ersten drei Hauptgruppen fokussiere.
Gruppe 1:
Die Gruppe derer, die zu glauben wissen, dass ein Personenschützer meist ein sehr großer, etwa Zweimeter und achtzehn langer Kerl ist, der bereits von Kindesbeinen an mit Anabolika, Eiweißpräparaten und Vitaminpillen zwangsernährt wurde, weil seine Eltern kurz nach der Geburt und noch auf der Frühchen Station im Klinikum an der Alster oder so beschlossen hatten, dass ihr Kind einmal ein Personenschützer werden soll, weil ja ein ganz normales betriebswirtschaftliches Studium in der heutigen Zeit nicht mehr den Ansprüchen genügt, um sein Leben gewinnbringend und zukunftsorientiert zu gestalten.
Wie liebevolle Eltern nun einmal sind, wird folglich die Ernährung des Säuglings exakt ausgearbeitet und vom ersten Lebensmonat bis zum zwanzigsten Lebensjahr konsequent dem Körper des heranwachsenden Adonis zugeführt. So gedacht ist es für das stolze Elternpaar natürlich das Normalste der Welt, dem Junior bereits zum zweiten Geburtstag eine Dauerkarte für das benachbarte Fitnesscenter zu schenken, in dem er fortan seine gesamte Kindheit und Jugend verlebt, um täglich zehn Stunden lang zentnerschwere Gewichte durch die Decke zu stemmen, nur um ihn so auf seine spätere Aufgabe als Personenschützer gut vorzubereiten. Muskelbepackt und möglichst furchtlos wird der Spross dann an seinem achtzehnten Geburtstag aus der elterlichen Obhut entlassen, um nun irgendeine schutzbedürftige Person an irgendeinem Ort der Welt am Leben zu erhalten und jeden Menschen, der es auch nur wagt, sich in den Schattenkreis seiner Schutzperson zu begeben, weich wie Pudding zu klopfen.
Vorschriften und Gesetze lassen wir mal außen vor.
Gruppe 2:
Ihre Mitglieder glauben zu wissen, dass ich und alle meine Berufskollegen zu der Sorte Mensch gehören, die den Beruf eines Personenschützers nur deshalb ergriffen haben, weil man so absolut legal und im krassen Gegensatz zu jedem Türsteher im Rotlichtmilieu, beruflich legitimiert auf völlig fremde Menschen einprügeln darf. Auch nur, weil einem das Gesicht nicht gefällt und man ja schließlich immer behaupten kann, dass dieser Mensch versucht hätte, die Schutzperson anzugreifen. Zudem ist es einem Personenschützer ja auch durch den Berufsstatus erlaubt und natürlich auch zwingend notwendig, mit behördlicher Genehmigung eine Schusswaffe zu führen, um das Leben der Schutzperson im Ernstfall zu verteidigen.
Gruppe 3:
Das ist die Gruppe, die mir persönlich am besten gefällt. Sie hält uns für wahre Helden und sieht das Musketier in jedem von uns. Den Superhelden, der die ganze Welt von allem Bösen befreit und dabei weder seine Gesundheit noch sein Leben schont.
Prozentual gesehen besteht diese Gruppe der Bewunderer allerdings zu 99% aus Frauen im Alter zwischen siebzehneinhalb und zweiundzwanzig Jahren. Sie besuchen die Berufsschulen, in deren Nähe wir parken müssen, sind Auszubildende zur Konditoreifachverkäuferin oder Hotelfachangestellte am Empfang des Excelsior. Nicht zu vergessen die Veranstaltungshostessen auf Messen und Fachtagungen. Es sind diese heißhungrigen, blutjungen Dinger, die wirklich alles dafür geben würden, einen solchen Mann wie uns für eine Nacht oder auch länger ihr Eigen zu nennen.
Ich bitte um Beachtung: Nicht deswegen, sondern ausschließlich wegen der vorgenannten Alternativen ist mir diese Gruppe wahrhaft die Liebste.
