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Was hat der Tod mit dem Leben zu tun? Den alltäglichen Lebensfluss gelingend zu meistern, bedeutet, Unbeständiges ins Leben zu integrieren, Neues willkommen zu heissen und dabei auch etwas zurückzulassen. Diese kleinen und grossen Verlusterfahrungen sind natürliche Übergänge und Veränderungen, die sich in all unseren Lebensphasen manifestieren und Teil unserer Entwicklung sind. Nicht immer sind diese Erfahrungen leicht. Wenn zum ersten Mal eine Freundschaft in die Brüche geht, wenn wir mit Ausgrenzung oder Mobbing konfrontiert sind oder sich Lebensumstände massiv verändern, bis hin zur Erfahrung von Endlichkeit durch den Tod eines Tieres oder geliebten Mitmenschen. Manche Erlebnisse haben nicht zwangsläufig mit dem Tod zu tun, dennoch stehen sie im Zusammenhang mit Sterbensprozessen. Der Tod gehört mitten ins Leben. Dieses Buch möchte Anstoss geben für eine Auseinandersetzung mit dem Leben und die darin enthaltene Vergänglichkeit. Es gibt Anregungen für den Umgang mit Endlichkeit und Trauerbewältigung sowie Inspiration für persönliche spirituelle Themen. Theoretische Inhalte werden begleitet von den fiktiven, jedoch vom wirklichen Leben inspirierten Lebensgeschichten der Protagonisten Finn und Laura, und versinnbildlichen verschiedene Lebensphasen mit Verlusterfahrungen. Daneben geben Interviews mit Menschen, die von ihren Erfahrungen im Umgang mit Tod erzählen, einen Einblick in ihren Weg durch die Trauer.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2024
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1 EINLEITENDE GEDANKEN
2 VERGÄNGLICHKEIT
3 STERBEN, UM LEBEN ZU KÖNNEN
3.1 FREUNDSCHAFTEN
3.2 ENTTÄUSCHUNGEN
3.3 AUSGEGRENZT
3.4 TRAUER IM ALLTAG
3.5 WANDEL
3.6 VERLUSTERFAHRUNG
3.7.1 Materieller Verlust
3.7.2 Verlust des Arbeitsplatzes
3.7.3 Unerfüllte Erwartungen ans Leben
3.7.4 Trennung, Scheidung
4 SCHAM, SCHULD, WUT
4.1 SCHAM
4.2 ENTWERTUNG UND SCHULDGEFÜHLE
4.3 ABGESTÜRZT
4.4 KONFLIKT, SCHULD UND VERANTWORTUNG
4.5 TÄTER -OPFER-AUSGLEICH
4.6 VERSÖHNUNG
4.7 SELBSTERKENNTNIS
4.8 FLUGZEUGABSTURZ
4.9 SCHULD UND TRAUER
5 TRAUERPROZESSE
5.1 LOSLASSEN UND TRAUER
5.2 TRAUERPHASEN
5.3 TRAUER UND TRAUMA
5.4 LAURA
5.5 FINN
6 LEBEN, UM STERBEN ZU KÖNNEN
6.1 WARUM LEBEN WIR
6.2 LEBEN UND STERBEN
6.2.1 Würde und Alter
6.2.2 Früher Tod und Lebensfragen
6.2.3 Leben und Sterben mit Haustieren
7 KLEINE UND GROSSE HELFER
7.1 VERTRAUEN INS LEBEN
7.2 TRAUER DURCHLEBEN
7.3 LIEBE UND SELBSTLIEBE
7.4 REDEN UND SCHWEIGEN
7.5 NAHRUNG
7.6 ERHOLUNG
7.7 ORIENTIERUNG
7.8 GEDANKENREISE - MEDITATION
7.9 AFFIRMATIONEN
7.10 UNAUSGESPROCHENES UND ERINNERUNGEN
8 LEBENSKURVEN
9 LITERATURANGABEN
Leben wir, um sterben zu können, oder sterben wir, um leben zu können? Wir wissen, dass das Leben vergänglich ist. Doch leben wir auch das Vergängliche?
