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Am 6. Oktober 2014 wurde Marshall Rosenberg 80 Jahre alt. Sein Werk, die Gewaltfreie Kommunikation, wird in vielen Bereichen angewandt und von vielen Trainerinnen und Trainern weltweit immer weiter verbreitet. Doch wie kommen Menschen in Berührung mit der GFK? Welche Auswirkungen hat sie auf ihr Leben? Was waren die Erlebnisse, die sie am meisten berührt und beeindruckt haben? Ingrid Holler, selbst GFK-Trainerin, hat hierzu Kolleginnen und Kollegen befragt. Und was haben sie geantwortet? Das Spektrum reicht von Geschichten persönlicher Entwicklung über Themen am Arbeitsplatz bis hin zu gesellschaftlichen Veränderungen. Es sind Berichte zusammengekommen, die berühren, die möglicherweise aber auch motivieren, sich selbst auf die Erfahrung Gewaltfreie Kommunikation einzulassen. Mit Beiträgen aus Indien, Kroatien, Deutschland, Ungarn, Schweiz, Österreich, Schweden u.a.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2014
Ingrid Holler (Hrsg.)Und plötzlich öffnet sich eine Tür
Wie kommen Menschen in Berührung mit der Gewaltfreien Kommunikation? Welche Auswirkungen hat sie auf ihr Leben? Was waren die Erlebnisse, die sie am meisten berührt und beeindruckt haben? Ingrid Holler, selbst GFK-Trainerin, hat Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland hierzu befragt. Und was haben sie geantwortet? Das Spektrum reicht von Geschichten persönlicher Entwicklung über Themen am Arbeitsplatz bis hin zu gesellschaftlichen Veränderungen. Dieses Buch dokumentiert ihre Erzählungen, die berühren, die möglicherweise aber auch motivieren, sich selbst auf die Erfahrung Gewaltfreie Kommunikation einzulassen. Das Buch ist zugleich ein Dank der Beiträgerinnen und Beiträger an Marshall B. Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat. Es erscheint aus Anlass seines 80. Geburtstags am 6. Oktober 2014.
Ingrid Holler ist Autorin und Seminarleiterin und in der Gewaltfreien Kommunikation sowie als Coach und Mediatorin aktiv. Sie lebt und arbeitet in München und freut sich über so manche fröhliche und vertrauensvolle Facette, die die GFK in ihr Leben gebracht hat. http://www.akademie-blickwinkel.de
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2014
Coverfoto: © kohy – Fotolia.com
Covergestaltung / Reihenentwurf: Christian Tschepp
Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2014
ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-019-4
ISBN dieses eBooks: 978-3-95571-029-3 (EPUB), 978-3-95571-306-5 (PDF), 978-3-95571-305-8 (MOBI)
Ich liebe Bücher und alles, was dazugehört – sie zu lesen, neue Bücher zu ersinnen, sie (gemeinsam) zu schreiben und auch den ganzen Entstehungsprozess eines Buches zu begleiten: von den ersten Ideen über die Arbeit am Text bis hin zu dem Moment, in dem ich das fertige Buch in Händen halte. Und so wuchs schon länger eine neue Buch-Idee in mir: Nachdem die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) seit nunmehr 20 Jahren in Deutschland ihr „Wesen“ verbreitet[1], dachte ich immer mal wieder daran, konkrete Erfahrungsberichte mit der Gewaltfreien Kommunikation in einem Buch zusammenzustellen. Dieses zarte Pflänzchen bekam nun im Sommer 2013 den entscheidenden Wachstumsschub: Dr. Stephan Dietrich vom Junfermann Verlag schlug mir vor, zum 80. Geburtstag von Dr. Marshall Rosenberg, dem Begründer der GFK, ein Buch mit Geschichten herauszubringen, die die Wirksamkeit der GFK in den verschiedensten Lebensbereichen dokumentieren. Er bot mir an, diese Idee unter meiner Leitung zu verwirklichen.
Wow! Halt, erst mal überlegen, was heißt das? Das heißt, einen Themenkatalog zu erstellen, mit unterschiedlichen Autorinnen und Autoren zusammenzuarbeiten, Texte zu redigieren und den ganzen Entstehungsprozess zu begleiten. Ich sehe auch die Möglichkeit, neben der Arbeit an diesem Buch, das zu leben, was mir persönlich in der GFK besonders wichtig ist: Verbindung schaffen und daraus etwas Neues entstehen lassen. Das klingt alles sehr spannend. Ja, das will ich gerne machen! Ich nehme das Angebot an und los geht es.
Zu meiner großen Freude liegt das Buch nun vor, und mein herzlicher Dank geht an alle Mitwirkenden, insbesondere an meine GFK-Kolleginnen und -Kollegen, an die Teilnehmenden aus unseren Seminaren und an meine Freunde und Freundinnen, die ihre Geschichten mit Herzblut zu diesem Buch beitragen. Es hat mir wirklich viel Freude gemacht, die Geschichten im Austausch mit den AutorInnen zu redigieren. Ich danke Stephan Dietrich für die Buch-Idee und die unterstützende und tatkräftige Umsetzung, und natürlich – ein dickes Dankeschön an Marshall Rosenberg, der die GFK entwickelt, unzählige Samen davon in aller Welt ausgesät und die Pflänzchen aufgezogen hat. Dieses Buch erzählt über die Wurzeln, die Gewächse und die Blüten, die daraus entstanden sind.
In seinen Erlebnisberichten zeigt uns das Buch zweierlei: Zum einen wirkt die GFK tatsächlich in allen Bereichen, in denen Menschen sich bewegen, aufeinandertreffen und miteinander auskommen (müssen) – ob in der Familie oder am Arbeitsplatz, im Alltag oder auch international, in ganz anderen Kulturen. Und zum anderen wirkt die GFK dann besonders gut, wenn sie in der inneren Haltung und der persönlichen Denkweise zu Hause ist.
Die Erzählungen machen deutlich, wie wichtig es ist, in Kontakt mit sich selbst zu kommen – und das nicht nur in einem Konfliktfall. Sich selbst klar zu werden: Wie geht es mir eigentlich, was ist mir wichtig, was möchte ich, wo soll es denn hingehen (in meinem Leben)? Antworten auf diese Fragen sind nicht selten „verschütt“gegangen auf dem Weg, ein gut funktionierendes Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Auf diesem Weg begegnen einem unzählige Normen und Konventionen: Dies muss man tun und jenes lassen, stark muss man sein und Gefühle lieber nicht zeigen, alles soll man im Griff haben und immer zur Stelle sein und nicht zu viel wollen für sich selbst, außer man kann es sich leisten, dann aber richtig zulangen! Alles richtig machen und bloß nichts falsch. All diese Erwartungen und Ansprüche sind uns manchmal schon zur „zweiten Natur“ geworden: Wir stellen sie jetzt an uns selbst – und an unsere Mitmenschen. Leider entsprechen sie eher nicht dem, was wir wirklich brauchen, was uns guttut und was uns im Miteinander hilft. Deshalb können sie uns das Leben sehr schwer machen.
