Verflixte Berufswahl - Gerhard Oppel - E-Book

Verflixte Berufswahl E-Book

Gerhard Oppel

0,0

Beschreibung

Eine Berufsbiografie von der Lehre zum Außendienst-Mitarbeiter bis zur Rente. Auf humorvolle Weise erhalten wir tiefe Einblicke in ein Verkäuferdasein, das sehr vielfältig ist und allzu wechselvolle Wege geht. Dabei werden Bewerbungsgespräche und Branchen seziert sowie Fallstricke für Berufsanwärter aufgezeigt, wie man es viel besser machen sollte. »Was erwartet mich im Außendienst?« Das Buch beantwortet diese Frage restlos. Es ist ja mehr als nur amüsante Lektüre, ermöglicht eine Aufklärung, wie sie nur die langjährige Erfahrung bieten kann. Kuriose Situationen mit Kunden, Unternehmen und Kollegen bilden das Rückgrat der Unterhaltung. Und abschließend geht es um den Sinn oder Unsinn des Lebens und unsere Zukunft.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über Buch und Autor
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Lehrjahre
Stillgestanden!
Zum Wohlsein!
CP, der Chef
Frust & Panik
Kollege Feuerbart
Gleiches ist nicht dasselbe
Der Widerling
Eine harte Nuss
Heilsamer Schock
Meine letzte Arbeitsstelle
Würger & Knüppel
Zum Ritterschlag
Markdorfer Barock
Akaziengesellschaft
Der Untergang naht
Privatmann
Gevatter Tod
Die Zukunft?
Den persönlichen Gau verhindern
In eigener Sache

Gerhard Oppel

Verflixte Berufswahl

Mein Leben als Außendienst-Mitarbeiter Erfahre schmerzfrei, es besser zu machen!

Autobiografie: Zeitraum 1959-2024

Bookmundo

Über Buch und Autor

Was erwartet mich? Eine Berufsbiografie von der Lehre zum Außendienst-Mitarbeiter bis zur Rente. Auf humorvolle Weise erhalten wir tiefe Einblicke in ein Verkäuferdasein, das sehr vielfältig ist und allzu wechselvolle Wege geht. Dabei werden Bewerbungsgespräche und Branchen seziert sowie Fallstricke für Berufsanwärter aufgezeigt, wie man es viel besser machen sollte. Der Focus ist auf Nutzen und Unterhaltung gelegt, auch Tiefgründiges kommt nicht zu kurz. Das Buch schließt nahtlos an die Biografie seiner Schulzeit an: »Verflixter Lernkäfig – leibhaftige Internatsgeschichten 1953-59«.

Der Autor

Er bezeichnet sich selbst als »Sonntagsdenker und Montagsdichter« (Jahrgang 42). Beruflich ein Mann des Vertriebs kam er erst spät über den Werbetext zur Schriftstellerei. Sein besonderes Interesse gilt den unausweichlichen Fragen, die zeitgemäß zu beantworten sind. Dazu stellt er Gedankengut der Philosophie, der Psychologie, sowie lyrisches Talent bereit und er hält edle, großherzige Gedanken, die wir in uns hegen, für die wahren Juwelen des Menschen. Der Autor schätzt die Fantasie als wichtiges Werkzeug beim »Handwerk« des Schreibens, denn ihr verdankt er seine oft ungewöhnlichen Einfälle.

Gewidmet meiner lieben Frau Emilie; gestorben im Februar 2023.

Impressum

Verflixte BerufswahlMein Leben als Außendienst-Mitarbeiter Erfahre schmerzfrei, es besser zu machen! Autobiografie: Zeitraum 1959-2024 © Gerhard Oppel Alle Rechte vorbehalten; sie liegen beim Autor. 1. Auflage Februar 2024Verfügbar als E-Book: ISBN: 9789403731407 Taschenbuch: ISBN: 9789403731391 Cover-Gestaltung, Foto, Satz und Korrektur durch den Autor; seine Webseite: www.oppelweb.de Selfpublishing-Portal: Bookmundo Rotterdam Gedruckt in Deutschland Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Verfassers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, sowie für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek sind abrufbar: http://dnb.d-nb.de

Inhaltsverzeichnis

Über Buch und Autor

Vorwort

Lehrjahre

Stillgestanden!

Zum Wohlsein!

CP, der Chef

Frust & Panik

Kollege Feuerbart

Gleiches ist nicht dasselbe

Der Widerling

Eine harte Nuss

Heilsamer Schock

Meine letzte Arbeitsstelle

Würger & Knüppel

Zum Ritterschlag

Markdorfer Barock

Akaziengesellschaft

Der Untergang naht

Privatmann

Gevatter Tod

Die Zukunft?

