Unter Staren - Antonia Coenen - E-Book

Unter Staren E-Book

Antonia Coenen

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Beschreibung

Ein Wunder der Natur, das oft unbemerkt bleibt: Der Star, mit seinem schillernden Federkleid und seinem beeindruckenden Schwarmverhalten, seiner Anmut und Intelligenz, verkörpert die Magie unserer heimischen Vogelwelt. Die leidenschaftlichen Vogelfans und Hobby-Ornitholog*innen Antonia Coenen und Philipp Juranek nehmen uns mit auf eine tief persönliche und zugleich wissenschaftlich fundierte Reise zu und mit den Staren – Singvögel, die trotz ihrer Allgegenwart in Europa und ihrer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit an ihre Umwelt selten die Beachtung finden, die sie verdienen. Vom eindrucksvollen Schauspiel der Starenschwärme, die den Himmel wie lebendige Kunstwerke durchziehen, bis hin zu den außergewöhnlichen Imitationsfähigkeiten dieses Vogels, von den Alpen bis nach Skandinavien: Sturnus vulgaris zeigt uns, wie lebendig, außergewöhnlich und intelligent unsere Natur ist. Wir begegnen Menschen, die sich dem Vogel- und Naturschutz verschrieben haben, Kunstschaffenden, Biolog*innen ebenso wie Landwirt*innen, die einen Weg des Zusammenlebens gefunden haben. Durch den Blick auf die bedrohten Lebensräume dieser Vögel wird auch die dringende Notwendigkeit deutlich, sich für den Erhalt der Artenvielfalt einzusetzen. Denn wo im Herbst früher der Himmel schwarz vor Staren war, bleibt er heute vielerorts leer. Höchste Zeit also, einmal genau hinzuschauen, was diesen Vogel ausmacht – und was er braucht. "Unter Staren" ist mehr als nur ein Naturbuch oder ein Guide fürs Birdwatching; es ist ein Aufruf, hinzusehen, zu fühlen und zu handeln: Tauchen wir ein in eine Welt, die sowohl vertraut als auch voller Überraschungen ist. Ein unterhaltender und oftmals auch lustiger Roadtrip voller persönlicher Erlebnisse und Begegnungen, die das Herz berühren und den Horizont erweitern.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Antonia Coenen & Philipp Juranek

Unter staren

Für meine liebe Luzi!

Antonia

Für alle Stare am Himmel – und für die, die sie sehen.

Philipp

Antonia Coenen & Philipp Juranek

Unter Staren

Die Entdeckung einer unterschätzten Art

Eine Vogelreise

Inhalt

Einleitung

Der Star am Alex

Der Star und sein Jizz

Der Star und Philipp

Der Star weltweit

Der Star in der Neuen Welt

Der Star und Mozart

Der Star in Lied und Gedicht

Der Star in der Kunst

Der Star für die Seele

Der Star und Moni

Der Star in der Luft

Der Star und sein Lied

Der Star und der Wein

Der Starenkasten

Stare essen

Der Star und die Insekten

Von seltenen Staren

Stare in Rom

Starlos?

Weiter unter Staren

Danksagung

Weiterführende Literatur und Quellen

Von einer Macht, die keiner kennt,

Gelenkt, der alle Welt gehört,

Zieht’s sie, wohin sie niemand nennt

Und keinem Menschen je erklärt.

Mascha Kaléko

Einleitung

Antonia und Philipp

Im Frühling 2020 starteten wir unseren Podcast »GUT ZU VÖGELN«. Damals hätten wir nicht gedacht, dass wir mit unserem alltäglichen Geschnatter über Meisen, Amseln und Rotkehlchen so viele andere Menschen erreichen würden. Dass wir sie bewegen würden – so wie uns die Vögel seit jeher bewegen. Heute, 80 Podcast-Folgen, unzählige Vogelführungen, Lesungen und zwei Vogelbücher später, wissen wir: Das Thema Vögel ist viel mehr als eine Wissenschaft, als reine Naturkunde; es kann Menschen erreichen auf einer Ebene, die wir vielleicht zuvor gefühlt, aber vollkommen unterschätzt hatten. Vögel, das sind Emotionen, Herz, Erinnerungen, Liebe und Freundschaft.