Am Münchner Flughafen hatte ich dazu kürzlich eine berührende Begegnung. Wenn ich durch die Sicherheitsschleuse gehe, sehe ich mein Hab und Gut zwischen dem anderer Passagiere immer in der Ferne auf dem Laufband entschwinden. Das lässt eine gewisse Unruhe in mir aufkommen. Die Sicht ist mir durch diverse Apparaturen versperrt, und außerdem muss ich gerade meine Schuhe aus- und wieder anziehen. Diesmal jedoch sehe ich einige Angestellte mit etwas Abstand hinter den Bändern stehen. Ah, denke ich freudig, die passen jetzt auf unsere Sachen auf, ich kann mich entspannen. Da ich mir mit der GFK angewöhnt habe, mehrmals täglich mein Augenmerk auf Gelungenes zu richten und Wertschätzung auszudrücken, gehe ich kurz darauf zu dem Mann, der hinter „meinem“ Band steht, und spreche ihn an: „Ich sehe, Sie passen auf unser Gepäck auf, das freut mich sehr, weil das meiner Sicherheit dient – vielen Dank“. Erwartungsvoll bleibe ich stehen. Er reagiert so: Erst zuckt er kurz, zieht die Augenbrauchen hoch, reißt die Augen wie erschreckt auf und neigt sich etwas zurück, dann neigt er sich wieder vor, die Augenbrauen gehen runter und er atmet erleichtert aus mit den Worten: „Ach, und ich dachte schon, da will sich wieder einer beschweren, weil was falsch läuft. Und Sie finden das gut, ja äh … ja schön“, er lacht freundlich auf: „Wir sind zwar nicht da, um auf das Gepäck aufzupassen, sondern wir schauen nach Terroristen, aber es tut trotzdem gut, das von Ihnen zu hören, danke!“ Wir unterhalten uns noch kurz, dann gehe ich beschwingt davon.
Mich berührt der Schreck, den er scheinbar spontan erfuhr bei dem Gedanken, oje, ich habe etwas falsch gemacht. Dann wird es ein kurzes, verbindendes und freudiges Gespräch (auch wenn seine Aufgabe nicht ganz meinen Wünschen entsprochen hat). Wir sind uns begegnet in dem „Land jenseits von Richtig und Falsch“[2].
In diesem Land zeigt uns die GFK konkrete, praktische Wege auf, „wie wir wieder erleben können, was wir selbst fühlen und was wir brauchen und wie es unseren Mitmenschen geht und was sie brauchen – um letztlich die Lage für alle Beteiligten zu verbessern“.[3] Auf diesen Wegen erfahren wir, wie wir nach unseren Werten leben können, die wir ja mit allen Menschen teilen. Wie wir z. B. Wertschätzung erleben können, die keinen Preis hat, und Unterstützung geben, freiwillig und ohne inneren Druck, wie wir uns selbst treu sein können, ohne uns zu verstecken, und wie wir die Interessen anderer berücksichtigen und auf Augenhöhe bleiben. „Kultiviert man eine Geisteshaltung, die sich nicht an Richtig und Falsch klammert, erlebt man eine frische, neue Art des Seins.“[4]
Auf diese Weise räumen wir unseren Herzen Mitspracherecht in unserem Denken ein. Wenn das geschieht, dann öffnen sich plötzlich Türen. Die Geschichten in diesem Buch erzählen davon.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie in diesem Buch etwas für sich entdecken, das Sie anspricht, vielleicht auch manches, was Sie nachdenklich macht, Sie berührt oder ein Lächeln auf Ihr Gesicht zaubert.
Ingrid Holler
München, im Sommer 2014
Nie werde ich jenen ungemütlichen, kalten und schaurigen Abend im Londoner Stadtteil Wembley vergessen, der mein ganzes Leben veränderte …
Ich hielt mich in England auf und machte gerade meine ersten Baby-Giraffenschritte, indem ich bei Bridget, Gina und in einigen Trainings mit Dr. Marshall Rosenberg die GFK lernte. Ich war ein Giraffenbaby und begann eben erst Laufen zu lernen. Ich konnte die GFK gewissermaßen noch nicht fließend und hatte manchmal auch so meine Zweifel an der Methode … Kann das wirklich funktionieren? Ich hatte diese Bedenken sogar einmal Dr. Rosenberg gegenüber offen eingestanden.
Es war der 7. April 2004, als mich Sanju, eine Freundin aus Indien, anrief. Sie war auf Besuch in England und wollte sich mit mir treffen. Wir wollten zusammen zu Abend essen, und ich sollte ihre Familie kennenlernen. Ihr Hotel war das Wembley Plaza in Wembley. Ich freute mich wirklich darauf, sie und ihre Familie zu treffen.
Ich fuhr mit der U-Bahn von Bethnal Green nach Wembley. Etwa um acht Uhr abends kam ich dort an. Es regnete, es war windig und kalt. Ich hatte drei Lagen Kleidung und eine dicke Jacke angezogen, um mich gegen die fürchterliche Kälte zu wappnen, an die ich mich noch nicht gewöhnt hatte. Ich ging von der U-Bahn-Station zu Fuß zum Hotel. An der Rezeption fragte ich nach meiner Freundin und wurde gebeten, sie vom Telefon an der Rezeption aus auf ihrem Zimmer anzurufen. Doch es ging niemand ran. Nach etwa fünf bis zehn Minuten versuchte ich es noch einmal, hatte aber erneut kein Glück. So ging es die ganze Zeit, bis elf Uhr abends. Um elf erklärte mir die Mitarbeiterin an der Rezeption, dass meine Freundin ja vielleicht als Touristin einen netten Abend irgendwo entlang der Themse verbringe. Ich gab schließlich auf, nahm die Blumen, die Schokolade und die Karte, die ich für ihre Familie mitgebracht hatte, wieder an mich und bat die Rezeptionistin, meiner Freundin auszurichten, dass Aniruddha dagewesen sei, wenn sie zurückkäme.
