Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla - Håkan Nesser - E-Book

Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla E-Book

Håkan Nesser

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9,99 €

  • Herausgeber: btb
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2009
Beschreibung

Ein Sommer in Schweden. In einem kleinen verschlafenen Dorf namens Kumla. Es sind die späten sechziger Jahre, und ein Hauch von freier Liebe und Rebellion hängt in der Luft. Der siebzehnjährige Mauritz träumt von der großen weiten Welt – und von einem Leben mit der attraktiven Nachbarstochter Signhild. Heimlich beobachtet er ihr Haus, denn er will ihr näher kommen, ohne genau zu wissen, wie. Seine Gedanken kreisen nur um sie, so realisiert er erst spät, dass nebenan seltsame Dinge vor sich gehen, die mit der gutbürgerlichen Fassade wenig gemein haben. Wer etwa ist der schemenhafte Fremde, mit dem sich Signhilds Mutter nachts im Auto so angestrengt unterhält? Keinesfalls ihr Ehemann! Und was ist von dem neuen, etwas sonderbaren Untermieter der Familie zu halten, einem angeblichen Dichter? Und dann geschieht etwas, was die dörfliche Idylle bis auf ihre Grundfesten erschüttert: Signhilds Vater, der Uhrmacher Kekkonen, ein mürrischer, wortkarger Mann, wird im elterlichen Schlafzimmer brutal ermordet aufgefunden. Wer war der Täter? Jemand vom Dorf? Eine Spurensuche beginnt, die erst Jahrzehnte später Erfolg haben wird – und Mauritz ganzes bisheriges Leben in Frage stellt ...


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Seitenzahl: 383

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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
Widmung
Viel später
Früher
 
I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
 
II
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
 
III
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
 
Viel später
Copyright
Buch
In einem kleinen verschlafenen Dorf in Schweden herrscht Idylle pur. Mauritz träumt von der großen weiten Welt und der hübschen Nachbarstochter Signhild. Heimlich beobachtet er ihr Haus, denn er will ihr näher kommen, ohne genau zu wissen, wie. Nur an die Angebetete denkend realisiert er viel zu spät, dass sich nebenan seltsame Dinge ereignen. Und dann geschieht etwas, das die Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert: Signhilds Vater, der Uhrmacher Kekkonen, ein mürrischer, wortkarger Mann, wird im ehelichen Schlafzimmer brutal ermordet aufgefunden. Wer war der Täter? Etwa jemand aus dem Dorf?
Autor
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Krimiautoren Schwedens. In seiner Heimat gilt er als der unbestrittene Star in seinem Genre. Für seine Kriminalromane um Inspektor Van Veeteren erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in mehrere Sprachen übersetzt, wurden erfolgreich verfilmt und werden demnächst auch im deutschen Fernsehen zu sehen sein.
Die schwedische Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel »Och Piccadilly Circus ligger inte i Kumla« bei Albert Bonniers Förlag, Stockholm.
FÜR ELKE
Viel später
Die Zeit ist ein Dieb.
Sie stiehlt unser Leben. Frisst unsere Tage, wie man behaupten könnte, und verschlingt unsere Nächte. Stunde für Stunde, Minute für Minute.
Menschen, Augenblicke, Geheimnisse.
Ganz hinten in meiner unordentlichen Schreibtischschublade, der mittleren, die ich nie leere, sondern immer nur fülle, da bewahre ich seit vielen Jahren einen Daumen auf.
Er liegt in seiner geheimnisvollen Einsamkeit zwischen Bleistiftstummeln, alten Quittungen, verbrauchten Olivettifarbbändern, Gummibändern, Büroklammern und Papierschnipseln, und er gehörte einmal einem deutschen Soldaten. Vielleicht werde ich davon berichten. Ja, wenn es so läuft, wie mir schwant, dass es laufen muss, werde ich es natürlich tun. Ob ich nun will oder nicht.
Ich hole ihn heute Abend hervor, den Daumen, es ist jetzt schon lange her, und ich sitze mit ihm auf dem Balkon und blicke über den Sund. In drei Stunden geht der Zug, ich habe noch Zeit, eine Weile den Sonnenuntergang zu betrachten. Vielleicht ist es trotz allem möglich, das wieder zurückzuerobern, was uns genommen wurde, vielleicht ergibt sich für mich die Gelegenheit, den Dieb zu bestehlen.
Warum nicht? Ihm nützt die Beute doch nichts, wir selbst sind diejenigen, die die Verantwortung übernehmen müssen. Das Vergangene und das, was uns geraubt wurde, hervorholen müssen. Ich selbst, genauer gesagt, warum sich hinter einem wir verstecken?
Aber fünfunddreißig Jahre sind eine ganz schön lange Zeit, da kann viel auf der Strecke bleiben. Doch eine nächtliche Zugreise ist natürlich genau das richtige Tor zu den Erinnerungen. Seit das Rattern der Schienenstöße aufgehört hat, kann ich gar nicht mehr schlafen. Und die Schlaflosigkeit an sich kann schon die Diktatur des Heute und des gerade Existierenden vom Sockel stoßen, das ist keine neue Erkenntnis.
Ich schaue über den Sund und die Brücke. Erinnere mich und denke nach. Zunächst rief er an, dann sie. Nur eine Stunde später. Er hatte es bereits angekündigt, aber es war merkwürdig, ihre Stimme zu hören.
Hab nicht mehr viel Zeit, sagte er. Ich würde es zu schätzen wissen, wenn du vorbeischauen könntest. Da ist noch was.
Du kommst doch?, fragte sie ihrerseits. Es ist wichtig. Nach all diesen Jahren ist es plötzlich ganz eilig und wichtig. Warum eigentlich?
Ich komme, sage ich. Natürlich komme ich, aber was will er von uns?
Sie sagt, das wisse sie nicht. Ich meine, herauszuhören, dass sie lügt. Meine, noch etwas anderes herauszuhören, das ich nicht richtig fassen kann.
Wo wohnst du? Von wo aus rufst du an?
Aus Luleå.
Das sind mehr als tausend Kilometer, und wir wollen uns in der Mitte treffen. In der Universitätsstadt, ich habe dort selbst einige Jahre in den Siebzigern gelebt. Kann mich noch an einiges erinnern. An ein Schloss. Einen Bach. Eine Frau, die B. hieß.
Dann bis morgen früh!, sagt sie. Klingt plötzlich fast ängstlich.
Um 7.50 Uhr, sage ich. Dann kommt mein Zug an.
Ich bin da und hole dich ab, sagt sie.
Ich schlafe nicht.
Auf der unteren Pritsche liegt ein riesiger Kerl und sägt Baumstämme. Er schläft für uns beide.
Ich habe ein Buch dabei, aber ich lese nicht. Habe genug Gedanken für eine halbe Menschheit.
00.42 Hässleholm.
01.34 Alvesta.
Die Zeit ist ein Dieb, und ich habe Witterung aufgenommen. Die nächtlichen Minuten ticken rückwärts, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Bald sind wir da. Bald haben wir die Linsen auf die richtige Entfernung eingestellt.
Aber was will er von uns?
Von mir und von ihr?
Liegt er wirklich im Sterben?
