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Karin Bieseke-Hartmann dokumentiert hier - in allen Facetten – jeden einzelnen Tag ihrer Chemotherapie nach der niederschmetternden Diagnose "Brustkrebs". Während dieser Therapie-Strecke war durchaus nicht sicher, ob und wie sie diese Krankheit überstehen würde. Sie hat aber von Anfang an die Herausforderung mit einer entschlossen positiven Einstellung angenommen, ist mit festem Willen, durchzuhalten, an die Aufgabe herangegangen und hatte stets die große und ehrliche Hoffnung, nach überstandener Kampf-Zeit, diese schöne Welt wieder in vollen Zügen miterleben und genießen zu dürfen. Das Tagebuch ist in jeder Hinsicht sehr offen und nach den jeweilig wechselnden Gemütslagen geschrieben worden.
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Karin Bieseke-Hartmann
Und nun auch ich: Brustkrebs!
TAGEBUCH meiner Chemotherapie
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort/ Diagnose
Chemotherapie
Bestrahlung
Impressum neobooks
Personen und Tiere, die mich durch die Zeit begleiten:
Mein Mann Volker, im Mai 2001 verstorben Alida und Detlef, meine Eltern (geschieden) Mein Sohn Jasch mit Marcella und den Kindern Valentina und Vincent - ab Februar 2007 dazu Julian Schwester Jutta mit Schwager Erich Waltraud, gute Freundin der ganzen Familie in Berlin Maggie mit Spitz Inki, Freundin – wohnt um die Ecke Marietta, Ärztin, Freundin Prof. Dr. H. (Chris), bester Freund seit meiner Teenagerzeit Dr. Klaus U. mit Uta, Freunde Marion, Mitarbeiterin und befreundet Christiane, reitet meine Stute Winyah Inge und Heiner K., Stallbesitzer Elert und Eliana, junges befreundetes Ehepaar aus Albanien Ariane, Freundin, vier Kinder, sechs Pferde Don, vor 25 Jahren „verbotene Liebe“ (verheiratet) - seit 2002 Fortsetzung der „Sünde“ Doreen und Winyah – meine beiden Hannoveraner Stuten „Großmutter“ (Verdauung)
Wieder ein Buch über dieses Thema?! Es reicht an Informationen, - wird der Leser sagen. Stimmt. Bei Johannes B. Kerner berichtete Bärbel Schäfer über ihr Buch „Zurück in mein Leben“, das sie demnächst auf einer Lesereise vorstellen will. Ich habe keines der Bücher über Brustkrebs gelesen. Stattdessen nehme ich alle Kraft und allen Mut zusammen und stürze mich in diesen Kampf mit ungewissem Ausgang, nach dem Motto „Augen zu und durch“. Aber meine Augen sind von Anfang an weit offen – und öffnen sich immer weiter im Laufe der langen Krankheits-Monate. Ich habe jeden einzelnen Tag dokumentiert – mit allen Facetten. Für mich, um irgendwann nachlesen zu können, wie es genau war, wie ich es überstanden habe … wenn es überstanden sein sollte. Dieses ist keine Zusammenfassung, sondern ein simples Tagebuch.
Ich habe lange überlegt, ob ich jetzt, sieben Jahre später, dieses Tagebuch veröffentlichen soll – und mich schließlich dazu entschlossen.
25. Juni 2006 - SonntagBeim Duschen und der anschließenden Körperpflege ertaste ich eine große Verdickung in der linken Brust. Groß, richtig groß, fast wie ein Ei. Immer wieder geht meine Hand darüber. Wahrscheinlich gestoßen, vielleicht im Stall oder sonst wo. Manchmal merkt man das erst später, wenn plötzlich ein blauer Fleck oder ein Hämatom da ist. Auf Druck schmerzt die Stelle auch ein bisschen. Habe bis heute überhaupt nichts von dem „Ding“ wahrgenommen, obwohl ich eigentlich immer darauf achte und wachsam bin, was meinen Körper betrifft. Kann ja wohl nichts Schlimmes sein. Mal beobachten. Gebe der Sache eine Woche, - mal sehen, ob‘s wieder verschwindet. Wenn ja, war‘s ein Bluterguss. Wenn nicht ...?Es verschwindet nicht!
