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"Mein Heilpraktiker entlässt mich nach der Untersuchung mit einem Rezept und den aufmunternden Worten: 'In zwei Wochen ist alles vorbei!' Erst, als ich seine Praxis schon nicht mehr im Rückspiegel sehe, frage ich mich, wie er das wohl gemeint hat." Hypochonder Jan wird in den Familienurlaub gezwungen! Nicht dass er Urlaub bräuchte. Im Gegenteil. Er fühlt sich eigentlich pudelwohl in seinen vier Wänden - da kann immerhin nicht viel passieren. Doch den leuchtenden Augen seiner Kinder kann er nicht widerstehen und er gibt nach. Am Tag der Abreise stiehlt sich Jan trotzdem noch mal heimlich zum Arzt. Aber die erhoffte Ausrede um daheim bleiben zu können, bleibt ihm verwehrt - denn der kann beim besten Willen nichts finden. Also fahren bald drei Vergnügte und ein Verzagter im voll bepackten Auto gen Süden. Bereits vor dem Brenner taucht zu Jans Beruhigung dann das erste Symptom auf - der Blinddarm kneift. Von wegen eingebildeter Kranker! Er sieht sich schon in einer italienischen Landambulanz liegen und die Ärzte sorgenvoll die Köpfe schütteln. Doch diesmal will er nicht zurück nach Hause flüchten. Kann er auch gar nicht: Die Entschiedenheit auf den Gesichtern seiner Familie lässt diesen Gedanken nicht zu. Also durch. Kein schlechter Entschluss. Wer trifft im Urlaub schon auf eine echte Meerjungfrau? Und so freundet sich Jan ganz behutsam mit dem Gedanken an: Urlaub ist ja gar nicht so tödlich! Wenn da nur diese Brustschmerzen nicht wären ...
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Urlaub oder Leben
Franz L. Huber
www.urlaub-oder-leben.de
published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Copyright: (c) 2011 Franz L. Huber
ISBN 978-3-8442-0308-0
Herstellung E-Book: LVD GmbH, Berlin
www.epub-eBooks.de
Franz L. Huber
Urlaub oder Leben!
Rollentausch
Manche Menschen sagen, ich sähe aus wie Bruce Willis. Ich finde, da haben sie absolut Recht. Natürlich leiste ich dem auch gerne Vorschub und laufe schon mal ‘nen halben Tag lang mit geschürzten Lippen und schmalen Augen rum. Leider lässt sich ein Charakter nicht ebenso leicht schürzen, irgendwann kommen sie dir auf die Spur und du bist entlarvt. In meinem Fall war das meine Frau, Tina.
Bis zu dem Tag, an dem sie den Verdacht äußerte, meine, in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu wichtigen Ereignissen auftretenden Infekte, seien keineswegs zufälliger Natur, war das Leben so erträglich für mich, so warm und heimelig. Doch Tina glaubte, ein gewisses Schema ausgemacht zu haben. Zunächst war sie noch durchaus sanftmütig und sogar besorgt darüber, dass ich ausgerechnet immer dann malad war, wenn ich mit meiner Band ein Konzert geben sollte. Ich fand das ganz und gar nicht besorgniserregend: Für mich war immer ganz klar, dass ich gerade deshalb erkrankte, weil das Konzert zuvor so anstrengend gewesen war. So lebten wir einige Jahre glücklich und zufrieden, jeder mit seiner eigenen Interpretation der Wahrheit. Bei Tina festigte sich ihre Sichtweise mit der Zeit zur betonharten Betriebsanleitung für den Umgang mit sensiblen Künstlerseelen. Meine eigene Auffassung ging natürlich in eine ganz andere Richtung; schließlich konnte mein heroisches Selbstbild keine hypochondrischen Risse vertragen. Ich ignorierte also das Offensichtliche. Doch Bruce begann zu bröckeln.
Tina ließ mich gewähren, es tat ihr ja nicht weh, und ich konnte weiterhin in dem Glauben leben, ich sei ein cooler Musiker, ein echt lässiger Typ, ein Kerl, den nichts so schnell aus der Bahn wirft. Da konnte ich dann auch ganz leicht die Borretsch-Blüten tolerieren, die plötzlich in meinem Essen auftauchten; ihnen wird ja eine gewisse positive Wirkung auf eingebildete Kranke nachgesagt. Heute weiß ich, dass dies der Beginn eines umfassenden und prägenden Umkrempelungsprozesses war, an dessen Ende ich nicht nur ein geständiger Hypochonder, sondern auch noch ein gestandener Hausmann sein würde. Keine Backstage-Feten mehr, null Glamour.
