Unser Leben mit Permakultur - Charles Hervé-Gruyer - E-Book

Unser Leben mit Permakultur E-Book

Charles Hervé-Gruyer

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Beschreibung

Als Perrine und Charles Hervé-Gruyer vor knapp 15 Jahren ihre Ferme du Bec Hellouin aufbauten, ahnten sie noch nicht, was dies in ihrem Leben und dem Leben so vieler anderer bewirken würde. Heute kennt ihren Namen jede*r, der*die sich mit der Permakultur beschäftigt. Weil sie auf ihrem Gemüsehof innerhalb kürzester Zeit ein Vorzeigemodell für die Landwirtschaft der Zukunft geschaffen haben. In ihrem Buch erzählen die beiden Autor*innen genau davon: von der Permakultur – und ihrem Werdegang. Sie berichten, wie sie auf die Prinzipien der Permakultur gestoßen sind, wofür die Permakultur steht und welches enorme Potential in ihr steckt. Wie sich mit Permakultur Ernährungssouveränität schaffen lässt Denn: Schnell stellte sich heraus, dass die beiden Autor*innen mit ihrem Vorhaben, einen Hof zu bewirtschaften und sich mit Obst und Gemüse selbst versorgen zu können, weit über das eigentliche Ziel hinaus ernten konnten. Ihre permakulturellen Anbaumethoden lieferten ihnen auf kleinster Fläche eine derart üppige Ernte, dass sie drei Familien damit versorgen konnten. Heute ist die Ferme Vorbild von 80 % aller neugegründeter Gemüsebauernhöfe in Frankreich und lockt Besucher*innen und Forscher*innen aus aller Welt an. Nicht zuletzt, weil es sich bei ihrer Mikrofarm um ein landwirtschaftliches Modell der Zukunft handelt, das aufzeigt, wie durch regenerative Bewirtschaftungsmethoden Ernährungskrisen abgewendet, Arbeitsplätze geschaffen und die Biodiversität geboostet werden können – und das Ganze ohne Einsatz fossiler Energien. Sonne auf der Haut, den Kopf voller Visionen: Inspiration pur Neben all diesem Know-how rund um die Permakultur, Gestaltungsvarianten und Umsetzhilfen geben Perrine und Charles auch tiefe Einblicke in ihr Leben und lassen dich teilhaben an ihrer Reise bis hin zur Farm in der Normandie. Sie erzählen von ihren Visionen und zeigen, wie sinnstiftend sich ihr Leben auf der Ferme anfühlt. Darüber hinaus liefern sie jede Menge Inspiration dafür, selbst anzupacken und aktiv zu werden, gleich wie den Mut, den eigenen Weg zu finden – mit Permakultur. •Der Permakultur-Klassiker, endlich auf Deutsch: Perrine und Charles Hervé-Gruyer sind internationale Vorbilder und Pionier*innen auf dem Gebiet der Permakultur. Mit diesem Buch liefern sie Inspiration für alle, die die Nase von konventioneller Landwirtschaft und Ausbeutung voll haben und in eine Zukunft voller Gemüse- und Artenvielfalt starten wollen. •Ein Modell für die Landwirtschaft der Zukunft: Auf ihrer Mikrofarm in der Normandie zeigen die Autor*innen, wie zukunftsfähige Landwirtschaft aussieht und gelebt wird. Wie auf kleinster Fläche Riesenerträge möglich sind. Und wie die Menschheit durch regenerative Bewirtschaftungsmethoden komplett ernährt werden könnte. •Informativ, gefühlvoll, stark: Du willst alles über Permakultur erfahren? Perfekt! Außerdem erzählen die beiden von ihrem Leben und ihren (postfossilen) Visionen für die Zukunft: voller Ernährungssouveränität, kleinstrukturierter Landwirtschaft und Vernetzung auf allen Ebenen.

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Seitenzahl: 434

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Für unsere KinderLila, Rose, Shanti und Fénoua,und für alle Kinder auf der Erde.

Für Eliot Coleman, Philippe Desbrosses,François Léger und François Lemarchand.

 

 

 

 

„Du denkst, du kannst diese Raupe zerdrücken? So, jetzt hast du es geschafft, das war nicht schwer. Jetzt mach die Raupe wieder heil.“LANZA DEL VASTO1

 

________

1  Zitiert nach Théodore Monod, Sortie de secours, Seghers, 1991, S. 114. [Ins Dt. übertragen von der Übersetzerin]

Inhalt

Einleitung

1. Pupolis Boot

2. Rund um den Globus

3. Der Traum wird Wirklichkeit

4. Amazonien

5. Du bist, was du isst

6. Zeichne mir eine Farm

7. Landwirtschaft als Neuland

8. Wir lernen die Permakultur kennen

9. Biointensive Mikrolandwirtschaft

10. Eliot Coleman

11. Die Pariser Gemüsegärtner*innen des 19. Jahrhunderts

12. Neue Einflüsse

13. Entstehung einer Methode

14. Start eines Forschungsprogramms

15. Waldgarten

16. Sonnenlandwirtschaft

17. Mit der Hand arbeiten

18. Klein sein

19. Mikrofarmen

20. Mikrolandwirtschaft, Gesellschaft, Planet

21. Die Erde ist ein Abenteuer

22. Bioüberfluss

Nachwort von François Léger

Danksagungen

Kleine Permakultur-Bibliothek

Einleitung

Perrine und ich wollten die Sonne und den Regen auf unserer Haut spüren, im Bach schwimmen, unsere Familie mit gesunden Produkten versorgen, die wir liebevoll mit unseren eigenen Händen anbauen wollten. Wir wurden Bauer und Bäuerin, zogen von der Stadt in die Normandie aufs Land, und die Annäherung an die Natur war für uns wesentlich. Unser Traum war es, so nah wie möglich an Pflanzen und Tieren zu leben. Dieser Weg war alles andere als einfach, voller entmutigender Rückschläge und Fehlentscheidungen, aber auch reich an überwältigenden Glücksmomenten.

Wenn ich am Tisch sitze und schreibe, blicke ich auf eine Fülle an Blumen und Gemüse: Der üppige Hausgarten der Familie reicht bis zum Bächlein Le Bec hinunter. Am anderen Ufer erstrecken sich unsere Gemüsegärten. Sie haben wenig Ähnlichkeit mit herkömmlichen landwirtschaftlichen Betrieben, denn unsere Inspirationsquellen kommen von anderswo: von den indigenen Völkern, den Bauern und Bäuerinnen von einst, aber auch von den neuesten Entwicklungen in der natürlichen Landwirtschaft. Unser Hof ist nach den Konzepten der Permakultur angelegt, einem Ansatz, der in Frankreich noch kaum bekannt ist. Die Permakultur könnte man als intelligenten Werkzeugkasten zur Schaffung von Lebensweisen beschreiben, die sowohl die Erde als auch ihre Bewohner*innen respektieren, eine praktische Methode, die sich an der Funktionsweise der Natur orientiert. Die Natur als Vorbild zu nehmen, das war genau das, was wir anstrebten, als wir uns auf dieses Abenteuer einließen.

Mit viel Mühe haben wir ein bescheidenes Grasland in eine „essbare Landschaft“ verwandelt. Der Hof ist heute ein Mosaik aus kleinen Ökosystemen, die miteinander verwoben sind: Teiche, Inseln, Obstgärten, Waldgarten, Hügelbeete, Weiden ... Obstbäume sind allgegenwärtig, wilde Tiere und Pflanzen scheinen sich hier zu Hause zu fühlen. Man bekommt den Eindruck einer überbordenden Üppigkeit. In der Landwirtschaft ist es üblich, Umweltfreundlichkeit und Produktivität als Gegensätze zu sehen – als ob die Natur nicht produktiv wäre! Diese Kluft kann überwunden werden: Die Erträge unserer Gärten überraschen die Agrarwissenschaftler*innen, während die Naturforscher*innen von der Anzahl der Wildtiere beeindruckt sind, die in diesem intensiv bewirtschafteten Raum leben. Nichts hatte uns darauf vorbereitet, Bäuerin und Bauer zu werden. Perrine war internationale Juristin, ich war Seemann. Wir gründeten unsere Farm naiv und unerfahren, ohne landwirtschaftliche Ausbildung, angetrieben von einem Lebensziel: mit unseren Händen zu arbeiten, auf einer sehr kleinen Fläche mit möglichst natürlichen Mitteln eine Fülle von schmackhaftem Obst und Gemüse zu produzieren. Die enttäuschenden Ergebnisse der ersten Jahre veranlassten uns, nach geeigneten Antworten zu suchen. Wir hätten uns nicht träumen lassen, dass unser neuer Beruf uns auf eine spannende Suche rund um den Globus führen würde.

Auf unserem Weg trafen wir einige der Gründer*innen des biologischen Landbaus in Frankreich, aber auch vor Kreativität strotzende amerikanische Landwirt*innen, durch die wir die reiche Pariser Tradition des Gemüseanbaus im 19. Jahrhundert kennenlernten. Der Weg wurde zu einer erstaunlichen Reise durch Raum und Zeit, tagsüber in den Gärten, nachts im Internet oder in Büchern, in der einen Hand eine Harke, in der anderen ein Computer. Auf der Suche nach innovativen Lösungen führten Perrines Erkundungen sie bis nach Japan, in die USA, nach Kuba und England. Der Bauernhof wurde zum Schauplatz zahlreicher Experimente, die immer mit demselben Ziel durchgeführt wurden: auf weniger Fläche mehr zu produzieren, immer im Einklang mit der Natur.

