Unter Bombern - Stefan Mayr-Uhlmann - E-Book

Unter Bombern E-Book

Stefan Mayr-Uhlmann

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Beschreibung

Fritz Walter wäre am 31. Oktober 2020 100 Jahre alt geworden. Unvergessen, wie er 1954 in Bern die deutsche Fußball-Elf als Kapitän zum WM-Titel führte. Was kaum einer weiß: wie Walter den Zweiten Weltkrieg überlebte, während 38 andere Nationalspieler starben. Als Obergefreiter des Heeres und später als Unteroffizier der Luftwaffe entging er mehrmals nur knapp dem Tod. Andere Spieler hatten weniger Glück und weniger mächtige Fürsprecher. August Klingler etwa musste 1944 trotz anderslautendem Befehl an die Ostfront. Er wäre 1954 ebenfalls zur Legende geworden. Der Journalist Stefan Mayr erzählt vom Wahnwitz des Krieges und von der Macht des Fußballs. Fesselnd für alle Generationen. Nicht nur für Fußballfans.

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Stefan Mayr

UNTER BOMBERN

Stefan Mayr

UNTER BOMBERN

Fritz Walter, der Krieg und die Macht des Fußballs

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

Taschenbuchausgabe

1. Auflage 2024

© 2020 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer, München

Umschlagabbildung: ullstein bild/00811564

Satz: abavo GmbH, Buchloe; Verena Koch

Druck: CPI

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-7423-2708-6

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1108-2

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1109-9

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Gewidmet meinem Papa Schorsch

(geboren mitten im Krieg,

gestorben während der Recherche zu diesem Buch).

Meinen Kindern Max, Liam und Anna

und meinen noch ungeborenen Enkeln,

die hoffentlich immer im Frieden kicken können.

INHALT

Vorwort

1945: unter Russen

Zwei Buben zwischen zwei Kriegen

1927: das klää Fritzje und die Kanaldeckel

1927: August und der Geigenkasten

Harte Schule in der Rinne

Olympia 1936

Erste Volltreffer

1937: aus Fritzje wird Fritz

1938: August senior zeigt Charakter

1939: Herberger testet Walter und Klingler

Erste gemeinsame Sturmläufe

1939: der Krieg beginnt

1940: Walters Debüt

Brot und Länderspiele

Erster Bombenangriff

Der »Heilige Geist«

Walters Einberufung

Tricksen, täuschen, tarnen

Operation Soldatenklau I: Herbergers Geheimaktion

1941: Führer-Lästerung an Hitlers Geburtstag

Operation Soldatenklau II: große Sause in der Oase

Operation Soldatenklau III: Kartoffelkäfer in Paris

Operation Soldatenklau IV: viele Eiserne Kreuze

Operation Soldatenklau V: Tore aus dem Lazarett

Neuer Scharfschütze für das Reich

1942: Klinglers Debüt

Operation Soldatenklau VI: Wachbataillon Berlin

Gewitter im »Haus Vaterland«

Ausflug in den Frieden

Der letzte »Länderkampf«

Operation Soldatenklau VII: aus Fritz Walter wird Fritz Hack

Der totale Überlebenskampf

Operation Soldatenklau VIII: »Ersatzlager« Breslau

Walter unter Beschuss

Operation Soldatenklau IX: die »Roten Jäger«

Das Versetzungswunder: von der Infanterie zur Luftwaffe

Wiedersehen im Elsass

Unter Bombern

Fußball – Narkotikum und Belebung

Entsetzliche Schreie

D-Day

Operation Soldatenklau X: Fehlschlag Klingler

1944: das Finale

Klingler im Kessel

Volkssturm

Walters verdammte Malaria

Operation Soldatenklau XI: kein Urlaub im Ländle

Kriegsweihnacht

1945: der Schiedsrichterball

Der Krieg ist aus

Happy End? Noch nicht

Wo ist mein Mann?

Walters Spiel des Lebens

Das Wunder von Marmaros-Sziget

Im Zug nach nirgendwo

Wiedersehen in Kaiserslautern

Hölle in Daxlanden

Epilog

Danksagung

Quellenverzeichnis

Anmerkungen

Zum Autor

VORWORT

Dieses Buch erzählt die weitgehend unbekannte und schier unglaubliche Vorgeschichte des ansonsten bestens ausgeleuchteten Wunders von Bern. Alle Mitglieder der Weltmeister-Elf von 1954 haben den Zweiten Weltkrieg miterlebt und überlebt. Aber gesprochen haben sie darüber fast nie. Dabei ist die dunkelste Phase der deutschen Geschichte die mit Abstand spannendste Zeit für den Fußball. Die Spieler kämpfen nicht nur um Punkte und Pokale, sondern ums Überleben. Sie pendeln zwischen Sportplatz und Schlachtfeld, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Leben und Tod. Etwa 40 deutsche Nationalspieler sterben während des Zweiten Weltkriegs. Einer von ihnen ist August Klingler. Der Stürmer hatte das Zeug zur Legende. Als er erstmals neben Fritz Walter in einem Testspiel für die Reichself aufläuft, ist er der Bessere von beiden.