Was hat der Tod mit dem Leben zu tun? Kann oder soll Sterben als Ziel des Lebens bezeichnet werden? Geschieht es einfach? Können wir Sterben üben? Gehört das Sterben zum Alltag oder ist es schlicht das Lebensende?
Dieses Buch möchte Anstoss geben für eine Auseinandersetzung mit dem Leben, den allgegenwärtigen Veränderungen und die darin enthaltene Vergänglichkeit, was zwangsläufig auch den Tod ins Licht rückt. Provokativ behaupte ich: Je besser wir im Alltag mit Abschied und Sterben umgehen und die Vergänglichkeit integrieren können, desto besser können wir uns auf den eigenen Tod und vielleicht auch auf den Tod von uns nahestehenden Menschen vorbereiten, was wiederum unser Leben belebt und bereichert.
Trauer braucht nicht unbedingt eine (psycho-)therapeutische Betrachtungsweise. Trauer ist Ausdruck von Verlust und Schmerz, und sie darf und soll therapeutisch begleitet werden, wenn die persönliche Situation ein stimmiges Regulieren (noch) nicht zulässt, oder jemand möchte auf fachliche Unterstützung zugreifen. Was ich meine, ist, dass Trauer nicht per se Ausdruck eines therapeutischen Prozesses bedeuten muss. Auch im Leben finden wir Antworten, die uns stärken. Ich rege an, sich auf Lebensfragen wie die nach dem Sinn des Lebens, oder ob es ein Leben nach dem Tod gibt, einzulassen und mit ihnen auf Spurensuche zu gehen. Ich beleuchte die Trauer, bringe Sterben und Trauer in einen alltäglichen Zusammenhang und sensibilisiere für die Prozesse und Emotionen dazwischen. Manches Erleben hat nicht zwangsläufig mit dem Tod zu tun, und dennoch steht es im Zusammenhang mit kleinen Sterbensprozessen. Diese Spotligthts, mit den Ende des Buches zu findenden Ideen und Anregungen zum Umgang mit der Trauer, liefern den Schlüssel zu einem womöglich verborgenen Schatz.
Damit wir uns nicht in der Theorie verlieren, stelle ich die beiden Protagonisten Finn und Laura vor, welche diese Prozesse stellvertretend durchleben und dabei Lebensabschnitte und Phasen versinnbildlichen, die wir aus unserem eigenen Leben kennen mögen und die Aspekte der Trauer beinhalten. Dies kann schon sehr früh beginnen, deshalb beginnen die ersten Einblicke in Finns und Lauras Leben im Kindesalter. Ihre Erlebnisse sind aus dem wirklichen Leben inspiriert.
Mein sozialpädagogischer Hintergrund, verbunden mit dem Wissensfundus als Trauer- und Sterbebegleiterin und Trauerrednerin, liefern die Basis der praktischen sowie theoretischen Ausführungen. In vielen Begegnungen mit Menschen durfte ich von ihren Ressourcen lernen, aber auch erfahren, dass die Trauer von kleinen und grossen Sterbensprozessen die Lebensfreude nachhaltig hemmen kann. Doch ist dies ein Lebensverlauf, mit dem wir uns abfinden müssen? Oder können wir Einfluss darauf nehmen, wie wir mit solchen Erlebnissen umgehen?
Vielleicht finden Sie in der nachfolgenden Vertiefung kleinere und grössere Bauteile, um Brücken zu den eigenen Herausforderungen und Veränderungen zu bauen, zu Lebenssituationen, die leidvoll und nachhaltig belastend sein können, wenn die Trümmer der Traueranteile unbeachtet herumliegen.
Ich schreibe über das Leben und den Tod, stelle Fragen und gebe Inputs und mögliche Antworten, die jedoch weder abschliessend noch allgemeingültig sind. Den Schlüssel zum passenden Schloss der Fragen darf sich jeder und jede selbst anfertigen.
