Untergang der jüdischen Gemeinde in Sandomierz 1939-1944 - Marius Bochniak - E-Book

Untergang der jüdischen Gemeinde in Sandomierz 1939-1944 E-Book

Marius Bochniak

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Beschreibung

Die vorliegende historische Mikrostudie zielt auf eine detaillierte Rekonstruktion des Ablaufs der Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Sandomierz ab, von der Besetzung der Stadt durch die Wehrmacht im September 1939 bis zur Auflösung der letzten jüdischen Arbeitsgruppe in Mokoszyn im Januar 1944. Zu diesem Zweck wurden nahezu 150 Zeugenaussagen von jüdischen Zeitzeugen aus Sandomierz sowie sämtliche relevanten Dokumente aus dem Staatsarchiv Kielce, Abteilung Sandomierz, herangezogen.

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Seitenzahl: 466

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Marius Bochniak

Untergang der jüdischen

Gemeinde in Sandomierz

1939-1944

Texte: © 2025 Copyright by Dr. Marius Bochniak

Umschlaggestaltung: © 2025 Copyright by Dr. Marius Bochniak

Verlag:

Dr. Marius Bochniak

Sophie-Scholl-Str. 17

71691 Freiberg am Neckar

[email protected]

Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Einleitung

Forschungsstand

Konzeption des Buches

Quellenlage

Akten im Bestand des Staatlichen Archives in Kielce Abteilung Sandomierz

Weitere Archive

Jüdische Nachkriegsberichte

Ermittlungen wegen der Gewaltverbrechen in Sandomierz

Glaubwürdigkeit der Zeugenaussagen

Jüdische Zeugenaussagen

Deutsche Zeugenaussagen

Literatur

Sandomierz Memorial Book

Gedruckte Erinnerungen

Hinweise für den Leser

Umgang mit jüdischen Namen

Straßennamen

Weitere Bemerkungen

Sandomierz im Jahr 1939

Sandomierz und Umgebung

Die jüdische Gemeinde von Sandomierz 1918-1939

Rabbiner und der Vorstand der Jüdischen Gemeinde

September 1939

Kriegsvorbereitungen

Hilfsaktionen

Bürgerkomitee

Einmarsch der Wehrmacht in Sandomierz

Artilleriebeschuss der Stadt

Besetzung der Stadt

Sandomierz unter Militärverwaltung

Sammellager Zochcin

Befreiung der Internierten

Anordnungen der Ortskommandantur

Wiedereröffnung der Geschäfte

Geiseln

Aktionen der Einsatzkommandos der SS

Flucht in den Osten

Organisation der Besatzung

Zivile Verwaltung

Gefängnis Sandomierz

SS und Polizei

SS und Polizei im Distrikt Radom

Stabskompanie

Sicherheitspolizei und SD

Ordnungspolizei im Kreis Opatów

Sicherheitspolizei und SD im Kreis Opatów

Kriminalkommissariat Opatów

Einleitung von Judenverfolgungsmaßnahmen

Grundzüge der deutschen Judenpolitik in den Jahren 1939-1941

Gründung des Judenrats in Sandomierz

Schiedsgericht

Jüdischer Ordnungsdienst

Lebensmittelkarten

Erste Kontribution

Transporte von Flüchtlingen

Kennzeichnungspflicht

Zwangsarbeit

Jüdisches „Arbeitsamt“

Sicherstellung des jüdischen Vermögens

Beschlagnahmung der Immobilien und Geschäfte

Befriedungsaktionen

Razzia für Arbeiten an Befestigungsanlagen

Jüdische Selbsthilfemaßnahmen

Hilfe des American Joint Distribution Committee

Bekämpfung der Typhusepidemie

Jüdische Soziale Selbsthilfe (JSS)

Jüdisches Hilfskomitee in Sandomierz

Delegatur der JSS in Sandomierz

Einwohnerabgabe

Schulunterricht für jüdische Kinder

Leben unter deutscher Besatzung 1940-1942

Versorgung mit Brot

Versorgung mit Fleisch

Medizinische Versorgung der jüdischen Bevölkerung

Ärzte

Einrichtung einer Krankenstation

Einrichtung von Sanitätskolonnen

Standesamtunterlagen der jüdischen Bevölkerung

Vorbereitung der Vernichtung

Registrierung der jüdischen Bevölkerung

Einrichtung von jüdischen Wohnbezirken

Einschränkung der Freizügigkeit innerhalb der Stadt Sandomierz

Umsiedlung der Juden innerhalb des Kreises

Jüdisches Wohnviertel in Sandomierz

Strafen für das unerlaubte Verlassen des zugewiesenen Wohnbezirks

Erste Razzia für das Lager in Skarżysko-Kamienna

Sogenannte “antikommunistische” Aktion in Sandomierz

Verhaftungsaktion am 10. Oktober 1942

SS-Stützpunkt “Deutschwehr” und das Zwangsarbeitslager “Lyzeum”

Dienststelle Radom des Kommissars zur Festigung des Deutschtums

Flurbereinigung und Ansiedlung von Kolonisten

Stützpunkt “Deutschwehr”

Arbeitseinsatz in Mokoszyn und zweite Razzia für Skarżysko

Juden in Gerlachów

Landwirtschaftliche Handelsgenossenschaft “Rolnik”

Anordnung der Judenvernichtung und Frage der jüdischen Arbeitskräfte

Zuteilung von jüdischen Arbeitern für die Stadtverwaltung

Antrag zur Einrichtung des Lagers “Lyzeum”

Lagerordnung

Verwaltung des Lagers

Eröffnung des Lagers “Lyzeum”

Arbeitslager bei dem Glaswerk “Metan”

Erste Deportation

Letzte Vorbereitungen

Zwangsarbeitslager bei Mielec

Chronologie der Deportationsaktionen

Beteiligte Einheiten und Dienststellen

Sicherheitspolizei und SS aus Radom

HiWi-Kompanie

Besatzung des Stützpunktes “Deutschwehr”

Deutsche Gendarmerie

Schutzpolizei

Polnische Polizei

Selektion in Mokoszyn

Selektion im Lager “Lyzeum”

Aktion der der Altstadt

Jüdischer Ordnungsdienst am Tage der Aussiedlung

Marsch zum Bahnhof

Transport in ein Konzentrationslager

Ziel des Transports

Anzahl der deportierten Personen

Nach der Deportation

Jüdische Verstecke

Marktplatz 2

Marktplatz 7

Marktplatz 8

Marktplatz 9

Marktplatz 23

Marktplatz 26

Marktplatz 18 im Bericht von Czesław Czechowicz

Metzgerhütte in der Judenstraße

Kleiner Marktplatz 2

Oleśnicki Straße 2/4

Verstecke in der Kathedrale

Exekution von 108 Juden

Angebliche polnische Suchaktion

Das zweite Ghetto in Sandomierz

Das Räumungskommando

Einrichtung des jüdischen Wohnbezirks

Lebensbedingungen im Ghetto

Das jüdische Badehaus

Fleckfieberepidemie im Ghetto

Notfallkrankenhaus

Ermordung des Rabbiner aus Ostrowiec

Vorbereitung des Widerstands

Das Lager “Lyzeum” zwischen den Deportationen

Durchsuchung der Lagerinsassen

Lebensbedingungen im Lager

Verhaftung von Jerzy und Hanna Salomonowicz

Kinder im Lager

Austausch der Lagerinsassen und Auflösung der Bülow-Gruppe

Arbeitslager bei dem Glaswerk “Metan”

Die Zweite Deportationsaktion

Letzte Tage im Ghetto

Registrierung für Palästina

Vorbereitung der Aussiedlungsaktion

Unterdrückung einer geplanten Widerstandsaktion

Selektion im Lager “Lyzeum”

Deportation

Arbeitskräfte für das Hasag Werk in Skarżysko-Kamienna

Verstecke während der Aussiedlungsaktion

Flucht vom Transport nach Treblinka

Anzahl der deportierten Personen

Das dritte Ghetto

Aufräumungskommando

Beerdigung der Toten

Wiedereinrichtung des Ghettos

Fluchtversuche

Das Lager “Lyzeum” nach der zweiten Aussiedlungsaktion

Jagd auf die “Illegalen”

Ermordung von Jerzy Hercberg

Ermordung von Genia Klus

Razzia in einem Haus in Mokoszyn

Weitere Morde im Lager “Lyzeum”

Erschießung von Lejb Orensztajn und seiner Frau

Erschießungen von jungen Frauen

Ermordung von Hersz Wieruszewski

Ermordung von Hersz und Lejb Kogut

Einrichtung von jüdischen Handwerkerstuben

Besichtigung der Handwerkerstuben durch Reinke

Lebensmittelversorgung jüdischer Arbeitskräfte

Endgültige Liquidierung des Ghettos

Einwohnerzählung am 1. März 1943

Glaswerk “Metan”

Liquidierung des Lagers in dem Glaswerk “Metan”

Selektion im Ghetto

Ermordung der letzten jüdischen Kinder

Die letzten Juden in Sandomierz

Radio-Affäre im Lager “Lyzeum”

Auflösung des Lagers “Lyzeum”

Mokoszyn

Verstecke in Chwałki und Gołębice

Mit “arischen” Papieren in Warschau

Besorgung von Geburtsurkunden

Familie Nussbaum

Chil Cejlon

Familie Zoberman

Weitere Familien

Erpressung durch junge Polen aus Sandomierz

„Judenjagd“ in Sandomierz und Umgebung

Frydman Schwestern und Abraham Szwajcman

Brüder Fogel

Familie Malinowski aus Warschau

Familie Mały

Rachela Fiszman

Werner Schwestern

Abram Wajntrob und Pinches Wasser

Majer Cukierblum

Familie Fajntuch

Polnische Unterstützung für Juden

Strafen für Hilfe für Juden

Verwahrung von Wertgegenständen und anderen Objekten bei polnischen Familien

Verkauf von Lebensmitteln an Juden

Medizinische Hilfe

Hilfe beim Verlassen der Stadt

Unterbringung von jüdischen Kindern bei polnischen Familien

Beherbergung von erwachsenen Juden

“Legenden” über polnische Hilfen für Juden in Sandomierz

Biskup Jan Lorek

Jan Stępień

Henryk Przybylski

Leserbrief von Janina Dembowa an die "Polityka"

Abkürzungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Zeugenberichte und Verhörprotokolle

Archive

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

Einführung

Einleitung

Nach der Besetzung der meisten polnischen Gebiete durch die deutsche Wehrmacht in 1939 wurden am 1. Januar 1940 die vormaligen Kreise Sandomierz und Opatów zu einer neuen administrativen Einheit fusioniert. Diese Einheit unterstand der Verwaltung der Kreishauptmannschaft in Opatów und war in den Distrikt Radom eingegliedert. Innerhalb des neu formierten Kreises Opatów befanden sich mehrere größere Ortschaften, darunter Sandomierz, die jeweils signifikante und aktive jüdische Gemeinschaften beherbergten. In diesen Orten bildete die jüdische Bevölkerung einen substanziellen Anteil der Gesamtbevölkerung.