Jahre später ist Walter eine unsterbliche Legende und Klingler vollkommen vergessen. Warum? Die Lebensläufe von Fritz Walter und August Klingler bergen viel mehr als die üblichen Unwägbarkeiten junger Sportlerkarrieren. Beide gehören einer Generation an, die von Nationalsozialismus und Krieg um die besten Jahre gebracht wird. Für beide lässt Reichstrainer Sepp Herberger seine Beziehungen spielen, um sie vor dem Marsch an die Front zu bewahren. Mit seiner »Operation Soldatenklau« kämpft er um das Leben seiner Nationalspieler. Alles junge Männer in ihren besten Jahren. Herbergers Aktionen führen zu abenteuerlichen, zu grotesken, zu lächerlichen Situationen. Unzählige Historiker haben diese Ereignisse untersucht und niedergeschrieben. Aber noch nie wurden sie aus der Perspektive der Fußballer und ihrer Familien erzählt. Walters und Klinglers erste Lebensjahre und ihre Kriegserlebnisse ergeben eine aufregende Chronik der Zeitgeschichte. Am Ende bringt Herberger viele seiner Spieler durch den Krieg. Aber nicht alle. Wie viele der Toten hätten im WM-Finale 1954 mitgespielt?

Dieses Buch berichtet von den wahnwitzigen Folgen von Nationalismus, Totalitarismus und Kriegstreiberei. Und von der schier grenzenlosen Macht des Fußballs. Dieses eigentlich so unwichtige Spiel hat Fritz Walter das Leben gerettet. Nicht einmal und nicht zweimal. Fünf Jahre lang, Sonntag für Sonntag. »Eine gnädige Hand«, sagt er später selbst, »hat mich gerettet.«

Und August Klingler? Sein Schicksal zeigt: Ein einziger Fehlschuss kann entscheiden, ob elf Männer am nächsten Sonntag auf dem Fußballplatz stehen oder auf dem Schlachtfeld.

1945: UNTER RUSSEN

April 1945, Schweidnitz

Seit Tagen hören sie in ihrem provisorischen Fliegerhorst schon den Geschützdonner der Ostfront. Von Nacht zu Nacht wird er lauter. Unteroffizier Fritz Walter und allen anderen ist klar: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Russen da sind. Trotzdem ziehen die Fußballer vom Jagdgeschwader 52 noch einmal ihre knallroten Trikots an. Die sogenannten »Roten Jäger« gegen eine andere Soldatenmannschaft, auf einem notdürftig hergerichteten Spielfeld. Als die 22 Männer vor ein paar Hundert Zuschauern auflaufen, grollt der Kriegslärm von Osten her lauter denn je über das niederschlesische Land. Etwa 20 Minuten sind gespielt, da taucht am Himmel ein sowjetischer Jagdbomber auf. Sportler und Publikum bleiben zunächst gelassen. Der Anblick ist seit Wochen nichts Besonderes. Das Spiel läuft weiter. Dann setzt der Bomber zum Tiefflug an. Jetzt rennen die Menschen um ihr Leben. Die Spieler werfen sich auf den Boden. Für Fritz Walter ist es beileibe nicht der erste Luftangriff, den er miterlebt. Aber diesmal ist alles anders: Bislang konnte er jedes Mal in einen Luftschutzraum fliehen. Oder in einen Wald. Oder zumindest in eines der Ein-Mann-Erdlöcher auf den Rollfeldern seiner Fliegerhorste hüpfen. Aber jetzt? Jetzt ist es aus, denkt Walter. Er liegt mitten auf dem Spielfeld. Ohne Helm. In einem Baumwollhemd und kurzen Hosen, ohne jeden Schutz. Er sieht, wie das Flugzeug in etwa 300 Metern Höhe eine Bombe fallen lässt. Er drückt sein Gesicht auf den Rasen. Verschränkt seine Hände über dem Kopf. Presst die Augen zusammen. 24 Jahre ist er erst. Ist das heute sein letztes Fußballspiel? Muss er heute sterben? Im Kopf laufen seine 24 Länderspiele vor ihm ab. Sein Debüt für den FCK. Sein erstes Schülerspiel. Und sein erstes Mal auf der Straße.1

ZWEI BUBEN ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN

1927: DAS KLÄÄ FRITZJE UND DIE KANALDECKEL

»Er war so winzig.

Aber er hat den Ball schön wegstoßen können.«

(Dorothea Walter)

Sommer 1927, Kaiserslautern, Ecke Bismarckstraße/ Uhlandstraße

Sein erstes Fußballspiel macht Fritz Walter, da ist er noch keine sieben. Das »klää Fritzje« steht wieder einmal vor der Wirtschaft seiner Eltern und schaut den älteren Buben beim Kicken zu. Er kann es nicht erwarten mitzuspielen. Das Spiel geht quer über die Straße, von Gully zu Gully. Die Abflüsse liegen unter schweren gusseisernen Deckeln, die aus dem Bordstein seitlich ein ovales Loch klaffen lassen, so groß wie ein Erwachsenenschuh. Das sind die Mini-Tore, in die der abgewetzte, dunkelgraue Tennisball geschossen werden muss. Gar nicht so einfach. Die Buben nennen ihr Spiel auf gut Pfälzisch »Kanälches«. Fritz bettelt, dass sie ihn mitmachen lassen. Er bettelt schon sehr lange. Denn er ist der Jüngste und auch noch mit Abstand Kleinste. Deshalb nennen sie ihn auch »Sperber«. Aber irgendwann werden auch Spatzenküken groß. Und heute fehlt für das drei gegen drei ein Spieler. Da darf der kleine Fritz mitmachen. Endlich.

