vatts.on läuft vorweg - Alice M. Krins - E-Book

vatts.on läuft vorweg E-Book

Alice M. Krins

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Beschreibung

Lisbeth Lange wird von der Arbeitsagentur in das Callcenter von Vatts.on Energy vermittelt. Hier findet sie alles vor, was über Callcenter erzählt wird. "Da hätte die Stasi noch was lernen können", munkeln ihre Ostkollegen über die Managementmethoden des Vatts.on Callcenter und die müssen es wissen. Superkontrolle, Beschwerdekunden und Schlaflosigkeit prägen fortan das Leben von Lisbeth Lange, die kein Callcenteropfer werden will. Schnell gerät sie unter Dauerbeschuss von Seiten der Projektleitung, was ihre Anspannung erhöht. Strategisch klug, ohne sich aufzugeben und in die gewünschte Duckmäuserrolle zu verfallen, hangelt sich Lisbeth Lange von Monat zu Monat durch das Callcenter und entwickelt sich zum Robin Hood der Kunden. Ihr Arbeitsvertrag wird nach Ablauf eines Jahres nicht verlängert. Die Geschichte beruht auf Tatsachen.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Alice M. Krins

vatts.on läuft vorweg

Erzählte Wirklichkeit über den Robin Hood der Kunden mit einem Vorwort von Günter Wallraff

 

 

 

Dieses eBook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Danksagung

Vorwort Callcenter von Günter Wallraff

Vorwort der Autorin

Herzlich willkommen bei Vatts.on Energy...

B

Systemumstellung

Literaturverzeichnis

Impressum

Widmung

Danksagung

Tausend Dank an Günter Wallraff für sein prägnantes Vorwort und an Robin Hood für seinen prominenten Namen.

Ebenfalls danke ich Wolfram Weber für sein Coverbild, Jelena Krins für die Covergestaltung und allen Freunden und Bekannten, die mir immer wieder gesagt haben: „Mach weiter, steh auf!

Vorwort Callcenter von Günter Wallraff

Callcenter sind wie Hühnerbatterien: auf kleinem Raum sollen ihre Insassen schnellst möglichen und höchst möglichen Profit abwerfen. Sicher, manche Callcenter mögen nötig sein und gehen wirklich dringenden Kundenwünschen nach.

Aber selbst solch funktionierende Leuchttürme halten für ihr Bedienungspersonal äußerst selten zufriedenstellende Arbeitsbedingungen bereit. Umso wichtiger, wenn sich ein Beschäftigter oder eine Beschäftigte dazu nach dem Ende der Callcenter-Zeit und der dazu gehörigen Selbstverleugnung und den Demütigungen laut und öffentlich zu Wort meldet, wie mit diesem Buch. Nach dem Ende? Ja, erst dann, denn während ihres Aufenthalts in den Profitmaschinenställen halten sich die Anstaltsinsassen in der Regel ans erzwungene Schweigegebot, das die Profiteure als Keule schwingen, um öffentliche Kritik zu verhindern.

Beschäftigte können heute tatsächlich kaum anders, als über ihr Arbeitsleben zu schweigen. Die herrschende Rechtsprechung billigt, wenn sie wegen eines offenen und öffentlichen Wortes ihren Job verlieren. Die Liquidierung des Rechts auf freie Meinungsäußerung in der Arbeitswelt ist ein Skandal im Skandal. Und es kann sogar den Whistleblowern passieren, dass sie von ihren ehemaligen Chefs angeklagt und von Gerichten zu Schadensersatz verurteilt werden, wenn man ihrer "habhaft" wird. Umgekehrt ist höchst selten, dass Unternehmen jemals für die Körperverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden, die sie ihren Untergebenenen Tag für Tag zufügen. Ich habe gerade miterlebt, dass der Besitzer einer für Lidl produzierenden Großbäckerei, in der ich mir wie viele andere Kollegen auch die Arme verbrannt habe, von der Anklage wegen Körperverletzung freigesprochen wurde.

In Deutschland fehlt bekanntlich ein Gesetz zum Schutz von Whistleblowern. Anderswo reicht er bereits weit, z.B. in den USA, man hat erkannt, das Fehlentwicklungen in Unternehmen früher entdeckt und möglicherweise sogar abgefangen werden, wenn man das freie Wort nicht unterdrückt oder bestraft. In Deutschland hält man am feudalistischen Grundsatz fest, der den Unternehmer bzw. den Vorstand einer Aktiengesellschaft zum Herrscher selbst über verbriefte Grund- und Menschenrechte macht - wie eben das Recht auf freie Meinungsäußerung. Leider will ein Gesetzesentwurf der SPD zum Schutz von Whistleblowern dieses Recht nur auf Fälle beschränken, in denen von Unternehmen Straftaten begangen werden oder begangen werden sollen. Aber immerhin, muss man leider sagen, immerhin. Denn zur Zeit kann selbst die Informationsweitergabe in solchen Fällen einem Arbeitnehmer angekreidet werden und zu seiner Kündigung führen.

In den letzten Jahren haben sich trotzdem wieder mehr Mutige gefunden, die fragwürde betriebliche Herrschaftsmethoden an die Öffentlichkeit bringen. Widerständige, die uns trotz aller Drohungen und trotz zahlreicher Kündigungen daran erinnern, dass es Mindestrechte von Arbeitnehmern gibt und die das Unrecht im Arbeitsalltag beim Namen nennen.

Alice Krins tut das. Sie erzählt in diesem Buch über ihren Arbeitsalltag in einem Callcenter. Sie hat auf Klarnamen verzichtet, aber in diesem Fall macht das ihren Bericht nicht weniger überzeugend. Denn dieser Bericht lebt von der Detailgenauigkeit, von den präzisen Schilderungen kleiner und kleinster Gemeinheiten und grober Ausbeutungsmethoden, die die Arbeit dort (und nicht nur dort) so unerträglich machen. Ich durfte das ja als Callcenteragent am eigenen Leibe miterleben*

Es sind Methoden, von denen die Akteure wahrscheinlich glauben, sie gehören zum üblichen Handwerkszeug der Personalführung. Deshalb ist der Callcenter-Bericht von Alice Krins übertragbar. Nämlich auf all die Unternehmen, die im Leben nicht darauf kämen, ihre Beschäftigten mit dem ganz normalen Respekt und der Würde zu behandeln, die ihnen zusteht.