Selbst erfunden haben wir nichts; wie Bienen haben wir aus den verschiedensten Quellen gesammelt. Wir haben ausgetretene Pfade verlassen und immer entschiedener eine völlig andere Richtung eingeschlagen als das vorherrschende Landwirtschaftssystem, das die Natur zunehmend zu etwas Künstlichem macht. Wir versuchen, das zu nutzen, was uns die Ökosysteme großzügig zur Verfügung stellen. Bietet die Natur den Pflanzen nicht alles, was sie zum Wachsen brauchen – Sonnenenergie und Regenwasser, Stickstoff und Kohlenstoff aus der Atmosphäre, Mineralsalze aus dem Muttergestein und die außerordentliche Arbeit der Organismen, die im Humus leben?

Nach und nach hörten wir auf zu glauben, dass wir es sind, die die Pflanzen wachsen lassen. Das Potenzial einer Pflanze steckt im Samen selbst; die Aufgabe des Bodens ist es, die Keimung und das anschließende Wachstum zu gewährleisten. Wir sind nur die bescheidenen Helfer*innen dieser Lebenskräfte. Unsere Aufgabe besteht darin, den Pflanzen die günstigsten Bedingungen für ihr Gedeihen zu bieten. Wir sind die Diener*innen der Regenwürmer!

Mit der Zeit entwickelten wir die Methode der Ferme du Bec Hellouin, einen permakulturellen Ansatz, der auf einer gewagten Überlegung beruht: Die menschliche Hand sollte wieder in den Mittelpunkt des landwirtschaftlichen Produktionsprozesses gestellt werden. Ja, wir haben ein arbeitsintensives System ersonnen, das viel menschlichen Einsatz benötigt. Der industriellen Landwirtschaft, die den Menschen ständig durch Maschinen und fossile Energien ersetzt, zeigen wir auf diese Weise die lange Nase. Ein verrücktes Wagnis in einer Zeit, in der Arbeitskraft teuer ist und landwirtschaftliche Produkte im Allgemeinen wenig einbringen. Doch die Permakultur bietet einen Ausweg aus diesem Dilemma. Die menschliche Hand wird zum Trumpf, wenn man ihr Aufgaben überträgt, die Maschinen nur schwer bewältigen können: die Schaffung intensiv genutzter Anbauflächen voller Leben, die liebevolle Pflege des Bodens und der Pflanzen, die Kombination und Verdichtung der Kulturen. Wir stellten fest, dass unser Land immer fruchtbarer wurde und die Produktion folglich beträchtlich war, sodass Agrarwissenschaftler*innen aus Frankreich, Japan, den USA, Brasilien und Afrika unseren Hof besuchten.

Aus diesem regen Austausch ist die Überzeugung entstanden, dass die Mikrolandwirtschaft eine innovative Lösung für viele Umwelt- und Gesellschaftsprobleme sein kann. Eine Alternative, die im Laufe der Jahre immer wertvoller werden wird, da unsere Ernährung sehr stark vom Erdöl abhängig ist. Derzeit werden durchschnittlich 10–12 Kalorien fossiler Energie benötigt, um eine Nahrungskalorie auf unsere Teller2 zu bringen, was den englischen Autor Albert Bartlett zu folgender Aussage veranlasste: „Modern agriculture is the use of land to convert petroleum into food.“ („Moderne Landwirtschaft ist die Nutzung des Bodens, um Erdöl in Nahrung umzuwandeln.“)3. Aber das Erdöl wird weniger und es wird immer teurer werden. Dennoch haben wir alle die Absicht, weiter zu essen!

Auf einer kleinen Fläche viel zu produzieren und dabei Arbeitsplätze zu schaffen, die Umwelt zu bereichern, fruchtbarere Böden zu erhalten, während gleichzeitig Kohlenstoff gespeichert und die Artenvielfalt bewahrt wird. Das klingt zu schön, um wahr zu sein, ist es doch so konträr zu dem, was die Menschheit derzeit praktiziert! Der moderne Mensch entfernt sich immer weiter von der Natur; er ersetzt das Lebendige durch Technik und verfolgt einen Konsumtraum, der durch die sinnlose Verschwendung von Energieressourcen ermöglicht wird. Innerhalb von drei oder vier Generationen verbraucht er die Ressourcen, welche die Natur in Hunderten von Millionen Jahren aufgebaut hat.

Gerade weil die Permakultur die Natur als Vorbild nimmt, eröffnet sie vielversprechende Perspektiven. Permakultur ist das genaue Gegenteil der gegenwärtigen Logik: Es handelt sich um ein neues Paradigma, eine „neue Software“, die darauf abzielt, Mensch und Erde in Einklang zu bringen. In Zeiten einer beispiellosen ökologischen und sozialen Krise mit einer beginnenden Energieverknappung4, die die Grundfesten unserer Zivilisation erschüttern wird, ermöglicht die Permakultur die Vorstellung einer Zukunft, die reich an lebensnotwendigen Gütern ist, ganz einfach deshalb, weil sie sich an der Natur orientiert, die es verstanden hat, auch in ressourcenarmen Umgebungen vor Vitalität strotzende Ökosysteme hervorzubringen.

In Frankreich ist unsere Ernährung für etwa ein Drittel der Treibhausgasemissionen des Landes verantwortlich.5 Gibt es eine Möglichkeit, die Menschheit zu ernähren und gleichzeitig den Planeten wiederherzustellen? Die Antwort lautet definitiv ja, sofern die Konzepte der Permakultur mit kleinbäuerlicher, familiärer Landwirtschaft verbunden werden (die auch heute noch das vorherrschende Modell ist, 90 % der Bauernhöfe weltweit sind kleiner als 2 Hektar). Diese Methode steckt zwar noch in den Kinderschuhen, kann aber als Inspirationsquelle für die Gestaltung der Alternativen von morgen dienen.

In der Ferme du Bec Hellouin läuft derzeit ein Agrarforschungsprogramm. Das Konzept haben wir gemeinsam mit François Léger ausgearbeitet, dem damaligen Leiter der französischen Forschungseinheit SAD-APT6, einem Team von rund 60 Forscher*innen des Nationalen Instituts für Agronomieforschung INRA und AgroParisTech. François hat sich schon immer für experimentelle Landwirtschaft interessiert, da er davon überzeugt ist, dass sie ein Nährboden für Innovationen ist. Dieses Programm mit dem Titel „Permakultureller Biogemüseanbau und Wirtschaftsleistung“7 soll die folgende Hypothese bestätigen: Können 1.000 Quadratmeter vielfältiger Gemüseanbau nach der Methode der Ferme du Bec Hellouin eine Person in Vollzeit beschäftigen?8 Eine solche Fläche wurde in unseren Gärten abgetrennt und wir machten uns daran, alles, was hinein- und hinausgeht, bis hin zum kleinsten Bund Radieschen, genau festzuhalten. Schon im ersten Jahr konnten wir feststellen, dass ein solcher Ansatz praktikabel ist.9 Obwohl wir erst am Anfang des Forschungsprogramms stehen, können wir uns von der Richtigkeit dessen überzeugen, was John Jeavons, der Vater der biointensiven Gartenbautechnik und eine unserer wichtigsten amerikanischen Inspirationsquellen, bereits Ende der 1970er-Jahre schrieb: Es ist möglich, dass ein erfahrener, von Hand arbeitender Gemüsegärtner bei gleicher Arbeitszeit genauso viel Gemüse produziert wie ein Gemüsebauer mit einem Traktor. Diese Art der bio-inspirierten – vom Leben inspirierten – Landwirtschaft wird hoffentlich zur Entstehung einer neuen Generation von landwirtschaftlichen Betrieben beitragen, die Menschen ernähren und gleichzeitig die Umwelt wiederherstellen können.

Wir haben erkannt, dass man, wenn man mit der Erde arbeitet, mit allem zu tun hat, was das Leben der Menschen ausmacht: mit der Ernährung, der Gesundheit, der Landschaft, der Erwerbsarbeit, der Wirtschaft, der Kunst des Zusammenlebens und sogar mit dem Intimsten in uns – unseren Emotionen, unserer Präsenz in der Welt, unserer Beziehung zum Leben. Und wir haben festgestellt, dass unser Beruf als Landwirt*in auf einem kleinen Stück Land in einem Tal in der Normandie Auswirkungen auf alle großen zeitgenössischen Themen hat: Ernährungssicherheit, Schutz der Artenvielfalt, Hunger in der Welt, Klimaerwärmung, um nur einige zu nennen. Diese Perspektive erfüllt uns mit Hoffnung und Lust weiterzumachen!

