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Nach einer nervenaufreibenden Lehramtsausbildung, während der jede Lust auf das Unterrichten abhandenkommt, bricht Timo Vogel kurzentschlossen zu einer unglaublich spannenden Reise auf. Von August 2013 bis August 2015 bereist er zu Fuß, per Anhalter, auf dem Motorrad, mit Bussen und Bahnen sowie auf Schiffen und in der Luft sämtliche Länder Südostasiens, Australien und Südasien. Er nimmt uns mit in ein laotisches Dorf des Stammes der Khmu, in dem vorher noch nie ein Tourist war, wo er Rattenfleisch verzehrt und am Ende in den Dorf-Clan aufgenommen wird. Er erlebt halsbrecherische Bus- und Motorradfahrten. Gerät auf Hochzeiten und Begräbnisse, zu denen er wider Willen eingeladen wird. Er berichtet von skurrilen Erlebnissen an Grenzübergängen sowie von exotischen Festen, denen er beiwohnen durfte. Von einem schweren Erdbeben, von dem außer ihm scheinbar keiner Notiz nimmt, und von einem Erdbeben, das die ganze Welt wahrnimmt. Von Meditationserfahrungen mit Schweigegelübde. Oder dem kuriosen Erlebnis einer Visumsverlängerung in Indonesien. Von einer Mitfahrgelegenheit im australischen Outback bei Ex-Knackis. Oder am Australia Day inmitten eines Flohmarktes aufzuwachen.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Timo Vogel, wurde 1974 in Pforzheim geboren. Im Alter von 21 Jahren bereiste er den Süden Afrikas. In Hamburg nahm er Schauspielunterricht und spielte an verschiedenen deutschsprachigen Theatern. Er arbeitete auch als Synchronsprecher, Lichttechniker, Reiseleiter und auf einem Kreuzfahrtschiff. Weitere Stationen in seinem Leben waren Barcelona, München und Kassel. Wie aus dem Weltenbummler ein Lehrer wurde, kann er sich selbst nicht erklären. Nach seiner Reise führte ihn sein Weg in den staatlichen Schuldienst in Baden-Württemberg. Doch nach dem Abenteuer ist vor dem Abenteuer.
www.timovogel.de
Im Rückspiegel
Im Spiegel der Gegenwart
Aller Anfang ist Bangkok
Hauselefanten in Surin
Ayuttaya
Die ersten Wochen sind vergangen
Weiter nach Norden
Billard, Bier und Wechselgeld
Eierkocher an der Landstraße
Ein echter Höllenritt
Auf dem Mekong
Big Fish
Luang Prabang
Seth Sun Ya
Vang Vieng
Alles bleibt im Ungefähren
Eine Maus als großer Bruder
Boun Awk Phansa
Kuang-Si-Wasserfall
Gibt es Bang Dou wirklich?
In Bang Dou
Bo Ben Yang!
An der Grenze zu Vietnam
Dinh Bin Phu
Über Vietnam
Schlaglöcher und Taifune
Gleicher Schaden verbindet
Auf dem Ho Chi Minh Trail
Die hilfsbereite Frau auf der Terrasse
Über den Berg nach Dalat und zu den Lavatunneln
Ein Klotz am Bein
Ein Besuch bei Dr. No!
Kambodscha – Ein Traum oder Trauma
Die Delfine vom Mekong
Bestechung will gelernt sein
Autofahrt nach Sihanoukville
Koh Rong
Angkor
Malaysia
Thaipusam
Gong Xi Fa Cai
Myanmar
Mit dem Fahrrad zur Totenfeier
Der Schlangentempel
Kyaiktiyo
In Mawlamyine
Mandalay
Schweigen ist Gold
Eine Busreise in Myanmar
Die Kinder von Thinggangou
Home sweet home, Malakka
Already finished
Einmal wirst auch du bestohlen
Gunung Leuser Nationalpark
Banda Aceh – alles ganz neu kaputt –
Eine lohnende Pause vor dem Ziel
Es lebe das Matriarchat
Batu Ankek Ankek
Gempa Bumi
Bitte anschnallen
Schildkröten können dir mehr über den Weg erzählen als Hasen. (Aus China)
Die Visa–Extension in Yokjakarta
Kunde werden bei Telcomsell
Australien
The Rules of Cricket
Stuart Highway
Outback & Outlaws
Ein gastfreundliches Volk
Weißer Mann im Loch
Der Jäger der nicht gefundenen Opale
Good bye Kitty
The Dipper
Port Maquarie und der Australia Day
Ausflug nach Rom
Allein reisende Teddybären
Ogoh Ogoh
Nepal
Welcome to incredible India
Zug fahren in Indien
Varanasi sehen und sterben
Nicht mit den Schuhen in die Küche!
Ein riesen Aufruhr
Zur Hochzeit in Allahabad
Lucknow
Indian queue
Leid ist des Menschen liebster Lehrer
Zug nach Agra
Das Passwort und der Professor
Air Astana
Back to Reality
Was ist inzwischen mit mir geschehen?
Dank
Der Grund zum Reisen ist nicht selten ein Bruch im Leben. Manche haben sich gerade von ihrem Partner getrennt und suchen das Weite und Unbekannte. Andere haben ihre Arbeitsstelle verloren und brauchen eine Pause, um das Geschehene zu verarbeiten. Was auch immer es ist, es ist vergleichbar mit einem Loch, das sich vor einem auftut.
Ein Bruch im Leben gibt auch mir die Gelegenheit zu reisen.
Geräuschlos öffne ich die Tür zum Besprechungszimmer. Ahnend, was jetzt auf mich zukommt. Ich sehe ihn hinter dem Tisch sitzen, die Beine überschlagen, das Gesicht hinter einer Tageszeitung vergraben. Erst als ich die Tür ebenso geräuschlos hinter mir schließe, schaut er auf und sieht mich an. Er bittet mich Platz zunehmen und faltet mit Sorgfalt seine Zeitung zusammen.