Ich ging also wieder zurück zur U-Bahn-Station Wembley. Die Straße war menschenleer und es war dunkel und kalt. Ich ging auf dem Bürgersteig, zu meiner Linken die Schienen, zur Rechten Häuser. Es war nicht mehr weit, nur noch etwa zwei bis drei Gehminuten bis zur U-Bahn-Station. Ehe ich so recht begreifen konnte, was geschah, kam wie aus dem Nichts ein etwa 1,80 Meter großer kräftiger Kerl aus einer dunklen Seitengasse. Er trug einen dunklen Kapuzenpulli, den Kopf tief in die Kapuze geschoben. Er griff mich am Kragen, drückte mich an die Mauer und sagte mit angsteinflößender Stimme: „Gib mir alles Geld, was du hast!“ Ich hatte Todesangst …
Drei Jahre lang hatte ich in Indien Kampfsportarten trainiert – ich kann euch sagen: Wenn man sie wirklich braucht, helfen sie nicht. Ich hatte solche Angst, dass ich nicht einmal richtig stehen konnte. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, meine Kehle war trocken und trotz der Kälte brach mir der Schweiß aus. Ich stand überhaupt nur aufrecht, weil der Mann mich am Kragen und gegen die Mauer gedrückt festhielt. Vor meinem inneren Auge tauchte blitzartig das Bild meiner Familie in Indien auf. Ich hatte 500 Pfund Bargeld und eine Digitalkamera bei mir. Ich sagte mir, „Aniruddha, jetzt ist es vorbei.“
Dann hörte ich wieder seine furchtbare Stimme: „Gib mir dein ganzes Geld!“
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Plötzlich antwortete tief aus meinem Inneren eine Babygiraffe mit sanfter Stimme: „Sind Sie verzweifelt?“
MANN: „Hör auf mit mir zu reden und gib’ mir dein Geld! Hast du etwa keine Angst?“
ICH: „Und ob ich Angst habe – ich kann nicht aufrecht stehen und meine Kehle ist trocken …“
MANN: „Gib mir einfach dein Geld. Ich habe Hunger und will Hähnchen essen …“
Das zu hören bewegte und berührte mich tief. Ich sah jetzt, dass vor mir nicht einfach ein Straßenräuber stand, sondern ein hungriger Mann, der sich der einzigen Strategie bediente, die er kannte, um sich sein Bedürfnis zu erfüllen. In meiner Hosentasche befanden sich etwa 15 Pfund Kleingeld. Die nahm ich jetzt heraus und sagte:
„Es macht mich traurig zu hören, dass Sie hungrig sind.“ (Ich hielt ihm das Geld hin.) „Ich hoffe, dass dies Ihren Wunsch danach, Hähnchen zu essen, erfüllen kann“.
Während ich ihm das Geld hinhielt, konnte ich in seine unter der Kapuze verborgenen Augen sehen. Da sah ich mit eigenen Augen eine Verwandlung vor sich gehen – hinter dem Straßenräuber konnte ich plötzlich ein schönes menschliches Wesen erkennen. Ich konnte kindliche Unschuld in seinen Augen sehen.
Er sah in meine Augen und sagte: „Sie sind so ein netter Mensch, und ich brauche Ihr Geld nicht.“ Er gab mir alles zurück. Ich hielt die Münzen in meiner Hand und sagte:
„Ich will wirklich etwas zu Ihrem Leben beitragen. Bitte nehmen Sie es.“
MANN: „Ich brauche ja nur 2 Pfund“.
ICH: „Nehmen Sie es sich“.
MANN: „Nein, geben Sie es mir“.
Ich nahm eine 2-Pfund-Münze und gab sie ihm. Er sagte: „Mann, Sie sind wirklich so nett … Gott segne Sie.“ Und damit verschwand er.
Ich konnte nicht glauben, was ich gerade erlebt hatte. An diesem Tag sah ich mit eigenen Augen eine Verwandlung. Das Leben lehrte mich eine wichtige Lektion: Beurteile die Menschen nicht nach ihren Handlungen. Wir müssen tiefer gehen und ihr Herz berühren. Nur dann sehen wir das schöne menschliche Wesen aus ihnen hervortreten. Häufig sind es unsere eigene Angst und unsere Urteile, die uns davon abhalten, mitfühlend mit anderen Menschen in Verbindung zu treten. Schönheit liegt darin, diese Urteile abzulegen und zu 100 % in jedem Moment gegenwärtig zu sein.
Heute bin ich dieser Babygiraffe dankbar, die mir das Leben rettete und mir eine neue Perspektive auf das Leben eröffnete. Dr. Rosenberg bin ich dankbar für dieses wunderschöne Geschenk, das mein Leben änderte.
Seit damals betrachte ich es als meine Bestimmung, die GFK zu verbreiten, damit sie dem Planeten Erde Frieden bringe. Die meisten meiner Trainings biete ich umsonst an, damit sie auch von sozial und wirtschaftlich benachteiligten Menschen besucht werden können.
Kennen Sie das? Sie haben ein Problem und wenden sich an die zuständige telefonische Hotline. Nachdem Sie einige Zeit in der Warteschleife verbracht und diverse Tasten gedrückt haben, um mit der „richtigen“ Stelle verbunden zu werden, schildern sie endlich dem Menschen am anderen Ende der Leitung Ihr Problem. Und hören dann: „Das kann nicht sein!“
Situationen wie diese haben mich früher sofort „auf die Palme“ gebracht. Ich wurde sauer, ohne mir bewusst zu sein, warum ich eigentlich so heftige emotionale Reaktionen hatte. Das hat sich mit der GFK doch merklich geändert und ich möchte Ihnen gerne davon berichten.
Als mich Ingrid Holler fragte, ob ich einen Beitrag zu diesem Buch schreiben möchte, habe ich spontan zugesagt, denn ich erlebe die GFK als große Bereicherung in meinem Leben und bin Marshall Rosenberg sehr dankbar, dass er sie in die Welt gebracht hat.
Nur: Welche von den vielen Situationen, in denen ich Erfolge feiern konnte, sollte ich auswählen? Einen der großen „Durchbrüche“, in dem mich Erkenntnisse über mich selbst geradezu euphorisiert hatten? Einen der bewegenden Momente im Kontakt mit anderen, in dem ich Menschen mit der GFK hilfreich zur Seite stehen konnte?
Nach einer Weile des Nachdenkens fiel mir die Wahl nicht mehr schwer: So wichtig die „großen“ Ereignisse für mich persönlich auch sind, so sehr schätze ich die GFK bei sogenannten „Kleinigkeiten“, alltäglichen Situation, wie sie mir tagtäglich begegnen. Man könnte sie vielleicht auch als „kleine Wunder“ bezeichnen …
So auch letzthin wieder einmal, als in unserem Büro eines Morgens weder Telefon noch Internet funktionierten. Ein Blick auf unseren Router verhieß nichts Gutes: Ein wahres Feuerwerk der Anzeigen, so ziemlich jede Anzeige blinkte mir aufgeregt entgegen. Also rief ich mit meinem Mobiltelefon die zuständige Hotline unserer Telefongesellschaft an.