Unmittelbar nach der deutschen Besetzung Polens leiteten die deutschen Besatzungsbehörden systematische Maßnahmen zur Restriktion der Rechte der jüdischen Bevölkerung ein. Dies umfasste zunächst die Erfassung ihres Besitzes, gefolgt von einer Einschränkung ihrer Verfügungsrechte. Anschließend wurde der Besitz durch administrative Anordnungen enteignet oder konfisziert. Bis zum Jahr 1942 erfolgte eine progressive Konzentration der jüdischen Bevölkerung in immer weniger Orten.

Diese vorbereitenden Maßnahmen dienten als Präludium zur nachfolgenden "Aktion Reinhardt", deren Ziel die systematische und planmäßige Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung in Konzentrationslagern war. Im Distrikt Radom erfolgte die Durchführung der "Aktion Reinhardt" zwischen dem 4. August und dem 7. November 1942.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Sandomierz rund 2200 Juden. Am 28. Oktober 1942 wurde der Großteil dieser Bevölkerung zusammengetrieben und zum nahegelegenen Bahnhof in Nadbrzezie verbracht, von wo aus die Deportation in ein Vernichtungslager am 1. November stattfand. Eine begrenzte Anzahl jüdischer Einwohner verblieb im Zwangsarbeitslager "Lyzeum" in Sandomierz. Nach dessen Auflösung wurden diese auf verschiedene Rüstungsfabriken im Distrikt Radom verteilt. Mindestens 220 Juden aus Sandomierz überlebten den Krieg, sei es in den Arbeitslagern der Rüstungsindustrie oder unter Verwendung gefälschter Ausweispapiere in Warschau und Umgebung. Darüber hinaus gelang es lediglich wenigen Personen, hauptsächlich Kindern, sich mit Unterstützung polnischer Helfer in Sandomierz und seiner näheren Umgebung zu verstecken.

Die vorliegende Mikrostudie zielt auf eine detaillierte Rekonstruktion des Ablaufs der Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Sandomierz ab, von der Besetzung der Stadt durch die Wehrmacht im September 1939 bis zur Auflösung der letzten jüdischen Arbeitsgruppe in Mokoszyn im Januar 1944. Zu diesem Zweck wurden nahezu 150 Zeugenaussagen von jüdischen Zeitzeugen aus Sandomierz sowie sämtliche relevanten Dokumente aus dem Staatsarchiv Kielce, Abteilung Sandomierz, herangezogen.

Forschungsstand

Das Thema der Vernichtung der jüdischen Gemeinde Sandomierz zeichnet sich durch einen heterogenen Forschungsstand aus. Dies ist darauf zurückzuführen, dass verschiedene Forschergruppen – darunter professionelle Historiker, Holocaustüberlebende aus Sandomierz, Regionalforscher sowie diverse Gerichte und Staatsanwaltschaften – das Thema unabhängig voneinander bearbeitet haben, oft ohne gegenseitige Kenntnisnahme der jeweiligen Forschungsergebnisse.

Bislang haben sich mehrere Historiker mit dem Holocaust im Distrikt Radom befasst, wobei die Organisation der Besatzung und die Implementierung antijüdischer Maßnahmen, einschließlich der "Aktion Reinhardt", auf Distriktebene eingehend untersucht wurden. Die spezifische Umsetzung dieser Maßnahmen und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in einzelnen Orten wurden hingegen nur in Ausnahmefällen vertiefend analysiert. Insbesondere mangelt es bislang an umfassenden wissenschaftlichen Arbeiten oder historischen Monografien, die sich explizit mit der Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Sandomierz auseinandersetzen.

In Krzysztof Urbańskis polnischsprachiger Monografie über die Vernichtung des Judentums im Distrikt Radom1 wird Sandomierz häufig als Beispiel herangezogen. Anstatt jedoch auf originale Quellen aus dem Staatsarchiv in Sandomierz oder auf die zahlreichen jüdischen Berichte zurückzugreifen, verwendet der Autor lediglich einige leicht zugängliche jüdische Zeugenaussagen, ohne deren Glaubwürdigkeit und Korrektheit zu überprüfen. Infolgedessen übernimmt er oft fehlerhafte Angaben aus diesen Quellen. Wie bereits Jacek Młynarczyk in seiner Monografie über den Judenmord im Distrikt Radom feststellte, ist Urbanskis Arbeit "mit so vielen Mängeln behaftet, dass sie nur als grobe Annäherung an die Problematik gewertet werden kann". Młynarczyk bemängelt, dass Urbański die internationale Forschung zur Judenverfolgung und -vernichtung im besetzten Polen vollständig ignoriert und seine zufällige, oft willkürliche Quellenauswahl, die sich ausschließlich auf polnische Archive beschränkt, es ihm nicht erlaubt, die einzelnen Schritte der Entrechtung der jüdischen Bevölkerung im Distrikt Radom überzeugend nachzuzeichnen2.

Die sorgfältig verfasste Monografie von Jacek Młynarczyk versucht, die zuvor genannten Mängel zu vermeiden. Młynarczyk stützt seine Darstellung auf einer deutlich breiteren Quellenbasis als Urbański, wobei er insbesondere Akten der Zentralen Untersuchungsstelle in Ludwigsburg heranzieht. Aus nachvollziehbaren Gründen werden viele Orte im Distrikt Radom, einschließlich Sandomierz, jedoch nur kurz behandelt. Darüber hinaus unterlässt es der Autor leider, die zahlreichen Zeugenaussagen, die er zitiert, einer Überprüfung zu unterziehen.

Das von Juden aus Sandomierz in Hebräisch veröffentlichte monumentale Sandomierz Memorial Book3, das eine wahre Fundgrube an Informationen und regionalen Geschichten darstellt, ist bisher von keinem Autor ausgewertet worden. Dies ist vermutlich auf die sprachliche Barriere zurückzuführen. Dasselbe gilt für die recht umfangreiche, in Englisch oder Jiddisch veröffentlichte Erinnerungsliteratur von Juden aus Sandomierz. Des Weiteren wurde das Thema unserer Untersuchung auch in der polnischen "Partisanenliteratur" behandelt. In diesem Zusammenhang sind insbesondere zwei Werke zu nennen: Gehenna ludności Żydowskiej von Eugeniusz Fąfara4, in dem der Bericht von Nachman Icek Gorzyczański abgedruckt wurde, sowie Partyzanci 'Lotnej' von Henryk Strzelecki5, der seine Informationen höchstwahrscheinlich ebenfalls aus dem Bericht von Gorzyczański bezieht, ohne jedoch seine Quellen anzugeben. Es ist wichtig anzumerken, dass diese Bücher auf nicht überprüften Zeitzeugenberichten basieren und Fakten mit Interpretationen, Vermutungen und Gerüchten vermischen.

Konzeption des Buches

In der Geschichtswissenschaft ist es etablierte Praxis, dass umfangreiche Monographien auf detaillierten Einzeluntersuchungen basieren. Diese Einzelstudien dienen der kritischen Prüfung sämtlicher verfügbarer Dokumente, Erinnerungstexte und Zeitzeugenberichte hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und inhaltlichen Korrektheit. Der Verfasser vertritt die Ansicht, dass für den Kreis Opatów, dem Sandomierz während der Kriegszeit zugeordnet war, sowie für andere Kreise im Distrikt Radom, derartige wissenschaftlich fundierte Regionalstudien zum Holocaust weitgehend fehlen. Infolgedessen entbehrt die bisherige Darstellung des Holocaust im Distrikt Radom teilweise einer soliden wissenschaftlichen Fundierung.

Bisher sind die Informationen über die jüdische Gemeinde von Sandomierz während der Besatzungszeit in den Akten aus dem Archiv in Sandomierz von keinem Forscher ausgewertet worden. Von den zahlreichen Zeitzeugenberichten werden von den Autoren nur wenige verwendet, wobei die Angaben kritiklos übernommen werden, ohne deren Korrektheit oder Glaubwürdigkeit zu prüfen. Es ist zudem irritierend, dass die Autoren in der Regel nicht zwischen Informationen, die sie in den Quellen gefunden haben, und ihren eigenen Vermutungen und Schlussfolgerungen unterscheiden.

Für die vorliegende Publikation unternahm der Autor eine umfassende Archivrecherche in Polen und Deutschland, mit dem Ziel, sämtliche verfügbaren Dokumente zu erschließen, die relevante Erkenntnisse zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Sandomierz während des Krieges liefern.

Die vorliegende Publikation integriert zudem eine umfassende Auswertung von über 150 Zeugenaussagen und Erinnerungsberichten jüdischer, polnischer und deutscher Provenienz. Die beträchtliche Anzahl dieser Berichte und die damit einhergehende potenzielle Inkonsistenz ihrer Inhalte stellen eine signifikante methodologische Herausforderung dar. Folglich ist eine kritische Evaluation der Genese und Plausibilität der von den Zeugen artikulierten Informationen unerlässlich. Dies impliziert eine detaillierte Prüfung, ob die Zeugen unmittelbar an den geschilderten Ereignissen partizipierten, ob ihre Informationen auf sekundären Augenzeugenberichten basieren oder ob es sich um mutmaßliche Spekulationen beziehungsweise Hörensagen handelt. Eine dezidierte Beantwortung dieser Fragestellungen ist jedoch nicht stets eindeutig zu leisten. Im Rahmen der Machbarkeit werden die Aussagen der Zeitzeugen mittels zeitgenössischer Primärquellen verifiziert.

Die vorliegende Studie intendiert nicht nur, die komplexen Prozesse der Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Sandomierz präzise zu rekonstruieren, sondern auch in Zeugenaussagen sowie der rezipierten Forschungsliteratur vorhandene Ungenauigkeiten durch den Rückgriff auf Primärdokumente zu revidieren. Die von Zeugen referierten und bisweilen fehlinterpretierten Ereignisse werden kontextualisiert und in den erweiterten Rahmen der antijüdischen Diskriminierungs- und Entrechtungsmaßnahmen integriert.

