Unser Kind hat zwei Zuhause - Milena Mergell - E-Book

Unser Kind hat zwei Zuhause E-Book

Milena Mergell

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Beschreibung

Beim Wechselmodell lebt das Kind nach der Trennung der Eltern gleichberechtigt abwechselnd bei beiden Ex-Partnern. So kann es zu beiden Elternteilen eine innige Beziehung entwickeln, und die Eltern haben viele Freiheiten und Möglichkeiten für Beruf und Freizeit. Milena Mergell und Thomas Baum erzählen, wie das Wechselmodell ihr Leben geprägt hat. Im Spannungsfeld zwischen Kind und Karriere, Geschäftsreisen und Hausaufgaben haben sie es trotz aller Herausforderungen geschafft, ihre Rolle als Eltern im Wechselmodell so zu leben, dass sie nicht nur eine stabile Familie, sondern auch eine vertrauensvolle Freundschaft aufbauen konnten. Die Autoren beschreiben eindrucksvoll, unterhaltsam und ernsthaft, wie sie trotz der Erkenntnis, dass sie als Paar keine Zukunft haben, zum Wohle der gemeinsamen Tochter immer wieder einen Weg finden, als Familie zusammenzustehen.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Milena Mergell & Thomas Baum

UNSER KINDHAT ZWEIZUHAUSE

Was wir durch ein getrenntes Familienlebenüber uns selbst gelernt haben

Originalausgabe

1. Auflage 2022

Verlag Komplett-Media GmbH

2022, München

www.komplett-media.de

E-Book ISBN: 978-3-8312-7085-9

Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Korrektorat: Kirsten Krebber, Denzlingen bei Freiburg

Umschlaggestaltung: Favorit Büro, München

Layout und Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Gedruckt in der EU

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Für Minou,unserem Fenster in die Zukunftund wertvollsten Schatz.

Mama & Papa

INHALT

VORWORT: HAPPY FAMILY TROTZ TRENNUNG

WENN WIR DAS SCHAFFEN, SCHAFFT IHR DAS AUCH

ZWEI BLICKWINKEL FÜR EIN BESSERES VERSTÄNDNIS

That’s us – kein perfektes Vorbild, aber glücklich

Zuallererst soll es unserem Kind gut gehen

Was kann ich für mich tun?

VOR DER TRENNUNG – WIE MAN EIN STABILES FUNDAMENT AUFBAUT

Unterschiedliche Betreuungsmodelle, vielfältige Möglichkeiten

Das Residenzmodell

Das Wechselmodell

Das Nestmodell

Unsere Version

JA, WIR WOLLEN DAS WECHSELMODELL

Worauf lasst ihr euch ein? Was solltet ihr mitbringen?

Die praktischen Fragen des Lebens

Welche Wechselzeiten passen zu uns?

Wie bringt man Berufsleben und Wechselmodell unter einen Hut?

Einigt euch auf gemeinsame Werte und Erziehungsstile

Was einem vorher keiner sagt

Was unser Wechselmodell ausmacht

In diesen Erziehungsfragen sind wir uns einig

In diesen Punkten eher nicht

Welche Auswirkungen hatte das Wechselmodell auf uns drei?

Die Elternzeit – eine prägende Entscheidung

WÄHREND DER TRENNUNG – DARAUF KOMMT ES AN

Eure Trennung – die Basis für das weitere Miteinander

Wie wir unsere Finanzen planen

Wie sagt man es den Kids?

NACH DER TRENNUNG – DIESE PUNKTE SOLLTET IHR IM BLICK BEHALTEN

Das Wichtigste vorab

An einem Strang ziehen – auch in der Erziehung

Wenn es mal knirscht

Happy Family gelebt

Die alltäglichen Abläufe

Gemeinsam Zeit verbringen

Corona – eine ganz besondere Herausforderung

Happy Family 2.0 – wie geht man mit neuen Partnern/Partnerinnen um?

Wo geht die Reise hin?

Patchwork – eine spannende Herausforderung

Unsere heutige Situation

DER IDEALFALL – SO KÖNNTE ES SEIN …

Ziemlich beste Freunde

Wie euer Kind glücklich bleibt – und ihr auch

VORWORT: HAPPY FAMILY TROTZ TRENNUNG

Warum greift man zu dem Buch »Unser Kind hat zwei Zuhause«? Vermutlich läuft in eurer Partnerschaft oder Ehe gerade nicht alles rund, und ihr befindet euch in einer herausfordernden Situation. Die Gedanken kreisen permanent und ihr habt trotzdem keinen Plan, wie es weitergehen soll – gleichzeitig müssen fundamentale Entscheidungen getroffen werden, welche die Zukunft eures Kindes oder eurer Kinder, aber auch eure eigene Zukunft langfristig prägen werden. Bleibe ich? Gebe ich der Beziehung noch eine Chance? Gehe ich und lebe mein Leben? Was ist besser für mich? Was ist besser für die Kids? Natürlich habt ihr alle ein Recht darauf, glücklich zu sein – die Frage ist nur, wie soll das alles gleichzeitig funktionieren?