02. Juli - SonntagRufe Waltraud in Berlin an. Sie war OP-Schwester und führte zusammen mit ihrem Mann, der vor zehn Jahren – viel zu früh - verstarb, jahrzehntelang eine große Arztpraxis in Berlin. Sie kennt sich aus in medizinischen Belangen, auch wenn sich inzwischen vieles im therapeutischen Bereich verändert hat. „Wenn es schmerzhaft ist, kann es eigentlich kaum etwas Ernstes sein. Krebs z.B. merkt man leider nicht im Entstehen oder durch entsprechende Schmerzen. Aber geh‘ auf jeden Fall zum Arzt und kläre das ab.“ Ich verspreche es und vereinbare gleich einen Termin bei meiner Gynäkologin für den 09. Juli, weil ich vorher noch zum Geburtstag von Jutta in die Pfalz fahren will.
10. Juli - MontagEnde März, also vor gut drei Monaten, war ich zur routinemäßigen Vorsorge bei ihr gewesen. Auf Ultraschallaufnahmen von der Brust hatte sie verzichtet, weil im Juli des Vorjahres eine Mammographie gemacht worden war, die ohne Befund war. Und beim Abtasten hatten sich im März keinerlei Auffälligkeiten ergeben. Heute geht es sofort ans Ultraschallgerät: Und da haben wir die Bescherung! Oh, oh, - groß und dunkel zeigt sich ein Gebilde auf dem Bildschirm, wie eine Blase. Frau S. kann es nicht fassen und macht sich Vorwürfe, dass sie im März auf die Aufnahme verzichtet hatte. „Was kann das sein?“, frage ich. Sie tippt auf ein Fibrom, eine gutartige, aber offensichtlich schnell wachsende Geschwulst. „Heraus muss das in jedem Fall.“ „Operation?“, frage ich. „Ja, das ist nicht zu vermeiden – ganz unabhängig vom histologischen Befund.“ Oh je. Ich will fest an das „gutartige Fibrom“ glauben. Trotzdem bin ich ziemlich nervös. Soll ich eine zweite Meinung einholen? Kann nicht verkehrt sein. Lasse also heute erneut eine Mammographie machen, will ganz sicher gehen. Und hier sieht man es wieder ganz genau. Ein großer heller Fleck auf der Röntgenaufnahme – und auf der Vergrößerung sind sogar kleine Kanäle zu erkennen, die sich wie gierige Rüssel ins Gewebe graben. Eindeutige Diagnose: Verdacht auf Brustkrebs. Bums!!! Werde in ein Kölner Brustzentrum zur Hochgeschwindigkeitsstanze (Biopsie) geschickt. Es ist keine Zeit zu verlieren.
13. Juli - DonnerstagDie Prozedur der Stanze ist eine Kleinigkeit bezüglich des Schmerzes. Einmal kurz „zack“ – das war‘s. Umso mehr tut die eindeutige Vermutung des Oberarztes weh, die er zwar nicht genau definiert, die sich aber unschwer erraten lässt. „In 48 Stunden haben wir den histologischen Befund. Rufen Sie mich übermorgen gegen 13 Uhr an. Dann sehen wir weiter.“ Zwei schlimme Tage, in denen ich kaum schlafe, mir immer wieder einrede, dass die sich irren müssen, dass es nicht sein kann. Keiner in meiner Familie hat je so etwas gehabt.
15. Juli - Samstag„Sie sind spät dran“, meint Dr. P., als ich anrufe, er warte schon. „Bitte heute noch in meine Ordinationsräume“. Ich fahre gleich los. „Setzen Sie sich, Frau Bieseke-Hartmann.“ Mein Herz klopft wild. Draußen wartet Uta, die mich begleitet hat. „Sie haben Brustkrebs.“ Fast beleidigt antworte ich: “Das habe ich nicht für möglich gehalten. Gestern noch war ich sicher, dass es ein Irrtum ist.“ Stimmt natürlich nicht. Ich hatte – nach den Prognosen – die schlimmsten Befürchtungen. Gebe ich aber hier vor ihm nicht zu. Dr. P. stutzt: „Moment, Moment, - ich muss mich korrigieren“, sagt er und liest im Befundbericht nach, der vor ihm liegt. „Nein, stopp, - Sie haben ein Insitu.“ „Was ist ein Insitu?“ „Sozusagen die V o r s t u f e zum Krebs.