»Ich hätte Sie gar nicht zulassen müssen!«, beginnt er seine letzte Tirade tadelnder Worte. Es folgt der übliche Lobgesang, mit dem er sich selbst und seiner guten Absichten huldigt, mir keine Steine in den Weg legen zu wollen. Von Steinen kann auch wirklich nicht die Rede sein. Aber der Fels in dieser Brandung bin ich!
Um es kurz zu machen, ich stehe im Juni 2013 vor der letzten Prüfung einer Lehramtsausbildung. Ich glaube, es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich aus dem sprichwörtlichen »letzten Loch pfeife«. Die Ringe unter den Augen habe ich aufgehört zu zählen. In den Spiegel sehe ich seit Wochen nicht mehr. Sicherheitshalber. Die mir noch bevorstehende Lehrprobe ist alles entscheidend. Die Lehrproben haben ein solches Gewicht, dass sie im schlimmsten Fall, trotz meiner sonst guten Examensleistungen, alles kaputt machen und sogar dazu führen können, dass ich durchfalle. Die Note, mit der P mich zur Prüfung zulässt, deutet bereits an, wo er mich gerne haben will. Doch diesen faden Triumph will ich ihm auf keinen Fall gönnen.
Es ist noch einmal gut gegangen. Ich habe alles überstanden und mit Erfolg abgeschlossen. Aber das Beste ist, ich lebe noch. Ich spüre mich wieder. Und ich verspüre ein großes Bedürfnis danach, mich endlich wieder ins Leben zu werfen und es mit jeder Faser meines Körpers in mich einzusaugen. Mich zur Abwechslung echten statt konstruierten Problemen zu stellen.
Eine von mir als unsäglich einschränkend empfundene Zeit liegt hinter mir. Es kommt mir vor, als habe ich an einem Wettbewerb um größtmögliche Anpassungsfähigkeit teilgenommen. Dabei wollte ich nur Lehrer werden. Bereits am ersten Tag wurde deutlich, wie es funktioniert.
In der Vorstellungsrunde berichten alle aus meinem Kurs den exakt gleichen Mist über sich und ihre Motivation, Lehrer zu werden. Wenn der Druck nicht mit jedem, der vor mir an die Reihe kommt, größer würde auch etwas Braves über mich und meine Absichten öffentlich zu machen, hätte ich diese Minuten wirklich genießen können. Am meisten nervt mich die Eröffnung:
»Ich will ein guter Lehrer werden und …«, die ausnahmslos alle von sich geben. Eigentlich habe ich partout nicht vor, diese extrem einfallslose, bedingungslose Bereitschaft zur Arschkriecherei kundgebende Floskel vom Stapel zu lassen. Alles, was mir in diesem Moment einfällt, ist:
»Ich bin authentisch. Von mir wollen Schüler lernen!«, aber das kann ich unmöglich sagen, wo es schon so losgeht. Als ich dran bin, kommt mir in ambivalentem Tonfall:
»Ich will ein guter Lehrer werden und …«, über die Lippen. So ähnlich vergeht das gesamte Studium. Je näher ich meinem Ziel komme, umso mehr stelle ich das ganze Vorhaben infrage.
Meine pädagogisch orthodoxen Lehrbeauftragten kommen mir zuweilen wie aus der Zeit gefallene Pauker vergangener Tage vor, die unter dem Deckmantel der viel beschworenen Methodenvielfalt der neuen Bildungspolitik unbemerkt versteinerte Überzeugungen vom Lehren und Lernen zutage fördern. Was hat mich damals nur geritten, mich auf dieses absurde Vorhaben einzulassen, das mich im Regelfall sogar zu einem Beamten macht? Selten im Leben habe ich mich freiwillig mit Leuten umgeben, mit denen ich augenscheinlich rein gar nichts gemeinsam habe. Weder die Weltanschauung, Überzeugungen, Einstellungen noch Interessen und schon gar nicht den guten Humor. Egal! Es ist vorüber.
Vorüber ist auch mein Wunsch, Lehrer zu werden.
Einmal mehr aus dem Halbschlaf erwacht, rutsche ich auf der Sitzfläche hin und her und versuche vergebens, eine einigermaßen gemütliche Sitzposition zu finden. Es sind knapp sieben Stunden Flugzeit vergangen. Hinter mir liegen zwei Filme von je 90 Minuten Dauer, ein in Aluminium serviertes Gericht aus irgendeiner Großküche und jede Menge Grübeleien darüber, was ich eigentlich genau vorhabe. Mein Flug geht über Hanoi nach Bangkok. Dort soll meine Reise beginnen. Einen festen Plan habe ich nicht. Mindestens Südostasien will ich bereisen. Zeit habe ich unbegrenzt, es sei denn, ich entscheide mich doch noch, Lehrer zu werden, was ich mir nicht vorstellen kann. Mein Geld sollte, bei meinem Reisestil, für mindestens ein Jahr reichen. Wenn ich zwischendurch arbeite, reicht es noch viel länger. Ich könnte eine Weltreise machen. Blöd nur, dass ich in diesem Flugzeug sitze und nicht vor der Haustür damit angefangen habe. Aber was will ich mit dieser Reise eigentlich bezwecken?
Grundsätzlich bin ich ein reisefreudiger Mensch. Ich war mein ganzes Leben lang unterwegs. Aber ist das hier womöglich nur eine Flucht? Sollte ich mich dem Problem nicht besser dort stellen, wo es entstanden ist? Unsinn! Es gibt ja kein Problem. Ich will eben nur kein Lehrer mehr sein. Das ist alles. Wünsche ändern sich eben manchmal auch dann, wenn man die Eintrittskarte bereits in den Händen hält.
Doch was ist meine mir selbst aufgegebene Mission? Kann diese Reise Mittel sein für den, der seinen Weg verloren hat? Ich will mir keine allzu großen Versprechungen von der mir bevorstehenden Reise machen. Ich werde als derselbe zurückkehren, als der ich aufgebrochen bin. Lediglich mit einigen neuen Erfahrungen im Gepäck. Oder vielleicht doch viel mehr?
