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"Es ist kaum zu glauben, wie schnell wir vergessen. Es ist mein Hobby - und ein bisschen verstehe ich es auch als meinen Job hier - zu erinnern. In der Hoffnung, dass daraus Schlüsse gezogen werden. Vielleicht sogar die richtigen." (Ursula Neumann) 19 Monate lang hat Ursula Neumann rund um den Themenkomplex "Corona" recherchiert, analysiert und kommentiert. Sie schildert eigene Erfahrungen, benennt Versäumnisse und Fehler und weist auf Hoffnung Machendes hin. Die Ergebnisse dieser Arbeit hat sie fortlaufend in Ihrem Blog dokumentiert. Der vorliegende Band enthält eine Auswahl dieser Arbeit.
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Seitenzahl: 379
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
07.03.2020
08.03.2020
13.03.2020
20.03.2021
21.03.2020
22.03.2020
22.03.2020
22.03.2020
24.03.2020
25.03.2020
29.03.2020
29.03.2020
29.03.2020
05.04.2020
05.04.2020
05.04.2020
06.04.2020
07.04.2020
13.04.2020
14.4.2020
14.04.2020
15.05.2020
27.04.2020
03.05.2020
09.05.2020
10.05.2020
17.05.2021
21.05.2020
29.05.2020
29.05.2020
30./ 31.05.2020
04.06.2020
04.06.2020
06.06.2020
08.06.2020
14.06.2020
14.06.2020
21.06.2020
22.06.2020
29.06.2020
30.06.2020
30.06.2020
03.07.2020
02.08.2020
08.08.2020
16.08.2020
17.08.2020
06.09.2020
06.09.2020
13.09.2020
18.09.2020
13.10.2020
18.10.2020
24.10.2020
28.10.2020
10.11.2021
11.11.2020
22.11.2020
24.11.2020
05.12.2020
18.12.2020
18.12.2020
19.12.2020
23.12.2020
03.01.2021
12.01.2021
17.01.2021
19.01.2021
31.03.2021
01.02.2021
10.02.2021
11.02.2021
12.02.2021
16.02.2021
21.02.2021
22.02.2021
07.03.2021
16.03.2021
18.03.2021
20.03.2021
21.03.2021
25.03.2021
05.04.2020
10.04.2021
10.04.2021
11.04.2021
11.04.2021
11.04.2021
18.04.2021
18.04.2021
18.04.2021
24.04.2021
25.04.2021
13.05.2021
16.05.2021
23.05.2021
23.05.2021
24.05.2021
29.05.2021
29.05.2021
11.06.2021
27.06.2021
02.07.2021
04.07.2021
23.07.2021
01.08.2020
01.08.2021
10.09.2021
12.09.2021
21.09.2021
26.09.2021
02.10.2021
04.10.2021
04.10.2021
04.10.2021
09.10.2021
Joachim David Neumann
Wie alles anfing
Es fing alles ganz harmlos an: „Ich war heute im Bioladen“, erklärte meine Schwester am Telefon und fuhr fort: „Ich wollt asiatisch kochen und Ingwer kaufen.“ Der Ingwer war alle und der Filialleiter meinte, dass er an diesem Tag so viel dieses Gewürzes verkauft hätte, wie sonst in einer ganzen Woche. Die Kölner Südstadt-Yuppies wappneten sich für das Virus. Das war in der ersten Märzwoche des Jahres 2020.
So weit, so harmlos.
Ein paar Tage später, um es genau zu benennen am 6. März 2020, saß ich mit dem Geschäftsführer einer Fitnessstudiokette zusammen. Wir unterhielten uns über unsere anstehenden gemeinsamen Projekte der kommenden Monate und über Sinn oder Unsinn von Desinfektionsmittelspendern. Voller Überzeugung meinte er: „Die werden ja nicht die kompletten Studios schließen. Das geht ja gar nicht!“
So weit, so naiv. Aus heutiger Sicht.
Ich weiß auch noch genau, was ich am Samstag, den 14. März 2020 machte. Ich war shoppen. Es war wunderbar! Mein Mann und ich hatten gefühlt die gesamte Stuttgarter Innenstadt für uns alleine und wir genossen es. Am nächsten Werktag war dann alles dicht! Für Wochen.
So weit, so beklemmend – auch noch in der Rückschau.
20 Monate im Ausnahmezustand
Wir alle lernten etwas kennen, das wir alle so nicht kannten: den Ausnahmezustand. So etwas miterlebt zu haben, hat möglicherweise auch sein Gutes, denn es hilft, vieles, was in anderen Teilen der Welt beständig geschieht oder in unserem Teil der Welt früher geschah, besser einzuordnen und zu verstehen. Die anfängliche Erfahrung vor einem völlig leer geräumten Gemüseregal zu stehen, gehört da noch zu den harmloseren, genau wie das triumphale Gefühl die vorletzte Packung Taschentücher ergattert zu haben – und die letzte mit einem etwas schlechten Gewissen wieder zurück ins Regal zu legen. Damals dachte ich angesichts der Einstufung der Lage durch Angela Merkel am 18. März 2020 als „größte Herausforderung“ seit dem Zweiten Weltkrieg, dass ich mich sehr glücklich schätzen will, wenn dies wirklich die größte Herausforderung, die größte Krise sein würde, die ich in meinem Leben erleben werde. Und das denke ich immer noch, gut anderthalb Jahre später.
Die Herausforderungen der Krise
Kalt gelassen haben mich die letzten 20 Monate indes nicht. Ganz und gar nicht. Das hat weniger mit meiner „nicht immer einfachen“ Situation als frischgebackener Freiberufler zu tun, sondern vielmehr mit dem, was um mich herum geschah und nach wie vor geschieht. Stress, das erzähle ich in meinen Seminaren immer, empfinden wir dann, wenn wir nicht wissen, ob bzw. wie wir mit einer Situation fertig werden können. Die letzten Monate, besonders jedoch die Anfangszeit waren folglich prädestiniert um Stress zu erleben. Ganz besonders, da anders als in sonstigen Krisen, die Ausweichmöglichkeiten fehlten: Während einer Trennung kann man sich mit der besten Freundin in einer Bar treffen, bei einer belastenden Arbeitssituation kann man sich mit Sport abreagieren. Und wenn einem zuhause die Decke auf den Kopf fällt, ist man normalerweise in der Lage Reißaus zu nehmen und die Tapete zu wechseln. All das war lange Zeit nicht, oder nur sehr schwer möglich.
Die Wichtigkeit des Austauschs
Was in belastenden Situationen hilft, ist der Austausch mit anderen. Der Kontakt zu den Mitmenschen gibt emotionale Nähe und ermöglicht Orientierung. Es ist hilfreich und ist entlastend, den eigenen Standpunkt oder den Blick auf die Dinge mit anderen zu besprechen. Es verringert Unsicherheit und schafft Orientierung. Möglicherweise war für viele gar nicht so sehr die physische Distanz belastend, sondern vielmehr die emotionale. Gar nicht so wenige von uns hatten es in dieser Hinsicht in den letzten fast zwei Jahren nicht wirklich leicht. Denn die leicht öffentlich zugängigen Meinungen in Politik und Medien waren nicht sonderlich divers – um es vorsichtig auszudrücken. Ich persönlich fand meinen Standpunkt dort nur selten gut wiedergegeben. Und auch im Freundes- und Bekanntenkreis glich der Informationsaustausch in Sachen Corona lange einem Eiertanz oder Spießrutenlauf. Oft genug fand ich aber in Gesprächen heraus, dass meine Sicht gar nicht so selten war wie ich dachte. Und jedes Mal, wenn ich dies feststellte, ging es mir ein bisschen besser. Sehr gut möglich, dass der Blog meiner Mutter anderen schon alleine deswegen weitergeholfen hat, weil sie feststellten, dass es Menschen gibt, die Dinge kritisch hinterfragen – und mit diesen Menschen meine ich nicht nur meine Mutter, sondern auch viele andere die sie in ihrem Blog direkt (mit Beiträgen) oder indirekt (mit Zitaten oder Verweisen) hat zu Wort kommen lassen.