Im Spiel ist der kleine, schüchterne Sperber nicht mehr wiederzuerkennen. Er schnappt sich den Ball. Und gibt ihn nicht mehr her. Umdribbelt zwei, drei Gegner nacheinander. Die Größeren machen große Augen. Auch der kleine Fritz ist baff, wie gut das von Anfang an klappt.2 Er schießt viele Tore. Die meisten Tore. Einer seiner Mitspieler klopft ihm auf die Schulter: »Morgen darfst du wieder mitmachen.«

Voller Stolz rennt Fritz in die Gaststätte hinter den Tresen und ruft seinen Eltern zu: »Ich bin jetzt Kanälches-Spieler! Und ich habe gewonnen! Zehn zu neun!« Ab jetzt flitzt und dribbelt Fritz jeden Tag zwischen den Bürgersteigen umher.

Sein Vater Ludwig hätte zwar gerne, dass seine Söhne Boxer werden. Als er in den USA lebte, schaute er sich nach der Arbeit oft die Kämpfe der dunkelhäutigen Profikämpfer an. Das waren starke und tolle Männer, sagt er immer zu seinen drei kleinen Söhnen. Und dass er sehr stolz wäre, wenn einer von ihnen auch mal ein großer und starker Boxer würde. Aber das kann er nun vergessen. Fritz will nur noch kicken, und diese Leidenschaft überträgt der Sechsjährige auch auf seine kleineren Brüder Ludwig und Ottmar.

Ludwig Walter senior stammt aus dem Dorf Niederkirchen. Westpfalz, nördlich von Kaiserslautern, etwa eineinviertel Stunden mit dem Rad. Noch vor dem Ersten Weltkrieg zog er nach Amerika, wo er Verwandte hatte. Dort arbeitete er hart. Die Boxkämpfe waren der einzige Luxus, den er sich gönnte. Als der fleißige und sparsame Mann in die Pfalz zurückkehrte, hatte er viele Dollars in der Tasche. Genug Geld, um sich ein Haus in Kaiserslautern zu kaufen. Stadtmitte, Bismarckstraße 24, ein zweistöckiges Backsteineckhaus mit einer Gaststätte im Erdgeschoss. Im Obergeschoss zog er ein.

Dann kam der Erste Weltkrieg, und es verschlug ihn nach Berlin. Ausbildung bei einer Panzertruppe. In der großen Stadt lernte er ein hübsches, ebenfalls fleißiges Mädchen kennen. Dorothea Kieburg, ein echtes Berliner Gör aus Wannsee. Nach dem Krieg fuhr er nach Berlin, um »’s Dorche« in die Pfalz zu holen und zu heiraten. Am 31. Oktober 1920, keine zwei Jahre nach Kriegsende, kommt Jakob Friedrich Ludwig auf die Welt, genannt Friedrich. Er ist ein sensibles und schwächliches Kind, wie viele in dieser Zeit – so kurz nach dem Krieg gibt es auch in Kaiserslautern nicht viel zu essen.3

Und es wird nicht besser. Deutschland stürzt in eine Inflation, die sich 1923 zur Hyperinflation auswächst. Bittere Armut macht sich breit. In diese Zeit fallen Fritz Walters erste Lebensjahre. »Wann läuft er denn endlich?«, fragt die Mutter. »Er is immer so faul«, sagt die Oma. Mit zwei Jahren kann er immer noch nicht sprechen. Aber Fußball spielen. Wenn er etwas auf dem Boden liegen sieht, dann kickt er dagegen und rennt laut juchzend hinterher.4

Sein Vater arbeitet zunächst als Kraftfahrer, muss aber nach einem schweren Verkehrsunfall umsatteln. Er übernimmt die Eckgaststätte in seinem Haus und gibt ihr einen neuen Namen: »Zum Walter«. Aber das Geld und das Essen im Hause Walter bleiben knapp. Auch weil im Zwei-Jahres-Rhythmus weitere Kinder auf die Welt kommen: 1922 Ludwig, 1924 Ottmar, 1926 Sonja. Und 1930 folgt das fünfte Kind. Gisela, die Nachzüglerin. Mutter Dorothea hat kein leichtes Leben. Kochen für Kinder und Gäste. Bedienen, spülen, Wäsche waschen. Nebenher fünf Kinder erziehen. Es ist ihr wichtig, dass sie brav sind, respektvoll mit anderen umgehen und respektiert werden. Dennoch bleibt den Kindern viel Freiheit.

Die nutzen sie.