In Thailand gibt es ein gut funktionierendes Eisenbahnnetz. Wenn man von den Verspätungen zwischen drei und zweiundzwanzig Stunden absieht. Knotenpunkt der vier Bahnlinien ist Bangkok. Mein erstes Ziel nach viertägigem Aufenthalt in Bangkok sind die im Süden liegenden Golfinseln Koh Samui, Koh Pangan und Koh Tao. In einem Nachtzug geht es zunächst nach Surat Thani und von dort mit einer Fähre auf die erste Insel. Auf Koh Samui treffe ich meinen ersten zufälligen Gefährten beim Mopedverleih. Jasper ist auf Tauchurlaub. Wir erkunden für ein paar Tage gemeinsam die Insel, dann geht er nach Koh Tao zum Tauchen. Wir verabreden auf Koh Pangan ein Wiedersehen. Die Tage, die ich noch bleibe, verbringe ich unter anderem mit einem Ausflug zum wunderschönen Ang Thong National Marine Park.
Auf Koh Pangan treffe ich Jasper wieder, und wir gehen gemeinsam auf einen Tauchausflug. Auf halber Strecke zwischen Koh Pangan und Koh Tao liegt ein einsamer Felsen im Meer namens Sail Rock. Der Teil des Felsens, der aus dem Meer herausragt, ist etwa fünfzehn Meter hoch und fünfzig Meter breit. Unter Wasser ist er atemberaubend. Unzählige Korallen aller Farben schmiegen sich überall an den Fels, wo sie einem, vom Wasser bewegt, zuzuwinken scheinen. Dazwischen schwimmen unendlich viele Fische. Einer schöner als der andere.
Nach diesem Erlebnis reise ich sofort weiter nach Koh Tao, um einen Tauchschein zu machen. Eine knappe Woche verbringe ich auf der winzigen Insel, auf der man außer Tauchen nicht viel unternehmen kann.
Für den Rückweg zum Festland will ich den schnelleren Katamaran nehmen. Bisher bin ich nur mit langsamen hölzernen Schiffen von Insel zu Insel gefahren. Die Überfahrt zum Festland ist weit und der Aufpreis für den Katamaran gering. Zudem ist er ein solides Schiff.
Auf halber Strecke bleiben wir mit Motorschaden liegen und werden zum Spielball der Dünung. Die meisten ausländischen Passagiere werden unruhig, ich vertraue den Improvisationskünstlern vom Personal. Nach einer guten Stunde läuft der Motor wieder, und wir kommen fast zeitgleich mit dem langsameren Schiff am Festland an.
Die Nacht verbringe ich im Nachtzug, und schon bin ich wieder in Bangkok. Ich finde mich hier schon ganz gut zurecht. Aus Bequemlichkeit will ich für 60 Bath vom Bahnhof zu meiner Absteige mit dem Taxi fahren, aber die Fahrer wollen 200 Bath für die Strecke, was zu viel ist und lehnen die Fahrt nach Taxameter ab. Dann halt nicht. Zehn Minuten zu Fuß von hier fährt die Expressfähre auf dem Chao Phraya für 15 Bath, welche mich auch dahin bringt, wohin ich muss. 15 Bath sind genau 35 Cent. Auf der Fähre drängen sich Dutzende Thai auf dem Passagierdeck. Ich bleibe ganz hinten stehen, wo ich zugestiegen bin. Nachdem der letzte Fahrgast an Bord gekommen ist, schließt der Bedienstete die Tür in der Reling und verlässt das Achterdeck ebenfalls in Richtung Gedränge. Prima! Ich kann mich frei bewegen. Der Motor beginnt laut zu dröhnen, alles vibriert. Ich sehe eine pechschwarze Rußwolke aus dem im Durchmesser rund 20 Zentimeter großen Loch unter mir an der Außenbordwand herausschießen. Der Wind dreht. Wie durch eine Walze gedreht stellt sie sich vor mir auf, dann verschwinde ich für einen Moment darin. Die Rußpartikel schlagen spürbar auf meinem Gesicht auf. Als die schwarze Wolke über dem Dach der Fähre vom Wind endgültig in alle Richtungen verteilt wird, sehe ich an mir herab. Ich lasse mich zwar nicht von Taxifahrern übers Ohr hauen, muss aber mit rußgeschwärztem Gesicht ins Hotel.
Einen Tag später bin ich wieder am Bahnhof. Diesmal führt mich mein Zug nach Osten.
Surin liegt im Osten Thailands inmitten der Provinz Isan. Hier besuche ich verschiedene Dörfer, in denen traditionell Arbeitselefanten gezüchtet wurden. Heute werden die Elefanten nicht mehr für schwere Arbeiten eingesetzt, sondern zur Belustigung der Touristen, die diese Region besuchen. Ich habe mir einen Roller gemietet und fahre nach meiner Landkarte, auf der mir mein Gastwirt zuvor ein Kreuzchen eingezeichnet hat. Je näher ich meinem Ziel komme, desto öfter muss ich über warnende Straßenschilder lachen, auf denen ein Elefant beim Überqueren der Straße abgebildet ist und der englischen Aufschrift »Elephants Crossing« darunter. Belustigt von den sich wiederholenden Straßenschildern, fahre ich inzwischen an überdimensional großen Garagen vorbei, die neben den Wohnhäusern stehen. Irgendwann steht dann auch tatsächlich ein Elefant in einer dieser Garagen. Mir scheint, als habe hier noch so ziemlich jede Familie einen Hauselefanten auf dem Grundstück stehen. Dann kommen mir mehrere Lastwagen entgegen mit massiven Stahlkäfigen auf der Pritsche. Darin je zwei Elefanten. Ich muss auf dem richtigen Weg sein.