Derweil steigen die Dividenden, die weltweite Expansion wird vorangetrieben, im Konkurrenzkampf siegen die Brutalsten. Je weiter jemand vom einzelnen Arbeitnehmer entfernt ist, je ungerührter kann er die Umsetzung dieser betrieblichen Entwürdigungsstrategien befehlen. Er sieht die Folgen für die Beschäftigten nicht, er will sie nicht sehen, er braucht sie nicht zu sehen.

Deshalb müssen sie sichtbar gemacht werden und deshalb braucht es ein solches Buch wie das hier vorliegende.

Dramatisch ist, dass die Propaganda für die jedes Mittel heiligende Umsatz- und Gewinnsteigerung nahezu alle Lebensbereiche durchdringt. 20 Jahre lang, in der Euphorie über den kapitalistischen "Sieg" gegen den pseudosozialistischen Erbfeind und unter Führung des galoppierenden Neoliberalismus wurde auf Widerstand und gewerkschaftliche Solidarität kaum mehr geachtet. Wer das Pech hatte, in diesen Jahren erwachsen zu werden, der hat dem kalten Konkurrenzdenken kaum einen ausgearbeiteten Gedanken und erst recht keine Erfahrung entgegenzusetzen. Er muss wieder ganz von vorn lernen.

Zum Beispiel, dass ein Unternehmen zwar zum Nachgeben gezwungen werden kann, aber sich dennoch Konterschläge ausdenkt: durch Umstrukturierungen werden Filialen dicht gemacht und andere aus dem Konzern in Tochterunternehmen gedrängt, nur damit Aktive abgedrängt und z.B. gewählte Betriebsräte aufgelöst werden können. Die Angst der Oberen vor der Gegenwehr nimmt mitunter lächerliche, ja paranoide Züge an. Es ist erfreulich, dass uns die Autorin in ihrem Buch davon eine Ahnung gibt: die Lächerlichkeit der angeblich so allmächtigen Vorgesetzten enthüllt sich mit jedem selbstbewussten Widerwort und erst recht mit jeder gemeinschaftlichen Gegenwehr. Bemerkenswert, dass jedes aufrechte Standhalten von vorgesetzten Stellen wahlweise mit Zornesbeben oder ängstlichem Zittern zur Kenntnis genommen wird. Beides offenbart die tatsächliche Schwäche der Macht.

Aber zahllos sind die Verletzungen, groß ist die Angst, weit verbreitet ist das Wegducken. Es hat mit der selbstherrlichen Macht der Unternehmen zu tun, die an zahlreichen Arbeitsplätzen die Arbeitsbedingungen bereits wieder auf ein frühkapitalistisches oder Dritteweltniveau abgesenkt haben – als habe es die Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung und ihre Erfolge nie gegeben. Der seit Jahren massenhafte Fall von Millionen Beschäftigten ins nahezu Bodenlose sind die menschlichen Kosten des Wachstumswahns und der Globalisierung.

Mittlerweile arbeitet fast jeder vierte Beschäftigte für einen Niedriglohn, die Zahl der Leiharbeiter, die in den Unternehmen Unterklasse sind, schnellt nach oben, ebenso wie die Zahl der befristeten Stellen. Die Zerstörung gesicherter und dauerhafter Arbeitsverhältnisse bei gleichzeitiger Zunahme prekärer Beschäftigungsformen, die Zerschlagung des öffentlichen Rentensystems – die Politik hat all diese Vorschläge der Wirtschaft Eins zu Eins umgesetzt. Und obwohl die Folgen brutal zutage treten - wachsende Kinderarmut, höhere Bildungshürden, mehr Menschen ohne Kranken- und Rentenversicherung, dauerhafte Abkopplung der unteren Schichten von kultureller und sozialer Teilhabe, Altersarmut - lassen die sogenannten Volksparteien nicht ab von ihrer neoliberalen Politik des sozialen Kahlschlags. Wenn Sie in Deutschlands Städten freundliche ältere Herren, aber auch Damen abends verschämt in einem Mülleimer an der Straße wühlen sehen, ist das keine Filmszene. Das heißt Altersarmt. Und wenn Sie morgen ein Zwanzigjähriger mit großer Zahllücke anlächelt, dann sehen Sie der Gesundheitsreform ins Gesicht. Die Betroffenen zahlen mit ihrer Würde und ihrer Lebenszeit.

Geheilt werden solche Wunden nicht mit mehr Wachstum, sondern mit mehr Verteilungsgerechtigkeit. Darüber informiert allerdings kein Callcenter. Im noch immer unverschämt reichen Europa kann es nicht darum gehen, das Heil in immer mehr Effektivität, Leistung, Produktivitätssteigerung und Profit zu suchen. Das Wachstum frisst unsere natürlichen Überlebensmöglichkeiten und uns selber auf, die Gier verschlingt die Menschenwürde – in den Ländern des globalen Südens haben wir sie bereits aufgefressen, gemeinsam mit den dortigen Potentaten. Wir brauchen statt solcher einseitigen und zerstörerischen Wachstumspolitik Verteilungsgerechtigkeit und Entschleunigung, eine Rückbesinnung auf das Soziale, das gemeinsame Nachdenken darüber - das solche Bücher wie das von Alice Krins voraussetzt - und auch die Aufwertung von unterbezahlten und unterbewerteten Tätigkeiten, die doch immerhin den Zusammenhalt und die Grundlage einer Gesellschaft sichern. Der Wachstumswahn wird uns sonst das Ende einer sozialen Kultur bescheren.

Doch die rabiaten Vertreter dieser Politik kehren längst noch nicht um, sie verlieren vielmehr jede Beißhemmung. Moral ist etwas für den Feierabend. Und Feierabend hat man in den Chefetagen nicht. Ein Beispiel dafür sind die ausufernden Callcenter auf Billigniveau, hier wie in der sogenannten Welt und die Mobbing- und Schikanemethoden von Personalabteilungen, die Duckmäuser erziehen und die unbequeme und kritische Arbeitnehmer entfernen.