Wir haben weder Biologie studiert noch an irgendetwas geforscht. Für uns ist es schon immer eine reine, echte, tiefe Vogelliebe, die uns bewegt; eine Leidenschaft, die in unseren beiden Leben ihresgleichen sucht. Auf dieser Liebe zur Natur baut der tiefe Wunsch auf, ihr etwas zurückzugeben; Lebensräume zu erhalten und unsere Vögel zu schützen. Dies war und ist immer unser Antrieb; es geht uns um die Vögel selbst, nicht um das Verlangen, sie zu zählen, oder einen »Erfolg« beim Beobachten.

Emotionen sind in der Wissenschaft oft nicht gern gesehen; der subjektive Blick auf Beobachtungen und Entwicklungen in der Umwelt ist geradezu verpönt. Unsere Erfahrung aber zeigt: Es geht nur zusammen; die Wissenschaft liefert die harten Fakten, das Herz ruft nach Veränderung. Artenschutz und Naturschutz müssen deshalb immer auch emotional sein. Menschen müssen bewegt werden, um selbst etwas zu bewegen. Das Großartige an Vögeln ist dabei: Sie verbinden Eigenschaften, die automatisch Emotionen hervorrufen. Sie singen kunstvolle Melodien, sie können scheinbar mühelos fliegen, sie sind wunderschön anzuschauen. Vögel vermögen es, Gefühle auszulösen. Sie sind wilde Tiere und uns gleichzeitig so nah, vor dem Fenster und doch unerreichbar. Diesen Zauber, der sie umgibt, müssen wir endlich nutzen, um etwas zu verändern – in ihrem Sinne. Denn Vögel brauchen unseren Schutz. Und wir brauchen Vögel, um in dieser Welt bestehen zu können.

Haben wir in unserem letzten Buch Vogel entdeckt, Herz verloren über frühere, zufällige Vogelbegegnungen und -erfahrungen geschrieben, so wollen wir uns jetzt aktiv auf die Reise begeben und eine Vogelart in all ihrer Besonderheit besser kennenlernen. Hierbei soll stets gelten: Der Weg ist das Ziel. Wir nähern uns dem Vogel auf unsere ganz persönliche Art und Weise an, als Freunde, als Journalistinnen, mit Herz und einer großen Portion Neugier. Unsere erste Vogelreise führt uns zum Singvogel Star.

Der Star ist ein Wesen, das nahezu alle Dinge verkörpert, die uns Menschen seit jeher an Vögeln faszinieren. Da ist zunächst seine Gabe, außerordentlich gut fliegen zu können. Mit scheinbarer Leichtigkeit bildet er eindrucksvolle Schwärme und Formationen, die uns Herbst für Herbst zum Staunen bringen; Symbol für das unergründbare Wunder des Vogelzuges. Seit alters her sind Menschen fasziniert vom Federkleid der Stare; die Natur bringt in ihnen einen Glanz hervor, der ihresgleichen sucht. Und nicht zuletzt ist es ihre Fähigkeit, zu singen. Stare setzen ihre Stimme so eigen und kunstvoll ein, wie es kein zweiter Vogel in unseren Breiten vermag. Ein unglaublich sympathischer Vogel, der es verdient hat, genauer porträtiert zu werden.

Stare sind mitten unter uns – in den Dörfern, in Städten und Metropolen; aber auch in weiten Wäldern, unberührten Schilfgürteln, in abgeschiedenen Gegenden, weit weg von menschlichen Siedlungen improvisieren die Vögel und sind spontan, frech und lernfähig, ihr Verhalten anzupassen. Manche haben sich uns angeschlossen, wohnen mit uns, unter unseren Dachziegeln sogar – und dennoch schwindet ihr Lebensraum. Wir haben uns an die Vögel gewöhnt; sie sind immer da, selbst der wissenschaftliche Name Sturnus vulgaris benennt ihn als gewöhnlich, alltäglich, nimmt man die Übersetzung aus dem Lateinischen genau. Seit spätestens 1758 trägt der Star diesen lateinischen Namen, als Carl von Linné ihm jene damals schon geläufige Bezeichnung zuwies. Der Star muss allgegenwärtig gewesen sein.

