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Die Zeiten sind beunruhigend, und es könnte fast jeden treffe. Für Yasin Güler verändert sich das Leben im Frühjahr 2023 schlagartig: In einem Duisburger Fitnessstudio wird er von einem Islamisten brutal mit einem Messer angegriffen. Neben ihm werden auch drei weitere Personen schwer verletzt. Nur durch unglaubliches Glück überlebt der damals 21-Jährige, leidet jedoch bis heute an den Folgen seiner Verletzungen. Trotz dieser traumatischen Erfahrung steht für Yasin Güler fest: Sollte erneut jemand um Hilfe schreien, würde er wieder beherzt einschreiten, um das Leben anderer zu retten. In seinem Buch schildert er seine persönliche Geschichte. Er erzählt, wie er bereits in jungen Jahren im Ruhrgebiet mit radikalen Ideologien konfrontiert wurde, die für viele Jugendliche heute alltäglich sind und in vielen Bereichen zunehmend für Spannungen sorgen. Der Angriff veränderte nicht nur seine Sicht auf die Welt, sondern regte ihn auch dazu an, Politik und Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Besonders eindrucksvoll schildert er, wie er durch seinen christlichen Glauben die Kraft fand, dem Täter zu vergeben. Für ihn ein Weg, die sinnlose Spirale der Gewalt zu durchbrechen.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Yasin Güler
vergeben statt vergelten
Yasin Güler
VERGEBENSTATTVERGELTEN
Mein Leben nach demMesserattentat.
Warum wir Perspektiven gegen Gewalt brauchen
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Klimaneutrale Produktion.
Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier.
1. Auflage 2025
Copyright © 2025 Bonifatius GmbH Druck | Buch | Verlag
Karl-Schurz-Str. 26 | 33100 Paderborn | Tel. 05251 153-171
Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, werkstattmuenchen.com
Satz: Bonifatius GmbH, Paderborn
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
Printed in Germany
eISBN: 978-3-98790-938-2
www.bonifatius-verlag.de
Einleitung
1. Der Angriff
2. Ein Dino, ein Stock und die Konsequenzen von Gewalt
3. „Renn um dein Leben!“
4. Eine Welt, in der alles besser sein sollte
5. „Lasst mich schlafen“
6. Meine erste Erfahrung mit dem Messer
7. Hoffnung und Hass
8. Wer bin ich?
9. Der Rückschlag
10. Das neue Ich
11. Der zweite Schicksalsschlag
12. Islam, Moschee und radikale Ideologien
13. Düsseldorf, der Gedanke an den Suizid und mein neuer Körper
14. Nationalismus und Rassismus
15. Himmel und Hölle
16. Die Flucht aus dem Loch und die Radikalisierung
17. Neue Perspektiven
18. Ein Blick zurück
Epilog
Danke
Anmerkungen
Mein Buch beschreibt an einigen Stellen detailliert, wie Menschen auf diverse Arten physisch oder psychisch verletzt werden oder leiden. Diese Art der Beschreibung mag für den ein oder anderen Leser verstörend sein, weshalb ich explizit vorab darauf hinweisen möchte. Auch beschreibe ich explizit meine gesundheitlich erlittenen Folgen des Messerangriffs und was diese Einschränkungen für mich und mein Umfeld bedeutet haben. Bitte vergewissern Sie sich, dass Sie dieses Buch nicht unvorbereitet lesen. Die detaillierten Beschreibungen waren mir wichtig, um die Tragweite des Erlebten angemessen beschreiben zu können, auch um darzustellen, was es bedeutete, das Erlebte vergeben zu können.
Frodo:
„Ich wünschte, all das wäre nicht passiert.“
Gandalf:
„Das tun alle, die solche Zeiten erleben.
Aber es liegt nicht in ihrer Macht,
das zu entscheiden.
Du musst nur entscheiden, was du mit der
Zeit anfangen willst, die dir gegeben ist.“1
Für Irfan
… und die vielen anderen, die nicht
vergessen werden dürfen. Eure Augen
mögen sich geschlossen haben, aber eure
Lichter scheinen in uns allen fort.