“ Und nun erklärt er mir ausführlich, mit graphischer Untermalung, was ein Insitu ist. Ein Insitu kann sich, wenn auch meistens erst nach Ablauf von Jahren, irgendwann zu einem invasiven Karzinom entwickeln. Daher muss es in jedem Falle raus. Ich bin völlig daneben, weiß nicht, was ich sagen soll. Mein Gott, nur die Vorstufe, das ist ja - großartig. Das bedeutet: Kein Krebs, - noch kein Krebs! Wir besprechen das weitere Vorgehen und legen direkt einen OP-Termin fest. Allerdings streiken erst einmal die Ärzte. Aber in gut zwei Wochen bin ich gebucht. Dr. P. eröffnet mir noch, dass nach der Operation eine 31-tägige Strahlentherapie folgen wird, 31 Werktage genau. Eine solche Therapie schließt sich immer an eine Brust erhaltende Operation an. Aber es bedeutet auch: Keine Chemotherapie. Also in zehn Tagen. Uta steht draußen mit traurigem Gesicht, - ganz Mitleid: „Na?“ „Ein Insitu“, rufe ich ihr entgegen. Sie starrt mich an – und fällt mir um den Hals. Als Frau eines Gynäkologen, selbst Laborantin über Jahrzehnte, muss ich ihr nichts dazu erklären. „Mensch, hast du ein Glück, das ist die Vorstufe, nur die Vorstufe. Das ist ja fantastisch!“ Wir verlassen bestgelaunt und erleichtert das Gebäude - und essen in der nächsten Eisdiele ein riesengroßes Eis. „Mensch hast du ein Glück!“. Uta kann es kaum fassen. Glück im Unglück. Aber das Glück überwiegt hier deutlich. Die nächsten Stunden hänge ich am Telefon. Jeder soll es wissen – und jeder freut sich mit mir. Alida, Jutta, Waltraud, Jasch und und und … Welche Erleichterung. Sie hat doch keinen Krebs.
Zwei Wochen genieße ich bewusst und intensiv den Sommer, meine Pferde, alles, alles. Bin gefasst in Bezug auf die Operation. Ein bisschen Angst schwingt natürlich mit. Wie werde ich hinterher aussehen? Machen die das so, dass ich mit dem Ergebnis leben kann? Vor allen Dingen – der Größenunterschied danach – wie den ausgleichen? Na ja, einen Schritt nach dem anderen.
31. Juli - MontagDie Nacht vor der stationären Aufnahme schlafe ich gut. Erst in der Klinik geht es los. Uta will mich hinbringen.
01. August - DienstagDen ganzen Tag lang Voruntersuchungen. Blutabnahme, markieren der OP-Linien mit vorbereitendem Gespräch durch den Stationsarzt. Verwaltungssachen. Lungen-Thorax, EKG, Gespräch mit dem Anästhesisten, - schließlich mit dem Professor/ Chefarzt, der die OP durchführen wird. Abends das „Engelshemdchen“, Achsel-Rasur, Gummistrümpfe. Beruhigungstablette erst am Morgen vor der OP. Ich schlafe auch hier bestens. Direkter Blick morgens beim Aufwachen aus dem Fenster: Draußen ist Sommer, alles ist grün, - das Leben! Hier drinnen, - alles andere als das Leben, Angst, diffuse Angst. Jetzt ist sie doch da. Dann holen sie mich, fahren mich im Bett durch die Gänge. Wie schrecklich, wie schrecklich. Am liebsten würde ich mir ein Handtuch übers Gesicht legen, aber ich habe keins. Außerdem sähe das aus, als wenn ich schon tot wäre. „Nimm dich nicht so wichtig! Sei froh, dass man dir schnell und professionell helfen kann, – du bist nur die Krankenakte Nummer … XXY.“ Den Vorraum zur OP erlebe ich hellwach. „Ihre Nachbarin ist bei Ihnen, Frau Bieseke-Hartmann. Sie ist heute die zweite Anästhesistin“. Wie nett. Wir begrüßen uns, halten ein kleines Schwätzchen. „Habe gar nicht gewusst, dass Sie hier Ärztin sind“. Wie auch, - bin ja, außer bei Jaschs Geburt, nie im Krankenhaus gewesen. Grüne Menschen um mich herum, - es wimmelt in Grün. Servus. Gegen 14.30 Uhr wache ich auf. Alles okay, alles vorbei. Ich lebe noch. Meine Zimmergenossin, eine sehr nette alte Dame, begrüßt mich. Schnell bin ich auch wieder ganz da. Habe Hunger. Hänge natürlich am Tropf, - Schmerzmittel, Redon (Sekretschlauch), aber das ist nichts weiter, haben hier alle, rennen alle damit auf den Gängen herum. Die Schwestern sehen abends nach der Wunde. “Sieht sehr gut aus.“ Ich gucke weg, will mich nicht ansehen, auf keinen Fall. Die Schwestern lachen amüsiert. „Ist gut, sieht wirklich gar nicht schlimm aus, ist gut.“ Trotzdem will ich „es“ nicht sehen.