Die Auswahlkriterien
Die Idee, den Blog meiner Mutter in eine gebundene Fassung zu überführen, entstand im Juli 2021 als wir, meine Schwester Hannah, mein Mann Andreas und ich uns erste Gedanken zu einem passenden Geschenk für den 75. Geburtstag meiner Mutter machten. Die Aufgaben verteilten wir wie folgt: Ich – Auswahl der Texte und Lektorat; Hannah – Lektorat, Andreas – Layout. Wir machten uns keine Vorstellung wie viel Zeit dies alles in Anspruch nehmen würde …
Beim Blog meiner Mutter handelt es sich nicht um ein homogenes Werk. Weder was die Inhalte anbelangt (wobei das C-Wort die letzten zwei Jahre doch sehr bestimmend war), noch was das Genere anbelangt: Aufwändig recherchierte Analysen wechseln sich ab mit humorvollen Zitaten, kritische Kommentare folgen auf Listen zu weiterführenden Links und werden abgelöst von Erfahrungsberichten und Zustandsbeschreibungen– sowohl von sich selbst als auch von anderen.
Für die vorliegende gebundene Ausgabe erschien es uns notwendig eine Auswahl zu treffen. Wir formulierten drei Kriterien:
1.Der Inhalt des Blogbeitrags handelt zumindest indirekt von Corona.
2.Es handelt sich um „Prosaisches“ – damit schieden reine Linksammlungen aus, so wertvoll sie auch sind.
3.Der Beitrag stammt hauptsächlich aus der Feder meiner Mutter.
Diesem Punkt fielen wichtige Beiträge zum Opfer, wie beispielsweise die Schilderungen über die Auswirkungen von Corona und den damit verbundenen Maßnahmen auf ein kleines Land wie Nepal und die dortigen Menschen.
Das Beste aus Digitalem und Analogen
Wenn wir nun die gebundene Ausgabe in den Händen halten, erkennen wir die Vor- und Nachteile der Digitalisierung. Dieses Buch hat keine Suchfunktion. Aber dafür kann man jedoch sehr leicht anderthalb Jahre zurückblättern. Man stolpert so über Lesenswertes, das ansonsten in den Untiefen von Bits und Bytes verschwunden wäre, es sei denn, man würde exakt danach suchen. Sich Vergangenes authentisch, d.h. im Original in Erinnerung zu rufen ist jedoch unheimlich wichtig, denn der Mensch ist gesegnet mit der Gabe des Vergessens.
Aber wir vergessen nicht einfach nur. Auch unsere Erinnerungen verändern sich. „Reality is shaped by recalling“ lautete der Titel eines zeitgenössischen Tanzstücks, in dessen Genuss ich während meines ersten Rotterdambesuchs vor über zehn Jahren zufällig kam. Wir haben uns in den letzten Monaten wirklich an sehr viel gewöhnt! Es ist sehr hilfreich und erhellend zu lesen, wie wir zu Beginn über Maßnahmen und Entwicklungen dachten. Es ist wichtig, dass wir uns darauf zurückbesinnen und zumindest in Betracht ziehen, es wieder zu unserem Maßstab zu machen. Genauso wichtig ist es, schwarz auf weiß zu sehen, wie viel bereits in der Anfangsphase bekannt war, worauf eindringlich hingewiesen wurde – und was alles vom Tisch gewischt wurde und jetzt mitunter als völlig neue und nicht zu antizipierende Erkenntnis verkauft wird. Es ist nervenaufreibend aber gleichwohl notwendig, sich die Arroganz und die Zumutungen verschiedenster Akteure immer und immer wieder zu vergegenwärtigen.
Vieles auf das sich meine Mutter bezieht, ist es wert, weiter verfolgt zu werden. Das ist im Blog einfacher. Dort klickt man auf einen Link – und schon ist man bei der weiterführenden Lektüre. Um hier eine Verbindung herzustellen, haben wir mit QR-Codes auf die jeweiligen Blogbeiträge verlinkt. Wir hoffen so nicht zuletzt auch den Konventionen zu Quellenangaben halbwegs Genüge zu tun – denn im Blog hat meine Mutter sämtliche Quellen penibel aufgeführt oder verlinkt.
Vorsicht, Recherche!
„Handgestrickte Recherche ist nicht einfach“ schreibt meine Mutter am 02.11.2021, „[…] auch wenn dank Internet, dank Google etc. viel möglich ist, was vor zwanzig, dreißig Jahren noch undenkbar war. Die Schwierigkeit: wie soll ich – Bloggerin im Neben-Nebenberuf – unterscheiden können, welche Alarmmeldungen und Horrorzahlen schlicht interessengeleitet sind und welchen ich trauen kann. Gut, manche seiner Pappenheimer kennt man. […] Dann kommt noch dazu: auch ich neige dazu, die Meldungen für wahrer zu halten, die mir in den Kram passen, als diejenigen, die zu meiner Überzeugung konträr sind. Also: alles nicht so einfach.“
Wir haben es bei dieser Sammlung also mit einer selektiven Abbildung der Wirklichkeit zu tun (die dadurch noch verstärkt wurde, dass die Auswahl der berücksichtigten Artikel ebenfalls subjektiv erfolgte). Dies liegt in der Natur der Sache und ist solange auch völlig in Ordnung wie die eigene Meinung als solche benannt wird. Problematisch wird es dann, wenn die eigene Sichtweise als einzig wahrer Blickwinkel umgedeutet wird und andere Meinungen und Standpunkte nicht nur ignoriert, sondern auch diskreditiert werden. Damit hatten und haben wir es leider aktuell oft zu tun, nicht im Blog meiner Mutter, jedoch an vielen anderen Orten.
Den eigenen Standpunkt zu kennen und Argumente an der Hand zu haben ihn zu vertreten ist eine zentrale Voraussetzung für einen konstruktiven Dialog. Hier liefert dieses Buch sowie viele im Blog verlinkten Stellen zahlreiche Anknüpfungspunkte. Trotzdem – oder gerade deshalb, schreibt meine Mutter am 18.04.2021: „Es ist Zeit, Brücken zu bauen. Eine klare Position zu haben und für sie zu werben, ist das eine. Aber (auch wenn es mir im Moment noch sehr, sehr schwerfällt): ich will VertreterInnen einer anderen Sicht mit Achtung begegnen, will hinhören, will darauf vertrauen, dass sie respektable Gründe für ihre Überzeugung haben.“
Die Reise beginnt
Wir beginnen unsere Reise durch den Blog am 07.03.2020 v. C. – vor Corona. Es geht um Meinungsfreiheit – mit „Gelassenheit allein reicht nicht“ ist der Beitrag überschrieben. Am 21.03.2020 folgt dann mit „Die Wahrgebungsgesellschaft“ die erste ausführliche Auseinandersetzung mit Corona und dem politischen und gesellschaftlichen Umgang damit. Sie liest sich an vielen Stellen wie eine fast prophetische Vorwegnahme von so vielem, was in den anschließenden Monaten folgte, sodass ich kurz versucht war, das Buchprojekt mit nur diesem einen Essay abzuschließen.