Nicht nur wir, sondern vermutlich alle, die schon einmal durch so eine Phase gegangen sind, können nachvollziehen, wie schwierig das ist. Wir hätten uns selbst auch gewünscht, dass uns jemand hilft, unsere Gedanken zu sortieren, damit wir aus einem guten und sicheren Gefühl heraus Entscheidungen treffen können. Dieses Buch soll euch eine kleine Hilfestellung für genau solch eine Situation bieten. Wir können euch zwar nicht »den einen« Weg zeigen, aber zumindest das Licht am Ende des Tunnels. Oder besser: eine Aussicht darauf, wie harmonisch, verlässlich und vielleicht sogar vertrauensvoll eure Beziehung wieder werden kann, wenn ihr diese Herausforderung gemeistert habt.

Unser Weg ist nur einer von ganz vielen, wir können aber sagen, dass wir jetzt, fast neun Jahre nach unserer Trennung, auf eine wirklich gelungene Zeit zurückblicken können und zugegebenermaßen durchaus etwas stolz darauf sind, was für ein glückliches, ausgeglichenes und selbstbewusstes Kind wir großgezogen haben. Trotz unserer frühzeitigen Trennung sind wir uns sicher, dass Minou alle Liebe, Wärme, Stabilität und Sicherheit bekommen hat, die ein Kind braucht und dass sie bestens für all das gut aufgestellt ist, was das Leben ihr noch an Herausforderungen bieten wird. Wenn man das so sagen kann, dann haben wir als Eltern schon mal das supergute Gefühl, nicht viel falsch gemacht zu haben.

Und genau das wünschen wir uns auch für euch! Deshalb haben wir versucht, unsere wichtigsten Erfahrungen kurz, verständlich und hoffentlich auch kurzweilig für euch zusammenzufassen. Die Trennungssituation ist schon schwierig genug, da braucht es nicht noch mehr Drama, sondern einen ehrlichen, authentischen und positiven Ausblick für alle Beteiligten.

Was allerdings nicht heißt, dass nicht auch wir die eine oder andere Herausforderung für euch eingebaut haben. Ganz bestimmt werdet ihr an einigen Stellen denken: »Das geht bei uns überhaupt gar nicht!« Kann sein, aber vielleicht ja doch? Wenn ihr bereit seid, euch selbst auch etwas aus eurer Komfortzone herauszubewegen. Und wenn für euch etwas wirklich nicht machbar ist, dann ist auch das eine Entscheidung, die euch weiterhilft, denn dann könnt ihr euch auf ein anderes Familienmodell konzentrieren. Auch das ist immer eine Option – wir zeigen euch, was ihr für ein harmonisches Wechselmodell braucht und ihr entscheidet, ob ihr euch darauf einlassen möchtet.

Nur noch ein letzter Wunsch, bevor ihr in das Buch eintaucht: Verschließt euch bitte nicht, wenn euch die Tipps zuerst nicht gefallen, geht offen an die Sache heran und gebt allen Ideen und Möglichkeiten eine Chance. Es lohnt sich wirklich, und es geht schließlich um das Wichtigste, was ihr habt – eure Kids.

Wir wünschen euch von Herzen alles Gute, starke Nerven und ganz viel Energie für die anstehenden Entscheidungen, und wir hoffen, dass wir euch an der einen oder anderen Stelle inspirieren können.

Eure

Milena & Thomas

WENN WIR DAS SCHAFFEN, SCHAFFT IHR DAS AUCH

Hätte uns kurz nach unserer Trennung im Dezember 2013 irgendjemand erzählt, dass wir im Sommer 2020 einen zweiwöchigen Familienurlaub zusammen verbringen würden – jeder einzelne von uns hätte denjenigen oder diejenige ganz sicher für völlig unzurechnungsfähig erklärt! Weder während noch nach unserer Trennung wäre es uns in den Sinn gekommen, dass wir uns jemals wieder so gut verstehen könnten. Als wir dann im siebten Jahr unseres Wechselmodells wieder einmal gemeinsam im Urlaub waren und mit einem Bierchen auf der Dachterrasse unserer Ferienwohnung auf Gran Canaria saßen, haben wir überlegt, ob wir dieses Buch-Projekt tatsächlich gemeinsam ins Leben rufen sollten. Die Idee hat uns während des Urlaubs begleitet, und im Gespräch mit unserem überaus sympathischen Ferienhausvermieter (der nebenbei bemerkt auch Kinderpsychologe ist) haben wir es zufällig einmal erwähnt. Es war sehr spannend zu sehen, dass er etwas verwirrt war – die Frage »Was habt ihr denn mit dem Wechselmodell zu tun?« stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er kannte uns bereits aus dem vorigen Jahr, und die Vorstellung, wir könnten kein Paar sein, war ihm ganz offensichtlich zu keinem Zeitpunkt in den Sinn gekommen. Wie auch, von außen betrachtet merkt man uns keinen Unterschied an, und noch sind wir mit der uns eigenen Art unseres Wechselmodells wohl eher die Ausnahme als die Regel.

Unabhängig von der Urlaubssituation auf Gran Canaria passiert es uns auch sonst immer wieder, dass Menschen, die uns auf den diversen Eltern-Kind-Veranstaltungen gemeinsam kennenlernen, selten bemerken, dass wir getrennt leben. Da unsere Tochter Milenas Nachnamen trägt, wird Thomas dann schnell mal zu Herrn Mergell, und wenn wir die Situation schließlich aufklären, ist die Überraschung meist groß. Unser Alltag ist in der Tat sehr eng miteinander verwoben, wir wohnen nah beieinander und sehen uns häufig, allein schon deshalb, um uns über Minou auszutauschen oder Schul- und Spielsachen vorbeizubringen. Wir besitzen die Schlüssel für die Wohnung des/der jeweils anderen, wir besuchen gemeinsam Freunde und die Familie und laden uns gegenseitig zum Essen oder Frühstück ein – sowohl mit als auch ohne Minou.