Und wenn es schon vorbei ist, wenn wir ankommen? Dieser neuen Frau möchte ich wirklich nicht begegnen. Unter keinen Umständen und schon gar nicht unter diesen hier.
Quatsch. Unnötige Befürchtungen. Er hat versprochen, sie da rauszuhalten, und natürlich lebt er noch einen Tag länger, aus reiner Willenskraft, das macht doch jeder.
Ich verspüre ein gewisses Unbehagen, wie vor einem bevorstehenden Fiasko. Eine Kapitulation. Begreife eigentlich nicht so recht, warum. Ich versuche, nicht zu spekulieren, aber es ist sinnlos. Meine Gedanken sperren sich hartnäckig, was sollten sie in einer schlaflosen Nacht wie dieser sonst auch tun?
02.25 Nässjö.
Ich sollte versuchen, zumindest eine Stunde zu schlafen. Da ist noch was. Was? Ahne ich etwas oder nicht? Was sind das für verschämte, leichenblasse Larven, die in mein Unterbewusstsein kriechen? Lass mich nur eine Minute schlafen und sie zu Träumen formen.
Aber nein.
03.48 Linköping.
04.18 Norrköping.
Es beginnt schon zu dämmern. Bald ist der Morgen da. Keinen Moment des Schlummers, ich werde älter aussehen als nötig. Sie wird finden, dass ich alt bin.
Aber was soll’s, ich bin ja auch alt. Bin es mit den Jahren geworden.
Mein zufälliger Bettgenosse lässt einen Wind fahren und seufzt zufrieden im Schlaf.
Sie, denke ich. Ausgerechnet sie, von allen Menschen.
Wir nähern uns jetzt Södertälje. Ich klettere hinunter und gehe duschen, es ist eng und unbequem. In Kürze umsteigen in Stockholm. Dann eine Stunde bis zur Universitätsstadt. Oder vierzig Minuten, heutzutage geht es schnell.
Ich stelle fest, dass ich zittere. Auf jeden Fall wird es im Hauptbahnhof für eine Tasse Kaffee reichen, das beruhigt mich ein wenig. Und für eine Zimtwecke, von der ich drei Viertel liegen lasse.
Früher
I
1
Es war ein Donnerstag in meiner Jugend.
So ungefähr acht Monate, bevor die Kirche brannte. Dieser dramatische Februarsamstag – mit dem erschossenen Kerl oben in dem verbrannten Turm – war es natürlich, der die Leute das Drama um die Familie Kekkonen-Bolego vergessen ließ. Oder sie zumindest aufhören ließ, darüber zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu reden, wie man es den ganzen Sommer, Herbst und den halben Winter über getan hatte.
Man könnte also sagen: Es gibt nichts Schlimmes, was nicht auch etwas Gutes in sich hätte.
Ich selbst vergaß nichts. Während all der Jahre nicht, die verschwanden. Obwohl es genau das war, was ich mir mehr oder weniger vorgenommen hatte. Es auszuradieren. Zu begraben.
Aber es war unmöglich zu akzeptieren, dass so vieles ungeklärt blieb und einfach im Sand versickerte. Das ging so nicht. Diese Fragen, die nie eine Antwort bekamen, diese Qual, die immer weiter drückte – und als sich das Ganze endlich an einem Frühsommertag in Uppsala viele Jahre später klärte, da wusste ich plötzlich, dass ich die ganze Geschichte erzählen musste.
So, wie es gewesen war, aber in erster Linie so, wie ich es von der ersten Reihe aus erlebt hatte. Ich glaube, das wollte er, vielleicht wollte sie es auch. Früher oder später muss man sich versöhnen, sowohl mit seinem Schicksal als auch mit anderem, das ist etwas, was mich das Leben gelehrt hat.
Aber jetzt schreiben wir also das Jahr 1967. Ein Donnerstagnachmittag Ende Mai. Ich befand mich ungefähr auf gleicher Höhe mit dem Stadion in Sannahed, und diese verfluchte Fahrradkette war einfach abgesprungen. So etwas kommt in den besten Familien vor.
Außerdem goss es in Strömen, trotz der Jahreszeit ein richtiger Gewitterregen, es schien, als wäre der Blitz direkt in die Kette eingeschlagen, und ich hatte nicht übel Lust, diesen blöden Drahtesel ins Gebüsch zu werfen und nach Hause zu trampen. Das wäre nicht mehr als recht und billig gewesen, man sollte sich schließlich als Mensch nicht vom Fahrrad regieren lassen.
Aber ich besann mich – hätte ich das nicht getan, dann hätte ich sie nicht gesehen, niemals hätte ich diesen kurzen Blick durch die nasse Autoscheibe geworfen, und alles wäre anders gewesen. Vielleicht auch nicht, aber ich hätte mich zumindest nicht wie jemand gefühlt, der eine Art zweifelhafter Hauptrolle in diesem Melodram spielte, das sich dann während der Sommermonate und des Herbsts abspielte.
Ich besann mich also. Wer um Himmels willen würde einen ungepflegten, langhaarigen, triefnassen jungen Tramper in so einem Wetter auflesen?, dachte ich. Einen nassen Gammler, sechzehn Jahre alt, fast siebzehn. Ausgefranste Jeans, ausgefranster Armyparka und ausgetretene Tennisschuhe.
Und das auch noch in Sannahed. Ich zuckte mit den Schultern, ergriff mein Schrottfahrrad und machte mich auf in Richtung Kumla. Der Regen prasselte immer mehr.
Zu der Zeit dauerte es acht Minuten mit dem Zug von Kumla nach Hallsberg. Ich nehme an, dass es heute ungefähr genauso lange dauert, trotz des allgemeinen Fortschritts, aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, diese Frage zu überprüfen. Mit dem Fahrrad brauchte man eine Dreiviertelstunde. Das heißt, von Tür zu Tür. Von der Bryléschule über die Hochebene bis zur Fimbulgatan beim neuen Wasserturm von Kumla, auch wenn der nicht mehr besonders neu war, schon damals nicht, auf jeden Fall war er aber jünger als der alte.
Eineinhalb Stunden pro Tag mit anderen Worten, aber man sparte fast einen Hunderter für die Monatskarte, und das war viel Geld für einen pickligen Gymnasiasten. Eine kleine Packung John Silver kostete zweizehn, die Satirezeitschrift »Mad« ungefähr das Doppelte.
Den gewundenen Weg durch die Felder zu Fuß zu gehen, dauerte Stunden. So war es zu allen Zeiten gewesen. Scheiße, dachte ich, als ich an der Offiziersmesse vorbeikam, warum musste Elonsson ausgerechnet heute krank werden?
Denn es war Elonssons Idee gewesen. Dass wir Geld verdienen könnten, indem wir im Mai und Juni mit dem Rad statt mit dem Zug fuhren. Wir gingen in die gleiche Klasse im Gymnasium von Hallsberg, Elonsson und ich. In die Obersekunda, wie es die Leute Mitte der Sechzigerjahre noch nannten. Ich hatte der dummen Schnapsidee zugestimmt, und drei Wochen lang waren wir nun jeden Morgen und jeden Nachmittag über die Hochebene gestrampelt, mit einer Beharrlichkeit, die fast an Charakterstärke herankam.