An einem der durchgekickten Kanälches-Nachmittage treffen sich die Spieler des Fußballvereins Kaiserslautern (FVK) im »Walter«. Auf dem Weg dorthin sehen sie den kleinen flinken Friedrich über das Pflaster dribbeln. »Und da haben die, wo zugeguckt haben, net, vom Fußball, die haben immer gedacht, er bringt den Ball net fort, weil er so winzig war«, sollte Friedrichs Mutter erzählen. »Er hat ihn aber schön wegstoßen können und viele, viele Schuhe kaputt gemacht. Die meisten Schuhe hat der Ottmar kaputtgemacht.«

Die großen Fußballer sind begeistert, weil der Knirps in seinem linken Fuß genauso viel Ballgefühl hat wie im rechten. So umkurvt er seine Kontrahenten nach Belieben. Obwohl die größer sind als er, haben sie keine Chance, mit fairen Mitteln an den Ball zu kommen. Pling-plopp, der Tennisball schlägt an der Innenkante der Kanalöffnung ein und bleibt im Loch liegen. »Bravo«, ruft einer der staunenden Experten und klatscht in die Hände. »Wie heißt du, kleiner Mann?«, will ein anderer wissen. Das Gesicht des verschwitzten Fritz wird noch röter, als es ohnehin schon ist. »Friedrich«, flüstert er.

»Willst du mir am Sonntag meinen Koffer auf den Betze tragen?«, fragt ein FVK-Spieler.

Der Bub wird stocksteif und starrt den Mann an: »Au ja!«

»In Ordnung. Treffpunkt um 12 Uhr hier. Aber nicht vergessen.«

Fritz steht schon zehn Minuten vorher frisch gewaschen und gekämmt an der Straßenecke. Er genießt seinen ersten Tag als hochoffizieller Kofferträger des FVK in vollen Zügen. Sein ganzes Leben lang wird er zurückdenken an sein erstes Mal auf dem berühmten Betzenberg, der bis vorgestern noch so weit weg schien. Sein erstes Mal in der Kabine der Ersten Mannschaft. Sein erstes Mal auf der Tribüne gleich hinter der Trainerbank. Seine ersten zwei Zehn-Pfennig-Stücke, die er als Trägerlohn in die Hand gedrückt bekommt. Und sein erstes Männerspiel, das er miterlebt und aufsaugt mit allen Sinnen. Er schaut sich alles ganz genau an: wie die Akteure den Ball stoppen. Wie sie den Ball fordern. Wie sie tricksen. Wie sie grätschen. Wie sie schießen. Wie der Trainer Kommandos hineinruft. Am Nachmittag kommt Fritz mit leuchtenden Augen nach Hause. Stolz zeigt er seiner Mutter die zwei Groschen. »Aber das Tollste war das Spiel«, ruft er, »wir haben 2 : 0 gewonnen.« Wir? »Ab jetzt geh‘ ich immer uff de Betze.«

1927: AUGUST UND DER GEIGENKASTEN

»Die Geige hat er höchstens mal als Torpfosten benutzt.«

(Harald Klingler, Sohn)

Sommer 1927, Daxlanden, Hördtstraße

Daxlanden, ein Dorf südwestlich von Karlsruhe. Auf einer Wiese am Ortsrand spielen Buben barfuß Fußball. Mit dabei ist August Klingler, das flinke Kerlchen wird von allen nur »Guscht« gerufen. Der Neunjährige hat dunkelbraune Haare und ein braun gebranntes Gesicht von den vielen Nachmittagen auf dem Feld. Eigentlich sollte der Sohn des Polizisten August Klingler senior gerade bei der Violinstunde sein. Seine Geige hat er auch dabei. Aber er hatte sie heute noch kein einziges Mal in der Hand. Vielmehr ist er direkt nach Schulschluss im Karlsruher Goethe-Gymnasium zum Kicken gegangen. Hier kommt der Geigenkasten erstmals zum Einsatz. »Guscht« bohrt ihn zwei Meter neben einem Baum ins lockere Erdreich. Als Torpfosten. Der kleinste Bub wird als Torwart zwischen Stamm und Kasten gestellt. Das Spiel kann losgehen. August ist für sein Alter zwar eher klein, aber sehr kräftig. Er ist der Breiteste und Schnellste von allen, und sein Schuss der mit Abstand härteste. Auch die zwei, drei Jahre Älteren staunen, mit welcher Wucht und Präzision der kleine Klingler den Ball aufs Tor ballern kann. Und das barfuß!

Freistoß. August legt sich die Kugel zurecht. Dann flüstert er seinem Mitspieler ins Ohr: »Flach ins rechte Eck.« Er läuft an und tritt mit voller Wucht gegen den Ball. Der saust scharf über den Grasbüscheln hinweg. Der Torwart streckt sich und hechtet, hat aber keine Chance. Der Schuss schlägt krachend im Geigenkasten ein und prallt von dort über die imaginäre Torlinie. August reißt die Arme hoch und ruft: »Innenpfosten-Tooooor-gewonnen!« Aber die anderen Buben bleiben mit eingezogenem Kopf stehen und zeigen auf den Geigenkasten. Der Koffer ist umgefallen und aufgesprungen. Die Klappe hat einen Knacks, das Scharnier ist verbogen.

August freut sich so sehr über seinen gelungenen Prachtschuss, dass es noch ein paar Sekunden dauert, bis er sein Problem erkennt. Erst dann lässt er die Arme sinken und nähert sich dem demolierten Torpfosten. Er nimmt die Geige aus dem Kasten und dreht sie hin und her. Wenigstens sie scheint heil geblieben zu sein. Gott sei Dank. Er legt sie zurück, packt den Kasten und macht sich auf den Weg nach Hause. In der Hördtstraße bewohnt Polizeimeister Klingler mit seiner Frau Amalia und den derzeit drei Kindern eine Mietwohnung in einem Mehrfamilienhaus. Dort angekommen, zeigt August junior der Mutter sein Missgeschick.

