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Gewalt ist nicht immer sichtbar. Sie wirkt leise – durch Kontrolle, Manipulation oder institutionelles Versagen. Dieses Buch zeigt Fachkräften und Nahestehenden, wie sie unsichtbare Gewalt erkennen, verstehen und wirksam handeln können. Klar, fundiert, praxisnah – für alle, die Schutz und Sicherheit schaffen wollen. Dieser Leitfaden bietet: ✔Praxisnahe Werkzeuge für Fachkräfte ✔Klarheit über unsichtbare Gewaltformen ✔Handlungssicherheit in schwierigen Situationen ✔Traumasensible Ansätze zum Schutz von Betroffenen Damit Kinder und Mütter nicht länger ungeschützt bleiben.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
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Anja Krummeck
Kiefernweg 3, 55442 Stromberg
55442 Stromberg, Deutschland
E-Mail: [email protected]
Umsatzsteuer-ID: DE296154639
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Autorin: Anja Krummeck
Verlag: PONARA Edition
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Gewalt innerhalb von Familien – ob zwischen (Ex-)Partnern, gegenüber Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen – gehört zu den häufigsten, gleichzeitig aber auch zu den am wenigsten erkannten Formen von Gewalt. Häufig bleibt sie über Jahre oder sogar Jahrzehnte unentdeckt. Vor allem dann, wenn es sich um psychische, emotionale oder ökonomische Gewalt handelt. Diese Formen hinterlassen keine sichtbaren Spuren – und dennoch massive Schäden.
Dieser Ratgeber richtet sich an Menschen, die beruflich oder privat mit dem Thema in Berührung kommen:
• Fachkräfte in Schule, Kita, Beratung, Jugendhilfe oder Justiz
• Angehörige, Bekannte oder Nachbar:innen, die ein ungutes Gefühl haben
• Betroffene selbst, die beginnen, ihre eigene Situation zu hinterfragen
Ziel ist es, Gewalt in ihren vielfältigen Erscheinungsformen sichtbar und verstehbar zu machen – und Wege aufzuzeigen, wie man kompetent, sensibel und rechtlich fundiert darauf reagieren kann.
Warum dieser Ratgeber?
In der öffentlichen Wahrnehmung ist „häusliche Gewalt“ häufig gleichgesetzt mit körperlichen Angriffen – Schlagen, Würgen, Verletzen. Doch Gewalt beginnt lange vorher. Sie kann sich in Worten, im Schweigen, in Schuldzuweisungen, Drohungen, Geldentzug, Kontrollverhalten oder digitaler Überwachung zeigen.
Beispiele aus der Praxis:
• Eine Frau darf ihr Konto nicht selbst verwalten, obwohl sie berufstätig ist.
• Ein Vater droht der Mutter, ihr das Sorgerecht zu entziehen, wenn sie sich trennt.
• Ein Kind wird nicht geschlagen, aber regelmäßig angeschrien, manipuliert oder abgewertet.
• Eine Jugendliche wird von ihrer Familie kontrolliert, wer sie trifft, was sie anzieht oder ob sie ein Smartphone nutzen darf.
• Eine Mutter mit Hörbehinderung erhält keine Unterstützung für barrierefreie Kommunikation mit Behörden – sie versteht Termine nicht richtig, verpasst Fristen und wird dafür verantwortlich gemacht.
All das ist Gewalt.
Was Sie in diesem Buch finden
Der Ratgeber behandelt u. a. folgende Themen:
• Was genau ist intrafamiliäre Gewalt – und welche Formen gibt es?
• Wie erkennt man psychische, ökonomische oder digitale Gewalt?
• Welche Warnzeichen zeigen sich bei Betroffenen – besonders bei Kindern?
• Wie wirken sich Gewalt und Machtmissbrauch auf die Psyche aus?
• Welche Rechte haben Betroffene – z. B. auf Schutz, Barrierefreiheit, Beratung?
• Welche Handlungsmöglichkeiten haben Fachkräfte und Angehörige?
