Väter als Täter - Ingrid Lohstöter - E-Book

Väter als Täter E-Book

Ingrid Lohstöter

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Beschreibung

Das Opfer muß die Folgen tragen. Alle Kinder brauchen Liebe, körperliche Zärtlichkeit und emotionale Wärme. Alle Mädchen brauchen Anerkennung ihrer Weiblichkeit, um zuversichtlich in ihr späteres Leben als Frau hineinwachsen zu können. Wenn ihnen statt dessen sexuelle Gewalt begegnet, wenn sie in der eigenen Familie als Sexualobjekt benutzt werden, entstehen Verletzungen, an denen die Frauen oft lebenslang zu tragen haben. Zwei Expertinnen erstellten für den Deutschen Jugendbericht 1983 ein Gutachten über sexuellen Mißbrauch in der Familie. In diesem Buch beschreiben sie darüber hinaus, was sie in langen Einzelgesprächen von den Betroffenen erfuhren. Die meisten Fälle von sexuellem Mißbrauch betreffen Mädchen, die meisten Täter sind in der allernächsten Umgebung des Opfers zu suchen. Diese schreckliche Wahrheit will freilich niemand wissen. Auch die Betroffenen schweigen, weil sie nicht auf Hilfe hoffen können. «Väter gelten nicht als Täter, sondern als Beschützer. Das vergrößert Vertrauensseligkeit und Unbefangenheit der Mädchen, aber auch – wenn wirklich etwas passiert – ihren Schock, ihre Schuldgefühle, ihre Ratlosigkeit. In welche Worte sollen sie das Unfaßbare auch fassen? Das Verschweigen des Mißbrauchs vergrößert den Handlungsspielraum der Täter. Sie müssen kaum Angst haben, daß ihre Taten entdeckt, daß sie zur Rechenschaft gezogen werden.»

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EPUB

Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Barbara Kavemann • Ingrid Lohstöter

Väter als Täter

Sexuelle Gewalt gegen Mädchen

Ihr Verlagsname

«Erinnerungen sind wie eine Zeitbombe»

Über dieses Buch

Das Opfer muß die Folgen tragen. Alle Kinder brauchen Liebe, körperliche Zärtlichkeit und emotionale Wärme. Alle Mädchen brauchen Anerkennung ihrer Weiblichkeit, um zuversichtlich in ihr späteres Leben als Frau hineinwachsen zu können. Wenn ihnen statt dessen sexuelle Gewalt begegnet, wenn sie in der eigenen Familie als Sexualobjekt benutzt werden, entstehen Verletzungen, an denen die Frauen oft lebenslang zu tragen haben. Zwei Expertinnen erstellten für den Deutschen Jugendbericht 1983 ein Gutachten über sexuellen Mißbrauch in der Familie. In diesem Buch beschreiben sie darüber hinaus, was sie in langen Einzelgesprächen von den Betroffenen erfuhren. Die meisten Fälle von sexuellem Mißbrauch betreffen Mädchen, die meisten Täter sind in der allernächsten Umgebung des Opfers zu suchen. Diese schreckliche Wahrheit will freilich niemand wissen. Auch die Betroffenen schweigen, weil sie nicht auf Hilfe hoffen können.

«Väter gelten nicht als Täter, sondern als Beschützer. Das vergrößert Vertrauensseligkeit und Unbefangenheit der Mädchen, aber auch – wenn wirklich etwas passiert – ihren Schock, ihre Schuldgefühle, ihre Ratlosigkeit. In welche Worte sollen sie das Unfaßbare auch fassen? Das Verschweigen des Mißbrauchs vergrößert den Handlungsspielraum der Täter. Sie müssen kaum Angst haben, daß ihre Taten entdeckt, daß sie zur Rechenschaft gezogen werden.»

Über Barbara Kavemann • Ingrid Lohstöter

Barbara Kavemann, Jahrgang 1949, Sozialwissenschaftlerin, arbeitete ab 1973 im Berliner Frauenzentrum und in verschiedenen Frauenprojekten mit, so auch bei der Begleitforschung des Berliner Frauenhauses. Seit Erscheinen dieses Buches überwiegend Informations- und Fortbildungsarbeit zum Problem des sexuellen Mißbrauchs. Ab Anfang 1989 wissenschaftliche Begleitung von «Wildwasser» Berlin.

 

Ingrid Lohstöter, Jahrgang 1950. Nach Knast- und Stadtteilarbeit in der Frauenbewegung engagiert. Von 1977 bis 1986 Rechtsanwältin für Mädchen und Frauen im Familien- und Strafrecht in einem Berliner Rechtsanwältinnenbüro. Ab 1987 Körpertherapeutin für Mädchen und Frauen in dem Frauenprojekt «Spüren – Bewegen – Verändern» bei Freiburg.