Schon bald erreiche ich das besagte Dorf, dessen Namen ich wegen des Kugelschreiberkreuzchens nicht mehr lesen kann. Der entsprechende Name in thailändischer Schrift ist aber weiterhin erkennbar. So wissen die Leute, denen ich auf meinem Weg die Karte unter die Nase halte, wohin ich will. Das dürfte allerdings auch nicht schwer zu erraten sein, denn es gibt in der Gegend weit und breit nichts anderes, wo Touristen hinfahren würden. Ich hatte zwar nicht vor, mir eine Elefantenshow anzusehen, aber hier gibt es nichts anderes zu tun und nach rund 40 Kilometern Fahrt auf dem Roller wünsche ich mir irgendeine Art von Belohnung für mein Kommen. Die Show stellt sich, wie erwartet, als schrecklich doof heraus. Ich sehe Elefanten, die Männchen machen und winken können. Einer malt sogar ein Bild. Also gut. Das ist eben Thailand. Ein Land, in dem der Tourismus mittlerweile seltsame Blüten hervorbringt. Die Fahrt dorthin hat mir eindeutig besser gefallen. Nach der Show sehe ich noch bei einer Art Glücksspiel zu. Da unterqueren Thais einen Elefanten unter seinem Bauch, gehen hinter ihm wieder zur anderen Seite und unterqueren ihn erneut. Sie müssen drei Runden schaffen, um in nächster Zeit Glück im Leben zu haben. Man kann sich denken, was der Elefant seinerseits tun könnte, um die Glücksuchenden nicht zu ihrem Glück kommen zu lassen.
Auf dem Rückweg erfreue ich mich wieder an den Schildern und mittlerweile, es ist später Nachmittag, sind viele Elefanten, die ich zuvor bei der Show gesehen habe, von der Arbeit zurück und »parken« in ihren riesigen Garagen. Ich male mir aus, wie ein Tierarztbesuch aussehen könnte, bei dem soeben ein altes, schwaches Tier von seinem Leiden erlöst wurde.
»Wollen Sie ihn gleich hier lassen, oder haben Sie einen Garten, wo Sie ihn selbst beisetzen können? Im Haustierkrematorium eingeäschert, würden wir die Urne mit dem Kranwagen direkt vor ihre Haustür bringen.«
Mit dem Fahrrad fahre ich den ganzen Tag im rund 80 Kilometer nördlich von Bangkok gelegenen Ayuttaya kreuz und quer durch den historischen Park der einstigen Hauptstadt Siams und kann nur noch erahnen, wie prächtig Ayuttaya einmal gewesen sein muss. Kaum vorstellbar ist, dass die Stadt einmal über eine Million Einwohner gehabt haben soll. Aktuell sind es nur noch 53.000. Viele Touristen lassen sich auf den Rücken von geschmückten Elefanten durch die Gegend tragen. Mit Sicherheit ist mein Ritt auf dem Drahtesel komfortabler. Denn da oben schaukeln die Touristen auch auf einwandfreien Wegen bei jedem Schritt hin und her. Ein kleiner Höhepunkt ist der Buddhakopf des Wat Mahathat, der im Laufe der Jahrhunderte fast vollständig von den mächtigen Wurzeln eines uralten Banyan-Baumes umschlungen worden ist. Wer sich neben ihm ablichten lassen möchte, muss dabei in die Hocke gehen. Denn es gehört sich nicht, größer als der Buddha zu sein. Dass dieses Gebot von allen Touristen eingehalten wird, gewährleistet ein eigens dafür abbestellter öffentlicher Ordnungshüter, der jeden, der das kaum übersehbare Schild mit dem entsprechenden Ordnungsgebot nicht gelesen oder absichtlich übersehen hat, zurechtweist.
Wer schon immer einmal auf einem echten Floating Market unterwegs sein wollte und den mit Reisbauernhüten bedeckten Marktfrauen Obst von einem nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche schwimmenden Kahn abkaufen wollte, ist in Ayuttaya ganz bestimmt nicht richtig, wenn auch ein großes Schild auf den Floating Market hinweist. Hier gibt es einen nachgebauten Markt auf dem Wasser, der im Europapark in Deutschland besser aufgehoben wäre. Das Einzige, was hier auf dem Wasser stattfindet, sind die Spazierfahrten in kleinen Booten für Touristen, in denen sich zumindest an diesem Tag kein Tourist verschaukeln lässt.
In Ayuttaya leben auch überdurchschnittlich viele streunende Hunde. Tagsüber halten sie sich meist einzeln bei den Restaurants, Garküchen, Mülleimern und an schattigen Plätzen auf, aber nachts sind sie in Rudeln auf abgelegenen Straßen unterwegs und können gefährlich werden. Als ich mit meinem Fahrrad bei Sonnenuntergang noch in den Ruinen zum Fotografieren unterwegs bin, biege ich, um meinen Weg abzukürzen, versehentlich in ein von Hunden beherrschtes Territorium ein. Zum Glück bemerke ich es rechtzeitig und entkomme, ehe es ungemütlich wird. In solchen Fällen ist es am besten, gleich umzudrehen, solange die Hunde einen noch nicht gesehen haben, und möglichst unbeeindruckt weiterzugehen und vor allem auf viel Glück zu hoffen. In den zwei Tagen in Ayuttaya kommt es noch zu mehreren unheimlichen Begegnungen mit Vierbeinern.
Noch ist meine Reise jung. Ich treffe Reisende, die schon viele Monate, manche sogar Jahre unterwegs sind. Ich stehe noch ganz am Anfang.
Was habe ich bisher gemacht? Urlaub! Anders lässt es sich kaum beschreiben. Ich ziehe umher, besichtige Tempel, Museen, gehe scharf essen, probiere Maden, Skorpione und lokale Biere. Ich mache die ein oder andere Exkursion in den Dschungel und den Tauchschein auf Koh Tao.
Richtig gefallen will mir das alles nicht. Ich will mehr aus dieser Reise herausholen. Aber mehr braucht Gelegenheit und die kommt nicht in der ersten oder zweiten Woche. Auch nicht in der vierten. Es muss sich alles entwickeln. Zum Glück geschieht genau das mit jedem Tag, den ich weiterreise.