05. August - SamstagBesuche, Anrufe, Nettigkeiten, - es ist hier absolut auszuhalten, fast erholsam. Jeden Tag kommt der Professor. Noch ist der pathologische Befund des herausgeschnittenen Gewebes nicht da. „Kann ich davon ausgehen, dass die Diagnose „Insitu“ sich bestätigen wird?“ „Ja, durchaus, - aber die letzte Gewissheit haben wir erst, wenn der Befund da ist“. Am Dienstag, den 09.08., kann ich nach Hause. Jutta will mich abholen, sie fährt ganz früh in Landau/Pfalz los. Richtung Köln.
09. August - MittwochDienstag früh, Tag der Entlassung, Visite: Das betretene Gesicht des Professors, als er zu meinem Bett kommt, lässt mich erstarren. Bin schon fertig angezogen, am Zusammenpacken. „Frau Bieseke-Hartmann, ich habe gestern Abend den Befund hereinbekommen. Leider ist es nicht so, wie wir vermutet und gehofft hatten. Man hat in dem entfernten Gewebe doch drei sehr kleine Herde gefunden, die ein invasives Karzinom darstellen.“ Das Fallbeil! Ich zucke zusammen. „Was bedeutet das, Herr Professor?“ „Auf jeden Fall eine weitere Operation. Ich muss den Wächterknoten aus der Achsel entfernen, im Schnellschnitt-Verfahren. Wir m ü s s e n das machen, wenn wir gewissenhaft vorgehen wollen. Der Wächterknoten ist die erste Station, in der sich bei eventueller Streuung des Karzinoms etwas absetzt. Ist der Wächterknoten frei, machen wir gleich wieder zu. Ist er bereits befallen, müsste ich ca. zehn weitere Drüsen entfernen.“ „Und dann – was kommt dann?“ „Auf jeden Fall folgt eine Chemotherapie.“ „Auch, wenn der Wächterknoten frei ist?“ „Ja, auch dann. Es gibt ja noch den Weg über das Blut. Nicht völlig auszuschließen ist, dass eventuell etwas durch die Blutbahn gelangt ist und sich irgendwo in anderen Organen ablagert. Das könnte dann, - auch nach Jahren u.U. anfangen zu wachsen, aktiv zu werden. Um das zu 90 Prozent auszuschließen, macht man eine Chemotherapie. Ohne die Chemo haben Sie nur mehr eine 70-prozentige Chance, dass später nichts mehr zurückkommt.“ Bums, bums! „Nun lasse ich sie trotzdem heute nach Hause.“ Na, danke. Für den Schnellschnitt wird der Termin sofort für den 16.08. festgesetzt. Genau eine Woche Galgenfrist. Ich bin zittrig, rufe Jutta an, die unterwegs zu mir ist. Sie ist stumm, einfach nur stumm. Zu Hause besprechen wir alles in Ruhe – und telefonieren, telefonieren. Alle sind erschüttert, vor allen Dingen Jasch in Berlin. Er verspricht, nach der zweiten OP gleich einen Flug zu buchen, um mich zu besuchen. Und dann gehen kleckerweise „Erfahrungsberichte“ ein. Wer hatte nicht schon alles Brustkrebs, - und jeder weiß etwas dazu zu sagen. Höre mir auch alles immer wieder an, von „gar kein Haarausfall“, bis „Glatze gleich in den ersten 14 Tagen“ oder „erst nach der vierten/fünften Infusion“. Macht mich alles ganz verrückt.
16. August - Mittwoch Wieder auf Station. Die Schwestern begrüßen mich mit Hallo: “Na, wieder hier?“. „Leider ja.“ Ich lande wieder in „meinem“ alten Zimmer. Wie heimelig.
17. August - DonnerstagOP am Morgen. Nach einem „Schnellschnitt“ rast ein Krankenwagen mit Blaulicht mit dem entfernten Wächterknoten in die benachbarte kooperierende Diagnostik-Klinik. Solange bleibt der Patient – in diesem Falle ich - in Narkose in der „Warteschleife“, um ggfs. bei positivem Befund gleich weiter operiert werden zu können, wie der Professor erklärt hatte. Der Anruf der Klinik entscheidet, ob OP oder Aufwachraum. Also los. Am frühen Nachmittag bin ich wach. „Befund?“, frage ich die Schwestern. Die wissen nichts. Muss auf den Professor warten. Die Ungewissheit nervt furchtbar. Was, wenn die Drüse befallen war, wenn weitere Drüsen entfernt werden mussten?? Endlich Abendvisite: „Alles frei!“. Keine weitere Operation. Gott sei Dank. Aber die Chemotherapie ist unvermeidlich. Bis Samstag muss ich stationär bleiben.
