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"Loszusegeln bedeutet, Weite zu erfahren, die Perspektive deutlich zu verändern, die Dinge von See zu sehen und nicht nur den dahingleitenden weißen Segeln sehnsüchtig nachzublicken. An Orte zu gelangen, zu denen keine Fähre fährt." Ein Segelsommer auf einem Folkeboot - viel allein und manchmal auch zu zweit.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Tallinn/Estland
Haven Kakumäe 59˚27.092’N, 24˚36.403’E
Ab ins Wasser!
Der Winter ist vorüber und ich habe mich zusammen mit
meiner Freundin Barbara auf den Weg nach Tallinn gemacht.
Hier wartet SIE auf uns, um nach Hause zu segeln.
„SY FOFFTEIN“, gebaut in den Sechzigern, vermutlich in Schweden, so genau weiß das niemand mehr, keine Papiere, keine Plakette - wie das so ist bei einem alten Boot mit einigen Voreignern, bevor ich sie im letzten Jahr übernahm.
Sie ist ein hölzernes Folkeboot, Mahagonie auf Eiche. Wenn man genau ist, ist es kein „richtiges“ Folkeboot. Vielmehr ein „Wanderfolke“ und in ihren Abmessungen und Kabinenmaßen dem späteren IF-Boot ähnlich. Ein Raum zum Leben auf 7,8 mal 2,2 Meter.
Im vergangenen Jahr habe ich sie segelklar gemacht und bin mit ihr „Einhand“ gesegelt. Ein Abenteuer, das mich von Hamburg, nach Lübeck, Bornholm, Schweden, die Ålandinseln, Finnland, bis nach Tallinn führte. Dort, ich war spät im Segeljahr, es war schon September, änderte sich das Wetter zum Schlechten und ich entschied schweren Herzens „mein“ Boot dort überwintern zu lassen.
Wenn ich darüber nachdenke, so war und ist sie mehr als nur ein Boot. Sie war meine schwimmende skandinavische Hütte, ein Lebensraum für Monate, mein Rückzugs- und Begegnungsort. Leben im Kleinen.
Nach einer langen Busfahrt, ja, wir sind mit dem Bus nach Estland gefahren, was ein Abenteuer für sich war und uns einen Blick auf Polen, Litauen und Lettland zu werfen ermöglichte - einen flüchtigen zugegeben - kommen wir ziemlich zerknittert aber glücklich nach 28 Stunden in Tallinn an und sehen Fofftein nun wieder „in echt“.
Dank einer Webcam konnte ich sie in den letzten Monaten immer mal wieder beobachten, wie sie tief verschneit und verfroren unter ihrer weißen Plastikhülle an Land stand und dort den Elementen trotzte.
Als ich vor ihr stehe denke ich, puh, die See, Eis, Schnee und Frost haben ihre deutlichen Spuren hinterlassen und auch jener „Riesenpariser“ hat das seinige getan. Deck und Kabine waren so sehr geschützt und luftdicht versiegelt, dass sich darunter ein wunderbares Habitat für den Schimmel bilden konnte - manchmal ist Frischluft wirklich nicht das Schlechteste.
Es wartete also Arbeit. Schleifen, vor allem putzen, streichen und lackieren - nur eine Woche Zeit, am 4. Mai kommt der Kran! Also ran!
Ankunft
Tallinn/Estland
Haven Kakumäe 59˚27.092’N, 24˚36.403’E nach
Insel Naissaar/Estland
59˚33.421’N, 24˚33.195’E
8NM
Ein Segler steht im Wald
Es hat alles etwas länger gedauert als angenommen, doch nun ist sie im Wasser und wir brechen auf für die ersten Meilen unter Segeln.
In der letzten Woche hat sie noch einiges an Wasser genommen und die automatische Bilgepumpe, eines der wenigen elektrischen Geräte an Bord, musste ganze Arbeit leisten - nachdem ich den Schwimmschalter wieder in Ordnung gebracht habe - Saisonstart eben.
