Verlag: Knaur MensSana eBook Kategorie: Ratgeber Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

Unerklärliche Beschwerden? E-Book

Helga Pohl

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E-Book-Beschreibung Unerklärliche Beschwerden? - Helga Pohl

Viele Menschen leiden heute unter - chronischen Schmerzen (an Rücken, Nacken, Bauch usw.) - funktionellen Erkrankungen (wie Tinnitus, Schwindel, „Kloß“ im Hals, Herz-, Magen- Blasenbeschwerden usw.) - Ängsten und Depressionen (wie Panikattacken, innere Unruhe, Niedergeschlagenheit usw.) und sind verzweifelt über Erklärungen wie „Da ist nichts“ „Sie haben nichts!“ „Es ist nur psychosomatisch“. Helga Pohl, ehemals selbst Betroffene, fand heraus, dass es bei all diesen Leiden sehr wohl körperliche Befunde gibt, nämlich Dauerkontraktionen in Muskulatur und Bindegewebe, die sich durch körperliche Verletzungen, psychische Belastungen und „dumme Angewohnheiten“ gebildet haben. Sie entwickelte ein revolutionär neues, körpertherapeutisches Konzept, mit dem sich die Leiden neurobiologisch verstehen und ohne Medikamente erfolgreich behandeln lassen. Dr. Pohl nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die einzelnen Körperregionen und die dort auftretenden Beschwerden. Auf sehr persönliche Art verbindet sie reichhaltige Erfahrung mit Patienten, Forschungsberichte und leicht verständliche Erklärungen, so dass der Leser am eigenen Leibe unmittelbar nachvollziehen und begreifen kann, was ihn und andere plagt. Übungen und Empfehlungen für den Alltag runden die Darstellung ab. Unerklärliche Beschwerden?? von Dr. Helga Pohl: der Ratgeber für Gesundheit im eBook!

Meinungen über das E-Book Unerklärliche Beschwerden? - Helga Pohl

E-Book-Leseprobe Unerklärliche Beschwerden? - Helga Pohl

Helga Pohl

Unerklärliche Beschwerden?

Chronische Schmerzen und andere Leiden körpertherapeutisch verstehen und behandeln

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

In Dankbarkeit meinen Patienten [...]Zu diesem BuchTeil I1. Wie alles anfing und was daraus wurdeWie alles anfingWas daraus wurde2. Alles psychosomatisch?AußenansichtenInnenansichtenKrank ohne Befund? Der Irrtum der ProfessionellenAnfassen!3. Den Körper mit den Sinnen begreifenAndere Patienten durch eine andere SichtweiseJeder Fall ist andersJeder kann den Ort seiner Beschwerden genau zeigenAm Ort der Beschwerden lassen sich immer harte, verspannte Stellen ertastenInnen empfundene Störungen kommen oft von außenEs ist immer sowohl die Sensorik als auch die Motorik gestörtDie sensomotorische AmnesieErstarrung, nicht Schwäche, ist die Wurzel vieler ÜbelVerspannte Antagonisten verhindern BewegungNachmachen ist die beste DiagnostikVerspannungen gibt es auch im BindegewebeKurz zusammengefasst4. Spüren und BewegenDie Sensomotorik – der lebendige OrganismusEine neue Sichtweise von Körper und SeeleDie Somatosensorik – das KörpersinnesempfindenLernen mit der KörperseeleDie »Gemütsbewegung«Gefühl, Gehirn und KörperDer Körper in InteraktionVom Leichtsinn der SchwerkraftFluch und Segen von Aufrichtung und ZweibeinigkeitPhysik trifft Gefühl – die Angst, zu fallenKörper, Verhalten und KulturKurz zusammengefasst5. Wie Verspannungskrankheiten entstehenDas Glück ist von kurzer Dauer, Kummer und Schmerz können ewig währenWas zu Dauerkontraktionen führt6. Was man tun kannDer Weg über die Worte und das DenkenDer Weg über die BewegungDer Weg über die SinnesorganeDer Weg über die VorstellungDer direkte Weg über den KörperDer Weg über alle Kanäle: die Sensomotorische KörpertherapieTeil II7. Kopf und NackenDer bewegte KopfDie allgegenwärtige OrientierungsreaktionDer Kopf und die EmotionKleine Anatomie: Kopfmuskeln und NackenmuskelnDie zentrale Bedeutung der KopfhaltungAndere KopffehlhaltungenBeschwerden an Kopf und Nacken8. Gesicht und HalsWissenswertes vom GesichtKleine AnatomieBeschwerden an Gesicht und AugenWissenswertes von der NaseWissenswertes vom KieferWissenswertes vom Hals vornKleine Anatomie9. Brust und Bauch»Ich« ist vorn und handelt nach vorn»Ich« kommuniziert auch nach vornKleine Anatomie der VorderseiteDie Vorderseite als AtemzentrumAtmung, Gefühl und HandlungAlles Leiden dieser Welt: das StoppmusterDie einzelnen Beschwerden auf der VorderseiteAtemstörungen10. UrogenitalbereichKleine AnatomieBeschwerden im UrogenitalbereichDie einzelnen Beschwerden11. Rücken und GesäßSo viele Rückenschmerzen – so viele IrrtümerWie wir unseren Rücken erlebenKleine Anatomie des RückensDie Rückenmuskeln – was am Rücken alles schmerzen kannDer Rücken als Zentrum des StartmustersRückenschmerzen und RückenbeschwerdenBehandlung der Fehlhaltung bei Rückenbeschwerden12. Schultern, Arme und HändeDie Hände als SinnesorganeHände und Arme als HandlungsorganeKleine AnatomieStörungen der Arm- und HandbewegungenEinzelne Beschwerden an Schultern, Armen und Händen13. Hüften, Beine und FüßeWie wir unsere Beine erlebenKleine AnatomieDie Beine und das GleichgewichtUrsachen von Beschwerden an Hüften, Beinen und FüßenDie häufigsten BeschwerdenWie es weitergehen kannLiteratur
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In Dankbarkeit meinen Patienten gewidmet, von denen ich so viel lernen durfte

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Zu diesem Buch

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wahrscheinlich haben Sie zu diesem Buch gegriffen, weil Sie selbst oder eine/r Ihrer Lieben seit längerem unter etwas leiden: unter unerträglichen Schmerzen an Rücken, Nacken, Kopf oder an irgendeinem anderen Körperteil; unter schwer aushaltbaren Schluck-, Atem-, Herz-, Magen-, Darm- oder Blasenbeschwerden, chronischem Schwindel oder Tinnitus; unter quälenden Ängsten, Depressionen, Burn-out oder Erschöpfung; unter seltsamen Missempfindungen, die sich keiner erklären kann. Vielleicht sind Ihre Beschwerden auch so individuell, dass es nicht einmal einen Namen dafür gibt. Jedenfalls haben Sie sich gründlich medizinisch untersuchen lassen (wenn nicht, sollten Sie das schleunigst nachholen!), aber es ließ sich bei Ihrem Leiden mit den besten medizinischen Geräten keine körperliche Ursache finden. Wahrscheinlich sagte man Ihnen, es sei rein psychosomatisch, d.h., nur in Ihrem Kopf oder in ihrer Seele existent, was Sie nicht glauben können, denn Sie spüren Ihre Beschwerden ganz deutlich körperlich. Auch die Aussage, alles sei nur stressbedingt, hat Ihnen nicht wirklich weitergeholfen. Oder man hat Ihre Beschwerden auf eine so unabänderliche Ursache wie das Alter, Abnutzung oder ein im Gehirn festgeschriebenes Schmerzgedächtnis zurückgeführt, dass alle Heilungsbemühungen von vornherein vergebens schienen. Schließlich hat man Ihnen vielleicht gesagt: »Damit müssen Sie leben!«

Das will Ihnen bei den heutigen wissenschaftlichen und therapeutischen Möglichkeiten seltsam scheinen. Vielleicht halten Sie sich noch für einen Ausnahmefall, aber wenn Sie einmal anfangen, Ihre Leidensgeschichte anderen zu erzählen, werden Sie feststellen, dass Sie sich in großer Gesellschaft befinden. Niemand hat wahrscheinlich ganz genau das gleiche Beschwerdebild wie Sie, aber fast jeder hat heutzutage irgendetwas, das durch die üblichen diagnostischen und therapeutischen Kategorien fällt. Ihre Beschwerden sind etwas, worunter wir Menschen in den Industrienationen in mehr oder weniger starkem Umfang fast alle leiden.

 

Trotz der schlechten Aussichten haben Sie wahrscheinlich alle erreichbaren Heilmittel durchprobiert, mussten aber die Erfahrung machen, dass gegen Ihre Beschwerden tatsächlich weder ein medizinisches noch ein psychologisches noch ein esoterisches Kraut gewachsen scheint. Entweder haben Sie dann im Laufe der Zeit gänzlich resigniert, oder Sie sind wie so viele mit einem letzten Fünkchen Hoffnung weiterhin auf der Suche: nach Erklärung und Verständnis, nach Heilung und Erlösung von der Qual.

 

Dieses Buch soll Ihrer Hoffnung neue Nahrung geben. Vor allem soll es Ihnen helfen, zu verstehen, worunter Sie leiden. Zu wissen, was einen plagt und wie der eigene Körper funktioniert, unterbricht das grübelnde Gedankenkarussell und kann Ihnen die Panik nehmen, unter einer bisher unerkannten, schlimmen Krankheit zu leiden. Dieses Wissen wird Ihrem Denken und Handeln wieder eine Intention, eine Richtung in die Welt hinaus geben, und das kann schon ein erster Schritt aus dem Elend heraus sein.

Außerdem werden Sie erfahren, dass Sie recht haben in dem, was Sie spüren: Ihre Beschwerden sind tatsächlich mit greifbaren körperlichen Reaktionen verbunden, und zwar auch dann, wenn Sie primär auf seelische Belastungen reagieren. Allerdings handelt es sich bei diesen körperlichen Veränderungen nicht um Äußerungen einer organischen Erkrankung, sondern um Verspannungen, d.h. um unbewusste eingefleischte Angewohnheiten. Und diese sind änderbar. Sie werden erfahren wie.