Daher kann es dann sogar mal zu folgenden Situationen kommen: Nachdem Thomas und Minou vor einiger Zeit umgezogen waren, hatte die Nachbarin aus der gegenüberliegenden Gartenwohnung erst nach mehreren Monaten bemerkt, dass wir nicht zu dritt in der Wohnung leben. Da wir während der Coronazeit über mehrere Wochen hinweg gemeinsam damit beschäftigt waren, Thomas’ Garten anzulegen, war sie einfach nicht auf die Idee gekommen, dass wir einfach nur Freunde sind.

Was wir mit all diesen Anekdoten sagen wollen ist, dass Dritte häufig (positiv) überrascht sind und unser einvernehmliches Familienmodell als sehr ungewöhnlich wahrgenommen wird. Kommentare wie »die getrennten Eltern, die wir kennen, reden nicht mehr miteinander« oder »ihr feiert zusammen Weihnachten und Geburtstag? Das ist ja cool!« zeigen uns, dass unsere Konstellation im Alltag wohl immer noch sehr selten ist. Darüber hinaus gibt es einen weiteren Nebeneffekt, der bis dato nicht explizit von anderen erwähnt wurde, für uns aber umso wichtiger ist. Offensichtlich merkt man auch unserer Tochter ganz und gar nicht an, dass sie ein »Trennungskind« ist oder dass sie unsere Familienkonstellation als »schwierig« empfindet.

Im Gegenteil! Die diversen Reaktionen haben uns letztlich in dem Gefühl bestärkt, dass wir es geschafft haben, unserer Tochter trotz, wenn nicht sogar gerade wegen unserer rechtzeitigen Trennung, ein harmonisches und familiäres Umfeld zu bieten. Minou hat zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Anzeichen gezeigt, dass die Trennung sie belastet hätte – wir gehen vielmehr davon aus, dass sie aufgrund unseres Wechselmodells sogar noch mehr Liebe und Zuneigung bekommt, als es ohne Trennung der Fall gewesen wäre.

Warum? Ganz einfach, weil sie bei jedem von uns die ungeteilte Aufmerksamkeit erhält und wir uns komplett auf sie einlassen – für uns Eltern sind es jeweils fünfzig Prozent unserer Zeit, für Minou ist es einhundert Prozent ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Gespräche unter Erwachsenen entfallen weitestgehend, zumindest wenn keine neuen PartnerInnen vorhanden sind, und stattdessen können wir uns ganz auf sie einlassen. Als sie noch kleiner war, zeigte sich dies in Form von Spielen oder Unternehmungen, heute können wir die Zeit, in der wir mit ihr allein sind, mit vielen lustigen, spannenden oder tiefgehenden Gesprächen füllen. Beides hat uns geprägt und eine sehr enge Verbindung entstehen lassen.

Was macht den Unterschied?

Lange Rede, kurzer Sinn – wir haben uns jedenfalls gefragt, woran es liegt, dass wir weiterhin so unkompliziert als Familie funktionieren, beziehungsweise, was unsere Konstellation von anderen Eltern, die sich getrennt haben, unterscheidet. Für uns fühlt sich unser Familienmodell inzwischen so normal an, dass wir die Gründe anfangs kaum identifizieren konnten. Was wir vorab schon mal festhalten können: Dieser unbefangene Umgang miteinander liegt letztlich nicht in Regeln und Absprachen begründet. Die gibt es bei uns natürlich auch, und sie sind auch notwendig, viel wichtiger ist aber, dass wir uns von Anfang an wohlwollend und offen auf die Wünsche des anderen eingelassen haben und für uns Lösungen jenseits der üblichen Vorgehensweise gefunden haben. Sprich: kein/e Anwalt/Anwältin oder keine genaue Aufrechnung der materiellen Angelegenheiten, dafür eine große Offenheit und Flexibilität, um neue Wege auszuprobieren und diese gegebenenfalls auch wieder zu adaptieren. Immer mit Blick darauf, ob es Minou, aber auch uns Eltern damit gut geht.

Klar hat es in der Anfangszeit auch bei uns ein paarmal kräftig geruckelt, bis wir unseren Modus Vivendi gefunden hatten. Wirklich dramatisch war es glücklicherweise jedoch nicht – und warum sollte das nicht auch für euch so möglich sein? Neben ein paar praktischen Voraussetzungen läuft es unserer Meinung nach auf eine einzige Frage hinaus, die sich beide Elternteile stellen müssen. Haben wir als Eltern die gemeinsame Haltung, dass wir zum Wohle unseres Kindes oder unserer Kinder unsere eigenen Emotionen und Befindlichkeiten dem Ex-Partner oder der Ex-Partnerin gegenüber hintenanstellen können? Wenn man sich bewusst macht, dass man die nächsten Jahre und Jahrzehnte für die gemeinsamen Kinder verantwortlich ist, dann ist es überaus hilfreich, den kurzfristigen Problemen und Herausforderungen nicht zu viel Raum zu geben. Mit einer großen Portion gutem Willen, Respekt und gegenseitigem Verständnis lässt sich meist ein Kompromiss finden, mit dem beide Eltern leben können. Solange die Eltern sich in den wesentlichen Fragen einig sind und die Kinder keinen Konflikt spüren, werden sie auch die Entscheidungen der Eltern rund um Trennung und Erziehung verkraften und akzeptieren.