Alice Krins hat erlebt und schildert auf spannende und witzige, teils ironische Weise, wie solches Mobbing von oben typischerweise abläuft. So übel schmecken die Kosten des Wachstumswahns, der Profite nur noch durch die

Vorwort der Autorin

Ich bin ein Outlaw. Entgegen der Unterschrift, die ich unter den Passus meines Arbeitgebers setzte, nichts von den Firmeninternas nach außen dringen zu lassen, erzähle ich Ihnen meine Geschichte, die ich während meiner Zeit in einem Callcenter eines der größten Energieunternehmen Europas erlebt habe. Sie erfahren, was mit mir passierte, meinen Kollegen und Kolleginnen und mit Ihnen selbst, meine Kunden. Ich habe mich entschieden einen fiktiven Firmennamen zu wählen, weil ich davon ausgehe, dass es in vielen anderen Unternehmen nicht anders zugeht. Außerdem ist es nicht meine primäre Motivation eine Firma in die Pfanne zu hauen, sondern ich möchte Sie, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser bewegen. Sie mögen denken: „Oh Gott, ein weiteres Buch über ein Callcenter. Ist das denn nötig?“ „Ja“, sage ich, „es ist nötig.“ Denn kaum eine andere Technik wird unter dem Stichwort Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit und unter der Regie vieler Großkonzerne und staatlichen Verwaltungseinheiten dermaßen missbraucht, dass wir in Lichtgeschwindigkeit zurück ins neunzehnte Jahrhundert katapultiert werden. Da möchte ich nicht hin und vermutlich Sie auch nicht. Unsere junge Generation kennt kaum noch eine andere Servicebearbeitung als die durch Callcenter. Sie weiß zum Teil gar nicht mehr, dass Serviceleistungen etwas mit Respekt gegenüber den Kunden zu tun haben sollen. Respektlosigkeit und schleichende Entrechtung von Kunden und Mitarbeitern, das ist vielerorts die moderne Callcenter-Bearbeitung, bei der in der Regel Großkonzerne und sei es nur als preisdiktierende Auftraggeber, den Taktstock in der Hand halten und auf diese Weise eine derart schrille Melodie kreieren, dass Kunden und Callcenter-Agenten die Ohren schmerzen.

Die Namen, Eigenschaften, Altersangaben und Hobbys, meiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sowie Kunden, habe ich nach bestem Wissen und Gewissen zu deren persönlichen Schutz verändert. Die Politiker im Text sind echt.

Auch wenn die Lage noch so hoffnungslos aussieht, lohnt es sich, immer wieder aufzustehen

Herzlich willkommen bei Vatts.on Energy...

Ich sitze meinem Arbeitsvermittler gegenüber. Er hat einen Job für mich. Na endlich! Ein drei­viertel Jahr bin ich jetzt arbeitslos, meine unbe­zahlten Rechnungen stapeln sich zum schiefen Turm von Pisa, achtzig unbeantwortete Bewerbungen, vier Absa­gen, immerhin vier Lebenszeichen. Im Selbstge­spräche führen werde ich besser und besser. Ich wohne in einer strukturschwachen Gegend, in ei­nem achthundert Seelendorf, was die sozialen Kontakte au­ßerhalb von Arbeit spärlich macht. Meine jugendli­che Tochter, Mara, sitzt in der Schu­le und macht sich Sorgen um ihre Mutter, also um mich, weil ich immer depressiver und mutloser werde. Außerdem kann sie kaum etwas mit ihren Freunden unterneh­men, weil wir kein Geld mehr haben. Ich bin zwei­undfünfzig Jahre und entgegen der Rente mit siebenundsechzig, lässt mich die deutsche Wirtschaft fühlen, dass für mich dort kein Platz mehr ist. So sitze ich zu Hause und ma­che mir Sorgen um mei­ne Tochter, deren schulische Leistungen deutlich nachlassen, seitdem ich arbeitslos bin. Aber jetzt geht es wieder vorwärts. Mein Arbeitsvermittler, Herr Holderlin, lächelt mich an und ich schaue er­wartungsvoll in seine schönen blauen Augen. Wir können uns gut leiden und ich bin froh, dass er an mich gedacht hat. Na, dann wollen wir mal. Herr Holderlin teilt mir mit, dass sich in B, der nächst größeren Kleinstadt, zwanzig km von meinem zu Hause entfernt, ein neuer Arbeitgeber niederlässt, der an die vierhundert Mitarbeiterin­nen und Mitarbei­ter sucht.

"Und es wäre doch ge­lacht, wenn sie dort keine Stelle kriegen würden."

"Um was geht es denn da?“, frage ich. „Was ist das für ein Job?“

"Call-Center, Energiedienstleistungen."

"Call-Center, oh Gott", sage ich und denke an den Neffen eines Freundes, der drei Jahre in einem Call-Center arbeitete und anschließend nur noch Zysten im Unterkiefer und Pfropfen in den Ohren nachweisen konnte. Telekom kommt mir in den Sinn und die Call-Center Mitarbeiter, die sich in Frankreich aus dem Fenster stürzten.

"Worum gehts denn da?", frage ich wieder. "Wird dort was verkauft oder was habe ich unter Energiedienstleistungen zu verstehen?"

"So genau weiß ich das auch nicht, aber sie müssen nichts verkaufen. Dieses Call-Center sucht Arbeitskräfte für die Inbound-Dienste."

"Inbound-Dienste? Noch nie gehört!"

"Naja, sie müssen nichts verkaufen", wiederholt sich Herr Holderlin. "Ich glaube, Sie arbeiten für Vatts.on. Außerdem gibts eine schicke Internetseite, wo sie das nachlesen können."

Vatts.on, schießt es mir durch den Kopf, schicke Internetseite und Preisunbilligkeitseinwand. Seit einigen Jahren habe ich bei Vatts.on, gestützt auf den §19, Grundversorgungsverordnung, den Preisen widersprochen und zahle die Preise von 2003. Ich bin verwirrt und glaube nicht, dass Vatts.on mich einstellt.

"Mein linkes Ohr ist beinahe taub", sage ich zu meinem Arbeitsvermittler. "Das ist bestimmt nichts für mich, den ganzen Tag Kopfhörer und so."

"Ich dachte auch, ich biete ihnen die Stelle als Teamleiter an", sagt Herr Holderlin. "Die suchen nämlich auch Teamleiter und da müssen sie bestimmt nicht nur telefonieren."