 

Am meisten werden Sie von diesem Buch profitieren, wenn Sie den Text nicht nur sprachlich-intellektuell mit Ihrem Vorderhirn begreifen, sondern direkt körperlich durch eigenes Wahrnehmen und Tun mit denjenigen Gehirnregionen, mit denen Sie bewusst spüren und bewegen. Aus diesem Grund habe ich Anregungen zum eigenen Beobachten und Ausprobieren eingestreut. Mit ihrer Hilfe werden Sie sich auf neue Art unmittelbar als Einheit von Körper und Seele verstehen lernen. Außerdem werde ich Sie am Ende der meisten Kapitel zu Bewegungs- und Spürübungen anstiften. Der Haupttext ist zwar so geschrieben, dass Sie ihn intellektuell auch ohne diesen praktischen Teil verstehen werden, aber erst, wenn Sie diese Übungen tatsächlich ausführen, werden Sie mit Leib und Seele begreifen, was gemeint ist. Dann werden Sie nicht nur Ihren Körper auf neue Weise verstehen, sondern den Ausgangspunkt Ihrer Beschwerden ganz konkret am eigenen Leib zu spüren beginnen. Das heißt, Sie werden wahrscheinlich zu der Erkenntnis gelangen, dass Ihre Beschwerden nicht etwas sind, was Sie haben (medizinische Ebene) und auch nicht ein Ausdruck dessen, was Sie sind (spirituelle Ebene), sondern etwas, was Sie unwillkürlich tun und zwar ganz konkret in Ihrem Alltag: Wahrscheinlich halten Sie – ohne es bewusst zu wollen – einen Teil Ihrer Muskeln ständig angespannt. Das ist die psychophysische Ebene, d.h., die Ebene Ihres beseelten Körpers.

 

Vielleicht werden Sie feststellen, dass Sie gerade in den für Sie interessanten Kapiteln einige Bewegungen nicht ausführen können, und halten diese dann für generell unmöglich. Das sind sie aber nicht. Wahrscheinlich hat Ihr Gehirn nur vorübergehend vergessen, wie sich bestimmte Muskeln anfühlen und bewegen lassen. Als Erste-Hilfe-Maßnahme können Sie sich die Bewegung bei anderen anschauen, am besten bei jüngeren Kindern. Es geht dabei um ganz normale Alltagsbewegungen und -haltungen wie Atmen, Gehen, Stehen, Sitzen, Greifen oder Sichumschauen, also um all das, was wir ständig tun, ohne es je zu registrieren oder uns gar Gedanken darum zu machen. Und doch rühren viele unserer Beschwerden genau daher. Im Vergleich mit den natürlichen und freien Bewegungen und Haltungen der Kinder finden Sie vielleicht die Stellen Ihres Körpers, wo Sie unbewusst festhalten, ohne es zu wollen. Dann können Sie lernen, im Alltag wieder weniger zu leiden, indem Sie es sich fortan kinderleicht machen.

 

Um einzelne Ihrer Beschwerden zu verstehen, brauchen Sie nicht gleich das ganze Buch von vorne bis hinten durchzulesen. Sie können gerne auch mit dem Kapitel beginnen, in dem es um Ihre Hauptleidensregion geht. Dann aber wäre es für das Verständnis insgesamt gut, wenn Sie als Nächstes den allgemeinen Teil lesen, d.h., die ersten sechs Kapitel dieses Buches. Anschließend ist Ihr Interesse für Ihren beseelten Körper wahrscheinlich so weit geweckt, dass Sie sich gern die Kapitel über die übrigen Körperregionen zu Gemüte führen.

 

Wenn Sie dieses Buch aufmerksam lesen, werden Sie vieles erfahren, was Sie im Grunde Ihres Herzens immer schon gewusst haben. Das ist kein Fehler. Es ist implizites Körperwissen über sich und die eigenen Gewohnheiten, das Sie wahrscheinlich nur noch nie reflektiert haben. Ihrem Bewusstsein wird es daher völlig neu sein. Ich habe dieses Wissen für Sie ans Licht geholt. Wenn Sie es sich bewusst einverleiben, werden Sie beginnen, Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Sinnesempfindungen und Ihre Bewegungen zu richten und damit die Welt und sich selbst anders sehen und spüren.

 

Das wünsche ich mir und Ihnen.

 

Helga Pohl

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Teil I

Wie man den eigenen Organismus und seine Beschwerden besser versteht

1.Wie alles anfing und was daraus wurde

Meine eigene Leidens- und Erfolgsgeschichte

Wie alles anfing

Vor vielen Jahren fuhr ich mit dem Auto zu Freunden nach Niederbayern. Unterwegs überraschte mich ein schweres Unwetter. Ich kämpfte mich durch, und als ich ausstieg, hatte ich das erste Mal in meinem Leben Rückenschmerzen. Ich reckte und streckte mich und dachte, das würde bald vergehen. Aber nachts wachte ich von stärker gewordenen Schmerzen auf. Fortan blieb der Schmerz an meiner Seite: dumpf bohrend, allgegenwärtig. Ich ging zum ersten Mal in meinem Leben zu einem Orthopäden und bekam eine Spritze. Damit, dachte ich, sei es erledigt.

Aber das war erst der Anfang: Im Lauf der nächsten Monate erhielt ich noch viele Spritzen unbekannten Inhalts. Eine Schmerzlinderung trat entweder überhaupt nicht ein, oder sie war nur von kurzer Dauer. Ich hörte mich um, wechselte die Orthopäden und ließ mich mit allem behandeln, was es nur gab: noch mehr Spritzen, Medikamente, Fango, Massage, Krankengymnastik, Stufenbett, Einrenken, Steißbein von innen ausrichten, »Aufhängen«, Strecken, Einlagen und Absatzerhöhung. Schließlich bekam ich sogar ein maßgefertigtes Korsett. Ich hatte Termine bei den Koryphäen der Stadt, und nebenbei ging ich Geheimtipps nach. Nichts und niemand half. Die Schmerzen wurden schlimmer statt besser. Abends weinte ich oft nur noch.

Allmählich vereinnahmte mich der Schmerz völlig. Er beherrschte all mein Denken und Tun. Sah ich im Film, wie sich jemand aufs Pferd schwang, zuckte ich unwillkürlich zusammen, weil ich dachte, ja spürte: Wie kann man seinem Rücken nur so etwas antun! Wie eine schwere Kappe fiel der Zustand morgens beim Aufwachen über mich. Ich hatte an nichts mehr Spaß und für nichts und niemanden mehr wirkliches Interesse. Den Alltag erledigte ich nur noch mechanisch. Kurzum: Ich hatte eine Depression.

 

Diese Diagnose konnte ich mir selbst stellen, denn ich war Psychoanalytikerin. Als Privatperson war ich überzeugt, dass meine Beschwerden rein körperlich sein mussten und ging weiter zu den Ärzten. Als Berufsperson hatte ich bald den Verdacht, meine Rückenschmerzen seien in Wirklichkeit psychosomatisch. Das war mir überaus peinlich. Nach sieben Jahren psychoanalytischer Selbsterfahrung in Gestalt einer Lehranalyse hatte ich doch, weiß Gott, psychisch gesund zu sein. Als Profi versuchte ich tapfer, mir meinen eigenen Psychoreim auf die Geschichte zu machen, mir der Dinge bewusst zu werden, die dahinterstecken könnten. Aber immer, wenn ich meinen Rücken fragte, was er mir wohl sagen wolle, war seine einzige Antwort: »Schmerz!« Ich konnte auch keine Änderung meiner Lebensumstände, auf die ich seelisch-körperlich reagiert haben könnte, entdecken. Aus Andeutungen von Kollegen merkte ich jedoch, dass sie mich allmählich auf die Psychoschiene schoben – was mir gar nicht recht war. Ich fühlte mich gründlich missverstanden.

Trotzdem begab ich mich bei einem einfühlsamen Kollegen in Behandlung, um gezielt nach verschütteten Gefühlen zu suchen, die hinter Rückenschmerz und Depression stecken konnten. Leider war auch das nicht von Erfolg gekrönt. Mal glaubte ich zwar, etwas gefunden zu haben, aber eine Auswirkung auf meine Schmerzen hatte es nicht.

In dieser Zeit muss ich mir zusätzlich durch eine ungeschickte Bewegung einen Bandscheibenvorfall zugezogen haben. Wie ein elektrischer Draht fuhr jetzt der Schmerz das Bein hinunter bis in die Zehen. Bald konnte ich nicht mehr sitzen. In ein Auto einzusteigen, war völlig unmöglich. Morgens den Rücken rund zu machen, um die Schuhe anzuziehen: Da führte überhaupt kein Weg hin.

So fürchterlich das alles war: Mit dem Bandscheibenvorfall hatte ich jetzt immerhin einen anerkannten körperlichen Befund, war als organisch Kranke legitimiert und psychisch unverdächtig.

Simples Gehen, fand ich heraus, linderte den Schmerz etwas. Langes Liegen ließ ihn dagegen unerträglich werden, morgens kam ich kaum mehr aus dem Bett. Daher stellte ich mir jede Nacht um 3 Uhr den Wecker und ging lesend eine Stunde lang auf und ab. Auch tagsüber ging ich, so viel ich konnte. Selbst meinen Beruf erledigte ich im Stehen und Gehen – eigentlich unmöglich als Psychoanalytikerin. Ich nahm rasant ab. Das konnte nicht mehr lange so weitergehen.

 

Ich suchte eine Neurochirurgin auf. Sie stellte einen massiven Befund fest und empfahl dringend eine sofortige Operation der betroffenen Bandscheibe L5/S1. Andernfalls müsste ich mit schlimmen Folgen rechnen bis zur irreversiblen Bein- und Blasenlähmung. Ich erschrak. So schlimm hatte ich es mir doch nicht vorgestellt. Gleich anschließend hatte ich einen Termin beim Orthopäden (ich glaube, es war Nummer 6). Er riet von einer Operation dringend ab und warnte mich vor möglichen Folgen bis zur Querschnittslähmung. Das jagte mir noch mehr Angst ein als die Drohung der Neurochirurgin. Daher ließ ich mir lieber von diesem Orthopäden Spritzen in den Spinalkanal setzen (was anderen als überaus gefährlich galt). Das Bein war danach kurze Zeit wie gelähmt, ansonsten brachte es nichts.