Eine Blume verwelkt, der Tag vergeht, Jahreszeiten wechseln, Gedanken kommen und gehen, Lebewesen werden geboren und sterben. Vergänglichkeit findet sich täglich in unserer Umgebung, aber auch in unserem eigenen Leben. Schliesslich ist das ganze Leben Veränderung, und nichts ist beständig. Doch sind wir uns dessen bewusst, und wie gehen wir damit um? Was bleibt, sind die Spuren des gelebten Lebens – das macht zum Beispiel die Betrachtung der Jahresringe eines Baumstumpfes deutlich. Diese Maserung des Holzes verläuft nicht gleichmässig, genauso wie auch unser Leben nicht immer ruhig vor sich hinplätschert. Es gibt Unregelmässigkeiten in den Linien und Kurven. War es zu nass oder zu trocken? Kämpfte der Baum mit Krankheiten oder Schädlingen? Was sind unsere Herausforderungen und Krisen, und wie meistern wir sie?
Wenn ich an die Generation aus der Kriegs- und Nachkriegszeit denke, vergegenwärtige ich mir ihre Geschichten, die von Entbehrungen und vom omnipräsenten Mangel vieler Dinge geprägt waren, allem voran die Lebensmittelknappheit. Arbeit und Lohneinkommen waren keine Selbstverständlichkeit. Der Krieg steckte ihnen noch in den Knochen, und ihr Leben war von grosser Unsicherheit geprägt. Eine Familie zu ernähren, so dass sich die Kinder gesund entwickeln konnten, war eine Herausforderung. Wer Angst, Hunger und kein Platz zum Schlafen hat, versucht sein Überleben zu sichern und orientiert sich an diesen existenziellen Bedürfnissen.
Schon die nachkommende Generation durfte mit mehr Sicherheit in die Zukunft schauen, weil Grund- und Sicherheitsbedürfnisse nach Maslowscher Bedürfnispyramide1 befriedigt werden konnten. Abraham Maslow, ein berühmter US-amerikanischer Psychologe, spricht in seinem klassischen Fünfstufenmodell von Mangel- und Defizitbedürfnissen, die zuerst erfüllt sein müssen, bevor sie andere Arten von Bedürfnissen (Wachstumsbedürfnisse) anstreben können. Die Generation der Nachkriegszeit konnte körperliche Bedürfnisse wie Essen und Trinken decken (physiologische Grund- oder Existenzbedürfnisse). Nahezu jeder hatte ein Dach über dem Kopf und konnte sich in seiner Umgebung sicher fühlen. Arbeitsplatzsicherheit war und ist bis heute kein Garant für sicheres Einkommen, jedoch federt seit 1984 die vom Schweizerischen Bund errichtete Arbeitslosenversicherung die Auswirkungen einer Arbeitslosigkeit ab. Weitere Sozialversicherungen wurden bereits Jahrzehnte zuvor gegründet, wie zum Beispiel 1948 die AHV (Alters- und Hinterlassenenversicherung) und 1960 die Invalidenversicherung2 (Sicherheitsbedürfnisse). Dieser feste Boden unter den Füssen ermöglichte es, dass Freundschaften und Kontakte mehr Platz im Leben einnehmen und soziale Beziehungen gepflegt werden durften (soziale Bedürfnisse). Der Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung befriedigten die Individualbedürfnisse und liessen auch Persönlichkeitsentfaltung zu (Selbstverwirklichung). Verzicht war zwar kein Fremdwort, bezog sich jedoch meist auf materielle Dinge, die über die Grundbedürfnisse hinausgingen. Bevor man ein Fahrrad geschenkt bekam, musste man womöglich monate- oder jahrelang darauf warten. Die Vorfreude dauerte definitiv länger als heute.