Und nun vergessen Sie diesen ganzen Quatsch bitte ganz schnell wieder!
Den Quatsch vom Anabolika-Kind und den von den blutjungen, immer willigen Mädchen auch. Und den Kram mit der Schusswaffe ebenso. So leid es mir tut, die Menschen enttäuschen zu müssen: Niemand führt legal und völlig straffrei alle zwei Stunden einen begründeten oder auch unbegründeten Schusswechsel. Und die eine oder andere körperliche Auseinandersetzung je nach Wetterlage ist da auch nicht drin. Aber:
Wer uns so sehen möchte, den werden wir nicht vom Gegenteil überzeugen können und es letztlich auch nicht wollen.
Legen Sie also ruhig noch einen drauf! Behaupten einfach mal, dass es Ihnen so ganz nebenbei auch sehr viel Spaß bereitet, nach den täglichen Prügeleien und Schießereien mit zweihundertzwanzig Sachen im Auto durch die geschlossene Ortschaft zu brummen und dabei alte Omas vom Zebrastreifen zu schubsen.
Erwähnen Sie die königliche Entlohnung für diese alltäglichen Schweinereien. Wir Personenschützer können in die besten Hotels der Stadt einfallen und jederzeit unter dem Deckmantel der Legalität ganze Personalstrukturen im Hotel Maritim in unsere Gewalt bringen – wenn wir da Lust draufhaben.
Ich hoffe, ich habe in meiner Schilderung keine wichtigen Details oder Querverweise ausgelassen, die eventuell untermauern könnten, wie positioniert ich den unvoreingenommenen Meinungsbildungen solcher Menschen gegenüberstehe, die uns für die legalisierte Form der Mafia halten und die denken, dass wir nur deshalb agieren können, weil Behördenmitarbeiter unsere Machenschaften unterstützen und decken, um ihre Familien zu schützen, die wir sonst mit dem Tode bedrohen könnten.
Wo verdammt bleibt denn hier nur die blinde Justitia?
Werfen Sie auch diese Ansicht der unwissenden, aber nach Aufmerksamkeit rufenden Menschen besser direkt über Bord. Erstens prügeln wir keine fremden Menschen nur, weil es uns Spaß macht, sondern wirklich nur dann, wenn es im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Regeln des unmittelbaren Zwangs unausweichlich ist, und zweitens handelt es sich bei solchen Aktionen immer um das letzte Mittel der Gewalt zum Zwecke der Vermeidung größerer Eskalationen und Gefährdungen.
Wer sich als Personenschützer mehr Freiheit in dieser Hinsicht wünscht, sollte darüber nachdenken, seine beruflichen Aktivitäten in die Dienste einer in dieser Hinsicht „toleranteren“ Gesellschaft außerhalb bundesdeutscher Grenzen zu stellen.
Schießereien sind übrigens nicht an der Tagesordnung, können je nach Einsatz oder Einsatzland aber zugegebenermaßen durchaus schon mal vorkommen.
Was die Theorie der Zebrastreifen überquerenden Oma betrifft, halte ich persönlich mit meiner Meinung zurück. Ich möchte nicht Gefahr laufen, mich auf eine einzelne Altersgruppe zu fokussieren. Ich denke aber, dass es sich hierbei ähnlich verhalten wird wie bei einem Wildwechsel in der Abenddämmerung. Auch wenn dieser in geschlossenen Ortschaften eher selten vorkommt und Mutterkühe nicht immer gleich mit dem erhobenen Gehstock drohen.
Dass wir entsprechend unserer Leistung im Beruf, die wir zu erbringen haben, entlohnt werden, sehe ich nicht als verwerflich oder gar korrupt an. Wir tragen ja schließlich auch ein gewisses Berufsrisiko, wenn ich Sie nur noch einmal kurz an die eben erwähnte Oma erinnern darf.
