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Elisabeth Büscher lebt als fünffache Mutter und achtfache Großmutter in ihrem Heimatdorf Riesenbeck und kümmert sich um die großen und kleinen Belange der Familie. Ihre große Liebe gehört ihrer schwerbehinderten Tochter Vanessa, deren Geschichte dieses Buch erzählt. Mit ihrem Buch möchte Elisabeth Büscher anderen Eltern von behinderten Kindern Mut machen und zeigen, dass sie mit ihren Sorgen und Ängsten nicht alleine sind. Sie berichtet von ihren Erfahrungen mit Therapiemethoden und Heilern und erzählt aus ihrem ganz normalen Alltag.
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bedanken möchte ich mich ganz herzlich bei Klaus Altepost und seiner Tochter Maria! Ohne den tollen Einsatz der beiden hätte es wohl noch lange gedauert, bis ich mein Buch in den Händen halten könnte.
Um das Persönlichkeitsrecht zu wahren, wurden die Namen der im Buch genannten Personen zum Teil geändert.
Vorwort
Der Traum von einer Großfamilie Oder: Wie alles begann
Vanessa kommt zur Welt Oder: Ein schwieriger Start ins Leben
Vanessa bleibt unser Sorgenkind Oder: Endlich eine Diagnose
Neue Probleme mit Vanessa Oder: Was das Jahr 1984 für uns bringt
Es ist an der Zeit, loszulassen Oder: Hans muss ins Krankenhaus
Eine Heilerin fliegt auf Oder: Nicht alle Heiler sind Schwindler
Ein Rollfiets für Vanessa Oder: Wir wagen es erneut
Vanessa durchlebt ihre Matschphase Oder: Eine schwere Zahn-OP steht bevor
Wir werden Großeltern! Oder: Die Unruhe kehrt zurück
Alexandra kehrt zurück Oder: Die nächste Krise kommt bestimmt
Unser Jahr 2003 Oder: Es kommt doch alles anders
Eine neue Therapiemöglichkeit für Vanessa Oder: Die Delfine rufen
Das Leben geht weiter Oder: Fördern, fördern, fördern
Die Mutter-Kind-Kur beginnt Oder: Ich muss lernen, auch an mich zu denken
Gänsehaut-Feeling in Spanien Oder: So sieht glückliches Familienleben aus
Nachwort
In diesem Buch habe ich meine Träume, Gedanken, Sorgen, Nöte und die tatsächliche Wirklichkeit aufgeschrieben! Ich bin 63 Jahre alt, seit 45 Jahren glücklich verheiratet, Mutter von fünf Kindern und stolze Oma von acht Enkelkindern. Ein Jahr nach der Geburt unseres jüngsten Kindes erfuhren wir nach und nach, dass unser Nesthäkchen Vanessa schwer geistig behindert ist. In dieser Zeit der Hoffnungslosigkeit habe ich angefangen, meine Sorgen und Nöte, Erfahrungen mit Ärzten und auch Erlebnisse mit unseren Mitmenschen aufzuschreiben.
Mein Buch war von da an mein bester Freund. Ihm konnte ich alles anvertrauen. Gab es kleine Fortschritte mit unserem Kind, habe ich diese vermerkt, oder war ich wieder einmal sehr verzweifelt, mein Buch war für mich da! Hinzu kommen auch viele Erfahrungen, die wir mit Heilern gemacht haben. Denn wir wollten auf jeden Fall versuchen, unserer kleinen Maus alle Förderungsmöglichkeiten in jeglicher Hinsicht zu geben. Dabei haben wir positive und negative Erfahrungen gemacht und auch unsere Geldbörse hat dabei ganz schön gelitten.
Vielleicht kann ich mit meinem Buch auch anderen Eltern mit behinderten Kindern Ratschläge geben und ihnen in verschiedenen Situationen Mut machen! Das würde mich sehr freuen. In unseren 45 Jahren Ehe ist in unserer Großfamilie viel passiert, das ich mir in meinen jungen Jahren nie erträumt und schon gar nicht erwartet hätte! Aber eines ist sicher: Vanessa ist für mich und meinen Mann die wichtigste Person in unserem Leben!