Die jetzige Generation dagegen lebt in einer sehr schnelllebigen Zeit. Es gibt zwar individuelle existentielle Unsicherheiten, jedoch im Rahmen eines Sozialsystems. Gefühlt ist alles erschwinglich, ob tatsächlich leistbar ist eine andere Frage. Gemäss dem schweizerischen Bundesamt für Statistik waren im Jahre 2022 8.2% der Wohnbevölkerung also 702'000 Personen von Einkommensarmut betroffen.3 Die vermeintliche Sicherheit eines Sozialsystems verhindert keine Armut. Dies soll aber hier nicht weiter Thema sein. Mein Augenmerk richtet sich auf die schnelle Verfügbarkeit von Lebensmittel und Waren. In der Regel können individuelle Bedürfnisse rasch gestillt werden, und für die Selbstverwirklichung stehen viele Angebote bereit. Wenn alles greifbar, kaufbar und realisierbar ist, gibt es für die Stillung des individuellen Verlangens keine oder nur noch kurze Wartezeiten. Ein Fahrrad kann im Internet mit Direkt- oder Ratenzahlung bestellt werden, ohne dass man monatelang darauf sparen muss. Man muss für den Einkauf nicht einmal das Haus verlassen. Ein Klick in einem Online-Shop, und die Bestellung ist gemacht. Die Ware wird direkt nach Hause geliefert. Bequemer kanns nicht sein.
Auch der Wissensdurst kann im Internet durch eine Google-Suche effizient gestillt werden, während früher ein Stöbern in Büchern und Lexika nötig war. Das Warten hat ausgedient. Doch was macht es mit uns, wenn wir nicht mehr lernen zu warten und unbefriedigende Situationen auszuhalten? Die Toleranz gegenüber dem Aushalten von enttäuschenden Begebenheiten schwindet. Wir sind schneller frustriert. Um von diesen Gefühlen nicht überwältigt zu werden, braucht es eine Emotionsregulierung – die Fähigkeit, eine emotionale Erfahrung zu steuern und angemessen darauf zu reagieren. Also anstatt auf Frust (zum Beispiel wegen zu langen Wartens) mit einem Wutausbruch zu reagieren, braucht es eine (Emotions-) Steuerung, die uns hilft, die Situation zwar enttäuscht, aber gelassen hinzunehmen. Wenn wir die Erfahrung des Wartens nicht mehr üben müssen, rostet die Steuerung mangels Nutzung ein. Geringe Frustrationstoleranz und mangelnde Impulskontrolle sind die Rostflecken unserer Emotionen. Der Umgang mit Gefühlen kann und soll gelernt werden, um ihnen nicht vollends ausgeliefert zu sein. Wenn uns die Umwelt dabei wenig hilft, müssen wir unser eigenes Bewusstsein dafür schärfen und Strategien erlernen, die uns dabei helfen können.
In einer sicheren Welt zu leben, ist ein Privileg und wunderschön, keine Frage. Wenn jedoch das Denken für uns übernommen wird, weil zum Beispiel das Auto mit Vollbremsung stoppt, weil es findet, der Abstand zum vorderen Fahrzeug sei zu gering, oder es an allen Ecken und Enden piepst und warnt, weil die Mittellinie überquert werden könnte oder ein Abstand nicht nach definiertem Massstab der Autocodierung eingehalten wird, dann sind wir einer künstlichen Intelligenz ausgeliefert, welche absolute Sicherheit propagiert. Wollen wir das? Ähnlich sieht es aus, wenn die Medien warnen, dass wir uns bei heissem Wetter möglichst drinnen oder zumindest im Schatten aufhalten und besonders viel trinken sollen. Was streben wir als Gesellschaft an, wenn wir praktisch von garantierten Lebenssicherheiten ausgehen, die es so jedoch nicht gibt und nie geben wird? Verlieren wir dabei nicht eher den Bezug zum natürlichen Lebenskreislauf?
Nun, was hat das alles mit Trauer und Vergänglichkeit zu tun? Jeder Übergang in eine neue Situation beinhaltet Aspekte der Trauer. Vertrautes rückt in die Vergangenheit, Ungewohntes drängt sich in den Vordergrund, was womöglich Unsicherheiten in sich bergen mag. Wie wir mit Unsicherheiten umgehen, ist Teil unserer Lebenserfahrung, und in meiner Betrachtungsweise auch Teil des Umgangs mit Vergänglichem.