Mögen diese Lichter nicht nur einzelne
Städte, sondern ganz Deutschland in diesen
dunklen Zeiten erleuchten.
Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Krisen. Debatten über die Wirtschaft, den Fachkräftemangel, die Rente, die Pflegesituation sowie die Migration sind an der Tagesordnung. Sie bestimmen den politischen wie gesellschaftlichen Diskurs. Und jeder, der dies mitverfolgt, spürt: Unsere Gesellschaft driftet auseinander und verliert das, was uns einst verbunden hat – inhaltlich wie auch auf menschlicher Ebene. Hass und Hetze nehmen immer mehr Raum ein.
Warum ist das so? Glauben wir etwa, immer irgendwo das „Böse“ bekämpfen zu müssen? Sind Andersdenkende automatisch Gegner oder gar Bedrohungen? Besonders Menschen mit ausländischen Wurzeln sowie Migrationshintergrund stehen heute im Fokus der Debatte. Und auch die Menschen mit großen politischen Ämtern in dieser Welt scheinen wenig anderes noch aussprechen zu können als Drohungen. Die Atmosphäre ist vielerorts wenig geprägt von Respekt, Verständnis und Einander-Zuhören.
Aussagen wie „Früher war alles besser“, „Vor 2015 hatten wir viele dieser Probleme nicht“ und „Wir schaffen das alles nicht mehr“ mögen für einige der Wahrheit entsprechen, doch lösen sie die Probleme nicht. Statt nach Lösungen suchen viele nach den Verantwortlichen, nein, Schuldigen. Doch bringt uns das wirklich weiter? Die Suche nach Verantwortung bei der Politik, den Bürgern oder gar beim Einzelnen selbst? Ich bin überzeugt: Was unserer Gesellschaft fehlt, ist weniger die Suche nach Schuld als vielmehr der Blick auf das, was uns stärken und wieder einen kann.
Ich selbst hätte allen Grund, in den Chor derjenigen einzustimmen, die in diesen Tagen nach Schuldigen fragen. Denn am 18. April 2023 wurde ich Opfer eines islamistisch motivierten Messerangriffs in einem Duisburger Fitnessstudio – ein Moment, der mein Leben für immer veränderte. Ich hätte an diesem Tag sterben können. Der Attentäter, der eine Woche zuvor einen Mann brutal getötet hat und neben mir drei weitere Menschen lebensgefährlich verletzte, sitzt heute mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Vor Gericht stellte sich heraus, er war ein überzeugter Anhänger des Islamischen Staates (IS) und handelte aus ideologischem Hass gegen „Ungläubige“. In Sekundenbruchteilen wurde ich durch den Messerangreifer aus meinem Alltag gerissen. Seitdem bin ich mit einer Realität konfrontiert, die von Schmerz, posttraumatischer Angst, Krankheit und existenzieller Bedrohung geprägt ist. Doch ich habe überlebt. Ich lebe zwar mit dieser neuen Realität, lasse mich aber nicht in meiner Haltung von ihr bestimmen. Und mit meinem Überleben sehe ich mich nun selbst in einer gesellschaftlichen Verantwortung.
Der Aufschrei nach dieser Messerattacke war groß – wie auch nach Mannheim, Solingen oder Aschaffenburg. Politische Parteien nutzten Duisburg wie auch die anderen Taten, um sich zu positionieren, man müsse beispielsweise weitergehende Maßnahmen gegen Messergewalt umsetzen oder die Polizeipräsenz in Risikogebieten verschärfen. Teilweise diskutierte man sogar in der Öffentlichkeit, wie viele Zentimeter Klingenlänge überhaupt noch beim Mitführen eines Messers erlaubt sein sollten. Schnell wetterten andere dagegen, das sei Symbolpolitik, das Problem sei nicht die Klingenlänge, sondern die Gewaltbereitschaft. Andere Parteien fingen aber auch an, mit ihren Parolen zu polarisieren. Allen voran die Alternative für Deutschland (AfD). Doch als bekannt wurde, dass in Duisburg Menschen mit Migrationshintergrund unter den Opfern waren, passte der Fall nicht länger in ihr Narrativ und wurde für diese Partei uninteressant.