Doch sehr viel Lesenswertes wäre dann ungedruckt geblieben.
PolitikundSprache: "Gelassenheitalleinereicht nicht"
(Norbert Lammert CDU)
In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 7./8.3.2020 meint Norbert Lammert zur Meinungsfreiheit:
"... Wenn mit Billigung ordentlicher deutscher Gerichte beinahe beliebige Beleidigungen gegen beliebige Personen in beliebiger Anzahl und Verbreitung vorgetragen werden können, dann ist die Meinungsfreiheit nicht verengt, sondern in groteskem Maß überdehnt.
Sie denken an Renate Künast und ihren Kampf gegen Beleidigungen im Internet. Natürlich. Und ich bin ihr dankbar, dass sie ein Problem, das sie ja nicht exklusiv hat, exemplarisch durchkämpft. Ich sehe mit großem Unbehagen, dass sich die Justiz oft vor der Rolle drückt, die sie allein spielen kann: nämlich die Frage des Zulässigen und Unzulässigen im konkreten Einzelfall auszuloten. Stattdessen werden die meisten Verfahren eingestellt oder gar nicht eröffnet. Und das zum Teil mit der absurden Begründung, es handele sich um eine virtuelle Bedrohung und nicht um eine tatsächliche. Das legt die beinahe zynische Vermutung nahe, dass die Strafbarkeit erst offenkundig wird, wenn der Regierungspräsident tatsächlich und nicht virtuell erschossen wird... Im Fall Künast sind Richter zu dem Schluss gekommen, dass 'alte perverse Drecksau' keine Beleidigung ist, jedenfalls von der Meinungsfreiheit gedeckt. Wenn das keine Beleidigung ist, dann ist der vom Gesetzgeber definierte Straftatbestand der Beleidigung von der Justiz abgeschafft. Dafür habe ich kein Verständnis."
Die Gerichte sind das eine. Selbstverständlich sind sie besonders in der Verantwortung, weil sie die Maßstäbe setzen. Früher nannte man das mal "die sittenbildende Kraft des Strafrechts" und ich fand das irgendwie komisch. Aber es ist was Wahres dran.
Trotzdem: Egal welch merkwürdigen Urteile Gerichte fällen - jeder und jede von uns ist in die Pflicht genommen, nicht nur sorgfältig mit seiner eigenen Sprache umzugehen, sondern auch den Mund aufzumachen, wenn jemand beleidigende, diskriminierende, menschenverachtende Äußerungen von sich gibt. Die Besinnung auf die Tugend der Zivilcourage und den etwas altmodischen Satz "das gehört sich nicht" tut not.
WissenistMacht.
nixwissenmachtauchnix.
(Schülermerksatz)
Wobei wiederum ich seit heute weiß, dass der Satz "Wissen ist Macht" auf Francis Bacon (1561–1626) zurückgeht und wohl ein bisschen was anderes meinte, als man gemeinhin annimmt. Egal...
„Werr das, wasschön war,vergisst,wird böse.
Wer das, wasschlimmwar,vergisst, wirddumm.“
(Erich Kästner)
Vielleicht ganz hilfreich in merkwürdigen Zeiten wie diesen:
Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.
Gib mir den Mut, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann.
Gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
(Friedrich Christoph Oetinger, 1702 -1782)
Corona:DieWahrgebungs- gesellschaft
Schon wieder eine Kolumne, die ich nicht schreiben wollte
Deutschlandfunk, 21.03.2020, die 12 Uhr- Nachrichten. Ich zähle die Meldungen. Es sind vierzehn. Bei den ersten neun geht es um Corona. Dann Meldung Nummer 10: Etwas zur AFD. Das Wort „Corona“ taucht aber auch da auf – Absage eines Treffens der Partei wegen Corona. Meldung Nr. 11 ist komplett Corona-frei. Eine ICE- Strecke ist wieder befahrbar. In Nr. 12 taucht „Corona“ wieder auf: In der Corona-Krise zeige Europa den Flüchtlingen sein hässliches Gesicht. Nr.13 handelt von Burkina Faso mit geschätzten 780 000 Menschen auf der Flucht. „Die Krise werde nicht wahrgenommen“ beklage die UN. Das Wort „Corona“ taucht nicht auf. Abschließend Nr. 14: Ein Sänger ist mit 81 Jahren gestorben. Offensichtlich nicht an Corona, sonst wäre das gesagt worden.
Was hat das für Auswirkungen? Eine rhetorische Frage, gewiss: Die Aufmerksamkeit wird auf „Corona“ zentriert, eingeengt. Idlib oder der Klimawandel oder die Deutsche Bank oder Trumps Strafzölle oder die Folgen des Brexit - aus den Ohren, aus dem Sinn.
Jetzt gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder fördern hier Leute mit Tunnelblick einen flächendeckenden Tunnelblick her oder es handelt sich um einen angemessenen Umgang mit einer Angelegenheit von allerhöchster Bedeutung. Ich weiß es nicht, auch wenn ich der Tunnelblick-Variante entschieden den Vorzug gebe. Aber selbstverständlich komme auch ich (hin und wieder) ins Zweifeln, ob ich angesichts der vielen (Experten) Stimmen verkehrt liege, „den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen habe“, wie man allenthalben hört. Die alten Mechanismen greifen: „die da oben haben gewiss ihre guten Gründe, von denen ich kleines Licht keine Ahnung habe“. Oder – naja, das kennen wir aus der Sozialpsychologie: Wenn „alle andern“ eine Sache anders sehen als ich, dann bin wahrscheinlich ich schief gewickelt.
An dieser Stelle regen sich die Reste meiner 68-er Vergangenheit: „Millionen Fliegen können sich nicht irren! Fresst Scheiße!“
Moral - und andere Keulen
In einer Mailingliste von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten leitete eine Kollegin den Link zu der kritischen Stellungnahme von Dr. Wodarg weiter. (Ich kann nicht entscheiden, wo er recht hat und wo er sich irrt. Aber wie er inzwischen medial geballt in der Luft zerrissen wird, lässt mich die Ohren spitzen. Darauf reagierte ein Kollege empört: Sie solle umgehend die Weiterverbreitung des Links einstellen, das sei unverantwortlich angesichts der sterbenden Menschen in Italien. Ich meldete mich zu Wort und meinte, ich wisse genauso wenig was wahr sei, wie der Herr Kollege, aber ich hätte den Wunsch, mich möglichst umfassend zu informieren und ich fände das, was Herr Wodarg schriebe, durchaus bedenkenswert. Darauf bekam ich von einem anderen Kollegen eins aufs Haupt: 97% aller Wissenschaftler seien vom Klimawandel überzeugt, aber es gäbe eben da wie überall ein paar Doofe, die die Fakten leugnen. Naja, ganz so hat er es nicht gesagt. Aber dem Sinn nach. Kurze Zeit später empörte sich eine andere Kollegin: Da gäbe es doch Leute, die angesichts dieser furchtbaren Krise noch über die Gefahr von Einschränkungen von Grundrechten mäkelten. Oder – das jetzt ein Leserbriefschreiber zum selben Thema: Hier würde angesichts einer „humanitäre[n] Katastrophe“ [!] „der Individualismus zum unfehlbaren Dogma und das solidarische Miteinander… zur Belanglosigkeit erklärt.“ (SZ 20.03.2020 S.9 „Individualismus als Dogma“).