Quellenlage

Akten im Bestand des Staatlichen Archives in Kielce Abteilung Sandomierz

Das im ehemaligen Synagogengebäude befindliche Archiv enthält eine Vielzahl relevanter Dokumente für die vorliegende Untersuchung. Der Bestand des Jüdischen Ältestenrates ist auf eine einzelne Akte beschränkt, welche die Korrespondenz zwischen dem Ältestenrat und dem Kreisarzt Dr. Radło dokumentiert. Umfassendere Unterlagen zum Schriftverkehr zwischen dem Judenrat und der Stadtverwaltung von Sandomierz sind in den Akten der Stadtverwaltung enthalten. Aufgrund der Strukturierung dieser Akten nach den jeweiligen Arbeitsbereichen der Stadtverwaltung gestaltet sich die Lokalisierung der Korrespondenz des Judenrates als aufwendig. Darüber hinaus umfassen die Bestände der Stadtverwaltung Sandomierz zahlreiche deutsche Anordnungen, die der Bürgermeister an die jüdische Bevölkerung übermitteln sollte, sowie diverse Dokumente und Berichte, wie beispielsweise Listen der jüdischen Einwohner, die der Magistrat im Auftrag der deutschen Besatzungsbehörden erstellen musste.

Die Analyse dieser Dokumente ermöglicht signifikante Einblicke in die praktische Umsetzung und Handhabung der Anordnungen der Regierung des Generalgouvernements. Es wurde insbesondere deutlich, dass der Informationsfluss von der Regierung des Generalgouvernements über den Distriktchef in Radom, den Kreishauptmann in Opatów und den Landkommissar in Sandomierz bis hin zum Bürgermeister von Sandomierz, der die Anordnungen schlussendlich an die jüdische Bevölkerung weiterleiten sollte, häufig zu erheblichen Verzögerungen bei der Implementierung der Anordnungen führte.

Die Einwohnermeldebücher und die Unterlagen des Standesamts bieten ergänzende wesentliche Erkenntnisse. Obwohl die Führung von Sterbebüchern für die jüdische Bevölkerung ab dem Frühjahr 1942 untersagt war, wurden Todesfälle von der Stadtverwaltung vereinzelt in den Einwohnermeldebüchern erfasst.

Weitere Archive

Im Archiv des Joint Distribution Committee befindet sich teilweise die Korrespondenz des Jüdischen Ältestenrates von Sandomierz mit dem JDC aus den Jahren 1940-1941. Diese Quelle ermöglicht Rückschlüsse auf die Lebensumstände der jüdischen Gemeindemitglieder in diesem Zeitraum und die Organisation der Jüdischen Selbsthilfe in Sandomierz.

Jüdische Nachkriegsberichte

Die Erfassung von Berichten überlebender Holocaustopfer wurde bereits während des Zweiten Weltkriegs eingeleitet. Das älteste chronologisch dokumentierte Interviewprotokoll stammt von Sara Malicka aus Opatów. Ihr gelang es nach einem Aufenthalt in Sandomierz, mit gefälschten "arischen" Papieren nach Ungarn zu fliehen, wo sie am 12. Oktober 1943 zu ihren Erlebnissen in Opatów und Sandomierz befragt wurde. Unmittelbar nach Kriegsende begannen zwei Organisationen mit der systematischen Sammlung von Zeugnissen von Überlebenden: die Historische Kommission in Stuttgart und die Zentrale Jüdische Historische Kommission in Łódź. In beiden Sammlungen befinden sich auch Berichte von Juden aus Sandomierz. Weitere Berichte wurden in Israel von Yad Vashem gesammelt und befinden sich nun in Yad Vashem Archives.

Ermittlungen wegen der Gewaltverbrechen in Sandomierz

Bereits im Jahr 1946 wurden durch den Sonderstaatsanwalt beim Strafgericht in Lublin, Expositur Radom, Ermittlungen gegen die Besatzung des Zwangsarbeitslagers „Lyzeum“ in Sandomierz aufgenommen. Trotz der Präsenz zahlreicher potenzieller jüdischer Zeugen in Sandomierz zu diesem Zeitpunkt erwiesen sich die Untersuchungsergebnisse als äußerst unzureichend und, im Vergleich zu später gesicherten Dokumenten, oftmals als inakkurat. Die Ermittlungen identifizierten insbesondere den SS-Sturmbannführer Reiniker als angeblichen Kommandanten des Lagers „Lyzeum“. Zudem wurde ein SS-Mann namens Jażdzewski als mutmaßlicher Peiniger der Lagerinsassen benannt6, eine Person, die es im Lager “Lyzeum” mit Sicherheit nicht gab7.

Die polnischen Ermittlungs- und Prozessakten aus den Jahren 1945-1955 dokumentieren relevante Einzelfälle, in denen die Ermordung oder Auslieferung von Juden an die deutsche Gendarmerie durch polnische Staatsbürger Gegenstand von Untersuchungen war. Jedoch erwiesen sich die Zeugenaussagen bezüglich der untersuchten Gewalttaten zumeist als fragmentarisch und oberflächlich. Oftmals entstand der Eindruck, dass die polnischen Ermittlungsbehörden Inkonsistenzen in den Zeugenberichten nicht systematisch aufdeckten und keine vertiefenden Untersuchungen zur Klärung dieser Diskrepanzen vornahmen.

Die Validität dieser Ermittlungen wird zudem erheblich dadurch beeinträchtigt, dass ihre Einleitung oft erst erfolgte, nachdem ein Großteil der jüdischen Zeugen Polen bereits verlassen hatte. Ferner waren die verbliebenen jüdischen Zeugen in Polen häufig nicht zu lokalisieren, da sie unter neuen Identitäten landesweit verstreut lebten.

Im Jahr 1962 begann die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg mit den Ermittlungen wegen der in Opatów und Sandomierz begangenen NS-Gewaltverbrechen. Zeitgleich begann die Untersuchungsstelle für NS-Gewaltverbrechen beim Landesstab der Polizei Israel in Tel Aviv mit der Aufklärung der NS-Gewaltverbrechen in Opatów und Sandomierz und verhörte die ersten drei Zeugen: Majer Lustman, Szlomo Feldman und Benjamin Mandelbaum.

Der World Jewish Congress in New York unterstützte die Suche nach möglichen Zeugen der Verbrechen, indem er zahlreiche Juden aus Sandomierz und Opatów in den Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien und anderen Ländern ausfindig machte.

Die Ermittlungen der Zentralen Stelle in Ludwigsburg wurden von der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Hamburg übernommen. In den Jahren 1965 bis 1969 wurden die Ermittlungen gegen einen Großteil der Beschuldigten eingestellt, entweder weil diese bereits verstorben waren, aufgrund mangelnder konkreter Verdachtsmomente oder aufgrund fehlender Beweise. In einigen Fällen konnten die Personalien oder die Heimatdienstzugehörigkeit der Beschuldigten nicht geklärt werden, oder sie waren aus gesundheitlichen Gründen nicht vernehmungs- und verhandlungsfähig. Im weiteren Verlauf konzentrierten sich die Ermittlungen auf den Leiter der Gestapo-Dienststelle in Ostrowiec, Hans Soltau.

Erich Kapke, Führer einer Wachkompanie bestehend aus ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, war der einzige Deutsche, der nachweislich aktiv an den Deportationsaktionen in Sandomierz beteiligt war und gegen den Anklage erhoben wurde. Die Anklage, die Ende 1971 erfolgte, bezog sich jedoch ausschließlich auf seine Beteiligung an der Räumung des Restghettos in Radom. Das Verfahren gegen ihn wurde aufgrund seiner Verhandlungsunfähigkeit vor Beginn der Hauptverhandlung eingestellt, woraufhin er kurz darauf verstarb8.

Im Rahmen der oben genannten Ermittlungen wurden zahlreiche Mitglieder der Besatzung des Stützpunktes "Deutschwehr" in Mokoszyn, des Arbeitslagers "Lyzeum" in Sandomierz, Beamte des Landkommissariats Sandomierz sowie Angehörige der Sicherheitspolizei und der Schutzpolizei aus dem Distrikt Radom, die in Sandomierz und Umgebung eingesetzt waren, befragt. Es zeigte sich jedoch, dass die primär von den Zeugen der Verbrechen beschuldigten Personen zum Zeitpunkt der Untersuchungen bereits nicht mehr am Leben waren. Insbesondere Walter Schildt, welcher die brutalen Selektionen während der beiden Aussiedlungsaktionen in Sandomierz im Oktober 1942 und Januar 1943 verantwortet hatte, fiel bereits 1945. Helmut Reinke, der die Leitung des Zwangsarbeitslagers "Lyzeum" innehatte, verstarb im Jahr 1969, noch bevor eine Vernehmung erfolgen konnte. Ferner gelang es den deutschen Behörden nicht, noch lebende Angehörige des Gendarmeriepostens Sandomierz aus dem Zeitraum 1942-1943 ausfindig zu machen.

Die im Rahmen der Untersuchungen erstellten Vernehmungsprotokolle eröffnen signifikante Einblicke in die Lebens- und Sterbensumstände der jüdischen Bevölkerung von Sandomierz zwischen 1939 und 1944. Zahlreiche Zeugen berichteten detailliert über die Gewalttaten und lieferten, auf Aufforderung der Protokollanten, ergänzende Hintergrundinformationen. Zur Gewährleistung der Präzision und Korrekturmöglichkeit der Zeugenaussagen hinterfragten die durchführenden Beamten die Darstellungen bei aufkommenden Unklarheiten oder Widersprüchen.

Die Zeugenaussagen decken den Zeitraum von 1939 bis 1944 in einer ungleichmäßigen Verteilung ab. Dies ist nachvollziehbar, da sich die Berichte primär auf jene Zeitabschnitte konzentrieren, die im Gedächtnis der Überlebenden am prägnantesten verankert sind: den Einmarsch der Wehrmacht in Sandomierz im September 1939, die anfänglichen Monate der deutschen Besatzung sowie die Umsiedlungsaktionen. Eine Vielzahl jüdischer Zeugen berichtet von identischen Ereignissen, was sich durch die erfahrenen ähnlichen Schicksale erklären lässt. Der überwiegende Teil der jüdischen Berichterstatter über die Ereignisse in Sandomierz war in den Jahren 1942-1943 im Zwangsarbeitslager „Lyzeum“ und daraufhin in Munitions- bzw. Rüstungsfabriken wie Pionki9, Starachowice10 und Skarżysko-Kamienna11 inhaftiert. Darunter befanden sich zahlreiche Juden aus Opatów, Klimontów, Staszów sowie weiteren umliegenden Ortschaften.

Glaubwürdigkeit der Zeugenaussagen

Jüdische Zeugenaussagen

Die Zeugenaussagen offenbaren eine Reihe von Inkonsistenzen und Ungenauigkeiten, deren Ursachen multifaktoriell sind. Beobachtungen zeigen, dass einige Zeugen Schwierigkeiten bei der chronologischen Strukturierung ihrer Erinnerungen hatten, was sich bisweilen in der Unfähigkeit manifestierte, das genaue Jahr der Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Sandomierz zu benennen. Eine signifikante Herausforderung bei der präzisen Rekonstruktion der Ereignisabfolge liegt in der Ambiguität mancher Berichte über die Deportation jüdischer Gemeindemitglieder, die nicht eindeutig zwischen der initialen Deportation im Oktober 1942 und der nachfolgenden im Januar 1943 differenzieren.