Dies ist eine Geschichte über den Star in Deutschland und Europa; ein Porträt. Wie er ist, was ihn ausmacht. Was er braucht. Und vor allem, was er mit uns Menschen macht, wenn wir seine Nähe annehmen und ihn sehen. Uns wurde der Star ganz plötzlich unerwartet zum Freund. Und nun hat er für immer einen festen Platz in unseren Herzen, so wie nur Vögel es vermögen, sich mit uns zu verbinden. Wir wollen uns genau diesem schillernden Vogel widmen, weil er uns Menschen schon so lange begleitet – und dennoch oft nicht beachtet wird. Es wird Zeit, das zu ändern und den Star von allen möglichen Seiten kennenzulernen. Bevor es zu spät ist.

Unsere Reisen bringen uns an neue Orte, zu spannenden Menschen und in unvorhersehbare Situationen. Wir treffen Leute, die den Star besonders gut kennen, ihn malen, fotografieren, schützen; ihn beobachten, ihn aus unerfindlichen Gründen lieben oder ihn wissenschaftlich untersuchen. Künstlerinnen, Landwirte, Physiker. Wie immer gilt: Wir, die Reisenden, sind nicht allwissend. Mal sind wir Fragende, mal geben wir unser Wissen an die Lesenden weiter.

Wir beobachten Vögel in der Stadt und auf dem Land. Als Filmemacher mit Schwerpunkt Umwelt, Natur- und Artenschutz sind wir seit mehr als 15 Jahren in Deutschland und weltweit unterwegs. Sowohl beruflich als auch privat haben wir uns schon in jungen Jahren mit Vögeln beschäftigt, Filme über sie gedreht und eigene Initiativen zu ihrem Schutz gegründet. In diesem Buch wollen wir unsere gemeinsame Reise auch mit unserem persönlichen Leben verbinden. Als verheirateter, queerer Mann und als selbstständige Unternehmerin und alleinerziehende Mutter erzählen wir von unseren Perspektiven und unseren Erfahrungen im Berufsleben, im Alltag oder auch in der Vogelbeobachtungsszene. Denn unter den »Birdern« gehören wir selbst zu den seltenen Arten: Wie in vielen Bereichen in der Gesellschaft wird auch der Naturschutz in seiner Struktur dominiert von älteren, normativen Männern. Dabei sind wir uns sicher, dass es gerade für den Schutz der Umwelt und der Vögel diverse, ganz neue Blicke auf die Welt geben muss. Denn spätestens seit der Corona-Pandemie wissen wir: Vögel machen glücklich – und zwar die unterschiedlichsten Menschen. Was für eine Chance! Es zieht immer mehr Leute mit verschiedenem Background hinaus in die Natur. Auf unsere Balkone und ins Grüne, vor die eigene Haustür. Immer mehr Menschen trauen sich, auch ohne viel Vorwissen mit der Vogelbeobachtung zu beginnen – sie kommen aus der Deckung, lernen jeden Tag mehr und sind motiviert, diese Leidenschaft mit Leben zu füllen. Dieser Drang gilt für Alt und Jung gleichermaßen, in der Stadt und auf dem Land. Wir wollen dazu animieren, beim nächsten Pfeifen aufzuschauen – in den Himmel, auf das nächste Dach oder auf den Balkon –, wo der ein oder andere Vogel mit Sicherheit sitzen wird. Und dieser Vogel braucht euch und euer Engagement.

Dieses Buch über den Vogel Star, der schon immer mit uns gelebt und uns umgeben hat, der uns durch kulturellen, politischen, sozialen und geografischen Wandel begleitet hat, soll vor allem dazu beitragen, unsere Augen, Ohren und Herzen zu öffnen: für das, was uns umgibt. Es soll uns bewusst machen, was für wundervolle, kluge, soziale und freche Lebewesen herumfliegen und von den Bäumen pfeifen – in der Stadt und auf dem Land, jeden Tag aufs Neue. Wir wollen diesen Mitbewohner, den Star, nicht verlieren – und das klappt am besten, wenn wir ihn besser kennenlernen. Denn nur was wir kennen, lieben wir. Und nur was wir lieben, wollen wir schützen. Also, auf geht’s!

Der star am alex

Antonia

Als ich im September 2020 mit meinem Köfferchen am Alexanderplatz stand und auf die Regionalbahn in Richtung Brandenburg wartete, umzingelten sie mich: ein Rudel Stare. Wie treue Hunde schauten sie mich erwartungsvoll an und suchten den Boden vor mir nach Krümeln ab. Sie waren zu zehnt, pickten an meinen Schuhen, flogen dicht an meinen Ohren vorbei und bettelten laut und vehement. Natürlich griff ich direkt nach meinem Handy und nahm ein Video auf. Langsam folgte ich der Gruppe über den Bahnsteig und vergaß alles andere um mich herum.