Aber an diesem schicksalsschweren Donnerstag hatte Elonsson gekniffen. Ich erinnere mich noch, dass ich bereits bei dem starken Gegenwind am Morgen den Verdacht hegte, dass der Schweinehund unpässlich wurde, als er am Küchentisch saß und im Radio den Wetterbericht hörte. Er war manchmal so, der Elonsson, aber ich hatte keinen besseren Freund.
Ich hielt am Kiosk unterhalb des Kasinos an und überlegte. Drehte die spärlichen Münzen, die ich noch hatte, ein paar Mal in der Parkatasche, beschloss dann aber doch, sie lieber für ein Päckchen Tabak aufzusparen. MacBaren’s Mixture. Auf Anraten eines Pfeifengurus in der Klasse namens Nisse von Sprackman hatte ich vor ein paar Monaten mit Hamiltons Mischung aufgehört. Er meinte, dass Greve Gilbert ein Alt-Männer-Tabak sei, der Mücken und Frauen gleichzeitig vertrieb, und auch wenn ich das nie so bemerkt hatte, war ich doch seiner Argumentation gefolgt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Sperrholzkiosk in Sannahed so etwas Exklusives wie MacBaren haben sollte, war so gering, dass ich mir gar nicht erst die Mühe machte, zum Tresen zu gehen.
Außerdem hatte ich noch ein paar Krümel. Ich stopfte sie in den Pfeifenkopf. Drehte die Pfeife auf den Kopf, und so gelang es mir, sie anzuzünden. Dann setzte ich meine Wanderung fort.
Ich überlegte, wie Dylan das hier wohl in Worte fassen würde. Ich überlegte, ob ich einen Versuch machen sollte, wenn ich nach Hause kam.
Bike accident homesick blues oder so.
Der Regen prasselte nieder.
Das Auto stand am Finkvägen am nördlichen Rand der Ortschaft. Direkt an der Einmündung zur Überlandstraße, auf der gleichen Seite, auf der ich anspaziert kam. Ich habe diese sekundenkurze Momentaufnahme so oft analysiert, habe von ihrem Gesicht hinter dem nassen Seitenfenster so viele Nächte lang geträumt, habe mich selbst in höchstem Maße verflucht, dass ich nicht stehen geblieben und ein bisschen genauer hingeguckt habe – aber was hätte es geändert? Es war nur eine Sekunde, und alles, was ich sah, war ihr Gesicht, das mir direkt entgegenblickte.
Und von dem Mann, der neben ihr saß, bekam ich überhaupt keinen Eindruck, konnte mir nicht erklären, warum sie dort hielten, und konnte nicht sagen, um was für ein Auto es sich handelte. Außer dass es ein dunkler Amazon war. Wenn es etwas gab, wovon es damals wimmelte, dann waren es dunkle Amazons, das erklärte mir Kommissar Vindhage ein ums andere Mal während unserer Gespräche später im Herbst.
Blau oder schwarz?, fragte er. Grün?
Keine Ahnung, antwortete ich. Ich bin farbenblind. Dunkel.
Sie registrierte mich natürlich – sie muss mich gesehen haben, aber sie identifizierte mich nicht. Ein durchnässter junger Mann mit strähnigem Haar und einem kaputten Fahrrad. Das konnte wer weiß wer sein. Oder jedenfalls ziemlich viele. Wenn sie begriff, dass es ihr Nachbar war, dieser arme Tropf, dann hätte sie doch wohl irgendwie reagiert, oder? Die Hand zu einem Gruß gehoben oder wiedererkennend genickt|... womöglich die Tür geöffnet und gefragt, ob ich Hilfe bräuchte.
Aber sie saß nur auf dem Beifahrersitz, drehte den Kopf und zeigte mir eine vorbeihuschende Sekunde lang ihr Gesicht, genau als wieder ein Blitz über dem durchnässten Feld aufblitzte, und ich blieb nicht stehen. Wurde nicht einmal langsamer oder so.
Ester Bolego, das war alles, was ich dachte. Warum sitzt du denn da?
Es war fünf vor fünf, als ich die Fimbulgatan erreichte, und der Regen hörte so ziemlich genau in dem Moment auf, als ich das Fahrrad in die Garage schmiss. Meine Schwester Katta stand in der Küche und machte Pfannkuchen.
»Du bist ganz nass«, sagte sie.
»Was du nicht sagst«, erwiderte ich.
»Warum hast du nicht den Zug genommen?«
Ich gab keine Antwort. Ging stattdessen ins Badezimmer und ließ heißes Wasser einlaufen, ich fror so sehr, dass mir die Zähne klapperten, und seit ich durch Kumla gegangen und an der Kirche vorbeigekommen war – die damals wie gesagt noch nicht gebrannt hatte -, hatte ich mir vorgestellt, wie das heiße Wasser meinen klapprigen Körper umfließen würde.
Ich riss mir die Kleider vom Leib und schlüpfte hinein. Schloss die Augen und versuchte, nicht an Signhild zu denken.
Nicht an Signhild zu denken, das war eine Aufgabe, auf die ich in diesem Frühling viel Energie verwandte. Sie hatte meinen Kopf und all meine Sehnsucht so langsam immer mehr okkupiert, fast wie eine Art Fieber oder Virus, und es war einfach nicht machbar, all seinen Witz und seine Gedanken immer nur darauf zu verwenden. Als sie ins Lundbomsche Haus gezogen war, die Familie Kekkonen-Bolego, vor gut sechs Jahren, da war Signhild eine magere Zehnjährige mit dünnen Zöpfchen und zu großen Füßen gewesen, aber unser Viertel war mit Kindern schlecht bestückt, und so hatten wir uns ohne viel Geplänkel gefunden. Wir waren gleichaltrig – nur drei Tage hatte ich ihr voraus, und mit der Zeit hatte ihr Körper rein wachstumstechnisch die Füße eingeholt. Die Zöpfe verschwanden, und erwachsene Menschen, solche wie mein Vater und andere ständige Besucher, stellten gern fest, dass Signhild die Haare ihrer Mutter geerbt hatte. Dick, kastanienfarben und sich locker wellend. Fast wie eine Naturkraft. Etwas, in dem man sich verirren konnte.
Wahrscheinlich gab es noch andere junge Männer, die auch ein Auge auf Signhilds Vorzüge geworfen hatten, es wäre merkwürdig, wenn nicht, aber bis dahin, bis Ende Mai 1967, hatte ich keine potenziellen Rivalen im Viertel herumschleichen sehen. Und ich möchte behaupten, dass ich sehr wachsam war. In einem Winkel meines unstrukturierten, aber potenten Gehirns hatte ich die Vorstellung, dass ich eine Art Vorzugsrecht auf Signhild besaß, eine Art ius primae noctis, da ich sie doch schon seit ihrem zehnten Lebensjahr kannte. Wir hatten zusammen Äpfel geklaut, wir hatten bei Gewitter auf Hammarbergs Koppel gezeltet, und wir hatten eine Art Blutsbrüderschaft geschlossen, indem wir uns einen Regenwurm teilten. Das hatte ich mit niemandem sonst gemacht.
Wenn ich ab und zu an mein zukünftiges Leben und Martyrium dachte, dann tauchten meist zwei vollkommen unterschiedliche Varianten in meinem Schädel auf.