Aus Dialog wird Glaubenskampf. Abweichler sind unmoralisch, gefühllos. Es wird bei mir fast zum Reflex, meinen vom Mainstream abweichenden Überlegungen das Selbstverständliche vorauszuschicken: „Doch, wirklich, Sie können mir glauben: Ich finde es schlimm, dass Leute schwer erkranken und sterben. Doch, bestimmt: ich verhalte mich vorsichtig, bin rücksichtsvoll gegenüber meinen Mitmenschen und ich gehe nicht Corona-Party feiern.“ Wieso gerate ich unter diesen Rechtfertigungsdruck?
Bei der Bewertung von Stellungnahmen fällt mir auf, dass abweichende Meinungen als „Einzelmeinung eines Spinners“, „exotisch“, „gefährlich“ diffamiert werden. „Die richtigen Experten“ sind diejenigen, die der Angst neue Nahrung geben (so nehme ich es wenigstens im Moment wahr). Nebenbei ein Steckenpferd von mir: Das Sammeln von „Expertenmeinungen“, von „gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen“, bei denen sich in recht kurzer Zeit herausstellt, dass sie hanebüchener Quatsch sind. Da muss man keineswegs – ich bleibe bei der Medizin - bis zum „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (1900) oder zur Giftigkeit des Menstruationsblutes (medizinische Dissertationen darüber bis in die 1970er Jahre) zurückgehen.
Diese Kenntnisse um die Vergänglichkeit stärkt die Immunabwehr gegenüber „Gewissheiten“ – man sollte aber sich selbst miteinbeziehen: Auch meine Gewissheiten können Unsinn sein.
Die Botschaft bestimmt der Empfänger
Wenn der Deutschlandfunk den überwiegenden Teil seiner Nachrichten „Corona“ widmet, dann kann die Absicht dahinter „Beruhigung durch Information“ sein. Aber was die Empfänger der Botschaft draus machen – da hat der Deutschlandfunk wenig Einfluss drauf. Da wo ich wütend werde, wird ein anderer panisch. Aber manchmal staune ich über die Gedankenlosigkeit, mit der Dinge herausposaunt werden, ohne mögliche Auswirkungen im Blick zu haben.
„RKI warnt vor 10 Millionen Infizierten in weniger als 100 Tagen“ hieß es am 18.03.2020.
Da kann man zum Beispiel drauf reagieren
•Das ist der Beweis: es handelt sich um ein im (wahlweise chinesischen, russischen, US-amerikanischen) Militärlabor entwickeltes Virus. Sonst ginge das nicht so schnell mit der Verbreitung.
•Das ist ja noch nicht mal jeder achte in Deutschland, das heißt: 70 Millionen wären nicht angesteckt.
•Na, gut, dann wäre ein Gutteil immunisiert und der Spuk hat ein Ende.
•Wir alle werden sterben!
•Mir kann das nichts anhaben, ich esse täglich Ingwer.
•Ich gehe nicht mehr aus dem Haus.
•Hätte ich doch nur rechtzeitig Vorräte angelegt! Morgen löse ich mein Sparbuch auf und decke ich mich mit allem ein, wenn es überhaupt noch was gibt.
•Dann bricht die Wirtschaft zusammen, da kann ich gleich einen Strick nehmen.
•Das glaub ich im Leben nicht, da will sich einer wichtigmachen.
Eine sachliche Information, was 10 Millionen Infizierte konkret für Folgen haben könnte, fehlte in diesem Fall vollständig – das halte ich für absolut unverantwortlich. Aber selbst wenn sie gegeben worden wäre, wird sie von jemandem, der sich zwanzigmal am Tag die Hände desinfiziert, obwohl er keinerlei „Sozialkontakt“ hatte, anders verwendet, als von jemandem der sagt „meine Immunabwehr ist top, ist mir doch wurscht“. Und ein misstrauischer Mensch sagt: „Die sagen zehn Millionen! Ha! Die wollen uns nur beruhigen. In Wirklichkeit sind es sicher 50 Millionen und die lullen uns nur ein, von wegen ‚meist milder Verlauf‘.“
Corona tötet! Wirklich?
Am 20.03.2020 brachte die Süddeutsche Zeitung (Oliver Meiler, Dem Tod auf der Spur) einen Bericht über Italien, dem in Europa am stärksten vom Corona-Virus infizierten Land mit über 3000 Toten. Angereichert mit Grafiken des Instituto Superiore die Sanita. Kann man natürlich auch anzweifeln, wenn’s nicht ins eigene Bild passt. Ich zitiere trotzdem: „Das durchschnittliche Alter der Verstorbenen liegt bei 79,5 Jahren. Die deutlich am stärksten betroffene Altersgruppe sind die 80-89jährigen. Nur fünf Menschen waren unter 40 Jahre, alle waren krank, ehe sie sich mit dem Virus infizierten. 70% der Opfer sind Männer. Drei Personen (0,8%) starben offensichtlich ausschließlich ‚am‘ Coronavirus… Die anderen litten an mindestens einer schweren Vorerkrankung. Die Hälfte hatte drei oder mehr Krankheiten, die häufigsten waren: Bluthochdruck, Diabetes, Krebs, Herz- und Atembeschwerden.“
Nebenbei: 70% Männer … das erinnert mich daran, dass mir eine Ärztin etwas boshaft sagte: „Das ist eine Krankheit von älteren Männern. Politiker sind meist ältere Männer. Glauben Sie, die getroffenen Maßnahmen wären genauso ausgefallen, wenn die Mehrzahl der Opfer weiblich wären?“
Aber ernsthaft: Egal, woran man stirbt – Sterben ist schlimm. Jedoch: warum wird hierzulande so wenig über diese Fakten kommuniziert, warum erfahren wir so wenig Genaues über Alter der Verstorbenen und wie es sich mit den Vorerkrankungen verhält. Es macht doch einen Unterschied, ob das Corona-Virus „nur“ die Rolle hatte, den letzten Stoß zu versetzen, oder ob ein zuvor kerngesunder Mensch an einer Coronainfektion stirbt.
Das ist das eine. Dass der Autor des Artikels feststellt, dass „nirgendwo in Europa die Luftverschmutzung größer“ ist, erwähne ich nur am Rande. Aber es sollte doch die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass sich nicht nur hinsichtlich der Berücksichtigung von Vorerkrankungen monokausales Denken verbietet. Andere Faktoren verdienen es, ins Blickfeld genommen zu werden.
Wichtiger aber: Das Gesundheitswesen Italiens „wurde in der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise radikal zusammengespart.“ Und da kommen wir zu deutschen Verhältnissen. Wir sind keineswegs in einer Wirtschaftskrise, im Gegenteil. Aber nach Meinung der „Experten“ haben wir entschieden zu viele Krankenhäuser und Wirtschaftlichkeit sieht anders aus. Der Gesundheitsökonom Professor Sell führte in SWR 2 am 18.03.2020. aus: „‘Wir hatten im vergangenen Jahr, also schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise, die Situation, dass in Deutschland 37 % aller Krankenhäuser zeitweise ihre Intensivstation abgemeldet haben, weil sie - und zwar ausdrücklich - zwar Intensivbetten hatten, aber kein entsprechend geeignetes Pflegepersonal. Es klemmt vor allem beim Pflegepersonal. Das heißt, jeden Tag schon hatten wir schon unter Normalauslastungsbedienung die Situation, dass 1/3 der Betten quasi aus der Versorgung heraus abgemeldet wurden,‘ sagt Prof. Stefan Sell, Gesundheitsökonom an der Hochschule Koblenz, Campus Remagen, in SWR2 am Morgen. In ihrem neuen Notfallplan spräche die Bundesregierung von einer Verdoppelung der Intensivpflegeplätze, was ja bedeuten würde, dass die derzeitige Anzahl nicht ausreiche. In der Coronavirus-Krise wirkt die Gesundheitspolitik der letzten Jahre wie ein Bumerang. Auch wenn die Politik ein Aufstocken der Bettenzahl in der Intensivpflege verspricht - es fehlt das Fachpersonal, das Kranke betreut und die Geräte bedient. Bestenfalls bietet die derzeitige Situation Anlass zu fragen, ob die strategischen Entscheidungen zur Spezialisierung der Krankenhäuser und der Ausdünnung auf dem Land überdacht werden sollte.“
Prof. Sell brachte dann noch ein bezeichnendes Beispiel dafür, wohin der Primat der „Wirtschaftlichkeit“ führt: In Krankenhäusern wurde in den vergangenen Jahren Servicepersonal abgebaut, also die Menschen, die z.B. das Essen servierten oder PatientInnen zum OP rollten. Warum? Weil Herr Spahn durchgesetzt hat, dass alle Pflegekräfte im Krankenhaus zu 100% refinanziert werden, nicht aber die Servicekräfte. Was machten die Verwaltungschefs – betriebswirtschaftlich vernünftigerweise: sie verringerten das Servicepersonal. Die Schwestern und Pfleger wurden zum Essen servieren eingesetzt.
