Utopie der Aufhebung - Carsten Kottmann - E-Book

Utopie der Aufhebung E-Book

Carsten Kottmann

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Beschreibung

Søren Kierkegaard stellt sich in seiner posthum erschienenen Schrift "Gesichtspunkt für meine Wirksamkeit als Schriftsteller" als religiöser Schriftsteller vor, der zum Christentum hinführen will. Wie er das macht, zeigt das Büchlein anhand seines ersten großen Werks "Entweder - Oder" auf, das nur als indirekte Mitteilung den Leser erreichen kann und will.

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Seitenzahl: 90

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wozu die Menschen da sind, wozu „der Mensch" da ist, soll uns gar nicht kümmern: aber wozu Du da bist, das frage dich: und wenn Du es nicht erfahren kannst, nun so stecke Dir selber Ziele, hohe und edle Ziele und gehe an ihnen zu Grunde! Ich weiss keinen besseren Lebenszweck als am Großen und Unmöglichen zu Grunde zu gehen: animae magnae prodigus.

Friedrich Nietzsche

Der Übergang des Seins zum Grunde besteht also darin, daß das Sein in seinen Grund geht oder zugrunde geht, es geht nämlich zugrunde, weil es aufgehoben wird.

Johan Ludvig Heiberg

Non tento, Domine, penetrare altitudinem tuam, quia nullatenus comparo illi intellectum meum; sed desidero aliquatenus intellegere veritatem tuam, quam credit et amat cor meum. Neque enim quaero intellegere ut credam, sed credo ut intelligam. Nam et hoc credo: quia nisi credidero, non intelligam.

Anselm von Canterbury

Inhalt

I.

Vorwort

II.

Kierkegaards Gesichtspunkt für seine Wirksamkeit als Schriftsteller

Allgemeines

Vorbedingungen

Das Werk

Die persönliche Existenz

Die Weltlenkung

III.

Rücksicht auf

Entweder / Oder

Hinführung

Victor Eremita

Der Asthetiker A

Der Ethiker B

Das Ultimatum

IV.

Die Aufhebung: der Glaube

Die religiöse Wahrheit als Subjektivität

Die Utopie des Glaubens

V.

System ohne Systemzwang

VI.

Statt einer Nachrede

Literaturverzeichnis

I. Vorwort

Was ist die Welt? Wer bin ich? Und in welchem Verhältnis stehe ich zur Welt? Diese drei Fragen, wahrscheinlich die philosophischsten Fragen schlechthin, werden seit dreitausend Jahren immer wieder gestellt - und verloren während dieser Zeit in keiner Weise etwas von ihrer Gültigkeit und Aktualität. Hat die Welt, wenn es sie gibt, ein System, das sie zusammenhält, eine Ordnung, die sie ordnet? Und warum scheint diese Ordnung in meinen Augen immer wieder durch Unordnung und Chaos durchbrochen? Ist das, was ich sehe, fühle, taste, schmecke, rieche, denke, kurz: wahrnehme (oder: wahr nehme) die Wahrheit? Ist die Welt die Wahrheit? Ist mein Leben wahr?

Es wird gefragt in der Philosophie. Dass auch geantwortet wird, ist klar – wenn auch in den verschiedenartigsten Anläufen. Der Däne Søren Kierkegaard antwortet auf ganz besondere Weise, nämlich: indem er fragt, indem er Antworten provoziert und nicht produziert, indem er Urteile weckt und nicht entdeckt. Wie keinem Zweiten gelingt es Kierkegaard, die dialektischen Strukturen, die sein Denken und sein Sein ausmachen, auch im Werk widerzuspiegeln. Doch erschwert das natürlich den oberflächlichen Zugang zu seinem Werk, zu seiner Wirksamkeit: Eine Antwort auf die Fragen, die er stellt, findet sich nicht im Text, sondern vielmehr zwischen dem Text. Der Leser Kierkegaards, der die Antwort auf Kierkegaards Fragen, die auch des Lesers Fragen sind, finden will, liest, fragt und antwortet – so er dies tut – als Existenz, als Mensch. Für Kierkegaard ist die einzig mögliche Antwort, die Auflösung seiner Fragestellungen und die Aufhebung seiner dialektischen Strukturen nur in einem gegeben: im Leben.

Somit scheitert diese Arbeit klar an dem Anspruch, Fragen Kierkegaards beantworten zu können, geschweige denn Antworten Kierkegaards herausarbeiten zu können. Doch die Indizien, die er in seinem Werk verstreut, die auf eine christliche und ewige Richtung hinauslaufen, sind spannend zu verfolgen – und diese Arbeit will ihren Teil dazu beitragen, einigen wenigen dieser Indizien nachzuspüren, die in Entweder / Oder, in diesem „Feuerwerk[.] von Gedanken und Gattungen, vom Aphorismus bis zum weit ausholenden Lehrbrief“,1 im Hinblick auf die Schrift Der Gesichtspunkt fur meine Wirksamkeit als Schriftsteller gelegt werden. Den Urteilsspruch, der diesem Indizienprozess (lies: dem Leben eines jeden Einzelnen) folgt, muss jeder Einzelne innerhalb der Masse, als Existenz und als Mensch, selbst finden. Denn es geht in Kierkegaards Wirksamkeit und auch in der Welt nicht um die Seligkeit und die Erlösung an und für sich – sondern nur um die Seligkeit und die Erlösung von mir.