Inhaltsübersicht

Einleitung: Es kann in jeder Familie vorkommenErziehung und MachtverhältnisseWas ist sexueller Mißbrauch?Mädchen und Frauen, mit denen wir sprachenKindheit«Ich wußte genau, ich gehe nicht unter». Bericht eines Mädchens, das vom Vater mißbraucht wurdeKurzer Blick auf Zahlen und GesetzeSignale und Hilferufe. Warum die Erwachsenen nicht reagierenAngst und Scham. Warum Mädchen schweigen«Das ist mir mit der Zeit in Fleisch und Blut übergegangen». Überlebensstrategien im AlltagErwachsen werdenErinnerungen sind wie eine Zeitbombe. Zwischen Verdrängen und Verarbeiten«Spinne ich, oder sind die anderen verrückt?». Leben mit den Folgen des MißbrauchsBeschädigung. Prostitution und AlkoholismusFrauwärts. «Das ist normal, damit mußt du leben»Die anderenZwischen Mann und Tochter – Geschichte zweier MütterGanz normale Familienväter, über jeden Verdacht erhaben. Über Männersexualität und GewaltRezepte gegen die Langeweile. Wie Pornos und Herrenmagazine zum Mißbrauch auffordernEin Recht auf Zärtlichkeit? Auseinandersetzung mit den Forderungen der PädosexuellenSexueller Mißbrauch und Kindesmißhandlung. Appell an Ärztinnen und ÄrzteStrafanzeige – eine Möglichkeit zur Selbstbehauptung. Lohnt sich der Gang durch die Männerjustiz?In Bewegung. Selbsthilfegruppen – Initiativen – ForderungenLiteraturAdressenHilfe für sexuell mißbrauchte Mädchen

Einleitung: Es kann in jeder Familie vorkommen

Der sexuelle Mißbrauch von Kindern durch Erwachsene ist eine Form von Gewalt, die erst jetzt zum Thema in der Öffentlichkeit wird. Bisher wurde allenfalls ab und zu durch Schlagzeilen über «Fälle» berichtet, doch das tatsächliche Ausmaß dieses Kindesmißbrauchs war ebenso unbekannt wie das Erleben und Empfinden der Mädchen, für die sexuelle Bedrängnis und Bedrohung zum Alltag gehören. An den physischen und psychischen Folgen für die betroffenen Kinder bestand kein Interesse, ja es wurde sogar behauptet, solche Folgen gäbe es überhaupt nicht, höchstens ganz ausnahmsweise.

Hier ist umfassende Aufklärung dringend erforderlich. Die Mädchen, die oft jahrelang oder gar die gesamte Kindheit hindurch einsam und verzweifelt der sexuellen Gewalt ausgesetzt waren und sind, benötigen unsere Unterstützung lebensnotwendig.

Die Erkenntnis, daß es Vergewaltigung in der Ehe gibt, beginnt sich langsam durchzusetzen. Darüber, daß sich sexuelle Gewalt in der Familie auch gegen die Töchter richtet, wird nicht gesprochen. Deswegen und auch weil die Mädchen irreführenderweise nur vor dem «fremden Mann» gewarnt werden, geraten sie leicht in eine Falle, in der sie sich vor der unbekannten Gefahr gar nicht schützen können.

In dem Bewußtsein von Mädchen gibt es keine sexuelle Gewalt in der Familie. Väter gelten nicht als Täter, sondern als Beschützer. Dies vergrößert nicht nur Vertrauensseligkeit und Unbefangenheit der Mädchen, sondern auch, wenn dann tatsächlich etwas passiert, ihren Schock, ihre Schuldgefühle und ihre völlige Ratlosigkeit. Die Fähigkeit, sich gegen den «Beschützer» zu wehren, Hilfe zu suchen, die Mutter ins Vertrauen zu ziehen, wird durch diese Unkenntnis verhindert, zumindest vermindert. In welche Worte soll sie das Unfaßbare auch fassen?

Auf der anderen Seite vergrößert das Verschweigen des sexuellen Mißbrauchs den Handlungsspielraum der Väter. Sie müssen so gut wie keine Angst haben, daß ihre «Taten» entdeckt, daß sie zur Rechenschaft gezogen werden.