Im Übrigen verhält es sich meist so, dass wir auf Veranstaltungen, Geschäftsterminen oder Auslandsaufenthalten dafür bezahlt werden, unsere Schutzperson am Leben zu erhalten und nicht dafür, alle zehn Minuten mit einer uns anhimmelnden jungen, knackigen, erotischen, verführerischen, wilden Schönen … Entschuldigung, ich bin gedanklich kurz auf geistigen Abwegen gewesen.
Was ich Ihnen eigentlich damit sagen wollte, ist, dass wir auch bei diesen Gelegenheiten arbeiten und nicht ... na, Sie wissen schon. Ist die Veranstaltung oder das Meeting vorbei, und ist die Schutzperson sicher auf ihrem Hotelzimmer angekommen, dann beginnen für uns die weiteren Sicherungsmaßnahmen, um Zugriffe auf unsere Schutzperson in der Nacht zu verhindern. Mit anderen Worten: Der Feierabend muss auch dann, zu mindestens für einige von uns, noch warten!
Hätten wir im Anschluss daran vielleicht wirklich etwas private Zeit übrig, dann wären entweder keine Hostessen mehr greifbar oder falls doch, wäre jeder körperliche Versuch der Hingabe völlig zwecklos, weil man viel zu müde ist, um noch irgendetwas in Richtung Erotik anzustellen. Auch Personenschützer benötigen ein gewisses Maß an Schlaf!
Mal ganz abgesehen davon: Ich war zu dieser Zeit meiner Tätigkeit verheiratet und meine damalige Frau war durchaus in der Lage, mir zwar schonend, aber doch recht glaubhaft beizubringen, dass eine zweiundzwanzigjährige, hormongeladene junge Dame in Verbindung mit der berufsbedingten, körperlichen Belastung meinen verfrühten und sicheren Herztod bedeuten könnte.
Bereits jetzt sollten Sie gut nachvollziehen können, warum es mir so wichtig ist, Ihnen das Berufsbild des Personenschützers nach und nach an Ihr sprichwörtliches Herz zu legen. Ich möchte einfach sicherstellen können, dass Sie sich am Ende dieses Buches ein vollkommenes und absolut klares Bild darüber verschafft haben, was wir wirklich sind und tun, und was Sie vielleicht gerne einmal sein möchten. Sie sollen verstehen und begreifen, wer und was sich hinter der Berufsbezeichnung des Personenschützers noch so alles verbirgt und auf welchen Wegen es möglich ist, Wesen wie mich und meine Kollegen und Kolleginnen zu erschaffen.
Für alle diejenigen, die ihre Spannung bereits schon jetzt nicht mehr im Griff haben und das Geheimnis, das diesen Berufsstand umgibt, sofort gelöst wissen möchten, werde ich hier und jetzt den Nebel schon ein wenig lichten und eine kurze und prägnante Aussage treffen, die es Ihnen ermöglicht, den weiteren Absätzen des Buches mit gelöster Anspannung zu folgen.
Hier also eine erste Definition:
Personenschützer sind – meist – männliche Wesen, die alleine oder in kleinen Rudeln auftreten und sich derart unauffällig bewegen, dass man meinen könnte, sie würden überhaupt nicht existieren. Sie sind reale, menschliche Objekte, die eine jahrelange, spezielle und überaus harte Schule durchlaufen haben, in der nur die Besten der Besten, die Elite der Elite überleben kann und wird. Sie sind jederzeit bereit, ihr eigenes Leben für das der Schutzperson zu opfern und für diese zu sterben, und sie kennen in der Schlacht nur einen Ruf: Den nach Sieg für die Gerechtigkeit und gegen alles Böse, das sich ihnen in den Weg stellt.
Ok, vielleicht habe ich jetzt ein wenig übertrieben, aber Sie wollen doch auch ein bisschen Spannung für Ihr Geld, oder?
Drei denkbare Wege
Ich glaube, die meisten von Ihnen haben irgendwann einmal einen Film im Fernsehen oder auch im Kino gesehen, der von einem Personenschützer handelt oder in dessen Handlung ein Personenschützer samt schutzwürdiger Person involviert sind.