Wie Minou uns zu diesem Buch inspiriert hat

Apropos verkraften, den letzten Stein des Anstoßes zu diesem Buch hat unsere Tochter selbst gegeben. Auch wenn wir immer schon das Gefühl hatten, dass unsere Trennung für Minou kein Problem ist – in der Klarheit der folgenden Situation war uns selbst bis dato nicht bewusst, wie zufrieden Minou mit ihrem Leben ist:

Milena hatte Minou und deren beste Freundin von einem Ferienkurs abgeholt, und während sie mit den Mädels nach Hause fuhr, konnte sie ihr Gespräch mitverfolgen. Die Kids saßen auf der Rückbank und waren in ein Gespräch vertieft. Dabei ging es darum, dass Minous Freundin erzählte, die Eltern einer Spielkameradin würden sich trennen und es ihrer Freundin daher gerade nicht so gut gehen würde. Minou hat daraufhin intuitiv und mit dem Brustton der Überzeugung gesagt »ECHT??? Ich finde das total super, ich habe zwei Zimmer und zwei Adventskalender, und der Osterhase kommt auch zu Mama und Papa!« Das ist jetzt zwar ein sehr kindlicher und eher pragmatischer Denkansatz, diese unglaublich tiefe Überzeugung in ihrer Stimme hat sich Milena jedoch ins Gedächtnis eingebrannt. Da war kein bisschen Zweifel, kein »ABER« – nur hundertprozentige Überzeugung.

Für uns als Eltern war das eine wundervolle Bestätigung – wir hatten zwar schon so ein Gefühl, aber so ganz sicher ist man sich dann doch wieder nicht. Seit dieser Situation ist das anders – würde Minou das von uns gelebte Wechselmodell in irgendeiner Form belasten, dann hätte sie keinesfalls so spontan reagiert, wie Milena es im Auto miterleben durfte.

Da uns dieses Erlebnis so nachhaltig beeindruckt hat, wollten wir es ganz genau wissen und haben am nächsten Tag noch einmal das Gespräch darauf gelenkt und Minou gefragt, ob sie wirklich rundum glücklich mit unserer Form des Wechselmodells ist. Seinerzeit hatte sie bei unserer Entscheidung allein schon aufgrund ihres Alters (zwei Jahre) keine Möglichkeit, sich aktiv daran zu beteiligen. Acht Jahre später haben wir sie das erste Mal bewusst gefragt, ob sie vielleicht eine andere Regelung besser fände.

Die Frage birgt natürlich das Risiko, dass Minou eine Antwort gibt, die nicht in die Lebensrealität von uns Eltern passen könnte. Wir haben sogar insgeheim damit gerechnet, dass Minou sagen würde, dass sie es noch besser fände, wenn wir alle wieder in einem Haus leben würden. Minou hat uns jedoch wieder einmal überrascht und auch diese Frage mit einem klaren Statement beantwortet: »Nö, alles gut«. Wenn es nach ihr ginge, dann könne alles genau so bleiben, wie es sei. Punkt aus, keine weitere Erklärung, kein weiterer Kommentar. So nach dem Motto »Was für eine unnütze Frage, darüber muss ich wirklich keinen Gedanken verschwenden«.

Wir sind mit dem wunderbaren Gefühl aus dem Gespräch gegangen, dass unser Familienleben für Minou absolut kein Thema ist und es sie in keinerlei Form gedanklich beschäftigt. Sie nimmt unser Lebensmodell nicht nur als selbstverständlich wahr, sondern hat darüber hinaus auch keinerlei Wunschvorstellung geäußert, was ihr noch besser gefallen würde. Wir haben das in diesem Moment als großes Kompliment verstanden.

Das solltet ihr noch wissen

Es ist uns ein großes Anliegen, diesem Buch voranzustellen, dass wir keine Therapeuten/Therapeutinnen, Erzieher/Erzieherinnen oder sonst in irgendeiner Art und Weise ausgebildete Coaches sind. Wir sind ganz normale Eltern, die sich auf ihre ganz eigene Reise begeben haben und diese mit anderen Eltern teilen möchten. Neben ganz praktischen Infos und Tipps kommt es uns vor allem darauf an, dass wir an Beispielen aus unserem Leben veranschaulichen, wie es uns gelungen ist, die eben schon erwähnte Haltung zueinander zu schaffen, welche es uns jetzt ermöglicht, harmonisch und entspannt miteinander umzugehen. Dafür gibt es natürlich kein Schema F, das man für jede Situation und Beziehung ansetzen kann. Wir hoffen aber, dass nach der Lektüre dieses Buches klarer wird, welche Faktoren für das Wechselmodell wichtig sind und welche Verhaltensweisen unsere Entwicklung hin zu einer Familie mit zwei Zuhausen geprägt haben. So kann jede/jeder für sich entscheiden, ob das Wechselmodell eine passende Wahl für die Familie ist und ob das Modell auch von beiden Elternteilen angenommen und praktiziert werden kann. Natürlich muss nicht jedes Wechselmodell so eng verflochten sein wie unseres. Für uns ist es passend, für andere vielleicht nicht. Dies hängt auch sehr von den einzelnen Charakteren ab – wichtig ist für unser Verständnis lediglich, dass die Eltern einen gemeinsamen Modus finden und das Glück ihres Kindes im Blick behalten. Alles andere kommt dann von allein – oder eben auch nicht. Solange die Eltern entspannt bleiben und sich einigen können, kann auch das Kind mit den getroffenen Entscheidungen umgehen. So war es zumindest bei uns.