Den persönlichen Gau verhindern

In eigener Sache

Vorwort

»Bist du noch ganz bei Sinnen?«, frage ich mich als Autor; bin ich unbelehrbar? Im vergangenen Jahr hatte ich mich endlich dazu durchgerungen, gleich fünf neue Bücher auf einem Schlage zu veröffentlichen – siehe da: Der Verkaufserfolg lässt sich an einer Hand abzählen. Gut, ich hatte bislang auch mit keinem Finger die Werbetrommel gerührt; Werbefaulheit wird hart bestraft! Woher sollen Lesende von meinen neuen Büchern denn erfahren? So muss ich mir eben einreden, dass ich nicht für Menschen, eher wohl für Jenseitige schreibe; Geister wollen schließlich auch unterhalten werden. Spaß beiseite: Warum tue ich mir das mühsame Handwerk im hohen Alter noch an? Dafür gibt es zwei Gründe. Ich setze damit dem irdischen Abschied meiner lieben Frau vor einem halben Jahr eine gewisse Ablenkung entgegen. Außerdem ist der Zwang, mich sehr nachhaltig an längst vergangene Begebenheiten erinnern zu müssen, eine hervorragende Übung fürs Köpfen. Ach, übrigens – Kopf: Wo beginne ich meine autobiografische Rückschau? Am besten da, wo mein Buch »Verflixter Lernkäfig – leibhaftige Internatsgeschichten 1953-59« endet. Keine schlechte Idee, denn es folgt dem schulischen Lebensweg nahtlos der berufliche. Allerdings muss das Ganze zwingend unterhaltsam werden, sodass ich vorzugsweise nach Stolpersteinen und Schlaglöchern zu fanden habe, um das Buch so kurios wie möglich anzugehen. Mit sachorientierter, nüchterner Beschreibung ist das nicht zu leisten, dennoch sind hoffentlich hin und wieder solche nützlichen Bezüge zu erwarten. Einer gleich vorweg: Meine Veranlagung zum extrovertierten Verkäufertyp hält sich doch sehr in Grenzen, trotzdem schubsten mich die Umstände auf diesen ungewollten Berufsweg. Vielleicht hatte ich gerade deswegen Erfolg? Ich nahm die Herausforderung an und versuchte, das Beste daraus zu machen. Rückblickend muss ich leider feststellen, war ich bei der Wahl meiner Arbeitgeber zu anspruchsvoll, was dazu führte, dass ich im Laufe der Jahre ein Dutzend Unternehmen wechselte. Ich kündigte, sobald mich wieder der Hafer stach. Diese Wechsel brachten mir zwar weite Einblicke in die Wirtschaft Süddeutschlands – es gibt wohl nur wenige Großfirmen, Banken, Versicherungen, Behörden, die ich nicht kennenlernen durfte – aber zu welchem Preis! Die Einarbeitung in ein neues Branchen- und Kundenumfeld bleibt jedes Mal eine große Herausforderung: Markenartikel – Maschinen – Industrieverpackungen – Bankeinrichtung einschließlich Tresorbau – Systemberatung – und was sonst noch alles! Man nennt solche Verkäufertypen im Fachjargon Generalisten. Ich vermute mal, der gegenpolige Spezialist hat es besser. Der bleibt bei seinem Fachgebiet, wechselt nur selten innerhalb der Brache und macht es sich so viel leichter. Das wäre mein Rat an interessierte Anwärter. Ich persönlich hätte seinerzeit mit keinem anderen Jobprofil tauschen mögen. Ob der Firmenrepräsentant im Außendienst heutzutage erstrebenswert ist, kann ich nicht beurteilen, zu sehr haben sich die Umstände geändert, sodass ich es fast bezweifeln möchte: »Mich würde es schaudern, wenn ich da noch arbeiten müsste«, das meine ich tatsächlich! Aber so denkt eben ein Rentner. Die Umstände vor einem halben Jahrhundert waren zwar andere – es gab weder Personal Computer noch Smartphones, nicht mal Handys, keinen Gender-Unfug und das Wort Dummwort Narrativ war nicht gebräuchlich – aber die Menschen sind von der Psyche her immer noch die gleichen. Wer damit zurechtkommt, wird auch in unseren Tagen erfolgreich sein. Doch zurück zum Buch: Mir liegt sehr daran, die oftmals peinlichen Situationen von ungünstig beschriebenen Personen und Unternehmen nicht ans Licht zu zerren, weshalb kleine Anpassungen nötig werden. Dies ändert jedoch nichts am Wahrheitsgehalt der Story. Bevor wir einsteigen, sollte ich noch ein Geständnis ablegen. Als Autor musste ich mich regelrecht von schweren geistigen Ketten befreien, die ich als eher mittelmäßiger Notensammler einst im Fach Deutsch mit mir fast lebenslang herumschleppte. Stark behindernd empfand ich die vogelwilde Grammatik. Sie ist mir im Grunde bis heute ein allgegenwärtiger Hemmschuh beim Schreibhobby geblieben. Damit haben wir uns vorsichtig meiner Bitte an die Leserin, den Leser genähert, bei entdeckten Schwachstellen im Text doch Nachsicht zu üben. Glücklicherweise kommt es beim Schreiben vor allem auf Inhalt und Ideenreichtum an. Mangelt es daran, kann selbst die tadelloseste Grammatik nicht helfen, und auch kein richtig gesetztes Komma. Als exemplarischer Sturkopf gegenüber dieser, für mich konfliktträchtigen deutschen Grammatiklehre, dürfte ich eigentlich weder Gedicht noch Text veröffentlichen, wegen unzureichender Kenntnisse akademischer Spielregeln. Vermutlich möchten jetzt abertausende studierte Germanisten heftig mit den Köpfen nicken? Ätsch! Ich riskiere es trotzdem, und zwar ohne mit dem Buch durch eine grammatische Waschstraße zu fahren, wo Lektoren eifrig Texte schrubben. Das war es schon; es ist raus! Nun aber viel Vergnügen bei der Lektüre! Und bitte immer bedenken, es begann vor einem halben Jahrhundert, das waren andere Zeiten!

Beim Schreiben sind es doch immer wieder die gleichen Wörtchen, die wie abgenützte, verstaubte Requisiten im Wege stehen, die man aber nicht umgehen kann: doch, immer, wieder, aber, man, nicht, kann, ich, und, und ...

Übrigens, die eingestreuten Kurztexte sind meinem Buch entnommen: »Die Hirnsteinsammlung – 2500 Sprüche und Denkhappen, grenzenloses Puzzle über Gott und die Welt«.