19. August - SamstagMarion holt mich ab. „So eine Sch…. ! Es tut mir ja so leid. Aber du bist stark, du schaffst das.“ Bin aber momentan nur ein Häuflein Unglück, ein kleiner gestrandeter zerzauster Vogel. „Ja, ja natürlich“, bemühe ich mich zu antworten. Jasch landet am Nachmittag in Köln. Ein merkwürdig schönes Wochenende für uns beide. N o c h geht‘s mir gut. Habe meinen Sohn lange nicht gesehen. Wir machen es uns gemütlich – trotz der unschönen Perspektive. Für kommenden Donnerstag ist noch ein Gespräch mit dem Professor angesetzt, nachdem am Dienstag eine Tumorkonferenz in der Klinik stattfinden wird, an der auch der Chemotherapeut aus Köln teilnehmen wird. Die Bedeutung und Wichtigkeit der Chemotherapie wird mir Donnerstag nochmals gepredigt. Kurz auf den Nenner gebracht: 70 Prozent Sicherheit o h n e Chemo, 90 Prozent Sicherheit m i t Chemo. Es geht schlichtweg um 20 Prozent mehr Sicherheit. Der Professor rät mir auf jeden Fall dazu. „Würden Sie Ihre Frau auch in die Chemotherapie schicken?“ „Ja.“ Gut, - einverstanden. Ich könnte auch ablehnen – auf eigene Verantwortung. Tue ich aber nicht. Wir vereinbaren einen Gesprächstermin in Köln bei Dr. Sch. im Therapiezentrum, Dienstag, 29.08. Erneute Frist zehn Tage. Und der Sommer schmilzt dahin. Noch einmal in die Pfalz zu Jutta, Erich und Alida. Schöne sonnige Tage. Die Narben schmerzen nur wenig. Alles erträglich. Die vielen Ratschläge allerdings gehen weiter – und mir weiter auf die Nerven. Wie viele Vergleichsfälle es gibt, - und dennoch ist keiner wirklich vergleichbar. Vor drei Jahren z.B. wurde die Form der Chemotherapie, die ich jetzt erhalten werde, noch nicht angewandt in Deutschland. Sie kommt, soviel ich weiß, aus Amerika. Damals wurde wöchentlich eine Chemotherapie verabreicht. Den Patientinnen war häufig „speiübel“. Ich kenne einen Fall, bei dem eine Freundin von Jutta die Therapie rigoros abgebrochen hat. Sie konnte einfach nicht mehr. Das war noch die „alte wöchentliche Verabreichung“. Heute geht es dieser Freundin ausgesprochen gut. Sieben Jahre dürfte das her sein. Glück gehabt? Mutig jedenfalls. Meine „preußische Erziehung“ gebietet mir: „Anreiten. Du schaffst das. Courage.“ Ich will es auch unbedingt schaffen.
26. August - Samstag Erich und Alida kommen zu Besuch aus der Pfalz. Ich bin froh.
29. August - DienstagVorgespräch zur Chemotherapie im Therapiezentrum Köln bei Dr. Sch. Erich fährt mich hin und wartet im Auto. 45 Minuten sitze ich auf der Warte-Bank, bis ich endlich hereingebeten werde. Dr. Sch. wirkt gestresst. Schlank, dunkle Hose, weißes Hemd. Er kennt meinen Fall von der Tumorkonferenz im Brustzentrum. „Ja, leider kein Insitu, sondern drei kleine Herde darin, die invasiv waren – und leider zu einer sehr aggressiven Form gehören“. „Wann kann es losgehen?“, frage ich. „Nächste Woche schon, wenn Sie wollen.“ „Erst nächste Woche? Nein, noch in dieser Woche bitte. Heute ist ja erst Dienstag.“ Dann wäre ich meiner Berechnung nach, Mitte Dezember, v o r Weihnachten, mit der Therapie durch. „Na, Sie sind ja ‘ne Marke“, meint Dr. Sch. mehrmals. „Also gut, Donnerstag, 31.08. ,Wasser marsch!‘ – nicht wahr?!“ „Ja, Wasser marsch, “ antworte ich. Er trägt mir nun natürlich alle Erscheinungsformen eventueller Nebenwirkungen vor, die nicht sein m ü s s e n, aber sein k ö n n e n, z. B. Fieber, Blasenentzündung - die aber nicht gefährlich sei, nur schmerzhaft (na, danke!) - sonstige Entzündungen an diversen Körperstellen oder Organen. Toll. Für solche eventuellen Fälle oder Schlimmeres erhalte ich seine Handy-Nummer, er sei rund um die Uhr erreichbar. Wie beruhigend! Ob es lebensbedrohlich werden kann, will ich noch wissen. In der Regel nicht, - aber Garantien gibt es natürlich auch dafür keine. „Alles Gute.“ Ich bin fertig. Erich hat geduldig gewartet. Jetzt besitze ich einen Therapiepass, - bin eine von „denen“. Morgen will ich mir eine Perücke kaufen und mir schon mal die Haare kurz schneiden lassen. Von den vielen Ratschlägen Therapie-erfahrener Patientinnen war einer, die Haare gleich kurz schneiden zu lassen und nicht erst zu warten, bis sie eines Tages auf dem Kopfkissen liegen oder im Kamm stecken. Das sei dann wirklich schrecklich. Besser gleich ab. Klingt absolut vernünftig.