Es ist auch eine Tatsache, daß selbst die allernächste Umwelt des Mädchens seine Signale und Hilferufe nicht hört, nicht versteht oder aus Unkenntnis und Überforderung nicht verstehen will. Da dem Mädchen niemand hilft und sich auch niemand anbietet, den ein Mädchen ins Vertrauen ziehen könnte, nimmt das Geschehen seinen Lauf, bleibt der alltägliche Schrecken unverarbeitet und begleitet das Trauma das Mädchen sein Leben lang.

Damit sich das ändert, schreiben wir dieses Buch.

Sexueller Mißbrauch von Kindern ist eine «Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung». Von diesem Verbrechen sind zu 90 % Mädchen und Frauen betroffen, wogegen die Täter zu fast 100 % Männer sind. Deshalb wird es in unserem Text ausschließlich um den sexuellen Mißbrauch von Mädchen durch männliche Erwachsene gehen. Diese Männer sind überwiegend im sozialen Nahbereich des Mädchens zu finden – vor allem in der Familie.

Folgen wir einem verbreiteten Vorurteil, sind es die Mädchen selbst, die voll brennender sexueller Neugierde ältere Männer, vor allem Väter, Onkel, Lehrer verführen, die den erotischen Attacken der kleinen Lolitas nicht gewachsen sind.

Seit Freud den Ödipus-Komplex erfand, hat dieses Vorurteil eine wissenschaftliche Legitimation erfahren, gegen die sich nur langsam Kritik durchzusetzen beginnt. Die Irrlehre vom Ödipus-Komplex entstand ganz bewußt gegen die realen Erfahrungen der Patientinnen, und auch heute noch machen Frauen die Erfahrung, daß es die Psychotherapeuten nicht so genau nehmen mit der Realität, sondern Beunruhigendes ins Reich der Phantasie verweisen.

Erziehung und Machtverhältnisse

Das grundsätzliche Autoritäts- und Machtverhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen bewirkt, daß es in den meisten Fällen keiner besonderen Gewaltausübung bedarf, um ein Mädchen über Jahre hinweg zum schweigenden, scheinbar freiwilligen Opfer zu machen. Kinder – und vor allem Mädchen – leben immer mit einem latenten schlechten Gewissen. Denn nicht sie selbst setzen die Maßstäbe, nach denen ihr Handeln als gut oder böse gewertet wird, sondern die Erwachsenen tun das – oft genug willkürlich und für Kinder unverständlich. Auch die Regeln des geschlechtsspezifischen Verhaltens sind für Kinder zunächst undurchschaubar. Sie sind zu Anpassung und Duckmäuserei gezwungen, wenn sie einigermaßen unversehrt und in Frieden leben wollen. Die Mehrheit der Jungen und Mädchen ist Situationen gewohnt, in denen sie zu Unrecht gestraft oder beschuldigt werden, wo ihre Erklärungen und Entschuldigungen als «faule Ausreden» abgetan werden, wo sie Meinungen von Erwachsenen ohnmächtig als wahr und richtig akzeptieren müssen. Widerstand ist meist zwecklos oder gar gefährlich. Jeder will ja nur «ihr Bestes», und Kinder sollten nicht «undankbar» sein. Der bedingungslose Respekt vor Erwachsenen gehört immer noch zu den zentralen Inhalten von Erziehung – immer noch auf Kosten von Aufrichtigkeit und Vertrauen auf beiden Seiten. Bei aller Macht, die die Mutter über ihre Kinder hat, ist es doch meist der Vater, der Mann, der zu Hause das Machtwort spricht. Für das Mädchen kommt zum Erlebnis seiner kindlichen Ohnmacht gleichzeitig die Erfahrung weiblicher Machtlosigkeit und männlicher Unterdrückung.

Müssen Erwachsene allgemein als Respektspersonen angesehen werden, so sind doch die Eltern ganz besondere Erwachsene. Ihnen sind Kinder – und vor allem Töchter – zur Dankbarkeit verpflichtet. Obwohl ein Großteil der erfahrenen Gewalt von Vater und Mutter ausgeht, sollen Kinder von ihnen vor allem Liebe, Sorge und Verständnis erwarten. Gewalt ist auch heute noch ein legitimes Erziehungsmittel in vielfältigen Erscheinungsformen, und die Drohung: «Wenn du nicht sofort tust, was ich dir sage, dann …» braucht nach Erfahrungen mit den Konsequenzen nicht mehr oft ausgesprochen zu werden. Vor allem von der geliebten Tochter wird ein besonderes Maß an Anpassung an die mütterlichen oder väterlichen Vorstellungen, wie ein kleines Mädchen zu sein hat, gefordert.