Trotz der Präsenz kleinerer oder größerer chronologischer Ungenauigkeiten und Unsicherheiten in sämtlichen jüdischen Berichten erweisen sich die unmittelbar nach Kriegsende verfassten, umfassenden Erinnerungen von Cyrel Sznajder12 als eine unschätzbare Primärquelle für die Erstellung einer detaillierten Ereignischronologie. Eine kritische Verifizierung ihrer Angaben mittels erhaltener Dokumente suggeriert, dass die temporale Abfolge der von ihr geschilderten Vorfälle weitgehend korrekt ist. Ebenso scheinen ihre absoluten Datierungen der Ereignisse keine gravierenden Fehler zu enthalten. Zusätzliche präzise Datumsangaben finden sich in den Aufzeichnungen von Lejb Zylberberg13 sowie in den Tagebüchern von Dr. Wincenty Sobolewski14.

Die in den jüdischen Berichten enthaltenen Zahlenangaben sind in der Regel sehr ungenau und sollten daher nicht als exakte Werte interpretiert werden.

Ein aufschlussreiches Beispiel hierfür ist der Bericht von Nachman Icek Gorzyczański über die Kontribution, die im November 1939 der jüdischen Gemeinde in Sandomierz auferlegt wurde:

Am 13. November 1939 wurden der Vorsitzende des Judenrates zusammen mit dem Judenratsmitglied Józef Nusbojm [Nussbaum] vom Leiter des Landrats, Dr. Egen, einbestellt. Dieser verlas ihnen die Anordnung des SS-Kommandos in Kielce, dass die Juden innerhalb von 5 Tagen eine Kontribution von 480.000 Złoty zahlen müssen. Für den Fall der Nichterfüllung dieses Befehls müssten die Juden die Stadt verlassen. Irgendwie schaffte es der Judenrat, die geforderte Summe aufzubringen, versuchte aber, nur 422.000 Złoty zu überweisen, mit der Begründung, dass mehr nicht einzutreiben gewesen wäre15.

Der detaillierte Bericht eines Mitglieds des Jüdischen Ältestenrates, der mutmaßlich gut über den Vorgang informiert war, wurde bisher weder in Frage gestellt noch kritisch beleuchtet und fand stattdessen mehrfach Eingang in die Fachliteratur. Allerdings erweist sich seine Darstellung als inakkurat, ein Umstand, der angesichts der erwähnten exorbitant hohen Kontributionssumme eine sofortige Plausibilitätsprüfung hätte nach sich ziehen sollen. Glücklicherweise sind die Originaldokumente zur Kontribution erhalten geblieben, insbesondere die deutsche Zahlungsaufforderung sowie die entsprechenden Überweisungsbelege der jüdischen Gemeinde Sandomierz. Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass der damalige Kreishauptmann von Sandomierz, Dr. Egen, am 16. November 1939 eine Kontribution von 60.000 Złoty verhängte. Angesichts der erheblichen Höhe dieses Betrags wurde der jüdischen Gemeinde die Möglichkeit eingeräumt, die Zahlung in drei Teilbeträgen bis zum 1. Dezember, 15. Dezember und 31. Dezember 1939 zu leisten.

Offenbar hatte Gorzyczański in der Nachkriegszeit Schwierigkeiten, sich präzise an spezifische Details zu erinnern, und lieferte daher approximative Angaben. Seine retrospektive Darstellung der Ereignisse von 1939 wurde mutmaßlich signifikant durch die Erfahrungen der nachfolgenden, wesentlich rücksichtsloseren finanziellen und materiellen Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Besatzungsorgane geprägt.

Quantitative Schätzungen, beispielsweise zur Anzahl der deportierten Juden oder der Personen, die während der Umsiedlungsaktionen getötet wurden, bedürfen einer besonders kritischen Evaluation. Dies liegt daran, dass die entsprechenden Zeugenaussagen signifikante Diskrepanzen aufweisen. Im vorliegenden Kontext ist die Bezeichnung „Schätzung“ potenziell irreführend, da dieser Begriff ein methodisch fundiertes Verfahren impliziert, wohingegen die Aussagen der Zeitzeugen eher subjektive Einschätzungen widerspiegeln.

In vielen Fällen vermischten die Zeugen ihre direkten Beobachtungen mit ihren eigenen Vermutungen oder Interpretationen, was eine erhebliche methodische Herausforderung für die Geschichtswissenschaft darstellt. Folglich erfordert eine präzise Differenzierung zwischen faktischen Angaben und spekulativen Elementen eine umfassende vergleichende Analyse zahlreicher Berichte, ergänzt durch logische Prüfungen und ein profundes Verständnis der historischen Rahmenbedingungen, der Struktur sowie der Funktionsweise der deutschen Besatzungsorgane. Ein illustratives Beispiel hierfür ist die wiederholt aufgestellte Behauptung, Walter Schildt habe die Umsiedlungsaktion in Sandomierz geleitet. Obgleich Schildts aktive Beteiligung an der Aktion unzweifelhaft ist, kann er diese aufgrund seines verhältnismäßig niedrigen SS-Dienstgrades nicht geführt haben, zumal ranghöhere SS-Offiziere vor Ort waren.

Ferner traten Fälle auf, in denen Zeugen vorgaben, Augenzeugen verschiedener Gewalttaten gewesen zu sein, obwohl dies der Realität nicht entsprach. Aus diesem Grund wurden Zeugen, die von der Staatsanwaltschaft in Hamburg oder anderen deutschen Ermittlungsbehörden als potenzielle Augenzeugen identifiziert wurden, in weiteren Befragungen auf ihre tatsächliche Augenzeugenschaft hin überprüft, um ihre Verwendbarkeit als Belastungszeugen in Gerichtsverfahren zu evaluieren. Im Rahmen dieser ergänzenden Vernehmungen widerriefen einige Zeugen ihre ursprünglichen Aussagen und führten stattdessen an, dass "es alle wussten".

Zudem wurde beobachtet, dass Zeugen offenbar bestrebt waren, ihre Berichte durch die Hinzufügung fiktiver Details dramaturgisch oder überzeugender zu gestalten.

Es lässt sich feststellen, dass die Objektivität einiger jüdischer Zeugenaussagen zuweilen eingeschränkt erscheint, möglicherweise bedingt durch die Absicht, die Verurteilung der Angeklagten zu fördern. Auch in den nachkriegszeitlichen polnischen Strafverfahren betreffend Verbrechen an Juden in Sandomierz gaben jüdische Zeugen mitunter an unterschiedlichen Tagen divergierende Aussagen zu Protokoll. Dennoch deuteten die Ermittlungs- und Gerichtsakten nicht darauf hin, dass diese Inkonsistenzen den ermittelnden Behörden aufgefallen wären. Ein exemplarisches Beispiel hierfür sind die Zeugenaussagen von Chil Dawid Las. In seinen Vernehmungen vom 8. und 17. Juni 1949 zur Liquidierung des Verstecks in Haus Marktplatz 7 gab er an, die Erschießung der ergriffenen Juden, darunter seine Schwester und deren Kinder, auf dem jüdischen Friedhof beobachtet zu haben. Demgegenüber erklärte er in der Berufungsverhandlung vom 13. September 1949 in Kielce, er habe von der Erschießung seiner Schwester durch seinen Bruder erfahren, welcher den Vorfall vom Fenster eines nahegelegenen Schulgebäudes aus beobachtet haben soll.

Ferner gab Chil Dawid Las laut der Aussage vom 8. Juni an, keine Möglichkeit gehabt zu haben, mit seiner Schwester zu sprechen, als diese sich in dem Versteck im Haus Marktplatz 7 befand. In der Gerichtsverhandlung vom 13. September behauptete er hingegen, ein Gespräch mit seiner Schwester geführt zu haben, in dem diese die Angeklagte der Erpressung der versteckten Juden beschuldigte.

Um zwischen faktischen Informationen, Hörensagen und Spekulationen zu differenzieren, ist eine kritische Überprüfung der Informationsquellen der Zeugen unerlässlich. Häufig zeigt sich, dass für die geschilderten Ereignisse keine direkten Augenzeugen existieren, wodurch die Glaubwürdigkeit der betreffenden Gerüchte und Vermutungen signifikant geschwächt wird.

Einige Zeugen haben derart unglaubwürdige Berichte verbreitet, dass ihre Entstehung schwer nachzuvollziehen ist. Als Beispiel hierfür kann die Behauptung von Chil Dawid Las dienen, der Kommandant der Gendarmerie in Sandomierz, Rudolf Dammeyer, sei tatsächlich jüdischer Abstammung gewesen und nach Bekanntwerden dieser Tatsache von den Deutschen exekutiert worden. Im Yizkor Buch der jüdischen Gemeinde von Staszów findet sich zudem eine detaillierte Schilderung, wonach der Polizist Ernst Lösche von einem nicht namentlich genannten jüdischen Partisanen mit seiner eigenen Dienstwaffe erschossen wurde, wobei der Partisan später angeblich von Mitgliedern der AK getötet worden sein soll. Demgegenüber ist der tatsächliche Ablauf des Attentats auf Lösche durch Berichte beteiligter Personen präzise dokumentiert: Es wurde von einem Liquidierungskommando der AK unter der Führung von Jozef Bojanowski durchgeführt16.

Deutsche Zeugenaussagen

Die Aussagen deutscher Zeugen sind nur eingeschränkt verwertbar, da sie aus nachvollziehbaren Gründen bestrebt waren, ihre Beteiligung an antijüdischen Maßnahmen zu leugnen, deren Ausmaß herunterzuspielen oder den gezielten Einsatz von Schusswaffen zu bestreiten.

Ferner erweisen sich diese Zeugenaussagen mitunter als unzutreffend, wenn sie mit erhaltenen Originaldokumenten abgeglichen werden; in anderen Fällen sind sie unmittelbar als unglaubwürdig einzustufen. Ein exemplarisches Beispiel hierfür ist die Bestreitung des Landkommissars Dr. Kurt Schmitt, an der Einrichtung des Ghettos in Sandomierz beteiligt gewesen zu sein. Diese Behauptung wird jedoch durch überlieferte Anordnungen zur Umsiedlung der Juden von Sandomierz in den jüdischen Wohnbezirk, die seine Unterschrift tragen, widerlegt. Ebenso wenig glaubhaft ist seine Darstellung einer strafweisen Versetzung nach der Umsiedlungsaktion zum Kreishauptmann in Kielce, die er mit seiner angeblichen "anständigen und loyalen" Haltung gegenüber der einheimischen Bevölkerung begründete. Eine solche Versetzung von der Position eines Landkommissars in einer Kleinstadt wie Sandomierz auf den Posten des Kreishauptmanns in der wesentlich größeren Stadt Kielce kann kaum als Bestrafung, sondern vielmehr als Beförderung infolge anerkannter Leistungen interpretiert werden.