Unter anderem möchte ich mich mit diesem Buch auch bedanken: Bei meinem Mann und bei unseren vier großen Kindern, oft genug mussten sie auf ihre kleine Schwester Rücksicht nehmen. Nicht vergessen möchte ich meine Schwiegermutter, von uns allen „Großmutter“ genannt. Auch ihr habe ich zu danken! Jeder von ihnen hat dazu beigetragen, dass ich sagen kann:
… Und trotzdem sind wir glücklich!!!
Der Traum von einer GroßfamilieOder: Wie alles begann
Der 24. Juli 2003 war für unsere Familie ein besonderer Tag! Denn unser Nesthäkchen Vanessa feierte an der Don-Bosco-Schule in Recke ihren Schulabschluss. Dieser Tag bedeutete für sie nicht wie bei allen anderen Schulabgängern den Start in die Zukunft, in das Leben. Für Vanessa war es ein völliger Neubeginn in den Ledder Werkstätten, eine Einrichtung für behinderte Menschen. Denn unsere Tochter ist seit ihrer Geburt behindert.
Vielleicht sah ich als Mutter diesem Neubeginn doch etwas zu ängstlich entgegen, aber es war ja immerhin auch ein Einschnitt in unser Leben. Und als Eltern sieht man eben mit ganz anderen Augen in die Zukunft, denn der Gedanke an die Zeit, wenn wir einmal nicht mehr für unsere Tochter sorgen können, lässt sich nicht einfach so verdrängen. Von nun an wurde Vanessa an den Werktagen morgens abgeholt und am Nachmittag wieder nach Hause gebracht. Aber immerhin bedeutete dieser Schritt noch nicht das komplettes Ausziehen aus dem Elternhaus, wie es ja teilweise bei unseren älteren Kindern schon geschehen ist. Blicke ich zurück in die Vergangenheit, und das tue ich zurzeit sehr oft, ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie ich wohl reagieren würde, wenn ich das Rad der Zeit 33 Jahre zurückdrehen könnte.
Mit süßen 18 Jahren habe ich am Freitag, den 13. August 1971, meine große Liebe, meinen Hans, geheiratet. Viele Leute hier in unserem Dorf haben uns damals belächelt und niemals daran geglaubt, dass diese Ehe wohl halten könnte. Doch mein Hans und ich haben allen Vorhersagen getrotzt und sind nun seit 33 Jahren glücklich verheiratet. Sicher haben wir auch so manchen Kampf bestritten und es war nicht immer heile Welt bei uns. Hans und ich sind eigentlich totale Gegensätze, aber bekanntlich ziehen sich Gegensätze ja magisch an. So ist es dann wohl auch bei uns.
Kennengelernt habe ich Hans im Februar 1968. Meine Schwester und ihr Mann luden mich zum Karnevalsfest des hiesigen Männergesangvereins ein. Da war ich 15 Jahre alt und ging sonst wirklich nirgendwo hin, weder auf Partys noch auf andere Feste und somit brauchte meine Schwester schon einiges an Überredungskunst, um mich zum Mitkommen zu überreden. Mein Schwager holte mich an dem besagten Abend ab und versprach meinen Eltern, mich auch wieder zurückzubringen. Der Abend verlief sehr lustig. Obwohl ich natürlich als einziges junges Mädchen am Tisch von einem älteren Herrn nach dem Anderen zum Tanzen aufgefordert wurde, habe ich mich sehr amüsiert. Jüngere Tanzpartner waren an dem Abend nicht vorhanden – bis dann zu später Stunde ein junger Mann auftauchte und mich zum Tanz aufforderte. Ich war begeistert und wir tanzten einen Tanz nach dem anderen. Wie es dann so üblich war, lud mich Hans, so hieß der junge Mann, in die Sektbar ein. Wir tranken Sekt und unterhielten uns wunderbar. Es machte Spaß, ihm zuzuhören, doch als er nach einiger Zeit fragte, ob wir uns am nächsten Tag wiedersehen könnten, geriet ich in Panik und wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Aus lauter Not schwindelte ich ihm vor, dass ich schon einen Freund hätte. Er wirkte sehr enttäuscht und ich bereute fast sofort meine Worte. Doch gesagt war gesagt.