Dass es im Winter Stare am Alex gab, war Philipp und mir schon 2016 aufgefallen, und wir hatten in unserem Büro in der Choriner Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg oft über dieses neue Phänomen gesprochen. Für uns waren Stare Zugvögel. Wieso flogen sie nicht mehr in den Süden? Wie schafften sie es durch den eisigen Berliner Winter? Wo schliefen die Tiere? Persönlich hatte ich die Stare so nah und so frech, wie an diesem Tag auf meinem Weg zu Philipp nach Brandenburg, noch nie erlebt. Das war auch kein Wunder, denn so oft war ich nicht mehr am Alexanderplatz unterwegs. Ende 2018 bin ich zurück nach Köln gezogen, und im März 2020 hat Corona uns überrollt. Ich war das erste Mal nach dem Lockdown wieder in Berlin. Eine außergewöhnliche Zeit.

Als mein Zug einfuhr, filmte ich noch immer die glitzernden Vögel und schaffte es im letzten Moment in die Bahn. Drei Haltestellen und 15 Minuten später rollte der Regionalzug gemütlich über die Stadtgrenze, und mir fiel mit Schrecken auf, dass ich meinen Koffer am Alex stehen gelassen hatte. Ruckartig und mit pochendem Herzen sprang ich auf und konnte nichts machen – außer hoffen, dass meine Sachen irgendwo abgegeben worden waren. Am Vortag war ich das erste Mal nach dem Lockdown shoppen gewesen und hatte für die erste Reise all meine liebsten Kleidungsstücke eingepackt. Natürlich waren auch Arbeitsutensilien im Gepäck gewesen, zwei Festplatten mit Filmmaterial und diverse Ladekabel. Die Hoffnung, den Koffer jemals wiederzusehen, war gleich null, denn am Alexanderplatz bleibt kein Krümel unbeaufsichtigt liegen. Und so war es dann auch – mein Koffer war weg.

Es gibt wohl kaum einen Ort in Berlin, der so verschmutzt und unfreundlich ist wie der Alex. Einst als Symbol für die Moderne geplant und als lebendiges Zentrum der Hauptstadt der DDR konzipiert, zieht er täglich Zehntausende an, die eng aneinandergedrängt von A nach B eilen oder hier Zuflucht suchen. Dazwischen werden Drogen vertickt, Hochprozentiges getrunken, Portemonnaies und Koffer gestohlen oder irgendwie sonst Kohle gemacht.

Der Schock über meine Unachtsamkeit, den Diebstahl meines Hab und Guts und das Rudel Stare vom Alex an jenem Morgen markieren für mich den Beginn unseres späteren Tierfilms »Der Star am Alex«, welcher 2024 auf Arte seine Premiere feierte. Denn seit diesem Tag wurden die Stare vom Alex ein Dauerthema zwischen Philipp und mir. Wir warteten auf ihre Ankunft im September und erzählten uns von ihrem Verschwinden Anfang März. Das Witzige ist, dass es früher umgekehrt war: Die Stare verschwanden im Herbst und kamen im Frühling zurück. Wir wechselten die Perspektive. Die Alex-Stare stellten die Welt auf den Kopf, auch unsere, es war der Beginn eines wichtigen Abschnitts in unserer Freundschaft. Wilde Gerüchte waren im Umlauf. Angeblich sollten die Stare am Alex die S-Bahn benutzen und am Ostbahnhof wieder aussteigen. Einige sollten das berühmte Geräusch der Berliner S-Bahn, das beim Schließen der Türen ertönt, nachahmen. Immer mehr unserer Podcast-Hörerinnen kamen auf uns zu, mit Fragen zu den Staren, die wir nicht genau beantworten konnten. Größere Berichte über den überwinternden Trupp gab es nach unserem Kenntnisstand zu dem Zeitpunkt aber nicht.