Wir selbst sind damals noch mehr oder weniger in das Wechselmodell »hineingeschlittert« und haben uns dann irgendwie zusammengerauft. Gerade in der Anfangszeit gab es da durchaus noch Verbesserungspotenzial. Wenn wir nur ein kleines bisschen dazu beitragen können, dass ihr eine genauere Vorstellung habt, worauf ihr euch einlasst, woran man denken muss und wann man sich einfach mal zurückhalten darf, dann haben wir alles erreicht, was wir erreichen wollten. Wir sind rückblickend fest davon überzeugt, dass eine bewusste Entscheidung für oder gegen ein Wechselmodell, ein Paritätsmodell oder ein Nestmodell, sowohl für die Eltern als auch für die Kinder überaus hilfreich sein kann, um ein stabiles Fundament für die Zukunft aufzubauen.

Eigentlich ist es ganz einfach – je bewusster sich Eltern auf das Wechselmodell einlassen und je klarer die notwendige Haltung zueinander beiden Elternteilen bereits am Anfang klar ist, desto weniger ist man später überrascht und streitet um Details, und umso ruhiger und konstanter verläuft das neue Familienleben. Der beste Schritt in eine Trennung ist daher eine gründliche Selbstreflexion: Was ist für mich wesentlich? Wo möchte ich keine Kompromisse machen und wo kann ich entgegenkommen? Das Ganze natürlich in einem ausgewogenen Verhältnis zwischen den beiden Elternteilen. Sicherlich nicht einfach, aber gleichzeitig der einzige Weg, um auch dem/der Ex Raum geben und Kompromisse schließen zu können. Am Ende des Tages gilt bei allen Trennungen – egal in welchem Modell – die gleiche Ausgangsbasis: Wenn die Eltern sich einvernehmlich und ohne Rosenkrieg trennen, dann können die Kinder die Trennung akzeptieren und lernen, mit der Situation umzugehen.

Das Verhalten der Eltern prägt den Ton für die weitere Entwicklung. Wenn wir Eltern das Ziel im Blick behalten, nämlich unseren Kindern die schwierige Trennungssituation zu erleichtern, dann sollten wir diesem Ziel unsere eigenen Streitigkeiten unterordnen und uns um eine konstruktive Lösung bemühen. Zum Glück lässt sich immer häufiger feststellen, dass ganz viele Eltern genau daran interessiert sind und beide auch weiterhin fester Bestandteil im Leben ihrer Kinder bleiben wollen.

Eins vorweg – wir sind nicht ganz objektiv, wir sind logischerweise Fans des Wechselmodells! Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass das Wechselmodell nicht für alle Eltern sinnvoll ist. Was wir bieten, ist eine realistische Sicht auf die Herausforderungen und die notwendigen Eigenschaften, die man mitbringen sollte, damit es für alle Beteiligten funktioniert. Damit hoffen wir, euch ein klares Bild davon vermitteln zu können, worauf ihr euch einlassen würdet, damit ihr für euch entscheiden könnt, ob das Modell zu euch passt.

ZWEI BLICKWINKEL FÜR EIN BESSERES VERSTÄNDNIS

Es ist uns ein Anliegen, euch unser Familienleben so unverfälscht wie möglich darzustellen. Letztlich war für uns ausschlaggebend, dass wir vor allem die Themen auswählen, die wahrscheinlich für viele von euch immer wieder als Herausforderung betrachtet werden. Daher zeigen wir auf den folgenden Seiten auf, was wir als notwendige Grundvoraussetzung für das Wechselmodell ansehen und an welchen Punkten es möglich sein sollte, Differenzen zu überwinden und Lösungen zu finden. Wir versuchen, dabei auch immer wieder unsere ganze eigene Sichtweise auf eine Situation zu zeigen. Teilweise teilen wir beide die gleichen Ansichten, teilweise schauen wir aber auch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf eine Situation.

That’s us – kein perfektes Vorbild, aber glücklich

Da wir euch in diesem Buch einen Einblick in unsere Familie gewähren, möchten wir uns gern kurz vorstellen. Wieso ist das hier relevant? Wir gehen davon aus, dass viele Entscheidungen, die Eltern nach bestem Wissen und Gewissen treffen, häufig auch das widerspiegeln, was sie selbst als Kind erfahren haben. Sei es, dass diese Erfahrungen positiv waren und dem Kind jetzt zugutekommen sollen oder dass sie negativ waren und man diese nicht wiederholen möchte.

Daher möchten wir euch auf eine kleine Reise in unsere Vergangenheit mitnehmen und euch kurz unsere relevanten Lebensabschnitte aufzeigen. So könnt ihr nachvollziehen, wie wir selbst in unserem bisherigen Leben »Familie« erlebt haben, was wir aus früheren Entscheidungen gelernt haben und wie diese Erfahrungen noch heute in die Erziehung unserer Tochter einfließen. Denn auch wir beide stammen aus – für die damalige Zeit – eher unkonventionellen Familienmodellen und wurden dadurch sicherlich in unseren Ansichten und Meinungen geprägt. Auch wenn es für Kinder ganz sicher die beste Lösung ist, wenn sich Eltern nicht streiten und trennen – wir beide konnten aus unserer Vergangenheit viele Erkenntnisse mitnehmen, die es uns heute leichter gemacht haben, die Entscheidungen so zu treffen, wie wir sie getroffen haben. Wir wissen beide, wie es sich anfühlt, nur mit einem Elternteil aufzuwachsen und haben uns daher von Anfang an darum bemüht, die Vorteile auszubauen und die Nachteile zu begrenzen.