Lehrjahre

Endlich! Geschafft! Die lange, sechsjährige Internatszeit war zu Ende. Meine Eltern waren gekommen, mich abzuholen. Die Anspannung, die mich während der Abschiedsfeier als Klaviersolist gefangen hielt, war nun von mir abgefallen und glücklich über das gute Ende eines bewältigten Lebensabschnittes, stopfte ich das Federbett in den Kofferraum zu meinen anderen Habseligkeiten. Ein letzter Blick aufs vertraute Gemäuer, dann fuhr Vater los. Anno 1959 war ich siebzehn Jahre alt, ein augenscheinlicher Stenz dazu, und nun wartete nichts weniger Furchterregendes auf mich als jenes dumpfe Gefühl, welches ich als Elfjähriger hatte, als Vater mich einst im Knabeninstitut Heilig-Kreuz zu Donauwörth abgeliefert hatte. Mein künftiges Erwerbsleben lag wie ein lauerndes Gespenst vor mir: schemenhaft, aber höhnisch grinsend, als möchte es mir zischen: Mach dich darauf gefasst, deine schönste Zeit ist vorbei, jetzt beginnt der Ernst des Lebens! Aus solcherlei düsteren Gedanken riss mich Vaters unvermittelte Frage, bei halbseitig nach rückwärts, zu mir gedrehten Kopf: »Und was wirst du jetzt beruflich machen?« Ich war baff, besser gesagt schockiert, meinte in einen Abgrund zu fallen. Mutter griff ein: »Na, Gerhard wird seine Lehre bei uns im Geschäft machen, wenn er es sich nicht anders überlegt hat –?« Das klang vertraut; so war das schließlich mit mir geplant, solange ich mich zurückerinnern konnte, und mir entkam leicht verdattert in Richtung Fahrer: »Ja, eigentlich schon, was denkst DU denn?« »Was ich denke? Du bist noch viel zu jung, um bei uns im Laden zu versauern, die Welt ist groß. Such dir was Gescheites, das Geschäft läuft dir ja nicht davon.« Unfassbar, wie mir plötzlich der Teppich unter den Füßen weggezogen war. In mir herrschte Panik; zu sagen hatte ich während der Fahrt nichts mehr. Nie wurde über etwas anderes gesprochen, immer stand fest, meine Zukunft läge im elterlichen Lederwarengeschäft. Auch die heimlichen Pläne von Filialen im Umland – Eichstätt, Treuchtlingen zum Beispiel – oder einen Lederwaren-Versandhandel, hatten sich bei mir eingenistet. Mit einem Schlage war ich nun arbeitslos, ehe ich damit begonnen hatte. Während andere Schulkameraden zur Uni nach München gehen wollten, hatte ich keine Ahnung, was ich nun machen sollte. Verzweifelt schrieb ich einige Bewerbungen, quasi an bekannte Großbuchstaben, die ich von Hauswänden kannte: MAN – SIEMENS – VEREINSBANK, alle in Nürnberg, sowie an die örtliche Sparkasse, den Notnagel. Von Siemens erhielt ich die Einladung zu einem ganztägigen Eignungstest. Da saßen etwa dreißig Bewerber an den Schreibpulten, wie zu Schulzeiten, und schon flatterten die Fragebögen daher – meine Güte!, was für ein Psychokram! An zwei markante Niederlagen kann ich mich gut erinnern: Leeres A4-Blatt – zeichnen Sie einen Baum. Sie haben 20 Minuten Zeit. Eifrig begann der Künstler in mir, zeichnete Stamm, verzweigte ihn zu Ästen; hoffentlich komme ich zeitlich hin?, meine Sorge. Kaum war zu erkennen, was das werden solle, ging da schon einer nach vorne, gab sein Blatt ab. Das gibts doch nicht, so ein fauler Kerl, dachte ich unwillkürlich, hatte ganz vergessen: Wir machen einen Eignungstest! Neugierig wollte ich hinterher wissen, was der Rivale abgegeben hatte? Einen mit wenigen Strichen skizzierten Baum, piktogrammartig, wie den laubgesägten Weihnachtsbaum am Christbaum. Volltreffer! Techniker sind keine Künstlertypen, weiß ich heute. Und wieder ein leeres A4-Blatt: Zeichnen Sie die Funktion eines WC-Spülkastens. Kinderleicht? Das schaffe ich als alter Mann noch nicht, habe es gerade versucht – obwohl ich unseren WC-Spülkasten kenne wie die Westentasche – der spinnt nämlich und ich werde noch verrückt mit ihm! Tja, ich bin eben kein geborener Techniker, damit muss ich leben. Das hatten sich wohl auch die Prüfer bei Siemens gedacht. Auch die Leute in den Personalabteilungen der MAN, wie in der Vereinsbank, schickten mir herzliche Absagen. Damals war Stellensuche Schwerlast, im Gegensatz zu anderen Zeiten, wo händeringend nach Lehrlingen und Mitarbeitern gesucht wurde. Etwa heutzutage, 2023, das wird sich leider wieder ändern! Mit ahnungsvoller Befürchtung öffnete ich den Umschlag der Sparkasse: Einladung zum Bewerbungsgespräch – hurra! Eingestellt als Lehrling mit dreijähriger Lehrzeit. Passt mir! Ein Stein fiel mir aus dem Hirnkasten. Zwar waren in meiner Vorstellung die erwähnten Unternehmen mit ihren imponierenden Großbuchstaben von viel größerer Bedeutung als dieses vertraute Sparkassengebäude in der Kleinstadt. Schnell aber lernte ich das enorme Prestige einer Sparkassenhauptstelle in einer Provinzstadt schätzen. Da konnte kein auswärtiges Unternehmen mithalten, denn die Giganten spielten kaum eine Rolle, die waren weit aus dem Blickfeld, somit nicht groß im Gespräch. Das tröstete mich, und klammheimlich schlich sich Respekt vor meiner neuen Lehrstätte ein, welcher in Herzklopfen endete, als ich dort anzutreten hatte. Ich zog meine besten Klamotten an: Anthrazit dunkle Hose, weinrotes Sakko (reine Schurwolle), roter Binder, schwarze Schuhe mit weißen Oberteilen – der Stenz aus dem Internat blickte in den Spiegel. Ich hatte nichts anderes, was tragbar gewesen wäre. Dezent aber war das nicht, und so richteten sich alle Blicke auf mich, als ich die Schalterhalle betrat, um mich am Tresen anzumelden. Ein Mitglied der Direktion begrüßte mich, und bei einem Rundgang durch sämtliche Abteilungen stellte mich der ältere Herr den Mitarbeitern vor. Etwas unangenehm empfand ich das, weil mich, den Sprössling einer altbekannten Geschäftsfamilie, kaum jemand