Ergänzt wird der Text durch:
• Fallbeispiele aus der Praxis
• Hinweise zu rechtlichen Grundlagen
• Checklisten zur Einschätzung und Dokumentation
• Empfehlungen für weiterführende Stellen und Materialien
Ein Hinweis zur Sprache
Aus Gründen der Lesbarkeit wird teilweise das generische Femininum oder Maskulinum verwendet. Gemeint sind stets alle Geschlechter. Auch wenn statistisch gesehen vor allem Frauen und Kinder von Gewalt in Familien betroffen sind, erleben auch Männer und nicht-binäre Personen Gewalt – und benötigen Schutz und Anerkennung.
Warnhinweis
Die in diesem Ratgeber behandelten Themen können emotional belastend oder retraumatisierend wirken – insbesondere für Menschen, die selbst Gewalt erlebt haben. Bitte achte beim Lesen gut auf dich. Es ist völlig in Ordnung, Pausen einzulegen oder bestimmte Abschnitte erst zu einem späteren Zeitpunkt zu lesen.
Wenn du merkst, dass dich Inhalte stark belasten, ziehe in Betracht, Unterstützung durch eine Vertrauensperson oder eine Fachstelle in Anspruch zu nehmen.
Zum Schluss
Dieser Ratgeber soll helfen, hinzuschauen statt wegzusehen, und Verantwortung zu übernehmen, wo es nötig ist. Niemand muss Expert:in für alles sein – aber jede Person kann lernen, Gewalt zu erkennen und sich schützend vor Betroffene zu stellen.
Denn: Schweigen schützt nur die Täter.
Kapitel 1: Was ist intrafamiliäre Gewalt?
Definitionen und Formen
Intrafamiliäre Gewalt bezeichnet Gewaltformen, die innerhalb familiärer oder familienähnlicher Beziehungen stattfinden. Dazu gehören nicht nur Gewalt zwischen Partner:innen, sondern auch Gewalt gegenüber Kindern, pflegebedürftigen Angehörigen oder älteren Familienmitgliedern. Der Begriff umfasst alle Gewaltformen, die in einem privaten, auf Nähe und Abhängigkeit beruhenden Kontext stattfinden.
In Deutschland spricht man im rechtlichen und fachlichen Kontext oft auch von:
• Häuslicher Gewalt
• Partnerschaftsgewalt
• Familiärer Gewalt
• Gewalt im sozialen Nahraum
Gewalt bedeutet nicht nur körperliche Übergriffe. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) definiert Gewalt als den absichtlichen Einsatz von physischer Kraft oder Macht, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden oder Entwicklungsstörungen führt – unabhängig davon, ob der Schaden tatsächlich eintritt.
Zu den Formen intrafamiliärer Gewalt gehören:
• Körperliche Gewalt: Schlagen, Stoßen, Würgen, Festhalten, körperliche Strafen
• Sexualisierte Gewalt: Übergriffe, Missbrauch, erzwungene sexuelle Handlungen
• Psychische/emotionale Gewalt: Drohungen, Kontrolle, Manipulation, ständige Abwertung
• Ökonomische/finanzielle Gewalt: Kontrolle über Geld, Arbeitsverbote, Schulden anhäufen
• Digitale Gewalt: Überwachung, Beleidigung oder Kontrolle über Messenger/Apps
• Soziale Gewalt: Isolation, Kontaktverbote, Ausgrenzung, Rufschädigung
• Strukturelle Gewalt: Benachteiligung durch fehlende Barrierefreiheit, Ausnutzung von Hilfebedürftigkeit oder Abhängigkeit (z. B. bei Pflegebedürftigen)
Körperliche Gewalt
Was ist körperliche Gewalt?
Körperliche Gewalt ist die am deutlichsten sichtbare Form von Gewalt – und trotzdem bleibt sie in vielen Fällen im Verborgenen. Sie umfasst alle Handlungen, bei denen einem Menschen durch körperliche Einwirkung Schmerz, Verletzungen oder gesundheitliche Schäden zugefügt werden, ganz gleich ob diese sichtbar sind oder nicht. Körperliche Gewalt kann einmalig, wiederholt oder systematisch auftreten.