Gewalt – das muß nicht Mißhandlung bedeuten. Verschiedene Reaktionen der Eltern, von der demonstrativ geäußerten Enttäuschung über Schimpfen, Strafarbeiten oder allgemeine Verurteilungen wie «ein Mädchen tut das nicht», sind wirksame Druckmittel. Kinder erfahren alltäglich die Verknüpfung von Gewalt mit Liebe.

Was ist sexueller Mißbrauch?

Sexualität ist etwas, worüber kleine Mädchen nicht viel erfahren, wovor sie sich aber hüten sollen – wenn es um fremde Männer geht. Es gilt nicht für Sexualität zwischen Vater und Mutter, denn die ist gut und richtig, egal welchen Eindruck das Mädchen davon gewonnen haben mag. Aufklärungsbroschüren und ernste Gespräche zwischen Eltern und Töchtern drehen sich stets um den «schwarzen Mann», der kleine Mädchen mit der Bonbontüte in den Park lockt und da etwas ganz Furchtbares, was nie genauer beschrieben wird, mit ihnen macht. Auch heutzutage sagen Mütter stolz, daß sie dem Töchterchen eingeschärft haben, nie mit einem Fremden mitzugehen. Weder die Mutter noch die Lehrer, noch die Polizei warnen vor dem Vater. Auch nicht vor Onkel Hans, vor Großvater, vor dem Kollegen des Vaters, der dem Mädchen Geschenke mitbringt, oder vor dem Nachhilfelehrer, zu dem es geht. Diesen Männern soll es vertrauen und gehorchen.

Vom Bild des kranken Triebtäters abzuweichen und die Warnung auszudehnen, ist beunruhigend. Es bedeutet, das Mädchen, auch wenn es noch klein ist, mit der Möglichkeit eines solchen Vertrauensbruchs bekannt zu machen. Das heißt für jede Frau, die Männer ihres sozialen Umfeldes mit anderen Augen zu sehen, immer mißtrauisch und wachsam zu sein. Das ist schwer erträglich.

Geschieht der sexuelle Angriff überfallartig durch einen Fremden, dann paßt das Erlebnis noch irgendwie in eine Welt, in der es gute und böse Männer gibt und in der feststeht, wo die guten zu finden sind. Ist es der eigene Vater, dann hat sich die Falle hinter dem Mädchen geschlossen.

Was verstehen wir unter sexuellem Mißbrauch? All das, was einem Mädchen vermittelt, daß es nicht als Mensch interessant und wichtig ist, sondern daß Männer frei über es verfügen dürfen; daß es durch seine Reduzierung zum Sexualobjekt Bedeutung erlangt; daß es mit körperlicher Attraktivität und Einrichtungen ausgestattet ist, um Männern «Lust» zu beschaffen. Hierzu gehört jeder Übergriff auf das Mädchen. Egal, ob es heimliche, vorsichtige Berührungen sind, die es über sich ergehen lassen oder selbst «vornehmen» muß, erzwungener Oralverkehr oder eine regelrechte Vergewaltigung.

Dazu gehört aber auch das Befühlen und die «fachmännische» Begutachtung der sich entwickelnden körperlichen Rundungen, das Betasten der Brust oder des Brustansatzes, verbunden mit abschätzigen oder auch wohlwollenden Qualitätsurteilen, daß das Mädchen jetzt zur Frau und damit als Sexualobjekt attraktiv wird. Vielen Frauen fallen zu diesem Thema sofort Situationen aus ihrer Kindheit ein. Sie erinnern sich noch gut an die damit verbundene Verunsicherung und Demütigung, auch durch lüsterne Blicke oder das so häufige Klatschen auf den Po. Solche sexuellen Angriffe graben sich tief in das Selbstverständnis und die Psyche von Mädchen ein, mag das Vorgefallene anderen – Erwachsenen, Ämtern oder Gerichten – auch noch so unbedeutend erscheinen.

In diesem Text haben wir uns darauf beschränkt, nur strafrechtlich relevante Formen des sexuellen Mißbrauchs als solchen zu bezeichnen.

Es geht ganz sicher nicht um das Verbot von Zärtlichkeit, körperliche Nähe und Wärme. Die Grenze zwischen dieser lebensnotwendigen Zuwendung, die Kinder bei ihren Eltern suchen, und den Berührungen, die der sexuellen Bedürfnisbefriedigung des Mannes dienen, ist aber fließend. Mädchen haben ein genaues Gespür dafür, wann diese Grenze überschritten wird, wann sie benutzt werden und es sich um etwas «Verbotenes» handelt. Sie fühlen sofort, wenn ihr Vater sie nicht aus Zärtlichkeit und Liebe um ihrer selbst willen streichelt, sondern um sich sexuell zu erregen und/oder zu befriedigen.