Von Marshall hatte ich verstanden: 80 % der GFK ist Selbstempathie. Bereits in der Warteschleife hatte ich Gelegenheit zur Anwendung: „Wieso dauert das so lange?“, wollte eine Stimme in meinem Kopf wissen.
Am nörgeligen Tonfall bemerkte ich das sich anschleichende Wölfchen, atmete erst einmal tief durch – und begann mit mir selbst zu sprechen: „So, du bist scheinbar ungeduldig?“ „Allerdings!“, kam die prompte Antwort von innen. „Jetzt ist dieser Router offensichtlich kaputt – obwohl er noch nicht mal sechs Monate alt ist – und ich muss meine Zeit damit verplempern, in dieser blöden Warteschleife zu hängen …“
Ein weiterer tiefer Atemzug. „Hmmm, dann sind da zwei Dinge gerade aktiv: Du möchtest einerseits Verlässlichkeit, wenn du an den Router denkst, und andererseits eine gute Betreuung, wenn du in einer Notlage bist, die du nicht zu vertreten hast?“
„Ja, klar!“, kam sofort die innere Antwort, „das ist ja wohl das Mindeste, wenn das Ding schon nicht funktioniert …“
Ein erneuter Atemzug. „Und wie geht’s dir jetzt?“ „Schon besser, danke …“
In diesem Moment meldete sich „Frau Schuster“ von der Telefongesellschaft in der Leitung, und ich beschrieb ihr meine „Lichtorgel“ am Router und auch, wie wichtig Telefon und Internet für unser Geschäft wären.
„Hrmpf“, hörte ich am anderen Ende, „bleiben Sie kurz in der Leitung“ – und weg war sie. Dafür konnte ich mich eine weitere Minute an der Wartemusik erfreuen.
Da war sie wieder: „Hallo? Danke fürs Warten. Also, ich habe mit meiner Kollegin gesprochen, und das kann nicht sein, dass der Router nicht funktioniert.“
Da waren sie wieder, diese Worte, die ich so liebte. „Das kann nicht sein.“
Immer noch üben diese Worte auf mich einen starken Sog aus, „auf den Schlitten aufzuspringen“, der da am Abgrund für mich stand. „Mein Erleben wird einfach so negiert, mir meine Realität abgesprochen“, meldete sich meine innere Stimme.
Erst mal wieder tief Luft holen – Notfallempathie. Ich sagte zu mir selbst: „Du möchtest, dass dir geglaubt wird, dass deine Realität geteilt wird …“ „Jaaaaaaa …“
Das ermutigte mich wieder, auf die andere Seite einzugehen. Ich fragte die Dame am Telefon: „Frau Schuster, kann es sein, dass Sie irritiert sind, weil Sie bei einem so neuen Gerät so etwas bisher nicht kennen?“
Kurze Pause am anderen Ende. Und dann: „Ja, so was hatte ich noch nie, die Dinger halten doch eine Ewigkeit!“
Ich begann mich zu entspannen, weil diese Information meine Vermutung bestätigte – in mir entstand Kontakt.
„Und Sie würden gerne verstehen, was da los ist?“ „Ja.“
Jetzt war es für mich stimmig, wieder von mir zu sprechen: „Dann würde ich Ihnen gerne sagen, was hier bei mir gerade los ist. Passt das für Sie?“
Wieder eine Mini-Pause und dann etwas zögerlich: „Ja…“
„Danke! Also, Frau Schuster, ich sehe hier die Lämpchen blinken, weder Telefon, noch Internet gehen, und das Ganze ist für uns hier geschäftlich sehr schwierig, denn wir sind nicht erreichbar. Wenn ich daran denke, dass dadurch Kunden verloren gehen könnten, mache ich mir Sorgen, denn mein Essen will ja auch bezahlt werden. Würden Sie mir bitte sagen, was bei Ihnen angekommen ist, worum es mir geht?“
Wieder kurze Pause. Und dann: „Naja, Sie befürchten, dass Sie dadurch Geld verlieren könnten.“
Es tat mir gut, das noch mal zu hören – „angekommen“ zu sein mit meiner Botschaft. Das wollte ich dann auch mitteilen: „Es tut mir gerade gut, dass Sie das noch mal wiedergegeben haben, Frau Schuster, denn ich habe dadurch den Eindruck, angekommen zu sein. Danke! Und ich möchte in einer für mich schwierigen Situation auch gerne unterstützt werden. Und deshalb würde ich jetzt gerne mit Ihnen besprechen, wie wir dieses Problem gemeinsam gelöst bekommen, o. k.?“
„O. k. Sie sagen, an dem Gerät blinken alle Lampen?“ „Ja.“
„Und sie haben bereits den Stecker gezogen und das Gerät einmal an und ausgeschaltet?“ „Ja.“
„Dann scheint ja wirklich ein Defekt vorzuliegen. Dann veranlasse ich jetzt einen Gerätetausch bei Ihnen vor Ort …“
Ein kleines Wunder? Vielleicht …
Seit ich die GFK im Jahr 2002 – mehr oder weniger zufällig – kennengelernt habe, erlebe ich diese und ähnliche Situationen bewusst anders. Waren sie früher unwillkommener Anlass, mich in Ärger, Wut, Resignation oder Hilflosigkeit zu verlieren, kann ich diese Gefühle jetzt oft schnell als das erkennen, was sie wirklich sind: innere Alarmsignale meiner Bedürfnisse, die in einen unausgeglichenen Zustand gekommen sind. Dadurch vermeide ich einen fruchtlosen Schlagabtausch, und es entsteht allmählich eine Verständigung im Gespräch. Meist sind dies nur kurze Augenblicke, in denen dann Dinge möglich werden, die vorher völlig außer Reichweite schienen. Unter anderem dafür bin ich Marshall sehr dankbar.
Ich folgte meinem Wunsch nach Vertiefen der eigenen GFK-Kompetenz und dabei wuchs dann langsam die Erkenntnis in mir, dass dieses Vertiefen und „Mich selbst immer wieder neu entdecken“ wohl in diesem Leben nicht mehr aufhören werden. Dies hat sich in vielen Seminaren mit nationalen und internationalen TrainerInnen und Trainern bestätigt – die ja auch alle von Marshall „angesteckt“ wurden und ihre Begeisterung und ihr Verständnis von GFK in die Welt tragen.