Recht schnell äußerte sich niemand mehr zum Duisburger Messerangriff, man ließ ihn in der Versenkung verschwinden. Er war einer von vielen weiteren, die noch kommen sollten. Er steht zusammen mit anderen Städtenamen, in denen Menschen ihrer Sicherheit und ihres Lebens beraubt wurden. In einigen Listen taucht Duisburg aber auch gar nicht erst auf. Warum nicht? Es zeigt: Manchen geht es nicht um Lösungen, sondern darum, Vorfälle zu instrumentalisieren, Hass zu schüren und eigene Ziele zu legitimieren.
Ich schreibe dieses Buch zu einer Zeit, in der die AfD aufbegehrt. Hinter uns liegen die Wahlen in Sachsen und Thüringen, und die AfD ist zur zweitstärksten Kraft im Deutschen Bundestag gewählt worden, was Anlass zur Sorge gibt. Doch mit meinem Buch möchte ich ein Zeichen setzen, gegen Hass – davon gibt es bereits genug und viel zu viel. Ich möchte die Menschen an das erinnern, was uns verbindet. Ich möchte mit diesem Buch Hoffnung schenken.
Es erzählt meine Geschichte: Wie ich selbst im Laufe meines Lebens immer wieder mit radikalem Gedankengut sowie auch Gedanken der Wut und des Hasses konfrontiert wurde, trotzdem aber die Kurve bekommen und mich nicht habe davon vereinnahmen lassen. Der Messerangriff stellt einen Wendepunkt in meinem Leben dar. Er hätte mich fast mein Leben gekostet. Doch ich habe überlebt.
Im Buch setze ich mich auf persönliche Art und Weise und anhand meiner eigenen Geschichte mit drängenden Fragen auseinander: Was treibt einen Menschen dazu, zur Klinge zu greifen? Wie können wir als Gesellschaft darauf reagieren? Warum häufen sich Messerangriffe in Deutschland? Doch vor allem: Wie können wir verhindern, dass andere Kinder, Jugendliche oder Erwachsene das durchmachen müssen, was ich erlebt habe?
Heute sehe ich die Welt, Gott sei Dank, mit anderen Augen. Früher hätte ich mich beinahe selbst dem Hass hingegeben, ja, ich wäre ihm beinahe verfallen. Mein Überlebenskampf, mein Glaube und der Gerichtsprozess machten mir die verheerenden Konsequenzen bewusst – von Hass, Hetze, zu einfachen Antworten und einer einseitigen Weltsicht. Ich lernte, mein Leben neu zu verstehen. Aber nicht nur meins, sondern auch das von andersdenkenden Menschen.
In meinem Leben habe ich oft festgestellt: Hass weiter in sich zu tragen, bringt einem selbst nichts, das macht nur krank – und ich bin heute, nach dem Messerangriff, schon krank genug. Hoffnung statt Hass, das brauche ich – und ich denke viele andere auch.
Vor allem möchte ich aber auch eines: den Opfern eine Stimme geben. Denn wir müssen endlich lernen, über diese Themen offen zu sprechen. Tageszeitungen wie die BILD stellen mittlerweile in Listen zur Schau, wie viele Messerangriffe es in Deutschland täglich gibt – mit der Absicht, dass sich politisch etwas ändert. Aber ist diese Liste nicht auch eine Art Barometer für die Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft?
Und wir müssen über das reden, was Menschen mit Wurzeln aus anderen Herkunftsländern in Deutschland oft erleben – nicht erst, wenn die Schlagzeilen sich überschlagen, sondern bevor es nächste Opfer gibt, auf welcher Seite auch immer. Es ist an der Zeit, dass wir als Gesellschaft offen darüber sprechen, wie wir neue Perspektiven gegen Gewalt finden, damit wir künftig verhindern, dass andere meine oder eine noch viel endgültigere Erfahrung machen müssen.
Yasin Güler
Als ich am Morgen des 18. April 2023 aufstand, hatte ich keine Ahnung, dass dieser Tag mein Leben grundlegend verändern würde. Ich erinnere mich noch heute an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen. Ich hatte an diesem Morgen etwas länger geschlafen. Das Licht schien schon in mein Zimmer, die Sonnenstrahlen weckten mich und streichelten sanft mein Gesicht. Die Vögel zwitscherten, und ich hörte, wie meine Mutter unten in der Küche das Frühstück zubereitete.