In der einen lebte ich in einer großen, harmonischen Familie zusammen mit Signhild. Alles war nur Liebe und Glückseligkeit. Friede, Freude, Eierkuchen. Kinder dutzendweise, turning cartwheels cross the floor.
Die andere Variante war das reine Chaos. Schwieriges Kreuzen auf dunklen Gewässern. Einsame Abende in suizidalen Bars. Ich wagte es mir kaum vorzustellen. Deshalb durfte ich nicht zu viel an Signhild denken. Deshalb durfte ich nicht im Joch der Gefühle versinken.
Es gab andere junge Frauen in meiner Nähe. Zumindest eine. Sie hieß Katta und war meine Schwester. Sie war in diesem Frühling einundzwanzig geworden, wohnte aber immer noch daheim. Arbeitete halbtags bei der Post und nahm bei Hermods Fernkurse. Sie hatte einen festen Freund, der Urban Urbansson hieß und Polizeianwärter bei der Polizei in Örebro war. Er trug Koteletten, fuhr in einem glänzenden Saab herum und war der Glückstreffer überhaupt. Das fand zumindest Katta, und das fand auch meine Mutter, was mein Vater meinte, wusste ich nicht. Die meisten nannten ihn Doppel-Urban, jedenfalls, wenn er nicht seine Uniform trug. Einmal hörte ich meine Schwester ein liebevolles »Dubbelubbe« in sein Ohr flüstern, und daraufhin nannte ich ihn heimlich so.
Dubbelubbe.
Ich war nicht besonders beeindruckt von ihm. Er trainierte eine Viertelstunde am Tag mit Hanteln, und er meinte immer das, was er sagte. Er lachte nur, wenn mindestens zwei Drittel der Gesellschaft, in der er sich gerade befand, das auch tat. Oft trug er rote oder gelbe Socken mit grünen Kleeblättern drauf. Wenn er in Zivil war, so zivil, wie er nur sein konnte.
Katta machte Pfannkuchen, weil Dubbelubbe kommen sollte. Meine Mutter hatte die Spätschicht bei Gahns, und dann übernahm Katta immer die Stellung. Besonders wenn der Polizeiaspirant zu erwarten war, so wie an diesem Abend.
»Das war vielleicht ein Regenwetter«, sagte Dubbelubbe.
»Cats and dogs«, stimmte meine Schwester zu. Englisch war eines ihrer Fächer bei Hermods.
Ich sagte gar nichts. Mein Vater sagte gar nichts.
»Zwanzig Millimeter sind runtergekommen«, sagte Dubbelubbe. »Draußen in Vintrosa. Das haben sie im Radio gesagt.«
»So viel?«, fragte meine Schwester.
»Aber in der Stadt war es nicht so viel«, führte Dubbelubbe weiter aus. »Ich meine natürlich in Örebro.«
»Kumla kann man ja nicht gerade als Stadt bezeichnen«, sagte meine Schwester und verdrehte etwas schwachsinnig die Augen.
»Nein, Örebro ist da etwas anderes«, sagte Dubbelubbe. »Und bald kommt der Sommer.«
»Ja, das stimmt«, sagte meine Schwester.
»Kann mir jemand die Marmelade geben?«, fragte mein Vater und sah müde aus.
Das Lundbomsche Haus, in dem die Familie Kekkonen-Bolego wohnte, trug seinen Namen nach einem Fabrikanten Lundbom. Er hatte den Kasten Mitte der Zwanziger Jahre gebaut, aber im Zusammenhang mit der Depression in den Dreißigern war er Bankrott gegangen und hatte versucht, sich auf dem Dachboden zu erhängen. Gutes Essen, Pasteten, Punsch und Pralinen hatten jedoch dazu geführt, dass er hundertfünfzig Kilo wog und das Seil riss.
Lundbom ließ sich davon aber nicht beirren, er nahm den Zug nach Örebro und machte sich einen vergnügten Abend im Stora Hotellet und in der Freimaurerloge. Danach sprang er in den Svartån. Aber auch diesmal lief es nicht nach Plan, er wurde einfach von der Strömung mitgezogen und blieb schließlich an dem lehmigen Ufer vor Kolja liegen. Wie er durch die Schleusen gekommen war, ist ein Rätsel. In den frühen Morgenstunden wurde er von einem Jungen entdeckt, der ihn mit Hilfe eines Bootshakens herauszuziehen versuchte; dessen Spitze traf jedoch Lundboms Halsschlagader, so dass es zum Schluss doch noch so kam, wie es kommen sollte. Der Junge saß eine Weile wegen Verdachts auf Raubmord oder Totschlag in Untersuchungshaft, wurde aber schnell von jedem Verdacht freigesprochen.
Unser Haus lag dem Lundbomschen gegenüber und hatte keinen Namen. Nur Fimbulgatan 6, und im ersten Stock hatte ich mein Zimmer, eine Kammer von höchstens acht Quadratmetern. Seit einigen Jahren hing das Versprechen in der Luft, dass ich Kattas Zimmer übernehmen dürfte, wenn sie sich nur endlich ein für alle Mal für ihren Aspiranten entscheiden könnte.
Ihr Zimmer war doppelt so groß wie meines, außerdem hatte es einen kleinen Balkon, aber eigentlich war es mir nicht so wichtig. Während meines ersten Jahres auf dem Gymnasium hatte ich nicht besonders viel begriffen, aber eine Sache war mir jedenfalls klar geworden. In Kumla gedachte ich nicht länger als unbedingt notwendig zu bleiben, irgendwie gab es dazu einfach keinen Grund. San Francisco oder London, das waren wohl die Städte, die als Erstes in Frage kamen, wenn ich die Stimmung in der Welt richtig deutete, aber wie dem auch war, es wäre sicher auch kein Fehler, sich nach Liverpool oder Rio de Janeiro zu begeben.
Meine zufällige Behausung – im Mai 1967, wie gesagt – enthielt kaum mehr als das Lebensnotwendige. Ein Bett, einen Schreibtisch, ein Bücherregal. Einen Schrank und einen Plattenspieler mit eingebautem Radio, der sogar zu der Zeit schon die reinste Peinlichkeit war. Aber es war benutzbar, dieser mahagonifurnierte Radolan, und meine Plattensammlung bestand – wie eine erneute Kontrollzählung nach den Pfannkuchen erwies – aus vierundzwanzig Platten. Dreizehn EPs und Singles, elf LPs. Wenn ich Jim Reeves Live at the Opry mitrechnete, und das machte ich diesmal. Wenn man bedachte, dass der verdammte Elonsson mehr als siebzig hatte, war damit natürlich nicht viel Staat zu machen, aber ich hatte vor, die Quotierung im Laufe des Sommers zu verbessern – dann würde ich im Schweiße meines Angesichts auf den Torffeldern von Säbylund ackern und Geld wie Heu verdienen.
Obwohl Elonsson natürlich auch da draußen im Torf herumkriechen wollte, so dass der Vorsprung vermutlich nicht einzuholen war. So war es nun einmal.
Ich legte Around and Around auf und streckte mich auf dem Bett aus. Hörte die Scheibe bis zu Ende, und dann blieb ich noch eine Weile liegen und lauschte, wie der Regen auf der Kastanie vor dem Fenster auftraf. Die hatte vor ein paar Wochen kräftig ausgeschlagen, das war eine Art Neuheit in diesem Jahr. Trotz aller Musik und aller neuer Tonarten, die es plötzlich in der Welt gab, war es doch dieses Geräusch, das ich am meisten liebte: die Regentropfen, die auf das Laub der Kastanie fielen. Es war einfach unwiderstehlich, und das gehörte zu den sonderbaren Dingen, über die ich gern mit Tante Ida sprach.