Tötet jetzt Corona? Ist die totale Überlastung des Krankenhauspersonals Corona geschuldet? Ist es Corona das die Notwendigkeit der Triage herbeiführt.
Energy flows where attention goes oder: Corona und Tempo 130
Dass Geschwindigkeitsbegrenzungen zu weniger Unfällen und zu weniger Abgasen führen, dürfte inzwischen zum Allgemeinwissen gehören.
Es bräuchte nicht mehr als ein Gesetz. Keine Zusatzkosten für das Aufstellen von Schildern und schon gar keine Ausgangssperre. Selbst, wenn man sich nicht so ganz sicher wäre, ob ein Tempolimit wirklich-wirklich was brächte – warum nicht fünf Jahre den Versuch machen?
Und was ist?
Verkehrsminister Scheuer, der ein Verkehrslimit auf Autobahnen ablehnt, weil das „gegen jeden gesunden Menschenverstand“ gerichtet sei, blieb weiter Minister, nachdem er verkündete „Wir haben weit herausragendere Aufgaben, als dieses hochemotionale Thema wieder und immer wieder ins Schaufenster zu stellen – für das es gar keine Mehrheiten gibt“.
Das würde ich gern wissen, was los wäre, wenn heute irgendein Politiker bei Corona sagen würde „wir haben herausragendere Aufgaben…“
Obwohl aller Wahrscheinlichkeit nach, die Zahl der durch ein Tempolimit zu vermeidenden Todesfälle höher ist, als die Zahl der durch das Virus zu Tode gekommenen und noch zu Tode kommenden Menschen.
Verstehen Sie das? Verstehen Sie sich?
Ähnliches gilt für Leute, die mit dem Fahrrad unterwegs sind: „Insgesamt verunglückten 88.850 Radfahrer 2018 auf deutschen Straßen. Das sind rund 11 Prozent mehr als im Jahr davor. Unter den Unfallopfern waren auch 10.225 Kinder, das entspricht einem Plus von fast vier Prozent. Von den 445 getöteten Radfahrern waren 21 Kinder.“ Ich höre keinen Aufschrei. Schon schlimm, jaja. Aber wo bleibt die Massenbewegung: „Da muss alles getan werden!!“?
Zurück zum Medizinischen:
Im Winter 2017/18 hatten wir eine Grippewelle. „Während der sehr heftigen Saison im Winter 2017/2018 starben hierzulande nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts 25 000 Menschen an der Grippe“ schreiben die Stuttgarter Nachrichten am 02.03.2020. „Weltweit sterben jedes Jahr zwischen 290 000 bis 650 000 Menschen an Influenza“.
Ehrlich gesagt, ich habe nichts davon mitgekriegt. Nochmal: Ich habe nicht mitgekriegt, dass es vor zwei Jahren in Deutschland so viele Grippetote gab, wie die Stadt, in der ich lebe, Einwohner hat. Und Sie? Erinnern Sie sich?
Dieses Jahr – wohl eine recht milde Grippesaison – waren es bisher 145.000 Grippefälle und 247 Tote.
Und wenn wir gerade bei den Zahlen sind: Die Zahl der jährlichen Toten durch Suizid liegt seit langer Zeit irgendwo zwischen 9.000 und 10.000. Mir wäre nicht bekannt, dass das größere Aufregung hervorruft oder spürbare Anstrengungen getroffen worden wären, diese Zahl zu senken. „Das ist halt so.“
Warum? Wieso schaut ganz Deutschland wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Pandemie und kann inzwischen fehlerfrei „exponentiell“ sagen? Wieso fügt man sich hier diszipliniert Einschränkungen, die die (zum Glück weniger werdenden) Vertreter der Lebenshaltung „freie Fahrt für freie Bürger“ zum Bürgerkrieg veranlasst hätten? Ja, man fügt sich nicht nur murrend den Einschränkungen, sondern man begrüßt sie. Endlich eine Regierung, die handelt! (Die Zustimmung zur italienischen Regierung ist aufgrund der drakonischen Maßnahmen auf 71% gestiegen „das gab es seit vielen Jahren nicht“. Oliver Meiler a.a.O.) Um nicht missverstanden zu werden: Ich füge mich auch. Aber ich stelle die Frage: Was ist warum notwendig, was ist purer Aktionismus und was ist langfristig ein Schuss ins Knie? Vor allem frage ich mich: Wieso funktioniert es hier und auf anderen Gebieten funktioniert es nicht, obwohl die es bestimmt nicht minder verdienten?
Über Auswirkungen
Die Telefonseelsorge verzeichnet mehr Anrufe. Das wundert mich nicht.
Eher wundert mich, dass ein nicht ganz geringer Teil meiner Kolleginnen und Kollegen vor allem mit der Frage beschäftigt zu sein scheint, wie das mit Videosprechstunden sei und ob man die auch genauso bezahlt bekommt und wo man am besten eine Plexiglasscheibe herbekommt. Die Leute, deren täglich Brot ist oder sein sollte, Angstpatienten zu behandeln, neurotische Ängste von Realängsten zu unterscheiden – ich erlebe sie „angesteckt“. Und ich frage mich: Was für Auswirkungen hat es auf die Patientinnen und Patienten gerade in dieser Situation, wenn ihr Therapeut, ihre Therapeutin den Laden dicht macht und nur noch per Telefon oder Video zur Verfügung steht.
In meinen Therapien sind es jetzt meist noch halbwegs bewältigbare Sorgen, die ich zu hören bekomme:
•Die Mutter, die berichtet, dass ihr Kind an einem einzigen Tag von der Schule 56 E-Mails mit Mitteilungen und Aufgaben bekommen habe. Man solle das ausdrucken. Sie habe keinen Drucker…. Hm…. Die Frau ist gestresst, das Kind nicht gerade begeistert, Hausaufgaben zu machen. Sie sagt, manches blicke sie bei den Aufgaben auch nicht. Sie muss arbeiten. „Ich bin wütend, dass ich so zum Hilfslehrer gemacht werde.“ Ich beruhige: „Sie machen es eben so gut Sie es können und bastsa.“ – „Nein, das geht nicht. Es ist angekündigt, dass gleich nach den Osterferien Tests über diesen Stoff geschrieben werden.“
•Zweiter Akt (24.03.2020): Wieder hat ein Lehrer geschrieben, man solle die Sachen ausdrucken. Wieder E-Mail: Wir haben keinen Drucker. Der Lehrer schreibt zurück: dann solle sie einen kaufen. Da platzte meiner Patientin der Kragen: Sie habe zwei schlecht bezahlte Jobs und wisse nicht, wie lange sie die noch habe. Es sei unverschämt, einfach daherzukommen und ihr einen solchen Rat zu geben. Mit CC an den Rektor. Es folgte eine Entschuldigung. Immerhin.