Teamleiter? Warum nicht. Hört sich doch ganz gut an. Gleichwohl bin ich skeptisch. Oh Gott, Vatts.on, denke ich wieder, da habe ich keine Chance. Da will ich gar nicht hin.

"Sie können das bestimmt", sagt Herr Holderlin. "Jahrelang selbstständig, entscheidungskräftig; doch, dass passt zu Ihnen."

"Und, was zahlt die Firma einem Teamleiter?" Da ich davon ausgehe, dass Herr Holderlin mir das Tätigkeitsprofil nicht beschreiben kann, komme ich gleich zur Sache.

"Weiß ich nicht, das müssen sie vermutlich mit denen aushandeln. Die Call-Center-Agenten verdienen 1300 Euro brutto."

"Die Ärmsten, 1300 brutto" sage ich. "Wie soll eine Familie davon leben?... Na gut, die Teamleiter werden wohl ein ganzes Ende darüber liegen."

"Sehe ich auch so."

"Und, wie geht es weiter? Sie vermitteln mich jetzt dahin?"

"So ungefähr, aber nicht ganz. Das Arbeitsamt trifft erst einmal eine Vorauswahl. Sie müssen in den nächsten zwei Wochen zu einem Test erscheinen, den Termin gebe ich ihnen. Alle, die den Test bestanden haben, werden dann von der Firma zu einem weiteren Test in das Kulturhaus in B geladen und dort können sie sich dann auch als Teamleiterin bewerben."

"Hm...", ich denke nach.

"Ist was?", fragt der Arbeitsvermittler. "Irgendwelche Unklarheiten?"

"Naja, schon", sage ich. "Herr Holderlin, ich würde sie gerne etwas fragen." "Aber klar, fragen sie Frau Lange."

"Wie heißt denn die Firma, wo ich mich bewerben soll, damit ich im internet einmal recherchieren kann?"

Herr Holderlin guckt auf seinen Zettel.

"Call-Center-Service", sagt er.

"Ist das eine Vatts.on-Tochter?", frage ich.

Er dreht den Zettel ein paar mal herum, guckt hier und guckt da.

"Keine Ahnung", sagt er wieder und zuckt mit den Schultern. "Sieht so aus, als ob das ein rechtlich eigenständiges Call-Center ist. Hier steht nirgends was von Vatts.on. Soviel ich weiß, sind die Auftraggeber die verschiedenen Vatts.on-Betriebe. Sie sind nicht bei Vatts.on angestellt, sondern bei Call-Center-Service."

Ich runzele die Stirn. Vielleicht hat er Recht und die haben gar kein Interesse, wann und wo und von wem, zu welchen Preisen ich Strom beziehe.

"Noch was, Frau Lange. „Die Einarbeitung geschieht in A, weil die Firma erst in zwei Monaten ihr Geschäftsgebäude hier in B bezugsfertig hat. Können Sie das leisten?"

"In A, das sind über einhundert Kilometer, also etwa zweihundertfünfzig Kilometer am Tag?! Das kostet richtig viel Sprit und von dem Harz-IV kann ich das gar nicht vorstrecken."

"Die Fahrt meine ich nicht. Es gibt einen Shuttle-Service von der Firma. An offiziellen Bushaltestellen können sie in einen extra engagierten Reisebus steigen. Das kostet sie dann nichts. Ich glaube auch, dass in der Nähe, wo sie wohnen, eine Haltestelle ist, die angefahren wird. Nein, ob sie das mit ihrer Tochter schaffen? Sie sind ja dann den ganzen Tag unterwegs?"

"Das schaffen wir schon, Herr Holderlin. Mara ist ja kein Kleinkind mehr. Ich probiere es einfach aus."

"Dann viel Glück", sagt der Vermittler. "Morgen haben sie den Termin für den Test im Briefkasten."

"Wiedersehen und danke, dass sie an mich gedacht haben."

Test 1

Ich bin nervös und fühle mich wie vor einer Mathearbeit. Mit etwa vierzig anderen, die sich vermut­lich ähnlich fühlen wie ich, sitzen wir in einem en­gen Raum um einen superlangen Tisch herum. Der Mensch vom Arbeitsamt verteilt Bleistifte und Test­bögen. Auf los gehts los. Wir dürfen durch­streichen, aber nicht radieren. Ich schwitze, Angst­schweiß. Irgendwie geht es für mich und meine Tochter ums Überleben. Dieser Harz-IV-Satz ist nicht zum Überleben gedacht, sondern mehr zum Dahinvegetieren. Aber nun, Konzentration, Test!

Auf dem ersten Blatt stehen Vierermatrizen mit zweistelligen Zahlen. Rechts und unten sind deren Summen. Es geht um die Kontrolle dieser Sum­men. Kopfrechnen auf Druck war nie mein Ding, aber letztlich ist es ganz einfach, immerhin habe ich in den vergangen Jahren Mathe unterrichtet und ich summiere, was das Zeug hergibt. Dann müssen wir Daten miteinander vergleichen, zum Schluss geht es um eine Liste mit Wörtern, bei denen wir die Recht­schreibfehler finden müssen. Fertig!

Dann warten und warten wir in einem Aufenthaltsraum, der viel zu wenige Stühle hat. Ich leh­ne mich an eine Wand und beobachte die Leute, meine zu­künftigen Kollegen, besser gesagt Kolleginnen, denn die meisten von uns sind Frauen. 1300 Euro brutto, denke ich. Das geht nur, wenn jemand mit verdient. In der Regel ist das der Mann bzw. umge­kehrt: Der Mann verdient, die Frau verdient mit. Aber, ich habe ja vor, Teamlei­ter zu werden. Einen Mann gibts bei uns nicht. Meine Tochter hat einen Vater, mein Sohn, Denny, einen anderen und ge­zeigt haben sie sich bei uns noch nie, die Väter, und die Kontonummern meiner Kinder haben sie auch vergessen. Wie gut, dass wenigstens Denny schon studiert und Bafög erhält. Er wohnt in A, in einer WG, und ich stelle mir vor, wie wir gemeinsam demnächst in A einmal shoppen oder ins Kino ge­hen, seine Mutter Teamleiterin, statt arbeitslos, Sorgen ade und vielleicht kann ich auch während der Einarbeitungszeit öfters bei ihm übernachten.