Als selbst meine Schwiegermutter begann, mir quasi im Vorbeigehen besagte Blüten in den Salat zu schmeißen, wurde mir klar: für mich hatte eine neue Zeitrechnung begonnen! Einerseits empfand ich es direkt als befreiend, die ohnehin sehr großen Rockerstiefel auszuziehen. Andererseits lebt es sich auch ganz gut im Verborgenen, wenn man nicht ständig mit der Frage konfrontiert werden will, was man denn nun im Leben darzustellen gedenkt. Noch war ich aber nicht so weit, spießige Pantoffeln zu tragen, mochten sie auch noch so gut passen. Ich musste mich während der Transformation also mit einer Zwischengröße begnügen. Tina tolerierte mein Künstlergehabe großzügig, wohl wissend, dass ich ihrem Netz nicht mehr würde entrinnen können. So begann für mich die, zugegeben recht bequeme, Phase der Verpuppung, in deren mehrjährigem Verlauf die Maschen durch glückliche und weniger glückliche Fügungen sukzessive enger gezogen wurden. Die weniger glückliche war, dass die vielversprechende Künstlerin, die ich damals produzierte, bereits nach der zweiten Single wieder vom Pop-Himmel stürzte. Damit versiegte auch die vorher so segensreich sprudelnde Einkommensquelle. Für einen Ausgleich sorgte hier wieder einmal meine kluge Frau, die, wie auf Zuruf, plötzlich mit bestandenem Staatsexamen auf unserer Lebensbühne stand und fortan als Lehrerin unser Überleben sicherte. Kurze Zeit später kam unsere Tochter Marie zur Welt. Ich war völlig aus dem Häuschen.
Glück betäubt, und so wandelte ich die nächsten Monate wie benommen auf unserem kleinen Familienplaneten. Zunehmend mangelnder Erfolg bei meinen Produktionen und mangelnde Zunahme unseres Ersparten trieben Tina tiefer in das Berufsleben, als sie das eigentlich geplant hatte. Bald arbeitete sie voll, plus Überstunden. Ja, das Leben ist kein Wunschkonzert; zumindest dieses Lied kann sie nun in jeder Tonart singen. Doch während Tina sich mit der Variante in Moll abmühen musste, trällerte ich mit zunehmender Freude die, mit der großen Terz. Ich war mit großem Enthusiasmus auf der Mission „Vater und Hausmann“ und genoss das Leben mit unserer kleinen Marie in vollen Zügen. Das Wort Krankheit entschwand mir gänzlich seiner Bedeutung. Ich fühlte mich, als hätte ich vom Jungbrunnen selbst getrunken.
Was war das für eine herrliche Zeit. Und so ruhig - Marie musste ja noch viel schlafen. Besonders schön war es im Sommer. Unsere bevorzugten Ausflugsziele waren die Eisdiele unten am Lech oder die Cafés, die ihn säumten. Ein nicht ganz unangenehmer Umstand war, dass ich zu diesen Tageszeiten der einzige Vater unter vielen, attraktiven, Müttern war. Damit hier kein falscher Verdacht aufkommt: Ich hab das selbstverständlich sehr genossen, ganz klar; bin ja auch nur ein Mann.
Aber mein Ehrgeiz war größer als eine Männerfantasie, denn ich wollte nicht nur irgendein Vater sein, ich wollte der beste sein! Ich diskutierte mit meinen Café-Bekanntschaften die Vorzüge salzfreien Kochens und tauschte auch schon mal den einen oder anderen Einschlaftipp für unsere Kleinsten aus. Ich gebe zu, ich habe anfangs etwas übertrieben. Besonders als ich die Spülmaschinen-Tabs von Aldi vehement gegen Konkurrenzprodukte verteidigte; da habe ich wohl bei einigen Müttern Porzellan zerschlagen. Ich merkte das daran, dass die täglichen Runden im Café immer kleiner wurden. Aber was sollte ich machen? Ich fühlte mich doch endlich angekommen, fühlte, dass dies meine Bestimmung war: Hausfrau und Mutter. Pardon, Vater.