Fofftein ist proviantiert, hat genügend Treibstoff für den Motor, ein Vire 7PS, an Bord, Mast steht, Segel sind angeschlagen und der Wind passt auch. Vom restlichen Wetter ist nichts zu berichten, da die Sonne uns seit Tagen mit ihren Strahlen verwöhnt und von Wolken gar keine Rede sein kann. Also, Leinen los!
Ach Stop! So einfach war das alles doch nicht. Wie erwähnt hat sie diesen alten Motor… und vor drei Tagen hieß es schon einmal „Leinen los“, doch dann, Rauch aus dem Motorraum! Kabelbrand!
Kakumäe Haven ist ein wirklich schöner Hafen und die beiden Hafenmeister, Jakko und Martin, sehr hilfsbereit. Nach ein paar Telefonaten war ein Techniker gefunden, wie sich später herausstellen sollte, war dieser ältere Herr, der mit Jacket und Werkzeugkoffer an Bord kam und kein Wort Englisch sprach, wie gesagt Martin und Jakko waren auch hier sehr hilfsbereit und stellten ihr Talent als Übersetzer unter Beweis, zu unser aller Überraschung, ein Professor des hiesigen Technikums und betrachtet die Reparatur von Reglern und den Austausch einiger Kabel eher als Hobby. Großartig! Alles lief nach ein paar Tagen.
Nun aber wirklich „Leinen los“!
Es ist immer wieder ein erhebendes Gefühl das erste Mal die Segel hochzuziehen, den Motor abzustellen, aus dem Wind zu drehen, die Segel sich aufblähen sehen und zu spüren, dass das Boot lautlos die Geschwindigkeit beibehält und steigert.
Phänomenal!
Der Turn heute ist wirklich kurz, nur ein paar Probeschläge über die Bucht von Tallinn, leichter Seegang, Südost bei 2-3 Beaufort, alles gut im Rigg, die Fraueninsel wartet.
Naissaar ist ein Naturparadies mit kleinem Hafen. Bis zur „Singenden Revolution“ und der Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion war diese Insel militärisches Sperrgebiet, da sich hier eine große Seeminenfabrik befand, die noch heute in ihren Überresten zu bestaunen ist. Ansonsten gibt es acht Einwohner, die einzige Schmalspureisenbahn Estlands und eine sehr freundliche und junge Hafenmeisterin - Katlin - sonst nichts, bzw. viel Wald, Strände, Steine… nicht zu vergessen die Wildschweine und Giftschlangen vor denen wir explizit gewarnt wurden!
Mit Katlin haben wir uns auf Anhieb gut verstanden, viel Kaffee miteinander getrunken und gequatscht. Leben, Liebe, Träume. Man kommt schnell zum Wesentlichen, wenn man unterwegs ist - warum auch immer.
Sie selbst lebt seit vier Jahren auf der Insel, ihr Freund Rasmus fährt zur See und nach ein paar Tagen langer Waldspaziergänge, ungezählter Tassen Kaffee, viel Eis und einem von den Frauen geschmiedeten Plan zur Ansiedlung einer Herde von Wildpferden auf der Insel, will sie uns gar nicht mehr ziehen lassen, doch Fofftein zehrt an ihren Leinen und mahnt uns, dass die Reise gerade erst begonnen hat.
Insel Naissaar/Estland
59˚33.421’N, 24˚33.195’E nach
Järvö/Finnland
59˚57.878’N, 24˚29.543’E
24NM
Finnland wir kommen!
Gastlandfahne gewechselt und 24NM später erreichen wir Järvö. Der Wind kam schwach aus Nordost, leichte Dünnung, Sonne pur und Begegnung mit den „Großen“ von der Handelsschifffahrt.