Gleichzeitig ist ihnen klar, daß sie nicht unbefangen darüber sprechen dürfen. Sie fürchten, sie könnten schuld daran sein, wissen aber auch genau, daß der Mann das nicht tun darf und daß sie nicht wollen, daß er es tut. Doch seit wann tut der Papa etwas, was er nicht darf? Und warum sollte er dem Mädchen Böses wollen? Oft spricht der Vater ein deutliches Redeverbot aus, das er mit Drohungen unterstützen kann, oder er verunsichert das Kind, indem er aus dem Unsagbaren «unser kleines Geheimnis» macht. Der sexuelle Übergriff erzeugt schon bei ganz kleinen Mädchen, die kaum etwas über Sexualität wissen, das untrügliche Gefühl, daß ihnen der Mund verschlossen ist. Sie glauben, daß nur ihnen so etwas Furchtbares zustößt. Sie werden sich erst dann jemandem anvertrauen, wenn sie meinen, nichts könne ihre Lage noch verschlimmern.

Mädchen und Frauen, mit denen wir sprachen

Die Einsamkeit und Verzweiflung der kleinen Mädchen haben wir in vielen Gesprächen mit jungen Frauen vermittelt bekommen. Alle waren in ihrer Kindheit mißbraucht worden. Die Ereignisse lagen unterschiedlich weit zurück – wenige Monate oder schon über zehn Jahre. So verschieden ihre Lebensgeschichten und Familiensituationen auch sind, so sehr gleichen sich die Grunderfahrungen. Auch nach Jahren hatte keine die Mißbrauchserlebnisse wirklich verarbeitet. Aber sie hatten gelernt, damit zu leben, und viele hatten bereits begonnen, darüber zu sprechen.

 

Doris lernten wir kennen, als sie Strafanzeige gegen ihren Vater erstattete und von Ingrid Lohstöter im Prozeß vertreten wurde. Sie war 16 Jahre alt. Heute, fünf Jahre später, besteht noch freundschaftlicher Kontakt. Der Vater wurde zu dreieinhalb Jahren verurteilt, die er verbüßt hat.

 

Anna und Heike schrieben im November 1982 einen Leserbrief in der TAZ, in dem sie eine Berichterstattung über sexuellen Mißbrauch kritisierten und den Aufbau einer Selbsthilfegruppe ankündigten. Wir nahmen den Kontakt auf. Anna wurde durch den Freund ihrer Großmutter von ihrem 7. bis 14. Lebensjahr, Heike und ihre beiden Schwestern durch ihren Stiefvater mißbraucht. Heike verließ ihr Zuhause mit 15 Jahren, nach sechs Jahren dauernder Bedrängnis.

 

Angela wurde im Frühjahr 1983 von Ingrid Lohstöter im Prozeß gegen einen Alkohol-Therapeuten vertreten, der sie und weitere dreizehn alkoholabhängige Mädchen vergewaltigt und mißbraucht hatte. Angela wurde zuerst von ihrem Pflegevater im Alter von 11 bis 14 Jahren mißbraucht; daraufhin mißbrauchten sie ihre drei erwachsenen Brüder. Angela wurde alkoholabhängig und lebt heute in einer therapeutischen Frauen-Wohngemeinschaft. Der Therapeut wurde zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

 

Ursula schrieb im Dezember 1983 an den Sub-Rosa-Frauenverlag, weil sie von Florence Rush «Das bestgehütete Geheimnis» gelesen hatte, und bat um ein Gespräch. Ihr Großvater hatte sie neun Jahre lang, bis sie 15 war, mißbraucht.

 

Pia stellte im Herbst 1981 Strafantrag gegen ihren Vater. Seit sie 6 Jahre alt war, hatte er sie regelmäßig vergewaltigt, mißbraucht und mißhandelt, bis sie 18 Jahre alt war. Der Mann lebt im Ausland, ein Verfahren fand bisher nicht statt.

 

Petra schrieb im Oktober 1982 einen Artikel in der UKZ, in dem sie sich offensiv mit der Position der Pädophilen auseinandersetzte. Wir trafen uns zum Gespräch. Sie und ihre beiden Schwestern waren seit der Pubertät, bis Petra 16 Jahre alt war, ständig von ihrem Vater belästigt und mißbraucht worden.

 

Manuela trafen wir über ihre Mutter Ilse. Sie war im Alter von 11 Jahren von ihrem Vater mißbraucht worden, der einen zweiten Versuch machte, als sie 16 war.