Immerhin wurde ich nun vor Konzerten nicht mehr krank. Dass ich gar keine mehr gab, vernachlässigte ich – immerhin musste ich mich ja jetzt jeden Tag auf einer Bühne präsentieren, auf der normalerweise Frauen den Ton angeben. Und nachdem ich gelernt hatte, auch Lidl-Tabs zu akzeptieren, erntete ich immer öfter auch wieder Applaus für meine Rolle. So fiel es mir zunehmend leichter, mich mit meinem neuen Leben zu arrangieren.
Ich las einmal, glückliche Menschen würden weniger häufig krank, weil sie mehr Fresszellen im Blut hätten, die wiederum Krankheitserreger in Schach hielten. Bestimmt die Erklärung dafür, dass ich bis zu Maries drittem Geburtstag praktisch vor Gesundheit nur so strotzte. Allerdings waren wir bis dahin auch nicht mehr im Urlaub. So lief ich nicht Gefahr, meine neue unverwüstliche Konstitution unter Beweis stellen zu müssen. Denn auf bevorstehende Urlaube reagierte mein Immunsystem wie auf Grippeviren.
Mit Beginn des ersten Kindergartenjahres jedenfalls war es mit dem Wohlbefinden vorbei. Im Zwei-Wochen-Rhythmus schleppte Marie nun Infekte heran und ein paar Tage später übernahm ich die komplette Symptomatik. Die nächsten Monate konnte man meinen Zustand ohne Übertreibung als permanentrekonvaleszent bezeichnen. Tina behandelte mich, als würde ich das mit Absicht tun. Nun, ein klein wenig konnte ich sie sogar verstehen: Niemand kommt gern nach einem anstrengenden Arbeitstag heim und muss dann erst mal Haushalt, Kinder und einen Ehepartner versorgen, der das alles schon längst erledigt haben sollte. Doch mein Mitleid hielt sich in Grenzen, schließlich kam sie ja als Lehrerin schon am frühen Nachmittag nach Hause! Und überhaupt, hieß es bei unserer Hochzeit nicht: „... wie auch in schlechten Tagen ...“?
Ich fühlte mich ungerecht behandelt und tauschte mich bei meinen Leidensgenossinnen aus. Zu meiner Überraschung schlugen sie sich aber auf die Seite meiner Frau! Sie meinten, sie könnten sich jedenfalls nicht einfach so mit einem Schnupfen ins Bett legen, wo blieben denn da die Kinder, geschweige denn der Haushalt? Und ihren Partnern könnten sie nicht zumuten, sich nach einem strapaziösen Werktag auch noch darum zu kümmern. Eine Krähe ...
Ich muss zugeben, ich hatte damit überhaupt kein Problem. Entsprach eben meiner Auffassung von einem Leben als Hausmann und, immerhin, Teilzeitkünstler.
Die Geburt unseres Sohnes Louis ließ uns solche Unstimmigkeiten aber rasch vergessen. Auch dieses Ereignis stimulierte meine Fresszellen und bald wusste ich nicht mehr, was eine Erkältung überhaupt ist.
Der Effekt hielt leider nur zwei Monate, dann wollte Tina „… nur ein paar Tage zu Tante Else, mal etwas ausspannen!“
Ich spannte sogleich aus und zwar mit einer handfesten Angina. Offenbar war meinen Fresszellen allein das Wort Urlaub unverdaulich. Traten dann die anschließenden Infekte noch scheinbar ohne kausalen Zusammenhang auf, konnte man, besonders Tina, doch recht bald wieder das altbekannte Muster ausmachen. Ob Wochenendausflüge an den Gardasee oder Kaffee-Einladungen bei meinen Schwiegereltern, stets entschuldigte mich termingerecht eine dem Ereignis angemessene Unpässlichkeit.
Um vor mir selbst das Gesicht zu wahren, schob ich es auf den Stress, den zwei Kinder (immens) gegenüber einem Kind (gegen Null) eben mit sich bringen. Ich kam ja praktisch nicht mehr ans Klavier, weil immer eines der Kinder schrie oder schlief, oder schlimmer, sich bis zur Body-Halskrause vollgeschissen hatte.