Dieser „Gasthafen“ entpuppt sich als privater Clubsteg und wir werden eher geduldet als willkommen geheißen. Also versprochen, nur für eine Nacht und morgen früh sind wir definitiv wieder weg. Die Clubber wollen dann doch lieber unter sich sein und ihre Insel genießen. Also nur ein scheuer kurzer Rundgang, Abendessen und ab in die Falle - wir müssen ja früh aufbrechen…
Järvö/Finnland
59˚57.878’N, 24˚29.543’E nach
Helsinki Marina
60˚10.162’N, 24˚57.751’E
20,6NM
Wahrnehmung von Zeit
Wenn man als Ausschläfer mit einer Südamerikanerin, genauer Chilenin mit italienischen Wurzeln, unterwegs ist, relativiert sich der Umgang und das Verhältnis zu Zeit und gegebenen Versprechen bezüglich eines frühen Abfahrtszeitpunktes, zumindest wenn man finnischen Seglerfreunden begegnet, deren Bordchromographen doch deutlich genauer gehen als der unsere. So werden wir also freundlich darauf hingewiesen, dass es nun schon Mittag sei und wir die „morgendliche“ Toilette doch bitte etwas beschleunigen sollen, wie gesagt, man ist gern unter sich, in der Stille der eigenen Clubinsel.
Wind ist ein Fremdwort an diesem Tag und aus Sicht vieler Motorbootfahrer denen wir heute begegnen, vollkommen überschätzt, doch das schreckt uns nicht und wir ziehen tapfer die Segel hoch um jeden nur winzigen Windhauch einzufangen - was auch gelingt, 1-2 Knoten laufen wir, immerhin!
Barbara nutzt das Kaiserwetter für ein ausgiebiges Sonnenbad auf den Backskisten - schwer für mich sich da noch auf die Navigation zu konzentrieren…
Nach einigen Stunden des Dümpelns entscheiden wir uns dann doch das „Dritte Segel“ in Betrieb zu nehmen und tuckern so auf Helsinki zu, das sich immer deutlicher zwischen den Steininselchen abzeichnet.
Habe ich schon erwähnt, dass wir uns weit vor der skandinavischen Segelsaison befinden? Da wo mich im letzten Jahr unzählige Boote empfingen und es schwer war überhaupt eine freie Boje zu finden - hier findet man überall dieses wunderbar einfache Heckbojensystem in den Häfen - erwartet uns nun geradezu gespenstische Leere. Die Qual der Wahl, wo machen wir fest?
Die Wahl fällt auf die Helsinki Marina, einen Steinwurf vom Präsidentenpalast und unterhalb der Orthodoxen Kathedrale gelegen - einziger Nachteil, der, weitaus günstigere Bojenpier, man muss ja ein bisschen auf die Bordkasse achten, ist öffentlich zugänglich und schnell wird unser Holzbötchen zur lokalen Fotoattraktion nebst Skipperpärchen. Zoo könnte man auch sagen.
Also Rückzug in die Abendsauna und anschließendem ersten Stadtrundgang - wie gesagt, wir liegen wirklich sehr zentral - mit der obligatorischen Pizza, eine Tradition, die ich im letzten Jahr von einem niederländischen Weltumseglerpaar übernommen habe, die mir erklärten, dass sie in jedem Hafen nach einer Pizza suchten, eines der wenigen Gerichte, das sie nicht in ihrer Kombüse zubereiten konnten. Da unsere „Kombüse“ lediglich aus einem zweiflammigen Gaskocher besteht und ziemlich winzig ist, ist eine Pizza wirklich willkommen.
Den Rotwein gab es übrigens an Bord - wir wollten die Bordkasse mit den finnischen Alkoholpreisen wirklich nicht überstrapazieren…
Helsinki Marina
60˚10.162’N, 24˚57.751’E nach
Helsingi Moottorivenekerho Ry
60˚10.371’N, 24˚57.766’E
Kreuzfahrer aus der Heimat
Jakko aus Tallinn mochte es ja kaum glauben, dass zwei Menschen in dieser Kabine leben, schlafen, lieben und essen können. Doch all das gelingt erstaunlich gut in diesem kleinen
Raum indem man nicht aufrecht stehen kann, der Steuer- und Backbord eine schmale Koje aufweist und dessen vorderer Teil, getrennt durch ein Schott, voll ist mit dem Gepäck der Reisenden, nebst Ersatzsegel, Klappfahrrad, Seekarten, und und und… der begehbare (bekriechbare) Kleiderschrank sozusagen.