Wenn wir auf diesem Planeten nachhaltig leben wollen, müssen sich immer mehr Menschen wieder mit der Erde verbinden und ihre Nahrung für sich selbst oder ihre Gemeinschaften produzieren. Wie Philippe Desbrosses schreibt: „Wir werden wieder Bauern.“10 Eine Gesellschaft kann nicht mit nur 2–3 % Landwirt*innen überleben. Aber die Bäuer*innen von morgen werden nicht aus der schrumpfenden Bauernklasse kommen, sondern aus den Städten, Büros, Geschäften, Fabriken usw. Eines ist sicher: Sie werden nicht mit den Modellen der Vergangenheit auf das Land gehen. Wir müssen neue Wege erfinden, wie wir im 21. Jahrhundert Landwirt*innen sein können. Die Bäuer*innen von morgen werden Hüter*innen des Lebens sein, ihre Höfe werden Orte der Heilung, der Schönheit und der Harmonie sein.

Unser bäuerlicher Weg befindet sich noch in den Anfängen. Wir haben viel mehr Fragen als Antworten. Dennoch kommen jedes Jahr Hunderte von Menschen nach Le Bec Hellouin, um sich weiterzubilden, und wir wurden nachdrücklich gebeten, von diesem Abenteuer zu erzählen. Da wir nun über die ersten Zahlen aus der oben erwähnten Studie verfügen, halten wir die Zeit für reif, diesen Ansatz mit mehr Menschen zu teilen, auch wenn der Großteil des Weges noch vor uns liegt.

Unsere Geschichte zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Buch – ein menschliches Abenteuer macht die Erzählung lebendiger und greifbarer –, aber in erster Linie möchten wir die Permakultur und die innovativen Experimente, die uns inspiriert haben, sowie ihre Umsetzung auf der Ferme du Bec Hellouin vorstellen. Wir werden also in alle Ecken der Welt reisen, um Pionierlandwirt*innen zu treffen.

Wenn wir beschreiben, wie sich diese Form der bio-inspirierten Landwirtschaft allmählich entwickelt hat, werden wir auch auf Erfahrungen eingehen, die wir vor der Gründung der Farm gemacht haben: jene Jahre, in denen wir bei den indigenen Völkern im Amazonasgebiet, in Afrika und anderswo in die Lehre gegangen sind. Wir haben uns von den vorherrschenden Paradigmen des Westens entfernt, weil unsere Inspirationsquellen aus anderen Kulturen stammen, aus Kulturen, die der Ehrfurcht vor dem Leben und der Erhaltung der Umwelt Priorität einräumen. Im Laufe der Erzählung werden wir also einige Abstecher zu meinen barfüßigen Meister*innen, wie ich sie nenne, machen.

Im letzten Teil des Buches wird eine Zukunftsvision der Landwirtschaft vorgestellt, die auf innovativen Konzepten beruht: Waldgarten, Mikrofarm, Zusammenschluss von Mikrofarmen, kooperative Landwirtschaftssysteme usw. Diese Szenarien können all jenen Möglichkeiten eröffnen, die auf die eine oder andere Weise davon träumen, Landwirt*in zu werden, aber auch für Politiker*innen und Entscheidungsträger*innen, die eine qualitativ hochwertige Biolandwirtschaft aufbauen möchten – auch in den Stadtzentren.

Nach Abschluss der oben erwähnten Studie haben wir vor, einen praktischen Leitfaden zum permakulturellen Gärtnern und Mikroanbau zu verfassen.

Mögen diese Seiten bei den Leserinnen und Lesern die Kreativität und den Wunsch wecken, sich auf die Arbeit mit der Erde einzulassen und die Hände schmutzig zu machen!

 

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2  Diese Zahl beinhaltet auch die versteckten Kosten unserer intensiven Landwirtschaft, wie Transport, Verarbeitung, Verpackung, Lagerung und Vertrieb. Quelle: Patrick Whitefield, The Earth Care Manual, Permanent Publications, 2004 [auf Dt.: Was wir für die Erde tun können. Unsere Lebensräume zukunftsfähig gestalten und nutzen, Permakultur-Handbuch für die gemäßigten Breiten, erschienen bei Permakultur-Akademie im Alpenraum, 2014].

3  Zitiert nach Patrick Whitefield, ibid.

4  Fortschreitender und unausweichlicher Rückgang der fossilen Brennstoffressourcen

5  Siehe den exzellenten Artikel „Combien de gaz à effet de serre dans notre assiette?“ (dt. wtl.: Wie viele Treibhausgase befinden sich auf unserem Teller ?) des Energieexperten Jean-Marc Jancovici: www.manicore.com.

6  SAD-APT steht für Sciences pour l‘action et le développement: activités, produits, territoires (dt. wtl.: Wissenschaft für Aktion und Entwicklung: Aktivitäten, Produkte, Gebiete)

7  Das Programm mit dem frz. Originaltitel „Maraîchage biologique permaculturel et performance économique“ sowie die Zwischenberichte, die den Verlauf beschreiben, sind online (auf Frz.) auf der Seite www.fermedubec.com abrufbar.

8  Dabei handelt es sich um 1.000 Quadratmeter Anbaufläche, zu der noch Verkehrsflächen, Lagerräume usw. hinzukommen. Die Größe des Bauernhofs kann variieren.

9  Die Zahlenangaben für das erste Jahr (2012–2013) sind im 2. Zwischenbericht enthalten, der auf www.fermedubec.com auf Frz. abrufbar ist. Die Ergebnisse des Folgejahres bestätigen weitgehend die des ersten Jahres.

10  Philippe Desbrosses, Nous redeviendrons paysans, Alpha, 5. Ausgabe, 2007.

1.

Pupolis Boot

Mithilfe der Permakultur gestalten wir unsere menschlichen Unternehmungen als Ökosysteme – inspiriert von der Beobachtung der Natur und der Art und Weise, wie indigene Völker die Erde bewohnen.

Die merkantilen Industriegesellschaften verfügen über eine Instrumentalität, über materielle Reserven, eine physische Gesundheit, eine soziale Organisation und über ein wissenschaftliches und technisches Know-how, was, zusammengenommen, ihnen erlaubt, die Welt zu beherrschen. Wo aber wohnt das Glück eines jeden Tages?Ihr Bewusstsein vom Schicksal? Ihre Gemeinschaft mit den Toten? Nirgendwo. Vergeblich sucht ihre Seele eine Zuflucht.JEAN ZIEGLER11

Jede Zivilisation ist eine Allianz mit dem Universum. Das Universum ist niemals ein unveränderliches und vorgegebenes Ganzes; es ist das, was der Mensch durch dieses Bündnis aus ihm macht.ROBERT JAULIN12

 

 

Antecume Pata ist ein kleines Dorf der ethnischen Gruppe der Wayana und liegt auf einer Insel im Litany-Fluss, der die Grenze zwischen Französisch-Guayana und Suriname bildet. Der Fluss ist an dieser Stelle breit und wird von Stromschnellen durchzogen. Die tosenden Fluten stürzen schäumend über schwarze Felsen. An den Ufern erstreckt sich der Amazonas-Regenwald soweit das Auge reicht. Die einzige existierende Lichtung wurde von den amerikanischen Ureinwohner*innen für den Bau ihrer Hütten freigemacht.

Antecume Pata ist ein Ort, der in meinem Leben eine große Bedeutung hat. Ich bin viele Male dorthin zurückgekehrt und habe die Kinder der Indigenen dort bis ins Erwachsenenalter aufwachsen sehen. Mit jeder Reise wuchs die Freundschaft mit den Wayana, Leuten, die für mich auf den ersten Blick schüchtern und zurückhaltend wirkten, aber so liebenswert und humorvoll sind, wenn es einem gelingt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Affenbruder

Pupoli war einer meiner Gefährten. Sein Vater Yoïwet und ich standen uns sehr nahe – Yoïwet hatte mir sogar einen Spitznamen gegeben, den er auch auf sich selbst anwandte. Wir nannten uns gegenseitig yepe baboune („Affenbruder“!). Der Austausch von Spitznamen ist für die Wayana ein wichtiges Zeichen der Freundschaft – zehn Jahre lang war ich mehrmals in den tiefsten Urwald Französisch-Guayanas gereist, bis eine solche Verbundenheit entstehen konnte.

Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an ein scheinbar unspektakuläres Abenteuer, das mich geprägt hat. Pupoli, der damals noch ein zarter Junge von etwa zehn Jahren war, hatte mich zu einem Angelausflug in seinem Kanu eingeladen. Wir waren losgegangen, beide mit dem Kalimbe bekleidet, einem einfachen Streifen aus leuchtend rotem Stoff, der zwischen den Beinen durchgezogen wurde. Pupolis Boot war aus einem einzigen Stück Baumstamm geschnitzt, ungefähr so groß wie ein Spielzeug, sehr instabil, und der Rumpf lag dicht über dem Wasser. Ich hatte das Gefühl, dass ich nur meinen Ellenbogen ein wenig ausfahren müsste, um es zum Kentern zu bringen. Pupoli fühlte sich glücklicherweise sicherer als ich und spielte energisch mit dem Paddel, sein kleiner Bogen war am Boden des Kanus, ebenso seine Angel und ein paar Würmer als Köder.