Bei meinem ersten Training mit Marshall in der Schweiz im Jahre 2002 lernte ich Ingrid Holler kennen. Durch eine Hospitation bei einem ihrer Einführungsseminare entstand ein fruchtbarer Kontakt, der dann u.a. in meiner Mitarbeit in ihrem Team eine dauerhafte Fortsetzung fand. Jetzt leiten wir gemeinsamen die Akademie Blickwinkel. Mit unserem Angebot leisten wir unseren Beitrag zur Verbreitung der GFK in Seminaren, Ausbildungen, Mediationen, Einzelcoachings, Veröffentlichungen und vielen persönlichen Gesprächen.
Über mich
Ein Freund von mir litt einmal unter Depressionen. Ich besuchte ihn in der Klinik, und als ich durch den Haupteingang trat, kam mir der Gedanke: Hätte ich nicht GFK gelernt und immer wieder angewendet, dann wäre ich womöglich nicht als Besucherin, sondern als Patientin hier. Die GFK anzuwenden bedeutet mir sehr viel, und ich kann es nur unvollkommen erklären – diese Anekdote mag aber vielleicht einen Eindruck davon vermitteln.
Ich bin in einem kleinen Dorf in Ungarn aufgewachsen und lebe in Budapest, seit ich 18 Jahre alt bin; in der Stadt, die ich für „den wundervollsten Ort im ganzen Universum“ halte. Ich frage mich oft, warum mir dieser Ort so wichtig ist, den andere Menschen manchmal ganz anders wahrnehmen: Eine 2-Millionen-Einwohner-Stadt, die laut, schmutzig, überfüllt, verdreckt und unpersönlich ist. Die Antwort lautet: Hier habe ich die größte Offenheit erfahren, meine eigene Freiheit leben zu dürfen. Und die ist mir unendlich wichtig.
Zu dieser Erfahrung hat auch beigetragen, dass ich hier 1996 Marshall Rosenberg und die Gewaltfreie Kommunikation kennenlernte. Mit 18 hatte ich noch den Plan, Wirtschaft zu studieren, denn ich dachte mir, dass dies meine einzige Möglichkeit wäre, genügend Geld zu verdienen, um ein zufriedenes Leben zu führen. Auch mit dem Gedanken, Lehrerin zu werden, spielte ich zu dieser Zeit. Also wollte ich einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften machen und später an einer Wirtschaftshochschule unterrichten. So hatte ich mich entschieden.
Doch das Leben war ein harter Kampf, während ich an meiner Karriere in den Wirtschaftswissenschaften arbeitete. Äußerlich schien alles in Ordnung zu sein, doch was mir fehlte, war echte Freude am Leben. Damals war mir das gar nicht so klar, ich spürte nur, dass mir irgendetwas fehlte, und wusste nicht, wo ich danach suchen sollte. Ich wusste, dass ich in meinem Beruf erfolgreicher wäre, wenn ich mich nur besser motivieren könnte. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte.
Als ich zum ersten Mal einen Workshop mit Marshall besuchte, hörte ich dort den folgenden Satz: „Wenn dir etwas widerfährt, das dir nicht gefällt, dann solltest du das auch sagen.“
Für mich war das wie eine große Offenbarung. Nachdem ich jahrelang Maximen wie „Sei nett“, „Sei höflich“, „Du bist schließlich erwachsen, also streng’ dich an und zeig’ ein bisschen Verständnis“ gefolgt war, kam mir dieser Satz so vor, als gäbe mir endlich jemand die Erlaubnis dazu, ehrlich zu sein. Und nicht nur das – er verlangte es geradezu von mir.
Später habe ich dann auch den zweiten Teil dieses Satzes kennengelernt: „Wenn dir etwas widerfährt, das dir nicht gefällt, dann solltest du das sagen, ohne dabei zu urteilen.“ Diese Hinzufügung machte die Sache erheblich komplizierter. Etwas zu sagen ist einfach (nicht so einfach allerdings ist es, den Schaden, den man damit manchmal anrichtet, nachher wieder zu beheben …). Aber etwas zu sagen, ohne dabei zu urteilen, fiel mir anfangs eher schwer (und das tut es zuweilen noch bis heute). Hinzu kommt, dass mir damals der Weltfrieden ziemlich egal war; mir ging es in erster Linie um mein eigenes Überleben; und darum, vielleicht ein wenig Freude am Leben zu haben.
Ich war richtig stolz auf mich, als ich meinen Uni-Abschluss geschafft hatte. Und meine Freunde sagten, ich sei die Einzige gewesen, die sie nie hätten weinen sehen in diesen vier Jahren. Ich war sehr zufrieden damit, eine starke Frau zu sein. Heute weiß ich, dass mir das nur gelang, weil ich damals völlig von meinen Gefühlen abgeschnitten war – vom Schmerz, aber eben auch von der Freude.
Die große Wende brachte ein GFK-Training, in dessen Verlauf ich zum ersten Mal in meinem Leben anderen Menschen eine unglaublich schmerzhafte Geschichte aus meinem Leben erzählte und am Ende in Tränen aufgelöst war. Ich erinnere mich noch, dass ich für einen Moment aufhörte zu weinen, mich umsah und dachte: „Was, wenn jetzt die Decke über uns einstürzt?“ Der zweite Gedanke war: „Aber dieses Gebäude hat sechs Stockwerke, wir werden alle sterben.“ Doch die Decke stürzte nicht ein.
Als ich versuchte, GFK in der Praxis anzuwenden, gelang mir das zunächst überhaupt nicht. Später fand ich heraus, woran dies lag: Ich gab mir unglaublich viel Mühe, anderen Empathie zu zeigen, war aber nicht empathisch zu mir selbst.
Später begann ich, selbst Trainings anzubieten. Das schlimmste Feedback, das ich je erhielt, lautete: „Was Sie sagen, gefällt mir, aber der Ton ihrer Stimme passt einfach nicht zum Inhalt.“ Brrrrrr. Was sollte ich tun? Wenn ich bewusst auf meinen Ton achten würde, ginge mir eine Menge Authentizität verloren.