Dennoch lassen sich aus den von Schmitt geschilderten Anekdoten gelegentlich wertvolle Erkenntnisse gewinnen. So bestätigte er die Beteiligung einer Kompanie von "volksfremden Hilfswilligen" an der Aussiedlungsaktion im Januar 1943 in Sandomierz. Berichten zufolge suchte ihn ein Unterscharführer namens Mörder aus dieser Kompanie auf, um Lebensmittelmarken für seine Männer zu beziehen. Hierbei handelte es sich offenbar um Johann Merder von der Hilfswilligen-Kompanie aus Radom, die unter dem Kommando von Erich Kapke stand, was deren Beteiligung an der Aussiedlungsaktion belegt.

Literatur

Sandomierz Memorial Book

Die primäre gedruckte Quelle zur Geschichte der jüdischen Gemeinde von Sandomierz zwischen 1914 bis 1948 ist das 1993 in Tel Aviv erschienene Memorial Book of the Jewish Community in Tzoyzmir (Sandomierz). Für diese Publikation sammelte die Herausgeberin, Eva Feldenkreiz-Grinbal17, schriftliche Erinnerungen von Juden aus Sandomierz und führte Interviews mit zahlreichen Holocaust-Überlebenden, die in Israel ansässig waren.

Die Lehrerin Anna Michalska aus Sandomierz, die gemeinsam mit ihren Schülern den jüdischen Friedhof in Sandomierz pflegte, kopierte für Eva Feldenkreiz-Grinbal mehrere Dokumente aus dem Archiv in Sandomierz18. Feldenkreiz-Grinbal nutzte diese Dokumente offenbar, ohne sie als Quellen anzugeben. Es ist jedoch anzunehmen, dass präzise Informationen, wie das korrekte Gründungsdatum des Judenrats sowie dessen genaue Zusammensetzung, aus eben diesen Archivdokumenten stammen.

Das Werk ist in mehrere Abschnitte gegliedert: Die ersten rund 200 Seiten bieten eine chronologische Darstellung der Geschichte der jüdischen Gemeinde von Sandomierz, wobei ein Teil davon von der Herausgeberin selbst verfasst wurde. Weitere substantielle Beiträge stammen von Yehiel Cinnamon [Chil Cynamon], Yitzhak [Nachman Icek] Gorzyczański und Cesia [Cyrel] Sznajder. Daran schließen sich 31 persönliche Berichte von Holocaust-Überlebenden sowie eine Zusammenfassung der Erfahrungen der Juden von Sandomierz in den unmittelbaren Nachkriegsjahren an. Das auf Hebräisch verfasste Buch wird durch eine englische Zusammenfassung ergänzt.

Obwohl das Memorial Book aufgrund der Bewahrung sonst unwiederbringlicher Informationen und Erzählungen von unschätzbarem Wert ist, weist es auch bestimmte Limitationen auf. Die Herausgeberin betont zwar in der Einleitung, dass sie bei der Erstellung des Buches bestrebt war, mehrere Versionen derselben Geschichte abzugleichen, es entsteht jedoch der Eindruck, dass nicht immer die glaubwürdigste Variante ausgewählt wurde. Der Leser wird nicht darüber informiert, dass Zeugenberichte voneinander abweichen und die Darstellung vieler Ereignisse umstritten ist.

Es bleibt unklar, inwieweit die Herausgeberin ihre eigenen Perspektiven in die auf Interviews basierenden Texte integriert hat. An manchen Stellen in dem Buch ist bei Beiträgen anderer Personen ein anti-polnischer Tonfall wahrnehmbar, der möglicherweise nicht den Originaltexten der Autoren entspricht. Beispielsweise heißt es im Bericht der Lehrerin Cesia [Cyrel] Sznajder:

Zwei Jahre vor dem Krieg absolvierte ich das Lehrerseminar in Sandomierz, bekam aber wegen des in der Stadt vorherrschenden Antisemitismus keine Anstellung als Lehrerin an der Schule19.

Tatsächlich war Sznajder vor dem Krieg als Lehrerin an einer Volksschule in Sandomierz tätig. Zudem lässt ihre Darstellung in ihren Memoiren nicht erkennen, dass sie den Polen in Sandomierz Antisemitismus unterstellte. Im Gegenteil, ihr Rückblick auf ihre polnischen Mitbürger war durchweg positiv, wodurch es unwahrscheinlich erscheint, dass dieser Abschnitt in der gedruckten Form tatsächlich von ihr selbst stammt.

Wie noch zu zeigen sein wird, finden sich im Memorial Book an mehreren Stellen gravierende Anschuldigungen gegen die polnische Bevölkerung von Sandomierz, die jedoch angesichts anderer jüdischer Zeugenaussagen als nicht haltbar erscheinen.

Gedruckte Erinnerungen

Bislang ist lediglich eine begrenzte Anzahl von Berichten jüdischer Holocaust-Überlebender, die entweder aus Sandomierz stammten oder dort einen Teil der Kriegszeit verbrachten, öffentlich zugänglich gemacht worden. Diese umfassen unter anderem die Erinnerungen von Nachman Icek Gorzyczański20, Lejb Zylberberg, Amnon Ajzensztadt21, Irena Zoberman22 sowie Auszüge aus den Erinnerungen von Celina Grünspan [Cyrel Sznajder]23 und Szyja Zoberman24. Es muss jedoch kritisch angemerkt werden, dass es sich bei diesen Veröffentlichungen nicht um wissenschaftlich edierte und kommentierte Ausgaben handelt. Die Aufgabe der Herausgeber, den Leser auf vorhandene Ungenauigkeiten und Missverständnisse in den Erzählungen hinzuweisen sowie die darin genannten Personen zu identifizieren, ist bedauerlicherweise nicht erfüllt worden.

Signifikante Abweichungen zwischen publizierten Texten und Originalmanuskripten sind in mehreren Fällen feststellbar. Beispielsweise beschrieb Nachman Icek Gorzyczański die erste Umsiedlungsaktion in Sandomierz ursprünglich mit den Worten: „Die polnische Polizei holte mit Hilfe von Feuerwehrleuten und Hausmeistern etwa 400 versteckte Juden aus den Häusern.“ Die gedruckte Fassung hingegen verändert den Sinngehalt, indem sie formuliert: „Die deutschen Gendarmen und die polnischen Blauen Polizisten holten über 400 dort versteckte Juden aus den Häusern.“ Diese Änderung könnte auf Eingriffe der kommunistischen Zensur hindeuten. Des Weiteren wurde die englische Ausgabe der Erinnerungen von Irena Zoberman erheblich gekürzt. Der Übersetzer Marek Stobnicki und die Herausgeberin Myrna Goldenberg bearbeiteten den Text offensichtlich, indem sie Abschnitte entfernten, die entweder einen stark persönlichen Charakter besaßen oder Polen in einem negativen Licht darstellten. Dazu gehörte auch ein Passus, der zwei junge Männer aus Sandomierz, die Juden in Warschau erpressten, namentlich identifizierte.

Es ist zudem bemerkenswert, dass die polnischen Ausgaben der ursprünglich auf Jiddisch verfassten Erinnerungen von Lejb Zylberberg und Szyja Zoberman Übersetzungsfehler aufweisen, welche den Sinn ihrer Erzählungen verzerren. Der Autor vertritt die Ansicht, dass die Veröffentlichung jüdischer Zeugenaussagen ohne erläuternden Kommentar methodisch problematisch ist. Eine kritische Auseinandersetzung mit potenziell enthaltenen Irrtümern und Missverständnissen ist unerlässlich, um eine Irreführung der Leserschaft und die Verbreitung fehlerhafter Informationen zu vermeiden.

Die Tagebücher des Arztes Wincenty Sobolewski, welcher Mitglied der rechtsradikalen Nationalen Partei (Stronnictwo Narodowe) war, stellen einen zwar kleinen, aber dennoch wertvollen Beitrag zur Erforschung der Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Sandomierz dar. Seine Aufzeichnungen ermöglichen eine präzise Datierung mehrerer Ereignisse. Bei der Nutzung dieser Quelle ist jedoch zu beachten, dass Sobolewskis Darstellung der jüdischen Bevölkerung von antisemitischen Vorurteilen geprägt ist und somit ein verzerrtes Bild vom Leben der Juden in Sandomierz unter deutscher Besatzung vermittelt. In seinen Aufzeichnungen behauptete er am 15. Juni 1942, die Juden hätten bis dahin ein ruhiges und sorgloses Leben geführt:

Heute Nacht wurden zum ersten Mal Juden und Jüdinnen in die Fabriken in Skarżysko gebracht. Unter ihnen entstand großer Lärm und Geschrei. Bis jetzt floss die Zeit für die Juden ruhig dahin, sie saßen an ihrem Platz, handelten und machten Geld. Sie wurden nicht zur Arbeit nach Deutschland oder in Konzentrationslager geschickt, man mordete sie nicht. Selbst jüdische Kriegsgefangene wurden aus den Militärlagern entlassen. Trotz Hitlers Verkündung des Krieges gegen die Juden wurde ihnen in Sandomierz bis heute kein größeres Leid zugefügt25.

Hinweise für den Leser

Umgang mit jüdischen Namen

Die Analyse jüdischer Berichte, Zeugenaussagen und weiterer Quellen wird durch die Inkonsistenz der Namensführung identischer Personen erschwert.

Personennamen jüdischer Individuen weisen eine hohe Varianz auf, bedingt durch die Verwendung unterschiedlicher Sprachen sowie durch die Anwendung von Diminutiven und informellen Bezeichnungen. Darüber hinaus manifestiert sich die orthografische Vielfalt in der Wiedergabe ursprünglich deutscher Familiennamen, die in jiddischen, phonetisch polonisierten, deutschen Original- oder englisch transkribierten Formen erscheinen können. Gelegentlich ist in amtlichen Dokumenten wie Standesamtregistern oder Meldeunterlagen eine abweichende Schreibweise des Familiennamens bei Kindern im Vergleich zu ihren Eltern festzustellen (z.B. "Fogel" statt "Fogiel", “Grinbal” statt “Grynbal” etc.).