Im familiären Kontext betrifft körperliche Gewalt nicht nur die Partnerschaft, sondern oft auch die Kinder – sei es durch direkte Gewalt oder durch das Miterleben von Gewalt zwischen den Eltern.
Formen körperlicher Gewalt
Schlagen, Stoßen, Treten
Gewalthandlungen wie Ohrfeigen, Faustschläge, Tritte oder das Schubsen gegen Wände oder Möbel zählen zu den häufigsten Formen körperlicher Übergriffe.
Beispiel: Nach einem Streit in der Küche stößt der Partner die Frau so heftig gegen den Kühlschrank, dass sie sich eine Rippe prellt. Er behauptet später, sie sei „einfach gestolpert“.
Würgen
Würgen ist eine besonders gefährliche Form körperlicher Gewalt, da sie lebensbedrohlich ist und häufig als Drohgebärde eingesetzt wird. Oft bleiben äußerlich kaum sichtbare Spuren, obwohl die Bedrohung und der Kontrollverlust extrem sind.
Beispiel: Ein Mann greift seiner Partnerin während eines Streits an den Hals und drückt zu – nicht, um sie zu töten, sondern um „ihr zu zeigen, wer das Sagen hat“.
Festhalten oder Einschließen
Auch das Fixieren, Festhalten gegen den eigenen Willen, das Blockieren eines Weges oder das Einsperren in einem Raum sind Formen körperlicher Gewalt. Sie dienen nicht selten der Machtdemonstration und Einschüchterung.
Beispiel: Eine Frau versucht, nach einem Streit das Haus zu verlassen, doch der Partner stellt sich vor die Tür, drückt sie gegen die Wand und lässt sie nicht gehen. Sie darf erst hinaus, als sie verspricht, „sich zu beruhigen“.
Körperliche Strafen bei Kindern
Auch sogenannte „Erziehungsmaßnahmen“, die auf körperlicher Züchtigung basieren, zählen zur Gewalt. In Deutschland sind körperliche Strafen gegen Kinder gesetzlich verboten (§1631 Abs. 2 BGB: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.“)
Beispiel: Ein Vater schlägt seinem Sohn beim Abendessen auf die Finger, weil dieser mit dem Essen spielt. Er nennt das „eine kleine Lektion“.
Folgen körperlicher Gewalt
Die körperlichen und seelischen Folgen können gravierend sein – sowohl bei einmaliger als auch bei wiederholter Gewaltausübung. Dazu zählen:
• Prellungen, Hämatome, Knochenbrüche
• Kopfschmerzen, Schlafstörungen, chronische Schmerzen
• Angstzustände, Depression, Traumafolgestörungen (z. B. PTBS)
• Verlust des Körpervertrauens und dauerhafte Anspannung („Hypervigilanz“)
Bei Kindern ist das Miterleben oder selbst Erleben von körperlicher Gewalt ein massiver Risikofaktor für psychische Erkrankungen, Verhaltensauffälligkeiten, Schulprobleme und späteres selbstverletzendes Verhalten oder eigene Gewaltanwendung.
Warum bleibt körperliche Gewalt so oft im Verborgenen?
Weil Scham, Angst und Abhängigkeit groß sind. Weil viele Betroffene die Gewalt verharmlosen oder rationalisieren („War ja nur ein Schubser“, „Ich habe ihn provoziert“). Weil Täter*innen oft zwischen Gewalt und liebevollen Phasen wechseln – ein Kreislauf aus Angst, Hoffnung und Schuldgefühlen, der schwer zu durchbrechen ist.
Außerdem werden Gewalthandlungen im familiären Kontext häufig nicht als Straftat erkannt, sondern als „Beziehungsproblem“, „Ausnahme“ oder „private Angelegenheit“ abgetan – auch von Außenstehenden wie Nachbarn, Kolleg*innen oder sogar Behörden.