Vergänglich sein, bedeutet endlich sein. Irgendwann und irgendwo kommt es zu einem Schlusspunkt. Dieser kann berechenbar sein, so wie es der Wechsel der Jahreszeiten Jahr für Jahr aufzeigt. Wir alle wissen, dass nach dem Winter, der erstarrten Naturzeit, der Frühling kommt und mit neu keimendem Leben aufblüht. Vergängliches ist jedoch nicht immer berechenbar. Darin verbirgt sich Unsicherheit, weil sich eine Situation verändert oder verwandelt. Etwas stirbt – ein Gedanke, eine Lebenssituation oder ein Zustand. Hier sehe ich die Schwierigkeit in der heutigen Zeit. Wenn Sicherheit Alltagsgewohnheit bedeutet und sogar käuflich ist, entfernen wir uns vom Gedanken und Wahrnehmen, dass Ungewissheit Teil des Lebens ist. Selbst teilverwelkte Blumen werden um den Preis der Schönheit geknickt, bevor sie vollends verblühen dürfen. Es gibt nicht nur das Eine. Wo Licht ist, ist auch Schatten; wo es Leben gibt, gibt es auch den Tod. Das Vereinen und Verinnerlichen von beiden Anteilen kann Erleuchtung bringen. Nur die Sonne UND der Regen können die Farbenpracht eines Regenbogens erzeugen.
Die einzige Sicherheit, die wir haben, ist, dass wir alle sterben werden. Wann oder in welcher Form bleibt ungewiss. Warum haben wir Angst vor dem Tod? Weil es das absolute Ende ist? Das Ende von all dem, was uns vertraut ist? Das Übertreten in einen unbekannten Zustand? Die Angst, sich haltlos zu verlieren, als würden wir nach einem Traum in einem Land aufwachen, ohne die Sprache und die Kultur zu kennen, ohne Geld, ohne inneren Kompass? Wer sind wir zu Lebzeiten? Wir definieren uns über Namen, Beruf, Familie, Geld, Hobbys; wir sind Teil einer veränderbaren Biografie; wer oder was sind wir ohne diese Kleidungsstücke? Personen, die wir mehr oder weniger gut kennen, mit einer Hülle, die wir zu Lebzeiten geschenkt bekommen haben, um unser Dasein auf Erden zu gestalten. Mit dieser (eigenen) Person leben wir ein Leben lang zusammen. Wie gut kennen wir sie wirklich? Trauen wir uns, ihr nackt zu begegnen, in der tiefen Stille mit ihr allein zu sein?
was sich anhäuft, wird erschöpft, was aufgebaut wurde, wird zusammenbrechen,
und was hoch war, wird niedrig werden.»4
Sie sind der Meinung, das sei ein alter Hut? Es sei allen sonnenklar, dass wir sterben müssen, und vollkommen logisch, dass Vergänglichkeit zum Leben gehört? Wunderbar! Dann haben sie die Wahrheit der Vergänglichkeit verinnerlicht und verstanden, und leben und handeln im Alltag aus diesem Bewusstsein heraus. Ich für meinen Teil kenne die Trauer und die Prozesse der Vergänglichkeit, bin jedoch immer wieder gefordert, diese im Hier und Jetzt in mein Leben zu integrieren. Geht es Ihnen nicht auch so? Meine Beobachtungen zielen dahin, dass sich viele Menschen mit diesen Themen schwertun. Nicht, dass es einfach wäre. Sich davor zu verschliessen, ist jedoch wenig hilfreich ist und erleichtert das Leben keinesfalls, oder wenn, dann nur kurzfristig. Irgendwann holen uns die nicht gelebten Anteile des Lebens ein.
1https://flexikon.doccheck.com/de/Bedürfnispyramide
2https://www.geschichtedersozialensicherheit.ch/home
3https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/wirtschaftliche-soziale-situation-bevoelkerung/soziale-situation-wohlbefinden-und-armut/armut-deprivation/armut.html
4 Rinpoche Sogyal, «Das tibetische Buch vom Leben und Sterben», 2010, S. 47, 2010, MensSana Verlag
«Jetzt! Gleich hab ich dich!», ruft Laura der Wolke nach, die sie mit weit ausgestreckten Armen und ihren kleinen Händen zu greifen versucht. Jeder Schwung ist der Flügelschlag eines Adlers, der sich hoch in den Himmel aufschwingt. Mit jedem Lüftchen, das ihr durch die langen Haare bläst, steigt sie höher und höher. Schwebend, sanft getragen vom Wind, dem Himmel näherkommen. Es fehlt nur noch wenig, um nach der Wolke greifen zu können.