Die Problematik der Personenidentifikation in historischen Aufzeichnungen wird ferner durch die temporäre Adaption "arischer" Namen durch zahlreiche Holocaust-Überlebende während des Krieges verstärkt, wobei einige dieser Decknamen auch post bellum beibehalten und zur etablierten Identität wurden. Zudem führten Heirat, Verwitwung oder erneute Eheschließung häufig zu Namensänderungen bei weiblichen Personen.

Ferner wurden inoffizielle Familiennamen genutzt, die von den offiziellen, rechtlich registrierten Namen differierten. Ein exemplarisches und wiederholt auftauchendes Fallbeispiel hierfür ist die jüdische Lehrerin aus Sandomierz, ursprünglich als Cyrel Sznajder geboren und im sozialen Umfeld als Cesia Sznajder bekannt. Nach ihrer Eheschließung mit Henryk Grünspan Ende 1939 behielt sie ihren Geburtsnamen bei. Im Zuge ihrer Flucht nach Warschau nutzten sie und ihr Ehemann gefälschte "arische" Ausweispapiere, wobei sie die Identität Janina Skazowska und er jene von Franciszek Dembowy annahm. In Warschau war sie folglich unter dem Namen Janina Dembowa bekannt. Nach dem Tod Henryk Grünspans heiratete sie 1946 erneut und führte fortan den Familiennamen ihres zweiten Ehemanns, Cyrel Kurcbart. Ihre 1946 fertiggestellten Memoiren signierte sie jedoch als Celina Grünspan, obwohl sie den Familiennamen Grünspan niemals trug. Nach dem Ableben ihres zweiten Ehemanns erfolgte eine weitere Namensänderung zu Celina Skazowska. Bei der Veröffentlichung eines Leserbriefs in der polnischen Zeitschrift "Polityka" im Jahr 1968 wählte sie die Signatur "Janina Dembowa". Im "Sandomierz Memorial Book" von 1993 wird sie schließlich erneut unter dem Namen Cesia Sznajder geführt.

Die präzise Identifikation der in jüdischen Berichten und Zeugenaussagen genannten Personen ist von entscheidender Bedeutung für eine adäquate Bewertung und Interpretation dieser Quellen. Ein illustratives Beispiel hierfür liefert Jerzy Skotnicki. In seinen Zeugenaussagen unterließ er die Offenlegung seiner ursprünglichen Identität als Jerzy Salomonowicz sowie seiner Funktion als Vorsitzender des Jüdischen Ältestenrats in Sandomierz von August bis Oktober 1942. Diese ausgelassene Information modifiziert die Rezeption und die analytische Perspektive seiner Darstellungen signifikant.

Der Verfasser des vorliegenden Werkes verfolgt die methodische Konvention, die rechtlich geführten Namen und deren Schreibweise, die in den Akten der Stadt Sandomierz dokumentiert sind, für die referenzierten Personen zu übernehmen. Diese Vorgehensweise gewährleistet eine präzise Interpretation und Kontextualisierung der primären und sekundären Quellen.

Straßennamen

Die deutschen Besatzungsbehörden in Sandomierz ersetzten polnische Straßennamen durch deutsche Bezeichnungen, wobei in den meisten Fällen eine direkte Übersetzung der polnischen Namen erfolgte. Straßen, die nach polnischen Schriftstellern oder Freiheitskämpfern benannt waren, wurden mit neuen Bezeichnungen versehen. Die Anwendung deutscher Straßennamen war jedoch nicht konsistent. Auch bei der Übersetzung der polnischen Straßennamen zeigten die deutschen Behörden Inkonsistenzen: So wurde der Rynek meist als „Marktplatz“ bezeichnet, doch in deutschen Dokumenten findet sich auch die Bezeichnung „Ringsplatz“. In einem spezifischen Fall wurde ein polnischer Straßenname für eine andere Straße verwendet: Ulica Opatowska wurde während des Krieges zur „Oberen Marktstraße“, während Ulica Mickiewicza den Namen „Opatower Straße“ erhielt. Aufgrund der Prävalenz deutscher Straßennamen in den herangezogenen deutschen Dokumenten hat sich der Verfasser entschieden, diese Nomenklatur konsistent zu übernehmen.

Deutsch

Polnisch

Deutsch

Polnisch

Bergstraße

Browarna

Olesnicki Straße, Bäckereistraße

Oleśnickiego

Berka Joselewicza Straße

Berka Joselewicza

Opatower Straße

Mickiewicza

Brunnenplatz

Plac Poniatowskiego

Podole Straße

Podole

Burgstraße

Grodzisko

Poststraße

Żeromskiego

Dorfstraße

Wiejska

Querstraße

Okrzei

Festungsstraße

Forteczna

Reformatorenstraße

Reformacka

Freiheitsstraße

Kościuszki

Rokitek Straße

Rokitek

Gartenstraße

Puławiaków

Schlosssstraße

Zamkowa

Hoheitsstraße

Krepianki

Sierpnia Straße

15-tego Sierpnia

Judenstraße

Żydowska

Spitalstraße

Szpitalna

Kasernenstraße

11-tego Listopada

Talstraße

Zawichojska

Kasinostraße

Plac Świętego Wojciecha

Taubenstraße

Gołębicka

Kathedralstraße

Katedralna

Tkackastraße

Tkacka

Kleiner Marktplatz

Mały Rynek

Trockenstraße

Sucha

Klosterstraße

Długosza

Untere Marktstraße

Sokolnickiego

Krakauer Vorstadt

Przedmieście Krakowskie

Vorstadt Nadbrzezie

Nadbrzezie

Kurze Straße

Krótka

Vorstadt Zawichost

Przedmieście Zawichojskie

Marienstraße

Marii Panny

Wallstraße

Podwale

Marktplatz, Ringsplatz

Rynek

Za Bramka

Za Bramką

Obere Marktstraße

Opatowska

Ziegelstraße

Cegielniana

Weitere Bemerkungen

Englischsprachige Quellen wurden im Original zitiert und nicht übersetzt. Polnische und französiche Texte wurden vom Verfasser selbstständig ins Deutsche übertragen. Die Übersetzung hebräischer Quellen erfolgte durch den Verfasser unter Einsatz von KI-gestützten Werkzeugen und wurde daraufhin von hebräischen Muttersprachlern einer Validierung und gegebenenfalls einer Korrektur unterzogen. Eine signifikante Schwierigkeit bestand in der Rekonstruktion polnischer und deutscher Namen, die in hebräischen Quellen häufig in entstellter Form vorlagen.

Auch in den auf Deutsch verfassten jüdischen Zeugenaussagen treten die Familiennamen deutscher Zivil- und Polizeibeamter meist in entstellter oder fehlerhafter Orthografie auf. Daher wurden diese Namen mit Hilfe originaler Dokumente korrigiert.

Eine analoge Problematik betrifft die Schreibweise polnischer Ortsnamen. Abgesehen von wenigen etablierten deutschen Formen wie Warschau, Krakau und Tschenstochau, die seit Langem gebräuchlich sind, finden sich in den Zeugenaussagen für kleinere Orte variierende Schreibweisen oder veraltete deutsche Varianten, die heute nicht mehr üblich sind. In diesen Fällen wurde konsequent die aktuelle polnische Schreibweise angewandt.

Ein großer Teil der herangezogenen Dokumente wurde von Archiven in digitaler Form bereitgestellt. In diesen Fällen korrespondieren die angegebenen Seitenzahlen mit jenen der digitalen Reproduktion.

Sandomierz im Jahr 1939

Sandomierz und Umgebung

Das Stadtgebiet von Sandomierz unterlag im Verlauf des 20. Jahrhunderts erheblichen Transformationen. Zahlreiche vormals eigenständige Vororte und umliegende Siedlungen wurden im Laufe des Jahrhunderts eingemeindet und bilden heute Bestandteile des Stadtgebiets von Sandomierz. Bei der Analyse historischer Dokumente und Zeitzeugenberichte ist es daher unerlässlich zu berücksichtigen, dass der Name "Sandomierz" sich auf unterschiedliche geografische Einheiten beziehen kann.

Vor dem Ersten Weltkrieg umfasste das Territorium von Sandomierz primär die gegenwärtige Altstadt. Gemäß einer 1916 von den österreichisch-ungarischen Besatzungsbehörden durchgeführten Volkszählung belief sich die damalige Stadtbevölkerung auf 5050 Personen, davon 2714 Frauen und 2336 Männer. Die Erhebung identifizierte 180 Wohnhäuser, von denen 70 in Holzbauweise errichtet waren. Nach der Eingemeindung der Vororte Krakauer Vorstadt und Zawichoster Vorstadt stieg die Einwohnerzahl bis Ende 1916 auf 5644. Die Stadt zählte zu diesem Zeitpunkt 314 Wohnhäuser, wovon 183 aus Holz bestanden26.

Eine wesentliche Erweiterung des Stadtgebietes erfolgte am 31. Oktober 1938, als Sandomierz zum zentralen Punkt der sich entwickelnden Zentralen Industrieregion (Centralny Okręg Przemysłowy, COP) wurde. In diesem Kontext wurden die Orte Nadbrzezie, wo sich der nächstgelegene Bahnhof befand, Zarzekowice, Ostrówka sowie ein Teil von Trześn aus dem Kreis Tarnobrzeg eingemeindet. Mieczysław Markowski zufolge wurde auch das Dorf Chwałki, das zur Landgemeinde Dwikozy gehörte, in jener Zeit eingegliedert27. Administrative Karten des Generalgouvernements weisen das Dorf Chwałki jedoch der Landgemeinde Wilczyce zu, nicht Sandomierz.

Die Stadt Sandomierz fungierte in der Zwischenkriegszeit als Verwaltungssitz des Kreises Sandomierz, der zur Woiwodschaft Kielce gehörte. Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 umfasste der Kreis sowohl die Stadt Sandomierz als auch diverse ländliche Gemeinden. Für die vorliegende Untersuchung sind insbesondere bestimmte Ortschaften in den angrenzenden Landgemeinden von Relevanz, namentlich:

Landgemeinde Dwikozy mit den Dörfern:

Kruków, wo 1943 ein deutscher Friedhof eingerichtet wurde.

Mokoszyn mit dem SS-Stützpunkt “Deutschwehr”.

Gerlachów, wo 1942 in einer Mühle ein Straflager eingerichtet wurde.

Kamień Nowy, wo 1938 das Glaswerk “Metan” gebaut wurde.

Landgemeinde Wilczyce mit dem Dorf:

Chwałki, aus dem in den Jahren 1942-1943 die polnischen Bauern ausgesiedelt und durch deutsche Kolonisten ersetzt wurden.

Landgemeinde Samborzec mit den Dörfern:

Kobierniki und Strochcice, wo Ende 1943 einige Juden erfolglos versuchten, sich vor den Deutschen zu verstecken.