Sie war eigentlich gar nicht meine Tante, sondern die meiner Mutter, aber alle Menschen nannten sie nur Tante, also tat ich es auch. Sie wohnte in einem kleinen Haus in der Mossbanegatan und war blind. Oder zumindest reichlich sehbehindert, auch wenn sie selbst behauptete, sie hätte genug vom Elend dieser Welt gesehen, und deshalb hätte sie einfach ihre Augen geschlossen, als sie achtzig geworden war. Trotzdem kam sie in ihrem Haus und in Erwartung ihres Schöpfers immer noch problemlos zurecht.
Es war Tante Ida, die mir den Daumen des deutschen Fähnrichs gab, als meine Krankheit entdeckt wurde – ich werde noch darauf zurückkommen -, und ich wusste, dass wir eine Art Bündnis geschlossen hatten, auch wenn ich sie inzwischen kaum öfter als einmal im Monat besuchte. Bestenfalls ein paar Mal.
Es regnete fast den ganzen Abend auf die Kastanie, und ich blieb in meinem Zimmer, abgesehen davon, dass ich gegen neun Uhr runterging, um mir ein Brot zu schmieren und Elonsson anzurufen. Er versprach mir, am nächsten Tag wieder gesund zu sein, vorausgesetzt, wir nähmen den Zug, und da ich sowieso noch nichts wegen meiner kaputten Kette unternommen hatte, willigte ich ein, drei Kronen sechzig zu opfern. Wenn wir Pech hatten natürlich nur. Wenn uns die Götter gewogen waren, sollten wir es zumindest bei einer Fahrt auch so hinkriegen. Es war selten, dass die Schaffner es schafften, in den lächerlichen acht Minuten durch den ganzen Zug zu kommen. Es kam nur darauf an mitzukriegen, ob sie von der Mitte aus losgingen oder jeder von einer Seite, und sich dementsprechend zu verhalten.
Ich hörte mir auch meine neueste LP an: Bluesbreakers von John Mayall und Eric Clapton, und versuchte die Texte aufzuschreiben, während ich zuhörte, was trotz meiner ganz passablen englischen Fortschritte nicht so einfach war – anschließend ging ich dazu über, mich für den Test in dem selben Fach am kommenden Morgen zu präparieren.
Das war einfacher. Unsere erbärmliche Lehrerin hieß Rubenstråle, war hundertfünfunddreißig Jahre alt und sprach Englisch mit einem starken värmländischen Akzent. Sie hatte niemals eine Zeile weder von Dylan noch von Lennon gelesen, und wenn man cos statt because oder yeah statt yes schrieb, bekam man einen Minuspunkt. Aber man ließ nicht locker, steter Tropfen höhlt den Stein, und früher oder später würde auch Rubenstråle das Handtuch werfen müssen. Auf die eine oder andere Art und Weise.
Und an Waffen fehlte es uns nicht. Während des gesamten zweiten Halbjahres hatten Elonsson und ich unsere Aufsätze mit englischen Vokabeln der feinsten Art gewürzt.
buffeting – vor Kälte die Arme um den Leib schlagen hydropathic establishment – Kaltwasseranstalt goldfinch – Stieglitz
An diesem Abend schlug ich nach und lernte auswendig:
poultry – Federvieh dibble – Setzholz lockstitch – Kettenstich coparcener – Miterbberechtigter irrefrangible – unantastbar
Mein Wörterbuch war dick wie die Sünde und 1924 gedruckt. Ich hoffte, dass zumindest die Hälfte der Worte für Rubenstråle unauffindbar sein würde und dass ich ihr auf diese Art und Weise weitere graue Haarsträhnen und Kopfschmerzen der ganz allgemeinen Natur verpassen würde. We skipped the light fandango, wie man bald überall auf der Welt sagen würde.
Auch wenn meine Eltern wussten, dass ich dem Tabak zusprach, zog ich es doch vor, es nicht zu erwähnen, und in der Fimbulgatan herrschte eine Art Rauchverbot. Abgesehen davon, wenn mein Vater etwas trank, natürlich. Ich nahm meine letzte Pfeife an diesem Abend, rechtzeitig bevor meine Mutter von Gahns nach Hause kam, gegen halb elf, hing dabei halb aus dem Fenster, und alles war wie immer. Rechts von der Kastanie, in der Lücke, bevor die Nachbarhecke begann, sah ich das halbe Lundbomsche Haus. Ich konnte nicht umhin zu registrieren, dass oben bei Signhild Licht brannte. Diverse Gedanken überrollten mich, ich bekam eine ziemlich sinnlose Erektion, konnte sie aber wegdenken. Dachte stattdessen an das Gesicht ihrer Mutter hinter der Autoscheibe.
Was hatte sie dort gemacht? Draußen in Sannahed in einem dunklen Amazon an einem ganz normalen Donnerstagnachmittag? Und wer hatte neben ihr gesessen?
2
Vergiss nicht, dass du ein Målnberg bist«, sagte mein Vater. »Nicht allen ist diese herrliche Mischung in ihrem Namen vergönnt. Eine Wolke und ein Berg.«
»Ich weiß«, erwiderte ich. »Das hast du schon mal gesagt. Aber warum muss es dann falsch geschrieben sein?«
»Weiß der Teufel«, antwortete Vater mit gerunzelter Stirn. »Das war schon immer so.«
Es war am Samstag. Die ganze Familie samt Dubbelubbe saß um den Esstisch und aß Hecht auf Meerrettich mit zerlassener Butter, eine der Spezialitäten meiner Mutter. Mein Vater warf hin und wieder gern mit solchen Weisheiten um sich, liebte es geradezu, alle Trivialitäten des Alltags in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Ich glaube zumindest, dass er etwas in der Richtung anstrebte.
»Tutanchamon«, hatte er zum Beispiel festgestellt, als meine Krankheit entdeckt worden war. »Alexander der Große. Napoleon, wenn ich mich nicht irre. Du bist in guter Gesellschaft, mein Junge.«
Auch wenn ich es vor anderen nie zugab, so gefiel mir der Gedanke an die heilige Krankheit. Die Fallsucht, wie es früher hieß, klang ja nicht besonders aufregend, ich glaube, ich brauchte diese kleine geheimnisvolle Erhöhung. Den Pakt mit dem Übersinnlichen, die unsichtbare Markierung auf der Stirn, die nur die Auserwählten trugen.
Du gehst Hand in Hand mit Tutanchamon. Mit Alexander und Napoleon|... Ich hatte die Behauptungen meines Vaters in der Bibliothek überprüft und war zu der Erkenntnis gekommen, dass es – genau genommen – keinerlei medizinische Gründe gab, die dagegen sprachen, dass ich ein neuer John Lennon oder Ernest Hemingway werden würde.