Ultima Ratio war eine Kur auf Ischia. Auf dem Hinflug konnte ich die Stewardessen nur mit Mühe davon überzeugen, mich den Flug im Stehen absolvieren zu lassen. In der Kur ließ ich mich mit allem behandeln, was angeboten wurde: Cortisonspritzen, Massagen, Naturfango, Eingraben in heißen Sand, Schwimmen in den warmen Thermalquellen, Elektroreiz-Therapie, Krankengymnastik, Natursauna mit heißem Dampf aus den Quellen. Bei jeder Lücke im Programm hielt ich mich an meine private Gehtherapie. Nach vier Wochen ging es mir tatsächlich besser: Ich konnte auf dem Rückflug sitzen. Ich versuchte, so viel wie möglich von der Kur in den Alltag umzusetzen, scheiterte aber am hiesigen Wetter (es war inzwischen Oktober) und daran, dass ich noch anderes zu tun hatte, als mich um meinen Rücken zu kümmern. Nach drei Wochen war wieder alles beim Alten: kein Sitzen mehr möglich.

Jetzt ließ ich den Bandscheibenvorfall doch operieren – wenn auch bei einem Neurochirurgen, der mich eher beruhigte. Die Operation brachte Erleichterung: Ich hatte keine Schmerzen mehr und konnte wieder sitzen. Zwar blieb das Bein etwas steif und fühlte sich irgendwie seltsam an. Auch der Rücken war eher unbeweglich, und ich erfuhr, dass ich mich nie wieder würde ganz vorbeugen können. Aber im Vergleich zu dem Zustand vorher waren das geringe Übel, damit konnte ich leben. Ich war dem Chirurgen sehr dankbar.

Doch schon nach einem Dreivierteljahr kam die große Enttäuschung: Nach längerem Sitzen auf einem Fest von Kollegen spürte ich, wie sich in meinem Rücken das bekannte dumpfe Bohren einnistete und der Schmerz langsam, aber sicher wieder von mir Besitz ergriff. Jetzt schien die Situation aussichtsloser als je zuvor, denn ich hatte keine Option mehr offen.

Auf dem Grund meiner Verzweiflung angekommen, hatte ich irgendwann die Vision, dass es irgendwo auf dieser Welt doch eine Lösung für mein Problem geben müsste. Ich machte mich auf die Suche im alternativen Bereich. Zunächst fand ich viel Unsinn, bis ich auf die Feldenkrais-Methode stieß. Da ging es um bewusste, gespürte Bewegung und ein eher spielerisches Selbsterkunden des eigenen Körpers. Das fand ich interessant. Ich verschlang Feldenkrais’ Bücher, machte seine Übungen, ging in Einzelbehandlung. Ich hatte auf einmal Hoffnung, durch Verstehen des eigenen Körpers aus dem Leidenslabyrinth herauszufinden. Alles, was mir die Mediziner über meine »Lumbalgie« erzählt hatten (wenn sie überhaupt etwas erzählt hatten), hatte ich im Grunde nicht verstanden. Heute weiß ich, dass es auch schwer zu verstehen war.

Damals fing ich an, mich selbst zu studieren. Als alter Forscherseele kam mir der Ansatz sehr entgegen. Dann entdeckte ich die Bücher und Artikel des amerikanischen Körpertherapeuten Thomas Hanna und lernte ihn persönlich kennen. Hanna verstand ich noch besser als Feldenkrais. Von ihm lernte ich, dass Beschwerden der Art, wie ich sie hatte, von unwillkürlich angespannter Muskulatur herrühren, was oft von außen als Fehlhaltung zu sehen ist. Das ständige Festhalten der Muskeln kommt aus unteren, dem Bewusstsein nicht zugänglichen Teilen des Gehirns.

In dem Teil des Gehirns, in dem wir bewusst bewegen und spüren können, im sensomotorischen Kortex, gibt es dagegen eine »Sensomotorische Amnesie«. Das heißt: Der bewusste Teil des Gehirns hat »vergessen«, wie sich die betroffenen Muskeln anfühlen und bewegen lassen. Dadurch merkt man die unwillkürlichen Verspannungen nicht und kann auch nicht einfach locker lassen. Aber es gab Möglichkeiten, sich selbst auf die Schliche zu kommen und die Verspannungen durch »pandiculations« (mit dem Therapeuten gemeinsam ausgeführte Bewegungen (s. Kapitel 6)) und durch gezielte Übungen wieder zu lösen.

Schließlich hatte ich ein einmaliges Aha-Erlebnis. Meine Schmerzen im unteren Rücken waren zu dieser Zeit schon besser, aber schon wenn ich jemandem die Hand gab, schmerzte mein rechter Arm vom Unterarm bis hinauf in die Schulter. Ich konnte auch meinen rechten Ellbogen nicht mehr ganz strecken. Außerdem hatte ich immer häufiger ein sogenanntes akutes HWS-Syndrom. Das heißt: Mein Nacken schmerzte oft plötzlich so, dass ich den Kopf praktisch nicht mehr bewegen konnte. Ein Heilpraktiker konnte mich zwar mit Einrenken und Schröpfen immer wieder retten, aber die akute Situation trat immer häufiger ein. Schließlich musste ich alle 14 Tage zu ihm. Jetzt also ging ich damit zum Orthopäden (Nummer 7). Der röntgte und vermaß alle Gelenke meines rechten Arms und teilte mir mit, dass ich eine beginnende Arthrose hätte. Das sei eine Abnutzungserscheinung, ein Verschleiß, der im Lauf der Zeit immer weiter fortschreiten werde. Dagegen könne man nichts tun, außer Schmerzmittel einnehmen. Er könne mir allenfalls Gewichte an den rechten Arm hängen lassen, damit dieser wieder etwas gerader würde. Die Frage, ob die Nackengeschichte etwas mit dem Arm zu tun habe, verneinte er. Das »akute HWS-Syndrom« sei völlig unabhängig von der Arthrose in Arm und Schulter. Völlig deprimiert, schlich ich mich aus der Arztpraxis nach Hause. Eine Arthrose mit 40 Jahren! Wie sollte das in 10 Jahren aussehen? In 20? In 30?

Irgendwann rappelte sich mein narkotisierter Verstand wieder hoch. Ich überlegte: Wie könnte ich als Psychotherapeutin meinen rechten Arm abgenutzt haben? Und konnte ich etwas tun, um ihn nicht weiter abzunutzen? Gewichte an den Arm hängen, um ihn gerader zu kriegen? Wir wohnten damals im 4. Stock eines Altbaus ohne Lift. Wie jede Frau weiß, kann man sich in dieser Situation über Mangel an Gewichten am Arm nicht beklagen. Irgendetwas schien an der Geschichte nicht zu stimmen.

Ich legte mich auf die Couch und bewegte erst meinen linken Arm, dann den rechten. Der linke ließ sich mühelos bewegen und strecken. Der rechte war irgendwie plump und störrisch. Langsam, spürend, probierte ich alle Armbewegungen durch. Schließlich wurde ich fündig: Als ich meine rechte Schulter ein paarmal vor- und zurückbewegt hatte, streckte sich der rechte Arm besser! Er ließ sich auch etwas leichter bewegen! Ich war verblüfft. Aber das Beste kam noch. Ich merkte: Wenn ich die rechte Schulter bewegte, bewegte sich auch mein Becken! Und zwar drehte es sich links zur Unterlage hin. Dabei bewegte sich auch mein linkes Bein, so dass die Fußspitze nicht mehr senkrecht nach oben schaute, sondern wie beim rechten nach außen! Das war ja unglaublich! Plötzlich dämmerte es mir: Vielleicht habe ich gar keinen Beckenschiefstand (den mir die Orthopäden immer attestiert hatten), sondern ich halte mein Becken schief!!!

Aufgeregt rannte ich zum Spiegel: Tatsächlich, ich konnte auf die Beckenstellung Einfluss nehmen! Und das wirkte sich auf meinen ganzen Körper aus! Ich hatte mich insgesamt schief gehalten. Mein Becken war links nach vorn gedreht, und mein Oberkörper mitsamt der Schulter war rechts weiter vorn als links. Und das hatte mit meinem rechten Arm zu tun! Und wenn ich das Becken vor- und zurückbewegte, spürte ich das auch ganz deutlich im unteren Rücken! Und es hatte mit meinem Nacken zu tun! Die Stelle, die mir so oft weh tat (am Nacken rechts ganz unten), war die Stelle, wo der Körper in die eine Richtung drehte und der Kopf in die andere, so dass ich trotz Verdrehung wieder geradeaus schaute.

Ich hatte im Spiegel öfter schon gesehen, dass ich irgendwie schief geworden war, hatte aber partout nicht sagen können, was es genau war. Die Knopfleiste der Bluse verlief immer schräg. Aber warum? Ein Hosenbein war immer länger als das andere. Aber warum? Der Gürtel schien auf einer Seite immer höher als auf der anderen. Aber warum? Jetzt endlich verstand ich es: Ich war verdreht und verzogen. Ich hielt – ohne es zu wollen – einen Teil meiner Muskeln ständig angespannt. Damit hielt ich mein Becken schief und meine Wirbelsäule krumm. Je länger und öfter ich in den Spiegel schaute, desto klarer wurde das Muster: Oberkörper und Schulter waren immer rechts nach vorn gedreht, das Becken dagegen war links weiter vorn. Außerdem war das Becken links nach oben gezogen, und ich stand mehr auf dem linken Bein. Der linke Fuß schaute nach vorn, der rechte nach außen. Das war’s! Mit dieser Fehlhaltung hingen alle meine Gebrechen zusammen. Meine ganze Krankheit war nicht etwas, was ich hatte, sondern etwas, was ich tat! Durch diese Erkenntnis war ich drei Tage lang geradezu euphorisch. Es dämmerte mir: Wenn es etwas ist, was ich – wenn auch unwillkürlich – tue, dann müsste ich es irgendwann auch ändern können. Dann bestand Hoffnung!