Für 12 Uhr stand eine Vorlesung auf meinem Plan, aber ich war etwas spät dran, sodass mir nicht viel Zeit zum Frühstücken blieb. Für den Tag hatte ich mir vorgenommen, nach der Uni trainieren zu gehen, ich war gerade wieder sehr sportlich unterwegs und ging sechsmal die Woche ins Studio. Bevor ich aus der Tür ging, umarmte mich meine Mutter herzlich und wünschte mir einen schönen Tag an der Uni. Was weder sie noch ich zu diesem Zeitpunkt wussten: Für die nächsten sechs Monate sollte die Uni mein Zuhause werden. Allerdings nicht die Geisteswissenschaften in Bochum, sondern die Uniklinik in Düsseldorf.
Ich stieg in den Linienbus ein und fuhr mit dem Zug von Oberhausen nach Herne. Wer schon einmal selbst am Bahnhof von Herne gestanden hat, ahnt, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging: Angst, Unbehagen und der Wunsch, den Bahnhofsvorplatz so schnell wie nur möglich wieder zu verlassen. Und das sage ich als Mann. Aber Herne unterscheidet sich da nicht wesentlich von anderen Bahnhöfen in Nordrhein-Westfalen. In den Jahren 2019 bis 2023 ist die Zahl der Straftaten an Bahnhöfen in NRW, beispielsweise gegen die sexuelle Selbstbestimmung, stark angestiegen. Glücklicherweise war die nächste Straßenbahn in Richtung Universität pünktlich, sodass ich um kurz vor zwölf dort ankam.
Vor dem Hörsaal traf ich meine Kommilitonen aus dem Lehramtsstudium, die ebenfalls an dieser Vorlesung teilnahmen. Wir tauschten uns aus, redeten noch ein bisschen über die vorherige Vorlesung und machten uns gemeinsam auf den Weg Richtung Hörsaal. Das Thema war sehr interessant. Der Professor erklärte spannend die Entstehung des Osmanischen Reiches. Dass ich einen Großteil des Stoffs verpassen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht und freute mich auf die kommenden Veranstaltungen mit ihm.
Nach eineinhalb Stunden war die Vorlesung zu Ende, wir verließen den Hörsaal und trafen uns noch kurz vor dem Gebäude, um über das Gelernte zu sprechen. Auch tauschten wir uns miteinander über mein Zweitfach Germanistik aus. Ich sah mich im Hinblick auf das laufende Semester sehr zuversichtlich und optimistisch. Nach etwa zwanzig Minuten verabschiedete ich mich von meinen Freunden und machte mich auf den Weg zur Bahnhaltestelle.
Ich erinnere mich noch deutlich daran, wie gut ich mich an diesem Tag gefühlt habe. Die Sonne und die Tatsache, dass wir alle zusammen in einer interessanten Vorlesung gesessen hatten, machten mich einfach glücklich. Außerdem freute ich mich schon auf das spätere Training. Generell freue ich mich immer auf Sport, doch an diesem Tag ganz besonders. Ich wollte nämlich in ein Fitnessstudio gehen, in dem man sogar saunieren und schwimmen kann. Da das in meinem eigentlichen Studio nicht möglich ist, war meine Vorfreude umso größer.
Doch dann nahm der Tag eine unerwartete Wendung. Alles, was nur schiefgehen konnte, ging von da an auch schief. Zuerst hatte mein Zug nach Duisburg 30 Minuten Verspätung. Eigentlich regt mich so etwas nicht auf, aber jetzt fuhr er auch noch so überaus langsam und hielt immer wieder abrupt an, dass ich fast eineinhalb Stunden in einem Zug saß, der normalerweise nur 20 bis 25 Minuten für die Strecke braucht. Meine Geduld war am Ende. Und dann … böse Kette … passierte mir am Duisburger Hauptbahnhof ein Fehler, der einfach nicht hätte sein müssen. Das kennt sicher jeder von sich: Hätte ich doch …, wäre ich doch …, könnte ich doch noch mal … Heute bin ich überzeugt: Hätte ich ihn vermieden, wäre ich vielleicht heute noch gesund.