Inzwischen bin ich in Lop Buri angekommen, einem kleinen Städtchen, das mein Reisebuch wegen der dort lebenden Makaken erwähnt. Nachdem ich den Zug verlassen habe, bin ich mit dem Abwimmeln von Tuk-Tuks und Rikschafahrern beschäftigt. Ich habe mal wieder die ganze Zugfahrt über aus dem Fenster geschaut und mich in bruchstückhafte Unterhaltungen mit Einheimischen verzettelt. Kein Blick in mein Reisebuch, wo ich hier übernachten werde. Das muss ich jetzt schnell nachholen, aber nicht am Bahnhof, sonst lassen sie mir keine Ruhe, bis ich einknicke und mich einfach irgendwohin fahren lasse. Ich gehe entschlossen los, um den Anschein zu erwecken, ich wüsste, wohin ich unterwegs bin. Im Gehen werfe ich noch einen flüchtigen Blick ins Buch und entdecke eine Pension, die ganz in der Nähe des Bahnhofs ist. Da es sonst nur noch eine zweite Pension in der fußläufigen Umgebung gibt, fällt mir die Entscheidung leicht. Dort angekommen, werde ich mit Informationen zur Pension und einem Zimmerschlüssel versorgt. Als ich mein Zimmer bezogen habe, mache ich mich auf den Weg, das Städtchen zu erkunden. Ich schaffe es genau acht Meter weit auf die andere Straßenseite, bis mich ein Wolkenbruch zur Umkehr zwingt. Es ist Regenzeit in Thailand. Also zurück, um unter dem Vordach Schutz zu suchen. Es sitzen noch andere Gäste da, ich bestelle Kaffee und ziehe mich schnell um, bevor er serviert ist. Dann verbringe ich die nächsten zwei Stunden damit, meine neuen Mitbewohner kennenzulernen und dem Regen zuzuschauen.
Wie gut, dass ich mir neulich einen kleinen Regenschirm andrehen lassen habe. Als der Starkregen deutlich nachlässt und in einen leichten Schauer übergeht, spanne ich den Schirm auf und gehe los. Ich durchstreife die Straßen und finde auch schon bald den sogenannten Affentempel, eine eingezäunte Ruinenanlage am Rande der Innenstadt, die sich parallel zur Bahnlinie erstreckt. Innerhalb des Geländes erwartet mich bereits ein kleiner, mit einer Steinschleuder bewehrter Junge mit lustig akzentuiertem Englisch, der sich umgehend daran macht, mir seine Affen mit Namen vorzustellen. Kommt mir einer zu nahe, schnalzt auch schon ein Stein von der Schleuder des Jungen, und der Affe galoppiert, sich lautstark über die Maßregelung beschwerend, davon. Dann bekomme ich jeden Stein der Anlage und sämtliche Affen gezeigt. Der Knirps weist mich sogar an, wo ich zu stehen habe, um die besten Fotos zu machen. Da ich gut unterhalten werde, spiele ich alles mit. Nach 15 Minuten ist meine Führung zu Ende, ich gebe dem Jungen ein Trinkgeld und er sucht sich neue Touristen, denen er die Namen der rund 400 Affen erzählt. Kurz bevor ich die Anlage verlasse, entdecke ich noch ein Motiv für ein Foto. Ich lege meinen Regenschirm beiseite und suche die beste Einstellung. Das Foto von der Ruine wird zur Nebensache, dafür mache ich mehrere Fotos von neugierigen Affen, die sich über meinen unbewachten Schirm hermachen und ihn in weniger als einer Minute fachmännisch zerlegen. Dann fliegen wieder Steine. Der Junge taucht erneut zwischen den Steinquadern auf. Er verrät mir, wo ich einen neuen Schirm bekomme und die Vokabel des Tages: »Loom«. In einem Laden gleich um die Ecke kaufe ich mir für umgerechnet weniger als zwei Euro einen Loom und setze meine Stadtbesichtigung fort.
Am anderen Morgen sitze ich erneut unter dem Vordach und schaue während des Frühstücks den Affen zu. Pünktlich um zehn Uhr kommen sie über die Dächer und Stromleitungen in die Stadt balanciert, um sich über alles herzumachen, was nicht niet- und nagelfest ist. Unachtsame Passanten mögen sich über leichter werdende Einkaufstüten wundern, die unbemerkt ein Loch bekommen, aus dem sich die Affen bedienen.
Es regnet wieder. Da ich inzwischen alles Sehenswerte angeschaut habe, reise ich nach dem Regen weiter nach Sukhothai, eine von den Khmer gegründete Stadt, die vom 13. bis ins 15. Jahrhundert Residenz des Königreiches Sukhothai war. Vor dem Ruinenfeld finde ich mehrere Stände, an denen es Fahrräder zum Verleih gibt. Ich gehe zum nächstbesten und sehe mir die Auswahl an. Eine ältere freundliche Dame begrüßt mich und fragt nach, was ich suche. Da ich überall dieselben klapprigen Damenräder stehen sehe, frage ich sie:
»Do you have mountainbikes?«
Sie freut sich, mir weiterhelfen zu können, und zeigt mit einer schwunghaften Armbewegung auf die bereits gesehenen Damenräder.
»Oh, thank you. I am looking for a mountainbike.«
Nach einem kurzen Moment der Verwirrung zeigt sie erneut auf eines ihrer Klapperräder und sagt bestätigend:
»Mountainbike.«
Sie scheint nicht zu wissen, was ein Mountainbike ist. Ich versuche es mal mit Gangschaltung. Deute auf das Ritzel des Fahrrads, das mir am nächsten steht, und sage:
»A bike with gears.«
Jetzt verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Sie winkt mir, ihr zu folgen. In einer anderen Reihe von Fahrrädern zeigt sie mir erwartungsvoll ein weiteres klappriges Damenrad, an dem, im Unterschied zu den anderen, ein Kettenschutz befestigt ist. Ich gebe vor, zu überlegen und entscheide mich, um ihre Bemühungen nicht zu enttäuschen, für ein »Mountainbike«.
Unter ständigem Gequietsche und dem stumpfen Knarzen des kaputten Tretlagers holpere ich auf dem Klapperrad ins Ruinenfeld von Sukhothai.