Meist lautet die Bezeichnung in einem solchen Streifen amerikanischer Herkunft »Bodyguard« und wird Ihnen vermutlich mehr sagen als die eigentliche deutsche Benennung. Vielleicht sehr zu Ihrem Bedauern muss ich Ihnen sagen, dass zwischen diesen beiden Nennungen himmelweite Unterschiede im eigentlichen Berufsbild bestehen.
Kevin Costner zum Beispiel spielte einen Bodyguard in dem gleichnamigen Film. Übrigens nicht einmal schlecht, wenn ich mir hier diese Bemerkung quasi als Profi und Berufskollege erlauben darf.
Es war ja schon faszinierend, wie er sich neunzig Minuten lang von einer gefährlichen Situation in die andere brachte oder gebracht wurde. Lediglich kurzzeitig unterbrochen von ein, zwei lauschigen Nächten der trauten Zweisamkeit mit seiner eigentlichen Schutzperson. Wobei angenommen werden darf, dass in deren kuscheligen Verlauf bestimmt keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen in Bezug auf weitere mögliche Attentate zwischen den beiden besprochen wurden.
Letztlich endeten diese Nächte bekanntermaßen aber immer im Streit zwischen ihm und ihr. Weil ihn das schlechte Gewissen packte, dass er durch diese zeitlichen Anflüge verliebter Gefühlswallungen den eigentlichen Schutz von ihr sträflich vernachlässigen könnte und außerdem natürlich auch nicht dafür engagiert worden war. Seine Schutzperson brachte dafür aber meist überhaupt kein Verständnis auf und so litt über die gesamte Filmlänge das berufliche, mit den privaten Gefühlen gemischte Vertragsverhältnis der beiden unübersehbar und spürbar für den aufmerksamen Zuschauer.
Na ja, auf jeden Fall hat er irgendwie trotzdem super gut und professionell auf sie aufgepasst und sie beschützt, wo immer es auch nur ging, während rundherum, quasi im Minutentakt, lauter liebe Menschen sterben mussten, verletzt werden sollten oder sich gedemütigt fühlten.
Keine Hauptrolle, aber trotzdem sterben. So ist das eben, wenn man nur die Schwester ist.
Ganz besonders klasse aber fand ich die Szene fast zum Ende des Films, als der böse, böse Killer, der ja bereits fälschlicherweise besagte Schwester auf dem Gewissen hatte, auch noch die Frechheit besaß, die Schutzperson in die ewigen Jagdgründe befördern zu wollen, um seinen Fehler wieder gut zu machen.
Hammer korrekt, dieser Typ! Gut, das war von Anfang an sein eigentlicher Auftrag, aber schließlich kann man es mit der Gründlichkeit ja auch in diesem Gewerbe übertreiben. Geld hin oder her.
Wie dem auch sei, der Kevin, also der Costner, alias Frank Farmer, hat dann gerade noch rechtzeitig gemerkt, was sich da in den nächsten Sekunden hinter den Kulissen abspielen würde. Ist mit einem dreifachen Flickflack rückwärts gedreht und mit halber Schraube auf die Bühne geflogen und hat sich vor seine Schutzperson geworfen und ihr damit als lebender Kugelfang das Leben gerettet. Dabei wurde er selbst schwer an der Schulter verletzt und stürzte, von Kugeln durchsiebt, zum Boden der Bühne, um kurz darauf das Bewusstsein zu verlieren.
War auch nicht das Schlechteste, was ihm in diesem Moment passieren konnte, denn dadurch bekam er nicht mehr mit, dass seine Schutzperson ihm ständig ins Ohr brüllte, er sei doch ihr
Bodyguard und dürfe noch nicht sterben. Weil doch jetzt alles wieder gut wäre, vergessen und vorbei und so weiter - bla bla bla. Frauen eben.