Die jungen Wayana erleben die freieste Kindheit, die man sich vorstellen kann. Sie lernen mit Werkzeugen, die denen der erwachsenen Indigenen in jeder Hinsicht gleichen, außer dass sie auf ihre Größe zugeschnitten sind. Ihre Geschicklichkeit in der Natur ist verblüffend.

Wir fuhren den Litany-Fluss hinauf und durchquerten den Amazonas-Regenwald, der wie ein prächtiger Garten Eden aussah. Wir näherten uns einem beeindruckenden Wasserfall, der über die gesamte Breite des Flusses verlief. Trotz der starken Strömung bewegte sich der Junge ohne erkennbare Anstrengung flussaufwärts. Ich fragte mich, wie weit uns der tollkühne Pupoli wohl bringen würde. Der Junge hielt nur wenige Meter vor dem Wasserfall an. Dort legte er sein Paddel auf den Boden des Kanus, wickelte seine Angel aus und begann zu fischen. Das alles sah so einfach aus – wie ein Kinderspiel! Aber durch welches Wunder hatte sich der kleine Wayana mühelos über den mächtigen Strom hinwegsetzen können?

Ich beobachtete fasziniert. Pupoli war einfach den Fluss hinaufgefahren, hielt sein Kanu in der von den Stromschnellen erzeugten Gegenströmung und glitt geschickt von einem Felsen zum anderen. Das fragile Boot drehte sich nun an einer Stelle, an der das Wasser Strudel bildete, genau an der vielleicht einzigen Stelle im gesamten Fluss, an der sich ein kleines Kehrwasser gegen die Flussrichtung befand. Wären wir nur ein paar Meter abgedriftet, wären wir von den tosenden Fluten mitgerissen worden, gegen die anzukämpfen zwecklos gewesen wäre.

Und wie die Fische anbissen! Nach kurzer Zeit zog Pupoli einen Piranha mit roten Augen und einem wilden Kiefer aus dem Wasser. Mit einem Machetenhieb spaltete er ihm den Schädel, bevor er ihn auf den Boden des Kanus warf, damit der Fisch sich nicht an unseren Zehen verbeißen konnte.

Ich war überwältigt vor Bewunderung über die Leichtigkeit und offensichtliche Mühelosigkeit, mit der das Kind den scheinbar unbezwingbaren Fluss ausgetrickst hatte. Es bedurfte einer umfassenden Kenntnis seiner Umgebung, um eine solche Eleganz zu erreichen. Während ich fischte, dachte ich über die Lektion nach, die Pupoli mir unbewusst gerade erteilt hatte. Eine Strömung bewirkt immer eine Gegenströmung. Und je stärker die Strömung ist, desto stärker ist auch die Gegenströmung. Wenn es einem Kind gelang, sich in der günstigen Strömung zu positionieren, erreichte es sein Ziel, obwohl das Kräfteverhältnis zwischen dem Fluss und seinen kleinen Armen völlig ungleich war.

Ich spürte eine riesige Freude in mir aufsteigen. Bisher hatte ich unsere Welt wie diesen großen Fluss wahrgenommen: schrecklich gewaltig. Und ich hatte mich oft so gefühlt, als würde ich gegen meinen Willen von der Strömung mitgerissen, unfähig, mich dagegen zu wehren. Das moderne Leben zieht uns ungefragt mit sich, und niemand weiß wirklich, wohin es geht. Doch auch in dieser so mächtigen Welt gibt es Gegenströmungen: Wenn ich lernen würde, sie zu erkennen, müsste ich mich nicht mehr abmühen und in einem aussichtslosen Kampf verausgaben. Indem ich mich an meinem richtigen Platz positioniere, bin ich in der Lage, meinen Weg nach meinem Herzen und meinen Träumen zu gestalten.

Permakultur: Von der Natur inspiriert

Das Markenzeichen des modernen Westens ist eine Übertechnisierung, ein Streben nach materiellem „Fortschritt“. Trotz unbestreitbarer Errungenschaften in unzähligen Bereichen führt diese Form der Entwicklung, wie sie bis heute stattfindet, zu einer schnellen und massiven Zerstörung der Biosphäre. Wir machen die Natur immer künstlicher und ersetzen Leben durch Technologie.

Das ist der Mainstream, die Hauptströmung, mächtig, rasend schnell, furchteinflößend.

Aber es gibt auch die Gegenströmungen, überall: kleine, lebendige Wasseradern, die Hoffnung bringen. Rund um den Globus setzen sich Millionen von Menschen guten Willens mit aller Kraft ein, Lebensweisen in Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen und des Planeten zu finden.

Die Permakultur ist eine dieser Gegenströmungen. Sie stellt das Leben in den Mittelpunkt und regt an, sich in die Schule der Natur zu begeben und sich von ihr befruchten zu lassen. Vor 3,8 Milliarden Jahren hat sich Leben auf dem Planeten Erde angesiedelt und dabei günstige Bedingungen für die Entstehung immer komplexerer Lebensformen geschaffen. Dies geschah ganz ohne menschliches Zutun.

Permakultur ist ein bio-inspirierter Ansatz: In diesem Sinne ist sie genau das Gegenteil des zeitgenössischen Mainstreams, der die Biosphäre schwächt. Sie stellt ein neues Paradigma für diejenigen dar, die sich um die Heilung der Erde bemühen. Sie zielt auf die Schaffung menschlicher Einrichtungen ab, die weitestgehend wie natürliche Ökosysteme funktionieren. Permakultur ermöglicht es jedem Menschen, eine Lebensweise für sich zu erfinden, die zu ihm passt und im Einklang mit dem Planeten steht.

Sie entstand in den 1970er-Jahren in Australien und wurde von Bill Mollison und David Holmgren entwickelt, die stark durch die Beobachtung der Aborigines inspiriert wurden. „Einen Baum zu verletzen, bedeutete, einen Bruder zu verletzen; diese Ansicht spiegelt eine kluge naturschützerische Haltung wider. Kann man einen Bruder töten und trotzdem leben?“, fragte Mollison13.

Permakultur beruht auf einer Ethik, die zwar einfach zu formulieren, aber anspruchsvoll in ihrer praktischen Umsetzung ist:

—  achtsamer Umgang mit der Erde;

—  achtsamer Umgang mit den Menschen;

—  gerechte Verteilung der Ressourcen.

Dieses Buch will nicht die Permakultur in ihrer Gesamtheit beschreiben. Um Permakultur systematisch zu erfassen, bieten sich die in der Bibliografie genannten Werke an.

Permakultur und biologische Landwirtschaft

Auf diesen Seiten geht es um unsere Sicht auf die Permakultur und um unsere Erfahrungen als Landwirt*innen. In der Berufspraxis haben wir festgestellt, dass die Konzepte der Permakultur in der Welt des ökologischen Landbaus noch wenig bekannt sind und kaum Anwendung finden. Praktische Umsetzungen sind selten, was ein Paradoxon ist, da sich die Permakultur seit ihren Ursprüngen in erster Linie mit der Produktion von Nahrungsmitteln befasst. Diese Fokussierung auf die Nahrungsmittelproduktion führt manchmal zu einem Missverständnis, besonders im französischsprachigen Raum: Permakultur wird auf eine Supermethode des natürlichen Gärtnerns reduziert. Doch sie ist keine Ansammlung von landwirtschaftlichen Techniken. Ihr Potenzial geht weit darüber hinaus, denn dieses Konzept kann alle unsere menschlichen Errungenschaften bereichern.

Wir werden oft nach dem Unterschied zwischen Permakultur, biologischem Landbau und Agrarökologie gefragt. Um keine Verwirrung aufkommen zu lassen, folgt hier eine Erklärung in kurzen Worten:

—  Der Biolandbau (oder biologische Landwirtschaft bzw. ökologischer Landbau) ist ein Zweig der Landwirtschaft, der auf den Einsatz synthetischer Substanzen (chemische Düngemittel, Unkrautvernichtungsmittel und Pestizide) verzichtet und anspruchsvolle Standards für den Schutz von Pflanzen, Tieren und Agrosystemen propagiert. Er wird durch einen offiziellen Kriterienkatalog geregelt und unterliegt Kontrollen und einer Zulassung.

—  Die Agrarökologie verfolgt einen Ansatz in der Landwirtschaft, der ökologische und soziale Überlegungen einbezieht, um den Nahrungsbedarf der menschlichen Gemeinschaften unter Wahrung der Bedürfnisse von Landwirt*innen und der Natur zu decken. Ihre Definition ist unschärfer als die des biologischen Landbaus und sie unterliegt keiner spezifischen Gesetzgebung. Die Agrarökologie schließt den Einsatz synthetischer Mittel nicht kategorisch aus.

—  Das Ziel der Permakultur ist weiter gefasst als das der biologischen Landwirtschaft und der Agrarökologie, da es, wie wir gesehen haben, über den landwirtschaftlichen Bereich hinausgeht. Um eine wirklich umweltfreundliche Unternehmung (Bauernhof, Betrieb, Stadt ...) zu konzipieren, kann die Permakultur also alle bewährten Praktiken der biologischen Landwirtschaft und der Agrarökologie integrieren und sie mit „grünen Ansätzen“ aus anderen Disziplinen (erneuerbare Energien, ökologisches Bauen ...) kombinieren. Es gibt keinen Gegensatz zwischen biologischer Landwirtschaft, Agrarökologie und Permakultur, ganz im Gegenteil, lediglich einen Unterschied in der Ausprägung.