»Mensch Guscht, wie ist denn das passiert?«

Ihm bleibt keine andere Wahl, als auszupacken. »Ich war heute gar nicht in der Geigenstunde«, flüstert er, »aber bitte erzähl das nicht dem Papa.«

Mutter verpasst ihm eine Ohrfeige. »Warum schwänzt du den Unterricht?«

Da platzt es aus August heraus: »Ich hasse diese Geige. Ich will Fußball spielen.«

Dafür setzt es schon die zweite Ohrfeige. Aber diese zweite tut seiner Mutter im selben Moment schon wieder leid. Schlagartig wird ihr bewusst: Ihr ältester Sohn mit seinem breiten Kreuz, seinen stämmigen Beinen und kräftigen Händen ist tatsächlich nicht zum Violinsolisten gemacht. Wie sein Sportlehrer immer sagt: »Der August ist in jeder Sportart der Beste.«

Als der gestrenge Vater von seinem Dienst in der Polizeiwache Karlsruhe-Mühlburg nach Hause kommt, ist der kaputte Geigenkasten gut im Schrank versteckt. Erst nach dem Essen, als August junior schon im Bett ist, bringt Mutter Amalia ihrem Mann schonend bei, was heute mit dem Koffer passiert ist. Von der geschwänzten Stunde sagt sie nichts. Aber dafür berichtet sie, was ihr heute klar geworden sei: August ist ein begeisterter und talentierter Fußballer. Und kein Geigenspieler.

Ab jetzt muss August nie mehr zur Violinstunde. Aber in den Fußballverein darf er auch nicht. Da ist der Vater, ein überzeugter Turner, strikt dagegen.5

HARTE SCHULE IN DER RINNE

»Die heftigsten Zweikämpfe spielten sich in der Rinne ab. Der Fritz spielte allein gegen uns, gegen uns zwei oder drei. Der dribbelte uns aus, wie er wollte. Bei ›zehn‹ zog er wieder ab, mit dem Fahrrad, und ließ uns streitend zurück.«

(Rudi Michel, Journalist aus Kaiserslautern)

Nach seinem ersten Spieltag auf dem Betzenberg verbringt Fritz mehr Zeit denn je zwischen den Kanaldeckeln von Kaiserslautern. Er versucht, die Tricks der FVK-Männer nachzuahmen. So lange, bis er sie beherrscht. Immer und immer wieder, jeden Tag, jede Woche.

Sobald er mit dem Schulranzen auf dem Rücken das Haus Richtung Barbarossa-Volksschule verlässt, hat er einen Ball am Fuß und rennt mit ihm durch die Gassen.6 Schon vor dem Unterricht beginnt das Spiel. Der Schlusspfiff ist die Schulklingel. In der Pause wird weitergekickt. Und nach Schulschluss auch. Oft, bis es dunkel wird. Hausaufgaben? Egal.

Fritz Walter mag vielleicht der kleinste und schwächste »Kanälcher« sein. Aber bald ist er der beste weit und breit. Das bleibt auch den Fußballvereinen nicht verborgen. Sowohl der VfR als auch der FVK wollen Fritz in ihre Schülermannschaft aufnehmen. Die Walters entscheiden sich für den FVK. Weil der Fritz das will. Aber auch, weil seine Mutter ein Paar Fußballstiefel für den Fritz verlangt, und für die hat der VfR kein Geld. Und ein bisschen, weil die Mama als Berlinerin den »feineren« FVK gegenüber dem Arbeiterclub VfR bevorzugt.7

In den Arbeitervierteln der Stadt nennen sie den FVK nur »die Schnäker«. Die Schnösel, die feinen Pinkel. Weil die denken, sie sind was Besseres. Fritz ist das egal. Er will so gut werden wie die Stürmer von den »Ersten Herren« des FVK. Im Training bringen sie ihm mannschaftsdienliches Spiel bei. Und Taktik und Disziplin.

Bei seinem ersten Einsatz in der Schülerelf ist Fritz noch keine acht Jahre alt. Der schmächtige Neuling wird als rechter Verteidiger aufgestellt. Das ist gar nicht nach dem Geschmack des wilden Straßenfußballers. Der ist zwar außerhalb des Spielfeldes ein stiller, schüchterner, zurückhaltender Typ. Aber auf dem Feld sieht man ihn voller Energie, Selbstvertrauen und Frechheit. Hier hält ihn nichts zurück, gar nichts. An einem Ostertag liegen sie gegen FK Primasens mit 0 : 4 zurück. Da zieht es den Walter Fritz unwiderstehlich nach vorne. Ab in den Sturm. Und tatsächlich schießt er den Anschlusstreffer zum 1 : 4-Endstand. Immerhin. Voller Stolz über sein erstes Tor als Vereinsspieler geht er in die Kabine. Aber dort prasselt eine Strafpredigt auf ihn ein: »Aus dir wird im Leben nie ein Stürmer!«, schimpft der Jugendleiter. Im Übrigen habe ein deutscher Bub gefälligst die Anordnungen eines Erwachsenen zu befolgen. Wo kämen wir da hin ohne Zucht und Ordnung!? Fritz muss viele weitere Spiele hinten in der Abwehr verbringen.