 

Marianne begegneten wir im Herbst 1982 bei der «Bremer Frauenwoche». Sie war Mitarbeiterin des «Notrufs für vergewaltigte Frauen» und trug auf einer Diskussionsveranstaltung ihre eigene Geschichte des Mißbrauchs durch einen fremden Mann im Alter von 10 Jahren vor.

 

Carola trafen wir in einer Diskussionsveranstaltung zum sexuellen Mißbrauch. Sie arbeitet in einer Arbeitsgruppe von Frauen, die beruflich mit dem Thema zu tun haben. Carola wurde jahrelang vom Vater mißbraucht.

 

Christiane wurde jahrelang vom Vater mißhandelt und mit 12 Jahren von ihm vergewaltigt. Sie hat ihren Lebensbericht aufgeschrieben.

 

Silvia lernten wir über eine Freundin kennen. Sie war ihre gesamte Kindheit hindurch, ebenso wie zwei Geschwister und zwei Pflegeschwestern, von ihrem Vater schwer mißhandelt und mißbraucht worden. Sie sagte im Prozeß gegen ihn aus, konnte aber nicht erreichen, daß der sexuelle Mißbrauch verhandelt wurde. Der Vater wurde zu neun Monaten auf Bewährung und zu 5000DM Geldstrafe verurteilt. Silvia wurde auf Grund ihrer Aussage für zwei Jahre in die Psychiatrie eingewiesen.

 

Um zu verstehen, warum die Mädchen so selten Unterstützung von ihren Müttern erhalten, sprachen wir mit Pias und Manuelas Müttern.

 

Erika kam wegen ihres Scheidungsverfahrens zu Ingrid Lohstöter. Sie war zwanzig Jahre lang von ihrem Mann mißhandelt worden. Die älteste Tochter wurde jahrelang mißbraucht und mißhandelt.

 

Ilse sprach uns auf der Sommer-Universität 1982 an. Sie suchte dringend nach einer Gesprächsmöglichkeit und nach Kontakt zu anderen betroffenen Müttern. Der Mann, von dem sie sich gerade getrennt hatte, hatte vor Jahren die älteste Tochter mißbraucht und vor kurzem auch noch die jüngste, einen Säugling, belästigt. Ilse will gern mit anderen Müttern zusammen eine Selbsthilfegruppe aufbauen.

Wir führten Gespräche mit Sozialarbeitern/Sozialarbeiterinnen der Jugendämter, Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen von Mädchenwohnheimen, Therapeuten/Therapeutinnen, Erzieherinnen, Pädagoginnen, die in Mädchengruppen oder Mädchenzentren oder dem Kinderschutzzentrum arbeiten, Vertretern von Gerichten, Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei, Vormundschaftsgericht. Wir fragten Ärztinnen und Rechtsanwältinnen nach ihren Erfahrungen und sprachen mit Frau Professor Elisabeth Trube-Becker als Expertin der Rechtsmedizin und Professor Detlef Cabanis als Experten für Glaubwürdigkeitsgutachten. Wir studierten die vorliegende Literatur und neuere Umfragen und Untersuchungen, meist kriminologische oder viktimologische Texte und die wenigen Bücher, die bisher von Frauen zum sexuellen Mißbrauch von Kindern geschrieben wurden (siehe Literaturverzeichnis im Anhang).

Je länger wir an diesem Thema arbeiteten, desto öfter fielen uns in der Tagespresse kleine Nachrichten auf, desto sensibler begannen wir, zwischen den Zeilen zu lesen und uns umzuschauen, und um so mehr Frauen begegneten uns, die als Kind mißbraucht worden waren.

Der sexuelle Mißbrauch in der Familie war uns nicht unbekannt. Barbara Kavemann hat zweieinhalb Jahre lang im ersten Berliner Frauenhaus als Erzieherin und Soziologin im Rahmen der Begleitforschung gearbeitet. Sie begegnete hier Mädchen, die von ihren Vätern mißbraucht worden waren.

Ingrid Lohstöter vertritt als Rechtsanwältin seit sieben Jahren Frauen aller sozialen Schichten in Scheidungs- und Strafverfahren. Sie arbeitet zusammen mit dem Notruf für vergewaltigte Frauen und den Frauenhäusern für mißhandelte Frauen und ihre Kinder in Berlin. Zu ihr kamen auch betroffene Mädchen und deren Mütter als Mandantinnen.