•Der Mann, der auf Kurzarbeit gesetzt wurde, seine Frau auf 25%. Macht 800 Euro weniger im Monat. Bei einer ohnehin sehr angespannten finanziellen Situation. „Meine Frau hat sich so gefreut, wir hätten dieses Jahr zum ersten Mal wieder Urlaub machen können.“ – „Ach, und das geht jetzt nicht wegen des Geldes?“ – „Nein, bevor mir Kurzarbeitergeld zusteht, muss ich meinen gesamten Urlaub genommen haben.“ Gewiss – keine Katastrophe, aber auch keine Kleinigkeit.
•(24.03.) Patient um die 50, Alleinverdiener, Haus gebaut, entsprechend Schulden. Sein Betrieb wurde komplett geschlossen für zwei Wochen. Danach ist Kurzarbeit angemeldet. Bis Ende des Jahres, wohlgemerkt. "Die Leute haben sich fast geprügelt, wer für den Notdienst eingeteilt wird. Da war nichts an Solidarität." Sechs Monate könne er finanziell durchhalten: "dann muss ich die Hütte verkaufen."
•Die depressive Frau, die zuhause bleiben muss, dabei hatte ihr Beruf ihr Halt gegeben. Sie schickt mir eine Mail: Ich komme überhaupt nicht mehr aus dem Bett raus, es hat alles keinen Sinn. Ich denke an Selbstmord.“
•Von der Abteilungsleiterin, die sich empört: „Meine Angestellten werden ins Homeoffice geschickt und kriegen 100% Lohn. Die Leute am Band müssen Kurzarbeit machen …“
Dass die häusliche Gewalt – auch und gerade an Kindern - zunimmt, sagt einem nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern dafür gibt es auch Belege. Wie ist das: werden die Menschen, die durchdrehen, die Menschen, die ihre Existenz vernichtet sehen und sich das Leben nehmen auch unter „Opfer von Corona“ gezählt werden?
Ich weiß keine Lösung. Es scheint mir ein Automatismus zu sein: Wenn eine Regierung rigide Maßnahmen beschließt, dann kann die Regierung des Nachbarlandes nicht oder fast nicht sagen: Wir machen es anders. Sondern das wirkt wie ein Sog, dem sich die Regierungen kaum entziehen können. Das Volk will es so. Mindestens heute.
Warum fällt mir jetzt gerade Graf Bobby ein?
Graf Bobby macht sich einen Spaß und ruft aufgeregt: „Auf dem Marktplatz tanzt ein Karpfen, auf dem Marktplatz tanzt ein Karpfen, lauft schnell hin.“ Er lacht sich kringelig, wie er die Leute laufen sieht. Immer mehr Leute laufen zum Marktplatz. Schließlich fängt Graf Bobby auch an zu rennen. Sein Freund fragt: „Was machst du denn?“ „Nuja, es könnte ja immerhin sein, dass auf dem Marktplatz ein Karpfen tanzt.“
Coronaund derNationalcharakter
Ein Freund von mir kam gestern ins Grübeln, was das wohl zu sagen habe:
"Die Italiener horten Pasta, die Franzosen Wein und Kondome, die Deutschen Klopapier und die Amerikaner Waffen ..."
BewerbungsgesprächnachCorona
Personalchef: "Und diese Lücke in Ihrem Lebenslauf 2020?" - Bewerber: "Da war ich Händewaschen."
SagteinVirologeimFernsehen....
"Die beste Waffe im Krieg gegen den Corona-Virus ist der gesunde Menschenverstand!"
Reaktion der Vielen: Wir sind verloren. Die meisten von uns sind unbewaffnet.
(Kommentar von mir: Ich glaube allerdings nicht, dass diese Äußerung von einem Virologen kommt, mindestens von keinem fernsehaffinen.)
Ichbinsystemrelevant!
Es war mir bislang völlig entgangen, meine Tochter setzte mich in Kenntnis: Sie erzählte beiläufig, dass eine mit ihr befreundete Therapeutin die Kinder vom Kindergarten abholen würde. -???? Der ist doch geschlossen???? - "Die sind in der Notbetreuung. Wer systemrelevant ist, darf die Kinder in die Notbetreuung bringen. Liebe Mutter, auch du bist systemrelevant!" Sie bedauerte kurz, dass sie keinen systemrelevanten Beruf hat. Tja! Augen auf bei der Berufswahl!
Dann lehnte ich mich zurück und wiederholte genüsslich: "Ich bin systemrelevant, ich bin systemrelevant, ich bin systemrelevant..."
Aber dann schreckte ich hoch: Moment mal: Für was für ein System bin ich relevant?
UnseretäglicheTriage
Es wird so getan, als sei Triage etwas ganz Schlimmes und Außergewöhnliches und unter allen Umständen zu Vermeidendes. Schlimm ist sie in der Tat, aber außergewöhnlich nun wirklich nicht: Wir betreiben täglich Triage. Von wegen „Vermeidung unter allen Umständen“!
Im Moment (noch… mal sehen wie es in drei, vier Wochen aussieht) bekommt man häufig auf die Äußerung von Zweifeln an der Sinnhaftigkeit der aktuellen massiven Einschränkungen den Einwand zu hören (manchmal mit moralisch-vorwurfsvollem Unterton), ob man denn befürworte, dass eine 80-jährige keine künstliche Beatmung erhalte, um für einen 60-Jährige das Beatmungsgerät zur Verfügung zu haben.
Ich gestehe, dass mich dieser Argumentation zunehmend gereizt reagieren lässt. Und zwar aus zwei Gründen:
1. Ich habe nicht unbedingt den Eindruck, dass die Leute, die so argumentieren, genauso reden und handeln, wenn es nicht gerade um Corona geht.
•Ich könnte jetzt seitenweise Beispiele aufzählen. Von Feinstaubbelastung, die tötet (angeblich in Deutschland pro Jahr 120.000 vorzeitige Todesfälle , über Waffenexporte (Deutschland ist weltweit der viertgrößte Waffenexporteur), bis zu fehlenden sicheren Radwegen, die nicht gebaut werden, weil anderes wichtiger ist.
•Stand 25.3.2020 sind weltweit 20.550 Menschen an (oder mit?) Corona gestorben. Da möchte ich doch dran erinnern (und das ist nur ein Beispiel von vielen möglichen:) „Im Jahr 2017 gab es weltweit geschätzte 435.000 Todesfälle durch Malaria, verglichen mit 451.000 Todesfällen im Jahr 2016 und 607.000 Fälle im Jahr 2010. Kinder unter 5 Jahren sind die am stärksten von Malaria betroffene Gruppe: Im Jahr 2017 machten sie 61% (266.000) aller Malaria-Todesfälle weltweit aus.“
So. Und jetzt möchte ich mal wissen: Ist jedes Leben gleich viel wert oder gibt es da Unterschiede? Wie erklärt es sich, dass es einmal heißt „whatever it takes!“ und im anderen Fall … ja was? Schulterzucken? Ist halt so? Richtet sich das danach, ob Bilder in der Tagesschau auftauchen?