Der Kreislauf der Gewalt
Körperliche Gewalt tritt selten isoliert auf. Oft ist sie eingebettet in einen Kreislauf aus psychischer, ökonomischer und/oder sexualisierter Gewalt. Typisch ist die sogenannte Gewaltspirale:
1. Anspannung: Die Stimmung verschlechtert sich, der Druck steigt.
2. Gewaltausbruch: Es kommt zu einem Übergriff.
3. Reue und Entschuldigung: Die gewaltausübende Person zeigt Reue, macht Versprechungen.
4. Ruhephase: Alles scheint wieder gut zu sein – Hoffnung auf Veränderung entsteht.
5. Wiederbeginn: Die Anspannung steigt erneut. Der Kreislauf beginnt von vorn.
Das Erkennen dieser Dynamik ist ein erster, wichtiger Schritt zur Veränderung – für Betroffene, Fachkräfte und das soziale Umfeld.
Sexualisierte Gewalt
Was ist sexualisierte Gewalt?
Sexualisierte Gewalt bezeichnet jede Form sexueller Handlung, die gegen den Willen einer Person erfolgt oder unter Bedingungen geschieht, in denen keine echte Zustimmung möglich ist. Dabei geht es nicht um Sexualität, sondern um Macht, Kontrolle, Erniedrigung und Grenzverletzung.
Sexualisierte Gewalt kann in Partnerschaften, in Familien oder gegenüber Kindern vorkommen – unabhängig vom Geschlecht der Betroffenen. Täter sind mehrheitlich Männer, Betroffene überwiegend Frauen und Mädchen, aber auch Jungen und Männer erleben sexualisierte Gewalt.
Formen sexualisierter Gewalt
Körperliche Übergriffe
Sexuelle Handlungen, die gegen den Willen einer Person geschehen, z. B. Berührungen an Intimzonen, erzwungenes Küssen, Zwang zum Ausziehen oder Vordringen in den Körper mit Körperteilen oder Gegenständen.
Beispiel: Eine Frau wird von ihrem Partner regelmäßig gezwungen, ihn oral zu befriedigen, obwohl sie mehrfach deutlich gemacht hat, dass sie das nicht will. Er droht sonst mit dem Entzug finanzieller Unterstützung.
Vergewaltigung
Jede Form von erzwungenem Geschlechtsverkehr – durch körperliche Gewalt, Drohungen oder psychischen Druck – ist Vergewaltigung. Auch in bestehenden Beziehungen oder Ehen ist dies eine Straftat (§177 StGB).
Beispiel: Ein Mann zwingt seine Frau zum Sex, obwohl sie körperlich krank ist und klar „nein“ sagt. Er hält sie fest, sie weint – er ignoriert das.
Sexuelle Nötigung und Manipulation
Auch wenn keine körperliche Gewalt angewendet wird, kann es sich um sexualisierte Gewalt handeln – z. B. durch emotionalen Druck, Erpressung, Schuldzuweisungen oder Abhängigkeit.
Beispiel: „Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du es tun.“ Oder: „Sonst hole ich mir das eben woanders.“
Sexualisierte Gewalt gegen Kinder
Hierzu zählen jede sexuelle Handlung an oder mit einem Kind, aber auch das Zeigen pornografischer Inhalte, das Verletzen von Schamgrenzen oder verbal übergriffige Bemerkungen. Kinder können keine wirksame Zustimmung geben – sie sind immer Opfer, nie verantwortlich.
Beispiel: Ein Stiefvater setzt sich nackt neben die 12-jährige Tochter der Partnerin und kommentiert ihren Körper.
Die unsichtbare Dimension: Wenn sexualisierte Gewalt nicht als solche erkannt wird
Gerade in Beziehungen ist sexualisierte Gewalt besonders schwer zu benennen. Viele Betroffene glauben, „Pflichten“ zu haben, oder sie fühlen sich schuldig, weil sie sich irgendwann „nicht gewehrt“ haben. Täter wiederum setzen oft darauf, dass das Opfer sich schämt, schweigt oder zweifelt, ob das Geschehene „wirklich so schlimm“ war.