30. August - MittwochFahre nach Leverkusen in ein Haarstudio, um mir eine Perücke auszusuchen. Herrjeh, was für eine Auswahl haben die! Alle Farbschattierungen, alle Längen, die „schrägsten“ und modernsten Frisuren – und langweilige, konservative, biedere. Letzteres kommt wohl eher für mich in Frage. Der Friseur ist geduldig und sehr nett. Wir probieren bestimmt zwanzig verschiedene Modelle. Keines kann mich wirklich überzeugen, oder besser mich „widerspiegeln“. Nützt nichts, eine muss es sein. Schließlich wird es eine flotte Kurzhaarfrisur, nicht zu kurz, aber auch nicht halblang. Immer noch eine Kurzhaarfrisur. Ich sehe nett aus damit, - aber fremd. Es ist natürlich Kunsthaar, - richtiges Haar ist nicht zu bezahlen, jedenfalls nicht für mich. Die Krankenkasse zahlt bis zu 600 Euro dazu. Meine Perücke kostet 612 Euro. Fühle mich wie nach einer gewonnenen Schlacht. Ich hab‘ sie! Und sie sieht gut aus. Der nette Friseur hat mir genaueste Anweisungen gegeben, wie ich sie pflegen soll, - und mir natürlich entsprechende Mittel dafür mitverkauft. Sei‘s drum. Ich bin stolze Perücken-Besitzerin. Und: Ich lasse mir gleich einen ähnlichen Kurzhaarschnitt machen.
31. August - DonnerstagMeine erste Chemotherapie. Bin wieder allein. Alida und Erich sind gestern zurück gefahren. Ist schon in Ordnung so. Noch komme ich alleine klar. Später, wenn es mir mal schlechter geht, werden sie wieder kommen. Fühle mich kampfbereit und kann kaum ruhig bleiben. W i e wird es sein? Normales Tempo, fertig machen, frühstücken wie gewohnt: Halben Liter lauwarmes Wasser, ein geschnittener Apfel, eine Kiwi oder Orange, ein Brötchen mit frischer roter Paprika und Frischkäse, zwei Becher Kaffee. Um 10 Uhr kommt das Taxi. Abholen will mich am führen Nachmittag Uta, wenn ich ihr das Klingelzeichen gebe. Nette Taxifahrt, netter kurzer Haarschnitt, - noch glänzende, biegsame Haare. 20 Minuten warte ich, - dann werde ich aufgerufen. Blutdruck okay und die Blutwerte hervorragend, sagt mir Schwester Anni. Sie bietet mir für die Infusion einen Sessel im großen Gemeinschaftsraum an, in dem etwa 15 Kranke an ihren Flaschen hängen, Männer und Frauen, mittleren Alters und älter. Oh, - so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Schwester Anni bemerkt meine Irritation und stellt mir alternativ eine Einzelkabine zur Verfügung. Klein, weiße Wände, eine Liege, ein Stuhl, kein Fenster. Mein Entschluss kommt schnell und klar. Ich gehe in den Gemeinschaftsraum. Okay. Schwester Anni sucht lange nach einer Vene in der rechten Armbeuge. Großes Problem. Meine Venen sind zu zart, sagt sie. Aber dann ist endlich die Kanüle doch drin. Das Gestell mit den Infusionsflaschen steht direkt neben mir. Eine der Flüssigkeiten ist rötlich, eine Flasche kleiner, eine größer – ca. sechs Flaschen. Cortison ist auch dabei. Na, denn los. Lese den “Fabian“ von Kästner und nehme nach und nach alle Mitleidenden in Augenschein. Es ist eine fast vergnügte Truppe, keiner stöhnt oder sieht finster