Ebenfalls dank seiner Ohnmacht bemerkte er dann auch nicht mehr, dass die aufgebrachte Menge der Zuschauer dieser Veranstaltung, die ja nicht ahnen konnte, wer er denn nun wirklich war, ihn so ganz nebenbei am nächsten Baum aufhängen oder auf dem Scheiterhaufen verbrennen wollte.
Ein echt dramatischer Filmmoment, bei dem ich mir fest geschworen hatte, in einer vergleichbaren Situation auf jeden Fall alles ganz anders zu machen.
Wir alle wissen: Costner ist nicht gestorben, hat aber die Konsequenzen aus diesem ganzen Dilemma gezogen und seiner Schutzperson einen anderen Kollegen im gesetzten Alter und mit weißem Haar besorgt, bei dem er sich wohl sicher sein konnte, dass der sich nicht so schnell durch das Hüftgewackel der Dame vom eigentlichen Job ablenken lassen würde. Die Schutzperson selbst war darüber weniger begeistert. Sie hätte ihn doch lieber an ihrer Seite behalten. Schließlich dann, nachdem sie noch zweimal ins Flugzeug rein und wieder raus gestürzt war, fand sie sich mit dieser Tatsache ab und verzieh ihm alles. Wieder rein in den Flieger mit ihr, einmal noch durchs Fenster gewunken und zwei Tränen abgedrückt; abgehoben und weg war sie. Zurück auf dem Rollfeld blieb der verlorene und einsame Bodyguard mit einem, wie ich meine, durchaus erleichterten Lächeln auf den Lippen.
Das Schlussbild des Filmes war dann für mich ganz großes Kino. Ich werde es niemals vergessen. Zoom auf den Bodyguard, wie er da in einer Ecke steht und gedankenversunken auf diesen einen Priester aufpasst, der wohl auch Angst vor irgendjemanden haben muss. Ob dieser Gottesmann jetzt katholisch oder evangelisch war, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Eine eventuell zutreffende oder fachliche Meinung für die Notwendigkeit eines Schutzbedürfnisses kann ich daher weder wiedergeben noch zweifelsfrei erkennen. Ist ja auch so eine Sache mit der Kirche und den Priestern. Man hört und liest ja vieles.
Ein offenes Ende also, bei dem kein Mensch so richtig weiß, was denn nun ist oder was wird. Ein sehr, sehr trauriges Ende außerdem. Hoffen wir alle also, dass das Flugzeug mit ihr an Bord irgendwo gut gelandet ist, alle wohlauf waren und der Frank Farmer sich an die Gepflogenheiten innerhalb der Kirchenmauern schnell gewöhnen konnte. Wie man sich möglichen ungewollten Annäherungen erwehrt, sollte er als Bodyguard schließlich wissen.
Aber um nochmals auf diesen Bodyguard selbst zurückzukommen:
Der Costner, alias Frank Farmer, war augenscheinlich zuvor als Personenschützer beim CIA oder dem FBI tätig. Hatte da eine Weile auf Ronald Reagan aufgepasst, was wohl mal so richtig in die Hose gegangen war. Als Reagan seinerzeit von einem Attentäter angeschossen wurde, war sein Bodyguard nämlich im Urlaub.
Wo er genau im Urlaub war, erfährt der geneigte Fernsehzuschauer in diesem Fall jedoch nicht. Wahrscheinlich war das aber auch nicht so wichtig, oder Produzent und Drehbuchschreiber hatten einfach nicht bedacht, dass es irgendjemanden auf dieser Welt interessieren könnte.
Und natürlich möchte man auch nicht jede Begebenheit in Verbindung mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten als Schlagzeile in der Zeitung lesen:
»Attentat auf den Präsidenten. Bodyguard feiert im Bierzelt! Der Präsident der vereinigten Staaten von Amerika wurde heute in New York angeschossen, während sein Bodyguard den Urlaub in Bad Salzschliff verbrachte. Sepp Anton Ramsauer, der Wirt vom goldenen Rehkalb, berichtet exklusiv in BLAM, wie der Leibwächter bei einer Haxe und einem Maß Bier im Oktoberfestzelt vom Anschlag auf den Präsidenten erfuhr.«
Nicht auszudenken, oder?