Wir kommen nicht drumherum: Wir machen tagtäglich Unterschiede. Jeder und jede von uns. Triage, die Menschenleben kosten. Teils, weil wir zu wenig engagiert sind, teils weil es gar nicht anders geht, als abzuwägen. Wir können uns noch nicht mal draufraus reden: Ja das wissen wir aber doch gar nicht, während das mit Corona wissen wir. Die Beispiele, die ich gerade heruntergebetet habe, sind kein Geheimwissen, sondern jedem, jeder zugänglich. Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, um „Triage“ herumkommen. Die Welt ist so. Wir haben sie nicht gemacht. Und unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Das kann ich bedauern, aber ich muss es anerkennen. Was ich tun kann, ist: Moralisch und vernünftig, also nach bestem Gewissen und Wissen zu entscheiden. Aber entscheiden muss ich. Und die Entscheidung für das eine, den einen, ist Entscheidung gegen das andere, den anderen.
2. Gerade auch was die an Corona Erkrankten betrifft, ist es nicht sonderlich moralisch zu sagen: „Wir retten Menschenleben und dafür darf kein Preis zu hoch sein.“
Doch: ich darf, ich muss in Erwägung ziehen, ob der Preis nicht zu hoch ist. Indem ich nämlich Leben gegen Leben rechne. Wenn die Genesung eines Coronapatienten durch den Tod von einem oder mehreren andern erkauft wird, dann ist das nicht nur eine berechtigte, sondern eine hochmoralische Frage. Gewiss keine einfache. Aber diese zu stellen und zu bedenken, ist bestimmt moralischer, als nur die linke Seite der Gleichung zu sehen und die rechte Seite außer Acht zu lassen.
Konkret – und meine Liste ist nicht vollständig:
•In meiner Umgebung gibt es einen Menschen, der aktuell trotz ernsthafter Symptome nicht zum Arzt geht- aus Angst vor Corona. Könnte sein, dass es zu spät ist, wenn er tatsächlich geht. - Eine Physiotherapeutin erzählt: Eine Patientin, dreimal pro Woche Lymphdrainage, sagte wegen Corona alle Termine ab. Jetzt sei der Arm geplatzt. "Das ist höchste Infektionsgefahr." Ich bin sicher, das sind nicht die einzigen derartigen Fälle.
•In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht, zitierte ich vor kurzem. Das galt in Vor-Corona-Zeiten. Menschen, die was davon verstehen, sind sich einig: Durch die Ausgangsbeschränkungen wird häusliche Gewalt zunehmen. Nicht nur gegen Frauen, auch gegen Kinder.
•Existentiellen Ängste werden zu gesundheitlichen Krisen führen, die tödlich enden können, sei es z.B. im Herzinfarkt oder im Suizid.
•Ältere, besonders alleinstehende Menschen werden sozial völlig isoliert. Das wird vorhersehbar bei manchem zum vorzeitigen Tod führen.
•Wer depressiv ist, ist durch die Einschränkungen besonders gefährdet – auch hier gehen realistische Einschätzungen von einer Zunahme der Suizide aus.
•Deutschland nimmt seit einigen Tagen keine Flüchtlinge mehr aus humanitären Gründen auf. Glaubt jemand, dass das ohne Todesfälle abgeht? (Zur geflissentlichen Illustration)
•Und gerade, weil es die Alten trifft (aber natürlich in der Folge auch ganze Familien): Die Meldung vom 24.03.2020 ist ein klassischer Fall, wohin es führt, wenn man Maßnahmen nicht bis zum Ende durchdekliniert: „Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) rechnet nach Recherchen des ARD-Magazins Report Mainz kurzfristig mit einem Versorgungsnotstand, wenn Betreuungskräfte aus Osteuropa in Deutschland fehlen. Viele von ihnen verlassen aus Angst vor der Corona-Krise Deutschland. Wenige Osteuropäerinnen kommen derzeit aber als Ersatz nach. Auch Wartezeiten von bis zu 15 Stunden an der Grenze schrecken ab. 'Wir rechnen damit, dass ab Ostern 100.000 bis 200.000 Menschen schrittweise nicht mehr versorgt sind, dass sie alleine zuhause bleiben und dass sie dann in Altenheimen oder Kliniken versorgt werden müssen", sagt der Geschäftsführer des Verbandes, Frederic Seebohm. Sie müssten zusätzlich zu jenen Menschen betreut werden, die sowieso jetzt schon in Altenheimen und Kliniken versorgt werden, warnt er'.“ (6) Zu wie vielen vorzeitigen Todesfällen wird das führen?
•Um schließlich noch meinen Sohn zu zitieren, der wiederum einen Menschen des niederländischen Radios zitierte: „Heute morgen hat beispielsweise ein Sprecher darauf hingewiesen, dass es einen statistischen Zusammenhang gibt zwischen „Rezession“ und Gesamtmortalität in einer Gesellschaft. Sprich: Während einer Rezession sterben mehr Menschen als (im vergleichbaren Zeitraum) bei guter wirtschaftlicher Entwicklung. Und zwar – das war ihm wichtig zu betonen – quer durch die Gesellschaft (also nicht „nur“ alte Menschen mit multiplen Vorerkrankungen). Über die Gründe äußerte er sich nicht. Aber seine Schlussfolgerung war klar: Wir erkaufen uns die geringere Anzahl von Toten in der Gegenwart mit einer erhöhten Anzahl von Toten in der Zukunft. Die irgendwann auch mal Gegenwart sein wird.“
Erstaunlicherweise bringt die FAZ im Moment recht gescheite Artikel zu dieser Problematik.
Zum Beispiel am 24.03.2020 von der ehemaligen Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff „Geschlossene Gesellschaft“. Darin schreibt sie: „Die Angewiesenheit auf Fachwissen bedeutet nicht, dass über alle zu treffenden Maßnahmen der medizinische Sachverstand zu befinden hätte. Geboten ist Abwägung zwischen allen konkurrierenden Belangen.“ Dem könnte ich noch einiges hinzufügen. Lasse es aber bleiben.
27.03.2020 – Selbst der Spiegel lässt jetzt andere Stimmen zu Wort kommen:
Epidemiologe über Corona: "Die Maßnahmen dürfen nicht schlimmer sein als die Krankheit":
SPIEGEL: Kann man die Gefahr, die vom Virus ausgeht, aufwiegen gegen den Schaden, der durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus entsteht?
Krause: Wir müssen es tun - auch wenn wir dafür keine mathematische Formel haben. Es gibt inzwischen mehrere Modellrechnungen zu der Frage, mit welcher Strategie wir das neuartige Coronavirus am besten bekämpfen sollen. Aber dabei werden immer nur die Covid-19-Toten errechnet, und die gesundheitlichen Schäden durch Bankrott und Arbeitslosigkeit in Folge der Maßnahmen sind meist nicht berücksichtigt. Ich weiß, dass das heikel und methodisch schwierig ist, aber es wäre durchaus möglich, auch dies in die Modellrechnungen einzubeziehen. Außerdem fände ich es angemessen, dabei nicht nur die Anzahl der Verstorbenen gegeneinander aufzuwiegen, sondern auch die Lebensjahre, die verloren gehen. Das gibt jüngeren Toten mehr Gewicht - und ist Standard, wenn man die gesellschaftlichen Auswirkungen von Krankheiten untersucht.