kannte, obwohl ich doch ein Hiesiger war; ein Nachteil eben, wenn man zu lange im Internat steckte. Schließlich gelangten wir auch zur Türe Telefondienst und Empfang – sofort bekam ich eine gesunde Gesichtsfarbe; ich gab dem hübschen Jugendschwarm Waltraud die Hand, Traudl kannte ich durch meine Eltern, die mit ihrer Familie bekannt waren. Ihr Schuhgeschäft befand sich in derselben Straße, eine Hausnummer zuvor. Vor Jahren waren wir während der Weihnachtsfeiertage dort eingeladen. Für den nächsten Tag hatte ich mich mit Traudl zu einem Kinobesuch verabredet. Gezeigt wurde ungünstigerweise: Immer lockt das Weib, mit Brigitte Bardot, damals ein Skandalfilm erster Güte. Der Kinosaal war prallvoll, zwei Reihen hinter uns entdeckte ich meine Eltern – wie peinlich! Das war’s zunächst – ab ins Internat! Jetzt aber, in der Sparkasse, nahmen wir den Faden wieder auf und blieben lange Zeit eng befreundet, bis – dazu kommen wir später. Zu Beginn meiner Bankerkarriere kam ich in die Poststelle, einem Glasverschlag hinter dem Tresenblock,zu Herrn Gelbstaude. Bäh, wie es da seltsam roch. Damals hatte ich noch meinen Geruchssinn, den HNO-Werker ein paar Jahre später rabiat beseitigten. Gelbstaude war gehbehindert, eine gedrungene Person, mit der Angewohnheit furchtbar unappetitlich zu husten und sich ständig zu räuspern. Hing damit das Geruchserlebnis im Glaskasten zusammen? Das Fenster blieb grundsätzlich zu. Unsere Schreibtische standen sich in der kleinen Räumlichkeit unmittelbar gegenüber. Während in der Morgenpause mein Vorgesetzter Brotzeit machte, gesellte ich mich im WC zu den heimlichen Rauchern. Allzu gut vertraut durchs nächtliche Abenteuer der Raucherfans am Klofenster des Internats. Kam ich zurück in die Abteilung, lag meine Arbeit bereits auf dem Schreibtisch: zwei etwa zwanzig Zentimeter hohe Belegstapel. Diese sollten, von unten nach oben aufsteigend, nach Kontonummern sortiert werden. Na, wenn’s weiter nichts ist ... Nach einer halben Stunde stierte mich Gelbstaude fragend an. Was hat er nur?, fragte ich mich. »So langsam geht das nicht, da brauchen wir Hilfe, warte mal!« Er erhob sich schwerfällig, watschelte hinaus. Mit zwei Mädels aus der Kontokorrentabteilung kam er zurück und spornte die beiden an: »Zeigt es ihm mal!« Die jungen Damen griffen lachend zu und machten mich gnadenlos nieder. Wofür ich eine halbe Stunde gebraucht hatte, sortierten sie in fünf Minuten, ruckzuck ging das; mir blieb die Spucke weg. »Wie macht ihr das nur? Ich hab schon Probleme, die Kontonummer zu finden, die befindet sich auf jedem Beleg woanders – und die Zettel sind ja total durcheinander!« »Wir machen das schon länger, Übung macht den Meister!«, kam es mir entgegen. Ich bedankte mich, wollte noch wissen, ob sie mir auch weiterhin beistehen möchten? »Klar doch, machen wir«, das beruhigte mich sehr. Weil sich das Sortieren als tägliche Pflicht herausstellte, wandelte sich meine Beruhigung sehr schnell in helle Aufregung, oder sollte ich es besser Wut nennen, die mich erfasste, sobald ich die Stapel sah? Ich hasste diese tägliche Schmach meiner Langsamkeit beim Sortieren. Beim Addieren ging es leider vergleichsweise auch nicht viel flotter – ich sah tatsächlich artistische Hände an den Hebelmaschinen. So schnell konnte ich gar nicht gucken, wie die Damen die Zahlen eintippten, danach den Hebel zogen. Die Papierstreifen flossen unablässig von den Rollen und kringelten als Papierschlangen am Boden dahin. Hatte ich einen Wert aus den Kontoblättern addiert, schafften das die Sprinterinnen vielleicht drei bis viermal so schnell. Meine Sehnsucht galt deshalb dem Schalterdienst, dem Kontakt mit Kunden. Dahin war noch ein weiter Weg; erst im dritten Lehrjahr solle es dazu einige Male probehalber Gelegenheit geben. Es war den Ausgebildeten vorbehalten, mit Kunden zu sprechen, auch wenn es nur um Geldabheben oder um Einzahlungen ging. Als Lehrling besuchte ich an einem Tag in der Woche die Berufsschule, wo in einer speziellen Klasse auch Bankwissen vermittelt wurde. Wir hatten Hausaufgaben zu lösen, sowie ein Berichtsheft über unsere Arbeit im Bankinstitut zu führen. Gottfried, ebenfalls Lehrling, war mit mir eingestellt worden. Durch ihn lernte ich meinen neuen Freundeskreis kennen. Wegen der langen Internatszeit war ich ja buchstäblich entwurzelt; frühere Freunde waren weggezogen, ich hatte null Kontakt, was mich stark belastete. Umso größer war nun meine Freude, wieder Anschluss zu haben. Die folgenden Jahre erschienen mir beeindruckend reizvoll, was diesen Punkt betrifft. Auch Manfred lernte ich auf diese Weise kennen, mit dem mich eine jahrzehntelange Freundschaft verbinden sollte. Er lud mich damals zu seiner Gesellenfeier ein. In einer winzigen, abgelegenen Weinstube fand das Besäufnis statt. Dabei waren Gottfried, von uns Goofy genannt, Duddl, Boschlabär, Gerd, und Manfred als Gastgeber. Erstaunlich, welchen Umtrieb unser Grüppchen verursachte. Weinstube hin, Weinstube her – wir tranken nur Bier und Schnaps, die Kästen und Flaschen bei Fuß, reichliche Vorräte! Auf dem Nachhauseweg hangelten wir uns an Gartenzäunen entlang, mancher blieb an den Latten festgekrallt hängen, bis zur gemeinschaftlichen Errettung. Ja, das hatte mal sein müssen, sowas hatte ich vermisst und nun sehr genossen; sie war nicht von allzu langer Dauer, jene flegelhafte Jugendzeit. Im Laufe des Jahres ergab sich die Gelegenheit, eine Tanzschule zu besuchen. Ein auswärtiges Tanzpaar hatte im Wittelsbacher Hof den Saal gemietet und warb für den Tanzkurs. Manfred machte auch mit. Wir waren beide gute Tänzer, wenn man als Anfänger so daherreden darf. Unsere Tanzpartnerinnen verstanden Spaß, so verbrachten wir lustige Stunden miteinander. Am Abend des Abschlussballes erhielt ich die Nachricht, meine Partnerin sei plötzlich erkrankt. Da stand ich alleine da, es gab ja kein Lager für Ersatztänzerinnen. In letzter Minute vor dem Schautanz eilte der Farbkasten auf mich zu, dies war die aufreizende Partnerin des Tanzlehrers, nahm mich in ihre Führung und meinte: »Wollen wir’s miteinander versuchen?« Etwas überrascht entgegnete ich höflich: »Ja, sehr gerne, wenn Sie so mutig sind.« Und schon drehten wir uns in die tanzenden Paare ein. Jedenfalls waren wir das beäugteste Gespann auf der Tanzfläche, Trost muss schon sein! Leider gab es danach nur relativ selten Gelegenheit, das Gelernte zu festigen; ein paarmal Tanz im Saal der Gaststätte auf der Ludwigshöhe, ein andermal beim Betriebsausflug der Sparkasse in einem noblen Hotel in Coburg. Hier gab es eine gute Band und es wurde getanzt. Nach einigen Runden Foxtrott, Walzer, Rumba, hatte ich eine gleichaltrige Partnerin aufgefordert, welche, ebenso wie ich, erst vor kurzem die Tanzschule besucht hatte. Sofort bemerkten wir die präzise Übereinstimmung der Schrittfolgen; gelernt ist eben gelernt. Unerwartet startete die Band einen heftigen Boogie-Woogie. Welche Leute können so etwas Ausgefallenes richtig tanzen? Na, wir! Unser Schrittmuster passte, als hätten wir nie was anderes als Boogie-Woogie getanzt. Dieser Tanz braucht Raum, besonders wenn der Umlauf einsetzt. Am Ende tanzten wir ein Solo, alleine auf der Tanzfläche. Mein erster Boogie-Woogie – nicht auf dem Klavier, auf dem Tanzparkett – war ein toller Erfolg. Erfolgreich hatte ich auch meine Fahrprüfung für Pkw und Motorrad bestanden, die um diese Zeit herum stattgefunden hatte. Von den ersten üppigen Lehrlingsgehältern – schätzungsweise waren das höchstens siebzig Mark zu Beginn – sowie den vorhandenen Bodensatz in der Spardose, kaufte ich blindlings einen betagten Zündapp-Bella-Roller, 200 Kubikzentimeter. Der war so schäbig, dass ich ihm einen frischen Lack gönnte, der verschlissene Sitz bekam neues Leder verpasst, wozu ist der Vater Lederhändler? Zusammen mit Manfred holten wir den wie neu aussehenden Roller beim Lackierer ab; wir wollten nach Nürnberg fahren. Nach ein paar hundert Metern, am Ellinger Tor, machte Bella bereits Zicken. Bedrohlicher Rauch stieg in den Himmel, der Roller blieb kraftlos, qualmend stehen. Erschrocken suchten wir nach der Ursache. Hinter der Motorklappe, im Inneren, war das Schutzpapier beim Lackieren nicht entfernt worden, es erstickte den Vergaser, der uns dafür mit Rauch bestrafte. Alles paletti! Weiter ging’s nach Nürnberg. Ein andermal, beim rasanten Anfahren warf Bella den Manfred ab, sodass er in Kosakenmanier hinterdrein tappte – war er als Sozius ein schlechtes Omen für Bella? Schlimmer noch, als ich mit ihm nach Eichstätt unterwegs gewesen bin, noch oben auf dem Jura, vor den Serpentinen zur Stadt hinunter, fuhren wir einen Platten. Glücklicherweise hatte ich den Techniker an Bord: Manfred baute das Rad aus und wir schleppten es abwechselnd viele Kilometer zur nächsten Werkstatt. Mitgenommen hatte uns kein Mensch, nur dumm geguckt haben sie, die netten Zweibeiner hinter ihrem Steuerrad, verdammt nochmal! Zurück fuhren wir, o Wunder, sogar per Anhalter. Dieser Ausflug hatte uns gereicht; nachdem das Rad montiert war, machten wir kehrt und fuhren heimwärts. Damals wollte ich Waldi, einen Schulfreund in Wellheim besuchen, Manfred fuhr mit – ahnt man etwas? Im Ortszentrum kam ich in einer scharfen neunzig Grad Rechtskurve zu reichlich in die Straßenmitte. Kaum hatte ich die Korrektur begonnen, die Kurve gemeistert und wieder Sicht nach vorne bekommen, sah ich dem Tod gewissermaßen ins Auge; Manfred krallte sich an mich, ein Klein-Lkw fuhr unmittelbar auf uns zu. Ich reiße den Roller zur Seite, mein linker Arm geht dabei hoch und schlägt mächtig gegen die Front der Bordwand. Der Schlag verreißt die Lenkung und wir steuern, schleifen eher, wie verrückte Rennfahrer, in extremer Seitenlage in den rechtsseitigen Straßengraben hinein. Da liegen wir also, der Lkw war weitergefahren, Manfred meldet sich: »Mein Absatz ist weg ...« Ich denke: Der hat’s gut; mein Gedärm hängt heraus? Vor mir quillt es gelb aus dem neuen braunen Mantel hervor, mein Arm – gebrochen? Zumindest gefühllos, der Roller sieht seltsam aus, wie verbogen – Totalschaden? Verdammter Mist! Manfred steht vor mir: »Mensch, hatten wir ein Schweineglück!« Ich bin noch in der Bestandsaufnahme versunken: Das schockierende Gelb – nein, es sind keine Innereien, nur das Mantelfutter. »Aber mein neuer, teurer Mantel ist im Eimer und der Roller«, jammere ich. »Den schau’ ich mir gleich an – ist ja nur der verbogene Lenker.