Die Permakultur stützt sich auf eine intensive Beobachtung der Funktionsweise natürlicher Ökosysteme. Landwirt*innen, die eine möglichst natürliche Landwirtschaft anstreben, werden große Freude daran haben, die Konzepte der Permakultur auf ihre Arbeit anzuwenden. Unserer Erfahrung nach kann die Permakultur weiter gehen als ältere Ansätze, von denen sie im Übrigen alle positiven Errungenschaften übernimmt.

Die Entwicklung einer bio-inspirierten Landwirtschaft kann dazu beitragen, die Menschheit nachhaltig zu ernähren. Die Ernährungsherausforderung ist groß: 842 Millionen Menschen hungern heute [Stand 2011, Anm. d. Übersetzerin]14 – oder anders gesagt: jeder achte Mensch. Alle elf Jahre wächst die Weltbevölkerung um eine weitere Milliarde Menschen an. In einem Bericht der Vereinten Nationen heißt es: „Die weltweite Nahrungsmittelproduktion müsste bis 2050 im Vergleich zum heutigen Niveau um 70–100 % steigen, um den Nahrungsmittelbedarf einer wachsenden Bevölkerung decken zu können.“15 Seit den 1960er-Jahren ist jedoch ein Drittel des weltweiten Ackerlandes durch Erosion verloren gegangen, was durch den Ausbau der industriellen Landwirtschaft und die künstliche Bodennutzung noch verstärkt wurde.16 So geht jedes Jahr eine Fläche in der Größe Italiens verloren!17

Die Herausforderung im Bereich der Ernährung geht also über die Grenzen der landwirtschaftlichen Welt hinaus und betrifft jeden von uns. Die Permakultur kann einen großen Beitrag bei den laufenden Überlegungen über die Schaffung produktiver, autonomer und resilienter Agrarsysteme leisten. Als Ökosysteme konzipiert, können kleine Gärten eine ungeahnte Produktivität entfalten. Die Familie Dervaes in Kalifornien erwirtschaftet mit einem 360 Quadratmeter großen Garten einen Jahresumsatz von 20.000 US-Dollar (ca. 14.500 Euro). Auf diese Weise haben der Vater, sein Sohn und seine beiden Töchter ein Einkommen, und gleichzeitig wird die örtliche Gemeinschaft ernährt.18 Es gibt zahlreiche Beispiele für solche Erfolge.

Auf unserer Ferme du Bec Hellouin wird die Energie hauptsächlich von der Sonne gewonnen und so wenig wie möglich aus fossilen Brennstoffen. Wir experimentieren mit verschiedenen Verfahren, die zum Teil auf alte Zivilisationen zurückgehen, zum Teil aber auch sehr innovativ sind. Dabei erreichen wir mit einfachen und natürlichen Praktiken, die sich als gut für Mensch und Umwelt erweisen, Produktionsniveaus, die für Fachleute kaum vorstellbar sind. Naturforscher*innen zufolge nimmt die Artenvielfalt in unseren Gärten zu, es findet eine regelrechte Erneuerung des Biotops statt. Wir kommen also zu dem Schluss, dass man als Landwirt*in aktiv an der Heilung der Biosphäre mitwirken kann.

Innere Landschaften, äußere Landschaften

Mit unserer Landwirtschaft beschreiten wir alternative Wege, denn die Wurzeln unseres Hofes liegen in dem Wunsch, uns so eng wie möglich in den großen Strom des Lebens einzufügen, ein Wunsch, der durch Begegnungen mit Gemeinschaften genährt wird, die ganz andere Wege gehen als unser moderner Westen. Das Zusammentreffen mit indigenen Völkern befruchtet unsere Vorstellungskraft. Diese Völker sind nicht rückständig: Sie haben genauso viele Tausend Jahre Evolution hinter sich wie wir. Sie haben einfach andere Entscheidungen getroffen. Bei uns zählt Besitz, sie streben nach Harmonie. Wir denken kurzfristig, ihr Tun ist langfristig ausgerichtet. Wir nehmen uns als von der Natur getrennt wahr, sie sehen sich als Teil der riesigen Gemeinschaft der Lebewesen. Die Indigenen haben den Menschen von heute viel zu sagen, denn sie können etwas, was wir vergessen haben: in gutem Einvernehmen mit der Natur leben. Diese Gemeinschaften erinnern uns daran, dass die Art und Weise, wie wir die Landschaften, die wir bewohnen und gestalten, unsere inneren Landschaften widerspiegelt. Welche Vorstellung haben wir von Glück? Ein Native American sagte einmal: „Der weiße Mann wünscht sich, wenn er stirbt, seinen Kindern Geld zu hinterlassen. Der Indigene hingegen möchte ihnen Bäume schenken.“ Wenn wir uns von ihrer Weisheit inspirieren lassen, bedeutet das jedoch nicht, dass wir uns von unserer Kultur und insbesondere von den enormen wissenschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte abkapseln. Unser Wissen im Bereich der Biologie verdoppelt sich alle fünf Jahre!19 So wie wir auf der Ferme du Bec Hellouin Landwirtschaft verstehen, versuchen wir Wissenschaft und Bewusstsein, Intuition und Gründlichkeit miteinander zu verbinden. Wir sind davon überzeugt, dass die Landwirtschaft wieder zu einer Kunst werden kann – ein Korpus an wissenschaftlichen und fachlichen Kenntnissen, das durch Intuition und menschliche Kreativität befruchtet wird.

Mit anderen Worten: Es geht darum, das Beste aus beiden Welten zu übernehmen, das Beste aus Tradition und Modernität. Als wir unseren Bauernhof aufbauten, stellten wir fest, wie herrlich es sein kann, originelle Lösungen aus verschiedenen Kulturen und Epochen miteinander zu verknüpfen.

 

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11  Jean Ziegler, Der Sieg der Besiegten. Unterdrückung und kultureller Widerstand. Peter Hammer Verlag, 1989, S. 11.

12  Robert Jaulin, La Paix blanche. Introduction à l’ethnocide, Éditions du Seuil, 1970, S. 19 [ins Dt. übertragen von der Übersetzerin].

13  Zitiert nach Agnès Sinaï, in: „L’héritage aborigène aux sources de la permaculture”, LaRevueDurable, Nr. 50, Okt./Nov./Dez. 2013, S. 19. [ins Dt. übertragen von der Übersetzerin].

14  Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), https://www.fao.org/hunger/en/.

15  Department of Economic and Social Affairs, Study on the World’s Economic and Social Situation. General Overview, UN, 2011, S. 7.

16  „Laut Prof. Pimentel wurden zwischen 1956 und 1996 1,5 Milliarden Hektar Ackerland aufgrund von Erosion aufgegeben. Das entspricht einem Drittel der Ackerflächen der Erde“, berichtet Dominique Guillet in seinem Artikel „Planète Terre, planète Désert?“ (dt. wtl.: „Planet Erde, Planet Wüste?“), www.liberterre.fr, 3. Mai 2007.

17  Laut UNO geht jedes Jahr eine Fläche in der Größe Italiens verloren, La France agricole, 22. Oktober 2010. www.lafranceagricole.fr.

18  Diese 20.000 US-Dollar sind im Vergleich zum mittleren Haushaltseinkommen in den USA zu sehen, das bei etwa 50.000 US-Dollar (36.000 Euro) pro Jahr liegt. Der Verkauf der Erzeugnisse aus dem eigenen Garten kann also ein sehr wichtiger Zusatzverdienst sein. Quelle: census.gov (offizielle US-Statistikagentur).

19  Janine M. Benyus, Biomimicry: Innovation Inspired by Nature, Quill, 1998.

2.

Rund um den Globus

Der Gründung der Ferme du Bec Hellouin gingen 20 Jahre Reisen rund um den Globus voraus, in denen wir von der Natur und den Menschen lernten.

Die Erde als Poet oder als Mörder bewohnen?PAUL VIRILIO20

Wenn wir wegen der Heuschrecken Gras abbrennen, vernichten wir nicht gleich alles. Wir schütteln die Eicheln und Kiefernzapfen von den Bäumen. Doch die Weißen pflügen den Boden auf, reißen die Bäume um und töten alles ... Wie kann der Geist der Erde den weißen Mann lieben? Wo immer der weiße Mann die Erde berührt hat, ist sie wund.EINE WINTU-FRAU21

Ich habe 30 Jahre gebraucht, um Bauer zu werden. Als Teenager half ich bei einer normannischen Bauernfamilie mit und glaubte, meine Berufung gefunden zu haben: die Erde bewirtschaften, draußen leben, frei, im Regen und in der Sonne. Aber man hatte mir damals erklärt, dass es mir als Pariser Stadtkind schwerfallen würde, Bauer zu werden ... und mein Entdeckerdrang tat sein Übriges: Seefahrer war eine schöne Alternative. Mit 21 Jahren stach ich in See, um zu versuchen, diese riesige Welt zu verstehen und meinen Platz darin zu finden. Ich hatte ein Schulsegelschiff, die Fleur de Lampaul, mit dem wir alle Ozeane der Welt befuhren.22 Die Besatzung an Bord waren Jugendliche und Wissenschaftler*innen.