Solltet ihr mit dem Gedanken spielen »zum Wohl« des Kindes oder der Kinder in einer nicht harmonischen Beziehung zu bleiben, dann können wir euch sagen, dass wir vermutlich gerade wegen unserer Erfahrung die Chance hatten, für Minou einen besseren Weg zu wählen. Man weiß also nie, wofür etwas gut ist – insofern ist es unserer Meinung nach müßig, sich mit Gedanken zu Dingen belasten, die man nicht absehen kann. Nutzt eure Energie lieber für das Hier und Jetzt und findet eine gute Lösung mit dem Vater oder der Mutter eures Kindes – damit helft ihr am meisten.

Mit dem Einblick in unseren Background hoffen wir, dass ihr unsere Entscheidungen im Verlauf des Buchs, aber vielleicht auch die Ansichten eures Partners/eurer Partnerin aus einem anderen Blickwinkel betrachten könnt.

Milena

EINE KINDHEIT MIT VIELEN BRÜCHEN UND TROTZDEM GLÜCKLICH

Wie sehr hat mich meine Kindheit geprägt, und wie wirkt sich das auf meine Erziehung von Minou aus? Eine wirklich spannende Frage!

Der Anfang unserer Kindheit weist erstaunlich viele Parallelen auf – Minou und ich sind beide in eine vergleichsweise junge Beziehung hineingeboren worden, wir waren nichtsdestotrotz beide gewünscht und wurden als Erstgeborene mit der ungeteilten Aufmerksamkeit der Eltern und der sonstigen Familie überschüttet. Wir hatten beide zwei unbeschwerte erste Lebensjahre und bei beiden von uns kam es in unserem dritten Lebensjahr zum ersten Bruch.

In meinem Fall lebten meine Eltern zu der Zeit, als sich langsam Zweifel und Schwierigkeiten in der Beziehung andeuteten, in Isfahan im Iran. Die Schwierigkeiten meiner Eltern endeten damit, dass meine Mutter im Jahr 1978 mit mir zurück nach Deutschland ging, während mein Vater im Iran blieb – ich war zu dem Zeitpunkt knapp zweieinhalb Jahre alt, also ziemlich genau im selben Alter, in dem Minou war, als Thomas und ich unsere Beziehung beendeten.

Dann allerdings trennen sich die Gemeinsamkeiten, da sich die Frage des Wechselmodells während meiner Kindheit gar nicht erst stellte. Zum einen weil sich die Vorstellung von Familie komplett in traditionellen Rollenbildern bewegte und zum anderen war aufgrund der mehr als 5000 Kilometer Distanz keine gemeinsame Erziehung möglich.

Für uns bedeutete dies, dass meine Mutter weitestgehend auf sich selbst gestellt war und als Alleinerziehende Vollzeit arbeiten musste, um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren. Lediglich meine Oma überbrückte die Betreuungslücken zwischen Kindergarten und Arbeitszeiten, da es seinerzeit keine Rundumangebote gab. Stattdessen musste sogar das Mittagessen zu Hause stattfinden – heute ist das glücklicherweise kaum noch vorstellbar.

Nach der Trennung meiner Eltern wuchs ich dementsprechend erst einmal ohne Vater auf, was für mich durchaus schwierig war – kein anderes Kind in meiner Umgebung war in einer ähnlichen Situation. Dies führte dazu, dass ich jeden männlichen Bekannten meiner Mutter gern mal bei der ersten Begrüßung gefragt habe, ob er denn meine Mutter heiraten wolle. Außerdem habe ich natürlich meinen überaus liebevollen Vater gerade in der Anfangszeit schmerzlich vermisst. Die zweite Ehe meiner Mutter läutete dann eine neue Phase meines Lebens ein, ich war zu dem Zeitpunkt knapp sieben Jahre alt. Ab diesem Zeitpunkt passten wir dann wieder in das gesellschaftliche Familienbild von Vater-Mutter-Kind. Meine Mutter und mein Stiefvater arbeiteten beide, wir fuhren zweimal im Jahr in den Urlaub, die Schulzeit verlief reibungslos und unaufgeregt und ich hatte für die nächsten zehn Jahre eine vergleichsweise normale Kindheit.

Allerdings hatte auch diese Ehe keinen Bestand – und die Erfahrung, wie eine hässliche Scheidung mit knapp sieben Jahre andauernden Rosenkrieg um Macht und Geld aussehen konnte, haben mich sicherlich auch im Hinblick auf meine eigene Trennung geprägt. Ich war zu dem Zeitpunkt knapp 17 Jahre alt und bekam das ganze Drama natürlich hautnah mit. Unnötig zu erwähnen, dass diese sieben Jahre allen Beteiligten unglaublich viele Nerven gekostet haben. Vor allem deshalb, weil der permanente Stress und die finanzielle Existenzbedrohung meiner Mutter sich auch im Alltag und im Miteinander zwischen uns niedergeschlagen hat. Glücklicherweise war ich schon so alt, dass ich dann relativ schnell meine eigenen Wege gehen und mich so der Situation entziehen konnte. Wäre ich jünger gewesen, hätte ich die Situation vielleicht nicht so gut verarbeitet.