« Eingeklemmt zwischen seinen Beinen versucht Manfred den Lenker auszurichten, was nur ansatzweise gelingt. Mit eigentümlichen Gefühlen setzten wir die Reise fort, fuhren bei eingeschlagener Lenkung geradeaus. Mein Arm tat mir nun ordentlich weh und schwoll immer stärker an, bis zur dicken Nudel, die im Hemdsärmel kaum mehr Platz hatte. Gebrochen war er nicht. Mein neuer Mantel bereitete mir die größte Sorge: In einem herabhängenden Triangel zeigte er sein orangegelbes Innenleben. Vielleicht kann Traudl es reparieren? Ja, sie konnte, kunstvoll sogar. Meine Eltern hatten nichts mitbekommen, das war mir das Wichtigste. So unbeschwert mein neuer Lebensabschnitt mir schien, so hatte ich doch eine tiefgründige Sorge: Mutters Gesundheitszustand war mir zum Rätsel geworden. Sie war damals 42 Jahre und von blühendem Aussehen, dazu eine beliebte Geschäftsfrau, die mit Menschen gut umgehen konnte und kein Typ von Traurigkeit. Trotzdem war es seit vielen Jahren so, dass sie von einer Minute auf die andere, total verändert war. Oft hatte ich es erlebt, wie sie im Laden mit der Kundschaft scherzte, lachte und bester Laune schien, aber gleich darauf als menschliches Wrack zu uns zurückkam. Da waren sie wieder, ihre unerklärlichen Schmerzen, die spontane Bettlägerigkeit, der Hausbesuch des Arztes, die Einweisung ins Krankenhaus. Das geschah mit zunehmender Regelmäßigkeit. Im Laufe der Zeit kamen Klinikaufenthalte in Ingolstadt hinzu, später auch in München, wo sie schlimme Torturen ausstehen musste: beispielsweise häufige Rückenmarkpunktionen, dabei kopfüber aufgehängt. Im Mai 1960 befand sie sich wieder mal im örtlichen Krankenhaus, wo ich sie täglich besuchte. Mutter hatte wohl Krebs, einen Darmverschluss, der ihren Bauch unvorstellbar anschwellen ließ und ihr unbändige Schmerzen bereitete, welche nur mit Morphium zu lindern waren. Ende es Monats, an einem strahlenden Fronleichnamstag, war sie gestorben. Eine Welt stürzte in mir zusammen; Mutter war der starke Anker, das zuverlässige Band gewesen, das die Familie zusammenhielt. Nun ahnte ich, dass es endgültig gerissen war. Diese düstere Ahnung sollte sich leider erfüllen. Meine Oma, die ihre einzige Tochter verloren hatte, litt sehr darunter, das sah ich ihren stark geröteten Augen an, wenn sie zu uns kam. Anmerken ließ sie es sich jedoch nicht, sie blieb weiterhin eine eiserne Ankerkette; ohne sie wäre der Verlust beinahe unerträglich gewesen. Auch für Vater war der Tod seiner Frau eine Katastrophe, er geriet schier in Verzweiflung, weil er sich außerstande sah, den Verkäufer zu spielen, der er ja auch nicht war. Ihm blieben nur eine Verkäuferin und ein weiblicher Lehrling. Was lag da näher, als mir zu eröffnen: »Gerhard, du musst die Sparkassenlehre aufgeben und die Lehre bei mir fortsetzten; es geht nicht anders!« Da war er wieder, jener Abgrund, in den ich stürzte – Scheiße, dachte ich. Mein Vater, der Erfinder der kombinierten Ausbildung, ließ nicht locker, also gehorchte ich. Als Leckerchen stellte er mir vorab ein dreimonatiges Praktikum in der Lederfabrik Kromwell in Nürnberg in Aussicht: »Das wird dich zum Lederfachmann machen!« Nach einjähriger Ausbildung hatte ich die Sparkasse verlassen und setzte die zweijährige Restlehrzeit im elterlichen Geschäft fort. Zum fachlichen Einstieg hatte mir Vater das Praktikum besorgt, sowie ein Zimmer Nähe der Lederfabrik, in Nürnberg-Mögeldorf. Als ich damals den Fabrikhof betrat, stank es mir aus dem Backsteingebäude kraftvoll entgegen. Pfui Teufel – wohin kommst du jetzt? Während einer kurzen Führung durch die Fabrik gelangten wir in die Gerberei. Von daher kam also der Duft! Dort gingen bei mir fast die Lichter aus; so hatte ich mir das nicht im Traum vorgestellt, was es hier zu riechen, vor allem auch, zu sehen gab. Waren das Menschen, die dort die blutigen Fleischlappen schleppten und in die stinkenden Jauchebecken warfen? Ihnen hingen die losen Teile der Rohhäute grausam unappetitlich vom ganzen Leib herab, als wären sie eben selbst aus der Stinkbrühe der vielen Betonbecken herausgezogen worden; Abortmänner sind dagegen Schönheiten. Schnell weiter! Weg aus dieser düsteren, höllischen Abteilung. Man hatte wohl meinen gequälten Blick bemerkt? »Hier brauchen Sie natürlich nicht zu arbeiten.« Sogleich schien mir wieder Sonne ins Gemüt. Woanders liefen die unansehnlichen Tierhäute durch breite Maschinenmäuler, wo sie von groben Fleischresten befreit wurden, bevor sie ihren Weg in die Gerberei fanden. Wir stiegen die Treppen hoch, der Gestank blieb unten. »Hier, in der Spalterei, werden Sie ihre ersten Erfahrungen sammeln können.« An lauten Maschinen, in denen ein endloses, scharfes Bandmesser lief, legten jeweils zwei Arbeitskräfte die gegerbten Leder plan auf die Anlagetische, um dann das Leder langsam den Messern zum Fraß reinzuschieben. Dabei spaltete das Messer die Haut in Ober- und Unterhaut. Die Unterhaut, das sogenannte Spaltleder, ist das billigere Leder, weil es nur aus gröberen Fasern besteht. In einer anderen Abteilung, der Veredelung, wird dieses Spaltleder aufgepäppelt, es erhält in Pressen eine lederähnliche Oberflächenstruktur eingepresst. Dafür stehen riesige Prägeplatten mit unterschiedlichen Mustern zur Verfügung. Schließlich gibt es noch Räumlichkeiten, wo auf das künstlich geprägte Leder noch Farbe aufgespritzt wird und schlussendlich eine transparente Lackierung erfolgt. Zwischendurch streiften wir den Arbeitsbereich, in denen Frauen Häute auf große Metallrahmen spannten, um das Leder längere Zeit zu dehnen. Anderswo wurde in Trommeln gewalkt, wenn etwa weiches Leder gewünscht war. Meine Aufgabe wurde mir damit erklärt: »Sie machen einfach dort mit, wo Not am Manne ist, hier oben gibt es viel zu tun.« Meine Flausen waren rasch ausgetrieben: Von früh bis spät, bei nur kurzen Pausen, war ich Handlanger oder Fließbandarbeiter; die Zeit schien mir zu stehen. Immer die gleichen Handgriffe, stundenlang, tagelang, wochenlang. Und Ähnliches dann in der nächsten Abteilung. Vom ersten Gehalt kaufte ich eine alte BMW Isetta. Die stand beim Füglein im Schaufenster: altes Modell mit großer Heckscheibenkuppel, 300 Kubikzentimeter, Farbe Gelb, bereits einmal um den Globus gefahren, leicht angerosteter Blechschaden auf der linken Seite. »Ein echtes Schnäppchen!