So lange holt er sich sein Können fürs Toreschießen beim Beobachten der FVK-Männer und vor allem beim wilden Kicken in der Stadt. Fast jede Straße hat ihre eigene Mannschaft. Sie treffen sich auf dem »schiefen Plätzje«, auf dem »Maideberg«, hinter der Nähmaschinenfabrik Pfaff. Sie treten gegen zerbeulte Konservendosen, zusammengewickelte Stofflappen und Tennisbälle. Sie rempeln und halten, zupfen und zerren, schimpfen und schreien. Vor allem der flinke Fritz muss oft Fouls wegstecken. Eine harte, aber wichtige Schule. Wenn abends die Gasbeleuchtung angeht, werden die Kämpfe noch intensiver und noch härter.

Die wirtschaftliche Situation in Kaiserslautern verbessert sich. Nach den dunklen Jahren des Krieges und der Inflation beginnen die Leute, ihr Leben wenigstens ein bisschen zu genießen. Sie wollen Spaß haben. Und haben wieder Geld, um »beim Walter« einen trinken zu gehen. Das Leben der Walters verläuft ruhig, angenehm, friedlich. 1929 darf Fritz auch beim FVK erstmals offiziell auf Torejagd gehen. Als Rechtsaußen. Eigentlich will er ja Mittelstürmer spielen. Aber besser als nichts. Jetzt schießt er im Schnitt immerhin zwei Tore pro Spiel.

1931 wird der FVK in 1. FC Kaiserslautern umbenannt. Und beim Kanälches spielt der elfjährige Fritz jetzt mit seinen Brüdern Ludwig (9) und Ottmar (7). Sie sind gut, die Walters. Richtig gut. Abends, wenn die kleinen Brüder Lud und Ottes heimgehen und die Gegner von Fritz nicht länger veräppelt werden wollen, steigt er auf sein Rad und sucht sich weitere Kontrahenten. Er kurvt durch die »Fünftel« der Stadt. In Kaiserslautern gibt es keine Viertel, sondern Fünftel. Die Stadt ist in fünf Feuerlöschbezirke eingeteilt – jeder von ihnen hat Straßenschilder in seiner eigenen Farbe.

Oft taucht Fritz Walter im weißen Fünftel auf. Bei der Kottenschule. Dort kicken die Brüder Ernst und Werner Liebrich mit ihrem Freund Rudi Michel ganz passabel herum. Häufig spielt Fritz allein gegen zwei oder drei. »Der dribbelt uns aus, wie er will«, ruft Rudi, der Älteste der chancenlosen Gegner. Nach jedem Tor vom Fritz muss er mit drei Fingern den schweren Kanaldeckel hochheben, damit Werner Liebrich den Ball aus dem Gully fischen kann. Beim zehnten Mal zieht Fritz wieder ab und lässt die Verlierer streitend zurück.8

Nach den Spielen sind die Straßenschuhe der Buben reichlich ramponiert. Die Liebrich-Brüder polieren ihre Treter zwar stets mit Bürste und Lappen, die sie in einem Kellerfenster versteckt haben. Aber so sehr sie auch schrubben und tun, sie können nicht alle Schrammen verbergen. Dann setzt es Schläge von der Mutter mit dem Teppichklopfer. »Aber die Tracht Prügel hält uns nicht davon ab, dem Ball hinterherzuspringen«, hielt Ernst Liebrich später fest.9

Irgendwann kaufen sich die Buben sogar ihren ersten eigenen Ball. In Säcken sammeln sie bei Bekannten und Verwandten Kartoffelschalen und verkaufen sie an Bauern. Das mühsam gesparte »Kartoffelgeld« legen sie zusammen und gehen damit zum Kaufhaus Wohlwert an der Ecke Kerststraße, Riesenstraße. Voller Stolz kommen sie mit ihrem ersten Gemeinschafts-Gummiball nach Hause. »Die Quetsch«, wie sie ihn nennen, wird gehütet wie eine Kristallkugel. Vor allem vor den Wachtmeistern müssen sie den Ball schützen. Die würden das kostbare Stück am liebsten beschlagnahmen und abstechen. Spielende Kinder sind nicht erwünscht auf den Straßen. Kickende schon dreimal nicht. Vielen Deutschen ist die »Fußlümmelei« verpönt als unwürdiger Sport der Engländer.

Überhaupt wird die Stimmung in der Stadt immer schlechter und rauer. Die »Große Depression« erreicht auch die Pfalz. Viele Menschen verlieren ihre Arbeit, haben nichts mehr zu essen. Die demokratische Regierung in Berlin schafft es nicht, die Weltwirtschaftskrise und deren Auswirkungen auf die Menschen zu lindern. Davon profitieren die Nationalsozialisten, es beginnt der Aufstieg der NSDAP. Immer öfter geraten nun auch auf den Plätzen und Straßen Kaiserslauterns die Anhänger der Parteien aneinander. Vor allem im Arbeiterviertel Kotten bekriegen sich Sozialdemokraten, Kommunisten und Nationalsozialisten. Nicht immer bleibt es bei Schlägereien, manchmal wird auch zur Waffe gegriffen. »Besonders an Wahltagen muss man mit allen möglichen Vorkommnissen rechnen«, berichtet Ernst Liebrich.10