Die Altstadt von Chang Mai ist der gemütlichste Ort, den ich auf meiner bisherigen Reise besucht habe. Es geht durch verwinkelte Gassen, überall gibt es Lokale, Pensionen, Kochschulen, Massagestudios, Märkte, Galerien, Tempel und Klöster. Allerdings ist die Gemütlichkeit im Inneren der Altstadt durch den alten Stadtgraben und die noch vorhandenen Überreste der einstigen Stadtmauer unübersehbar abgegrenzt. Wo einst die Stadt zu Ende war, befindet sich heute eine vierspurige Straße, die die rechteckig angelegte Altstadt umgibt. Zwei Spuren innerhalb des Stadtgrabens und in entgegengesetzter Richtung zwei außerhalb.
Beim Billardspiel lerne ich zwei junge Deutsche kennen. Wir trinken ein Bier nach dem anderen und spielen gleichsam von Bier zu Bier schlechter. Wir unterbieten uns im Spiel, bis wir kaum noch die Kugel treffen. Das Restaurant ist noch immer voll und andere Gäste drängen auf ein Ende unseres beschämend schlechten Spiels. Zeit hinaufzugehen und dort weiterzutrinken. Die beiden haben hier ein Zimmer im vierten Stock angemietet. Auf jedem Stockwerk gibt es einen Balkon, der die gesamte Etage umgibt. Er ist von den Zimmern und vom Flur aus zugänglich.
Dort sitzend trinken wir weiter und genießen die Aussicht über die Dächer der nördlichen Altstadt von Chiang May. Die beiden rauchen einen Joint nach dem anderen. Wir unterhalten uns über Reisepläne, Erfahrungen und über das lockere Leben, das wir in Thailand führen. Irgendwann erscheint ein junger Kellner in der offen stehenden Tür zum Balkon. Er traut sich kaum, unsere Unterhaltung zu unterbrechen. Schüchtern erinnert er mich daran, dass ich meine Rechnung noch nicht bezahlt habe. Das Restaurant würde jetzt schließen. Die beiden Bekifften brechen unisono in Gelächter aus.
Es ist mir wirklich peinlich, nicht bezahlt zu haben. Ich habe nicht gedacht, dass es schon so spät ist und dass wir nicht noch einmal hinunterkommen würden. Ich stehe auf, verbeuge mich entschuldigend und frage, wie hoch meine Rechnung ist. Verschämt zeigt er mir die Rechnung. Er scheint sich nicht wohlzufühlen in seiner Rolle als Geldeintreiber. Ich gebe ihm nochmals zu verstehen, dass es mir sehr unangenehm ist, meine Rechnung vergessen zu haben.
»Da fehlt ja mein Thai Curry.«
»I had the red Thai Curry with chicken. It‘s not on the bill«, sage ich dem Jungen. Der sieht mich entgeistert an. Was mich das Thai Curry zusätzlich koste, will ich wissen.
»I don‘t know«, schüttelt er verlegen den Kopf. Ich suche in meinem Beutel nach Geldscheinen, um sie ihm einfach mitzugeben, gleich, was es kostet. Als ich meine zwei 500-Bath-Scheine in der Hand habe, ist er bereits verschwunden.
Die beiden Bekifften machen ohne Unterbrechung Witze und wollen mit mir anstoßen. Wir trinken weiter.
Kurz darauf ist der junge Kellner wieder da und überreicht mir zufrieden die korrigierte Rechnung.
Mein Essen und die Zeche kosten mich 640 Bath. Der heutige Abend war teuer. Ich überreiche ihm die 500-Bath-Scheine und bedanke mich. Er zuckt zusammen. Nimmt die Scheine mit beiden Händen und einer Verbeugung entgegen und gibt entschuldigend zu verstehen:
»No have change. I solly!«
Schon eilt er davon. Ich will ihn noch aufhalten, aber er hört meinen Ruf nicht mehr. Noch bevor ich zum Entschluss komme, dass es mein Anstand von mir erwartet, ihm hinterherzugehen und das Wechselgeld unten selbst abzuholen, kichert mir einer der beiden Bekifften entgegen:
»Wenn er mit den 360 Bath wieder hochkommt, sagst du, es stimmt so!« Lachend sinke ich auf meinen Stuhl zurück. Dann schiebt er nach:
»Wäre halt schon ein echt fettes Trinkgeld.«
Und wieder kichern sich die beiden weg.
»Immerhin umgerechnet neun Euro«, antworte ich.
»Der Witz wärs ja, aber wie dekadent!«
Das kann ich unmöglich machen. Als auf der Treppe erneut seine Schritte zu hören sind, stehe ich auf, um ihn wenigstens zu erwarten. Der junge Thai erscheint, überreicht mir das Wechselgeld und ich gebe ihm ein für seine Mühen angemessenes Trinkgeld.
»Gerade noch mal die Kurve gekriegt«, denke ich mir.
Der Junge bedankt sich überschwänglich und geht. Zum Glück hat er nicht mitbekommen, was hier gerade los war. Nachdem wir ausgetrunken haben, wünsche ich den beiden eine gute Nacht und gehe zurück in mein Gästehaus. Auf dem Weg denke ich, wie ehrlich und naiv viele Thai sind und wie beschämenswert unser so oft auf Kosten anderer gehender Humor doch ist.
Zehn Tage hat es gedauert, bis ich mich von Chiang May losreißen konnte. In Pai angekommen, suche ich mir eine Unterkunft und finde schon bald etwas Gemütliches. Es lohnt sich, erst einmal einen Rundgang durch den kleinen Ort zu machen und sich dann für eine schöne und gemütliche Unterkunft zu entscheiden. Außerdem hat man dann bereits einen ersten Überblick über Pai. Obwohl der Ort wundervoll ist, werde ich nur für zwei Tage bleiben, da in meinem Reisepass bereits das Visum für Vietnam mit festgelegtem Einreisetag klebt. Außerdem liegt Laos noch vor mir und ich will auch dort möglichst lange bleiben. Die Leute, die mit mir in diesem gemütlichen Gästehaus wohnen, sind schon über einen Monat hier, ohne sich zu langweilen. Obwohl sie es kaum aus ihren Hängematten heraus schaffen, scheint es ihnen an nichts zu fehlen. Nichts tun ist eben auch mal gut.