Ich stehe immer noch, belaste mal das eine, mal das andere Bein. Die Reihen lichten sich, irgendwann wird ein Stuhl frei, ich setze mich, drehe Däumchen, dann schaue ich den anderen beim Däumchendrehen zu. Die meisten Leute gucken im­mer nach unten oder starren Löcher in die Wände. Man redet nicht viel und wenn doch, dann nur be­langloses Zeugs, was ich schon wieder ver­gessen habe. Endlich bin ich dran. Zwei Mitarbei­ter des Ar­beitsamtes bitten mich in einen Raum und die Frau fragt mich:

"Und, was meinen sie zu ihrem Test?"

"Eigentlich wars ganz einfach", sage ich.

Sie nickt mich respektvoll an und der Mann in dem Raum mustert mich. Ich bin schick angezo­gen. Meinem Outfit nach könnte ich der Ge­schäftsführer des Ar­beitsamtes sein.

"Das war au­ßergewöhnlich", sagt der Mann. "Überdurch­schnittlich."

"Schön", sage ich. "Dann gibt es doch eine gute Chance für den Teamleiterjob."

Beide ni­cken.

"Bestimmt", sagt die Frau. "Aber sie müs­sen die Firma während der Test­veranstaltung un­bedingt ansprechen. Es werden spezielle Assess­ment-Center für Teamleiter durch­geführt. Da ha­ben wir dann nichts mehr mit zu tun. Sie schaffen das. Viel Erfolg."

Test 2

Ich sitze in einer der vordersten Reihen. Auf der Bühne des Kulturhauses in B agieren zwei Frauen. Heidelinde Honigmund, Bereichsleiterin von Call-Center-Service, und Frau Stolle von Call-Center-Service-Consulting, die Firma, die Führungskräfte ein­stellt. Sie trägt einen Mantel in Maxilänge, der im­mer um ihre Beine schlackert, wenn sie auf der Bühne hin und her geht. Völlig unmodern. Sie hält ein kurzes Referat und es ist ihr enorm wichtig, uns mitzuteilen, dass es sich nicht um ein Call-Center im üblichen Sinne, sondern um ein Service-Center erster Klasse handeln würde. Aha, denke ich. Es geht also nicht um eine Portion Pommes Frites in schlechtem Öl frittiert, sondern um Pommes Frites rot-weiß. Dann werden wir gefragt, ob denn jemand wisse, worum es bei diesem Job gehe und ich melde mich. Natürlich habe ich mich im Internet über die Firma informiert.

"Dienstleistungen für Energie­versorger, Krankenkassen und Wasserwerke. Das heißt, die Kunden dieser Anbieter werden uns an­rufen, nach Rechnun­gen fragen, ihre Konten klä­ren wollen, ihre Zähler­stände durchgeben und so weiter."

Heidelinde Ho­nigmund ist ganz über­rascht, dass es auch Kran­kenkassen sein sollen. Davon weiß sie gar nichts. Aber es steht auf der Homepage.

„Naja, vielleicht ist das in Planung.“

Die Maxidame redet zu uns, als seien wir kleine Kinder.

"Zuerst nehmen sie an einer Schulung teil. Schließlich müs­sen sie die Software kennenlernen. Es wird noch nicht telefoniert. Nach der Schulung lernen sie in einem Lernteam al­les, was sie wissen müssen. Immer noch wird nicht telefoniert. Sie sehen, es ist gar nicht schlimm und erst dann und dann und dann fangen sie an zu tele­fonieren."

Witzig!

Eine Frau fragt nach den Schichtsystemen, insbesondere, ob es auch Nachtschichten gäbe. Sie hätte noch kleine Kinder. Die Maxidame klärt uns über das Schichtsystem auf.

„Es wird von sieben bis zweiundzwanzig Uhr gearbeitet, also sehen auch so die Schichten aus und Nachtschichten wird es in B nicht geben. In A hat man Nachtschichten, aber in B nicht. Die jungen Muttis brauchen sich also keine Sorgen zu machen. Auch mit Kindern ist das wunderbar zu schaffen.“

Die junge Mutti lässt nicht locker und erzählt, dass sie von einer Kollegin gehört habe, dass Nachtschichten in B vorgesehen seien.

„Da irrt sich die Kollegin gewaltig, denn Nachtschichten sind nicht vorgesehen! Punkt.“

Dann kommt der Test. Ein junger Mann mit ex­akt geschnittenem Kinnbärtchen diktiert uns et­was. Anschließend verteilt er die Rechenmatrizen und auch hier werden wieder Daten verglichen. Wir müssen wieder alle warten, weil jetzt die Einzelgespräche an der Reihe sind. Es gibt zwei Räu­me. In dem einen sitzt Heidelinde Honigmund und in dem anderen die Maxidame. Ich sehe zu, dass ich mich in die Honigmund-Reihe anstelle. Frau Honigmund strahlt so etwas warmes, nettes, müt­terliches aus und das kann ich im Moment ganz gut gebrauchen. Sicher­heit, Wärme, all die angenehmen Seiten, die in meinem Leben so unglaub­lich fehlen.

Ich sage Frau Honigmund direkt, dass ich mich als Teamleiterin bewerben möchte.

"Tja, ich mer­ke mir das gerne vor, aber heute gibt es in B kein Assessment-Center und das ist Bestandteil der Bewer­bung. Ich schlage vor, sie machen erst einmal die Schulung mit, die muss nämlich jeder ma­chen. Ge­rade als Teamleiter werden sie besonders gut sein müssen. Sie erhalten dann in den nächsten zwei Wochen eine Einladung für ein Assess­ment-Center in A. Da sind sie ja dann sowieso.“

Sie fragt mich noch nach meinen besonderen Teamleiterfähigkeiten. Da ich noch überhaupt keinen Schimmer habe, was mich da erwartet und wie die Arbeitsprozesse organisiert sind, antworte ich mit dem flotten Werbespruch aus dem Fernsehen: "Er­folgreiche Managerin Familienunterneh­men" und ich verweise auf Führungsfähigkeiten, die ich in meiner Nachhilfeschule, vor meiner Arbeitslosigkeit, erworben habe.