Also, ich kann schon sehr gut nachvollziehen, dass einen das als Personenschützer irgendwie belasten und eine ganze Weile emotional verfolgen wird. Da bereitet man sich über Jahre auf solche Situationen vor, zählt zur Elite des Personenschutzes und dann haut es deinen Schutzbefohlenen ausgerechnet dann um, wenn du dir eine Auszeit in den Bergen gönnst und Weißwurst mit Brezel knabberst, während die Blaskapelle im Festzelt »So ein Tag, so schön wie heute« spielt. Da will doch wirklich keiner mit dir tauschen.
Was ich aber eigentlich damit zum Ausdruck bringen will, ist die Tatsache, dass jeder Personenschützer oder auch jeder Bodyguard einen bestimmten beruflichen Hintergrund besitzt, den er sich irgendwann einmal vor seinem jetzigen Job erworben hat, und der ihn dazu befähigt, diesen Beruf zu tun.
Sie erinnern sich: Wir hatten bereits zu Anfang klargestellt, dass man nicht einfach auf die Welt kommt und all diese Fähigkeiten völlig selbstständig und ohne jedes Zutun entwickelt. Und ein entsprechendes Gen gibt es dafür meines Wissens nach auch nicht.
Nachfolgend möchte ich Ihnen daher gerne meinen eigenen, persönlichen Weg vorstellen und im Anschluss noch ein oder zwei Alternativen, die Sie zum Beruf des Personenschützers führen könnten.
Einige meiner Berufskollegen aus alten Tagen, so sie denn dieses Buch lesen werden, könnten ihren Weg in dieser Beschreibung vielleicht wiedererkennen oder werden zumindest gewisse Ähnlichkeiten feststellen.
All diejenigen unter Ihnen, die es erst noch vorhaben, ein guter Personenschützer zu werden, sollten sich den folgenden Lehrstoff sehr gut und fest einprägen und ihn beständig wiederholen. Es ist durchaus möglich, dass dies einer der Wege sein wird, der Ihnen vorbestimmt ist, um dahin zu kommen, wo ich und meine Kollegen bereits sind oder einmal für lange Jahre waren.
Mein langer und persönlicher Weg
Ich durfte eine, sagen wir einmal durchschnittliche Kindheit und Jugend erleben, aus der nahtlos und aus der Notwendigkeit geboren der Übergang in das Erwachsenenalter folgte. Das blieb auch den Einzugsbehörden des Militärs nicht lange verborgen.
Gestern noch unbeschwert tanzend in der Dorfdisko, folgte ich bereits am nächsten Morgen dieser durchaus freundlichen Einladung des Wehrbereichskommandos vier, Bezirk Süd, um meine damals echt coolen Klamotten gegen eine noch viel coolere Uniform einzutauschen. Als Spross einer alten Offiziersfamilie habe ich sie auch in den folgenden Jahren selten abgelegt. Ich zog von meiner kleinen Wohnung in die mir vorbestimmte Kaserne und tat fortan Dienst an der Waffe für Ehre und Vaterland.