Zu der Zeit besuchte ich die 10. Klasse einer Realschule in Ibbenbüren und es war eigentlich unheimlich cool, in dem Alter einen Freund zu haben. Aber mit meinen 15 Jahren war ich noch so schüchtern, dass ich mit der Ausrede schon richtig gehandelt hatte. So glaubte ich wenigstens zuerst. Und außerdem hatte ich einen großen Traum. Ich wollte unbedingt SOS-Kinderdorfmutter werden. Hermann Gmeiner, dem Gründer der Kinderdörfer, hatte ich auch schon geschrieben und mein Interesse bekundet. Er teilte mir mit, dass ich zunächst eine Ausbildung machen müsse und mich mit 25 Jahren wieder bei ihm melden solle, um danach den Beruf einer Kinderdorfmutter anzustreben. Und ein Freund stand diesem Traum nun einmal im Wege. Aber immer wieder ertappte ich mich dabei, dass ich an Hans denken musste. Wie alt mochte er wohl sein? Ich schätzte ihn auf Anfang 20. Ich versuchte sogar, meine Eltern auszuhorchen, denn in einem so kleinen Dorf wie Riesenbeck kennen sich viele Leute untereinander und ich hoffte, dass sie Hans und seine Familie kennen würden.
Während ich mich auf meinen bevorstehenden Schulabschluss vorbereitete, habe ich Hans durch einen großen Zufall am 1. Mai 1968 wiedergesehen. Meine Freundinnen und ich hatten einen lustigen Nachmittag in unserem Wochenendhäuschen verbracht. Der Vater von einer Freundin holte uns am Spätnachmittag mit dem Auto von dem Häuschen ab und auf dem Nachhauseweg sah ich plötzlich Hans und seine beiden Freunde auf dem Bürgersteig. Meine Freundinnen bemerkten sofort meinen Blick durch das Fenster. „Kennst du einen von den Typen?“ fragte Doris. „Ja“, antwortete ich und noch heute höre ich die Worte meiner Freundin: „Davon kommt sowieso keiner für uns in Frage, die sind viel zu alt.“
Ganz in Gedanken versunken, wie ich es nur anstellen könnte, Hans wiederzusehen, kamen wir Zuhause an. Dort setzte ich mich gleich daran, einen Brief an Hans zu schreiben. Seine Adresse hatte ich längst herausgefunden. Ich fragte in dem Brief, ob er sich noch an mich erinnern könne und erzählte ihm von meiner kleinen Notlüge bei unserem ersten Treffen. Ich schrieb, dass es schön wäre, wenn er sich melden würde, sollte er noch an einer Freundschaft interessiert sein. Ohne noch weiter drüber nachzudenken, warf ich den Brief gleich in den Postkasten, denn sonst wäre ich bestimmt nicht mehr mutig genug gewesen, um ihn tatsächlich abzuschicken. Eine ganze Woche verging und ich hörte und sah nichts von Hans. Bis zu jenem Samstagabend!
Wie immer ging ich samstags von 19.00 bis 22.00 Uhr mit meiner Freundin Doris und ihrem Cousin im Riesenbecker Hallenbad schwimmen. An diesem Abend verabschiedete ich mich etwas früher von den beiden. Und als wenn es so sein sollte, wartete draußen jemand auf mich! Ich konnte es kaum glauben. Hans!!! Er brachte mich nach Hause und wir verabredeten uns für den nächsten Nachmittag. Am nächsten Tag machten wir mit seinem Auto einen Ausflug in die nähere Umgebung. Wir erzählten uns viel von einander und versprachen, uns in der nächsten Zeit oft zu treffen.
Als ich wie jeden Montagmorgen mit meinen zwei Freundinnen zur Schule ging, erzählte ich den beiden von meinem Erlebnis am Sonntag und sie platzten fast vor Neid! Und für mich begann eine wunderschöne Zeit des Verliebtseins.