Diese Arbeit entstand vor vielen Jahren am Philosophischen Seminar der Universität Tübingen. Ich halte sie weiterhin für aktuell, ebenso wie Kierkegaard weiterhin für faszinierend. Ich hoffe, es geht nicht nur mir so.

Hildrizhausen, 4. Oktober 2021

Carsten Kottmann

1 Deuser/Kleinert, S. 1. – Zu Entweder – Oder vgl. grundsätzlich Søren Kierkegaard, Entweder – Oder.

II. Kierkegaards Gesichtspunkt für seine Wirksamkeit als Schriftsteller

1. Allgemeines

Die Schrift Synspunktet for min Forfatter-Virksomhed. En Ligefrem Middelelse, Rapport Til Historien (dt. Der Gesichtspunkt für meine Wirksamkeit als Schriftsteller. Eine unmittelbare Mitteilung, Meldung an die Geschichte) wurde 1858 postum von Kierkegaards Bruder, Peter Christian Kierkegaard, veröffentlicht und „balanciert zwischen Autobiographie und literarischem Testament, ist jedoch recht gesehen nichts von beidem, denn, was das Genre angeht, ändert sie sich wie das Chamäleon die Farben wechselt“.2 Geschrieben hatte sie Søren Kierkegaard im Spätsommer 1848 – in einer für Kierkegaard unruhigen Zeit, wie Tagebuchaufzeichnungen im Kontext zur Entstehung der Schrift illustrieren.3 So schreibt er im August 1848: Meine Gesundheit ist sehr schwach, und der Gedanke hat, über mich, viel Macht gewonnen, daß ich jetzt sterben soll.4 Es scheint so, als ob er meinte, noch einmal darstellen zu müssen, was die bis dato vorliegende eigene Schriftstellerei zu bedeuten habe, was die Motivation dafür sei und gewesen wäre. So bezeichnet er die Schrift auch als eine Beichte eines Sterbenden.5 Kierkegaard hatte das Bedürfnis, so scheint es, seinem Werk einen Kommentar hinterher zu geben, da der tiefere Sinn im damaligen Kopenhagen anscheinend nicht verstanden wurde. Dementsprechend erleichtert war er, als er die Schrift fertiggestellt hatte: Mein Herz weitet sich, nicht als hätte es jemals enge geschlagen in meiner Brust; aber die Innerlichkeit, die mein Leben gewesen, und von der ich geglaubt sie müßte mein Tod geworden sein, hat Luft bekommen, das Band des Dialektischen ist gelöst, ich darf unmittelbar reden.6 Doch wollte er die Schrift nicht herausgeben: Es liegt ganz in meinem Wesen das Beste in Innerlichkeit verborgen zu halten.7 Doch dazu später mehr.

Auch macht Kierkegaard im Gesichtspunkt nicht den Versuch, sein Werk zu rechtfertigen – denn das hieße ja, ein geschriebenes Werk, einer Arbeit, an die denn kein Leichtmatrose dialektisch Hand anlegen möge, sondern sie stehenlassen, wie sie nun dasteht8 einen Kompromiss der Verständigung und der Verständlichkeit unterzuschieben – das hieße, dem Werk einen scheinbar problematischen und vielleicht verbergenden Charakter zu attestieren. Doch:

Was ich hier schreibe dient zur Unterrichtung und zur Kundmachung, es ist nicht eine Verteidigung oder eine Apologie. Wahrlich, wenn auch sonst in nichts, an diesem Punkte glaube ich etwas mit Sokrates gemeinsam zu haben [dass Kierkegaard nicht nur an diesem Punkt etwas mit Sokrates gemeinsam hat, wird noch zu sehen sein, C.K.]. Denn so wie sein Dämon, da er seinetwegen angeklagt war und von der ‚Menge‘ verurteilt werden sollte, er, der sich bewußt war eine göttliche Gabe zu sein, ihm verwehrte sich zu verteidigen – welche Verletzung des Anstands und welcher Selbstwiderspruch wäre es auch nicht gewesen! –: so ist auch in mir und in dem Dialektischen, das meinem Verhältnis eigen ist, etwas, das es mir unmöglich macht und es an sich unmöglich macht eine ,Verteidigung‘ für meine Wirksamkeit als Schriftsteller zu führen. [...] Demütig vor Gott, auch vor Menschen weiß ich wohl, was ich persönlich verwirkt haben mag, aber ich weiß auch mit Gott, daß eben meine Wirksamkeit als Schriftsteller gewesen ist der Antrieb eines unwiderstehlichen inneren Dranges, die einzige Möglichkeit eines Schwermütigen, der redliche Versuch eines lief Gedemütigten, eines Büßers, mit jedweder Aufopferung und Anstrengung in der Wahrheit Dienst, wo möglich, doch wieder etwas Gutes zu tun zur Entgeltung. Und ich weiß daher mit Gott, vor dessen Augen dies Vorhaben Gnade gefunden hat und findet, so wie es sich seines Beistandes erfreut, daß ich in Beziehung auf mein schriftstellerisches Werk nicht der bin, der sich vor den Mitlebenden verteidigen soll; denn bin ich in der Hinsicht etwas, so bin ich nicht der Schuldige, auch nicht der Anwalt, sondern der Kläger.9