In den ersten Jahren erforschten wir Meeressäugetiere; dabei kam es zu magischen Momenten und unwahrscheinlichen Begegnungen, wenn wir auf Wale, Orcas und Delfine in ihrem Element trafen. Wenn ein Finnwal oder ein Pottwal, der so groß wie ein Autobus war, sich uns kleinen Schwimmer*innen näherte und sich auf die Seite drehte, um uns mit seinem gleichmütigen Blick zu beäugen, schien es mir, als würde ich eine unsichtbare Grenze überschreiten und ein Stück der Freundschaft zwischen Mensch und Tier wiederfinden, die im irdischen Paradies geherrscht haben muss. Diese Symbiose war genau das, wonach ich gesucht hatte. Aber man kann nicht sein ganzes Leben unter Wasser verbringen!

Nach einigen Jahren wurde mir klar, dass Menschen nicht weniger interessant sind als Meeressäuger. Somit begaben wir uns auf die Reise zu indigenen Völkern. 15 Jahre lang besuchten wir amerikanische Ureinwohner*innen, Stämme in Afrika, Aborigines in Australien, Papua in Vanuatu, um nur einige zu nennen. Wir teilten ihr Leben so hautnah wie möglich, und begaben uns demütig bei ihnen in die Lehre. In ihrer Gesellschaft, bekleidet mit einer Djellaba in der Sahara, einem Kalimbe im Amazonasgebiet, einem Pareo auf den Marquesas-Inseln oder auch nur einer Penishülle in Papua-Neuguinea (ein umweltfreundliches Kleidungsstück par excellence, dessen einziger Nachteil darin besteht, dass es ein wenig juckt), erfuhren wir aus erster Hand, wie diese Völker in so unterschiedlichen Umgebungen wie Korallen- und Vulkaninseln, Urwäldern, Wüsten und Mangroven leben. Auf welche Schwierigkeiten stoßen sie? Auf welche Lösungen sind sie gekommen?

Meine Lehrmeister der Natur

Wir erhielten von ihnen unvergessliche Lektionen in Menschlichkeit und Weisheit. Ich hatte großartige barfüßige Lehrmeister: König Sylva aus dem Tabanca; Bane Ijun auf dem Westafrikanischen Bijagos-Archipel; Mimi Siku, ein Wayana-Jäger aus Französisch-Guayana; Häuptling Pedro Hakin von den Kuna auf den San-Blas-Inseln vor Panama und etliche mehr. Ihre Lehren haben sich für immer tief in mein Herz eingeprägt.

Das Leben in ihrer Mitte war eine tägliche Lektion in angewandter Ökologie. Ich erinnere mich, dass ich mit Kalina-Kindern durch den Amazonas-Regenwald wanderte. Wenn sie eine essbare Pflanze mit der Machete pflückten, pflanzten sie ganz selbstverständlich einen Ableger davon entlang des Weges wieder ein. Ethnolog*innen haben herausgefunden, dass die letzten nomadischen Stämme im Amazonasgebiet nicht zufällig reisten, sondern von Generation zu Generation bestimmten Routen folgten, um von einer Wasserstelle zur nächsten zu gelangen. Durch die Neupflanzung von Kernen und Stecklingen der Nutzpflanzen entlang ihrer unauffälligen Pfade haben sie eine Art essbaren Korridor angelegt. Damit sind immer reichlich Ressourcen vorhandenen, was ihr Leben erheblich erleichtert, und sie haben jede Menge Freizeit, die sie gemeinsam verbringen können. Gibt es einen sanfteren Weg, um in Harmonie mit der Erde zu leben?23

In schöner Erinnerung habe ich unseren Aufenthalt auf Bali. Wir teilten den Alltag einer Bauernfamilie aus der niedrigsten Schicht, der Shudra-Kaste. Gadeh, Komong und ihre Kinder lebten in einem kleinen Haus ohne Wasser und Strom inmitten von Reisterrassen an den Hängen des Vulkans in einer atemberaubend schönen Landschaft. Gadeh und Komong waren Landarbeiter und Landarbeiterin. Sie hatten ihr Reisfeld verkaufen müssen, um die Einäscherung der Großmutter zu bezahlen, und arbeiteten für einen Hungerlohn als Taglöhner*innen für die wohlhabenderen Bäuer*innen in der Umgebung. Wir schliefen auf dem Boden und verrichteten unsere Notdurft im Bewässerungskanal. Dennoch waren sie wahre Lebenskünstler*innen! Täglich musizierten und tanzten die Kinder. Am Ende des Tages gingen alle Familien hinunter zum Flüsschen, das sich durch das Tal schlängelte, um darin zu baden. Inmitten des schönsten Badezimmers der Welt seiften sich die Frauen auf der einen Seite und die Männer auf der anderen Seite nackt ein. Dann zogen wir uns saubere Kleider an, und anschließend sprach Komong das Gebet, für das sich die ganze Familie vor einer Steinstatue versammelte. Eine frische Frangipaniblüte im Ohr, das rabenschwarze Haar mit einem bunten Turban bedeckt – die Gesichter waren heiter und strahlend. Das Abendessen, das vollständig aus den von der umgebenden Natur angebotenen Produkten zubereitet wurde, war ein kulinarischer Hochgenuss und voller Raffinesse.

Entscheidend war auch die Auseinandersetzung mit den Theorien der großen Ökopioniere. Die Lektüre ihrer Werke während der langen Überfahrten wurde durch Begegnungen mit einigen von ihnen bereichert, die sich bereit erklärt hatten, die Schirmherrschaft über unsere Expeditionen zu übernehmen: René Dumont, der rebellische Agrarwissenschaftler; Théodore Monod, der humanistische Saharakenner; Hubert Reeves, dessen Werke uns den Kosmos mit neuen Augen betrachten ließen. Huberts Vortrag über die Sterne, die er der an Deck unter dem Sternenhimmel liegenden Mannschaft hielt, war hochwissenschaftlich und gleichzeitig voller Poesie.

Ein Wassertropfen auf einer Orange

Als Kinder glauben wir, dass der Planet riesig ist. Als Erwachsene behalten viele von uns diesen Glauben bei, der kulturell bis vor Kurzem noch durch die Schwierigkeit zu reisen verstärkt wurde. Doch seit den 1960er-Jahren haben Fotos der Erde aus dem Weltraum einen Wendepunkt in der kollektiven Wahrnehmung unseres Planeten markiert: Das ist also die Erde, dieser winzige blaue Garten inmitten all der Sterne. Wie fragil sie von oben aussieht! Wie Hubert Reeves24 erklärt, ist das Vorhandensein entwickelter Lebensformen auf diesem Planeten ein reines Wunder, oder vielmehr eine über Milliarden von Jahren ununterbrochene Folge von Wundern, so gering waren die Chancen, dass sich das anfängliche Chaos zu dem unglaublich komplexen Gefüge entwickelt.

Als ich sie auf unserem schweren und langsamen Segelboot aus Holz umrundete, wurde mir physisch bewusst, wie winzig die Erde ist. Als wir drei Jahre, nachdem wir sie verlassen hatten, am Horizont die Küste der Île d’Yeu, unserem Heimathafen, auftauchen sahen, konnte ich kaum glauben, dass die Reise bereits zu Ende war. Da verstand ich von innen heraus, warum unsere Handlungen solche Auswirkungen haben, warum die Biosphäre nach einigen Jahrzehnten ungezügelten industriellen „Fortschritts“ so schnell kollabiert. „Thou canst not stir a flower without troubling of a star.“25

Die Biosphäre ist außerordentlich dünn: Die Stärke des von Lebewesen besiedelten Teils unseres Planeten reicht von wenigen Zentimetern bis zu einigen Metern unter unseren Füßen26 und bis zu einigen Kilometern über unseren Köpfen, da Insekten und Samen von starken Winden in große Höhen getragen werden – manche Bakterien sind sogar so ausgestattet, dass sie dort lange verweilen, sich vermehren und ganz nebenbei als Kondensationskerne für Regentropfen dienen und so wieder nach unten gelangen können. Dennoch nehmen wir die Biosphäre als viel größer wahr, als sie tatsächlich ist. Das liegt daran, dass wir von der Geburt bis zum Tod in diese dünne Schicht des Lebens eingebettet sind. Wir sollten uns die extreme Besonderheit des Lebens vor Augen führen und uns bewusst sein, dass es etwas Rares ist. Wissenschaftler*innen lehren uns, dass die Biosphäre, im Verhältnis, mit einem hauchdünnen Film verglichen werden kann, der sich bildet, wenn ein einziger Wassertropfen auf der Oberfläche einer Orange verteilt wird.

Im Laufe der Jahre habe ich mich total in diese kleine Welt verliebt: Uns wird die Ehre zuteil, den einzigen bekannten lebenden Planeten inmitten der kosmischen Wüste zu bewohnen. Diesen Planeten zu bebauen, ist ein großes Privileg und eine nicht minder große Verantwortung.

Dem Planeten geht die Luft aus

In den Jahren des Reisens kamen wir oft an dieselben Orte und stellten die rapide Verschlechterung der Ökosysteme fest. Wüstenbildung, Zerstörung von Urwäldern und Mangroven, Verschwinden von Korallenriffen, Anstieg der Ozeane, ungebremstes Wachstum der Megastädte: Wir wurden Zeug*innen, wie die Biosphäre langsam erstickt.

Als leidenschaftlicher Taucher habe ich gern Korallen gefilmt. Doch während der Weltumsegelung suchten wir vergeblich nach intakten Riffen, selbst rund um abgelegene Inseln im Pazifik und im Indischen Ozean, auf den Marquesas, Tuamotu und den Malediven. Fast überall fallen die Riffe der Erwärmung der Ozeane zum Opfer. Ich habe die üppigen Korallenmassive, die ich bei meinen ersten Seereisen kennengelernt hatte, nie wiedergefunden. Wenn meine Kinder eines Tages die gleiche Reise machen, bleiben ihnen nur kümmerliche Überreste der vergangenen Pracht.

Auf den Malediven richtete der Präsident folgenden Appell an uns: Lasst uns alle unsere Kräfte bündeln, um die globale Erwärmung zu stoppen. Die Atolle des Archipels spüren bereits die dramatischen Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels. Diese Trauminseln mit einer durchschnittlichen Höhe von 90 Zentimetern über dem Meeresspiegel drohen zu verschwinden, zumindest aber unbewohnbar zu werden. Im Fehendoo-Atoll machten sich die Fischer, die neben uns angelten, bereits Gedanken darüber, in welches Land sie auswandern sollten!

Der Mensch ist in nur einem Jahrhundert zu einem Faktor geworden, der die Entwicklung des Planeten ebenso stark prägt wie geologische Faktoren, sodass einige Denker*innen27 das Zeitalter, in dem wir leben, als „Anthropozän“ bezeichnen.

Diese wiederholten Erfahrungen und Erkenntnisse waren nicht gerade dazu angetan, unsere Stimmung zu heben. Sieht man sich den Zustand der Welt an, gibt es Grund zum Pessimismus. Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben mehr Menschenleben gefordert als alle vorherigen Kriege zusammen; zu Beginn des 21. Jahrhunderts hungern mehr Menschen als im Mittelalter ... Ich erlebte diese Reisen mit zunehmender Bedrückung.

Doch eines Tages traf ein Satz aus dem Testament von Abbé Pierre bei mir einen Nerv; am Ende seines Lebens riet dieser große Geistliche, mit dem Jammern aufzuhören: „Unsere alte Welt liegt zwar im Sterben, aber eine neue Welt ist im Entstehen.“28 Diese wenigen Worte haben meine Wahrnehmung radikal verändert. Daraufhin habe ich mich dafür entschieden, meine ganze Energie in den Aufbau der kommenden Welt zu stecken. Seitdem fühle ich mich viel leichter und fröhlicher! Deshalb liegt der Schwerpunkt dieses Buches bewusst auf konkreten Vorschlägen und nicht auf Verurteilungen.

Streben nach Eintracht

In den zwei Jahrzehnten auf See haben wir den Alltag mit unzähligen Familien und Gemeinschaften geteilt. Die Indigenen gewährten uns Einlass in ihre Hütten, Katen und Zelte, ohne uns jemals abzuweisen. Am liebsten hätte ich mein ganzes Leben lang in solcher Eintracht verbracht. Es ging mir durch den Kopf, eine Familie bei den Indigenen Amerikas zu gründen. Aber diese Welten, die ich auf meinen Stationen entdeckte, waren nicht meine eigene. Auch ich hatte eine Kultur und Wurzeln, die ich nicht verleugnen konnte. Dennoch fühlte ich mich 2001, als ich mein geliebtes Boot verkaufte, als würde ich abdriften: Wie sollte ich dem treu bleiben, was mich meine barfüßigen Meister*innen gelehrt hatten, und dabei meinen Weg in dieser oftmals materialistischen und raffgierigen westlichen Welt finden? Ich vermisste die Weite der Landschaft und die Sanftmütigkeit der Stammesgemeinschaften.

Bauer zu werden, war für mich die Antwort. Das war keine Selbstverständlichkeit, sondern nahm im Laufe der Jahre nach und nach Gestalt an. Ich habe lange gebraucht, um diesen Jugendtraum zuzulassen. Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich mich trotz aller Schwierigkeiten auf diesem Weg endlich in tiefer Übereinstimmung mit mir selbst, am richtigen Platz. Wie Pupoli. Unsere Farm zu gründen, war ein noch aufregenderes Abenteuer als die Welt zu umsegeln. Der Bauernhof erscheint mir oft wie ein Schiff: Wir sind die Herr*innen unseres kleinen Universums, halten die Nase in die Luft, um nach den Wolken Ausschau zu halten, treffen Tag für Tag freie Entscheidungen und tragen die Konsequenzen. Landwirt*innen sind wie Seefahrer*innen – freie Menschen.

Oft reise ich nach einem anstrengenden Arbeitstag in meinen Träumen zu diesen Stämmen, bei denen ein Teil meines Herzens geblieben ist. Ich merke, wie sehr mich diese Jahre auf Reisen rund um die Welt, die Zeit, die ich mit den indigenen Völkern verbrachte, vom vorherrschenden Denken im Westen befreit, mich „neu formatiert“ und für andere Paradigmen geöffnet haben. Ich muss das Wissen, das ich durch Experimente, Lektüre und den Austausch mit Agrarwissenschaftler*innen und Naturforscher*innen erworben habe, welche die Farm besuchten, mit den Erkenntnissen aus den Jahren auf See verknüpfen. Die Momente, die ich mit den Stammesgemeinschaften geteilt habe, und das Eintauchen in unberührte Ökosysteme haben mich tief geprägt.

 

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20  Paul Virilio, L’Insécurité du territoire, Stock, 1976.

21  Zitiert nach T. C. McLuhan, Touch the Earth: A Self-Portrait of Indian Existence, New York: Promotory Press, 1971 (dt.: Wie der Hauch eines Büffels im Winter: indianische Selbstzeugnisse, Hoffmann und Campe, 1995, S. 10).

22  Die Abenteuer der Fleur de Lampaul wurden auf Frz. in etwa 15 Büchern, die bei Gallimard Jeunesse erschienen sind, und etwa 100 Fernsehdokumentationen erzählt. Die Reportagen über die Weltumsegelung sind auch auf Dt. unter dem Titel Kinder auf See – Die Weltreise der Fleur de Lampaul im Internet abrufbar.

23  Als wir uns auf der Farm niederließen, schrieb ich einen Roman, in dem ich das, was ich von den indigenen Völkern gelernt hatte, verarbeitete: La Femme feuille, erschienen bei Albin Michel, 2007.

24  Hubert Reeves, Compagnons de voyage, Éditions du Seuil, coll. „Points“, 2. Auflage, 1998.

25  Francis Thompson, „The Mistress of Vision“, New Poems, Copeland and Day, 1897. [auf Dt.: „Du kannst keine Blume berühren, ohne einen Stern zu stören“, übersetzt von Christina Preiner].

26  Es ist jedoch faszinierend zu beobachten, „dass sogar bei den tiefsten Gesteinsbohrungen Bakterien nachgewiesen werden können“, erklärte mir einmal der Biologe Gauthier Chapelle.

27  Wie der Nobelpreisträger für Chemie Paul Crutzen.

28  Abbé Pierre, Mein Testament, Pattloch, 1995.

3.

Der Traum wird Wirklichkeit

Zu Beginn war die Ferme du Bec Hellouin ein Familienabenteuer, das Selbstversorgungsprojekt zweier Menschen, die idealistisch und ahnungslos aufs Land gezogen waren.

Als Kind verstand ich zu geben; seither – seit ich zivilisiert bin – habe ich diese Tugend vergessen. Damals war mir jeder schöne Kieselstein wertvoll, jeder wachsende Baum war Gegenstand meiner Verehrung.OHÍYE S’A29

 

 

Ein Haus, ein Bach, 6.500 Quadratmeter Land in der Normandie und der Kopf voller Träume!

Unser erster Frühling auf dem Bauernhof ist gespickt mit kleinen Wundern.

Februar 2004. Seit einem Monat wohnen wir in unserer Chaumière, dem typisch normannischen Bauernhaus mit Strohdach, und verbringen jede zweite Woche dort, die andere in der Nähe von Paris. Eines Abends kommen wir in der Dämmerung an und die 7-jährige Lila, meine älteste Tochter, rennt auf die Wiese und kommt dann eilig zurück: „Papa, da ist ein kleiner Kopf! Da sind drei Schafe!“ Tatsächlich hat eines der bretonischen Zwergschafe, die wir am Wochenende zuvor gekauft hatten, ein Lamm zur Welt gebracht. Ein winziges schwarzes Lämmchen mit einem weißen Fleck zwischen den Ohren, das zitternd auf seinen langen Beinen steht.

März. An diesem Tag ist es die 4-jährige Rose, die hereinstürmt und ruft: „Küken! Da sind Küken im Hühnerstall!“ Ganz überrascht entdecken wir eine Henne, die versucht, etwa zehn widerspenstige kleine Federbälle unter ihren Flügeln zu scharen. Wir haben sie nicht brüten sehen, da sie sich in einer dunklen Ecke des Hühnerstalls versteckt hat.