Durch Hans habe ich mich total verändert. Langsam wurde aus dem kleinen schüchternen Mädchen eine selbstbewusste junge Frau. Wenn ich auch heute noch oft an meinem Selbstbewusstsein arbeiten muss, so kann ich nur sagen, dass mein Hans mich von Anfang an durch seine offene und fröhliche Art bestärkt hat, viele Dinge im Leben anzupacken und durchzusetzen. Dafür danke ich ihm noch heute ganz herzlich!
Hans war 22 Jahre alt und ich war erst 16. Viele Leute hier in Riesenbeck glaubten, Hans sei viel zu alt für mich. Sogar meine Freundinnen waren der gleichen Meinung und so kam es, dass sich unsere Wege bald trennten. Sie ignorierten, dass ich mich bei Hans so wohl fühlte und gaben unserer gemeinsamen Zukunft keine Chance. Für Hans und mich aber war bald klar, dass wir ein gemeinsames Ziel hatten: Wir wollten heiraten und eine große Familie gründen. Fünf Kinder wünschte ich mir, aber jeder, dem ich das damals erzählte, erklärte mich für verrückt! Natürlich mussten wir uns noch näher kennenlernen und auch noch einige Steine aus dem Weg räumen, bis wir unser Ziel endlich erreicht hatten.
Hans war eigentlich das absolute Gegenteil von mir. Er war ein junger Mann, der das Vereinsleben liebte. Seine Junggesellen-Schützen, seine Feuerwehrkameraden und sein Stammtisch gingen ihm über alles. Ich dagegen hatte keine Freundinnen mehr, mit denen ich ständig zusammen hockte. So blieb mir nur meine Damenfußballmannschaft. Eifrig nahm ich am Training und an den Spielen teil – solange bis ich mit unserer ältesten Tochter Alexandra im dritten Monat schwanger war. Scheinbar hat sich diese Begeisterung bei ihr vererbt, denn noch heute spielt sie selbst leidenschaftlich Fußball.
Hans und ich begannen nun Schritt für Schritt, unser gemeinsames Leben aufzubauen. Das war nicht immer so einfach, wie ich es mir gedacht hatte. Es gab natürlich zwischen uns beiden auch mal mächtig Zoff, denn es mussten sich ja schließlich zwei total ungleiche Menschen erst einmal zusammenraufen. Manchmal denke ich, dass wir erst heute das richtige Verhältnis zueinander gefunden haben. Aber unsere Liebe war stark genug, um die vielen schwierigen Phasen unseres Lebens durchzustehen. Wenn ich mir heute die jungen Paare so ansehe, die bei den ersten Schwierigkeiten in der Partnerschaft auseinanderlaufen, kann ich das wirklich nicht verstehen. Wir hielten unsere Liebe immer fest, indem wir den Partner an der langen Leine laufen ließen, aber das dicke Seil unseres gemeinsamen Lebens haben wir nicht losgelassen! Darauf sind wir heute sehr stolz und ich weiß, dass unsere Kinder uns als ihre großen Vorbilder sehen!
Im Juni 1970 verlobten wir uns und begannen mit der Planung und dem Umbau des Hauses meiner Schwiegereltern. Aus dem kleinen Einfamilienhaus wurde ein geräumiges Zweistockgebäude. Am Freitag, den 13. August 1971, gaben wir uns um 13.30 Uhr schließlich das Jawort! Unser erstes Kind Alexandra kam 1972 zur Welt. Michaela, unsere zweite Tochter, folgte 1973. 1974 wurde ich schwer nierenkrank und wir mussten mit unserer Familienplanung ein bisschen pausieren. Gott sei Dank wurde ich wieder gesund und 1978 erblickte unser Sohn Christoph das Licht der Welt. Ihm folgte 1980 Stephanie und schon 15 Monate später wurde Vanessa geboren und unsere Großfamilie war komplett!