Ein typisches Beispiel ist das „Aushalten von Sex gegen den eigenen Willen“, um Streit zu vermeiden, Kinder zu schützen oder finanzielle Sicherheit nicht zu gefährden.
Auch Schlafende zu penetrieren, ohne Zustimmung Kondome wegzulassen (sogenanntes Stealthing) oder Sex einzufordern trotz klarer Ablehnung sind Formen sexualisierter Gewalt.
Auswirkungen auf Körper und Psyche
Sexualisierte Gewalt hat tiefgreifende Folgen – sie greift das körperliche und seelische Selbstverständnis einer Person an. Typische Folgen sind:
• Scham, Schuldgefühle, Selbsthass
• Schlafstörungen, Panikattacken, Flashbacks
• Sexuelle Funktionsstörungen, Abneigung gegen körperliche Nähe
• Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
• Bindungs- und Vertrauensprobleme
Kinder, die sexualisierte Gewalt erleben oder miterleben, entwickeln häufig langfristige seelische und körperliche Folgen, etwa Essstörungen, Dissoziation, selbstverletzendes Verhalten oder psychosomatische Erkrankungen.
Was viele nicht wissen
• In Deutschland ist jede sexuelle Handlung ohne Zustimmung strafbar – auch in Ehe oder Beziehung.
• Die Aussage „Ich hatte Angst, nein zu sagen“ ist keine Zustimmung.
• Sexualisierte Gewalt kann auch dann vorliegen, wenn kein körperlicher Zwang angewendet wurde.
• Auch psychisch kranke, abhängige oder eingeschüchterte Personen können sich oft nicht wirksam wehren – das macht die Tat nicht weniger gewaltvoll.
• Sexualisierte Gewalt muss nicht mit Gewaltandrohung oder „sichtbaren Verletzungen“ einhergehen, um traumatisch zu sein.
Fazit
Sexualisierte Gewalt ist mehr als das, was in der Öffentlichkeit unter dem Begriff „Vergewaltigung“ verstanden wird. Sie ist eine Machtform, eine Grenzverletzung, ein Missbrauch von Intimität – und sie betrifft mehr Menschen, als viele glauben. Ihre Erkennung erfordert ein sensibles, aufgeklärtes Umfeld. Ihre Bekämpfung braucht mutige Stimmen und Schutzräume.
Psychische und emotionale Gewalt
Psychische oder emotionale Gewalt ist oft unsichtbar, aber besonders wirksam – weil sie tief ins Selbstwertgefühl eingreift, die Wahrnehmung verzerrt und langfristig krank macht.
Typische Verhaltensweisen sind:
• Demütigungen („Du bist nichts wert.“, „Ohne mich schaffst du das nie.“)
• Abwertungen („Du bist zu dumm, zu fett, zu faul…“)
• Manipulation (z. B. durch Schuldgefühle oder Mitleidsdruck: „Wenn du mich verlässt, bringe ich mich um.“)
• Einschüchterung (z. B. durch Schweigen, zerstörte Gegenstände, plötzliche Wutausbrüche)
• Drohungen (z. B. Sorgerechtsentzug, Anzeige, Jobverlust, Gewaltandrohung)
• Gaslighting – eine besonders gefährliche Form, bei der Betroffene systematisch an ihrer eigenen Wahrnehmung und Erinnerung zweifeln sollen: „Du bildest dir das nur ein“, „Das hast du dir doch ausgedacht“, „Du übertreibst immer.“
Beispiel: Ein Vater sagt seinem Sohn immer wieder: „Wenn du zu Mama willst, liebst du mich wohl nicht genug.“Der Junge beginnt, seine eigenen Wünsche zu unterdrücken, hat Angst vor Ablehnung und passt sich dem Vater völlig an – aus Loyalität und Schuldgefühl. Er zieht sich zunehmend von der Mutter zurück, obwohl er sich nach ihr sehnt.