Außerdem war es eine sanfte Variante. Die Elektrizität in meinem Körper brauchte ab und zu eine Entladung, wie Doktor Brundisius es damals vor fünf Jahren erklärt hatte. Aber keine größere, nur eine kleine Lukenöffnung, eine Absenz von einer oder ein paar Sekunden, als würde ich einen Augenblick lang schlafen. Kein Grund zur Beunruhigung. Kein Grund, etwas dagegen zu unternehmen.
Das konnte im Laufe der Zeit einfach aufhören.
Es könnte natürlich auch schlimmer werden, aber warum den Teufel an die Wand malen? Haha, du kannst Weltmeister im Schwergewichtsboxen und Ministerpräsident werden, mein junger Freund. Oder etwa nicht?
Verdammt blöde Kombination, hatte ich gedacht, aber nichts gesagt. Einen Schwindel erregenden Augenblick lang versuchte ich mir unseren Ministerpräsidenten Tage Erlander in Everlast-Shorts und Boxhandschuhen vorzustellen.
»Urban bedeutet Stadt«, warf Dubbelubbe ins Gespräch ein und schaufelte sich mehr Hecht auf.
»Stadt Stadtsohn«, sagte meine infantile Schwester kichernd.
»Oder eher stadtähnlich«, sagte Dubbelubbe.
»Bitte, nehmt euch doch noch vom Hecht«, sagte meine Mutter und schaute aus dem Fenster. »Ach, es ist richtig schönes Wetter heute. Ich weiß nicht, ob man nicht|...«
Sie redete häufig so, meine Mutter. Brach ihre Sätze mittendrin ab, als wüsste sie selbst nicht genau, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Oder als wäre die Fortsetzung so selbstverständlich, dass man sie sich selbst denken konnte.
»Du bleibst doch heute Abend zu Hause, Mauritz?«, fügte sie hinzu, als niemand den Faden aufnahm.
Ich weiß nicht, warum meine Eltern mich Mauritz getauft haben. Es gibt keinen anderen Mauritz in der Familie, weder auf mütterlicher noch auf väterlicher Seite. In meinen ersten sechzehndreiviertel Jahren auf der Erde habe ich niemals einen Menschen getroffen, der den gleichen Vornamen wie ich trug. Die meisten wurden Lennart, Staffan oder Alf genannt. Es gab auch den ein oder anderen Hans-Ove oder Lars-Åke oder auch mal Vincent. Aber Mauritz? Niemals. In meinen jüngeren Jahren sammelte ich Fußballbilder aus dem Rekordmagazin, ich hatte sie an der Wand hängen, bis ich intellektuell wurde – 126 Fußballmannschaften aus der ganzen Welt, elf Spieler in jeder Mannschaft, 1386 Männer in der Blüte ihres Lebens, und nicht ein einziger hieß Mauritz. Aber so war es nun einmal. Mein zweiter Name war Bartolomeus.
»Nein«, antwortete ich. »Ich gehe zu Elonsson.«
Meine Mutter seufzte.
»Immer dieser Elonsson. Ich finde ja wirklich|...«
Ich antwortete nicht.
»Ihr könnt doch hier bleiben«, führte meine Mutter aus.
»Elonsson ist doch ganz in Ordnung«, erklärte ich.
»Er raucht, und sein Bruder hat Jonssons Ferienhaus angezündet«, sagte meine Mutter. »Ist das etwa nicht|...?«
»Ich habe keinen Kontakt mit seinem Bruder«, sagte ich.
»Brandstiftung«, sagte Dubbelubbe, »oder genauer gesagt, versuchte Brandstiftung.«
»Ja, ja, ja«, warf mein Vater ein. »Es ist die Pflicht des Hausherrn, den Kopf des Hechts aufzuessen, und jetzt habe ich meine Pflicht getan.«
»Es gibt Rhabarbergrütze zum Nachtisch«, sagte meine Mutter.
»Wir gehen heute Abend ins Prisma«, gab Katta bekannt. »Ubbe hat sich neue Tanzschuhe gekauft.«
»Mauritz müsste mal zum Friseur«, sagte meine Mutter. »Warum kannst du nicht wie alle anderen aussehen?«
The answer is blowing in the wind, dachte ich und stand vom Esstisch auf.
An diesem Abend klingelte ich tatsächlich bei Signhild. Kekkonen öffnete. Er sah ganz rot im Gesicht aus, und mir war gleich klar, dass er dabei war, sich vor dem Fernseher den Alkoholpegel für den Samstagabend zu erarbeiten.
»Na?«, sagte er nur, schob dabei eine Hand unter sein Hemd und kratzte sich am Bauch.
»Ist Signhild zu Hause?«, fragte ich höflich.
»Woher zum Teufel soll ich das denn wissen?«, erwiderte Kekkonen. »Da musst du schon hochgehen und selbst nachgucken.«
Er rülpste und schlurfte zurück ins Wohnzimmer zu Lucille Ball. Ich lief die Treppe hoch und stieß auf halbem Weg mit Signhild zusammen. Sie trug weiße Jeans und einen dunkelblauen Pullover. Ich sah, dass sie sich ein bisschen geschminkt hatte, und bekam einen Kloß im Hals. Ihre Haare waren frisch gewaschen, und sie war noch hübscher als sonst.
»Hallo«, sagte ich. »Ich wollte nur mal hören, ob du in die Stadt gehst oder so. Ich wollte um halb sieben ein paar Kumpels treffen, wir könnten dann zusammen gehen.«
Das war mutig, verdammt mutig. Ich fühlte mich am ganzen Körper etwas merkwürdig. Und wenn sie jetzt Ja sagt, dachte ich. Wenn sie das tut, kriege ich bestimmt einen Anfall.
»Nein, danke schön«, erwiderte sie. »Tut mir Leid, aber ich kann nicht. Mona muss jeden Moment kommen. Wir wollen zusammen ins Kino.«
»Ach«, sagte ich. »Was wollt ihr euch denn ansehen?«
»Paul Anka im Folkan«, sagte Signhild. »Um halb neun.«
So ein Kitsch, dachte ich. Dass diese alberne Mona Signhild zu so einem Mist mitschleppen kann.
»Ach so«, sagte ich und wandte mich zum Gehen. »Dann bis bald.«
»Ich finde Paul Anka einfach stark«, sagte Signhild.
»Und wie«, stimmte ich ihr zu. »Verdammt stark.«
»Wir kriegen einen Untermieter«, sagte Signhild.
»Was?«, entfuhr es mir, die Hand auf der Türklinke. »Einen Untermieter?«
»Ja. In Snukkes Zimmer. Er kommt ja sowieso nicht mehr nach Hause. Deshalb vermieten wir es und verdienen so ein bisschen Geld.«
»Ich verstehe«, sagte ich. »Nee, Snukke wird wohl in nächster Zeit nicht zurückkommen.«
Snukke war Signhilds älterer Bruder. Halbbruder, wenn man genau sein will. Der Sohn von Kekkonen, aber nicht von Ester Bolego. Ich weiß nicht, wie alt er zu der Zeit war, dreiundzwanzig, vierundzwanzig wahrscheinlich. Er hatte nur im ersten Jahr, nachdem sie in die Fimbulgatan gezogen waren, bei der Familie gewohnt, danach war er seinen verschlungenen Pfaden mit Autodiebstählen, Einbrüchen, Prügeleien und anderen Ungesetzlichkeiten gefolgt. Die Familie Kekkonen-Bolego behauptete, er würde sich nunmehr irgendwo auf den sieben Weltmeeren befinden, während alle anderen meinten, seine Aussicht wäre sicher sehr viel eingeschränkter.