Die Umgebung von Pai ist der eigentliche Reiz, die Landschaft ist unglaublich schön. Zwischen saftig, grünen Hügeln schmiegt sich der kleine verschlafene Ort ein und das gesamte Tal ist umgeben von einer höheren Bergkette. Es gibt schöne Tempel in den Bergen, einen Canyon, tolle Aussichten zu genießen und heiße Quellen zum Baden.
Am anderen Morgen miete ich mir einen Motorroller und erkunde die Gegend. Irgendwann fahre ich links ran, lese das Straßenschild vor mir und stelle fest, dass ich mich ganz schön verfranzt habe. Ich habe keinen Schimmer, wo ich bin. Der Tank ist noch halb voll. Also fahre ich einfach weiter. Auf abfallender Strecke in einer lang gezogenen Kurve kann ich die Landschaft eines engen Tals, das jetzt vor mir liegt, gut einsehen. Weit und breit kein Haus. Die Straße schlängelt sich vor mir um leuchtend grüne Reisfelder und in einiger Entfernung steigt direkt neben der Straße Dampf auf. Als ich näher komme, sehe ich mit Palmblättern gedeckte Dächer von Unterständen aus Bambus, eine Bambushütte und Menschen. Der Dampf zieht jetzt auch über die Straße vor mir.
»Das muss auch eine heiße Quelle sein«, denke ich und halte bei der Bambushütte an. Der Inhaber erzählt mir, diese Quelle sei erst vor zwei Tagen aufgegangen. Da ihm das Reisfeld dahinter gehört, ist das nun seine heiße Quelle. Zum Baden ist sie zwar zu klein und viel zu heiß, aber Eier kann man hier kaufen und in der Quelle kochen. Ich kaufe zwei Eier. Die Frau des Eigentümers legt sie mir in ein geflochtenes Körbchen, das an einem zwei Meter langen Bambusstecken befestigt ist. Sie bedeutet mir mit Gesten, wie ich die Eier kochen soll. Nämlich nicht direkt in die sprudelnde Quelle hineinhalten, sondern einen Meter daneben. Dort habe das Wasser nur noch ungefähr 80 °C und die Eier kochen gut, ohne zu platzen. Fünf Minuten später sitze ich auf einer Bank und genieße die hart gekochten Eier direkt am Straßenrand der Landstraße.
Die Abfahrt war um 18:20 Uhr angesetzt. Von Pai mit dem Minivan nach Chiang Khong und weiter zur Grenze nach Laos. Normalerweise geht hier immer alles mit Verspätung los, aber diesmal war ich sogar zehn Minuten vor der geplanten Abfahrt auf der Strecke.
Wie sich später herausstellen sollte, hätte auch nicht viel gefehlt, um auf der Strecke zu bleiben. Aber, wie schon gesagt, man gewöhnt sich dran. Diesmal war es allerdings ein echter Höllenritt!
Wir sind nur sechs Passagiere und unser Fahrer. Er, offensichtlich ein Abgesandter der Hölle, neben ihm eine allein reisende Brasilianerin, auf der ersten Rückbank zwei von irgendetwas betäubte Franzosen – sie werden später die Einzigen sein, die über die Fahrt nichts Außergewöhnliches zu berichten haben – auf der dahinterliegenden Rückbank ein Amerikaner und ich und hinter uns noch ein Australier, der auf seiner Sitzbank alleine sitzt, aber durchgehend mit seinem Notebook beschäftigt ist. Ich bin die ganze Fahrt über angeschnallt. Unser »Undertaker« heizt aus dem verschlafenen Örtchen hinaus in Richtung Passstraße. Vorbei am ersten Checkpoint, der unbesetzt ist. Die Checkpoints sind Kontrollpunkte, an denen die Polizei schwer bewaffnet nach Opiumtransporten sucht. Im Goldenen Dreieck, wie diese Gegend im Grenzgebiet von Thailand, Myanmar und Laos heißt, kommt der Begriff »Opium« oft vor. Dann geht es in die Berge von Pai. Die Straße windet sich in genauso engen Kurven wie der alte Pass, der über den Gotthard führt, nur mit Regenwald links und rechts. Unser Minivan gibt alles! Dann geht es eine ganze Weile auf dem Grat des Berges entlang, natürlich auch in Serpentinen, aber nicht mehr so eng gewunden. Dann ein anderer Checkpoint. Hier müssen wir anhalten. Zum ersten Mal betrachte ich unseren Fahrer für eine Weile genauer und stelle fest, dass er aussieht wie ein Meuchelmörder aus einem dieser schlechten Kung-Fu-Filme. Ein feistes, fieses Gesicht mit einem dünnen langen Schnurrbart und Glatze.
»Der schmuggelt doch bestimmt was!«, flüstere ich.
Das Schlimmste kommt noch. Es ist wider Erwarten nicht die Abfahrt auf der anderen Seite der Berge, sondern die gut ausgebaute Schnellstraße nach Chiang Rai. Hier geht so richtig die Post ab!
Inzwischen ist es dunkel und die Straße erlaubt eine Reise mit Tempo 160 unter ständigem Hupen. Hier bremst man nicht bei Hindernissen, hier hupt man sie weg. Und die Kurven heißen hier alle »sharp«, das heißt, man muss sie schneiden! Bei Dunkelheit sieht man ja das Licht der entgegenkommenden Autos oder Motorräder, das macht die Fahrt so sicher. Solange es noch nicht ganz dunkel ist, sieht man allerdings auch, wie viele hier generell ohne Licht fahren.
Die Fliehkraft drückt mich von einer Seite zur anderen. Gegen die Wand und kurz darauf gegen den Gurt. So geht es für weitere Stunden. Dyllan, so heißt der Amerikaner neben mir, kämpft wie ich gegen Übelkeit und Angst um das eigene Leben. Sollten wir die Fahrt überleben, so beschließen wir, werden wir Freunde und wollen in Laos einige Zeit gemeinsam reisen.
Dann eine längere Pause an einer Tankstelle mit einem »7 eleven«. Hier essen wir Fertigessen aus der Mikrowelle. Auf dem folgenden Fahrtabschnitt werde ich endlich müde und passe nicht mehr so genau auf, was mit uns im Minivan passiert. Etwa nach weiteren sieben Stunden rasanter Fahrt durch die Nacht erreichen wir unser Ziel, Chiang Khong am Mekong. Von hier aus soll es morgen früh mit dem Slowboat nach Luang Prabang in Laos gehen.