Im Kopf des späteren FCK-Spielers, drei Jahre jünger als Fritz, brennt sich ein Bild ein: Sein Vater steht vor seiner Kottenschule. Mit einem blutroten Plakat, auf dem Hammer und Sichel leuchten. Um den besten Platz ringend, weil die Schule heute ein Wahllokal ist. Vaters Kontrahenten haben Poster mit drei parallelen Pfeilen. Andere nennen sich Zentrum. Und dann gibt es die Braunhemden. Mit braunen Krawatten, Capas oder Schirmmützen, Schulterriemen und Koppelschloss. Auf ihrem Plakat erkennt der junge Ernst ein Emblem, das ebenfalls rot ist. Aber darauf sieht er einen weißen Ball mit einem komischen, eckigen schwarzen Muster. Das Wort Hakenkreuz kennt er noch nicht. Er ahnt nicht, wie viel Zerstörung und Verzweiflung die Menschen unter diesem Banner in die Welt bringen werden. Auch in seine Familie.

Im Januar 1933 hängt in den Klassenzimmern der Barbarossa-Schule ein neues Bild. Nicht mehr Paul von Hindenburg, sondern Adolf Hitler. »Das ist unser neuer Reichskanzler«, sagt der strebsame Fritz. Der Lehrer sagt beim Betreten des Klassenzimmers nicht mehr: »Guten Morgen, ihr Buben.« Die Klasse antwortet nicht mehr: »Guten Morgen, Herr Lehrer.« Jetzt heißt es: »Heil Hitler!«11 Und die Schüler müssen nun den rechten Arm nach vorne strecken, wenn der Lehrer hereinkommt. Nur die jüdischen Kinder nicht. Die dürfen den Hitlergruß nicht zeigen.

In der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933 schlagen die Nationalsozialisten in der Innenstadt die Schaufenster diverser Kaufhäuser ein und werfen die Auslagen auf die Straße. Weil die Besitzer jüdisch sind. Betroffen sind »Schweriner und Co.«, Erwege und auch Wohlwert, wo die kleinen Kicker ihre »Quetsch« gekauft haben.12

19. April 1936, Daxlanden, Kleinstadion an der Pfalzstraße:

FV Daxlanden – Sportfreunde Forchheim 5 : 0

August Klingler aus Daxlanden ist inzwischen 18 Jahre alt, damit darf er erstmals in der Männerelf mitspielen. In der zweithöchsten Spielklasse, der Bezirksliga. Seinem FVD gelingt ein klarer 5 : 0-Sieg. In seiner ersten Saison macht der kleine Klingler gleich 23 Tore.

Vor acht Jahren, als Zehnjähriger, war er dem Verein beigetreten. Damals wurde das noch vor dem Vater verschwiegen. Mutter Amalia putzte ihm die Stiefel, der Bub musste seine Ausrüstung immer gut verstecken. Das Versteckspiel war erst zu Ende, als Klingler senior von anderen Männern erzählt bekam, welch tolles Stürmertalent sein Filius sei. Bald darauf war der einstmals überzeugte Turner und Fußballfeind der größte Unterstützer seines Sohnes. Der Vater trat sogar dem Verein bei und wurde Mitglied des Vorstands.

OLYMPIA 1936

»Wir Deutschen erringen eine Goldmedaille, die Amerikaner drei, davon zwei durch Neger. Das ist eine Schande.«

(Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister, Tagebucheintrag)

1. bis 16. August 1936, Berlin, Olympiastadion

Fritz Walter ist 15 Jahre alt. Seine Sportbegeisterung zieht ihn im August 1936 nach Berlin. Die Olympischen Spiele will er sich nicht entgehen lassen. Er wohnt bei seiner Tante, der Schwester seiner Mutter. »Die brave Frau sieht mich allerdings nur selten«, erzählt er später seinem Biografen, »ich bin vom frühen Morgen bis zum Abend auf Autogrammjagd.« Ehrgeizig, sportlich und akribisch, wie er ist, kommt er abends immer zufrieden und stolz zurück. »Mir ist kaum einer von den Großen entkommen.«13

Das nationalsozialistische Regime nützt die Olympischen Spiele für propagandistische Zwecke. Adolf Hitler und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels spielen der Welt die vermeintliche Friedfertigkeit, Offenheit und Toleranz des deutschen Volkes vor. Bevor die internationalen Sportler in Berlin eintrafen, ließ er die Schilder »Juden unerwünscht« entfernen. Sie wurden ersetzt durch: »Englisch spoken – On parle français – Si parla italiano.« Was Goebbels wirklich denkt, notiert er am fünften Wettkampftag in sein Tagebuch. »Spannende Kämpfe. Wir Deutschen erringen eine Goldmedaille, die Amerikaner drei, davon zwei durch Neger. Das ist eine Schande. Die weiße Menschheit müßte sich schämen. Aber was gilt das dort unten in diesem Lande ohne Kultur. Der Führer ist ganz hingerissen von den deutschen Leistungen.«14