Ich gebe zu, auch hier ruhte die Hauptlast auf Tinas Schultern. Das fand ich grundsätzlich auch nicht verkehrt. Schließlich war es mir nicht gegeben, unsere Kleinen zu stillen. Außerdem war meine, zumindest mentale, Wandlung noch nicht ganz vollzogen und der Mann in mir fand es ganz und gar natürlich, dass die Mutter seiner Kinder diese auch stillt; vielleicht nicht unbedingt drei Jahre lang. Dass Tina schon während dieser Zeit voll arbeitete, machte die Sache natürlich nicht einfacher; zumindest nicht für sie. Doch verstand sie diesen Zustand allenfalls als einen vorübergehenden - sobald ich wieder einen Hit hätte, sollte gefälligst ich mich wieder um das Überleben der Familie kümmern. Die Hoffnung daran hält sie bis heute über Wasser. Mich auch.
Im gleichen Maße, wie sich Tinas berufliche Belastung in immer dünnere Lüfte schraubte, stürzte ihre Geduld mit meinem künstlerischen Sonderstatus in dunkle Tiefen. Öfter hörte ich jetzt den Satz: „Ich kann nicht mehr!“ Ihre Toleranz gegenüber meinen Termininfekten, die nun häufig dann auftraten, wenn es ihr mal wieder zu viel wurde mit dem Wickeln, Stillen, Korrigieren, Zwischenstillen, Stundenvorbereiten, Abpumpen, Unterrichten, Stundennachbereiten usw., war allenfalls noch in Globuli-Potenzen erahnbar. Doch ich beschwerte mich nicht. Ich wollte nicht herausfinden, was sie mir neben Borretsch-Blüten sonst noch ins Essen schmeißen würde!
Mittlerweile sind einige Jahre ins Land gegangen. Ich kann sagen, ich habe mich ganz gut eingelebt, in meine Rolle als Hausmann. Böse Zungen behaupten, das sei auch nicht weiter schwer, wenn man eine Mutter hat, die einem wöchentlich das Haus putzt, eine Schwiegermutter, die täglich kocht und eine Schwiegergroßmutter, die stündlich für die Übernahme der Kinder zur Verfügung steht. Da muss ich ganz klar sagen: stimmt! Vielleicht alles Gründe dafür, dass ich nicht mehr so oft krank bin: Meine Konstitution hat sich etwa im gleichen Maße stabilisiert, wie sich Tina mit ihrer Aufgabe als Ernährerin abgefunden hat. Trotzdem lässt sie mir immer noch den Freiraum, mich kreativ auszutoben und gibt mir das Gefühl, ich könne es als Musiker doch noch zu etwas bringen. Am liebsten zu ganz viel Geld. Denn dann, und das sagt sie unmissverständlich, „... höre ich sofort auf zu arbeiten!“
Wolken am Horizont
Schlimme Erinnerungen ritzen sich so unbarmherzig ins Gedächtnis, wie ein defekter Lesekopf in eine Festplatte. Eine solche Erinnerung ist die, an die Augen meiner Frau. Eigentlich hat sie ja wunderschöne. Doch an jenem Sonntagmorgen vor einigen Monaten waren sie furchtbar. Nosferatumäßig.
Tina muss wohl darauf gewartet haben, dass ich endlich aufwachte. Ach, hätt’ ich es nur nicht getan. Aber, zu spät. Zu ihrem Vampirblick gesellte sich sogleich eine leichenkalte Stimme, die sich wie ein Grabtuch auf meinen Verstand legte. Gern hätte ich mich gleich wieder unter die Decke verzogen. Doch ihr Blick lähmte mich und ich musste sie anstarren, wie das Karnickel die Schlange. Zischelnd wanden sich ihre Worte um meine Gehirnwindungen.
„Seit Jahren arbeite ich von früh bis spät, bekomm’ nachts kaum Schlaf, weil entweder eines der Kinder rotzt oder du. Ich hab mich nie beschwert, wenn unsere Freunde in den Urlaub fuhren, und ich ihnen mit der Hoffnung nachwinkte, nächstes Jahr würdest du in den Ferien bestimmt nicht krank sein.“
Was nun folgte, war eine minutiöse Aufzeichnung unserer gesamten Ehe. Das glich schon beinahe einer Herr-Ober-die-Rechnung-bitte-Szene. Wobei mir schon schwante, wer am Ende würde zahlen müssen. Und ich fühlte, wie der Boden unter meinen Füßen zu bröckeln begann. Diesmal würde ich nicht davon kommen.