Aber trotz allem nicht im Staatsgefängnis. Wenn er da gesessen hätte, wäre die Sache allgemein in der Stadt bekannt gewesen, und dem war nicht so.
»Er heißt Olsson«, fuhr Signhild fort, als ich bereits die Tür geöffnet hatte. »Zieht nächste Woche hier ein.«
»Ach«, sagte ich wieder. »Ja, das wird bestimmt gut.«
Das wurde es nicht, wie es sich herausstellte. Aber das konnte ich damals ja nicht wissen, sechzehn Jahre und zehn Monate alt, picklig und ahnungslos.
Ich traf Elonsson wie verabredet beim Dreckigen Bullen. Tjorven und Biffen hingen dort auch herum, ebenso wie Svante, Pucko, Balthazar Lindblom und noch ein paar andere. Die ganze Bande wirkte etwas bedrückt, abgesehen von Biffen und Tjorven, die in zwei Wochen nach London reisen sollten und über alles Mögliche plapperten, was sie dort machen wollten, alle Bands, die sie hören,und alle Bräute, die sie dort kennen lernen wollten. Vielleicht sahen die anderen deshalb so niedergeschlagen aus. Irgendwie erschien London doch ziemlich groß und Kumla im Gegenzug reichlich klein.
»Was machen wir?«, fragte Elonsson, als wir uns in eine Ecke zurückgezogen hatten. »Wenn wir noch eine Minute länger hier bleiben, dann hau ich Biffen eins aufs Maul.«
Wir verließen den Dreckigen Bullen, damit Elonsson seine Prophezeiung nicht wahrmachen musste. Wenn es jemanden in Mittelschweden und Umgebung gab, dem man keine aufs Maul geben durfte, dann war es Biffen. Sein Vater war schwedischer Meister im Ringen gewesen, sowohl in Freestyle als auch in Griechisch-Römisch, und es hieß, dass Biffen ihn bereits mit dreizehn Jahren auf die Matte gelegt hatte. Biffen junior, wie gesagt, Biffen senior war schon über fünfzig.
Es wurde auch gesagt, dass Biffen haargenau den gleichen Bizepsumfang hatte wie Sonny Liston und dass er einen DKW nur mit einer Hand umkippen konnte.
Und dass er das schon mal gemacht hatte.
»Wir können ins Kino gehen«, schlug ich vor. »Im Folkan läuft was mit Paul Anka.«
Elonsson ließ die Zigarette fallen, die er sich gerade zwischen die Lippen geschoben hatte.
»Was hast du gesagt? Paul Anka|...?«
»Ich habe nur Spaß gemacht«, versicherte ich.
»Vielen Dank«, sagte Elonsson und hob seine Zigarette auf. »Aber irgendwo hört der Spaß auf.«
Schweigend gingen wir zum Marktplatz. Es war ziemlich windig, und Regen hing in der Luft. Zwölf Grad, wie ich annahm, und die einzigen Lebenszeichen kamen von den üblichen Besoffenen um Törners Würstchenbude herum. Es war ein paar Minuten nach halb acht.
»Das hier ist nicht gerade der Nabel der Welt«, sagte ich. »Verdammt, ich wette, dass sich auf dem Leicester Square mehr Leute rumtreiben.«
Elonsson schob seinen Pony zur Seite, der bis über die Augen reichte, und schaute mich skeptisch an.
»Wir können es ja in Hallsberg versuchen«, sagte er schließlich. »Ich glaube, in der Grotte läuft was.«
Ich überschlug kurz meinen Kassenstand. Die fünfundzwanzig Kronen, die ich in der Brieftasche hatte, müssten für das Wesentliche reichen: Zugfahrkarte, Eintritt, ein kleines Päckchen MacBaren und ein Würstchen mit Kartoffelbrei. Ich nickte finster.
Die Nacht war noch jung.
In der Grotte lief tatsächlich etwas. Aber es war eine Tanzband aus Karlskoga mit dem Namen Bengt-Ivars oder etwas Ähnliches Selbstgestricktes, deshalb machten wir lieber eine ruhige Tour die Storgatan entlang. Vorbei an Stigs Buchhandlung, am Bergööska-Haus bis zur abgebrannten Ruine. Offenbar ging in dem dunklen Gemäuer etwas vor sich. In dem Schloss, wie es genannt wurde. See Emily Play war durch ein geöffnetes Fenster im ersten Stock zu hören, und ein paar schwankende Gestalten mit Bierdosen in der Hand pinkelten draußen ins Gebüsch – aber weder ich noch Elonsson fühlten uns direkt eingeladen. Wir erinnerten uns beide nur zu gut daran, dass wir trotz allem erst sechzehn waren. Elonsson mit seiner gespaltenen Lippe, ich war Epileptiker, und plötzlich wurde uns klar, dass wir eigentlich ganz dringend ein paar Würstchen mit Kartoffelbrei brauchten.
»Verdammt, was habe ich für einen Hunger«, sagte Elonsson. »Das bringt hier doch alles nichts. Wollen wir sehen, dass wir was zwischen die Zähne kriegen?«
Ich nickte, und so kehrten wir um und gingen wieder zum Marktplatz. Als ich einen Blick auf die Bahnhofsuhr warf, sah ich, dass es noch nicht einmal zehn Uhr war. Ich stellte fest, dass wir sowohl ein Würstchen als auch den 22.20 Uhr-Zug schaffen würden, und wenn ich mich nicht vollkommen täuschte, so würden wir somit rechtzeitig zum Filmende im Folkan in Kumla ankommen.
Der Abend war noch viel zu jung, um nach Hause zu gehen und sich in den Schlaf zu weinen.
Um etliches zu jung.
Im Zug trafen wir Röv-Enok und Lars-Magnus Tolvberg, und als sich herausstellte, dass Lars-Magnus in seinem Haus im Gartzvägen sturmfreie Bude hatte, verabredeten wir uns zu einer Pokerpartie als Abschluss des Samstagabends. Wir gingen natürlich am Gemeindehaus vorbei, aber offenbar sülzte Herr Anka dieses Mal ungewöhnlich lange, so dass wir nicht den Zipfel irgendwelchen herausströmenden Publikums sahen. Mir fiel auch keine sinnvolle Methode ein, die übrigen auf irgendeine Weise aufzuhalten, so dass ich beschloss, Signhild für diesen Abend lieber zu vergessen. Es war nicht das erste Mal.
Ganz gewiss nicht.
Wir spielten um fünfundzwanzig Öre mit obligatorischer Bubeneröffnung, wie immer. Maximale Erhöhung auf eine Krone. Ich fing mit sechs fünfzig in der Tasche an, und als ich gegen ein Uhr heimwärts wanderte, war ich Röv-Enok fünf Kronen und Elonsson zehn schuldig.
Das war ein blöder Samstag gewesen, um Klartext zu sprechen. Ich fühlte mich ziemlich niedergeschlagen, und bei meiner letzten Nachtpfeife zum Fenster hinaus konnte ich nicht einmal einen Lichtschimmer von Signhild entdecken.
Ich werde niemals mit ihr zusammenkommen, dachte ich. Und auch mit sonst keiner.