In den Dörfern in der Umgebung von Sandomierz lebten nur vereinzelt Juden, weshalb der Synagogenbezirk der Jüdischen Religionsgemeinde Sandomierz neben der Stadt selbst auch die Landgemeinden Dwikozy, Obrazów, Samborzec und Wilczyce umfasste28.

Die jüdische Gemeinde von Sandomierz 1918-1939

Aufgrund fehlender zuverlässiger Quellenlage und eines bisher geringen Forschungsinteresses wurde die Geschichte der jüdischen Gemeinde Sandomierz bisher nur summarisch untersucht und dargestellt. Innerhalb der polnischsprachigen Fachliteratur finden sich lediglich vereinzelte Beiträge von Regionalhistorikern wie Robert Kotowski29, Piotr Sławiński30 oder Mieczysław Markowski31. Einen wertvollen Beitrag leisten hierbei die einleitenden Kapitel des Sandomierz Memorial Book, das in den einleitenden Kapiteln zahlreiche Erinnerungen aus der Zeit von 1914 bis 1939 enthält. Da diese jedoch in hebräischer Sprache verfasst sind, bleiben sie dem polnischsprachigen Lesepublikum weitgehend unzugänglich.

Die jüdische Gemeinschaft in Sandomierz wurde erstmals im Jahr 1367 urkundlich erwähnt, obgleich davon ausgegangen wird, dass jüdische Einwohner bereits seit mindestens der Mitte des 14. Jahrhunderts in der Stadt ansässig waren. Trotz zahlreicher Tragödien und wiederholter Pogrome, denen die Juden von Sandomierz ausgesetzt waren, entwickelte sich die Gemeinschaft dynamisch. Im Jahr 1914 bildeten die 3.890 Juden die Mehrheit der Stadtbevölkerung bei insgesamt 7.180 Einwohnern. Der hohe Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung verringerte sich jedoch während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) signifikant. Dies ist primär auf zwei Faktoren zurückzuführen: einerseits auf die Abwanderung vieler Einwohner aus der Stadt in dieser Periode, andererseits auf die Eingemeindung zweier großer Vororte, der Zawichoster Vorstadt und der Krakauer Vorstadt, im Jahr 1916, die nur eine geringe Anzahl jüdischer Bewohner aufwiesen.

In der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1939 war in Sandomierz ein erheblicher Rückgang der jüdischen Einwohnerzahlen zu verzeichnen. Dies resultierte aus umfangreichen Auswanderungsbewegungen nach Kanada, in die USA und teilweise nach Palästina, sowie aus der Binnenmigration in größere polnische Städte. Am 31. März 1938 machten die 2.445 jüdischen Einwohner nur noch 31 % der Gesamtbevölkerung von 7.880 Personen aus. Unter Berücksichtigung temporär ansässiger Personen belief sich die Gesamtbevölkerung von Sandomierz auf 10.163, davon waren 2.517 jüdisch.

Die jüdische Bevölkerung war vorwiegend im Kleinhandel und Handwerk tätig, wenngleich einige Familien, wie beispielsweise die Familien Landau und Markus, auch größere Unternehmen, darunter eine Brauerei, betrieben. Eine Auswertung der 367 Personen, die im Jahr 1933 die Synagogensteuer entrichteten, zeigt folgende hauptsächliche Berufsverteilung: 210 Händler, 23 Landwirte, 17 Schneider, 9 Schuhmacher, 8 Bäcker und 6 Metzger.

Die jüdische Bevölkerung konzentrierte sich primär in der Altstadt von Sandomierz, insbesondere in den Straßen Opatowska, Żydowska und Berka Joselewicza sowie um den Marktplatz herum, wo die Mehrheit der Immobilien sich in jüdischem Besitz befand, und die jüdische Bevölkerung dort nahezu 80 % der Einwohnerschaft stellte.

Die jüdische Gemeinschaft in Sandomierz zeichnete sich durch interne Heterogenität aus. Ein signifikanter Teil der jüdischen Bevölkerung war orthodox geprägt und nutzte im täglichen Umgang vorrangig Jiddisch. Einige dieser Personen besaßen keine oder nur rudimentäre Kenntnisse der polnischen Sprache, die lediglich für die Kommunikation mit polnischen Kunden ausreichten. Ihre äußere Erscheinung sowie ein ausgeprägter Akzent machten sie für christliche Polen leicht identifizierbar, was im Kriegsverlauf die Tarnung mittels gefälschter polnischer Ausweisdokumente erheblich erschwerte.

Demgegenüber standen wohlhabendere jüdische Familien, deren Muttersprache Polnisch war. Ein Teil dieser Gruppe pflegte soziale Kontakte zur polnischen Stadtbevölkerung und war daher gut mit polnischen Sitten und Gebräuchen vertraut. Diese Beziehungen zu den christlichen Bewohnern erwiesen sich während der deutschen Besatzungszeit als vorteilhaft, da sie die Möglichkeit zur Unterstützung durch die polnische Bevölkerung förderten.

Im Verlauf des Krieges suchten zahlreiche jüdische Flüchtlinge aus den dem Deutschen Reich angegliederten Gebieten Zuflucht in Sandomierz. Diese Flüchtlinge, oft aus städtischen Zentren wie Łódź stammend, verfügten häufig über erhebliche finanzielle Ressourcen und eine höhere Bildung. Alexander Wasserman, der im Dezember 1940 von Kalisz nach Sandomierz übersiedelte, beschrieb seine Eindrücke wie folgt:

Die Juden von Sandomierz waren anders als alle Menschen, die ich zuvor kennengelernt hatte. Ich hatte den Eindruck, dass sich in dieser alten Stadt seit der Zeit von König Kasimir dem Großen wenig verändert hatte. Im Vergleich zu den Juden von Kalisch lebten sie primitiv und in großer Armut. Sie wussten wenig über die Welt außerhalb ihrer Stadt. Jiddisch war die vorherrschende Sprache, und diejenigen, die diese Sprache nicht beherrschten, wie ich, wurden wie Geschöpfe vom Mars betrachtet. Diese Tatsache wollten sie trotz aller Fantasie nicht begreifen. Ihr Handel war kümmerlich, und die lokalen Reichen waren Händler mit kleinen Läden auf dem Markt. Einige Gemeindemitglieder besaßen Land außerhalb der Stadt, das sie wie die einheimischen Bauern bestellten, was ich wiederum kaum fassen konnte. Sie alle hielten an alten Traditionen und ihrem Glauben fest, trugen Bärte und Schläfenlocken, aßen koschere Speisen und gingen in die Mikwe32.

Trotz der in Polen während der Zwischenkriegszeit geltenden allgemeinen Schulpflicht für alle Kinder, ungeachtet ihrer Nationalität, ist die tatsächliche Implementierung dieser Vorschrift in Sandomierz nicht eindeutig geklärt. Zwar waren vereinzelt jüdische Lehrkräfte, wie beispielsweise Cyrel Sznajder, an der städtischen Volksschule tätig, und Klassenregister belegen eine signifikante Präsenz jüdischer Kinder. Diese Dokumente vermerken jedoch oft, dass einige dieser Schüler die polnische Sprache nicht ausreichend beherrschten und dem Unterricht folglich nur eingeschränkt folgen konnten. Zudem wurden ihre Leistungen im Fach Polnisch teilweise als unzureichend eingestuft. Ergänzend zum Besuch der Volksschule frequentierten einige jüdische Kinder traditionelle jüdische Schulen, in denen sie Hebräisch lernten und die Tora studierten.

Der Zugang zu weiterführenden Schulen in Sandomierz war für die jüdische Bevölkerung stark eingeschränkt, da die städtischen Gymnasien großen Wert darauflegten, ihre Schülerschaft patriotisch und nationalistisch zu prägen. Es ist bezeichnend, dass viele ehemalige Gymnasiasten während des Krieges in verschiedenen Widerstandsgruppen aktiv waren.

Einige jüdische Zeugen haben nach dem Krieg berichtet, dass an den Gymnasien in Sandomierz eine Numerus-clausus-Regelung für jüdische Schüler angewandt wurde. So berichtete Nusek Frydman:

Aufgrund der Zulassungsbeschränkungen für jüdische Schüler an den Gymnasien in Sandomierz wechselten einige von ihnen an Gymnasien in größeren Städten und setzten anschließend ihre Hochschulausbildung fort, teils in Polen, teils im Ausland. Auch Juden in freien Berufen wie Anwälte, Ärzte und Lehrer, die am Lehrerseminar der Stadt studiert hatten, tauchten auf. Der Numerus Clausus gegen Juden an polnischen Universitäten konnte den Bildungsdrang der jungen Leute aus Sandomierz nicht bremsen. Einige schafften es trotz aller Hindernisse, an Universitäten zugelassen zu werden, und schlossen ihr Studium in Ingenieurwissenschaften, Medizin und Jura sogar mit Auszeichnung ab. Andere wanderten in westeuropäische Länder, nach Amerika und Kanada aus, weil sie hier keine Zukunft sahen33.

Die polnischsprachige Regionalliteratur schweigt zwar hinsichtlich des Numerus Clausus in Sandomierz, doch eine Analyse der Abiturientenlisten legt nahe, dass die Gymnasien tatsächlich pro Jahrgang lediglich ein bis zwei jüdische Schülerinnen und Schüler zuließen. Es sind mehrere Fälle dokumentiert, in denen jüdische Kinder gezwungen waren, Gymnasien in anderen Orten zu besuchen; ein Beispiel hierfür ist Dyna Gucia Zoberman, die täglich 32 Kilometer mit dem Fahrrad zu einem Gymnasium in Opatów zurücklegte34.

Im Gegensatz zu den Gymnasien herrschte im Lehrerseminar, das sich im bekannten Gebäude des Collegium Gostomianum befand, eine offenere und tolerantere Atmosphäre. Cyrel Sznajder, die dort zusammen mit Ester Naj, der Enkelin des Rabbiners Mendel Naj, ausgebildet wurde, charakterisierte ihre Lehrkräfte wie folgt:

Maria Bandrowska, die Schwester des bekannten Schriftstellers Kaden-Bandrowski, war eine bescheidene, stille und äußerst edle Persönlichkeit, die Antisemitismus auf würdevolle Weise bekämpfte. Die Geschichtsprofessorin Janina Stecka bildete die Studenten auf humane und patriotische Weise, ohne Kriege und Zwistigkeiten zu verherrlichen, sondern sachlich und mit Respekt für alle Nationalitäten und Religionen. Die Pädagogik- und Psychologieprofessorin [Helena] Pasławska prägte die Studenten in den Prinzipien der Nächstenliebe und des guten Zusammenlebens mit Minderheiten35.