Hier werden schon die Grundmuster für den Gesichtspunkt und auch für Kierkegaards gesamte Wirksamkeit gelegt - in Gottes Dienst die Wahrheit, also den christlichen Glauben zu bezeugen, dies darzustellen in ihrem dialektischen Charakter, darauf hinzuweisen, dass es diese Wahrheit und diesen Glauben gibt. Und somit wird auch klar, in welcher Weise eine Verteidigung seines Werkes eine Verletzung des Anstands und ein Selbstwiderspruch wäre: Die Wahrheit, deren Dreh- und Angelpunkt in Gott begründet ist, lässt sich nicht verteidigen, da sie ja unendlich und absolut gilt. Eine Verteidigung wäre der Versuch, Gott menschlichen Kompromiss- und Endlichkeitsbedürfnissen anzupassen – und somit würde Gott zum Objekt der Begierde, der Mensch hingegen zum Subjekt aller Perspektiven mutieren.

2 Garff, S. 626.

3 Vgl. Fauteck, S. 364f.

4 Schriften, S. 158 (SKS 21, 47). Vgl. Cappelørn, S. 33-37.

5 Schriften, S. 166 (SKS 21, 277).

6 Schriften, S. 163 (SKS 21, 96f.).

7 Schriften, S. 166 (SKS 21, 277).

8 UN II, S. 344 (SKS 7, 573).

9 GP, S. 22f. (SKS 16, 12f.).

2. Vorbedingungen

Der Aufbau der Schrift ist recht simpel und dennoch verschachtelt: Nach einer Einleitung folgen zwei große Abschnitte, wovon der erste einige Prämissen setzt und Voraussetzungen klärt, der zweite dann ausgehend von diesen Vorbedingungen Stellung zur Wirksamkeit Kierkegaards nimmt – und zwar im Hinblick auf sein bis dato vorliegendes Werk, die persönliche Existenz und die Weltlenkung (Kapitel I-III). Am Ende der Schrift steht der Epilog und der Schluss.10

Kierkegaard konstruiert sein Werk als das Nebeneinander, als eine Zwiefältigkeit von ästhetischen Schriften und religiösen Schriften. Die ästhetischen Schriften haben das Publikum als Zielgruppe, die Masse: also die, die sich auch sonst für ästhetischen Darbietungen begeistern lassen. Die religiösen Schriften hingegen haben eine andere Zielgruppe: jener Einzelne, den ich mit Freude und Dankbarkeit meinem Leser nenne.11 Dabei sind die ästhetischen immer unter Pseudonym erschienen, die religiösen unter dem Namen Søren Kierkegaard. Von Beginn an erschienen die Schriften beiden Typs parallel.

Im Folgenden kann die Chronologie der erschienen Schriften ersehen werden:

Ästhetische Schriftstellerei:12

Ästhetische Schriften:

Religiöse Schrifte:

Entweder / Oder

, von Victor Eremita (1843)

Die Wiederholung

, von Constantin Constantius (1843)

Furcht und Zittern

, von Johannes de silentio (1843)

Philosophische Brocken oder Ein Bröckchen Philosophie

, von Johannes Climacus (1844)

18 erbauliche Reden

(1843-45), von Søren Kierkegard

Der Begriff Angst

, von Vigilius Haufniensis (1844)

Stadien auf des Lebens Weg

, von Hilarius Buchbinder (1845)

Abschließende unwissenschaftliche Nachschrifi zu den Philosophischen Brocken

, von Johannes Climacus (1846)

danach: Religiöse Schriftstellerei:

Ästhetische Schriften:

Religiöse Schriften:

Die Krise oder eine Krise im Leben einer Schauspielerin

, von Inter et Inter (1848)

Der Liebe Tun

(1847), von Søren Kierkegard

Christliche Reden

(1848), von Søren Kierkegard

Bis zur Herausgabe der Abschließenden unwissenschaftlichen Nachschrift zu den Philosophischen Brocken bezeichnet Kierkegaard sein Werk als ästhetische Schriftstellerei.

Die erste Folge von Schriften ist ästhetische Schriftstellerei; die letzte Folge von Schriften ist ausschließend religiöse Schriftstellerei: zwischen beiden liegt als der Wendepunkt die ‚Abschlieflende unwissenschaftliche Nachschrift‘. Dies Werk bearbeitet und