Auswirkungen auf die Gegenwart

Inwieweit sind diese Erfahrungen für meine eigene Trennung relevant? Ich habe aus der damaligen Zeit drei Dinge für mich mitgenommen. Zuallererst habe ich am Beispiel meiner Mutter erlebt, dass es zwar schwierig, aber eben machbar ist, als Alleinerziehende gut durchs Leben zu kommen. Ich bin somit mit einer positiven Grundhaltung in die Trennung gegangen und hatte zu keinem Zeitpunkt Sorge vor unüberbrückbaren Problemen.

Darüber hinaus ist mir klar geworden, dass eine Ehe für mich kein Garantieversprechen auf lebenslange Gemeinsamkeit darstellt. Natürlich wünschen wir uns das alle, aber niemand kann in die Zukunft schauen und meiner Meinung nach müssen wir alle einfach damit leben, dass es für nichts im Leben Garantien gibt.

Und last but not least bin ich davon überzeugt, dass der Preis, den meine Eltern bei ihrer Trennung gezahlt haben, deutlich zu hoch war. Ganz abgesehen von Geld und Nerven hat die Unversöhnlichkeit dieser Situation bei mir dazu geführt, dass ich mich für eine Seite entscheiden musste. Ich habe daher schon damals den Kontakt zu meinem Stiefvater komplett und unwiderruflich abgebrochen – auch wenn dieser mich über zehn Jahre meines Lebens begleitet hat.

Diese Erfahrungen aus meiner Kindheit wirken sich insofern bis heute auf mich aus, als dass ich nicht den Wunsch verspüre zu heiraten. Viel wichtiger ist mir, eine wirklich erfüllende Beziehung zu führen – und sollte das nicht mehr der Fall sein, bin ich bereit, diese auch wieder loszulassen. Bei Thomas und mir war es so, dass wir trotz intensiver Gespräche in einigen Punkten nicht zueinandergefunden haben und wir beide auch nicht bereit waren, uns so sehr zu verändern, dass ein guter Kompromiss zwischen uns möglich gewesen wäre. Rein theoretisch hätte ich jetzt auch denken können: »Du hast doch ein tolles Leben, wir passen im Prinzip gut zueinander – ich reiß mich einfach etwas zusammen und höre/sehe über dieses oder jenes hinweg – und so weiter und so fort.«

Das wäre vielleicht machbar gewesen, aber ich hatte einfach keine Lust auf derartige Kompromisse. Was wäre ich auch für ein Vorbild? Vermutlich wäre es auf ein Nebeneinanderherleben hinausgelaufen, das zwar irgendwie funktioniert hätte, aber ganz sicher nicht bis ans Lebensende. Das wollten wir auch beide nicht, und mit diesem Wissen haben wir glücklicherweise rechtzeitig die Reißleine gezogen. Am Ende des Tages geht es doch darum, dass man von sich sagen kann, dass man mit seiner Beziehung rundum glücklich und zufrieden ist – und nicht erst überlegen muss, ob das wirklich der Fall ist.

Für mich ist die frühzeitige Trennung übrigens einer der wichtigsten Gründe, warum wir uns heute so gut verstehen. Obwohl wir beide durchaus streitbare Charaktere sind, haben wir kein Porzellan zerschlagen und unseren gegenseitigen Respekt voreinander bewahrt.

Thomas

WER ICH BIN UND WAS MICH GEPRÄGT HAT

Als Sohn eines persischen Vaters und einer deutschen Mutter bin ich 1964 in Stuttgart geboren und in München aufgewachsen. Mein Vater hat sich keine großen Gedanken um mich gemacht und ist gleich weiter ins nächste Land gezogen. Meine leibliche Mutter wiederum konnte oder wollte wegen ihrer Ballettkarriere mit einem Kind nichts anfangen. Ich war also kein Wunschkind und bin deshalb auch nicht bei meinen Eltern aufgewachsen, sondern bei meiner Tante Hildegard, die für mich meine wahre Mama war.

Sie hat dafür gesorgt, dass ihre Schwester mich überhaupt auf die Welt gebracht hat und mich dann gleich zu sich genommen. Ich war also ein Kind einer alleinerziehenden Pflegemutter. Die allerdings war eine wahre Löwin. Wir hatten eigentlich nie Geld, und Mama musste arbeiten wie verrückt, um über die Runden zu kommen. Sie arbeitete für ein Großunternehmen in München-Ottobrunn und erledigte nebenbei noch jede Menge Näharbeiten. Noch heute frage ich mich, wie sie das alles nur schaffen konnte.

Mir fehlte es an nichts. Weder an Liebe noch an anderen Dingen. Gut, ich trug nie Markenklamotten, hatte selten überhaupt neue Kleidung, aber immer genug zum Anziehen. Sie lehrte mich schon als Jugendlichen, was es heißt, einen Haushalt zu schmeißen, zu kochen, Wäsche zu waschen, aufzuräumen und wie wichtig es ist, Ordnung zu halten, ganz einfach weil man dann weniger aufräumen muss. Ich bin wohl auch deshalb bis heute ein ziemlicher Pedant und Ordnungsfanatiker.