Vanessa kommt zur WeltOder: Ein schwieriger Start ins Leben
Nach einer normalen Schwangerschaft kam unsere Vanessa am 4. August 1981 morgens um 4. 10 Uhr zur Welt. Die Geburt verlief schnell und für meinen Mann und mich ganz normal. Gegen drei Uhr morgens waren wir im Krankenhaus in Ibbenbüren und schon eine Stunde später hielt ich unsere kleine Tochter im Arm. Ganz im Gegenteil zu ihren Geschwistern, die alle um die 3500 Gramm gewogen haben, brachte unsere Vanessa nur 2750 Gramm auf die Waage.
Wie auch bei den Geburten unserer drei Jüngsten durfte mein Mann auch bei Vanessas Geburt mit dabei sein. Uns fiel gleich auf, dass Vanessa nicht gleich nach der Geburt zu schreien begann. Die Hebamme nabelte unseren kleinen Schatz schnell ab und ging mit ihm in einen Nebenraum. Daraufhin hörten wir sofort ein kräftiges Schreien und nachdem ich Vanessa dann im Arm hielt, erklärte uns die Hebamme, dass unsere Kleine ein bisschen Sauerstoff bekommen habe. Aber sonst sei alles in Ordnung, versicherte sie uns. Mein Frauenarzt, der bei unseren drei Jüngsten jedes Mal erst kurz nach der Geburt gekommen war, bestätigte uns auch, dass unsere Tochter klein, aber gesund sei. Hans und ich waren glückliche Eltern und auch unsere vier Zuhause freuten sich sehr über ihre kleine Schwester.
Fünf Kinder, einen lieben Mann, eine richtig große Familie – war es nicht das, was ich mir immer so sehr gewünscht hatte? Ich war restlos glücklich und freute mich schon auf den Tag, an dem ich mit meinem Baby nach Hause durfte. Am dritten Lebenstag bekam Vanessa dann eine leichte Gelbsucht. Bei leichtgewichtigen Kindern sei das ganz normal, erklärte mir die Krankenschwester. Deshalb musste unser Baby 48 Stunden unter einem speziellen Neonlicht liegen. Zu den Stillzeiten durfte ich dann ins Säuglingszimmer gehen. Es sah lustig aus, wie unsere kleine Vanessa dort mit einer großen, schwarzen Brille vor den Augen und einem Pflaster auf dem Nabel, aber sonst nackig unter dem Licht lag! Noch heute schaue ich mir manchmal die Fotos an, die ich damals von meinem Baby gemacht habe. Da ich eine erfahrene Mutter war, durfte ich meinen kleinen Schatz mit nach Hause nehmen, obwohl Vanessa am achten Lebenstag das Geburtsgewicht noch nicht wieder erreicht hatte und nur 2515 Gramm wog. Zuvor machte unser Kinderarzt noch die Abschlussuntersuchung im Krankenhaus. Er bestätigte mir, dass alle Reflexe bei Vanessa in Ordnung seien und meinte, dass sich zierliche, kleine Mädchen meistens prächtig entwickeln würden.
Mein Mann bereitete uns einen tollen Empfang Zuhause. Alexandra und Michaela malten ein schönes Bild und ein herrlicher Blumenstrauß empfing uns im Wohnzimmer. Vanessas Wiege, ein älteres Modell, stand prachtvoll in unserem Schlafzimmer. Wochen vorher hat mein Mann das kleine Bettchen in einem kräftigen Braunton lackiert. Dazu nähte ich passende Bezüge und den Himmel der Wiege aus weißem Stoff mit braun bedruckten Spielzeugmotiven.
Dass die Wiege in unserem Schlafzimmer stand, hatte seinen guten Grund. Denn Stephanie, die Zweitjüngste, musste dauernd nachsehen, ob unser Baby noch schläft oder vielleicht Hunger hat, und beugte sich dabei immer so weit über die Wiege, dass ich schon befürchtete, diese müsse mitsamt Vanessa umkippen. Ermahnungen und Erklärungen konnten da auch nicht helfen, denn schließlich war Stephanie gerade erst 15 Monate alt und konnte somit meine Ängste noch nicht verstehen. Also schlossen wir die Schlafzimmertür ab und hängten den Schlüssel hoch oben an einen Haken. Das musste sein, denn bei Stephanies Ideen mussten wir ihr immer einen Schritt voraus sein. Der kleine Wirbelwind kam auf die verrücktesten Gedanken. So unkompliziert Stephanies Entwicklung von Anfang an war, um so schwieriger wurde es bei Vanessa!