ErinnerunginC-Zeiten: "Tatjana"vonCurt Goetz
Curt Goetz, das war vor allem ein Verfasser von Lustspielen (Das Haus in Montevideo, Dr. med. Hiob Prätorius z.B.). Er ist 1960 gestorben. Ich habe - so glaube ich - alles von ihm gelesen. Sicher keine "hohe Literatur", aber immer sehr amüsant. In diesen C-Zeiten dachte ich immer wieder an eine Stelle aus seinem kleinen erotischen Roman "Tatjana" (der ein bisschen "Lolita" vorwegnahm). Aufgrund der in meinem Hause herrschenden hervorragenden Ordnung, der mein Gedächtnis in nichts nachsteht, fand ich die fragliche Stelle innerhalb von 7 Minuten. Auch ein Lustspielautor kann Wahrheit sagen:
Der Ich-Erzähler wird von einem Verkehrspolizisten wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten:
"Es tut mir leid", sagte ich, "ich habe nicht gemerkt, dass ich so schnell fahre. Ich bin Arzt und muss zu einem Kranken."
"Das ändert die Sache", sagte der Gendarm nach einem Blick in meinen Führerschein. "Fahren Sie weiter. Aber denken Sie daran, dass es keinen Zweck hat, einen Menschen am Sterben zu hindern, wenn Sie dabei fünf andere totfahren. - Guten Morgen."
Querdurch denCorona- Garten:Ein paarlesenswerte Artikel
Zunächst mal ein bemerkenswertes Interview des mit 87 Jahren eindeutig zur Risikogruppe gehörenden FDP-Politikers Gerhart Baum (der war auch mal bundesdeutscher Innenminister). Er hat Nachdenkenswertes gesagt. Zum Beispiel:
„Möglicherweise werden wir irgendwann vor die unbequeme Frage gestellt werden, ob wir mit den bisherigen Entscheidungen die wirtschaftliche Existenz unseres Gemeinwesens und die Handlungsfähigkeit des Staates aufs Spiel setzen."
oder:
"Wir brauchen einen starken Staat, der unsere Daseinsvorsorge gewährleistet. Wir brauchen auch eine Industriepolitik. Die FDP sollte daher ihre manchmal unverständliche Furcht vor staatlichen Regelungen revidieren."
Daseinsvorsorge. Mal sehen, ob Corona immerhin imstande war, nicht nur der FDP einzubläuen, dass der Staat die Aufgabe der Daseinsvorsorge hat. Es lässt sich eben nicht alles durch Privatisierung, durch Wettbewerb, durch den Primat betriebswirtschaftlichen Denkens regeln, schon gar nicht besser regeln.
Mir scheint, das ganze Interview ist kostenfrei lesbar – und es ist wert, gelesen zu werden!
Rechtliche Fragen bezüglich der derzeitigen Beschränkungen von Grundrechten behandelt der Artikel von Prof. Dr. Christoph Möllers: ”Parlamentarische Selbstentmächtigung im Zeichen des Virus.”
Außer dem Artikel selbst, finde ich auch Kommentare zu Möllers Artikel bedenkenswert: Ein Herr oder eine Frau Clemens schreibt zu Möllers Artikel am 27.03.2020 „… ich bin ein sehr starker Verfechter der Vorsorge (auch rechtlich) für Krisen. Der Staat hat es mal wieder verpennt. Eigentlich hat auch jede Klinik und andere Einrichtungen die Pflicht Vorräte zu halten. Es ist ja nicht das böse Volk, was ‚alles wegkauft‘, wir haben schlicht keine Vorräte. Weder im Supermarkt noch in Lagern der Industrie, noch in den Einrichtungen selber. Wer die Verantwortung für eine Klinik, Einrichtung hat und ganz zu Beginn schon Engpässe beklagt, der muss eigentlich seinen Sessel räumen! Ich befasse mich wissenschaftlich mit dem Zusammenspiel Recht/Verwaltung/Krisenmanagement und Vorsorge… An wirklich jeder Ecke ist es einfach nur grausam. Das Gesetz zur Notversorgung mit Nahrungsmitteln steht seit 2016. Noch KEIN Bundesland hat es geschafft bis heute die Durchführungsregularien zu schaffen. Peinlich! In Berlin sind 2/3 der Trinkwasserbrunnen für Notfälle verseucht. Tests zur Notstromversorgung von Krankenhäusern werden nach einer Stunde abgebrochen, da das Notsystem zusammenbricht. Und der absolut traurigste Punkt und hier kommen wir zu des Autors Artikel zurück. Früher hat die Schutzkommission (etwa 50 Wissenschaftler aus der Praxis) die Risiken bewertet und Klartext gesprochen. Die Schutzkommission wurde mit einem Satz einfach mal abgeschafft. Ganz Deutschland (Feuerwehr, Einrichtungen, Kliniken, IT, Ministerien… und die Wissenschaft) haben ihr Handeln auf diesen Berichten und der SchuKo aufgebaut.
PS: Ich stehe auf der Seite des Verfassers, als Praktiker muss ich aber sagen… wir hatten keine andere Wahl als zu handeln.“
Die vom Kommentator des Möllers-Artikels erwähnte Schutzkommission gab es bis 2015. Angesiedelt war diese - laut Wikipedia - „ungewöhnlich unabhängige Kommission“ beim Bundesministerium des Innern. Aufgelöst hat sie Minister Thomas de Maizière (CDU). Begründung:
„Heute ist die Themenvielfalt im Bevölkerungsschutz jedoch derart angewachsen, dass sie durch ein solches Gremium mit fester Besetzung kaum noch angemessen abgedeckt werden kann. Zugunsten kleinerer, flexiblerer Beratungsmöglichkeiten wurde die Schutzkommission daher am 20. April 2015 vom Bundesministerium des Innern aufgelöst.“
Tja. Hm. Aha. „Flexiblere Beratungsmöglichkeiten“.
Zwar kann man tatsächlich der Meinung sein, in der aktuellen Situation, sollte man zwei Augen zudrücken, was die Verfassungsmäßigkeit der Maßnahmen angeht. Das kann ich nicht beurteilen. „Not kennt kein Gebot“ – das ist nicht nur eine Ausrede oder total falsch. Aber ältere Leute (ich zum Beispiel) haben noch recht gut in Erinnerung, wie schon häufiger Maßnahmen, die mit einer „Notsituationen“ gerechtfertigt wurden, danach zur Dauereinrichtung wurden.
Grundrechtseinschränkung konkret bedeutet: Heute meinte eine Verwandte aus Bayern, die regelmäßig eine über 90-jährige Frau besucht, die ansonsten fast völlig vereinsamt ist: „Eigentlich ist es verboten, was ich mache. Aber ich besuche sie trotzdem. Denn wenn ich sie nicht besuche, dann macht sie das nicht mehr lange.“
Und wer immer noch nicht genug hat, kann sich den folgenden Artikel antun: Nikolaus Förster: “Das wahre Gesicht der Coronakrise”
Thema: „Die Politik sagt, es solle ‚kein Arbeitsplatz verloren gehen‘. Doch wir Mittelständler verzweifeln an der Behäbigkeit der Behörden. Und der Skrupellosigkeit der Konzerne.“
Nochmal:System- relevanz
Wie ich vor einigen Tagen mit schnell nachlassendem Stolz berichtete, bin ich als Psychotherapeutin „systemrelevant“. Dass es tatsächlich so ist, kann ich nur bestätigen, wenn ich dran denke, wie die C-Krise schon nach vergleichsweise kurzer Zeit Menschen in unterschiedlichster Weise umtreibt und belastet.
Nun ist in der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende 28./29.03.2020 ein brillanter Artikel erschienen: Barbara Vorsamen: Wer das Land am Laufen hält.
Tenor des Essays ist: „Wenn es hart auf hart kommt, stützen vor allem Frauen Wirtschaft und Gesellschaft. Ihre systemrelevante Arbeit wird aber häufig schlecht oder gar nicht entlohnt ...“
Er beginnt mit einem Zitat:
