Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Kurze Geschichte mit nur 20-25 Seiten (evtl. anderslautende Anbieter-Angaben gelten für Druckausgabe). Tatastan? Noch nie gehört. Reiseanbieter "Weg von hier mit Wladimir"? Auch nicht. Dennoch bucht der sparsame Familienvater per Mausklick im Internet diesen ach so günstigen - Katastrophenurlaub! In einem wirklich merkwürdigen Land! Ironisch, skurril und handlungsreich mit illustren Charakteren - biederem Familienvater, pubertierenden Töchtern, altkommunistischem Hoteldirektor und geschäftstüchtigen Einheimischen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 33
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Peter Wipper
Unser Urlaub in Tatastan
Sonnig, sandig, billig - und man spricht Deutsch!
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Unser Urlaub in Tastatan
Impressum neobooks
Es war die typische Februar-Samstagmorgen-Frage: Wohin in den Sommerurlaub? „Strand“, sagten die Kinder. „Sonne!“, lechzte meine Frau. „Billig!“, fügte ich hinzu. „Also“, resümierte ich, „sandig, sonnig, billig“, und machte mich gleich an die Arbeit mit der Internet-Recherche. Ich wusste, es würde ein langes Wochenende werden. Meine restriktiven Budgetvorgaben, die Ansprüche meiner Frau und die Badestrand-Fixierung meiner Töchter standen in einem deutlichen Widerspruch, einer Art diabolischem Dreieck, zueinander, zumal die schlimmste Anforderung war: „Und das bitteschön in den nordrhein-westfälischen Schulferien!“. Gut, ich hätte auch ins Reisebüro gehen können, aber ich war nun einmal ein begnadeter Internet-Urlaubsschnäppchenjäger, der von Freunden und Kollegen immer wieder für seine genial billigen Traumurlaube bewundert und beneidet wurde.
Aber dieses Mal fand und fand ich nichts Bezahlbares, obwohl ich keine Einschränkungen in die Auswahlmasken eingegeben hatte und in ganz Südeuropa suchen ließ. Klar, es gab genug Angebote, aber zig tausend Euro für einen schnöden zweiwöchigen Badeurlaub? Ich fing an noch mehr durchzuprobieren und ließ die Suchmaschinen heiß laufen. Schließlich landete ich den ersehnten Treffer, einen absoluten Knaller: vier Sterne zu einem geradezu lächerlichen Preis in einem nagelneuen Hotel im sonnigen Süden. Ich wunderte mich, warum ich nicht früher auf das Angebot gestoßen war, vielleicht lag es an dem kleinen Reiseveranstalter „Weg-von-hier-mit-Wladimir“? Vielleicht aber auch daran, dass Tatastan eben nicht mehr so ganz in Europa liegt? Aber direkt dran! „Treffer, versenkt!“, jubilierte ich und klatschte dabei so vergnügt in die Hände, dass meine Frau neben mir erschrak. Sie war eingenickt, es war nämlich inzwischen schon später Sonntagabend geworden.
Wie immer war meine Frau sehr skeptisch: „Tatastan?“. Ich holte den Atlas heraus und schlug die Europakarte auf. Mit Daumen und gestreckt gehaltenem kleinem Finger maß ich den Abstand zwischen Deutschland und Tatastan, schlug gekonnt einen Kreis gen afrikanische Westküste und sagte überzeugend: „Ungefähr gleiche Entfernung wie die Kanaren.“ Zum Glück war meine Frau sehr müde. Und als ich ihr das Foto von dem modernen Hotel und dem sauberen Strand zeigte mit der Überschrift „Genießen Sie die sprichwörtliche Gastfreundschaft Tatastans!“, da stimmte sie schließlich zu. Ich buchte umgehend, bevor uns dieses Schnäppchen im letzten Moment noch jemand wegschnappte. Mein Herz klopfte. Erleichterung: Ich bekam die Buchungsbestätigung. „Was für ein Sprichwort eigentlich?“, wollte meine Frau noch wissen. „Sprichwort?“ „Ja, das mit der Gastfreundschaft von Tastanien“. „Tatastan“, korrigierte ich und log: „Ich glaub‘, ich hab‘ schon mal davon gehört.“
Freunden gegenüber erwähnte ich gerne lässig beiläufig den Preis meines frisch gemachten Schnäppchens. Sie staunten, zahlten sie doch schon das Gleiche für die Ferienwohnung an der zugigen Nordsee oder das Doppelte für die hochsommerliche Hölle von Mallorca. Einige hatten noch keinen Urlaub gebucht und wollten nun auch dorthin, nach Tatastan, aber ich konnte sie zum Glück abwimmeln. „Wenn es wirklich gut ist, gebe ich euch die Angaben, dann könnt ihr euch das ja mal überlegen für nächstes Jahr“, vertröstete ich sie mit professioneller Vorsicht – und in weiser Voraussicht.
Eine erste Unannehmlichkeit wurde mir offenbar, als ich aufgeregt die Reiseunterlagen aus dem Briefumschlag nahm, der uns kurz vor der Reise zugeschickt worden war: Der Flug startete von Berlin, was bekanntlich eine Stadt unweit der polnischen Grenze ist und somit für Rheinländer äußerst ungünstig liegt. Ich hatte offenbar zum Schluss im Internetportal keine Wunsch-Abflughäfen mehr angegeben. Meine Frau konnte ich aber binnen weniger Minuten damit beruhigen, dass wir kostenfrei per Bahn aus Köln anreisen durften.
Dass es sich nicht um einen Direktflug handelte, sagte ich ihr erst einmal nicht, DAS Beruhigen würde etwas länger dauern. Vorher musste ich mir etwas Überzeugendes einfallen lassen, wie wir die 15, nein, 16 Stunden Aufenthalt in Minsk attraktiv gestalten könnten. „Oh, wie schön, Schatz, ich wollte immer schon mal die weißrussische Hauptstadt kennenlernen!“, ein solcher Satz wäre vielleicht ein Versuch wert gewesen, aber nicht bei meiner Frau, die ließ sich nicht für blöd verkaufen.