Am 21. Dezember 2021, um genau 10:38 Uhr war es dann so weit. Philipp stand am Alex mit seinem Croissant, wie ich im Jahr zuvor, und wartete auf seine Bahn, als auch er umzingelt und singend und pfeifend dazu aufgefordert wurde, das Croissant mit ihm zu teilen. Die Stare flogen hoch und pickten zielstrebig Krümel aus Philipps Hand, suchten den Boden vor seinen Füßen ab und setzten sich sogar auf seine Schulter. Philipp filmte alles mit dem Handy und konnte es kaum fassen. Die Schamlosigkeit, mit der sich die Vögel an seinem Essen bedienten, ließ keinen Zweifel mehr: Die Alex-Stare mussten ins Fernsehen. Am gleichen Tag trafen wir die Entscheidung, ein Exposé mit unserer Geschichte für einen Fernsehsender zu schreiben.

Bei der Tierfilmproduktion in Deutschland verhält es sich in etwa so wie in der Ornithologie. Bis heute gibt es Orni-Gruppen, in denen keine einzige Frau mitwirkt. Die Ornithologie, wie auch der deutsche Tierfilm, ist schon immer ein vornehmlich von Männern dominierter Bereich gewesen. Somit ist die Perspektive im Tierfilm und in der ornithologischen Forschung männlich geprägt. In der Vogelkunde zeigt sich das beispielsweise in der Annahme, dass nur männliche Vögel singen. Dabei sind singende Weibchen weltweit die Regel, nicht die Ausnahme. Das hat ein internationales Team um Katharina Riebel von der Universität Leiden recherchiert. Die Wissenschaftlerinnen hatten die internationale Fachliteratur systematisch ausgewertet, bestehende Berichte, die schon lange verfügbar waren. Die Ergebnisse zeigten, dass weiblicher Gesang bei 71 Prozent der untersuchten Vogelarten vorkam.

Diese Ergebnisse widerlegen klassische Annahmen über die Evolution des Gesangs und der Geschlechtsunterschiede bei Vögeln. Dass nur Männchen singen, war zentral für die Entwicklung von Darwins Theorie der sexuellen Selektion. Wie andere männliche Schmuckmerkmale diente auch der Gesang dazu, Weibchen anzulocken und mit Rivalen zu konkurrieren. So wurde der Gesang von Vögeln zu einem Lehrbuchbeispiel für die Macht der sexuellen Selektion. Dabei sind Rotkehlchen, Heckenbraunellen, Zaunkönige und auch der Star alles heimische Vogelarten, bei denen auch die Ladys singen. Doch immer noch gilt, dass das Starenmännchen Gas gibt, um die Weibchen zu verführen, sie anzulocken. Das hat ein Geschmäckle, welches impliziert, dass die Weibchen willenlos und bedürftig seien.

Dabei könnte man gerade bei Vögeln auch ein anderes Narrativ bemühen: Die Vogelweibchen, als unabhängige Individuen, schauen sich die Männchen genau an und überlegen dann, welches ihnen nah kommen darf. Dafür müssen die Männchen auf sich aufmerksam machen und auffallen. Entweder ihr Gefieder ist besonders bunt, sie singen sehr facettenreich, oder aber sie schmücken das mögliche Nest mit besonders viel Finesse. Sind sie erfolgreich, kommen sie in die engere Auswahl der wählerischen und beschäftigten Vogeldamen, der selbstständigen »grown woman«, ganz nach Beyoncé. Manchmal, wie bei der emanzipierten Heckenbraunelle, haben die Weibchen auch mehrere Männchen am Laufen oder brüten in Gemeinschaften. Vogelweibchen haben manchmal auch gar keinen Bock mehr auf die Typen und werden lesbisch, wie die fortschrittlichen Möwinnen in Kalifornien, von denen ein Artikel der New York Times aus dem Jahr 1977 berichtet:

»Ein Forschungsteam einer Universität berichtet, dass etwa 14 Prozent der weiblichen Möwen auf einer Insel vor der kalifornischen Küste lesbisch sind. Dies sei der erste solide Beweis für weit verbreitete Homosexualität unter wilden Vögeln. Eine der weiblichen Möwen übernimmt eine männliche Rolle, und die Vögel bilden stabile Partnerschaften, ähnlich wie heterosexuelle Möwen: Sie gehen die Bewegungen der Paarung durch, legen sterile Eier und verteidigen ihr Nest wie andere Paare, heißt es in dem Bericht. Es wurden keine Hinweise auf Homosexualität bei männlichen Vögeln gefunden.«

Es gibt einen tollen Song aus dem Jahr 1979 mit dem Titel »Lesbian Seagulls« von Tom Wilson Weinberg. Er erschien auf seinem Album »The Gay Name Game«, auf dem sich der Australier offen zu seiner Homosexualität bekannte. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Albums war er etwa 34 Jahre alt und hatte zuvor seine originellen queeren Lieder in Cafés und bei Veranstaltungen zur Schwulen-Emanzipation in den späten 1970er-Jahren aufgeführt. Später wurde das Lied von Engelbert populär gemacht und 1996 sogar im Film »Beavis and Butt-Head do America« verwendet.