« Für sechshundert Mark in Wahrheit ein überteuerter Spaß. Egal, ich war verrückt geworden vor Kauflust. Den Roller hatte ich supergünstig verscherbelt; welch tüchtiger Kaufmann war ich doch! Aber jetzt konnte das Praktikum mir nichts mehr anhaben – ich war glücklicher Isetta-Fahrer. War das schon ein Auto? Schwer zu sagen, jedenfalls machte mich das Gefährt erfahrungsreich. Die drei Monate waren vorbei, sodass mir nun die Lehre daheim bevorstand: Zwei Jahre lang den Ladenlümmel machen, zuständig sein für alles, was andere nicht so mögen, Pakete mit dem Leiterwägelchen vom Postamt holen – über Kopfsteinpflaster damals, heute geteert, Schaufenster dekorieren, Altpapier und Kartons wegfahren – im Leiterwägelchen! Jahre zuvor waren noch Pferdewagen mit giebelförmiger Plane unterwegs, gezogen von stämmigen Gäulen, die Speditionsgut anlieferten. Etwa Holzkisten, schwere Gummi- und Lederrollen für die Lederhandlung. Wir waren bei meinen Arbeiten, die sich anboten: Wochenlang Regale aus Dachlatten bauen, fürs Kofferlager im Hinterhaus. Filzsohlen in gängigen Schuhgrößen aus großen Filzplatten ausstanzen (wir hatten ja auch noch die Lederhandlung). Und nicht zuletzt Ware verkaufen, wenn Ingrid, die Verkäuferin, nicht die Kundschaft wegschnappte; das machte mir aber nicht viel aus. Lederhandschuhe für Damen – das waren Utensilien, die ihr besser lagen; man half da bei der Anprobe. Koffer – das sind die rechten Artikel für den Mann! Au weh, da kommt doch so eine Schreckschraube mit einem uralten Lederkoffer herein –Verzeihung wegen des Ausdrucks, aber es war tatsächlich eine – wir sind doch kein Trödelladen, wir möchten verkaufen, dachte ich. »Herr, an diesem Koffer fehlt ein Eckschutz – sehen Sie mal – können Sie das reparieren?« Bei der Anrede »Herr« verspürte ich ein unangenehmes Bauchgefühl: Diese Person könnte problematisch werden. Sie war sehr altbacken, obwohl sie eigentlich gar nicht so alt sein mochte, so schätzungsweise Mitte dreißig. Haarknoten am Hinterkopf – nennt sich so etwas Dutt? – runde Nickelbrille, strenger Gesichtsausdruck, langer Rock, grau, eigentlich war alles grau. Das Koffereck war ursprünglich angenäht, deswegen sagte ich: »Wir könnten ein Koffereck annieten – Moment mal, bitte (ich holte eines und zeigte es ihr). Das Eck ist leider etwas dunkler als ihr Koffer, aber der ist ja nicht mehr der Jüngste, wäre also gar nicht so schlimm – oder?« »Herr, das ist ein wertvolles Stück, reparieren Sie es, so gut es geht, mein Name ist Dugdanoff – wie lange wird es dauern?« »Acht Tage – auf Wiedersehen, Frau Dugdanoff!« Derartige Kleinreparaturen machte ich selber, schwieriges ging zu einem Sattler. Den alten, verschlissenen Koffer wertvoll zu nennen, war schon starker Tobak, schlicht eine Anmaßung für diesen Sperrmüll. Ich nietete also das fremde Koffereck an und ließ es gut sein. Pünktlich nach acht Tagen erschien die Kundin. »Frau Dogdanoff, hier ist das gute Stück«, ich stellte es ihr zu Füßen. »Oh! Herr, was haben sie gemacht, das passt doch nicht zu diesem Koffer, das fällt doch auf!« Da erklärte ich, dass ich ihr die Kofferecke gezeigt habe und auch von der Vernietung gesprochen hätte. »Herr, mein Herr, der wertvolle Koffer ist zerstört; ich kann das nicht akzeptieren; sie müssen mir Ersatz leisten, was möchten sie mir vorschlagen?« Ich hielt das anfangs für den Versuch, die Reparatur gratis zu bekommen und spaßeshalber zog ich einen wirklich teuren, wertvollen Lederkoffer heraus und fragte sie leicht spöttisch: »Wäre das der Richtige?« Die Dame beugte sich zum Prachtstück hinab und musterte es von allen Seiten, schaute es sich auch innen an, dann meinte sie: »Damit wäre ich einverstanden.« »Und Ihr schönes Stück?«, fragte ich mit Galgenhumor. »Den dürfen Sie behalten, ein Koffer genügt mir.« Vater saß derweil uneinsehbar hinter seinem Schreibtisch und war Zeuge dieser Verhandlung, die sich immer mehr hochschaukelte und höchst skurril geworden war. Etwa eine halbe Stunde lang bestand Frau Dogdanoff auf den hochpreisigen Austausch. Spaß halber vorgestellte billige Pappkoffer hatten bei ihr keine Chance. Vater war die Geduld gerissen und kam in den Laden. Sogleich schoss Frau Dugdanoff auf ihn zu und versuchte alles nochmal von vorne. Mein Vater erwies sich in dieser Situation als brutaler Stratege. Haut er jetzt zu? Nein, er packte den Schrottkoffer, ging wortlos auf die Straße hinaus, wartete, bis die Luitpoldstraße frei war und stellte den Koffer mitten in der Verkehrsstraße ab. Die Autos wichen dem seltsamen Fremdkörper vorsichtig aus – was für ein Schauspiel! Schweigend ging Vater an uns vorbei; bevor er verschwand, drehte er sich kurz um, zeigte mit ausgestrecktem Arm zur Ladentüre – das war’s. Frau Dogdanoff war sprachlos, hochrot im Gesicht, nahm das Angebot nervös an und verschwand. Solch ein Erlebnis vergisst man nicht, ich muss immer wieder mal dran denken, vermutlich geht es Frau Dogdanoff ebenso. Eines Tages hatte ich ein Déjà-vu-Erlebnis: Ein gutgekleideter Herr betrat den Laden, bat mich, mit ihm ans Schaufenster zu gehen. »Ich möchte diesen Lederkoffer kaufen – zu 4,95 Mark.« Er erinnerte mich spontan an Fall Dogdanoff und ich bekam eine Vorahnung. »O, das Preisschild ist von dort oben heruntergefallen, es stand beim Kofferanhänger; der Koffer kostet knapp 250 Mark.« »Das ist mir gleich, was der kostet, für mich zählt, wie er ausgezeichnet ist.« Im Laden ging es pro und contra einige Zeit weiter, da wurde es dem Chef in seiner Ecke zu bunt; er tauchte plötzlich auf und meinte: »Das Einzige, was sie jetzt noch günstig bekommen können, ist mein guter Rat – dort ist die Türe!