Laura vergisst, dass sie auf der Spielplatz-Schaukel sitzt, so sehr taucht sie in ihre Sehnsucht ein, dem Boden zu entfliehen und zusammen mit den grossen Vögeln am Himmel zu segeln. «Irgendwann schaffe ich es, die Sonne oder die vorbeiziehenden Wolken einzufangen», ist sie überzeugt. Träumend verwandelt sie sich und fantasiert sich elegant durch die Lüfte. Ach, wie gerne hätte sie Federn und Flügel wie ein Vogel. Wie klein die Welt unter ihr wohl aussehen würde? Menschen so winzig wie Zwerge oder gar wie Ameisen?
Laura bekommt nicht mit, dass ihr jüngerer Bruder Finn sich zur gleichen Zeit als kluger Bergführer beweist und manch gefährliches Kletterabenteuer durchlebt. Finn ist in seiner Welt mit imaginären Bergwanderern unterwegs, die er souverän auf gefährlichen Wegen zu den höchsten Gipfeln führt. Stark und voller Energie steigt er voran und leitet die anderen an, wie sie ihm hinterherklettern können. «Hast du gesehen, wie tief diese Schlucht da unten ist? Du musst sehr vorsichtig gehen, so wie ich! Und ja nicht runterschauen! Mir macht das ja nichts, aber das kann nicht jeder!», redet er stolz und belehrend auf seine imaginären Begleiter ein. Jedes Spielgerät verwandelt sich in seiner Fantasie in eine Herausforderung, die es auf seinen Touren zu überwinden gilt. Die Besucherbank wird zu einer wackligen Hängebrücke, zwischen deren Holzbrettern man in die tiefe Schlucht hinuntersieht. Mutig erklimmt er die Steilwand am höchsten Berg der Welt, der Kletterturm wird zum Mount Everest, an dem er seine Kräfte misst. Finn interessiert sich für alles, was mit Klettern zu tun hat, und er hat schon viele Bilder von Berggängern am Mount Everest angeschaut, und in seinem jetzigen Abenteuer stellt er sich in den gleichen Kleidern vor wie sie. Zu Beginn seiner Tour trägt er sportliche Hosen und eine Jacke in seiner Lieblingsfarbe Blau. Seinen festen Bergschuhen stülpt er Steigeisen über, und von Etappe zu Etappe packt er sich in wärmere Schichten. Aber natürlich braucht Finn keinen Sauerstoff. «Ich bin jung und fit, ich schaffe das! Und mein Gepäck trage ich selbst», denkt Finn in kindlicher Überzeugung. Am Kletternetz krallt er sich fest in die Seile, weil überraschend ein tosender Sturm aufgezogen ist und das Vorwärtskommen verunmöglicht. Die Rutsche wird zum eisigen Schneefeld, das nur auf dem Hintern gleitend überquert werden kann. Stiege für Stiege steigt er die Leiter hoch, welche in einem sehr engen Felsspalt angebracht ist und Finns Geschicklichkeit prüft.
Der freie Adler und der kühne Alpinist landen irgendwann wieder auf festem Boden und verlassen ihre fantastischen Abenteuer, um sich gleich darauf gemeinsam ins nächste zu stürzen. Sie foppen sich beim Fangen spielen und wetteifern an der Rutsche um Schnelligkeit. Das Karussell drehen sie so heftig, dass es sie fast vom Sitz hebt, stets mit einemprüfenden (und vielleicht hoffenden) Blick, ob es dem anderen wohl übel wird.
Piet, Finns bester Freund, kommt angerannt und will mitspielen. Finn übernimmt sofort die Führung und erklärt sich wieder zum erfahrenen Bergführer, der den wandernden Piet durch die Gefahren der Berge führt. Angeseilt überqueren sie Gletscherspalten und Bergkämme, Finn liest die Spuren der wilden Bären und führt Piet sicher über Stock und Stein.