Ich glaube, dass wir heute viel mehr Wissen über den Schutz unserer Vögel gesammelt hätten, wären mehr Frauen früher an der Forschung beteiligt gewesen oder hätten bedeutende Professuren erhalten. Die Geschichte hat gezeigt, dass es meistens die Frauen waren, die sich im Artenschutz engagierten. Man denke an die Zoologin und Biologin Rachel Carson, die Primatenforscherinnen Jane Goodall und Dian Fossey, die Ozeanografin Sylvia Earle oder die Umweltaktivistin Vandana Shiva. Diese Frauen haben maßgeblich dazu beigetragen, das Bewusstsein für den Schutz der Natur und die Bedeutung der biologischen Vielfalt zu schärfen. Sie haben weltweit Bewegung in den Artenschutz und die wissenschaftliche Forschung gebracht. Schaue ich mir heute meine Vogelbüchersammlung an, dann sind die meisten Bücher, die sich mit dem Thema Vögel und Artenschutz, Tierschutz, Kultur, Poesie kurz: Vogel und Mensch befassen, von Frauen verfasst oder mitverfasst. Die Wissenschaft jedoch bleibt männlich.

Zurück zu unserem Projekt. Philipp und mein erster »Tierfilm« mit dem Arbeitstitel »Der Star am Alex« wurde im Februar 2022 von dem französisch-deutschen Sender Arte in Auftrag gegeben, und schon bald fingen wir mit den Vorbereitungen an. Als Erstes mussten wir eine geeignete Kamerafrau oder einen Kameramann finden. Die Person sollte in Berlin leben, flexibel sein, herausragende Bilder machen und für eine bezahlbare Gage arbeiten. Denn obwohl wir uns sehr über die Auftragsproduktion freuten, stellte uns das Format »Arte-Entdeckung« vor einige Herausforderungen: Zum einen integrierte es immer auch kurze Geschichten von Menschen in seine Filme, was wir eigentlich nicht wollten – die Stare sollten die Stars sein! Zum anderen war das Produktionsbudget zu niedrig für die aufwendige Realisation eines Tierfilms. Immerhin wollten wir einen hochwertigen Tierfilm produzieren, der die Stare als unterschätzte Vogelart so zeigt, wie sie noch nie gezeigt worden war. Über Umwege und hilfsbereite Tierfilm-Kolleginnen aus Leipzig stießen wir auf Stephan Schulz, einen jungen, ambitionierten Kameramann, der sogar unweit vom Alexanderplatz wohnte. Stephan war nicht nur nett, sondern auch begeistert von dem Thema. Wenige Tage später lag er warm eingepackt auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Alexanderplatz und schoss die ersten Probeaufnahmen mit den Staren. Es war ein sonniger, kalter Tag, und die Sequenzen, die er mir später schickte, gehören bis heute zu meinen liebsten Aufnahmen. Zu sehen ist ein kleiner Star, der laut gegen den Stadt- und Bahnhofslärm ansingt, während er in der Sonne auf einem Schild sitzt und im Hintergrund die S-Bahn in den lauten Bahnhof einrollt.

Ich liebe dieses Motiv sehr, da es für mich das Wesen des Stars perfekt wiedergibt. Der Star ist mutig und überaus anpassungsfähig und mit seiner Umwelt ständig im Austausch. Er hat alles im Blick: die Umgebung, seine mögliche Nahrungsquelle, seine Artgenossen, die Menschen und andere Vögel. Er ist klein und fein und stellt sich jeder Gefahr lautstark entgegen. Trotzig und zackig bewegt sich sein Kopf schnell von rechts nach links und von oben nach unten. In Sekundenschnelle kann sich seine Erscheinung verändern. Erst zwitschert und trällert er aufgeplustert mit erhobenem Kopf gen Himmel, und im nächsten Moment gleicht er einem Reptil, die Federn eng angelegt und mit schmaler Silhouette.