Erst Jahre später wurde mir klar, dass sich ein sanfterer Ton automatisch als Nebeneffekt von praktizierter Selbstempathie einstellt. Je mehr ich von mir verstehe, ohne mich zu verurteilen, desto besser kann ich mich akzeptieren und mich selbst lieben. Als Folge davon erfahre ich mehr Frieden und bringe anderen gegenüber mehr Verständnis auf. Heute ist meine Stimme viel sanfter. Natürlich gibt es immer noch Raum für Verbesserungen …
Von Marshall lernen
Ein Beispiel: Eine Zeit lang machte es mir Spaß, die „No-Talent“-Shows an einem der letzten Abende der IITs zu organisieren (ein neuntägiges Internationales Intensivtraining). Irgendwann verlor ich aber die Lust daran, und als ich sauer wurde, weil niemand sonst sich darum kümmern wollte, stellte Marshall mir eine Frage:
„Wenn du keinen Spaß daran hast, warum machst du es dann?“
„Wenn ich es nicht mache, macht es keiner. Und alle sind so glücklich darüber, diese Shows zu haben. Wenn ihnen nur noch mehr bewusst wäre, wie wunderbar diese Abende sind, dann würden sie sich auch an der Arbeit beteiligen.“
„Na und?“, sagte er. „Dann kriegen sie eben keine Show.“
Das war einer der lehrreichsten Augenblicke meines Lebens. Ich war völlig überzeugt davon gewesen, ein Opfer für das Wohl der Gemeinschaft zu bringen. Etwas, woran ich mich mein Leben lang würde erinnern können. Und dann geschah das Wunder: Die Show wurde auch ohne mein übellauniges Dazutun organisiert. Ich merkte, dass die Dinge sich auch ohne mich bewegen, und das war eine große Überraschung und eine große Befreiung zugleich. Hin und wieder tappe ich auch heute noch in die gleiche Falle, aber es kommt immer seltener vor.
Selbstempathie
Fakten: Anfang November hatte ich Ingrid Holler zugesagt, einen Beitrag zu diesem Buch zu schreiben. Genau zwei Monate später fing ich endlich damit an. Hier ist der innere Dialog, den ich mit mir selbst führte:
„Ich bin wieder mal faul gewesen.
Ich sehe es als eine Form von Gewalt an, etwas zu versprechen und nicht einzuhalten, denn es wird höchstwahrscheinlich bei einigen Menschen zu Frustration, Enttäuschung und vielleicht sogar zu Schmerz führen. Ich werde mich nie ändern, es ist hoffnungslos. Wie kann ich es nur wagen, Gewaltfreiheit und Empathie zu predigen, wenn ich mich gleichzeitig so verhalte?!
Wenn ich so etwas denke, fühle ich Trauer und Schmerz, weil ich mich gegenüber allen Menschen, mit denen ich eine Verbindung habe, achtsam verhalten möchte. Und das gilt erst recht für jene, die mir Respekt erwiesen haben, indem sie mich für ein Buch um meine Erfahrungen baten.
Doch wenn dieses Gefühl in mir so stark ist, warum habe ich dann nicht eher mit meinem Text begonnen?
Weil ich mir mehr aufgebürdet habe, als ich erledigen kann, und mich den Aufgaben gewidmet habe, die mir einfach erschienen, während ich jene, bei denen mir etwas unwohl war, verschoben habe. Ich kann andere nur achten, wenn ich mich selbst achte.
Wenn ich mich nun wieder ans Schreiben mache, befinde ich mich in einem Zustand der friedlichen Aufregung im Hinblick auf die Frage, ob ich es schaffe, mich in meinem Schreiben verständlich zu machen. Aufregend ist es auch, mir eine Sammlung von GFK-Erfolgen vorzustellen. Ich bin ganz sicher, dass sie Marshall tief berühren wird und sie wird hoffentlich auch für viele andere Menschen bedeutsam sein.
Zugleich jedoch möchte ich mir selbst Verständnis entgegenbringen. Schreiben empfinde ich als große Herausforderung. Ich möchte es nicht aus Zwang tun, sondern dann, wenn ich die Zeit, den Raum und das positive Gefühl habe, die den Prozess unterstützen.
Ich denke daran, mit dem Strom zu schwimmen und mir so viel aufzubürden, wie ich ertragen kann. Mir blutet das Herz. Denn ich kann mir nicht vorstellen, wie ich auf diese Weise effektiv arbeiten kann, und die einzige Alternative, die mir einfällt, ist, weniger Aufgaben zu übernehmen. Und ich weiß, dass weniger viel mehr sein kann, wenn es aus Friede und Liebe geschieht und nicht aus Hast und Frustration.
Nachdem ich dies geschrieben habe, fühle ich mich ruhiger und habe die Idee, Prioritäten zu setzen, mich künftig gründlicher auf mein eigenes Engagement zu überprüfen, wenn ich etwas verspreche, und etwas großzügiger zu planen, wie viel Zeit ich für eine Aufgabe benötige.
Für mich habe ich damit einen größeren inneren Frieden erreicht, aber was wird nun aus Ingrid und ihrem Team? Ich vertraue darauf, dass alles gut geht, selbst wenn ich meinen Beitrag später liefere, als ich das eigentlich tun wollte. Und wenn ich mir die E-Mails ansehe, die ich zu diesem Projekt erhalten habe, scheint mir das eine realistische Hoffnung zu sein.“
Towe und Darold
Ein weiterer Satz, der mein Leben veränderte, stammt von Towe Widstrand, einer schwedischen Trainerin. Auf der Universität war ich an drei Sprachen gescheitert und in den darauffolgenden zehn Jahren bemühte ich mich ohne großen Erfolg, Englisch zu lernen. Towe fragte mich, ob ich auch Trainings auf Englisch anbieten würde. Ich antwortete mit voller Überzeugung, dass mein Englisch dafür nicht gut genug sei. Towe fügte ein Zauberwort hinzu: „Noch nicht.“ Dieses eine Wort eröffnete mir eine neue Welt – die Dinge können sich ändern.
Darold ist Trainer in den USA und auch er hatte mehr als einmal großen Einfluss auf mich. Mein stärkster Eindruck von ihm ist, dass er immer erreichbar ist und ich mich stets auf seine Aufrichtigkeit verlassen kann. Also bat ich ihn eines Tages, ob er mir Feedback geben würde, wenn ich eine meiner Sitzungen auf Video aufnehmen würde. Damals war ich eine Nachwuchstrainerin. Er hingegen hatte große Erfahrung, befand sich schon im Ruhestand und schien viel Zeit zu haben.
Seine Antwort kam prompt: „Das würde mir keinen Spaß machen. Aber ich schätze dich und möchte dir helfen. Bitte überlege, ob du eine Möglichkeit findest, die uns beiden Spaß macht.“ Ich erinnere mich noch daran, wie mir das vor Erstaunen die Sprache verschlug. Sein Nein zu hören überraschte mich sehr, aber das wahrhaft Schockierende daran war, dass es mich nicht schmerzte. Ich konnte nur einen einzigen Grund dafür erkennen: Er hatte es ganz natürlich gesagt, ich konnte keinerlei Zögern oder Zweifeln bei ihm ausmachen.
Mein großer Erfolg
Das erste Mal, dass ich GFK bewusst für mich selbst anwendete, war in einem Zug. Meine Schwägerin rief mich an und sagte mir, meine Mutter liege im Krankenhaus, aber mein Bruder wolle nicht, dass ich das weiß. Ich rief meine Mutter an und sprach mit ihr. Als ich ihre Stimme hörte, machte ich mir große Sorgen, wie es ihr ging.