Unsichtbare Gewalt im Alltag
Nicht jede Form psychischer Gewalt ist auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Besonders schwer zu benennen – aber nicht weniger schädlich – ist unsichtbare Gewalt, die über längere Zeit den Alltag prägt. Hierzu gehören:
• Ständiges Kritisieren und Nörgeln, auch bei Kleinigkeiten
• Liebesentzug oder emotionale Kälte, um Macht auszuüben
• Soziale Isolation – etwa durch das Verbot, Freund:innen oder Familie zu sehen
• Verweigerung von Unterstützung bei Krankheit, Überforderung oder beruflichen Zielen
• Sabotage von Selbstwirksamkeit: Entscheidungen werden abgenommen, Erfolge abgewertet
Beispiel: Ein Mann lässt seine Frau keine Entscheidungen treffen – weder über den Einkauf noch über die Schulwahl der Kinder. Spricht sie sich gegen ihn aus, reagiert er mit tagelangem Schweigen. Außenstehenden gegenüber tut er freundlich und verständnisvoll – die Frau beginnt zu glauben, sie sei „zu empfindlich“ oder „selbst schuld“.
Warum ist das so schwer zu erkennen?
Psychische Gewalt lässt sich nicht beweisen, es gibt keine blauen Flecke. Täter:innen nutzen genau das: Sie bleiben nach außen oft freundlich, charmant oder hilfsbereit. Betroffene wiederum zweifeln an sich selbst, schämen sich oder versuchen, die Beziehung zu retten – besonders wenn Kinder im Spiel sind oder finanzielle Abhängigkeiten bestehen.
Daher ist es so wichtig, Fachkräfte und Angehörige für diese feinen, aber zerstörerischen Formen von Gewalt zu sensibilisieren.
Ökonomische Gewalt
Was ist ökonomische Gewalt?
Ökonomische Gewalt ist eine Form von Macht- und Kontrollverhalten, bei der eine Person den Zugang zu Geld und wirtschaftlichen Ressourcen bewusst einschränkt oder vollständig kontrolliert. Sie tritt häufig in Paarbeziehungen oder familiären Abhängigkeiten auf – und wird oft übersehen, obwohl sie existenziell bedrohlich sein kann.
Die finanzielle Kontrolle dient dabei nicht nur dazu, das Gegenüber „kleinzuhalten“, sondern schafft auch eine Abhängigkeit, aus der es ohne fremde Hilfe kaum ein Entkommen gibt. Besonders in Beziehungen mit Gewalt spielt ökonomische Kontrolle eine zentrale Rolle, um die betroffene Person am Verlassen der Beziehung zu hindern.
Typische Erscheinungsformen ökonomischer Gewalt
Kontrolle über Finanzen
Der gewaltausübende Mensch verwaltet allein das Geld – auch wenn beide berufstätig sind. Die betroffene Person hat:
• keinen Zugang zum gemeinsamen Konto
• kein Wissen über Einnahmen oder Ausgaben
• keine Möglichkeit, eigene Ausgaben zu tätigen
Beispiel: Eine Frau verdient mit Teilzeitarbeit eigenes Geld, doch das Konto wird vom Partner geführt. Sie muss ihn um Erlaubnis fragen, wenn sie Schuhe für die Kinder kaufen möchte – selbst kleine Beträge müssen gerechtfertigt werden.
Kontosperrung oder Einbehaltung von Zahlungen
Zugänge zu Online-Banking werden geändert, EC- oder Kreditkarten eingezogen, Kindergeld oder Unterhalt bewusst zurückgehalten oder unterschlagen.
Beispiel: Nach der Trennung lebt das gemeinsame Kind bei der Mutter. Der Vater weigert sich jedoch, den Kindesunterhalt zu zahlen oder versucht, ihn an Bedingungen zu knüpfen (z. B. „nur bei häufigerem Kontakt“). Trotz mehrfacher Aufforderung blockiert er jede Lösung, wodurch die Mutter in finanzielle Not gerät und das Kind Einschränkungen erlebt.