Kaum der sicheren Höhle entstiegen und das Frühstück auf der Terrasse, andere nennen es Plicht, einnehmend, hat der Zoo wieder geöffnet, und es dauert nicht lang bis es deutsch hinüberschallt „ein Landsmann“ - diese Fahne am Heck verrät einiges. Es ist für mich immer wieder seltsam den Adenauer zu setzen. Mein Umgang mit dem deutschen Nationalen ist an Land deutlich unausgeprägter und selbst mein Bedürfnis die drei Streifen an meinem Auto auszufahren, wenn „Die Mannschaft“ an einem internationalen Wettstreit teilnimmt, hält sich doch deutlich in Grenzen. Auch scheint mir es immer wieder merkwürdig in Gewässern der Europäischen Union zu schippern und die unterschiedliche Nationalität als Akt souveräner Abgrenzung anzuzeigen, wo wir doch alle BürgerInnen dieser Union sind. Die goldenen Sterne auf blauen Grund ständen Fofftein auch gut zu Gesicht. Dennoch, gute Seemannschaft gebietet seine Flagge zu zeigen. Also raus damit!
Als Deutscher auf Deutsch identifiziert, unsere gemeinsame Bordsprache ist in diesen Tagen Englisch, da mein Spanisch und ihr Deutsch deutlich ausbaufähig sind, sehe ich eine vierköpfige Familie staunend vor dem Boot stehen und drei Paar Kinderaugen, auch Papa ist wieder zum Jungen mutiert, wandern über Mast und Rumpf und schließlich hinüber zum kaffeeschlürfenden Pärchen auf der Terrasse - äh, in der Plicht. Also schnell auf das Vordeck und Palaver über Reiseverlauf, Bötchen, woher, wohin, wie lange, staunen, scheues Lächeln und schließlich, man ist ja kein Unmensch und wer kann schon Kinderaugen widerstehen, Einladung an Bord zu kommen. Mama bleibt übrigens an Land - soviel Landsmannschaft ist ihr wohl nicht ganz geheuer.
Die Vier sind auf Kreuzfahrt, mit Aida, der Kinder wegen, alles super, sehr schön, nur Zeit hat man keine in den Häfen. Gestern Tallinn, vorgestern Sankt Petersburg, immer schön in der Gruppe, da sie kein Visum hatten, heute Helsinki, aber nur bis abends, dann geht es schon weiter über Nacht nach Stockholm der letzten Station und dann gen Heimat, nach Warnemünde. Ich gebe also Grüße in jene „Heimat“ mit. Obligatorisch folgt „Vielen Dank“, „Gute Reise“, „Schönen Aufenthalt“… Vater sagt noch, „sowas wollte er auch mal machen“ einfach segeln, mit Zeit…
Warum denn eigentlich nicht?
Ein Boot kostet, wenn man sich auf ein kleines beschränkt und Gebrauchsspuren akzeptieren kann und vielleicht nicht ganz ungeschickt mit seinen Händen ist, um nötige Reparaturen und Ausbesserungen selbst zu machen, nicht die Welt. Klar ist man in den Häfen meist das kleinste Boot und wird manchmal komisch beäugt von Menschen auf großen Yachten die, von Komfort und Preis, eher mit einem freistehenden Einfamilienhaus zu vergleichen sind, doch bringt einen eben jenes Boot an wunderbare Orte. Segelt in der Stille. Bietet einen Platz zum Schlafen und manchmal ist es eben die Attraktion, weil es sich so deutlich von den schwimmenden Plastikgenossinnen unterscheidet und so mancher Hafenmeister mir schon die Gebühr mit den Worten „von einem echten Boot nimmt er kein Geld“ erlassen hat.