Wie eine Ratte durch die enge Kanalisation, kroch die Angst langsam und schnuppernd durch meine Adern, ließ sich vom pulsierenden Blut bereitwillig mitreißen und verteilte sich binnen weniger Augenblicke in meinem ganzen Körper. Panisch blickte ich mich um. Doch jeder Fluchtweg schien abgeschnitten, bewacht durch erbarmungslose Wächter, die allein einer Herrin dienten, der, die sie geschaffen hatte, die sie in jahrelanger Vorbereitung wohldurchdacht, abgewogen, auf der Zunge hin und her probiert, die schlechten ausgespuckt und sich die guten einverleibt hatte: Worte! Tinas Worte. Einem scharfen Schwert gleich, hieb ein jedes tief in mein Bewusstsein und ich spürte, wie sie durch die klaffende Wunde in meinen Geist drangen und die Kontrolle über meinen Körper erlangten. Ich wollte fortlaufen, doch meine Beine versagten mir den Dienst, hatten, ob der schieren Übermacht, hasenfüßig die Waffen gestreckt und erwarteten untertänig den Befehl der neuen Potentatin.
Der kam prompt, hart und kompromisslos: „Diese Sommerferien fahren wir in Urlaub, da kann kommen was will!“
Dann schlängelte sie wieder aus dem Bett und ließ mich schockstarr zurück. Nur langsam kehrten meine Vitalfunktionen zurück. Doch das brauchten sie eigentlich nicht – ich würde die nächsten Wochen sowieso nicht überleben!
Hypochonder, ich!
Das ist nun etwa drei Monate her. Ich lebe. Noch. Eigentlich Zeit genug, um wieder zu einem geregelten Leben zu finden. Nicht für mich. Allenfalls Zeit genug für meine Angst, sich wieder einzunisten bis in den kleinsten Körperwinkel, sich zu manifestieren, sich Ausdruck zu geben, in Form eines Infekts. Und je näher der Zeitpunkt unseres Urlaubes rückt, kann ich Tina gegenüber immer schlechter verbergen, dass mein persönliches Wunschurlaubsziel mit unserem derzeitigen Wohnort eigentlich ziemlich identisch ist.
Egal, diesmal, das hat mir Tinas Fledermausblick unmissverständlich klar gemacht, komm ich nicht drum herum. Ich muss in Urlaub!
Wie sich das für Normaldenkende wohl anhört:
„Was, verreisen müssen Sie? Sie Ärmster!“
„Nicht wahr?“
„Wo werden Sie denn gezwungen, sich zwangs-zu-erholen?“
„In der Toscana, in Punt’Ala.“
„Oh Gott, ist das nicht dieses elysische Fleckchen Erde am Saume des Mittelmeers, umrahmt vom wunderbaren toskanischen Archipel, mit den weltberühmten weißen Samtsandstränden, die von türkis-klarem, flauschig warmem Meerwasser umspült werden?
„Ja.“
„Dessen mediterrane, unvergleichlich herrliche Flora jedem einmal da Gewesenen eine ungefähre Vorstellung vom Paradies verleiht?“
„Ja.“
„Ist ja nicht auszuhalten, direkt unmenschlich.“
„Nicht wahr?!“
Das ist es tatsächlich. Für mich. Tina spürt das natürlich. Je näher der Tag der Abreise rückt, desto häufiger fragt sie: „Was hast du denn, Schatz?“ Manchmal auch das bohrendere „Du hast doch was, Schatz!“
Wenn das bis dahin relativ geduldige „Schatz“ durch eine bedrohlich klingende Sprechpause ersetzt wird, weiß ich, dass ich aufpassen muss, nicht doch noch einzuknicken und zuzugeben: „Ja weißt du, echt witzig, dass du fragst - ich habe da tatsächlich seit ein paar Wochen irgendwie so ... Bauchschmerzen.“
Müßig zu erwähnen, dass da selbst dem Geduldigsten der Kragen eng wird. Also beschließe ich, mich erwachsen zu geben. Diesmal wird der Urlaub nicht ins Wasser fallen. Nicht meinetwegen. Kurzzeitig kommt mir der Gedanke, es könnte ja auch mal das Auto streiken. Aber „nein!“, ruft das Restmännchen in mir, diesmal wirst du deine Lieben in den Urlaub führen. Und du wirst nicht krank sein! Und wenn doch, wird es dir zumindest keiner ansehen. Deine Schmerzen, die so sicher auftreten werden, wie die Zeugen Jehovas in der Fußgängerzone, wirst du mit einem Lächeln überdecken. Du wirst die personifizierte Entspannung sein und deiner Frau ein ständiger Quell der Freude. Jawoll. Genauso werde ich es machen. Und vorher gehe ich zur Sicherheit noch rasch zum Arzt.