In dreißig oder fünfzig oder siebzig Jahren werde ich ebenso unschuldig sterben, wie ich jetzt hier stehe und in die Dunkelheit hinausstarre. Ich werde niemals New York oder Liverpool oder eine nackte Frau sehen. Warum springe ich also nicht und mache diesem elenden Leben gleich ein Ende?
Mit Hinblick darauf, dass die Fallhöhe auf die weiche Rasenoberfläche nicht mehr als fünf, sechs Meter betrug, verschob ich diesen Beschluss jedoch in die Zukunft. Man will ja nicht behindert werden. Stattdessen legte ich Lightnin’ Hopkins auf, so leise, dass es nicht durch die Decke zu hören war, kroch ins Bett und schlug den Salinger da auf, wo ich ihn am letzten Abend verlassen hatte.
3
Alles ist relativ – außer Ester Bolego«, hatte mein Vater einmal gesagt.
Ich begriff nie, was er damit meinte, aber ich begriff schon, dass Signhilds Mutter etwas Besonderes an sich hatte. Ein bisschen etwas extra, so dumm war ich ja nun auch wieder nicht.
Allein dass sie nicht den gleichen Nachnamen wie ihr Mann trug, war natürlich auffällig. Und dass Signhild sich lieber nur Bolego nannte, obwohl sie doch eigentlich beide Namen auf ihrem Taufschein stehen hatte.
Als wäre es Ester Bolego, die irgendwie das Ruder in der Hand hielt, ich weiß noch, dass ich das manchmal dachte. Dass letztendlich nicht Kalle Kekkonen derjenige war, der entschied, in welche Richtung es gehen sollte.
Oder Kalevi, wie er eigentlich hieß. Er war älter als sie, das konnte jeder sehen, außerdem noch deutlich hässlicher, und wenn ich zu der Zeit nur nicht so schrecklich jung und kurzsichtig gewesen wäre, dann hätte ich wahrscheinlich auch gesehen, was alle anderen sahen. Zumindest die so genannten erwachsenen Männer.
Dass auch die reife Frau im Lundbomschen Haus eine Schönheit war. Groß, kräftig und rotbraunhaarig, ihr Haar war eine halbe Nuance heller als Signhilds, aber die Konsistenz war zweifellos die gleiche. Dazu kleidete sie sich immer in kräftige Farben – gelb, rot und orange -, lange Kleider und merkwürdige Jacken und Tücher, die sie augenblicklich von den anderen kleinen Pastellfrauen in unserem Viertel und dem ganzen Ort unterschieden. Ein Pfau auf einem Hühnerhof, auch wenn sie nie direkt protzig herumlief.
Außerdem sang sie. In Sveas Konditorei, in der sie arbeitete, summte sie meistens – aber daheim, besonders während der schönen Frühlings- und Sommerabende, da konnte man ihre kräftige Stimme gut artikuliert vernehmen. Ein voller Alt, der durch die geöffneten Fenster des Lundbomschen Hauses drang und über die geschmückten Gärten der Fimbulgatan schwebte. Die Worte waren nie zu verstehen, die meisten waren wohl italienisch, ihr ungewöhnlicher Nachname deutete ja darauf hin, dass sie aus dieser Gegend stammte. Verdi und Puccini vielleicht, aber ich weiß es nicht.
Ich nehme an, dass die Konditorei einen Aufschwung erlebte, als sie dort zu arbeiten anfing, und es gab die These, wonach der Schlagersänger Owe Thörnqvist auf Tournee gewesen und eine Kaffeepause in Kumla eingelegt haben soll, kurz bevor er den Text zu Dagny schrieb.
Obwohl das sicher nur eine lokale Theorie war.
Sie hatte auch eine etwas auffällige Art zu sprechen, die Ester Bolego. Nicht, dass sie einen Akzent hatte, aber ihr Schwedisch kam irgendwie aus einem anderen Brunnen. Nachdenklich, klar und irgendwie veredelt. Wenn man sie etwas fragte, dachte sie oft gründlich nach, bevor sie antwortete, bohrte ihre warmen, dunklen Augen in den Fragenden und betrachtete ihn ernsthaft.
»Mein lieber Freund«, konnte sie sagen. »Wenn du wirklich mit meiner Tochter sprechen willst, dann musst du all deinen Mut zusammennehmen und die Treppe hinaufgehen.«
Oder: »Diese Frage kannst du dir selbst beantworten, oder nicht?«
Vielleicht besaß Signhild die gleiche Art des Ernstes wie ihre Mutter, und vielleicht liebte ich sie gerade deshalb. Ich wusste, dass sie niemals so einem pathetischen Plattfuß wie Paul Anka verfallen würde. Signhild und ich kannten uns seit unserer Kindheit, und in bestimmten Augenblicken war es einfach nicht vorstellbar, dass noch andere Frauen in meinem Leben eine Rolle spielen könnten. Oder andere Männer in ihrem.
Inwieweit Signhild auf die Idee kam, in den gleichen Bahnen wie ich zu denken, das war eine Frage, die ich zu diesem Zeitpunkt – dem Monatswechsel Mai/Juni 1967 – nicht im Traum hätte beantworten können. Ich glaube, ich spekulierte nicht einmal darüber, traute mich nicht. Bei bestimmten Dingen bohrt man lieber nicht zu tief nach, wenn man sein Haupt weiterhin hoch erhoben tragen will, das war mir so langsam klar geworden.
Von Kalevi Kekkonen hieß es unter anderem, dass er ein Kraftmensch sei. So wurden alle rotköpfigen Kerle bezeichnet, die mehr als hundert Kilo wogen, und auf Kekkonen traf die Bezeichnung besonders gut zu. Er arbeitete als Uhrmacher, war der geschickteste Uhrenfummler in ganz Svealand und Umgebung. Man konnte mit einer Dampfwalze über seine Armbanduhr oder Taschenuhr fahren, dann Kekkonen die Reste bringen und sie nach zwei Tagen wieder wie neu zurückbekommen.
Es war natürlich etwas merkwürdig, dass ein Riese wie Kekkonen mit so etwas Fummligem wie Uhren und Uhrwerken beschäftigt war, aber so war es nun einmal. Er arbeitete bei Didriksens Ur&Klock hinten am Stenevägen. Ein Däne und ein Finne. Es wurde behauptet, sie sprächen niemals miteinander, da jeder seinen Akzent der schwedischen Sprache hätte und deshalb den anderen nicht verstehen könnte. Aber im Uhrenreparieren waren sie Weltmeister.
Die Besten in Kumla, vielleicht sogar in der ganzen Welt.
Auch wenn man Kalevi Kekkonens professionelles Verhalten berücksichtigte, war es nur schwer zu verstehen, wie es ihm gelungen sein sollte, eine Frau wie Ester Bolego für sich zu gewinnen, darin waren sich viele einig. Aber wie man auch dazu stand, so war sie eine Frau aus Blut und Feuer.
Kekkonen war ein Mann aus Holz und Schnaps.
So geil ist der Finne auf seine Uhren, hieß es von ihm, dass er gegen die Zeit trinkt, sobald er kann.
Außerdem war er Kommunist, Aufwiegler und Schachspieler.
Und bald würde er tot sein
Kalevi Kekkonen, du Unglücksrabe.