Zuletzt werden wir in zwei Gruppen aufgeteilt, wobei die Gruppe, in der ich bin, bedeutend grö­ßer ist als die andere. Meine Gruppe erhält statt eines Arbeitsvertrages nur ein Schreiben für das Arbeitsamt. Da steht drin, dass der Test bestanden wurde und der Kandidat zur Schulung eingeladen werde. An anderer Stelle des Schreibens wird noch eine Unterschrift vom Arbeitsamt gefordert, dass es die Kosten für die Zwei-Wochen-Schulung übernehme. Mein Arbeitsvertrag beginnt also nicht am ersten des Monats, sondern, wenn ich Glück habe, erst in der Mitte. Der Steuerzahler zahlt somit die Ausbildung der Leute für die Firma. Und das im Zeitalter der Schuldenbremse. Der Arme!

Ich ärgere mich. Test bestanden, aber immer noch Harz-IV. Zu Hause im Internet finde ich un­ter der Rubrik "Deutscher Bundestag" interessan­te Drucksachen. Die Linksfraktion hatte eine "Klei­ne Anfra­ge"* an die Bundesregierung zu Subven­tionen von Call-Centern gestartet. In ihrer Ant­wort teilte die Regierung mit, „dass im Jahr 2009 rund neunzehn Millionen Euro an diverse Call-Center aus dem Programm Gemeinschaftsaufgabe, Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur"(GRW) flossen, teils vom Bund, teils von den jeweiligen Ländern.“*

Und weiter schreibt die Regierung: "Im Jahr 2005 haben Unternehmen der Call-Center-Bran­che in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpom­mern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt Zuschüsse aus Bundesmitteln der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirt­schaftsstruktur“ (GRW) in Höhe von insgesamt 17,18 Mio. Euro erhalten. (In der Regel handelt es sich hierbei um echte Zuschüsse.)

Im Jahr 2006 haben Unternehmen der Call-Cen­ter-Branche in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt Zuschüsse aus GRW-Bundesmitteln in Höhe von insgesamt 10,05 Mio. Euro erhalten.

Im Jahr 2007 haben Unternehmen der Call-Cen­ter-Branche in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein Zuschüsse aus GRW-Bundesmitteln in Höhe von insgesamt 12,41 Mio. Euro erhalten.

Im Jahr 2008 haben Unternehmen der Call-Cen­ter-Branche in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen Zuschüsse aus GRW-Bundesmitteln in Höhe von ins­gesamt 7,46 Mio. Euro erhalten.

Der Bundesregierung liegen keine Angaben zur Arbeitsmarktförderung von Unternehmen der Call-Center-Branche vor. Die Bundesagentur für Arbeit hat auf Nachfrage mitgeteilt, dass eine differenzierte statistische Berichterstattung über die Inanspruchnahme der verschiedenen Arbeitsförderleistungen der Bundesagentur für Arbeit nach dem Wirtschaftszweig des geförderten Betriebes zurzeit noch nicht möglich ist und dass eine Erweiterung der Berichtsfähigkeit um den Wirtschaftszweig des geförderten Betriebes gera­de entwickelt wird."*

Meine Schulung fällt sicher unter den Punkt des noch nicht Möglichen der Bundesagentur für Ar­beit. Ganz zu schweigen davon, dass die Subven­tionen aus Landesmitteln in der fleißigen Aufzäh­lung teilweise gar nicht enthalten sind. Summa sumarum: Noch mehr Geld für Call-Center.

Diverse Pressestimmen finden das auch nicht gut, zum Beispiel die Ostseezeitung. Ich stehe nicht alleine mit meiner Meinung. In Mecklenburg-Vorpom­mern teilt die Landesregierung mit, dass die För­dergelder aus Landesmitteln für Call-Cen­ter in den zurück liegenden Jahren mehr als drei Millionen be­trugen. Von Regierungsseite wurde hervorgehoben, dass diese Mittel für die Schaf­fung von sechshundertdreiundachtzig Ar­beitsplätzen bereit gestellt wur­den und ein Lohn von 25.000 Euro pro Beschäf­tigten dabei heraus springen solle.* (Auch wenn es sich hier vermutlich um den Arbeitgeber-Brut­tolohn handelt, wäre das fantastisch. Ich bin si­cher, dass dieses eine Zuwanderungswelle der Call-Center-Agenten nach Mecklenburg-Vorpommern auslösen würde.)

Google sagt, dass der durchschnittliche Ver­dienst für einen Call-Center-Agenten in Schwerin 1080,00 Euro betrage und in Rostock sogar nur 985,86 Euro.* Google sagt nichts darüber, ob es sich hier um Netto-oder Bruttolöhne handelt. Selbst wenn es Nettolöhne sein sollten, beträgt der Arbeitgeber-Bruttolohn maximal 18.000 Euro jährlich pro Arbeitnehmer.

Der erste Tag

Ich habe richtiges Glück. Die Busstation, in der ich zusteigen kann, ist nur vier Kilometer von zu Hause entfernt. Andere Kollegen fahren schon dreißig Kilometer bis zu ihrer Busse (Bushaltestelle). Unter die­sen Bedin­gungen könnte ich derzeit den Job gar nicht finan­zieren. Aber so gehts. An der Busse stehen etwa fünfzehn Frauen, zwei Männer, die meisten rauchen und wir kommen ins Gespräch.

Manuela Becker, die ich flüchtig kenne, erzählt, dass sie die Nachtschichten in ihrem alten Betrieb nicht mehr ausgehalten habe und nun das Call-Center ausprobiere. Manuela ist in meinem Alter. Sie hat eine Zigarette auf dem Zahn, ist lässig gekleidet und lacht ständig. Wir sind alle nervös. Von Call-Centern hat niemand von uns eine gute Meinung. Alle sind sehr skeptisch. Zuviel Schlech­tes hat man gehört oder auch selbst als Kunde er­lebt. Die negativen Schlagzeilen sind bis ins letzte Dorf gedrungen. Manche haben auch Bekannte, die bereits bei Call-Center-Service arbeiten und es wird gemun­kelt, es sei so ähnlich wie unter der Stasi. Das hört sich gar nicht gut an. Wenig später fahren zwei Busse die Halte­stelle an und wir verteilen uns darauf nach vorgese­henen Listen. Ich setze mich neben eine Frau mei­nes Alters, Bärbel Radtke, schließe die Augen und höre neben mir das Geklapper der Stricknadeln von Frau Radtke. An einer der nächs­ten Haltestellen steigt Rainer Großmann ein. Ein Mann in den Dreißi­gern, schmuddlige Jacke, ver­schlissene Jeans, eine große Kaffetasse mit Deckel in der Hand, so wie Ju­lia Roberts in ihren Filmen, und eine Aktentasche unter dem Arm. "Guten Morgen, die Damen", sagt er, als er den Bus be­tritt und ich nehme diese alt­modische Floskel erst einmal als Scherz, merke aber in den folgenden Wochen, dass er tatsächlich so ist. Altmodisch, aus einem früheren Jahrhundert, aber er hat be­reits einen Arbeitsvertrag als Team­leiter in der Tasche.