Die polnischsprachige Regionalhistoriographie stellt die Beziehungen zwischen den polnischen und jüdischen Einwohnern von Sandomierz häufig als korrekt oder sogar harmonisch dar. Diese Darstellung scheint jedoch eher einer idealisierten Wunschvorstellung als einer objektiven Interpretation der historischen Fakten zu entsprechen. Markowski zufolge hätten lediglich rechtsextreme Kräfte, insbesondere Mitglieder der Stronnictwo Narodowe-Partei, das ansonsten harmonische Verhältnis gestört. Ein Beispiel hierfür war die Zerstörung von elf Fenstern in jüdischen Wohnungen und Geschäften durch eine Gruppe von Gymnasiasten am 19. März 1938, im Kontext einer öffentlichen Rede des polnischen Präsidenten. Diese Ausschreitungen wurden angeblich von der breiten Öffentlichkeit verurteilt36.

Allerdings belegen zeitgenössische Presseberichte und jüdische Zeitzeugenaussagen die Existenz weiterer vergleichbarer Vorfälle. Der in Sandomierz weit verbreitete Aberglaube an angebliche rituelle Morde durch Juden an polnischen Kindern barg das Potenzial für pogromartige Ausschreitungen. Ein prägnantes Beispiel hierfür ereignete sich am 9. April 1938, als eine Bäuerin mit ihrer sechsjährigen Tochter das Geschäft von Mojżesz Grynblum betrat und beim Verlassen des Geschäfts feststellte, dass ihre Tochter verschwunden war. Ihr lauter Schrei zog eine Menschenmenge an, und Aktivisten der rechtsextremen Nationaldemokratischen Bewegung verbreiteten das Gerücht, das Mädchen sei von Juden entführt worden, um es zu töten und sein Blut für die Herstellung von Matze zu verwenden. Nur durch das entschlossene Eingreifen der Polizei konnte eine Eskalation der Gewalt an diesem Tag verhindert werden. Das vermisste Mädchen wurde am Abend wohlbehalten auf dem Marktplatz aufgefunden, wo es sich verlaufen hatte37.

Dieser Irrglaube an Ritualmorde wurde in Sandomierz zusätzlich durch ein Gemälde in der Kathedrale genährt, das einen solchen angeblichen Mord darstellt. In den 1930er Jahren nahmen Rabbiner Mendel Naj und der Schöffe Szyja Zoberman Kontakt zu Vertretern der katholischen Kirche auf, um die Entfernung dieses Gemäldes zu fordern, da es eine Atmosphäre des Hasses schürte. Die Kirche lehnte diese Forderung jedoch mit der Begründung ab, es handele sich um das Werk eines berühmten Malers, das künstlerische Werte verkörpere38.

Rabbiner und der Vorstand der Jüdischen Gemeinde

Mendel Naj, geboren am 1. Januar 1855 in Tomaszów Lubelski, bekleidete nahezu während der gesamten Zwischenkriegszeit die Position des Rabbiners von Sandomierz. Seine offizielle Bestätigung durch die russischen Behörden erfolgte am 8. Oktober 1896, und er übte dieses Amt bis zu seinem Tod im März 1939 aus. Nusyn Dawid Rosenzwajg fungierte von 1897 bis 1937 als Unterrabbiner. Nach Rosenzwajgs Ableben im Jahr 1937 wurde ein neuer Unterrabbiner gewählt. Bei der Wahl am 10. Oktober 1937 setzte sich der damals 26-jährige Lejb Lipsz aus Tyszkowice gegen Icek Wajsbrot, den amtierenden Rabbiner von Jedlicz und Kandidaten des Vorstands der Jüdischen Gemeinde, durch. Lejb Lipsz' Amtseinführung wurde im darauffolgenden Jahr durch das Ministerium für religiöse Bekenntnisse und öffentliche Bildung bestätigt.

Am 7. März 1939 ersuchte der Vorstand der Jüdischen Gemeinde den Bürgermeister von Sandomierz um die Anstellung von Icek Wajsbrot als Rabbiner. Parallel dazu initiierten einige Gemeindemitglieder eine Unterschriftensammlung zur Unterstützung von Lejb Lipsz als Kandidat für das Rabbineramt. Der genaue Ausgang dieses innergemeindlichen Disputs ist nicht eindeutig dokumentiert. Es ist jedoch gesichert, dass Wajsbrot bis zur Vernichtung seiner Gemeinde im Jahr 1942 in Jedlicz verblieb, während Lejb Lipsz in offiziellen Dokumenten bis zu seiner Flucht aus Sandomierz Ende 1939 oder Anfang 1940 weiterhin als Unterrabbiner geführt wurde39.

Die letzte vollständige Mitgliederliste des Vorstands der Jüdischen Gemeinde stammt aus dem Jahr 1931. Zu diesem Zeitpunkt bekleidete Szucht Zajwel den Vorsitz, und Samuel Wajntraub fungierte als Sekretär des Gremiums. Die sechs weiteren Mitglieder waren Szmul Frydman, Josek Feldsztajn, Dawid Fajersztajn, Berek Mały, Szmul Majer Rozenfeld und Icek Las40.

Für das Jahr 1939 liegen hingegen lediglich unvollständige Daten vor. Szucht Zajwel hatte weiterhin das Amt des Vorstandsvorsitzenden inne, während Lejb Weinberg die Position des Sekretärs bekleidete. Von den acht Vorstandsmitgliedern ist lediglich deren politische Zugehörigkeit überliefert: Vier gehörten der „Agudas Izrael“ an, zwei waren Mitglieder der „Mizrachi“-Partei, und die verbleibenden zwei waren parteilos41.

September 1939

Kriegsvorbereitungen

Spätestens mit der erzwungenen Abtretung des Memel-Bezirks durch das Deutsche Reich von Litauen am 22. März 1939 und ähnlichen Forderungen an die polnische Regierung bezüglich der Freien Stadt Danzig, erkannte die polnische Regierung die Unausweichlichkeit eines bewaffneten Konflikts mit dem Deutschen Reich. Bereits am 23. März wurde in Polen eine Teilmobilisierung der polnischen Armee angeordnet. Kurz darauf lancierte die Regierung eine Anleihe zur Finanzierung des Ausbaus der Luftverteidigung.

Gemäß einem Bericht des Landrats des Kreises Sandomierz vom 1. Mai 1939 engagierte sich die jüdische Bevölkerung signifikant in der Zeichnungsaktion. Zur Demonstration ihrer Opferbereitschaft im Kontext der Landesverteidigung Polens organisierte die jüdische Gemeinschaft in Sandomierz am 22. April eine öffentliche Versammlung in der Synagoge. Dort wurde eine Resolution verabschiedet, welche die Bereitschaft der jüdischen Bevölkerung zur Hingabe ihres Eigentums und gegebenenfalls ihres Lebens für das Vaterland unter dem Kommando des Oberbefehlshabers proklamierte42.

Ein Teil der jüdischen Bevölkerung von Sandomierz engagierte sich in den Kriegsvorbereitungen. Beispielsweise absolvierte die Lehrerin Cyrel Sznajder vom 2. bis zum 17. Mai einen Lehrgang für sanitätsdienstliche Rettungsmaßnahmen im Rahmen des Luft- und Gasschutzes. Dieser Lehrgang war primär für Rettungskräfte und Patrouillen des Sanitätswesens konzipiert43.

Präsident Ignacy Mościcki ordnete die allgemeine Mobilmachung erst am 30. August an, lediglich zwei Tage vor dem Kriegsausbruch, wobei der erste Mobilisierungstag auf den 31. August festgesetzt wurde. Die Verzögerung dieser Entscheidung war eine Folge des Drucks seitens Frankreichs und Englands, die eine Provokation Deutschlands zu vermeiden suchten.

Die rasche militärische Offensive der Wehrmacht und ein gravierender Mangel an Ausrüstung führten dazu, dass nur ein Bruchteil der für die Mobilisierung vorgesehenen Personen tatsächlich in die polnische Armee eingegliedert werden konnte.

Im Rahmen der allgemeinen Wehrpflicht in Polen waren alle Nationalitäten gleichermaßen zur Ableistung ihres Dienstes verpflichtet, obgleich die Offiziersränge nahezu ausschließlich von Polen besetzt waren. Aus dem September 1939 existieren zahlreiche Berichte über Desertationen von Ukrainern und Deutschen, die in die polnische Armee eingezogen wurden und keine Absicht hegten, für Polen zu kämpfen oder zu sterben. In einigen Fällen kam es zu Desertationen ganzer Einheiten. Für jüdische Soldaten sind derartige Berichte jedoch nicht überliefert.

Der genaue Umfang der Mobilisierung jüdischer Einwohner in den Kreisen Sandomierz und Opatów lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Indirekte Hinweise deuten jedoch auf eine eher geringe Anzahl mobilisierter Personen hin. In den vorliegenden jüdischen Zeugenaussagen erwähnte lediglich Tanchum Kupferblum aus Sandomierz seine Einberufung in die 10. Kavallerie-Brigade im September 1939. Darüber hinaus behaupteten einige Zeugen, darunter Beniek Cejlon, dass Abraham Schwajcman, ein ehemaliger Soldat der polnischen Kavallerie, im September 1939 zu den Verteidigern der Westerplatte gehörte44.

Bei der Besetzung Sandomierzs durch die Wehrmacht am 11. September wurden sämtliche in der Stadt anwesenden Männer wehrfähigen Alters interniert und in das rückwärtige Sammellager in Zochcin45 verbracht. Nachman Icek Gorzyczański schätzte die Zahl der Internierten auf 1200 Juden und 300 Polen, wobei diese Angabe möglicherweise unpräzise ist. Ein Vergleich mit der Gesamtzahl der jüdischen Einwohner von etwa 2200 Personen legt jedoch nahe, dass sich an diesem Tag nahezu alle jüdischen Männer in der Stadt aufhielten und nicht im Militärdienst standen.

Hilfsaktionen

In der Periode vom Kriegsausbruch bis zur Besetzung der Stadt am 11. September beteiligten sich jüdische Frauen intensiv an städtischen Hilfsmaßnahmen. Diese ehrenamtlichen Aktivitäten waren essenziell, da das Heilige-Geist-Krankenhaus durch die Mobilisierung eines Teils der Ärzteschaft sowie die Evakuierung des übrigen medizinischen Personals am 6. September personell stark überlastet war und eine adäquate medizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet werden konnte. Nur die Nonnen verblieben als Pflegekräfte und waren auf freiwillige Helfer angewiesen. Die Situation verschärfte sich durch das Eintreffen zahlreicher erschöpfter, hungernder und oft verwundeter Soldaten aus den geschlagenen polnischen Divisionen in Sandomierz.