Wir stellten fest, daß die Lebensgeschichten von Töchtern und Müttern oft nicht voneinander zu trennen sind. Die Diskussion um den sexuellen Mißbrauch von Mädchen ist die Fortsetzung der Diskussion um Männergewalt gegen Frauen, die seit den Anfängen der Frauenbewegung geführt wird: Abtreibungsverbot, Vergewaltigung, Zwangsheterosexualität, Klitorisabschneidung, Mißhandlung, Sexualmord – das sind Themen, die seit langer Zeit engagiert bearbeitet werden. Die Diskussion hat in vielen Punkten die Situation von Frauen konkret verändern und Hilfsmöglichkeiten schaffen können. Die Gewalt selbst ist allerdings nicht beseitigt. Das hat bei vielen Frauen eine Müdigkeit erzeugt. Das Thema Gewalt wird oft als abgedroschen empfunden, denn es ist frustrierend, trotz anhaltendem Kampf keine wirkliche Lösung erreicht zu haben und die kleinen Erfolge immer wieder gefährdet zu sehen. Außerdem ist es sehr belastend, sich ständig mit der Gewalt und deformierten Sexualität von Männern und dem Leid und der Tatenlosigkeit von Frauen beschäftigen zu müssen. Die Konfrontation mit den Lebensgeschichten immer neuer Frauen macht es schwer, Grenzen zwischen dieser Arbeit und dem eigenen Leben zu ziehen.

Die Forscherin, die Beraterin oder Therapeutin und jede Aktivistin in der Bewegung muß sich immer wieder mit auftauchenden eigenen Erinnerungen auseinandersetzen: unangenehme kleine Begebenheiten vielleicht nur, an die wir uns nicht gern erinnern, die uns bedrücken. Gerade beim sexuellen Mißbrauch von Mädchen tauchen solche Ereignisse aus der eigenen Kindheit auf: Bemerkungen vom Vater, Bruder, Onkel, Männern generell, die wir nie dem sexuellen Mißbrauch zurechnen würden, die eigentlich unerheblich sein könnten, wenn sie nicht so ein ungutes Gefühl in uns erzeugen würden. Dies verstärkt die psychische Belastung in der Arbeit mit Gewalt.

Wir danken allen betroffenen Frauen, mit denen wir gesprochen haben. Wir bewundern sie und ihren Lebensmut, den sie nicht verloren haben, auch wenn immer wieder Rückschläge zu verkraften waren und die traumatischen Erfahrungen die Gegenwart einholten. Wir waren beeindruckt von der Offenheit und der Direktheit, mit der sie uns von ihren Erlebnissen, von ihrer Wut, Hilflosigkeit, Hoffnung und ihrem Optimismus erzählten. Durch das Miterleben ihrer Gefühle konnten wir vieles lernen und verstehen, was uns vorher nicht begreiflich war. Wir freuen uns für die Frauen, die «Wildwasser», die erste Selbsthilfegruppe, gegründet haben.

Wir hoffen, daß die zunehmende öffentliche Diskussion es Frauen und Mädchen ermöglicht, ihr Schweigen zu brechen, dem Mißbrauch ein Ende zu setzen oder ihn von vornherein zu verhindern. Wir wünschen, daß immer mehr Mädchen in ihrer Erziehung neben Ermutigung und Befähigung zur körperlichen Gegenwehr vermittelt bekommen, daß niemand das Recht hat, sie gegen ihren Willen zu berühren oder zu Dingen zu zwingen, die sie nicht wollen. Sie sollen ihren Körper als wichtigen Teil ihrer selbst lieben und vor Übergriffen schützen lernen. Sie sollen erfahren, daß der Erwachsene ihre Wünsche nach Zärtlichkeit nicht umdeuten darf in sein Recht, das Kind für seine Bedürfnisbefriedigung zu benutzen. Frauen mit diesem Selbstverständnis werden auch ihre Töchter schützen können.

Kindheit

«Ich wußte genau, ich gehe nicht unter»

Bericht eines Mädchens, das vom Vater mißbraucht wurde

«Entweder ich oder er. Aber eins wußte ich immer ganz genau: Ich gehe nicht unter, ich nicht! Ich werde mein Leben nach meinen Vorstellungen gestalten. Ich werde es nicht durch meinen Vater zerstören lassen. Und ich sage auf alle Fälle, was passiert ist, und schreie es richtig hinaus in die weite Welt!