Mit Feuereifer und größter Aufmerksamkeit beobachtete ich mich selbst und entdeckte immer mehr unwillkürlich festgehaltene Stellen und seltsame Alltagsgewohnheiten. Wenn ich zum Beispiel mit der Hand eine Tür hinter mir zumachte, ging ich links mit der Schulter mit, rechts aber nicht. Bei meiner Arbeit saß ich verdreht. Allmählich spürte ich auch, dass meine Körperhaltung Rückwirkung auf mein psychisches Befinden hatte und dass ich umgekehrt bestimmte Muskeln bei psychischen Belastungen stärker anspannte. Viele Monate lang erspürte und bewegte ich meine verspannte Muskulatur (Thomas Hanna war weit weg in Amerika). Dann ging es mir physisch wie psychisch besser denn je.

Was daraus wurde

Jetzt habe ich schon seit über 20 Jahren keine Rückenschmerzen mehr. Mein Arm lässt sich wieder tadellos strecken. Mein Bein fühlt sich wieder normal an. Ich kann mich wieder voll nach vorn beugen. Ich hatte nie wieder ein »akutes HWS-Syndrom«. Ich bin wieder gerade. (Wenn Sie wissen möchten, warum ich so schief geworden war, lesen Sie bitte weiter auf Seite 164.) Ich bin jetzt zwar viel älter, aber ich fühle mich jünger, beweglicher und lebendiger als vor meiner Erkrankung. Auch wenn es merkwürdig klingen mag, heute bin ich froh über die fürchterlichen Schmerzen von damals. Durch sie gewann ich Einsichten, die mein Denken und Handeln, mein ganzes Leben veränderten. Niemals wäre ich ohne diese schmerzvolle Erfahrung auf das gekommen, was ich heute beruflich tue und was offensichtlich meine eigentliche Berufung ist.

Damals erfasste mich eine detektivische Begeisterung: Was tun denn andere, dass sie Beschwerden bekommen? Wo halten sie fest? Wo bewegen sie nicht? Wie kann ich ihnen aus ihrem Körpergefängnis heraushelfen? Ich absolvierte eine Reihe körpertherapeutischer Ausbildungen – allen voran eine Ausbildung in Hanna Somatics.

Da sah ich plötzlich meine Patienten mit neuen Augen. Sie waren ja alle irgendwie krumm und schief und verzogen und steif und eingeengt in der Bewegung – jeder auf seine Art, jede auf ihre Art. Und ich konnte Anzeichen solcher körperlichen Veränderungen auch bei Leuten auf der Straße sehen. Das war mir vorher nur nie aufgefallen, genauso wenig wie an mir selbst. Wie vielen Psychoanalytikern war mir der reale Körper mit seinen Empfindungen und Funktionen ziemlich gleichgültig gewesen. Ich interessierte mich höchstens für das Bild, das jemand von seinem Körper hat. Wenn ich früher bei Patienten überhaupt körperliche Veränderungen gesehen oder an der Stimme gehört hatte, galten sie mir nur als Ausdruck einer inneren Befindlichkeit, die für mich das eigentlich Wesentliche war. Jetzt dagegen fing ich an zu denken: Vielleicht ist die innere Befindlichkeit der Patienten deshalb so verändert, weil sie körperlich so verzogen und erstarrt sind?

Also begann ich, sie auch körperlich zu untersuchen und zu behandeln. Die Berührung kostete mich zunächst Überwindung. In der Psychoanalyse galt sie als Kunstfehler, und jeder körperliche Kontakt hatte leicht den Beigeschmack eines sexuellen Übergriffs. In der Praxis aber merkte ich sehr bald, dass das Berührungstabu nur in meinem Kopf existierte. Die Patienten sahen keinen Bruch in der Behandlungsmethode. Angefasst zu werden, empfanden sie als völlig normal.

Zunächst überwog in meinen Behandlungen noch der analytisch verstehende und interpretierende Anteil, aber im Laufe der Jahre nahm der körperliche Behandlungsanteil immer mehr zu, der verbale immer mehr ab. Denn es kamen immer mehr Patienten, die schwer körperlich litten, auch wenn sie als medizinisch gesund galten. Nur geistig-sprachlich auf ihre körperlich empfundenen Probleme einzugehen und sie gar in die frühe Kindheit zurückzuverfolgen, lehnten sie ab. Der körperpsychotherapeutische Zugang erwies sich hier als ein Segen. Er veränderte auch meine Sichtweise der Psychosomatik.

Vorher hatte ich gedacht, die Beschwerden seien immer nur Symptome einer darunterliegenden schwerwiegenden psychischen Störung, verursacht durch schlimme psychische Kindheitserlebnisse. Sie seien durch »Somatisieren« zustandegekommen, d.h., der körperliche Schmerz sei an die Stelle eines noch schwerer auszuhaltenden psychischen Schmerzes getreten, den es in einem jahrelangen belastenden Prozess aufzudecken und zu bearbeiten galt. Mich aus diesen alten Gedankenstrukturen herauszudenken war mühsam, aber dann erkannte ich: Mit vielen Patienten musste ich gar nicht durch ein langes Jammertal gehen. Meist reichte es, sie hier und jetzt von Schmerz und Anspannung zu befreien, egal, wann und wodurch diese entstanden waren. Es kam zu keiner »Symptomverschiebung«, d.h., es entstanden keine neuen Beschwerden, was theoretisch zu erwarten gewesen wäre. Im Gegenteil: Wenn ich ein körperliches Problem behob, war es oft, als hätte man den Knoten in einem Netz gelöst. Auch psychisch ging es den Patienten danach viel besser. Selbst Übertragungen von Kindheitsängsten auf Personen der Gegenwart lösten sich auf, wenn man ihnen die körperliche Grundlage entzog. Nach und nach verabschiedete ich mich von den meisten meiner alten Sichtweisen in Bezug auf die Psychosomatik. Mehr und mehr nahm ich einfach alles wörtlich, was die Patienten über ihr Leiden erzählten. Bei einer Atemstörung fragte ich mich nicht mehr, was sie symbolisch wohl bedeutete (der unbewusste Schrei nach der Mutter?), sondern was der Patient aktuell dabei fühlte, welche Muskeln er unwillkürlich in Dauerspannung hielt, was seine Atmung behinderte und seine Stimmung ungünstig beeinflusste. Da ich die Patienten da abholte, wo sie in ihrem Erleben waren, nämlich auf der körperlichen Ebene, fühlten sie sich besser verstanden denn je. Und ich konnte ihnen viel besser helfen. Anstatt nachdenklich wie zuvor, verließen sie die Praxis jetzt oft strahlend. Manchmal fiel mir jemand am Ende einer Behandlungsstunde um den Hals oder drückte mir lange dankbar die Hand. Das wärmte mir das Herz.

Inzwischen hat man sich auch innerhalb der Psychoanalyse von der symbolischen Sichtweise psychosomatischer Erkrankungen mehr und mehr verabschiedet, denn es wurde immer deutlicher, dass die Beziehung zwischen Körper, Gefühl und Gehirn beim Gesunden wie beim Kranken viel unmittelbarer ist.

 

Damals weitete ich – beflügelt durch meine Erfahrungen – die Körperpsychotherapie auf immer mehr Beschwerdebilder aus. Auch bei Störungen, die ich zunächst noch für rein psychisch gehalten hatte, zum Beispiel Depressionen, konnte ich körperliche Veränderungen spüren, sehen und behandeln. Ja, sogar bei einer magersüchtigen Patientin hatte ich mit den körpertherapeutischen Methoden einen durchschlagenden Erfolg. Bei manchen Beschwerden zögerte ich zunächst. Angst über den Körper behandeln? Das erschien mir doch sehr spekulativ. Würde ich in den Augen meiner Kollegen nicht endgültig den Boden der Seriosität verlassen? Und würden meine Patienten mich nicht für verrückt erklären, wenn ich ihnen bei offensichtlich psychischen Beschwerden ein körperbetontes Vorgehen vorschlug? Aber ich hatte die Patienten wieder unterschätzt. Sie hielten viel mehr für möglich als ich. Eine Frau fragte mich, ob ich nicht auch bei ihren Konzentrationsstörungen etwas tun könne. Wenn diese Störungen kämen, habe sie immer das Gefühl, ihr Kopf sei ganz zu und der Nacken verspannt. Zögernd willigte ich ein, Nacken, Kopf und zugehörige Fehlhaltung zu behandeln, und war dann selbst über den Erfolg erstaunt: Die Konzentrationsstörungen verschwanden tatsächlich. Das konnte natürlich eine Placebo-Wirkung sein, weil die Patientin so damit gerechnet hatte. Vielleicht schien es ihr auch nur so? Bemerkenswert fand ich es dennoch.

Es dauerte nicht lange, da kam die Freundin dieser Frau und erzählte mir von ihrer Schwerhörigkeit. Dafür sei sie mit gut 40 Jahren doch noch viel zu jung. Sie habe das deutliche Gefühl, viel zu verspannt zu sein. Außerdem habe sie beobachtet, dass das Ausmaß ihrer Hörstörung nicht immer gleich sei. Wenn sie sich sehr angespannt fühle, höre sie deutlich schlechter. Zu diesen Zeiten fühle sie sich auch erschöpft und übellaunig. Ich wollte nicht zur Wunderheilerin werden und sagte ihr daher sehr zögerlich, ich könne es nur versuchen. Recht daran glauben würde ich nicht, aber wenn sie ihre Verspannungen loswürde, sei ja auch schon etwas gewonnen. Nach einiger Zeit ging die Schwerhörigkeit zwar nicht weg, aber sie besserte sich deutlich, und das war vom HNO-Arzt auch messbar. Die Patientin konnte das Pfeifen ihres Wasserkessels wieder hören und in größeren Gesellschaften wieder einzelne Stimmen verstehen. Gleichzeitig besserte sich ihre Laune deutlich, und sie meinte, ihr sei jetzt danach, Bäume auszureißen.