Wenig behutsam wurde ich ab dem ersten Tag meiner Grundausbildung mit den mir neuen Umgangsformen innerhalb der Kasernengemeinschaft vertraut gemacht. Man brüllte mich an mit und ohne Grund, aber meistens ohne, während ich überhaupt nicht verstand, was das alles mit mir zu tun haben sollte und warum immer ich die Kohlen für andere aus dem Feuer holen musste. Erst nach und nach begann ich zu verstehen und wusste schließlich zu deuten, was sich hinter der Begeisterung und dem Lächeln meines Wehrbeauftragten verborgen hatte, als er mich im Beratungsgespräch davon überzeugen konnte, mich für einen längeren Einsatz in einer Kampfkompanie zu entscheiden. Nachdem das Schreien auch nach einigen Tagen noch immer nicht besser geworden war, führte man mich mehrmals und egal bei welchem Wetter in ein nahes Waldstück, setzte mich in ein bereits ausgehobenes Erdloch und ließ mich in der Ungewissheit zurück, ob mich denn je wieder einer abholen kommen würde. Nach einer gefühlten halben Ewigkeit unterhalb der Grasnarbe wurde ich von einem mir völlig unbekannten Menschen in Uniform besucht, der wohl noch nicht mitbekommen hatte, dass das mit dem Brüllen so gar nicht zielführend war. Ich musste ihm erzählen, nein, entschuldigen Sie, ich musste melden, was ich die letzten 24 Stunden Tolles aus dem Loch heraus gesehen hatte. Danach durfte ich in die Kaserne zurück, um mir ein paar trockene Sachen anzuziehen. Ging aber alles recht fix, denn an diesem Regentag war echt nichts los gewesen im Wald.
Etwa drei Monate ging dieses Spiel so weiter, wobei es nicht alleine bei meinen Aufenthalten im Wald blieb.
In dieser Zeit brachte man mir neben vielen anderen lebenswert-vollen Dingen auch bei, mein Gewehr als meine Braut zu betrachten, was faktisch nichts anderes für mich bedeutete, als dass ich meine damalige Frau auf obersten Befehl des Militärs mit einem Stück Stahl hintergehen musste, wofür ich mich schon ein wenig schäme und auch bei ihr entschuldigen möchte. Aber es geschah ja schließlich auf Befehl und zum Wohle meines Vaterlandes.
Wie und wo man richtig zu essen hat, wurde uns Rekruten natürlich auch eingehend gezeigt. Insbesondere der Weg zur Mannschaftskantine, den keiner von uns Neuen wohl ohne die Hilfe unserer Ausbilder alleine gefunden hätte, wurde trainiert. Dazu muss man sagen: Die Kantine lag direkt gegenüber. Aber wenn du Rekrut bist, darfst du das natürlich nicht so einfach feststellen und damit deine Ausbilder in Verlegenheit bringen.
Das steht einem erst nach der ersten Beförderung zu. Auf dieses kleine Detail wurde in der Ausbildung immer besonders viel Wert gelegt, und ich kann mich tatsächlich an keinen Tag meiner Grundausbildung erinnern, an dem ich diesen Weg hätte mal alleine laufen dürfen, obwohl ich ihn echt schon nach drei Tagen so einigermaßen kannte.
Es wurden mir und meinen Kameraden noch viele nützliche Dinge beigebracht, von denen wir alle bis dahin geglaubt hatten, sie schon längst zu wissen, und als die drei Monate vorbei waren, glaubten das unsere Ausbilder endlich auch. Um aber ganz sicher zu gehen, dass wir auch wirklich alles richtig verstanden hatten, wurden wir Teilnehmer einer Generalprobe, während der man uns noch einmal ausgiebig über alle Themen der letzten drei Monate befragte und unserer Antworten entsprechend bewertete. Wer fast alles wusste, bekam ein Abschlusszeugnis und wurde aus der Ausbildungseinheit entlassen, um zukünftig Dienst in einer ihm zugeteilten Einheit irgendwo in Deutschland zu tun.
Ich wusste fast alles. Und so machte auch ich mich als »erfolgreich geprüfter und bestandener Soldat« auf den Weg in meine neue Einheit, die mir für die nächsten Jahre Geborgenheit, Nähe und Wärme schenken sollte. Ja, ich freute mich tatsächlich auf die »Mutter der Kompanie«, von der ich bereits so viel gehört hatte und war gespannt, ob sie mich mit offenen Armen und einem warmen Lächeln als neues Mitglied der Familie empfangen würde.