Auch im Fußball ist eine deutsche Goldmedaille fest eingeplant. Die Mannschaft wird schon seit Monaten auf diesen Erfolg hingetrimmt, mit sehr viel militärischem Drill und nur wenig Erholungspausen. Reichstrainer Otto Nerz reagiert auf den großen Erfolgsdruck, indem er das Trainingspensum bis zum Anschlag überzieht. Spieler Karl Hohmann fasst die anstrengende Vorbereitungsphase so zusammen: »Auf gut Deutsch, wir hatten nicht mal Zeit zum Kacken.« Selbst am Tag vor dem Zweitrundenspiel gegen Norwegen treibt Nerz mit einer Stoppuhr in der Hand seine Spieler noch zu 400-Meter-Sprints. Am 7. August 1936 nimmt Reichsführer Adolf Hitler mit drei Ministern im Poststadion Platz. Sie und 55 000 Zuschauer erwarten einen grandiosen Triumph – in der ersten Runde hatte Deutschland gegen Luxemburg 9 : 0 gewonnen. Aber heute geht die übertrainierte Reichself gegen den Außenseiter Norwegen völlig verdient mit 0 : 2 unter. Hitler eilt noch vor dem Abpfiff wütend aus dem Stadion. Es war das erste und letzte Fußballspiel, das er je besucht hat.

ERSTE VOLLTREFFER

1937: AUS FRITZJE WIRD FRITZ

»Fritz Walter ist ein weißer Rabe.

So einen entdeckt man nicht.

Sein einmaliges Talent bietet sich an, drängt sich auf, setzt sich durch.«

(Sepp Herberger, Reichstrainer)

Am 1. September 1936 werden in Kaiserslautern die »jüdischen Sonderklassen« eingeführt. Die etwa 30 noch in der Stadt lebenden jüdischen Schüler werden ab sofort in der Röhmschule unterrichtet. Alle Altersgruppen gemeinsam in einer Klasse.

Unterdessen wird Fritz Walter 16, er macht eine Lehre bei der Bankagentur Heinrich Hasemann in der Weberstraße 1 und spielt in der A-Jugend des FCK. Diese Mannschaft tritt oft direkt vor der Ersten Mannschaft auf dem Betzenberg an. In der Stadt spricht sich schnell herum, dass es sich lohnt, vorzeitig auf den Betze zu kommen. Weil es da einen schmächtigen Buben gibt, der seine lange Tolle mit einem Stirnband bändigt15, allerlei Kunststückchen mit dem Ball beherrscht und viele schöne Tore schießt. Mit seinen Dribblings heimst Fritz Walter regelmäßig Szenenapplaus ein. Trotz aller Treffer spielt er aber nicht eigensinnig oder für die Galerie. Bei aller Überlegenheit agiert er auch mannschaftsdienlich.

Als Walter 17 ist, beantragt FCK-Präsident Ludwig Müller für sein Riesentalent eine Ausnahmegenehmigung für Punktspiele der Männermannschaft. Dazu braucht er ein ärztliches Attest. Vereinsarzt Dr. Max Hopff schaut sich Walter an und schüttelt den Kopf. »Das ist unmöglich, der ist nur ein Strich in der Landschaft, so ein schmales Handtuch – was wollt ihr mit dem?«16 Der Doktor verweigert das Attest. Die Spielgenehmigung muss warten. Für den ehrgeizigen Fritz Walter bricht eine Welt zusammen. Was jetzt? Wird der »Schmalkopf«, wie seine Schwester Gisela ihn nennt, auf immer zu schwachbrüstig sein, um bei den Erwachsenen zu bestehen? Da hat FCK-Chef Müller eine Idee. Er organisiert dem zarten Fritz ein tägliches Mittagessen bei der Metzgersfamilie Speyerer in der Glockenstraße. Fortan sitzt der Lehrbub in jeder Mittagspause im holzvertäfelten »Stübbsche« hinter dem Ladenlokal. In der Ecke bollert ein Kachelofen, am langen Holztisch vor der Eckbank sitzen zehn Esser um die »Franzosensupp« herum. Die kernigen Speyerers, ihr Personal und der schmächtige Fritz. Jeder hat seinen festen Platz. Und zwei Themen sind am Tisch verboten: Politik und Fußball. Doch die Speyerer-Söhne Hermann und Albert halten sich nicht immer daran. Sie behandeln Fritz wie ihren Bruder und fragen ihn über das letzte Spiel aus. Manchmal antwortet Fritz nur sehr widerwillig, und alle wissen: Er hat verloren. Wenn er gar nichts sagt, hat er auch noch selbst schlecht gespielt.

»Er konnt‘ sich riesig ärgern, wenn sie verloren hatten«, berichtet Albert Speyerer. »Und wenn er dann noch schlescht gespielt hat, dann war er mal net zu genieße. Er war sehr sensibel und empfindlich. Genauso war er vorm Spiel immer so aufgeregt und hat sich übergeben, hat sich der Maache umgedreht.«17

Auf dem Weg zurück zur Arbeit bekommt Fritz noch Fleisch mit für seine Geschwister. Die Speyerers wissen: Dem Wirtsehepaar Walter geht es nicht gerade rosig mit seinen fünf Kindern und der Wirtschaftskrise.

Aber nervöser Magen hin oder her, der Fritz wird tatsächlich immer kräftiger. Nach einem halben Jahr hat er genug Fleisch und Muskeln auf den Knochen. Aus dem »Fritzje« ist ein Fritz geworden. Mit siebzehneinhalb Jahren darf er endlich bei den Großen mitmachen. Sein erstes Match ist ein Freundschaftsspiel am 25. März 1938. 5 : 5 gegen den 1. FC Pforzheim. Walter schießt zwei Tore.