Ich staunte nicht schlecht und lernte daraus, mich immer mehr auf die Aussagen der Patienten zu verlassen. Zwar fühle ich mich bis heute für die meisten Formen von Schwerhörigkeit nicht zuständig, aber das Beispiel gab mir Mut, Muskelverspannungen und körperpsychotherapeutische Verfahren auch bei Beschwerden in Erwägung zu ziehen, bei denen vorher noch niemand daran gedacht hatte. Meine Erfolge bei allen möglichen Leiden sprachen sich herum: Immer mehr Patienten kamen speziell wegen der Körperpsychotherapie. Am häufigsten kamen Patienten mit chronischen Schmerzen.

 

Natürlich hinterfragte ich auch die Orthopädie. Anfänglich dachte ich, es gäbe zwei Arten von Störungen: die funktionellen, für die die Körpertherapeuten zuständig sind, und die rein organischen, für die die Mediziner zuständig sind (mein Bandscheibenvorfall). Mit der Zeit merkte ich, dass zumindest zu Beginn alle Störungen funktionell waren. Im Endstadium einer Arthrose, wenn durch permanente Muskelspannung bereits die Knochen aufgearbeitet sind, kann nur noch die traditionelle Medizin durch Einsetzen von Endoprothesen helfen. Aber als Körpertherapeut kann man verhindern, dass es überhaupt so weit kommt. Die Medizin ist ein Teil unsereres kulturellen Denkens, und das ist – zumindest in Bezug auf den Körper – einzelheitlich (im Gegensatz zu ganzheitlich) und statisch. Wenn das Knie chronisch schmerzt, denken wir, es sei kaputt und könnte wie ein Teil unseres Autos einfach repariert werden. Dass das Knie etwas damit zu tun hat, was wir mit uns selbst ständig anstellen, darauf kommen wir nicht. Und der Spezialist auch nicht. Er achtet überhaupt nicht darauf, wie sich jemand in der Schwerkraft bewegt und hält. Für die Funktion des neuromuskulären Systems interessiert man sich in der Medizin nur bei groben Störungen und Ausfällen wie Schlaganfällen und anderen neurologischen Erkrankungen. Es gibt zwar Sportmediziner, aber keinen Facharzt für Alltagsbewegung, und die meisten Orthopäden kümmern sich in erster Linie um die Knochen. Im starren Röntgenbild meinen sie am meisten über den »Bewegungsapparat« ihres Patienten feststellen zu können.

Aber der Mensch hat keinen »Bewegungsapparat«. Bewegung führt bei ihm nicht zu Verschleiß, sondern hält ihn gesund und heil. Nicht der einzelne Orthopäde hat unrecht, sondern die der traditionellen Orthopädie zugrundeliegende Sichtweise ist meiner Meinung nach zumindest bei chronischen Erkrankungen ergänzungsbedürftig. Das statische, einzelheitliche Denken druchdringt unsere ganze Kultur, es ist Teil der Störung, die uns alle mehr oder weniger erfasst hat. Ich hatte selbst auch so gedacht, und das hatte sehr wahrscheinlich zu meiner Erkrankung beigetragen. Heute denke ich: In Wirklichkeit ist der Mensch eine lebendige Funktionseinheit, bei der alle Teile miteinander zu tun haben. Und auch als Ganzes ist er nicht isoliert: Er steht immer in Interaktion mit seiner physikalischen wie menschlichen Umwelt. Und vor allem: Er ist ein sich selbst organisierendes System. Er kann sich selbst wahrnehmen, bewegen, steuern, verstehen und ändern.

 

Mit dieser Sichtweise betrat ich unbekanntes Land, das nicht in Körper und Seele bzw. in Medizin und Psychologie geteilt war. Es ist das Land der Sensomotorik, der Sinnesempfindungen und des Bewegens, des erlebten und gelebten Körpers. Das ist nicht der starre Körper der Medizin, den man wie ein Ding distanziert »neutral« und »objektiv« von außen sehen und vermessen und anschließend mit chemischen Mitteln beeinflussen oder beim Chirurgen reparieren lassen kann. Es ist auch nicht der Körper der Psychologie, der als Konstrukt, Symbol oder Repräsentanz eine kümmerliche, untätige, blutleere Existenz in Psyche oder Hirn fristet, anstatt im realen Leben zu fühlen und zu handeln. Es ist auch nicht der Körper des Sports, den man zur Hochleistungsmaschine tunen, stählen, dopen und besinnungslos schinden kann. Und es ist auch nicht der blasse, durchsichtige Astralleib der Esoterik, Untertan eines monströsen Geistes mit allumfassender Befehlsgewalt, oder abstraktes heiliges Gefäß überirdischer Mächte.

Sondern es ist der allgegenwärtige Körper des Tages und der Nacht, des Alltags und des Feiertags, der Arbeit und der Freizeit, ein Körper mit Gewicht in der Schwerkraft, ein Körper mit einem Oben und einem Unten, einem Vorne und einem Hinten, einem Rechts und einem Links. Es ist der belebte, gespürte, bewegte, gefühlte, beseelte, geplagte und genossene, der heile und der beschädigte, der leidende und der erlöste, der frierende und schwitzende, traurige und fröhliche, wütende und liebende Körper. Es ist »mein« Körper. Dieser Körper ist uns allen aus der Alltagserfahrung wohl vertraut, doch kennen wir ihn fast nicht, weil wir ihn nie beachten. Thomas Hanna nannte ihn »Soma«, den von innen erfahrenen Körper. Diesem erlebten Organismus galt fortan mein Interesse. Neugierig begann ich ihn zu erforschen, bei mir und bei anderen. Dabei konnte ich auf kein Lehrbuch zurückgreifen. Stattdessen musste ich lernen, meine Sinne einzusetzen: intensiv und genau beobachten, zuhören, spüren – ganz Auge, ganz Ohr, ganz fühlende Hand sein.

 

Inzwischen führe ich seit vielen Jahren eine körperpsychotherapeutische Praxis. Basierend auf anderen Verfahren habe ich meine eigene Methode, die »Sensomotorische Körpertherapie nach Dr. Pohl« entwickelt, in der ich auch ausbilde.

Im Lauf der Jahre habe ich sehr viel über den beseelten menschlichen Körper und seine Störmöglichkeiten erfahren: manches aus Büchern und Fachzeitschriften, mehr über praktische Ausbildungen, noch mehr über das Erleben am eigenen Leibe. Das Allermeiste aber erfuhr ich durch meine Patienten. An dem so gewonnenen Körperwissen möchte ich Sie gerne teilhaben lassen.

2.Alles psychosomatisch?

Wie man unter Diagnosen leiden kann – und darunter, keine zu erhalten

Kürzlich las ich in der Zeitung, »psychosomatische Erkrankung« sei in Deutschland mittlerweile die am häufigsten gestellte ärztliche Diagnose. »Schön«, sagt da der aufgeklärte Zeitgenosse, »nun beginnt also die Medizin endlich zu berücksichtigen, welch großen Anteil psychische Faktoren am Entstehen körperlicher Krankheiten haben.« »Gar nicht schön«, meinen hingegen diejenigen, denen die Diagnose gestellt wurde. Denn genau wie ich damals empfindet jeder von ihnen seine Beschwerden als ganz real körperlich. Es schmerzt der Rücken und nicht die Seele, das spürt man ganz genau. Wenn man sich vor Bauchschmerzen windet, fühlt man sich verhöhnt, wenn einem mitgeteilt wird, das sei alles psychisch. Und ein anderer, dem so schwindlig ist, dass er sich kaum auf den Beinen halten kann, soll sich das alles nur einbilden? Das kann nicht sein, es muss eine körperliche Ursache für die Beschwerden geben. Genauso empfindet es die Frau mit dem Harnverhalt und der Mann mit dem übermäßigen Harndrang, die mit dem Kloß im Hals und der mit dem Herzstechen, die mit dem Kopfschmerz und der mit der Atemstörung. Es muss eine körperliche Krankheit dahinterstecken – und zwar wahrscheinlich eine ganz schlimme, denn sonst hätten sie niemals solche massiven Beschwerden. Diese Krankheit hat der jetzige Arzt nur noch nicht gefunden, also geht man zum nächsten. So beginnt ein »doctor hopping«, eine meist jahrelange Arzt- und Klinikodyssee.

Außenansichten

Aus der Fachliteratur war mir das Problem seit langem bekannt: Kranke mit unklaren Beschwerden werden oft jahrelang medizinisch fehlbehandelt, bis endlich die Diagnose »psychosomatisch« gestellt wird. Gerade Patienten mit schwereren Störungen akzeptieren diese Diagnose jedoch nicht und ziehen stattdessen weiter von Arzt zu Arzt. Patienten ohne organischen Befund gelten daher als solche mit »hoher Inanspruchnahme des Gesundheitswesens«. Laut einer deutschen Studie von Hessel und Mitarbeitern aus dem Jahre 2004 gehen Patienten wegen sogenannter somatoformer Beschwerden (Erkrankungen ohne organischen Befund) im Verlauf von zwei Jahren durchschnittlich 18-mal zum Arzt und sind durchschnittlich 20 Tage krankgeschrieben. Die medizinischen Kosten, die durch diese Patienten ausgelöst werden, überstiegen (in einer amerikanischen Studie) die durchschnittlichen medizinischen Pro-Kopf-Ausgaben um das Vierzehnfache (Smith1994). Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Arbeitsausfälle und weitere Folgen der Erkrankung sind hier noch nicht berücksichtigt. Ausgerechnet diejenigen, die offiziell »gar nichts haben«, beschäftigen also die Medizin am häufigsten und belasten das Budget am meisten. Das Problem ist nicht nur schlimm, es ist auch teuer.