Dann riss ich mich und all meine Fähigkeiten zusammen und rief meinen Bruder an. Ich war überzeugt, dass dieser Augenblick womöglich einen tragischen Wendepunkt in unserer Beziehung bedeuten würde, weil ich so wütend auf ihn war. Das Netteste, was mir zu ihm in dieser Situation einfiel, war, dass er der egoistischste, engstirnigste … noch immer kann ich den Ärger von damals in mir spüren.
Doch meine GFK-Vorbereitung half mir dabei, ihm nicht allzu vorwurfsvoll zu begegnen, und ich sagte: „Ich habe eben mit unserer Mutter gesprochen und mache mir große Sorgen. Ich bin enttäuscht, weil ich gern von dir selbst erfahren hätte, dass sie im Krankenhaus liegt. Ich frage mich, warum du mir das nicht gesagt hast.“
Ich konnte von Glück sagen, dass ich bereits saß, denn die Antwort war ein Schock. Sie lautete sinngemäß: „Ich weiß, dass du morgen nach Südkorea aufbrichst. Es gibt nichts, was du tun kannst, und ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst, sondern deine Reise genießt. Es ist doch wahrscheinlich deine einzige Chance, da jemals hinzukommen.“ War mein Bruder nun also rücksichtsvoll oder egoistisch? Das alles mag sich gar nicht so sensationell anhören, aber in meinem Herzen fühlte es sich an wie Weltkrieg und anschließender Weltfrieden binnen einer Stunde. Es sieht so aus, dass dies ein großer Schritt für unsere Beziehung gewesen ist.
Ein weiterer großer Erfolg, den ich mit der GFK hatte, ereignete sich zwischen meiner Mutter und mir. Kurioserweise hatten wir unseren langlebigsten und größten Konflikt immer um das Thema Kleidung. Als ich mit 14 unser Dorf verließ, einigten wir uns darauf, dass ich mir für mich kaufen konnte, was ich wollte, dass ich mich aber zu Hause nach ihren Maßstäben „anständig“ anziehen würde.
Als ich zur Schulabschlussfeier meines Neffen nach Hause kam, war ich der Meinung, dass ich diesen Konflikt nunmehr anders beilegen könnte. Anstatt wie früher zu sagen „Was ich anziehe, geht dich nichts an“, wollte ich mich mit meiner Mutter auf der Bedürfnisebene zu verbinden versuchen. Nachdem ich angekommen war, achtete ich darauf, dass ich mein Kleid für die Abschlussfeier an einer Stelle aufhängte, wo es leicht zu sehen war.
Mutter: „Wenn du das anziehst, komme ich nicht mit.“
Dieses Mal sprach ich selbst die Zauberworte aus: „Ich denke, ich bin jetzt über 40 und mehr oder weniger für mich selbst verantwortlich, also hätte ich gerne, dass jede von uns frei darüber entscheidet, was sie anzieht.“
Mutter: „Hmmm.“ Nichts weiter. Doch später beim Abendessen verkündete sie der ganzen Familie: „Morgen kann jeder anziehen, was er will.“
Hatte sie mir meine Idee geklaut? Ich glaube nicht. Aber ich meine, sie hat sie in ihr Denken integriert, weil sie genau wie ich gern frei entscheidet. Es mag vielleicht so aussehen, als sei der Unterschied zwischen „Das geht dich nichts an“ und „Ich hätte gerne, dass jede von uns frei entscheidet“ gar nicht so übermäßig groß. Ich habe 20 Jahre gebraucht, um festzustellen, dass der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen der Unterschied zwischen Krieg und Frieden ist. Dieses Ereignis ermutigte mich, in Konflikten die ausgetretenen Pfade zu verlassen und einen neuen Weg auszuprobieren. Einen Weg, der zu mehr Verbundenheit zwischen den Menschen führt.
Neulich stellte jemand in meiner Umgebung die Frage: „Wie viele zertifizierte GFK-Trainer sind eigentlich geschieden?“ Meine Lieblingsantwort auf diese Frage geht so: „Bei uns mag zwar der Beziehungsstatus nicht im Einklang mit den allgemeinen Erwartungen des ‚Mainstreams‘ sein, aber ich gehöre ganz bestimmt zu den Menschen, denen es in den vergangenen 20 Jahren gelungen ist, größeren inneren Frieden und Akzeptanz zu finden und so immer ehrlichere und liebevollere Beziehungen zu führen.“
Ich hoffe, dass ich auf diesem Weg weitergehen werde und dass es immer mehr Menschen werden, die uns dabei begleiten.
Bist du auch dabei?
Seit gut 30 Jahren arbeite ich in verschiedenen Bereichen der katholischen Kirche: in der (Krankenhaus-)Seelsorge und in der Gemeinde, in der Leitung einer Ausbildung von pastoralen Mitarbeiter/innen, schließlich in der Studentenseelsorge und in den letzten Jahren in der Cityseelsorge. Kommunikation prägt meinen Beruf als Pastoralreferentin und Menschen im Umgang mit Konflikten zu begleiten zählt zu meinen Aufgaben. Die kirchlichen Strukturen selbst sind mitunter eine Herausforderung, Position zu beziehen, Unklarheiten anzusprechen und die Kommunikation zwischen verschiedenen Ebenen zu gestalten.
Über lange Zeit haben mich Konflikte viel Energie gekostet, mir Angst gemacht, nicht selten habe ich einfach mit Rückzug reagiert. Oder ich bin im Konflikt „ausgerastet“, habe plötzlich Positionen verteidigt, die mir sonst gar nicht so wichtig waren, und fand mich schließlich in einer Sackgasse wieder: Wie war ich da eigentlich hineingeraten? Als Christin fragte ich mich zunehmend, wie ich selbst mit dem hohen Anspruch des Evangeliums an Frieden und Versöhnung umgehen wollte.
Eine Freundin sprach mich auf ein Seminar bei Marshall Rosenberg in Frankfurt an; „Das könnte dich auch interessieren.“ War ja nur ein Wochenende, danach wüsste ich dann genauer, was es mit dieser „Gewaltfreien Kommunikation“ auf sich hat.
Tatsächlich war der erste Eindruck stark, auch wenn für mich nicht vorstellbar war, wie ich dieses neue Sprechen lernen sollte. Aber zumindest einen Schritt nahm ich mit: auf meine Wertungen zu achten und sie möglichst von der Wahrnehmung zu unterscheiden. Das wurde meine erste und am längsten zu übende Aufgabe – bis heute.