An jenem ersten Drehtag im Februar 2022 stimmte alles. Die Stare tummelten sich auf den Gleisen des Bahnhofs und suchten nach Essbarem. Die Sonne schien, aber es war kalt, sodass sich die Vögel unter dem Dach des Bahnhofs aufhielten und die einfallenden Sonnenstrahlen ausnutzten, um sich aufzuwärmen. Stephan kam nah heran und konnte die urbane und hektische Atmosphäre des Bahnhofs mit den singenden und glänzenden Staren im Vordergrund perfekt einfangen.

Philipp und ich machten uns derweil an das Drehbuch. Uns fiel auf, dass wir eigentlich nicht viel über die Alex-Stare wussten. Wo schliefen sie? Wo kamen sie her? Wie groß war die Gruppe, und was genau fraßen sie? Um wie viel Uhr startete ihr Tag, und wann endete er? Welchen Gefahren waren sie am Alex ausgesetzt? Warum taten sie sich ausgerechnet diesen Ort an? Gespräche mit bekannten Berliner Wildtierexperten und Biologen, auch hier alles Männer, waren nicht sehr hilfreich. Uns wurde versichert, die Tiere schliefen außerhalb der Stadt und kämen nur zum Fressen an den Alex. Niemand wusste genau, wie viele es waren. Die Stare am Alex waren nicht erforscht, und des relativ neuen Phänomens hatte sich noch niemand wissenschaftlich angenommen.

Der am Alex brütende Wanderfalke war in einem Beringungsprogramm der Stadt. Die immer weniger werdenden Spatzen und Stare indes erforschte keiner. Und als wir uns über die Population der Stare und Spatzen in Berlin informieren wollten, konnte uns niemand eine genaue Zahl nennen. In der Welt der Ornithologie gibt es oft einen starken Fokus auf seltene und gefährdete Vogelarten. Diese Aufmerksamkeit ist berechtigt, da sie unser Verständnis von Biodiversität vertieft und wertvolle Erkenntnisse für den Artenschutz liefert. Doch paradoxerweise wissen wir über Bestandsrückgänge vermeintlich »gewöhnlicher« Arten wie Stare und Haussperlinge oft wenig – obwohl sie uns täglich begleiten und eng mit menschlichen Lebensräumen verwoben sind. So kann es passieren, dass vermeintlich häufige Arten still und heimlich verschwinden und dieses Verschwinden zu spät auffällt.

Wie bei den Staren. Ihre Bestände nehmen stetig ab. In Deutschland leben derzeit noch etwa zwei Millionen Brutpaare. Was viel klingt, muss man in Relation stellen: Es sind nur noch halb so viele wie noch vor 20 Jahren. Der Bestand ist seit der Jahrtausendwende erheblich zurückgegangen. Diese dramatische Entwicklung hat dazu geführt, dass Stare inzwischen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen – Kategorie drei: gefährdet. Zusammen mit Wiedehopf, Wendehals oder Fischadler. Arten, für die es eine viel größere Aufmerksamkeit, teilweise sogar extra Schutzprogramme, Nistkastenprojekte und Ähnliches gibt.

Der Star am Alex hat sich angepasst und die Menschen als lebende Futterquelle entdeckt. So nah wie hier am Alexanderplatz kommen uns die Tiere sonst nie.

Er hat alles im Blick: die Umgebung, seine Artgenossen, die Menschen, andere Vögel und die mögliche Nahrungsquelle. Dönerfleisch ist mit Abstand das Lieblingsessen des Stars am Alex.

Dabei ist der Rückgang des Stars ein Symbol für das »stille Verschwinden« vieler häufig vorkommender Vögel. Einst aus unseren Siedlungen nicht wegzudenken, sind Haussperlinge in Städten wie Köln, Wien oder Paris nicht mehr aufzufinden. Auch in Berlin werden sie immer weniger. Dort, wo es sie noch gibt, sind sie oft laut und lebendig; vielen fällt es daher schwer, zu glauben, dass sie seltener werden. Ihr Hauptproblem sind die fehlenden Brutplätze, die bei Fassaden- und Dachsanierungen vernichtet werden. Klassische Spatzen-Nistplätze in Mauernischen, unter Dachrinnen und in Dachkästen verschwinden. Ritzen und Löcher passen nicht mehr ins Bild unserer schicken Häuser. Mit der Folge, dass eine Spatzenkolonie nach der anderen ihre Lebensgrundlage verliert. Hinzu kommt, dass begrünte Fassaden immer seltener werden. Das ist für die Spatzen – und genauso für Stare – vor allem im Winter ein großes Problem, da sie meistens so schnell keinen neuen Efeu oder Strauch finden, wo alle Individuen Platz haben. Die Gruppe muss sich verteilen. Eine kalte Nacht an einem ungeschützten Ort ist aber für die Vögel, die konstant eine Körpertemperatur von 39 bis 42 Grad halten müssen, kaum zu überleben. Sie wenden dann schlicht zu viel Energie auf und verbrennen zu viel Körperfett.