Mit Rainer komme ich gar nicht klar. Er ist in die gleiche Schulungsklasse eingeteilt wie ich. Wir sitzen hier zu vierzehn Leuten. Rainer weiß viel über die Handhabung von PC-Programmen, arbeitet mit, ist immer der erste, der den Finger oben hat, aber er lässt andere nicht ausreden und hört ihnen auch nicht zu. Mir schon mal gar nicht. So nach dem Motto: Was will die alte Tante ..." Der Ande­re, der ebenfalls einen Arbeitsvertrag als Teamlei­ter hat, ist Peter Schwarzgerber, Mitte dreißig, gut aussehend, Jeans, trägt eine Eminemjacke und hat häufig seine Kapuze auf. Er wirkt aufge­schlossen, klug und verbringt die meiste Zeit der Schulung mit Flirten. Wir haben nämlich sehr hüb­sche junge Frauen un­ter uns. Das Angenehme an Peter ist, dass ich mit ihm eigentlich kaum etwas zu tun habe. Er scheint mich gar nicht zu sehen, ich bin zu alt.

Irgendwie hat der Tag dennoch was ganz Schickes. Wir erhalten Chipkarten, mit denen wir die Türen öffnen können. Kaffee, Wasser und Tee stehen für alle Mitarbeiter kostenlos zur Verfü­gung. Das Firmengebäude ist eins a und ebenso die Kantine. Der Lehrer ist auch locker, flockig. Wir sind alle per du. Das ist hier so üblich. Der Lehrer erzählt uns, dass die Firma Call-Center-Service GmbH zu fünfzig Prozent aus drei privaten Geschäfts­führern bestehe und zu fünfzig Pro­zent aus Vatts.on. Aha, also doch eine Vatts.on-Verwandte. Mir wirds in der Magengegend ganz ko­misch. Meine Schultern werden hart, wie die eines Roboters, eckig wie ein Kasten aus Blei. Und dann sollen wir aufschreiben, von wem wir unseren Strom beziehen. Ich schreibe, dass das mein Geheimnis sei und auch bleiben würde. Die Zettel werden eingesammelt, mit der Versi­cherung, dass sie keiner zu sehen bekommt.

Um siebzehn Uhr können wir gehen, aber erst nachdem wir auf einer Liste mit dem schönen Emblem der Europäischen Union unsere Teilnahme per Un­terschrift dokumentiert haben. Die Schulung ist EU-gefördert. Anschließend fahren wir mit dem Bus eineinhalb Stunde zurück. Ich habe kein gu­tes Ge­fühl im Bauch, denke an die Zettel und stel­le mir vor, wie jemand vor dem PC-System sitzt, mein Kundenblatt aufruft und sieht: Preisunbilligkeitseinwand. Gefährliche Mitarbeiterin. Wenig später erfahre ich, dass es eine extra Abteilung für Mitarbeiterstrom gibt.

Abends telefoniere ich mit einem Freund, der ist Bauingenieur, und frage ihn nach seiner Meinung. Er grummelt vor sich hin. Ist sich auch nicht si­cher, tröstet mich aber dann und meint:

"Die wer­den das schon unterscheiden können. Einen Preisunbilligkeitseinwand laufen zu haben, ist doch nicht gleich bedeutend damit, ein schlechter Teamleiter zu sein. Wird schon klappen. Wir leben doch in einer Demo­kratie und den Strompreisen zu widersprechen, ist dein gutes Recht."

Zu Hause trage ich meinen automatischen Türchip am Rock, ein wenig angeben und so. Mei­ne Tochter ist stolz auf mich. Sie meint, ich sehe schick aus, so richtig professionell und fragt nach dem Geld, was ich demnächst verdienen würde und ich sei sowieso die beste Mutter der Welt.

Arbeitsvertrag

Nach zwei Wochen Schulung erhalten alle Schü­ler, die aus der Arbeitslosigkeit hier angefangen haben, einen Arbeitsvertrag. Falsch, nicht alle, sondern nur die, die den dritten Test bestanden haben. Da gehöre ich zu, aber leider nicht mehr Bärbel Radtke. Der Steuerzahler hat für sie um­sonst gezahlt. Sie hat nur einen Punkt zu wenig in ihrem Test. Von den vierzehn Leuten aus der Schulung sind wir noch zwölf. Eine ist freiwillig ge­gangen. Manuela hat ihren Vertrag schon, weil sie nicht aus der Ar­beitslosigkeit kam und für die bei­den Teamleiter gelten ohnehin andere Konditio­nen. Aus unserer Gruppe stehen also neun Leute vor dem Personal­büro. Aus anderen Gruppen noch ganz viele. Zu zehnt werden wir eingelassen.

Bis jetzt habe ich noch keine Einladung zu ei­nem Teamleiter-Assessment-Center erhalten und ich bin unsicher, wie ich mich verhalten soll. Ei­gentlich will ich gar keinen Vertrag als Call-Cen­ter-Agent für 1300 Euro brutto, 5,67 Euro netto die Stunde. Das wür­de in meinem Haushalt kein ein­ziges finanzielles Problem wirklich lösen. Ich fühle mich verarscht. Aber über achtzig unbeantwortete Bewerbungen in einer strukturschwachen Region, obwohl ich mich mit meinen Arbeitsbemühungen durchaus über die Grenzen anderer Bundesländer gewagt hatte, lassen mir keine andere Wahl. Und dann denke ich an die Ursula von der Leyenschen Bildungschipkarte für meine Tochter, die gestern in den Nachrichten im Bundestag diskutiert wur­de. Was für eine Schmach für mich. Da wird so getan, als ob Harz-IV-Leute reihenweise mögli­ches ausgezahltes Geld versaufen und nicht ihren Kindern zu Gute kommen lassen würden. Was für eine Schmach für Mara, dass ihre Mutter öffentlich durch eine Ministerin als Säuferin diffamiert wird.