*
Ist ja klar, dass heute Feiertag ist. Mit Arztbesuch ist also erst mal nichts. Super. Das Ziehen und Kneifen macht sich wieder bemerkbar. Wo war doch gleich der Blinddarm? Ich sehe mich schon in Italien in einem schmierigen Provinzkrankenhaus liegen und die Ärzte sorgenvoll ihre Köpfe schütteln.
„Warume ‘ate dise deutsche Mann sich nicht lasse operiere in Deutschelande? Spinnte der?“ In meinen Träumen sprechen Italiener immer so.
Ich erinnere mich an einen jungen Typen, der vor zig Jahren mal mit mir ein Krankenzimmer teilte. Er litt an einer Blinddarmentzündung und durfte den ganzen Tag lang nichts anderes machen als auf dem Bett liegen und Diät essen.
Rumliegen würde meine geliebte Frau heute bestimmt auf die Palme bringen. Immerhin wirft sie mir vor, ich würde mich immer vor dem Kofferpacken drücken. Ha! Typische Frauenübertreibung. Wir waren ja in den letzten Jahren überhaupt nicht im Urlaub! Aber ich will Tina lieber nicht zu spitzfindig kommen. Möglicherweise ziehe ich da den Kürzeren.
Ich nehm’ mir also vor, die Koffer zu packen. Aber wie kriege ich Tina bloß dazu, sie ins Auto zu tragen? Mit so einem Blinddarm ist schließlich nicht zu spaßen! Lieber nicht zu sehr reizen. Trifft allerdings auch für Ehefrauen zu.
Eins nach dem anderen, sage ich mir. Zuerst die dringlicheren Probleme. Also erstmal eine Diät, dann wird sich mein kleiner Wurmfortsatz schon wieder beruhigen. Am besten Zwieback, da ist mal so richtig gar nichts drin, kann also auch den Appendix nicht weiter ergrimmen. „Hast malad Appendix, isst du erst mal gar nix“, sagte schon meine Großmutter.
Im Internet las ich einen User-Tipp, auf keinen Fall saure Sachen zu sich zu nehmen; also keine Apfelsaftschorle, kein Obst, keinen Salat (zumindest keinen angemachten), alles gestrichen. Kein Problem soweit, das kriege ich hin. Hauptsache, Tina kriegt davon nichts mit. Sonst wäre sie wohl total angefressen. Und das hätte dann mit Diät ja auch nichts mehr zu tun.
Am Tag vor unserer Abreise stehle ich mich aus dem Haus mit der schlauen Ausrede, ich müsse das Auto noch reisefertig machen lassen. In ihrer unglaublich geduldigen Großmütigkeit, mit der mir Tina in solchen Augenblicken zu begegnen pflegt, lässt sie mich ziehen; wissend, dass unser Auto genau aus diesem Grund erst letzte Woche in der Werkstatt war. Mein schlechtes Gewissen regt sich, als ich in ihren Augen lese: „Geh nur Liebling, aber mit dem Auto hat das rein gar nichts zu tun.“
Der sporadisch auftretende Schmerz in meinem Unterbauch ermuntert mich, mein Vorhaben trotzdem durchzuziehen; ich brauche Gewissheit. Man muss keine allzu große Fantasie haben, um sich die Szene einmal vorzustellen: Drei Tage packen, einen Tag anreisen und am nächsten Tag schon wieder abreisen, weil man sich wegen einer Blinddarmoperation eben nicht in ein italienisches Provinzkrankenhaus legt. Weil in solchen Dingen, Italien Entwicklungsland!