Zwar sind die Fortpflanzungs- und Ruhestätten von Vögeln und Fledermäusen laut § 44, Absatz 1, Nummer 1–3 des Bundesnaturschutzgesetzes geschützt und dürfen ohne Ausnahmegenehmigung weder entfernt noch zerstört werden, aber unsere Erfahrung zeigt, dass auch bei städtischen Bauprojekten der Verpflichtung, noch vor Beginn der Baumaßnahme zu prüfen, ob sich im betroffenen Gebäude Fortpflanzungs- und Ruhestätten befinden, nicht nachgekommen wird. Zu mächtig sind die Bauprojekte im Vergleich zu den kleinen Spatzen und Staren. Um das Aussterben des Haussperlings Passer domesticus – was so viel heißt wie »dem Haus zugehörig« – und unseres Stars zu stoppen, bräuchte es wissenschaftlich fundierte Untersuchungen, mit genug Hebelkraft, dass auch politisch etwas für den Artenschutz passiert. Ohne konkrete Zahlen über die Populationen und wissenschaftliche Belege fehlt einfach der Rumms. Die gefühlte Wahrheit ist da angenehmer als reale Zahlen. Die Erforschung von Spatz und Star würde nicht nur dazu beitragen, ihre Bestände zu sichern, sondern auch unser Wissen über die komplexen Wechselwirkungen zwischen Natur und Mensch vertiefen. Das Verschwinden dieser Allerweltsarten ist ein Warnsignal für die Gesundheit unserer Umwelt. Und ohne Forschung bleiben diese Veränderungen oft unbemerkt mit weitreichenden Folgen für die Ökosysteme.

Das Erste, was wir bei unseren Dreharbeiten über die Stare lernten, war: je kälter der Tag, desto hungriger die Vögel; je hungriger die Vögel, desto frecher ihre Bettelei und je dreister ihre Bettelei, desto besser unsere Aufnahmen. Kam der Starenschwarm in den Morgenstunden am Alex an, nach einer kalten Nacht mit Minusgraden, hatten die Vögel bis zu einem Fünftel ihres Körpergewichts verloren. Essen war überlebenswichtig, und so stürzten sie sich regelrecht auf alle Krümel, die sie am Bahnsteig finden konnten. So früh am Morgen hatten die Imbisse und Dönerbuden noch nicht geöffnet, und der Trupp Stare konzentrierte sich auf die wartenden Passagiere und auf uns, direkt vor der Kamera.

An einem unserer ersten offiziellen Drehtage im Februar 2023 trafen Stephan und ich uns um sechs Uhr morgens am Bahngleis 3 und 4 am Alexanderplatz. Das Thermometer zeigte minus zwölf Grad, und ich hatte mich – als absolute Frostbeule – warm eingepackt. Es war noch stockdunkel, und wir bauten unsere Kamera auf. Unser Ziel war es, die morgens einfliegenden Stare zu filmen, und da wir nicht wussten, wann sie kommen würden, beobachtete ich nervös den Himmel, während Stephan auf dem Bahngleis einen passenden Platz für die Kamera suchte. Zu diesem frühen Zeitpunkt der Produktion wussten wir nicht, aus welcher Richtung der Schwarm oder Teile davon ankommen würden. Um kurz vor sieben war immer noch kein Star zu sehen. Während Stephan die blaue Stunde mit seiner Kamera einfing, konnte ich mich vor Schmerzen in den Händen und Füßen kaum noch bewegen. Mein ganzer Körper zitterte, und ich wunderte mich, wie Stephan noch die Kamera führen konnte. Von Weitem sah ich seinen Atem wie eine Dampfwolke gegen das immer heller werdende Licht in die Höhe steigen. Es versprach, ein klarer und sonniger Berliner Wintertag zu werden.