Am westlichen Flussufer werden Dyllan und ich aus Thailand ausgestempelt, dann geht es zu Fuß über eine hölzerne Treppe hinunter zum Wasser auf ein kippeliges Longtailboat. Als das Boot annähernd voll ist, setzen wir über zum östlichen Flussufer nach Huay Xai. Noch sind wir im Niemandsland, obwohl wir hier drüben bereits den Boden von Laos betreten. Hier geht es nicht so schnell voran wie auf thailändischer Seite. Es sind schon viele andere Touristen da. Die Zollbeamten leisten Akkordarbeit. Etwa 40 Visa schaffen sie, pro Stunde auszustellen. Hat man seine Papiere und seinen Pass abgegeben, wartet man mit einer Nummer, bis der eigene Name ausgerufen wird oder etwas ähnlich Klingendes. Die Karten werden neu gemischt. Man lernt hier leicht neue Leute kennen, weil sich jeder in der Situation befindet, nichts machen zu können und nicht wegzukönnen. Zur selben Zeit warten außer uns noch etwa dreißig andere Leute in dem kleinen Transitbereich auf ihre Pässe. Immer, wenn eines der Longtailboote ankommt, werden es auf einen Schlag etliche mehr, während am Ausgang immer nur eine Handvoll Leute den Bereich verlässt. Wir freunden uns mit weiteren Reisenden an.
Als wir unsere Pässe zurückhaben, bekommen wir so eine Art »Guide«: einer mit einem nicht übersehbaren roten T-Shirt. Er bringt uns zu einem Tuk-Tuk, das uns zum Anlegeplatz des Slowboats bringen soll. Ich glaube, das ist meine erste Tuk-Tuk-Fahrt, für die ich kein Geld bezahlen muss. Wir machen Halt an einem Spirituosenladen. Keiner von uns im Tuk-Tuk hatte darum gebeten. Da uns allerdings zwei ganze Tage auf einem langsamen Kahn, mit dem wir den Mekong hinunterschippern werden, erwarten, kaufen wir ein.
»Diese Fahrt kann man bestimmt gut feiern«, denken sich alle. Vorsorglich decken wir uns mit Bier, laotischem Whisky und anderem Gesöff ein.
Auf dem Slowboat angekommen, sucht sich jeder seinen Platz nach Wunsch, trotz Sitzplatzvergabe und Sitzplatznummern, die per Zettel mit Edding beschrieben auf den Sitzflächen liegen. Die meisten Platznummern sind ohnehin schon durcheinandergebracht. Das waren diejenigen, die vor uns an Bord kamen, auseinanderliegende Sitze hatten, aber beisammensit-zen wollten. Alle weiteren Passagiere gehen ebenso vor. Nach einiger Zeit sitzen alle 70 Passagiere auf einem anderen Sitzplatz als dem zugewiesenen.
Der erste Tag auf dem Fluss wird feuchtfröhlich, was sich wohl auf jeder Fahrt dieser Boote in unterschiedlicher Ausprägung wiederholt. Die Fahrt mit den neuen Leuten zu feiern, bietet sich schließlich an. Das Einzige, was man auf dieser Bootsfahrt zu tun hat, ist nicht aus dem Boot zu fallen. Sonst braucht man den ganzen Tag nichts mehr zu tun. Das hintere Drittel des Slowboats wird zum Festzelt. Ganz hinten, hinter dem Motorraum und Bordklo, werden allerlei Waren transportiert. Dort sitzt auch noch eine kleinere Runde beisammen. Das müssen Indianer sein, sie kommunizieren stundenlang nur mit süßlich riechenden Rauchzeichen, bleiben sonst aber still.
Von Huay Xai kommt man immer noch am besten auf dem Mekong nach Luang Prabang. Die wenigen Straßen, die es gibt, führen so umständlich durchs Land und sind ausnahmslos in einem erbärmlichen Zustand, sodass man auf dem Mekong sogar mit dem tuckernden Slowboat schneller ist. Daher sind auch längst nicht nur irgendwelche Backpacker, die sich einbilden, ihre Reise ganz selbstbestimmt zu begehen, sondern auch normale Koffertouristen mit an Bord. Nach stundenlanger Fahrt und überwältigenden Eindrücken, völlig unberührter Natur und vorbei an zahlreichen Stellen, an denen Kinder im Fluss baden, erreichen wir Pak Beng. Ich habe vorher in meinem Reisebuch vergeblich nach Unterkünften in Pak Beng gesucht und auch im Internet auf den üblichen Internetseiten keinen einzigen Eintrag gefunden. In Pak Beng sind wir komplett in den Händen der Einwohner. Es wird sich noch zeigen, dass Laos ganz groß darin ist, Reisende systematisch in Sackgassen zu führen, aus denen man nur wieder herauskommt, wenn man den Preis bezahlt, den sie für uns Touristen vereinbart haben. Wir haben aber Glück und können, da wir geschlossen als zehnköpfige Gruppe auftreten, den Prokopfpreis zu unseren Gunsten bestimmen. Und zwar unabhängig von der Zimmergröße. Das Fest geht noch für einige Zeit in Pak Beng weiter, aber irgendwann wird es still im Dschungeldorf am Mekong.
Am anderen Tag ist die Stimmung deutlich vom Vortag und der Nacht geprägt. Für viele geht die lange Fahrt verkatert weiter. Jetzt komme ich dazu, die vielen verschiedenen Sitze zu erkennen, die einfach so im Bootsraum stehen, ohne festmontiert zu sein. Es gibt Schulbänke, einfache Holzbänke mit Lehne, Sitze aus Minivans und sogar ein Paar Flugzeugsitze.
Gemächlich fährt das Boot in Richtung Luang Prabang und hält etwa jede Stunde im vermeintlichen Niemandsland an, um einheimische Passagiere aufzunehmen oder von Bord gehen zu lassen.