Aus Sicht der Ärzte stellt es sich so dar: Um ja nichts Medizinisches zu übersehen, untersuchen sie die Patienten besonders gründlich, starten alle ihnen bekannten Behandlungsversuche und überweisen sie zu Spezialisten. Wenn dies alles erfolglos bleibt, können sie beim besten Willen keinen körperlichen Befund mehr erheben, mit dem sich das Krankheitsbild erklären ließe. Daher teilen sie den Patienten mit: »Sie haben nichts. Sie sind medizinisch gesund. Es ist nur psychosomatisch«, und erwarten, dass sich die Patienten über diese Nachricht freuen. Aber weit gefehlt! Die Patienten reagieren eher empört: »Ich bin doch nicht verrückt!«, entgegnen die meisten. Die Ärzte sind enttäuscht. Aus ihrer Sicht haben sie alles erfasst und getan. Sie sind nicht schuld am Therapieversagen der Patienten. Die maximalen Beschwerden der Patienten passen wirklich nicht zu ihren minimalen Befunden. Die oft bunt durcheinandergewürfelten und häufig wechselnden Symptome lassen sich beim besten Willen keinem regulären Leiden zuordnen. Die Krankheit existiert also offensichtlich nur im Kopf der Patienten. Kommen die Patienten weiter zu ihnen, nehmen sie sie allmählich nicht mehr ganz ernst. Manchmal meinen sie sogar, sie würden sie absichtlich an der Nase herumführen, würden simulieren, sich hineinsteigern, seien arbeitsscheu oder hätten ein Rentenbegehren. In Anbetracht ihres Zeitmangels und der Kontingentierung ihrer Leistungen werden ihnen die häufigen Besuche dieser Patienten eher lästig.

Da die Diagnose »psychosomatisch« in Medizinerkreisen inzwischen ziemlich beliebt ist, wird sie mittlerweile oft auch schon am Anfang der medizinischen Karriere gestellt, wenn die Routineuntersuchungen keinen Befund erbrachten. Weil aber »die Psyche« überhaupt nicht untersucht wurde, ist es eher eine Verlegenheitsdiagnose, die sich übersetzen lässt mit »Ich weiß auch nicht, was Ihnen fehlt«. Studien belegen, dass sich bei sehr vielen Patienten in Arztpraxen und Kliniken kein regulärer medizinischer Befund erheben lässt. Sie werden meist mit ermunternden Worten, Beruhigungs- oder Naturheilmitteln behandelt. Damit geben sich aber nur die Patienten mit leichteren Beschwerden zufrieden (und auch die nicht auf Dauer).

Werden sie zum Spezialisten für die Seele geschickt, gehen die wenigsten hin, wie eine 2007 veröffentlichte Untersuchung von Sammet und Mitarbeitern an der Universitätsklinik Göttingen belegt. Von 126 stationären (also vermutlich schwerer leidenden) Patienten und Patientinnen, denen an der Psychotherapeutischen Abteilung die Diagnose »psychosomatisch« gestellt und eine Psychotherapie empfohlen worden war, schickten nach zwei bzw. drei Jahren nur etwa 50% einen Fragebogen beantwortet zurück. Von diesen wiederum waren nur etwa 40% der Psychotherapieempfehlung gefolgt. Oft sind es noch weniger.

Diese Reaktion auf die Diagnose »psychosomatisch« ist so typisch, dass sie im offiziellen Diagnoseschlüssel ICD10 bereits zum diagnostischen Kriterium der »somatoformen« Erkrankungen ernannt wurde, wie die psychosomatischen Erkrankungen ohne medizinischen Befund heute offiziell heißen. Dort lesen wir: »Das Charakteristikum der somatoformen Störungen ist das wiederholte Darbieten körperlicher Symptome in Verbindung mit hartnäckigen Forderungen nach medizinischen Untersuchungen trotz wiederholter negativer Ergebnisse und Versicherung der Ärzte, dass die Symptome nicht körperlich begründbar sind.« Schon aus der Diktion wird deutlich, dass man das Verhalten der Patienten letztlich für ungehörig und anmaßend hält. In der Unterrubrik »Somatisierungsstörung« erscheint unter »Diagnostische Leitlinien« gleich als zweiter Punkt das Kriterium »hartnäckige Weigerung, den Rat oder die Versicherung mehrerer Ärzte anzunehmen, dass für die Symptome keine körperliche Erklärung zu finden ist«. In anderen Worten: Wenn die Betroffenen auf der Körperlichkeit ihres Leidens bestehen, gilt das als ein Beweis dafür, dass sie eine psychische Störung haben. Die Patienten, die sich dagegen wehren, gelten als klagsam, anspruchsvoll und unbelehrbar. Natürlich könnte man auch zu der Schlussfolgerung kommen: An den Theorien der Fachleute kann etwas nicht stimmen, da sie von den Betroffenen so wenig bestätigt werden. Leider müssen auch die meist einfühlsameren, praktisch tätigen Psychotherapeuten ihre Kassenanträge nach den Kriterien des ICD10 ausrichten, wodurch sie selbst immer mehr in dieses Denken gezwungen werden.

Psychologisch orientierte Autoren schreiben immer wieder, dass die Patienten »organisch fixiert« seien und nur über das Körperliche sprächen. Das sei ein psychischer Abwehrvorgang, der den Zugang zu ihnen erschwere. So schreibt Schors 2003: Ein bevorzugtes Verhalten der Patienten ist das Reden über den Schmerz. Sie sind entweder nur schwer oder gar nicht dazu zu bewegen, sich auf andere Inhalte einzulassen … Die Gegenübertragungsreaktionen (die emotionalen Reaktionen, H. P.) des Psychotherapeuten darauf können Ungeduld und Langeweile sein, ein Gefühl von Leerlauf und Erschöpfung oder Sinnlosigkeit, denn sein Interesse richtet sich ja auf Beziehungen und Konflikte, nicht auf die Monotonie des Symptoms.«

Daher sind »Psychosomatiker« mit schwereren Leiden, insbesondere chronische Schmerzpatienten, bei Psychotherapeuten nicht sehr beliebt. Sie gelten als hochgradig gestört und schlecht behandelbar. Es gibt sogar den Ausdruck »Koryphäenkillersyndrom«, was heißen soll, dass die Krankheit der Patienten darin bestehe, die größten Koryphäen aufzusuchen, um sie dann scheitern zu lassen. Entsprechend mager fallen die Erfolgsstatistiken für Psychotherapie in solchen Fällen aus. In der oben erwähnten Untersuchung von Sammet litten 90% der Patienten zwei bis drei Jahre nach der Diagnosestellung immer noch an ihren Beschwerden. Von denen, die zu einem Psychotherapeuten gegangen waren, hatten die meisten bei der Nachuntersuchung nicht weniger Beschwerden als diejenigen, die der Empfehlung nicht gefolgt waren. Sie konnten nur etwas besser damit umgehen. Bei denjenigen, die zum Psychiater gegangen waren, waren die Beschwerden sogar schlimmer geworden. Leider wurde nicht festgehalten, wie viele Patienten die Behandlung bald wieder abbrachen und schon deshalb nicht davon profitieren konnten. Es dürfte die Mehrheit sein. In vielen Fällen scheitert der therapeutische Dialog und endet mit Schuldzuweisung und Verbitterung.

Von daher bleiben die Aussagen der Fachleute über diese Art von Patienten relativ theoretisch. Es kennt sie kaum jemand näher. In meiner rein psychoanalytischen Praxis waren sie nicht erschienen.

 

Das Konzept der Psychosomatik erfreut sich heute in weiten Kreisen der Bevölkerung großer Beliebtheit – zwar nicht in der schwer konsumierbaren Version der Fachleute, aber in der Populärversion, die sich viele Laien und Hobbypsychologen zu eigen gemacht haben. In Büchern wie Rüdiger Dahlkes »Krankheit als Symbol« kann man für nahezu jede Krankheit nachlesen, welche symbolische Bedeutung sie haben soll. Das Erkennen der Symbolik, die Einsicht in die postulierten innerseelischen Zusammenhänge, so meinen heute viele, könne wesentlich zur Gesundung beitragen. Damit glaubt man, endlich einen Ausweg aus der Einseitigkeit der Schulmedizin gefunden zu haben und dem Erklärungsnotstand abzuhelfen.

Aber auch hier bleiben die Betroffenen merkwürdig »uneinsichtig«. Dahlke selbst stellt fest, dass die breite Zustimmung für sein Werk immer nur den Krankheitsbildern der anderen gelte, nie den eigenen. Vor allem für schwierige Familienmitglieder finde man sie zutreffend, für sich selbst keineswegs. Das liegt meiner Meinung nach nicht am eigenen blinden Fleck, sondern daran, dass es sich auch bei der Populärversion um eine Psychosomatik von außen handelt. Man freut sich zwar, durch die symbolischen Deutungen die Krankheiten anderer besser verstehen zu können. Aber bei stärkeren eigenen Beschwerden hatte das Lesen solcher Bücher ebenso wenig geholfen wie die Kommentare der Fachleute, so die schmerzvolle Erfahrung meiner Patienten. Wurden die symbolischen Deutungen von ihnen nahestehenden Menschen verwandt, reagierten sie eher allergisch. Selbst gut gemeinte Hilfestellungen dieser Art lehnten sie nicht selten als ignorante Besserwisserei ab (»Du hast ja keine Ahnung, wie es mir geht!«). Heute glaube ich, dass das daran liegt, dass die Beschwerden keine symbolische Bedeutung haben und entsprechende Deutungen daher am eigenen Erleben vorbeigehen.

Innenansichten

Durch meine eigene Erkrankung und erst recht durch die Umstellung meiner Praxis auf Körperpsychotherapie konnte ich inzwischen viele Blicke auf die andere Seite des Spiegels werfen. Jetzt nämlich liefen mir gerade diejenigen in Scharen zu, die niemand mehr haben wollte und die nirgends mehr hinwollten. Jetzt lernte ich die Menschen kennen, von deren Existenz ich vorher nur aus der Fachliteratur wusste und denen ich im Einvernehmen mit meinen Kollegen eine sehr ungünstige Prognose gestellt hätte. Es kamen solche, die schon alles ausprobiert hatten, solche, die medizinisch als austherapiert galten, und solche, die erfolglose Psychotherapien hinter sich hatten. Ihr Ärztemarathon, erfuhr ich, war schierer Not entsprungen.