Das Wichtigste, was sie mir aber mitgab, sind Werte wie Vertrauen, Hilfsbereitschaft, Würde, Anstand, Fleiß, sich aufrecht zu halten und für andere und sich selbst einzustehen. Eines Tages hat sie mich beispielsweise gefragt, was für eine Art Mann ich werden wolle, als ich wieder mal in der Schule wegen meiner dunklen Hautfarbe schikaniert wurde. Sie fragte mich also, ob ich der Art Mann werden möchte, der alles einsteckt, sich wegduckt, wenn es schwierig wird und sich irgendwie durchs Leben laviert. Oder ein Mann, der sich wehrt, der versucht, negative Dinge zu verändern und unangenehme Themen anzusprechen, auch wenn es schmerzt und Konsequenzen nach sich zieht. Die Entscheidung liege ganz allein bei mir, die könnte sie mir nicht abnehmen.

Ich entschied mich für die zweite Variante, was mich in meinem Leben auch schon so manche schmerzhafte Konsequenz erfahren ließ. Um es kurz zu machen: Meine Mama meldete mich, nachdem ich ihr meine Entscheidung mitgeteilt hatte, höchstpersönlich bei einem Kampfsportzentrum in München an, und ich lernte einen koreanischen Sport. In der Schule begann ich dann, mich zu wehren, und sehr bald war mit den Schikanen Schluss. Mit dem daraus erwachsenen Selbstbewusstsein war ich plötzlich in der Lage, für mich und andere einzustehen. Dann natürlich nicht mit Gewalt, sondern verbal. Das Paradoxe ist nämlich, dass aggressive Menschen sich ihre Opfer intuitiv suchen. Sobald man die Opferrolle aber nicht mehr ausstrahlt, ist es damit vorbei. Ich lernte in meiner Jugendzeit viel über die Macht der Worte und die Art, wie man sie richtig einsetzt und über die Kraft der Ausstrahlung.

So war es auch möglich, dass ich für mich neue Werte entdecken konnte: Freiheit, Leichtigkeit und Lebensfreude. Der Schlüssel für mich war aber diese bewusste Entscheidung, die meine Mama herbeigeführt hatte. Für ihre kluge Herangehensweise und die Art, wie sie mir das Thema vermittelt hat, bewundere ich sie heute noch und bin ihr jeden Tag dankbar. Außerdem für ihre Hingabe, grenzenlose Liebe und schier unerschöpfliche Energie.

Ich hatte in meinem bisherigen Leben fünf lange Beziehungen, zwischen drei und zehn Jahren. Daraus entstanden zwei Söhne, Maximilian (33) und Sascha (31), sowie zwei Töchter, Nastassja (27) und Minou (11). In all meinen Beziehungen habe ich unterschiedliche Erfahrungen mit Trennungen und Familienkonzepten machen können. Von einer sehr unschönen Trennung inklusive jahrelangem Kontaktabbruch zu meinen Söhnen (der gegen meinen Willen stattgefunden hat), über das einvernehmliche Residenzmodell bei Nastassja bis hin zum für mich heute idealen Wechselmodell bei Minou, war alles mit dabei. Ich kann also guten Gewissens sagen, dass ich weiß, wovon ich spreche.

Bei der Trennung von der Mutter meiner beiden Söhne gab es einen wahren Rosenkrieg über viele Jahre hinweg. Die Mutter ist dabei unter anderem über 200 Kilometer weggezogen, um bei ihrem neuen Freund zu wohnen. Sie hat die beiden Jungs natürlich mitgenommen. Anschließend gab es die Situation, dass ich an den ausgemachten Besuchswochenenden des Öfteren vor verschlossener Tür stand und unverrichteter Dinge wieder heimfahren musste. Insgesamt fast vier Stunden Autofahrt für nichts! Eine Beschwerde beim zuständigen Jugendamt brachte mir die Auskunft ein, dass hier Aussage gegen Aussage stehen würde, weil die Mutter behauptete, ich wäre gar nicht erst gekommen. Zu dieser Zeit fraßen mich die Unterhaltszahlungen fast auf, und allein die Benzinkosten für die 400 Kilometer Fahrt waren schon ein Problem. Die wenigen Male, wo es geklappt hat, wenigstens meinen älteren Sohn Max abzuholen, verliefen dann auch eher schwierig. Da ich keinen engen Kontakt zu ihm hatte, entstand nur wenig Zusammengehörigkeitsgefühl bei Max. Ich habe jedenfalls in dieser Gemengelage über viele Monate versucht, das Besuchsrecht aufrechtzuerhalten. Irgendwann gab ich dann einfach auf. Ich hatte keine Kraft mehr.

Bei der Trennung von der Mutter von Nastassja verlief es dann besser, obwohl ich auch hier das Residenzmodell mit Besuchen an jedem zweiten Wochenende akzeptiert habe. Nastassjas Mutter war es aber wichtig, dass unsere Tochter ihren Vater nicht verliert. Wegen ihrer Fairness hat das Besuchsrecht dann auch funktioniert. Nastassja flog sogar zwei Jahre lang als alleinreisendes Kind jedes zweite Wochenende zu mir nach Düsseldorf, wo ich beruflich hingezogen war. Die Kosten waren hoch, aber ich hatte mich über die letzten Jahre durch harte Arbeit finanziell erholt. Ich hatte dann auch das große Glück, dass meine neue Partnerin sich sehr um Nastassja gekümmert hat, wenn ich wieder mal mit meiner Arbeit beschäftigt war oder andere »furchtbar wichtige« Dinge zu tun hatte.