Ich habe in den folgenden Jahren die GFK immer wieder auch aus dem Blick verloren und doch wieder angefangen: Grundausbildung, Ausbildung zur Mediatorin auf der Basis der GFK, IITs mit Marshall Rosenberg und anderen Trainer/innen – gerade die Verschiedenartigkeit, mit der jede/r den Zugang wieder neu eröffnete, hat mir geholfen –, und so hat sich die GFK doch mehr und mehr in meinem Reden und Denken, im Umgang mit mir selbst und anderen „eingenistet“. Das Zutrauen, dass Verschiedenartigkeit nicht zu einseitigen Einschränkungen führt, sondern einen guten Ausgleich finden kann, dass Konflikte Beziehungen nicht zerstören, sondern sogar durch mehr Verständnis füreinander vertiefen können, hat meinem Leben mehr Gelassenheit, Ruhe und Leichtigkeit gegeben. Was ich zu Beginn gar nicht im Blick hatte, das wird heute zunehmend zum Hauptinhalt meines Arbeitens: andere Menschen in die GFK einzuführen und ihren weiteren Weg zu begleiten – gerade im Horizont des christlichen Glaubens als eine Form der Kommunikation, die Wege eröffnet zu Vergebung und Frieden mitten in aller Verschiedenheit.
Aber nicht nur im Blick auf diese „hehren“ Ziele ist mir die GFK wichtig geworden, ich erlebe sie auch als Entlastung mitten im alltäglichsten Alltag, wie die folgende „Erfolgsgeschichte“ zeigen kann:
Ich wohne in einem Reihenhaus, ziemlich genau in der Mitte einer Zeile von sechs Häusern. Jedes Haus hat ein Haupthaus, in dem inzwischen jeweils die Eigentümer wohnen. Im Dach gibt es in jedem Haus eine 1,5-Zimmer-Maisonette-Wohnung, die in der Regel vermietet ist.
Vor einigen Jahren hat ein neuer Eigentümer darauf hingewiesen, dass es für Häuserreihen mit gemeinsamem Keller das Angebot eines Sammelvertrages beim Anbieter von Kabelfernsehen gibt, der für jedes Haus einen sehr viel günstigeren Jahrespreis erbringt als ein Einzelvertrag. Gerne sind alle auf dieses Angebot eingegangen, haben ihre Einzelverträge gekündigt und genießen seither den sehr viel günstigeren Preis pro Haus.
Absolut verlässlich reicht der Nachbar (Herr C.), der den Vorschlag gemacht hat, jährlich einmal die Rechnung des Sammelvertrages in allen Häusern herum, listet für jedes Haus zwei Anschlüsse auf (Haupthaus und Einliegerwohnung), errechnet die Summe für jeden Beteiligten und jeder Eigentümer zahlt auf ein gemeinsames Konto den Teilbetrag für sein Haus ein.
So stand auch in diesem Jahr der Nachbar vor der Tür, reichte mir die Kopie des Vertrages und die Auflistung für die einzelnen Häuser herein und fügte hinzu: „Dieses Jahr ist es etwas teurer für alle, weil der Mieter bei Herrn A. nicht mitmacht. Der will kein Kabel. Hoffentlich steigen nicht noch mehr aus, sonst wird es für uns alle teuer.“
Ich bedanke mich für die Auflistung; die Anmerkung verstehe ich im Moment nicht, aber da ich gerade aus dem Haus gehen will, lasse ich es auf sich beruhen.
Ein langer Tag außer Haus liegt hinter mir. Am Abend läutet der Nachbar von der rechten Seite (Herr D.). Sichtlich empört sagt er zu mir: „Wir schreiben einen Brief an Herrn A., um ihm zu sagen, dass das so nicht geht. Frau B. hat schon zugesagt, und Sie werden doch sicher auch unterschreiben.“
Auf meine erstaunte Rückfrage wird deutlich, dass jeder der Eigentümer ca. 10 € mehr bezahlt, wenn in einem Haus nur ein Anschluss in den Sammelvertrag eingebracht wird. Bisher hatte jeder Eigentümer für beide Beiträge geradegestanden; wie er sie beibringt, ob der Mieter den Betrag zusätzlich bezahlt oder er in die Miete eingerechnet ist, war jedem selbst überlassen. Herr A. habe nur vor längerer Zeit in einer kurzen Bemerkung auf der Straße mitgeteilt, dass sein neuer Mieter nicht mitmache. Der Nachbar, der die Rechnung erstellte, hatte den Fehlbetrag jetzt auf die Gemeinschaft umgelegt, das war für alle Beteiligten im Laufe des Tages deutlich geworden.
Einige Nachbarn hatten abgewinkt; sie wollten wegen einer so kleinen Summe keinen Ärger provozieren, bei anderen war die Empörung inzwischen groß. Vor allem mein Nachbar zur Rechten, der unmittelbar neben Herrn A. wohnt, verband diese Erfahrung mit früheren, in denen er ihn als rücksichtslos erlebt hatte: „Das ist doch immer so bei denen …“ – und er breitete eine längere Leidensgeschichte auf seiner Seite aus.
Inzwischen hatte ich den Sachverhalt begriffen und schlug vor, mit Herrn A. zu sprechen, um sicher zu sein, dass ihm die Konsequenz für alle bewusst ist und von ihm ausdrücklich gewollt.
Der Vorschlag traf auf entschiedenen Widerspruch: Das bringe gar nichts; Versuche, miteinander zu reden, seien bisher immer gescheitert; Herr und Frau A. täten, was sie wollten, Rücksicht auf andere gebe es bei ihnen nicht.
Ich wusste – und einige Situationen hatte ich auch unmittelbar miterlebt –, dass es für diese Einschätzung konkrete Erfahrungen gab – spürte aber doch mein Erschrecken über diese grundsätzliche Verurteilung.
Ich bot an, mit Herrn A. zu sprechen. Sollte das Gespräch nicht zu einer Lösung führen, die für alle akzeptabel sei, wollte ich mich an einem Brief beteiligen.
Mein Nachbar schaute mich fast ängstlich an: „Wollen Sie das wirklich tun? Wollen Sie sich das antun?“
Als ich zwei Tage später am Morgen bei Herrn A. läute, habe ich das Gefühl, in die Höhle des Löwen zu gehen. Er ist zu Hause und reagiert auf meine Frage, ob er einige Minuten Zeit habe, freundlich erstaunt.
Ich hatte mir zuvor die Beschreibung der Situation überlegt: „Vorgestern hat Herr C. die Kabelrechnung vorbeigebracht. Ich sehe, dass für Ihr Haus ein Beitrag, nicht wie bisher zwei Beiträge eingerechnet sind. Damit erhöht sich der Beitrag für alle. Ich höre, dass es darüber in der Nachbarschaft Empörung gibt, und ich möchte fragen, was bei Ihnen dahintersteht, diese Regelung so zu treffen.“