Schon in den ersten Tagen brauchte ich bei Vanessas Mahlzeiten immer sehr lange. Die kleine Maus trank nur die halbe Portion und wenn ich es mal mit viel Mühe geschafft hatte, dass Vanessa das ganze Fläschchen leer getrunken hatte, spuckte sie garantiert eine große Menge wieder aus. Also gab ich ihr anstatt alle vier Stunden alle zwei bis drei Stunden die Hälfte der eigentlichen Portion zu trinken, sodass sie über den Tag verteilt die Menge bekam, die unser kleiner Schatz so dringend brauchte. Dadurch entstand für mich in den ersten Wochen ein ziemlich anstrengender Tagesablauf und in den Nächten sah es meistens nicht viel anders aus. Das alles hatte ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt. Die Zeit, die ich mir für Vanessa nahm, fehlte mir natürlich für meine anderen Kinder. Daher war ich froh darüber, dass Stephanie und Christoph so wunderbar in unserem Garten oder in der Nachbarschaft spielten. Um Michaela und Alexandra brauchte ich mir sowieso keine Sorgen zu machen, sie hatten früh gelernt, selbstständig zu sein. Natürlich musste ich mich am Nachmittag auch um deren Hausaufgaben kümmern, aber meistens erledigten die beiden das ganz alleine. Und über meine liegengebliebene Hausarbeit machten sich unsere beiden Omas her.
Wir wohnten mittlerweile alle unter einem Dach. Unsere Großmutter, die Mutter meines Mannes, bewohnte die untere Etage in unserem Haus. Mein Schwiegervater starb bereits im November 1979. Meine Eltern wohnten oben unter dem Dach. Eigentlich hatten wir bei unserem Umbau geplant, dass wir den Dachboden später einmal zu einem Kinderzimmer umbauen würden. Doch dann kam es 1973 ganz anders. Meine Eltern mussten nach 40 Jahren aus ihrer Wohnung ausziehen, da diese Modernisierungsmaßnahmen zum Opfer fiel. Obwohl mein Bruder unseren Eltern sofort angeboten hatte, eine Wohnung in seinem Haus zu beziehen, gab es für meine Eltern keine andere Option, als unbedingt bei uns zu wohnen. Ich hatte noch vier wesentlich ältere Geschwister und so waren meine Eltern natürlich total auf mich, ihr Nesthäkchen, fixiert. Hinzu kam auch noch, dass sie sich mit meinem Hans sehr gut verstanden, denn er hat so ein lockeres Wesen und schafft es, dass sich alle in seiner Nähe wohlfühlen.
Und schon war unser Traum von großen, geräumigen Kinderzimmern futsch. So wurde die mittlere Etage komplett zu unserem Bereich. Sicher, wir hatten zwar nur zwei Kinderzimmer für fünf Kinder zur Verfügung, aber mein Mann war kreativ und ein begeisterter Heimwerker und baute unseren Kinder richtig kleine Trauminseln ganz für sie alleine. Noch heute schwärmen sie ihren Kindern von der tollen Zimmeraufteilung vor, die ihr Opa damals für sie geschaffen hatte!
Viele Leute in Riesenbeck konnten es gar nicht fassen, dass wir mit Eltern und Schwiegereltern unter einem Dach wohnten. Das funktionierte aber auch nur, indem jeder, ob alt oder jung, Rücksicht auf das Miteinander nahm. All das hat bei uns immer super geklappt und für unsere Kinder war das von Anfang an eine Erziehungsmaßnahme, bei der sie gelernt haben, die Werte eines jeden Menschen zu akzeptieren!