Für mich sah es ja damals so aus, daß er mich um die Ecke bringen wollte, denn ich hatte Würgemale am Hals. Vorher konnte ich mir gar nicht vorstellen, daß es so was gibt. Den Sexualkundeunterricht in der Schule kann man vergessen, da wurden solche Probleme gar nicht angesprochen. Wenn so was dann passiert, ist es wie ein Hammer. Mein Vater war so, wie es sein soll: Er ging immer arbeiten und brachte Geld. Klar, er hatte in der letzten Zeit auch mehr getrunken, aber man konnte sich nicht vorstellen, daß es so ein Ausmaß annimmt. Das darf man sich nicht bieten lassen. Ich finde, jeder ist eine eigene Persönlichkeit, auch wenn es die Tochter ist. Es wird immer so hingestellt in der eigenen Familie, als ob es nicht so schlimm sei. Es ist das Schlimmste, was es überhaupt gibt. Es sieht ja so aus, daß der Vater denkt: dies ist mein Eigentum, und ich kann damit machen, was ich will.»

Nach der Scheidung ihrer Eltern hatte Doris (11 Jahre) zunächst mit ihrer älteren Schwester (14 Jahre), ihrem Zwillingsbruder und dem jüngeren Bruder (4 Jahre) gemeinsam mit der Mutter gelebt. Als es zwischen dieser und den Kindern immer häufiger zu Streitereien kam, zog die Mutter aus. Die Geschwister verstanden sich gut und versorgten sich selbst. Dennoch dauerte es nicht lange, bis der Zwillingsbruder den Vater mit nach Hause brachte. Zwar hatte die tägliche Angst vor ihm die Kindheit aller Geschwister geprägt, doch sein Sonntagsgesicht bei gelegentlichen Besuchen hatte die Hoffnung genährt, er habe sich geändert. Besonders Doris’ Zwillingsbruder war auf dieses Bild angewiesen, war er doch im Alter von 10 Jahren vom Vater sexuell mißbraucht worden und hatte das noch nicht verarbeitet.

Das zuständige Jugendamt wußte, daß der Vater damals zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Der Familienfürsorge war auch bekannt, daß alle Kinder von ihm «übermäßig verprügelt worden waren» und sich deshalb zeitweise in ärztlicher Behandlung befanden. Trotzdem hatte die Familienfürsorge keinerlei Bedenken gegen das erneute Zusammenleben dieses Mannes mit seinen Kindern. Sie sprach sich sogar dafür aus, dem Vater die elterliche Sorge für alle Kinder mit Ausnahme des Zwillingsbruders allein zu übertragen.

«Früher hatte meine Schwester den Haushalt geführt. Als sie dann auszog, mußte es einer weitermachen. Und weil kein anderer da war, blieb es an mir hängen. Die Schule mußte ich nebenbei machen, der Haushalt mußte sauber sein. Abwaschen und was sonst so alles dazukommt, einkaufen. Ich hatte für vier Personen nur 100DM in der Woche zur Verfügung und mußte daraus was machen: Hier hast du Geld, und davon mußt du was Schönes kochen. Und sonntags gab’s Fleisch, und manchmal hat es nicht gereicht. Da hab ich schon mal zugesteuert von meinem Geld. Er hatte von den Preisen und wie teuer alles ist keine Ahnung. Ich ging nebenher immer putzen und hab noch verdient.

Damals hatte ich schon die Vorstellung, wenn das immer so weitergeht, dann finde ich das ziemlich erbärmlich – das ist kein Leben für mich. Mit 18 wäre ich sowieso ausgezogen. Aber wir waren ja alleine und ich hatte das Gefühl, ich müsse mich um meine Geschwister kümmern. Da war ich 16 Jahre alt.

Eines Tages fing mein Vater an zu beklagen, daß er eigentlich im Leben keinen Sinn sieht und daß er keine Frau mehr findet. Ich konnte mir vorstellen, daß es schwer für ihn ist, jemand zu finden, die sich alles gefallen läßt, denn er kommandiert gerne.

Es war dann so, daß mein Vater, wenn ich schon im Bett lag, zu mir ins Zimmer kam und mit mir allein darüber redete, daß er keine Frau findet und daß die von der Potsdamer Straße (Prostituierte) auch nicht das Rechte wären. Ich merkte schon an seinen Gesprächen, daß er darauf aus war, sich mir zu nähern. Er hat es nicht direkt in Worte gefaßt. Es ging darauf hinaus, daß er sich mit mir gut versteht und daß ich doch sonst eigentlich alles mache, was er will. Es hat sich dann in der Folgezeit gesteigert. Er kam auch rein, wenn er betrunken war, und wollte sich unterhalten, obwohl ich schlafen wollte. Er sagte zwar: Schick mich raus, ist aber nicht gegangen. Er kam auch sehr spät betrunken nach Hause und fragte, ob ich noch wach wäre, und wollte dann erzählen mitten in der Nacht.»