Den Rekord hält in meiner Praxis ein 42-jähriger selbständiger Zahntechniker. Er suchte innerhalb von zwei Jahren erfolglos 40 Ärzte auf (und zusätzlich ungezählte Heilpraktiker, Physiotherapeuten und Masseure). Hauptantrieb war, dass er wegen unerträglicher Schulter-, Arm- und Nackenprobleme seine Existenz in Gefahr sah. (Die Geschichte des Patienten finden Sie auf Seite 406. )

Das Schlimmste, sagten die meisten Patienten, sei gewesen, nicht zu wissen, was man hat. Die Aussage »Ihnen fehlt nichts!« empfanden alle als niederschmetternd, denn sie spürten ganz genau, dass das nicht stimmte. Je häufiger man nichts findet, desto mehr geraten die Patienten in Panik. Sie entwickeln eine absurd scheinende Sehnsucht nach der Feststellung einer organischen Erkrankung. Die Möglichkeit einer Operation begeistert sie oft geradezu, ja, sie drängen die Ärzte dazu, um durch einen massiven Eingriff endlich ihre massiven Beschwerden loszuwerden. »Ich habe mir sogar oft gewünscht, ich hätte Krebs«, erzählte mir ein verzweifelter junger Mann. »Dann hätte ich wenigstens gewusst, was man tun kann. Auch wenn die Chancen nicht besonders gut sind. Aber immer noch besser als bei mir, wo kein Ende des Leidens abzusehen war und ich nicht einmal wusste, was es ist.«

Ich erfuhr, wie die Karrieren im Medizinsystem sich von innen anfühlen: als massives Leid und als Spiralen aus Angst, Wut und Verzweiflung. Natürlich sehe ich in meiner Praxis eine spezielle Auswahl. Erfolgreich Behandelte haben keinen Grund, zu mir zu kommen. Aber der Verlauf scheint doch typisch zu sein.

Eine Patientenkarriere aus der Innensicht

»Seit 12 Jahren schmerzt mein ganzer Bauch vom Nabel bis zum Schambein, außerdem der vordere Beckenboden. Es ist, als würde jemand mit dem Messer hineinfahren. Wenn es ganz schlimm ist, habe ich Depressionen dadurch.

Auch der Darm ist betroffen. Ich habe so oft Durchfall. Ich vertrage nur Ungesundes, am besten noch Reis und Brot, Obst und Gemüse gar nicht. Ich habe seither 20 Kilo zugenommen. Ich kann nicht weit gehen und auch keinen Sport mehr treiben wegen der Schmerzen, sie sind wie ein Gefängnis. Auch die Blase ist betroffen. Ich muss so oft laufen, nachts fast jede Stunde. Es fing an wie eine Blasenentzündung. Man fand nichts. Eine Bauchspiegelung ergab Endometriose (eine Erkrankung, bei der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter auftritt). Die habe ich operieren lassen, aber es wurde nicht besser.

Erst war ich bei allen Ärzten: Hausarzt und Urologen, Gynäkologen, Internisten, Neurologen, Endokrinologen, Gastroenterologen, alle Fachrichtungen. Dann habe ich viel Alternatives ausprobiert: Homöopathie, Diäten, Darmsanierungen, Bioresonanz, pflanzliche Medikamente, Chiropraktik, Laserinfusionen. Nichts half, auch keines der Schmerzmittel. Jetzt bekomme ich seit einem Jahr Morphinpflaster. Damit war’s ein halbes Jahr erträglich, aber seit Weihnachten ist es wieder ganz schlecht. Ich nehme auch Psychopharmaka, aber die dämpfen nur.

Ich habe 7 Jahre Psychotherapie gemacht und war ein paar Monate in einer Psychosomatischen Klinik. Das hat mir persönlich viel gebracht, aber für den Schmerz und die Depressionen leider gar nichts. Das Einzige, was ein bisschen hilft, ist Reiki.

Ich bin Lehrerin und ich liebe meinen Beruf. Ich bin jetzt 43 Jahre alt und habe solche Angst vor der Frühpensionierung. Ich will nicht zu Hause sein. Aber ich muss es immer öfter. Dann kann ich nicht mehr schlafen, nur noch heulen.

Jetzt war ich in einer Schmerzklinik, aber die Psychologin dort wollte mir nur immer weismachen, dass ich mit dem Schmerz leben muss. Die tut sich leicht, so etwas zu sagen. Ich kann damit nicht länger leben!« (Sie brauchte es nicht. Wir konnten ihr helfen, denn sie hatte massive Verspannungen im Unterbauch.)

Weil ich auf das Körperliche ihrer Beschwerden einging, kamen jetzt auch Patienten, die sich einer verbalen Psychotherapie strikt verweigert hatten. Zusätzlich zu ihren Beschwerden litten sie unter der Ablehnung, auf die sie sonst stießen. Auch wenn sie die Diagnose »psychosomatisch« weit von sich gewiesen hatten, waren sie seither doch innerlich verunsichert und von Selbstzweifeln zerfressen. Für manche hieß »psychosomatisch«, sie seien jetzt nicht nur körperlich, sondern auch seelisch ein Wrack. Die meisten fühlten sich gedemütigt und grob missverstanden. »Psychosomatisch ist für mich ein Hasswort«, sagte einer meiner Patienten, »es heißt, dass man nichts haben soll, obwohl man vor Schmerzen fast umkommt.« Dass beruflicher oder privater Stress schon mal auf den Magen schlagen oder Rückenschmerzen verursachen kann, glauben sie wie die meisten heutzutage. Aber sie spüren deutlich, dass bei ihnen mehr dahintersteckt. Mit den Ärzten teilen sie die Meinung: psychosomatisch = nicht so schlimm. Während aber die Ärzte meinen, die Leiden der Patienten könnten so schlimm nicht sein, da sie ja »nur« psychosomatisch seien, meinen die Patienten selbst, ihre Krankheit könne niemals »nur« psychosomatisch sein, denn sie wissen ja, wie schlimm sie ist.

Ärzte und Psychotherapeuten, die mit Beschwerden außerhalb des Diagnosekatalogs der Medizin selbst zu Patienten werden, fühlen sich von ihren Kollegen genauso missverstanden wie andere Betroffene.

Eine Ärztin als Patientin

Eine Klinikärztin litt nach einer Darmoperation unter Beckenbodenschmerzen und Schwierigkeiten beim Stuhlgang. Die Schmerzen waren so stark, dass sie nur noch mit Mühe halbtags berufstätig sein konnte. Natürlich hatte sie alle medizinischen Untersuchungen und Behandlungsmethoden längst hinter sich. Jetzt versuchte sie, ihre Beschwerden vor den Kollegen geheim zu halten. Zu gut hatte sie noch deren Bemerkungen über die »Kackneurose« von Patienten mit ähnlichen Beschwerden im Ohr.

Die Körperlichkeit ihrer Beschwerden erleben die Patienten als unmittelbare, überwältigende Sinneserfahrung, die sie sich von niemandem ausreden lassen können. Ein Patient formulierte: »Wenn man so starke Schmerzen hat, und es erklärt einem jemand, dass da gar nichts sei und alles nur psychisch sei, dann ist das, wie wenn einem jemand sagt: Der Baum, den du da siehst, den gibt’s gar nicht. Das glaubt man nie und nimmer. Man denkt, der weiß eben nichts und geht woandershin«. Die schreckliche Sinnesempfindung beherrscht das Erleben so, dass alles andere unwichtig wird. Man fühlt sich in einem Alarmzustand, der unbedingt sofort beendet werden soll, egal wie. Sehr gut beschrieben ist das im Gedicht von Wilhelm Busch über den Zahnschmerz.

Der Zahnschmerz

Das Zahnweh, subjektiv genommen,

ist ohne Zweifel unwillkommen;

doch hat’s die gute Eigenschaft,

dass sich dabei die Lebenskraft,

die man nach außen oft verschwendet,

auf einen Punkt nach innen wendet

und hier energisch konzentriert.

Kaum wird der erste Stich verspürt,

kaum fühlt man das bekannte Bohren,

das Zucken, Rucken und Rumoren,

und aus ist’s mit der Weltgeschichte,

vergessen sind die Kursberichte,

die Steuern und das Einmaleins,

kurz, jede Form gewohnten Seins,

die sonst real erscheint und wichtig,

wird plötzlich wesenlos und nichtig.

Ja, selbst die alte Liebe rostet,

man weiß nicht, was die Butter kostet,

denn einzig in der engen Höhle

des Backenzahnes weilt die Seele,

und unter Toben und Gesaus

reift der Entschluss: Er muss heraus!

Wilhelm Busch

Das ist die »somatische Fixierung« aus der Innensicht. Jeder, der je starke Beschwerden hatte, kennt dieses Phänomen, denn es tritt bei allen intensiven Leiden auf. Die meisten untersuchenden Ärzte und Psychologen kennen es wahrscheinlich auch. Nur glauben sie nicht, dass der vor ihnen stehende Patient in diese Kategorie gehört, weil der ja, wie sie herausgefunden zu haben meinen, körperlich nichts oder kaum etwas hat. Aus Sicht des Patienten entspringt ihr Verhalten schierer Not.

Der Arzt soll doch endlich einsehen, dass sie körperlich leiden, und er soll etwas tun. Nein, bestimmt seien ihre Beschwerden nicht auf eine Krise in ihrer Ehe zurückzuführen. Wenn überhaupt, sei ihre Ehe wegen ihrer Beschwerden in einer Krise.

Ein organischer Befund wäre für die Patienten auch sozial erlösend: endlich eine Krankheitsbezeichnung, die man ohne Verlegenheit äußern kann, wenn man gefragt wird. Das Verständnis ihrer Mitmenschen wäre ihnen sicher. Und wenn schon kein Befund, dann soll der Arzt doch wenigstens sagen, dass er sich keinen Reim auf ihre Krankheit machen kann, das wäre viel besser als das Etikett »psychosomatisch«.