Ich brauche also dringend eine Entscheidungsgrundlage und so konsultiere ich in aller Frühe meinen Hausarzt Dr. Mertzheimer. Doch ausgerechnet heute lässt er sich von einer gewissen Frau Dr. Olbert vertreten. Der Name sagt mir was.
Meine vorzüglichen Beziehungen zu der stets freundlichen und gut gelaunten Sprechstundenhilfe Christa ermöglichen mir ein unbemerktes Betreten des Sprechzimmers, vorbei an all den schon länger wartenden, betagten Damen, die, der Gedanke tröstet mich ein wenig ob meines uncharmanten Überholmanövers, schließlich eh nichts anderes zu tun haben: Ob sie nun zum Fenster hinausschauen oder den neuesten Klatsch im Wartezimmer aufschnappen – da ist Letzteres doch viel ereignisreicher.
Als Frau Dr. Olbert das Sprechzimmer betritt, spült sich wieder der Gedanke hoch: „Die kennst du doch.“
Ihr scheint es ähnlich zu gehen. Schließlich wird sie als Urlaubsvertretung nicht jeden Patienten mit einem Lächeln begrüßen, als hätten sie schon mal einen Chianti miteinander gekippt.
Professionell und routiniert geht sie zu Werke, fragt, was jeder fragen würde, tastet, wo jeder tasten würde. Zumindest jeder, der sich, wie ich, aus ureigenstem Interesse an der Materie so einiges an medizinischem Fachwissen drauf geschafft hat. Jemand, der sich neben Familie und Künstlerdasein auch noch in solch komplexe Themengebiete, wie das der Humanmedizin, stürzt und einem intellektuell Verdurstenden gleich, hippokratische Erkenntnisse der vergangenen zweieinhalb Jahrtausende in sich aufsaugt. Hypochonder wie ich eben.
Ich will ihr gerade meine Diagnose mitteilen, als sie fragt:
„Na, wie geht es denn eigentlich Ihrem Schwindel, Herr Leppmann?“
„Die Olbert!“, fährt es mir einem elektrischen Schlag gleich durch die Synapsen. Sie hatte mich als Stationsärztin in der hiesigen Klinik mal wegen eines wirklich ätzenden Drehschwindels behandelt. Nach und nach gesellen sich weitere Erinnerungsfragmente dazu und mit ihnen das vergraben geglaubte Gefühl, das sie mich damals schon für einen Simulanten gehalten hat. Mist, nicht mal dem eigenen Verdrängungsmechanismus kann man mehr trauen. Ich werfe eine verbale Nebelgranate und erzähle von unserem bevorstehenden Urlaub.
„Soso“, entgegnet sie allwissend.
Was soll das denn nun wieder? Geht das bitte auch etwas genauer? Zum Beispiel: „Soso, nach Italien fahren Sie dieses Jahr. Da beneide ich Sie aber, Herr Leppmann.“ Oder sie könnte die interessierte Gesprächspartnerin geben: „Soso, den alten Brenner fahren Sie? Sie sind ja ein richtiger Experte, Herr Leppmann.“ Ich könnte herrlich erwidern: „Ja wissen Sie, ich möchte den Kindern etwas mitgeben für ihr Leben. Der alte Brennerpass, die Natur, Sie verstehen.“ Im Nu hätten wir eine tolle Konversation, die etwas von dem schalen Beigeschmack unseres ersten Aufeinandertreffens nehmen würde. Ich hätte das Gefühl, dass mir schließlich tatsächlich schwindelig war und sie, dass das Bett damals nicht fehlbelegt war. Stattdessen legt sie mit ihrem chirurgisch präzisen Verbalskalpell die Wunde des Vergessens wieder frei.
„Soso, da sind Sie wegen der langen Fahrt wohl etwas nervös, was?“
Ha, von wegen Chianti-Lächeln. Die hat mich doch gleich von Beginn an in die Simulantenschublade geschmunzelt. Der Leppmann? Ablage-S, zack zu!