drein. Hier ist wirklich geteiltes Leid spürbar. Und ich bin neu, ein Küken, das noch total normal aussieht. Zwei Damen tragen offensichtlich Perücken, eine hat ein hübsches Tuch zu einem Turban gebunden. Ich finde, dass alle Patienten ziemlich normal aussehen. Viereinhalb Stunden läuft es unaufhörlich in mich hinein. Dreimal schiebe ich samt Flaschenständer zur Toilette. Schön langsam voran, um die Ecke – und „peng“ gegen die Wand, in der Toilette noch ein paar Mal, „peng, peng“. Muss lachen. Beim zweiten Mal geht es fast perfekt. Alles Übung. 15.30 Uhr kann ich Uta anrufen. Fertig. Noch fühle ich nicht viel. Ich soll alles essen, was mir schmeckt, sagt Schwester Anni. Außerdem soll ich mich nicht wundern, wenn ich eine „frische Farbe“ bekomme, wie nach einem Sonnenbad. Das macht das Cortison. Und schlafen soll ich, schlafen soviel es geht. Wer nicht schläft, wird krank. Das Cortison wird mich zwar „auf Trab“ halten, aber ich soll trotzdem versuchen zu schlafen. Nächste Woche Donnerstag erste Blutkontrolle, um zu messen, wie sich die Werte verändert haben. Bekomme Medikamente gegen die Übelkeit mit. Bitte ganz genau nach Vorschrift einnehmen! Uta ist da. Wir stoppen beim „Döner“ und verdrücken beide einen. Er schmeckt. Mein zweiter Döner im Leben. Maggie und Inki (süßester, weißester Spitz auf der Welt) kommen abends und bleiben über Nacht bei mir. Wie schön. Nun bin ich doch nicht allein in der ersten Chemo-Nacht. Man weiß ja nie, was wird. Schlafe trotz der Cortison-Verabreichung gut und lange. Noch merke ich keine gravierende Veränderung.
01. September - Samstag - 1. Tag danachGreife aufs Kissen. Kein einziges Haar. Alles noch dran. Aber ich fühle mich anders als gestern. Es dröhnt ein bisschen im Kopf. Und ich schmecke Chemie. Rieche auch Chemie. Glaube, ich „stinke“ nach Chemie. Und mein Mund ist trocken. Gleich trinke ich einen halben Liter Wasser. Duschen, frühstücken mit normalem Appetit. Tabletten nicht vergessen. Meine Armbeuge sieht furchtbar aus. Ein ovaler großer dunkelblauer Fleck streckt sich bis in den Unterarm. Sieht das schlimm aus, gemein geradezu – und sehr krank. Ariane kommt vorbei, Uta auch und Marion. Alle wollen mir Mut machen, - oder sehen, wie eine Krebskranke während der Chemotherapie aussieht. Gaffen sozusagen. Aber ich sehe noch aus wie immer. Der Kopf arbeitet. Dort tut sich das meiste. Es knackt drin. Die Augen sind anders, als ob eine Last auf ihnen liegt. Alles ein bisschen kopflastig. Aber zu ertragen, keine Schmerzen, keine Übelkeit. Esse reichlich und trinke soviel es geht. Habe Hunger. Das Cortison. Na klar. Abends in den Stall zu meinen Pferden, ein bisschen putzen und schmusen. Reiten nein, ich lasse sie reiten. Abends etwas müde – oder fertig? Maggie bleibt eine weitere Nacht. In dieser schwitze ich enorm, bin dreimal klitschnass und muss mich umziehen. Mein Körper kämpft, scheint sich aufzubäumen. Alles ist durchgeweicht, Kissen stinken nach Chemie. Aber keine Schmerzen und keine Übelkeit.