Zum Psycho-Spezialisten zu gehen hieße einzugestehen, dass ihr Leiden nicht körperlich ist. Am ehesten akzeptierten sie noch psychologische Tipps und Tricks von Verhaltenstherapeuten, um mit ihrer Krankheit besser zu leben und aus ihrem »katastrophisierenden« Denken herauszufinden. Sie sollten aus ihrer sozialen Isolation herausgehen, sich ablenken, sich den schönen Dingen des Lebens widmen. Allerdings merkt man als Betroffener schnell, ob die Empfehlungen auf Erfahrung basieren oder vom grünen Tisch aus gemacht werden.

Professionelle Uneinfühlsamkeit

Einer 39-jährigen, stark unter Schmerzen im rechten Unterbauch leidenden Sachbearbeiterin, die früher leidenschaftliche Tennisspielerin gewesen war, wurde von einer Psychologin in einer Schmerzklinik empfohlen, öfter in den Tennisclub zu gehen und sich daran zu freuen, wie schön die anderen Tennis spielen. Die Patientin kam sich nicht nur missverstanden, sondern sogar verhöhnt vor. Jeder, der je unter starken Schmerzen o.Ä. gelitten hat, weiß, dass diese Empfehlung nur Salz in die Wunde streut. Oliver Sacks, der bekannte Neurologe, beschreibt in seinem Buch »Der Tag, an dem mein Bein fortging«, wie er selbst als Schmerzpatient eine Wut auf gesunde, sich unbeschwert bewegende Menschen bekam. Er erschrak über diese Gefühlsregung, erfuhr aber von Mitpatienten, dass es denen genauso ging.

Viele fanden die Aussage unzumutbar, dass sie eben mit ihrer Krankheit leben müssten. Ganz schlecht kamen Versuche von Verhaltenstherapeuten an, ihre nahen Bezugspersonen davon abzuhalten, auf ihre Beschwerden einzugehen (und damit die Krankheit zu fördern, wie die Therapeuten meinen). Das Leiden der Patienten ist nur fühlbar, nicht sichtbar. Sie haben nichts vorzuweisen, kein Gipsbein, kein Röntgenbild, nichts. Daher glaubten manche Anverwandte schon vorher, dass sie sich das Ganze nur einbildeten, sich damit nur in den Mittelpunkt stellten, vor der Arbeit drückten oder ihre Mitmenschen tyrannisieren wollten. Wenn jetzt auch noch die Fachleute sie in diesem Denken unterstützten und meinten, dass sie, die Patienten, einen miesen Charakter hätten, fühlten sie sich einem Meer des Unglaubens gegenüber. Auch die Ratschläge der Laien, sich zusammenzureißen (hatten sie das nicht schon oft genug versucht?), nützten ihnen ebenso wenig wie die Versuche, ihnen mit Deutungen à la Dahlke auf die Sprünge zu helfen. Viele verstummten und verschlossen sich auch vor denen, die ihnen nahestanden. Ihr Leiden verschlimmerte sich. Manche entwickelten Rachephantasien gegenüber allen Ärzten, Profi- und Hobbypsychologen: »Ich wünsche denen, dass es ihnen mal genauso elend geht wie mir!« – Was sie nicht wissen, ist, dass auch viele Ärzte und Psychotherapeuten darunter leiden, Menschen wie ihnen nicht besser helfen zu können.

Als Arzt oder Therapeut, Freund oder Verwandter eines Betroffenen sollten Sie nie, auch nicht im hintersten Hinterstübchen Ihres Kopfes, Gedanken hegen wie: »Jetzt übertreibt er aber«, »Das ist doch alles nur psychisch«, »Unbewusst will sie, dass es ihr schlechtgeht«, »Das steckt bestimmt eine frühe Störung dahinter«, »Er flüchtet sich in die Krankenrolle«, »Das sind unbewusste Selbstbestrafungstendenzen«, »Wozu braucht er seine Krankheit?«, »Die will ja nur Aufmerksamkeit erregen«, »Für welche psychischen Probleme stehen diese körperlichen Beschwerden wohl?«, »Der will sich bestimmt nur vor der Verantwortung drücken« u.Ä. Mit diesem ganzen Arsenal missverstehen Sie ihren Nächsten nur gründlich und bringen ihn gegen sich auf. Glauben Sie ihm einfach. Sie würden es auch nicht mögen, wenn Ihnen jemand Spekulationen über Ihr Innenleben überstülpt.

Manche Patienten gingen den Weg der Alternativmedizin, erfuhren aber leider auch hier wenig Hilfe. Denn wenn die Naturheilärzte und Heilpraktiker, denen die Patienten ansonsten vertrauten, nicht erkannten, dass es sich um ein muskuläres Problem handelte, setzten sie Naturheilmittel wie Darmspülungen oder Homöopathie ein, die gegen Verspannungen und Fehlhaltungen nicht wirklich helfen. Selbst bei Akupunktur war die Wirkung oft schwach.

Manche drangen fasziniert immer tiefer in die Esoterik ein. Sie wussten jetzt alles über Chakren, kannten viele schamanische Heilweisen, hatten Rückführungen in frühere Leben hinter sich. In immer neuer Hoffnung öffneten sie sich immer neuen Sichtweisen und probierten immer neue Methoden durch. Leider blieb auch das in Bezug auf ihr Leiden überwiegend ergebnislos. Wie manche Psychoanalysepatienten meinten sie jetzt zwar, die Ursache ihrer Beschwerden zu kennen, aber losgeworden waren sie sie nicht.

Schließlich pilgerten manche nach Lourdes, bemühten Geistheiler und wandten sich mit der Zeit immer obskureren Heilmethoden zu. Wenn die Not groß ist, wird der Verstand mürbe. In der Mischung von abgrundtiefer Verzweiflung und letzter Hoffnung wird man leicht Opfer skrupelloser Geschäftemacher. Die meisten hatten, bevor sie bei uns landeten, eine Mischung aus allem probiert, und nichts hatte wirklich geholfen. Irgendwann waren sie am Ende ihrer Kraft.

Krank ohne Befund? Der Irrtum der Professionellen

Viele kraftzehrende Irrwege hätten sie sich sparen können, wenn schon am Anfang die Weichen anders gestellt worden wären. Denn das ganze Drama beruht auf der irrigen Annahme, dass Patienten ohne normalen medizinischen Befund körperlich auch nichts haben. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Selbstverständlich ist es richtig und wichtig, unklare Beschwerden medizinisch abzuklären, und ich achte bei meinen Patienten penibel darauf, dass sie gründlich organisch untersucht sind. Aber zu meinen, dass mit den heutigen medizinischen Geräten alles Körperliche erfasst wird, ist ein Irrglaube.

Wie ich inzwischen weiß, haben all diese Patienten recht: Sie haben einen körperlichen Befund. Nur ist er nicht innen, wo die Fachleute ihn gesucht haben (an den Organen, im Kopf, im Gelenk, im Blut usw.), sondern außen in Muskeln und Bindegewebe. Ärzte und Psychotherapeuten, die als Patienten bei mir waren, sagten, sie hätten nie geahnt, welch großen Einfluss Muskeln und Bindegewebe haben können. In ihrer gesamten Ausbildung hatten sie nichts davon erfahren. Nie hätten sie sich vorstellen können, wie massiv man als Betroffener unter so etwas leidet.

Der körperliche Befund war ihnen früher entgangen, weil sie ihre Patienten nicht in der lebendigen Bewegung angesehen und sie schon gar nicht angefasst hatten.

Anfassen!

Das haben Psychotherapeuten lange nicht getan, und die Ärzte haben es an Masseure und Krankengymnasten delegiert. Den meisten Psychologen und Psychotherapeuten ebenso wie den psychologisch orientierten Heilpraktikern und den Laien auf der Psychoschiene scheint es unnütz, die Patienten anzufassen und damit wie die Ärzte weiter nach einer körperlichen Ursache zu suchen. Wenn eigentlich die Seele erkrankt ist, verstärke man über Berührungen nur das Ausweichen der Patienten ins Körperliche.

Vielen Ärzten gilt die Untersuchung durch Tasten und Spüren heute als unwissenschaftlich und altmodisch. Sie haben so viele Messergebnisse zur Verfügung, die schnell zu erheben sind und sich maschinell dokumentieren lassen. Diese »objektiven« Daten geben so erschöpfend Auskunft, dass der Tastbefund unwichtig wird, meinen sie. Das war nicht immer so.

Frühe Vorläufer der Körpertherapie

Ich besitze ein »Lehrbuch der Massage« von einem Sanitätsrat Dr. Müller aus dem Jahr 1926, in dem dieser Arzt detailliert Erkenntnisse über den »Muskelhartspann« aus seiner Massagepraxis darstellt. Er behandelte chronische Schmerzen (wie Kopfschmerzen), funktionelle Organstörungen (wie Blasenprobleme) und psychische Probleme (wie Fälle von Schulphobie) mit festen Massagen von außen.

Auch bereits 1930 beschrieb Max Lange, der damalige Leiter der Münchner Orthopädischen Klinik, in seinem Buch »Die Muskelhärten oder Myogelosen« diese als Ursache von chronischen Schmerzen und von »Beschäftigungsneurosen« wie Schreibkrampf oder Klavierspielkrampf. Er behandelte mit einer schmerzhaften, punktuellen Muskelmassage.

In den 1920er-Jahren müssen solche Gedanken in der Luft gelegen haben: Georg Groddeck, der mit seinem »Buch vom Es« als Begründer der psychoanalytischen Psychosomatik gilt, behandelte seine Patienten außer mit Deutungen vor allem mit Muskel- und Bindegewebsmassagen – und das offensichtlich sehr erfolgreich. Wilhelm Reich, ein weiterer Pionier der Psychoanalyse, entdeckte damals, dass der »Charakterpanzer« bei seinen Patienten ein Muskelpanzer war, und entwickelte körperliche Methoden dagegen. Der amerikanische Wissenschaftler Edmund Jacobson führte »nervöse« Körperbeschwerden auf übermäßige Muskelspannung zurück und behandelte sie mit seiner heute noch gebräuchlichen »Progressiven Muskelrelaxation«.