Trotzdem drückt und tastet sie weiter an meinem Bauch herum, als wolle sie wenigstens noch die zehn Euro Praxisgebühr wieder hereinmassieren. Doch ausgerechnet jetzt lässt mich mein Schmerz im Stich. So ganz ohne Symptome erscheint mir das Durchgewalke aber irgendwie überflüssig. Ein letztes Mal spüre ich tief in meinen Eingeweiden dem Hauch eines Schmerzes nach – aber der will sich nicht einstellen. Dafür stellt plötzlich die Olbert die Behandlung ein und noch bevor ich meine Ohren in Deckung bringen kann, schlägt die nächste Demütigung wie ein Schrapnell auf meinem Selbstwertgefühl ein.
„Sie haben Blähungen, Herr Leppmann.“
Ich versuche erst gar keinen kollegialen Widerspruch. Denn ihre falsche Chianti-Maske sagt: „Wegen deiner Schwindelei musste ich dich schon einmal auf der Station aufnehmen, deine ‚Blinddarmentzündung’ entlüftest du gefälligst anderswo!“
Soso, denke ich mir, als ich die Praxis wieder verlasse, Blähungen also. Darauf würde ich gern einen lassen. Wenn ich nur könnte. Kann ich aber nicht. Ich weiß nicht, ob diese Zwiebackdiät das Richtige ist.
Auf jeden Fall werde ich Tina nichts von alledem erzählen. Sie ist immer so schnell beunruhigt. Und wenn sie das erst einmal ist, dauert es nicht lange, bis ich es auch bin. Außerdem finde ich es ganz schön, so ganz für mich ein Held zu sein. Keine Schmerzen zeigen, keine Probleme nach außen dringen lassen, ein ganzer Kerl sein. Nur ich allein weiß, wie es um mich steht. Wie ein Soldat stehe ich einsam auf Höhe drei-eins-neun mitten im Kreuzfeuer gegnerischer Sorgensalven und halte die Flagge der Tapferkeit stolz in die Höhe.
Auf dem Weg nach Hause komme ich mir aber doch ein wenig missverstanden vor. Vielleicht kann man das Gefühl mit dem von George W. Bush vergleichen, der wohl wie kein anderer US-Präsident vor ihm seine ganze Amtszeit lang mit Missverständnissen zu kämpfen hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch er schon oft Bauchschmerzen hatte, über die er mit seinen Liebsten nicht reden durfte:
„George, Liebster, hast du was?“ Die Firstlady schaut bekümmert drein.
„Nein Liebste, es ist nichts, wirklich.“ Der Präsident übt, gravitätisch durch das Oval Office zu schreiten, als das Telefon klingelt. Es ist Mike Mullen, sein höchster General.
„Sir, wir brauchen eine Entscheidung.“
„Von mir?“
„Ja.“
„Ok.“
„Können Sie das bitte wiederholen?“
„Was?“
„Ok.“
„Ok?“
„Ja.“
„Ok.“
„Danke, Sir. Möge Gott uns beistehen.“
Mullen hängt ein, bevor der Präsident ihn fragen kann, worum es denn eigentlich ging, und lässt ihn vor den Augen der Welt ein weiteres Mal als Depp des Jahres dastehen. An sich nichts Ungewöhnliches, für George W. - wenn sich nicht die Auswirkungen seiner Entscheidungen stets zu gewaltigen mondialen Blähungen auswachsen würden. Ist das nicht ungerecht?
Zum Glück stellen sich während der Fahrt nach Hause die Schmerzen wieder ein. Fast wäre ich der Chianti-Schwester auf den Leim gegangen. Wie sollte ich auch Blähungen haben? Vor lauter Zwiebackdiät habe ich mittlerweile nämlich eine ausgemachte Verstopfung. Seit bald zwei Tagen mühe ich mich auf dem Topf ab, drück mir bald die Innereien aus dem Leib. Ohne Erfolg. Das Einzige was ich bekommen habe sind schmerzende Hämorrhoiden. Aber dagegen gibt es wenigstens Zäpfchen, sage ich mir. Gegen akute Blinddarmentzündung - nur Operation. Also weiter Diät. Ich muss allerdings vorsichtig sein, damit Tina keinen Verdacht schöpft. Die ganze Fahrt Zwieback futternd einen auf Spontan-Veganer zu machen, provoziert gefährliche Fragen. Meine Frau ist zwar einiges von mir gewöhnt, aber dass Zwieback plötzlich zu meinem erklärten Lieblingslebensmittel wird, glaubt selbst sie nicht.