Verweigerung von Geld für Grundbedürfnisse
Es wird bewusst nicht genügend Geld für Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel oder Mobilität zur Verfügung gestellt. Die betroffene Person lebt in Mangel, obwohl genügend finanzielle Mittel vorhanden wären.
Beispiel: Der Partner ist Alleinverdiener, gibt der Frau 50 Euro „Haushaltsgeld“ pro Woche – für Essen, Kinder, Drogerieartikel. Wenn sie mehr braucht, wird sie beschimpft, kontrolliert oder erniedrigt.
Verhinderung von Erwerbstätigkeit
Eine Person wird direkt oder indirekt daran gehindert, eigenes Geld zu verdienen. Das geschieht durch:
• Verbote, arbeiten zu gehen („Du bleibst bei den Kindern, das ist deine Aufgabe!“)
• Drohungen bei beruflichem Aufstieg („Wenn du Karriere machst, kannst du die Familie vergessen!“)
• Sabotage, z. B. keine Kinderbetreuung organisieren, keine Fahrten zur Arbeit ermöglichen
Beispiel: Eine Frau bewirbt sich um eine Ausbildung. Der Partner meldet sie bei der Kita wieder ab mit der Begründung: „Du sollst dich um die Kinder kümmern – das Geld verdiene ich.“
Schulden auf den Namen der Partnerin/des Partners
Eine besonders gefährliche Form der ökonomischen Gewalt ist die Manipulation im Bereich der Kreditaufnahme und Vertragsabschlüsse. Hierbei werden:
• Kredite ohne Wissen oder Einverständnis aufgenommen
• Verträge (z. B. Handy, Leasing, Ratenzahlungen) auf die betroffene Person abgeschlossen
• Schulden angehäuft, die er/sie nicht zu verantworten hat
Beispiel: Der Partner nutzt das Vertrauen seiner Freundin und überredet sie, ein Auto auf ihren Namen zu finanzieren. Als die Beziehung zerbricht, bleibt sie auf Schulden von mehreren Tausend Euro sitzen – obwohl sie nie damit gefahren ist.
Die Folgen ökonomischer Gewalt
Ökonomische Gewalt hat tiefgreifende Konsequenzen:
• Verlust von Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit
• Angst, sich zu trennen, weil keine Mittel zum Leben vorhanden sind
• Scham, auf staatliche Hilfe angewiesen zu sein
• Erhöhte Gefahr von Langzeitarbeitslosigkeit und Armut
• Verschuldung – oft ohne eigene Verantwortung
Sie tritt oft nicht isoliert, sondern in Kombination mit psychischer, körperlicher oder sexualisierter Gewalt auf – und ist ein strategisches Mittel, um Betroffene zu kontrollieren und dauerhaft abhängig zu machen.
Warum wird ökonomische Gewalt oft nicht erkannt?
Weil sie selten laut, dramatisch oder offensichtlich ist. Weil die gesellschaftliche Erwartung – insbesondere an Frauen – oft noch lautet: „Er kümmert sich um das Geld, sie um die Familie.“ Weil viele Betroffene selbst glauben, sie seien „nur nicht wirtschaftlich genug“ oder hätten „es nicht besser verdient“.
Doch ökonomische Gewalt ist kein Beziehungsproblem, sondern ein Machtmissbrauch. Es braucht Wissen, Unterstützung und rechtliche sowie gesellschaftliche Strukturen, die Betroffene schützen und stärken.
Digitale Gewalt
Wenn Kontrolle nicht mehr sichtbar, aber ständig spürbar ist
Digitale Gewalt ist eine moderne Form der Machtausübung, die über Handys, Apps, soziale Medien und digitale Dienste erfolgt. Auch wenn keine körperliche Nähe besteht, ist die Kontrolle oft allgegenwärtig – 24 Stunden am Tag.