02. September - SamstagMorgens von der Schwitzerei groggy. Frühstücks-Appetit. Herrliches Wetter. Maggie, Inki und ich starten in die Eifel zum Pilzesammeln. Nach vier Stunden quer durch die Wälder sind die Körbe voll. Wunderbare Steinpilze, Maronen, Perlpilze etc. Unterwegs ruft Jasch aus Berlin an. Sage ihm, dass es mir gut geht, so gut, dass ich in die Pilze fahren konnte. Er ist besorgt, aber ich kann ihn beruhigen. Mit gutem Willen und ein bisschen Disziplin geht das alles. Abends putzen wir auf der Terrasse die Pilze. Eine schöne Portion für jeden. Einige frieren wir ein. Nachts bleibe ich allein. Morgen will Chris auf seiner Rückfahrt von Darmstadt nach Bielefeld in Köln-Deutz Station machen, um mich zu besuchen. Christian kenne ich seit meinem 17. Lebensjahr. Wir waren jung und sehr verliebt – und das in Berlin, dieser tollen Stadt. Unsere Wege trennten sich recht bald - und jeder heiratete einen anderen Partner. Die herzliche Verbindung riss aber niemals ab – bis heute nicht. Vielleicht kann ich ihn vom Bahnhof Deutz abholen, wenn es mir gut geht. Schlafe nach der langen Eifel-Tour schnell ein.
03. September - SonntagWieder Schwitzen. Mein Gott, wehrt sich der Körper! Morgens gleich neues Bettzeug aufgezogen, - auch das Kissen ausgewechselt, durchnässt. Dusche heiß und kalt wie immer. Kein Problem. Wasche die Haare, die jetzt glanzlos sind, - aber sie sind alle noch da. Frühstück im Bett. Schmore die Pilze, fahre in den Stall und bringe meine Pferde auf die Weide. Um 13 Uhr ruft Chris an, dass er gegen 14 Uhr in Deutz ist. Kann ihn abholen, werde vor dem Bahnhof im Auto warten. Wir freuen uns. Mein grässlicher blauer Fleck sieht zunehmend schlimmer aus, wie bei einer Aussätzigen. Er bekommt einen Mullbinden-Wickel – damit Chris nicht so brutal auf meine Krankheit gestoßen wird. Er sieht mich etwas prüfend an, als er ins Auto steigt. Kann auch sein, dass ich es mir nur einbilde. Unheimlich nett mit ihm. 47 Jahre kennen wir uns nun. Er gehört einfach zu meinem Leben. Habe Steaks und Pilze vorbereitet; wir s p e i s e n genüsslich. Wein allerdings darf ich nicht trinken. Christian ist es fast peinlich, dass er trotzdem ein Glas trinkt. Na, wenn ich d a s nicht aushalten könnte, wäre ich wohl arm dran. Über die Krankheit reden wir nicht viel, nur hin und wieder sagt er „Doll, wie du das machst“. Gegen 18 Uhr bringe ich ihn zurück zum Bahnhof. Keine Aktion für mich, fühle mich okay. Maggie kommt noch rein, aber nicht lange, - bin heute müde. Wenn alle Tage so gut sind, habe ich noch lange Ausdauer.
04. September - MontagNachts zweimal umgezogen. Schlafe aber gut. Frühstück bekommt mir, - zusammen mit Nachrichten aus dem „Morgenmagazin“. Habe einen Fernseher im Schlafzimmer – und kann beides gleichzeitig, frühstücken und Nachrichten hören – und sehen. Geschmack und Geruch sind unverändert chemiebeladen. Bisschen trockener Hals heute. Gesund fühle ich mich zwar nicht wirklich, krank aber auch nicht. Einfach anders. Armer, geschundener Körper. Armes, gutes Blut, - was tut man Euch? Erledige alle Büroarbeiten und lege mich mittags wieder hin. Überhaupt lege ich mich zwischendurch oft hin – und schlafe gleich ein. Am frühen Abend zu den Pferden. Christiane reitet Winyah. Doreen wurde früh von Marion geritten. Ich bin glücklich, dass ich mit den beiden Pferdis schmusen kann. Und die freuen sich erst. Ich glaube, meine Doreen spürt genau, dass ich krank bin. Sie stupst mich auffällig und will mich kaum gehen lassen. Winyah, ihre Tochter, hat diese enge Beziehung zu mir noch nicht aufgebaut, - und soll sie auch mehr zu ihrer Reiterin aufbauen. Ich halte mich da bewusst etwas zurück, aber sie weiß trotzdem genau, dass sie zu mir gehört.
05. September - DienstagWieder geschwitzt und umgezogen. Duschen heiß und kalt und ein bisschen Gymnastik. Die OP-Narben massiere ich jeden Morgen mit Vaseline, - hat mir Waltraud empfohlen. Kann sie jetzt gut ansehen, ohne Ekelgefühl. Sie tun kaum weh, jucken aber oft heftig. Immer freue ich mich aufs Frühstück, - fresse geradezu alles gierig in mich hinein. „Großmutter“ (Stuhlgang) ist absolut okay. Marion geht mir im Büro zur Hand.