« Dieser Spinnenfresser war so aus der Fassung gebracht, dass er zu stottern begann und Rückzugsbewegungen anstellte, als würde ihn jemand dauernd anschubsen; endlich war er draußen. Eines der Highlights im mürben Alltagstrott war das Weihnachtsgeschäft. Dann war zeitweise der Laden zum besten gefüllt und alle, inklusive Oma als Aushilfe, hatten alle Hände voll zu tun. Das machte mir so richtig Spaß, sogar Papa kam in Fahrt, verkaufte schon mal Damenhandtaschen und Stockschirme, die gerade stark in Mode waren. Sein Auftritt war interessant, wenn er die Tasche attraktiv an seine Seite hielt, den Stockschirm in der anderen Hand demonstrierte. Hat man so etwas öfter gemacht, tut es einem nicht mehr innerlich weh. Erfreulich fanden wir es, wenn die Regale möglichst viele Lücken zeigten; dann musste eben wieder eingekauft werden. Dazu fuhren wir jährlich nach Offenbach zur Lederwarenmesse, auch Ingrid war dabei. Unser Chef schien wenig Mut bei der Auswahl an den Messeständen zu besitzen. Er überließ das uns; erstaunlicherweise mir am ehesten. Ingrid war viel konservativer als ich. Meine unmögliche Wahl war erfahrungsgemäß meist zuerst verkauft, dies war der einzige Grund, warum mich Vater gewähren ließ. Im Offenbacher Umland ergab sich auch mal die Gelegenheit, eine kleine Handtaschenfabrikation zu besichtigen. Ich sah, wie die Zuschnitte gemacht wurden, die Pappe, das Futter aufgelegt, und schließlich die Teile vernäht wurden. Bügel und Schlösser einzusetzen, das praktizierte ich ja selber bei kleineren Reparaturen. In mir war der Täschner erwacht, prompt wollte ich solche Teile selbst mal anfertigen. Zuvor musste ich allerdings zwei defekte, museumsreife Nähmaschinen wieder in Schwung bringen. Sie standen, total eingestaubt und versponnen, im Lederlager. Zuerst reinigte, polierte, ölte ich die Maschinenmonster. Dann – weiß der Kuckuck, wie – brachte ich sie tatsächlich auch zum Nähen. Vater konnte es kaum glauben, als ich ihm die Erfolgsmeldung machte. Sein Lob war schließlich ungewöhnlich, da selten. Auch die von mir entworfene und fabrizierte Handtasche nebst einer riesigen, weinroten Unterarmtasche entlockten ihm wohlwollende Zustimmung. Obwohl die sichtbare Seitennaht etwas wellig geraten war, trug meine Freundin Traudl die Tasche stolz herum; sie kam tatsächlich damit an. O ja, man hätte so viel damals anstellen können, es aber lieber sein lassen, wie es war. Privat fuhr Vater inzwischen häufig übers Wochenende nach Nürnberg, zu Bekannten. Etwa ein Jahr nach Mutters Tod entpuppten sich die Bekannten als meineneue Stiefmutter, Vater hatte wieder geheiratet. Ich fand das damals ok, Oma übrigens auch. Rosa, eine Witwe, erwies sich leider für alle Beteiligten als harscher Fehlgriff: eine sprichwörtliche Stiefmutter ungekannten Ausmaßes für mich, ein resolutes Instrument für den waschechten Pantoffelhelden, der schon sehr bald nichts mehr zu melden hatte. Nicht gleich zu Anfang, doch relativ zügig, offenbarte sich ihre Streitsucht; wie war mir das zuwider! An Heiligabend saßen wir beispielsweise mit Oma zusammen. Das war nicht nur für Oma ein besonderes Fest – da bezichtigte mich Rosa, völlig aus dem Nichts heraus und zusammenhanglos, ich hätte meinen älteren Braun Elektrorasierer mit Vaters gleichen, aber neueren Rasierer, absichtlich vertauscht. Während ich explodierte, weil das eine unverschämte Lüge war, begann Vater, sich auf Rosas Seite zu schlagen, hielt den Vorwurf für sehr wahrscheinlich. So begann eine gnadenlose Streiterei, die sich auf alles Mögliche und Unmögliche ausweitete. Rosa war in ihrem Element. Oma weinte Rotz und Wasser und ich begleitete sie nach Hause. Kein Einzelfall – ein typischer! Viel später gestand mir Vater, er hätte ihr einmal den Koffer symbolisch vors Haus auf den Gehsteig gestellt – wir kennen ja solche Geschichten bereits, aber Rosa hätte nur schrill aufgelacht: »Das würde dir so passen!« Also genützt hat das gar nichts, umso mehr spielte sie sich als Madame auf. Den Höhepunkt ihrer Scheinheiligkeit demonstrierte sie mir und meiner Frau in der Aussegnugshalle, vor dem Schaufenster, hinter dem Vater aufgebahrt lag. »Mein liebes Josefle – mein liebstes Josefle ...« Dabei klebte sie an der Glasscheibe, an Theatralik nicht zu überbieten, herzerweichend für die Trauergäste! Ich hingegen fand diese Vorführung widerlich. Ihr Mann hatte nichts mehr zu lachen gehabt und durfte auch uns in München nicht besuchen, wie in einem seiner Briefe verklausuliert zu entnehmen war. Mir gegenüber ging Rosa auch nicht zimperlich um. Noch zu Vaters Lebzeiten, als ich aus München kam und noch häufig in meinem Zimmer übernachtete, war eines Tages mein Bett verschwunden – eine wirksame Maßnahme, mich loszuwerden. Doch kehren wir in meine Lehrzeit zurück. Im Geschäft war Rosa, die ehemalige Krankenschwester, zur Verkäuferin und Chefin mutiert; sie beherrschte das Geschehen. Mir war’s im Grunde egal, ich hatte meine private Ablenkung durch den neuen Freundeskreis, und alle Gedanken konzentrierten sich auf die erste große Liebe, auf Waltraud. So konnte ich relativ gut mit den argen Veränderungen seit Mutters Tod fertigwerden. Sonntag Nachmittag, gegen 15 Uhr klingelte es. Vater schob sich vor mich und öffnete selbst die Haustüre. Es war Duddl mit seiner Schlägerkappe, er wollte mich abholen. Augenblicklich haute Vater dem jungen Mann wortlos eine saftige Watsche ins Gesicht, dass ihm die Kappe wegflog. Ich, der als Zeuge danebenstand, entrüstet: »Du spinnst wohl –!« Schon empfing ich blitzartig einen Schlag von gleicher Qualität – ohne Kommentar; Vater redete nicht viel. Wie kam es dazu, wird man jetzt fragen? Tags zuvor, am Samstag, besuchte ich mit meinen Kumpels den Ball des Radsportvereins Germania. D