Lauras Freundin Selina ist heute nicht auf dem Spielplatz. Oft darf Laura bei ihr zu Hause spielen. Sie sehen sich zum Glück täglich in der Schule, so ist ein Nachmittag ohne sie auf dem Spielplatz ganz okay, auch wenn es mit Selina schöner wäre. Mit ihr zusammen macht das Fliegen noch mehr Spass, denn die Freundin liebt das träumerische Fliegen genauso wie Laura. Sie beneidet die Jungs heute ein bisschen um ihre gemeinsamen Abenteuer, möchte aber nicht mitwandern, sondern viel lieber fliegen. Also schaukelt sie sich wieder durch die Lüfte, wo König Adler seine Flügel ausspannt.
Die Spielplatzidylle wird von Lauras und Finns Mama wachsam im Auge behalten, damit die Kids sicher durch ihre Abenteuer kommen. Davon merken sie jedoch nichts, sie sind in ihrem Spiel vertieft, bis die Mütter finden, es sei Zeit, nach Hause zu gehen. Doch am Abend erfährt Laura von ihrem Papa etwas, das ihr federleichtes Gefühl aus dem Spielnachmittag tonnenschwer auf den Boden stürzen lässt. Selinas Familie habe sich entschieden, von hier wegzuziehen. Sie werde nicht sehr weit weg wohnen, aber sie müsse das Schulhaus wechseln und werde nicht mehr mit Laura zur Schule gehen. Für Laura bricht eine Welt zusammen. Wird sie Selina nie mehr wiedersehen? Papa erklärt ihr, dass Selina nicht weit weg sei. Er würde Laura mit dem Auto zu Selina fahren, damit sie sich sehen können. Laura hört das nicht, im Moment versteht sie nur, dass Selina nicht mehr in ihrer Nähe sein wird und sie nicht mehr zusammen zur Schule gehen werden. Laura hatte sich auf den Schulbeginn nach den Ferien und auf den Übertritt in die dritte Klasse so sehr gefreut. Mit Selina an der Seite hätte ihr auch die neue Klassenzusammensetzung nichts ausgemacht. Nun wird aber Selina nicht neben ihr an der Schulbank sitzen. Laura möchte am liebsten gar nicht mehr zur Schule gehen.
Als der erste Schultag kommt, sitzt Laura traurig und allein in der neuen Klasse im Schulzimmer und traut sich kaum, in die Gesichter der Mitschülerinnen zu blicken. Die ihr zugeteilte Sitznachbarin scheint nett zu sein. Aber sie ist nicht wie ihre beste Freundin. Da ist kein vertrautes Kichern. Selina fehlt ihr, Laura fühlt sich allein und möchte niemand Neuen kennenlernen. Zu Hause entkommt sie ihrer Traurigkeit, wenn sie sich wieder in die Lüfte schwingt und auf dem Rücken des Adlers zu ihrer besten Freundin fliegt. Leider trösten sie diese federleichten Ausflüge nicht lange, das Gewicht des Vermissens holt sie ein. Ihre Freundin fehlt.
Lauras Papa hält Wort und fährt sie am Wochenende oft mit dem Auto zu Selina. Doch es ist nicht mehr das Gleiche wie früher, als sie sich spontan auf dem Spielplatz treffen konnten, trotzdem freut sie sich jedes Mal wieder auf Selina. Beide erzählen sich die neuesten Erlebnisse aus der Schule. Mit der Zeit finden Selina und Laura neue Schulfreundinnen, und Lauras Sitznachbarin Patty hat sich als megacooles Girl herausgestellt. Sie hat lustige Ideen und liebt das Fliegen ebenso wie Laura. Patty möchte jedoch nicht nur wie ein Vogel segeln, sondern irgendwann als Pilotin mit einem Flugzeug in die Höhe steigen. Mega! Laura kann sich nicht vorstellen, selbst einmal einen echten Himmelsvogel zu steuern. Schon bei der Vorstellung schaudert sie. Das klare Ziel, das Patty zu haben scheint und von dem sie pausenlos erzählt, beeindruckt Laura. Patty wird zu Lauras grossem Vorbild.