Mai. In der lauen Abendbrise bestreuen die Apfelbäume das Gras mit Millionen von Blütenblättern in zartem, rosa schimmerndem Weiß. Das Wasser des Bec, in dem sich die ersten Sterne spiegeln, trägt einige davon zum Meer.

Juni. Wir klettern auf einen Kirschbaum, füllen Körbe mit saftigen Kirschen. Die Nase in den Zweigen, die Haut an der Rinde, fühlen wir uns in unsere Kindheit zurückversetzt und sind glücklich.

„Ziemlich kitschig, deine Geschichte! Das klingt ja wie Unsere kleine Farm,“ raunt Perrine mir zu. Sie hat recht, und doch bedeuten mir diese Kleinigkeiten so viel – sie lassen mich wieder richtig durchatmen! Flüchtige Glücksmomente, die sich Tag für Tag ergeben. Die Chaumière in der Normandie ist der Ort unserer Wiedergeburt. Der Hafen nach dem Sturm.

Nach 22 Jahren auf See hatte ich mein Boot verkauft und dem Meer den Rücken gekehrt. Ein großes Kapitel meines Lebens war zu Ende gegangen. Es folgten eine Scheidung, gemeinsames Sorgerecht, drei Jahre in Paris, in denen ich mich wie ein Fisch außerhalb des Wassers fühlte, und dann kam dieser Traum von einem Bauernhof, an den ich mich wie an einen Rettungsring klammerte, der mich und meine Töchter über Wasser hielt. In Le Bec-Hellouin, einem Dorf, das ich seit meiner Kindheit mag, kaufen wir, nur wenige Schritte von einer mittelalterlichen Abtei entfernt, ein altes Bauernhaus und richten es her. Sehr bald haben wir Schafe und Hühner. Ponys, Ziegen, Kaninchen und ein Schwein leisten den Schafen Gesellschaft; Gänse, Enten, Perlhühner und Truthähne gesellen sich zu den Hühnern. Die Chaumière ist deshalb noch lange kein „richtiger“ Bauernhof. Gerade mal die Spinnerei eines Städters, der aufs Land gezogen ist (zum Beweis: Jedes Tier hat einen Namen und wir essen sie nicht!). Sie erinnert an die französischen Kinderbücher Sylvain und Sylvette oder Caroline auf dem Bauernhof. Die Chaumière ist der Ort, an dem wir Wurzeln schlagen und gemeinsam glücklich sein möchten.

Aber das schönste Wunder in diesem Jahr 2004 ist Perrine. Sie ist da, als wir zum ersten Mal unter dem Strohdach schlafen. Seitdem ist sie jeden Tag da, die Bäuerin meines Lebens.

Von den Wolkenkratzern in Tokio zu den Ufern des Le Bec

Nichts, absolut nichts hätte darauf hingedeutet, dass Perrine Bäuerin werden würde. Bodenständig waren bestenfalls ihre italienischen Wurzeln. Ihre Großeltern waren in der Zwischenkriegszeit ins nordfranzösische Arras gekommen, um dort ihr Glück zu suchen. Dort wurde sie geboren, und dort wuchs sie auch auf. Sie war keine leidenschaftliche Naturliebhaberin – als Kind ekelte sie sich so sehr davor, die Erde zu berühren, dass sie sich weigerte, beim Sonntagspicknick im Gras zu sitzen. „Dabei“, erinnert sich Perrine, „war ich während unserer Ferien bei der Familie im italienischen Bergdorf stundenlang mit meinem Hund im Wald unterwegs, kletterte, staute den Bach und stellte mir viele Abenteuer vor. Diese Wälder waren mein eigener ‚Amazonaswald‘. Deshalb leide ich wie Idefix, der kleine Hund von Asterix, darunter, wenn ich Bäume sehe, die gefällt wurden – ich bin sogar fast unfähig, sie zu beschneiden –, denn sie waren meine Spielkameraden.“

Die große Leidenschaft ihrer Jugend war der Sport. Mit sechs Jahren tritt Perrine dem örtlichen Basketballverein bei und lässt das runde Leder bis zu ihrem Umzug nach Le Bec-Hellouin nicht mehr aus der Hand. Es gelingt ihr, eine glänzende Schullaufbahn und ein Jurastudium mit dem abendlichen Training und den Spielen am Wochenende zu vereinbaren: Sport ist für sie immer ein Weg, sich zu integrieren, auch in Japan. Perrine hat eine starke Persönlichkeit, sie bringt sich voll und ganz ein bei dem, was sie tut, und sie kann Berge versetzen. Ihr Anspruch ist kompromisslos. Für ihre Freundinnen ist sie die weibliche Ausgabe von Zorro, weil sie davon träumt, die Welt zu retten – ich kann bezeugen, dass sie noch immer davon träumt!

Mit ihrem Diplom in Recht und Entwicklungsökonomie in der Tasche fliegt Perrine nach Japan und verfällt dem Charme dieses Landes. Dort arbeitet sie dreieinhalb Jahre in einer Anwaltskanzlei, während sie gleichzeitig als Freiwillige für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen tätig ist. Danach leitet sie die Rechtsabteilung eines multinationalen Unternehmens in China. Diese Begegnung mit dem Fernen Osten hat sie tief geprägt. Als Perrine auf die 30 zugeht und mittlerweile Meditation, die Kunst der Massage und eine ganz andere Lebensauffassung als die der westlichen Kultur kennengelernt hat, fragt sie sich, wie sinnvoll es ist, Tag und Nacht zu arbeiten, damit ein multinationaler Konzern Millionen Dollar verdient. Sie kündigt ihren Job, kehrt nach Frankreich zurück und überlegt, wie sie ihr Leben ausrichten könnte.

Und da trafen wir uns, so verschieden wir waren, sie und ich. Ich war 15 Jahre älter als sie (auch heute noch) und hatte zwei Kinder, sie war frei wie ein Vogel und entschlossen, zur Veränderung der Gesellschaft beizutragen. Ich hatte mein Schiff verlassen, sie ihre Wolkenkratzer. Ich wollte Wurzeln schlagen, ihr Traum war es, wieder ins Ausland zu gehen. Perrine war brillant, fühlte sich in der modernen Welt wohl wie ein Fisch im Wasser, während ich versuchte, wie die indigenen Einwohner*innen Amerikas zu leben. Ich war ein Naturfreak, sie trug Plastikhandschuhe bei der Gartenarbeit. Aber wir haben beide gemeinsam, dass wir eine pragmatische Träumerin bzw. ein pragmatischer Träumer sind. Warum auch immer, auf jeden Fall haben wir uns nie wieder getrennt.

Auf dem Weg zur Autonomie

Perrine fühlt sich wohl in unserer Chaumière in Le Bec-Hellouin. Wie selbstverständlich fügt sie sich in diese für sie so neue Existenz. Sie liebt die Tiere, die uns umgeben. Gemeinsam machen wir eine Psychotherapieausbildung. Ein Jahr nachdem wir uns kennengelernt haben, heiraten wir. Für unsere Hochzeitsreise fahren wir zum Zelten auf eine fast einsame Insel – Perrine hat noch nie unter freiem Himmel geschlafen!

In den folgenden drei Jahren arbeiten wir beide mit großem Eifer daran, unser Stück Land so auszubauen, dass wir uns selbst versorgen und unsere Kinder mit gesunden Produkten ernähren können. Wir pflanzen Obstbäume in großer Zahl und legen den ersten Gemüsegarten an. Schon im ersten Jahr quillt der Garten förmlich über vor Gemüse und wir sind stolz darauf, unseren Freundinnen und Freunden ganze Kisten voll davon zu schenken. „Nicht schlecht für einen Seemann!“, wirft Père Autin eines Tages in den Raum, ein alter Bauer mit ausgeprägter Persönlichkeit, der einen Bauernhof gleich nebenan bewohnt. Mit seinen 80 Jahren ist er das Gedächtnis des Tals.

Ein Nachbar überlässt uns ein 1,2 Hektar großes Grundstück auf der anderen Seite des Baches Le Bec. Wir bauen eine Brücke, um die beiden Ufer zu verbinden. Der Bach spielt eine große Rolle auf unserem Hof, wir überqueren ihn Dutzende Male am Tag, jedes Mal mit einem bewundernden Blick auf die Forellen, die in dem klaren Wasser schwimmen. Le Bec ist eigentlich ein Kanal, der um 1450 gegraben wurde, um die nahe gelegene Abtei mit Wasser zu versorgen. Bec bedeutete in der Wikingersprache „Fluss“, während Hellouin sich vom Namen des Ritters Herluin ableitet, der die Abtei 1034 gegründet hatte. Le Bec ist von Quadersteinen gesäumt und wird auf einer Länge von 3 Kilometern von sieben Wassermühlen unterbrochen. Das Bec-Tal steht heute doppelt unter Schutz: Wir befinden uns in der Nähe der Abtei, die unter Denkmalschutz steht, sowie in einem Natura-2000-Gebiet.