"Eine Todsünde, Eltern und Kinder so gegen einander auszuspielen", sagt Marlene Koch, eine befreundete Familientherapeutin.

Zu dritt und mehr stehen wir um Stehtische, es liegen Kugelschreiber bereit, eine Mitarbeiterin des Personalbüros händigt uns die Verträge aus und Lesezeit gibt es auch. Mir ist es mulmig. Ich will doch Teamleiterin werden. Wenn schon Call-Center, dann wenigstens mehr Geld verdienen. Also lege ich mei­nen Kugelschreiber wieder auf den Tisch, klemme den Vertrag unter den Arm und suche einen Mitarbei­ter des Personalbüros auf, der hinter einem Tresen vor dem Bildschirm sitzt. Es ist der junge Mann mit dem nett geschnittenen Kinnbart, bei dem ich das Diktat geschrieben hat­te.

"Ich bin Frau Lange und mir wurde von Frau Honigmund versprochen, dass ich zu einem Teamleiterassessment-Center eingela­den werde und nun soll ich diesen Mitarbeiterar­beitsvertrag unterschreiben", sage ich.

Der junge Mann tippt auf seiner Tastatur herum, guckt auf den Bildschirm und meint:

"Wie ist ihr Name noch?" "Lisbeth Lan­ge ..." "Nein, ich habe keine Einladung für sie. Das Assessment-Center morgen ist voll."

"Können sie bitte Rücksprache mit Frau Honigmund halten. Sie hat extra gesagt, dass ich innerhalb der ersten zwei Wochen eingeladen werde."

Der junge Mann fischt nach einem Handy, tippt ein paar Zah­len ein und hält es an sein Ohr.

"Ich habe hier eine Frau Lange, die meint, sie sei für ein Assessment-Cen­ter Teamleiter vorgesehen?"

Der junge Mann nickt mit dem Kopf, lächelt mir beruhigend zu und hört gespannt, was die Stimme am anderen Ende des Netzes ihm in das Ohr flüstert.

"Hmm, ach ja .... gut. Ich werde ihr das ausrichten."

Ich bin nervös, ahne nichts Gutes und will mich von dem nett lächelnden Mitarbeiter so gar nicht beruhigen lassen.

"Tja", sagt er, "man hat sie wohl vergessen. Ich soll ihnen ausrichten, doch erst einmal diesen Arbeitsvertrag zu unterschreiben und sie werden noch eingeladen. Sie müssen sich allerdings noch sechs Wochen gedulden. Dann startet das Nächste."

"Öhm ...", sage ich, doch der junge Mann läßt mich nicht aussprechen.

"Es gibt keinen Rechtsanspruch auf ein Assessment-Center Teamleiter."

Ach ja, wie hatte ich das nur vergessen können. Was mache ich jetzt? Bestimmt wurde ich mit Absicht vergessen. Ich entschließe mich, erst einmal den Vertrag zu studieren, damit ich Zeit gewinne. Meine Hand will noch so gar nicht zum Kugelschreiber greifen, um meine Unterschrift auf das Papier zu setzen. Ich lese:

"Der Mitarbeiter erhält 1300 Euro Bruttogehalt."*

Das ist für mich nicht neu, aber nun wird es mir doch ganz schlecht. Wie soll ich das leisten? 997 Euro netto, jeden Tag vierzig Kilometer fahren und das in einem Schichtsystem. Dort wo ich lebe, fahren nur Schul- oder Rufbusse.

"Herr Busfahrer, holen sie mich bitte zur Arbeit ab?"

Das Auto kann also nicht abgeschafft werden und wer bezahlt die Reparatur, die irgendwann kommen wird? Ich lese weiter und finde nicht wieder, was die netten Damen uns im Kulturhaus mitgeteilt hatten:

"... Für die Mitarbeiter im Bereich Kundenkontaktmanagement gelten die jeweiligen Schichtpläne. Die betriebliche Arbeitszeit umfasst die Arbeitstage Montag bis Sonntag, jeweils von 00:00 - 24:00 Uhr. Für den Bereich Kundenkontaktmanagement gilt folgende vom Landesamt für Arbeitsschutz am 04.04.2000 genehmigte Sonderreglung, nach der abweichend von §3 Arbeitszeitgesetz die Arbeit in der Nacht und an Sonn- und Feiertagen wie folgt genehmigt ist: Nachtarbeit 22:00 Uhr - 7:00 Uhr, Samstage, Sonntage und Feiertage: 07:00 Uhr - 19:00 Uhr und 19:00 Uhr bis 07:00 Uhr. Jeweils am Freitag vor der 12-Stunden-Schicht sowie am Montag und Dienstag nach der 12-Stunden-Schicht wird freie Zeit gewährt."*

An anderer Stelle heißt es:

"Die tägliche Arbeitszeit des Mitarbeiters ist beweglich. ... Damit beträgt die mögliche tägliche Arbeitszeit zwischen 0 und 10 Stunden. Alle Arbeitsstunden innerhalb dieser Schwankungsbreite sind keine Mehrarbeit"* (somit auch nicht zuschlagsfähig Anm. der Verfasserin).

Dann finde ich einen Passus über Nachtarbeit. Hatte uns Frau Honigmund bei der Massenvorstellungsrunde nicht extra gesagt, dass Nachtarbeit für den Standort B, für den ich ausgebildet werde, nicht vorgesehen sei? Erneut suche ich den jungen Personalmitarbeiter auf und frage ihn.

"Natürlich ist für B Nachtarbeit vorgesehen", sagt er.

Kotz, würg, denke ich und sehe mich schon schlafend unter Kopfhörern sitzen. Dass Frau Honigmund eine so Abgezockte ist, trifft mich. Sie hatte sich so mütterlich gezeigt.

"Nachtarbeit ist für den Standort B nicht vorgesehen.“

Vor meinen geistigen Augen sehe ich die Maxidame mit schlotterndem Mantel auf der Bühne auf und ab gehen und ich sehe, wie Heidelinde Honigmund dazu nett lächelnd nickt.

"Ganz sicher", hatte sie gesagt. "Die jungen Muttis brauchen keine Sorge zu haben."