Ich hatte mich so über die langsame Fahrt mit dem Zug geärgert, dass ich vor dem Einsteigen in die Straßenbahn nicht auf ihre Anzeige der Endhaltestelle geachtet hatte: Ich saß nun in der Bahn, die genau in die entgegengesetzte Richtung fuhr. Zum Glück bemerkte ich das relativ schnell und stieg an der nächsten Haltestelle wieder aus, musste aber weitere 20 Minuten auf die Bahn warten, die mich zum Fitnessstudio bringen sollte. Als ich kurz vor 17 Uhr endlich dort ankam, hatte ich weitere 40 Minuten verloren. Eigentlich wollte ich schon längst dort sein. Aber das war noch nicht das Schlimmste an diesem Tag – es war erst der Anfang.
Ich betrat das Treppenhaus des Studios, das mit seinen drei Etagen etwas verschachtelt aufgebaut ist. Der Eingangsbereich befindet sich in der zweiten Etage, hier stehen auch sämtliche Kardiogeräte. In der Etage darunter kann man hauptsächlich mit freien Gewichten trainieren und in der dritten stehen die ganzen Maschinen für das Gerätetraining. Wer sich umziehen möchte, muss aber erst einmal hoch in den dritten Stock, wo sich die Umkleidekabinen, Duschen und Saunen befinden. Dieser Bereich lässt sich allerdings nur über ein separates Treppenhaus erreichen. Wer also auf der ersten oder zweiten Etage trainierte, bekam nicht unbedingt mit, wer Richtung Umkleide unterwegs war.
Auf meinem Weg dorthin, auf der Hälfte des Treppenhauses, passierte mir dann wieder etwas Außergewöhnliches. Kein Missgeschick, vielmehr ein schöner Zufall: Plötzlich kam mir der Komiker und Kabarettist Abdelkarim entgegen. Sein Gesicht war unverkennbar. Ich kannte ihn aus verschiedenen TV-Formaten wie der heute-Show und fand ihn schon immer sehr lustig. Wir sahen uns kurz an und dann passierte etwas, womit ich niemals gerechnet hätte: Er begrüßte mich und wünschte mir ein schönes Training. Vergessen war in dem Moment, so kurz er auch war, die Verspätung der Bahn und mein dummer Umsteigefehler. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Dass dieser Comedian, den ich so oft schon im Fernsehen gesehen hatte, plötzlich vor mir stand und einfach so nett zu mir war. Diese nicht ganz alltägliche Begegnung würde mir sicher noch lange in Erinnerung bleiben … und ihm wohl auch.
***
Ich ging weiter nach oben, war nicht mehr schlecht gelaunt und suchte mir in der Umkleide einen Platz mit einem passenden Spind. Mit mir waren noch einige andere Männer in der Umkleide. Recht normaler Betrieb für den beginnenden Feierabend, dachte ich. Meine Vorfreude auf das Training wuchs. Ich hatte mir vorgenommen, ein wenig Ausdauer zu trainieren, ein paar kurze Sätze an den Geräten anzuschließen und zum Schluss in die Sauna zu gehen.
Als ich dann meine Tasche öffnete und mein T-Shirt auszog, durchbrach ein markant lauter Hilfeschrei das Treiben in der Umkleide. „Hilfe!“ Das klang nicht scherzhaft, so als würden zwei Freunde einen Spaß miteinander machen, sondern ernst, dachte ich noch, als gleich darauf ein zweiter, noch lauterer Hilfeschrei ertönte. Die Schreie schienen aus den Duschen zu kommen. Sie befinden sich am hinteren Ende des Umkleidebereichs und sind wiederum von der Sauna getrennt durch eine schwere Tür, die meist offen steht. Rechts neben der Sauna befindet sich dann noch der Schwimmbereich. Ich blickte einem Mann mir gegenüber, der mich ziemlich verdutzt ansah, in die Augen und entschloss mich dazu, oberkörperfrei, in Richtung der Hilferufe zu eilen. In so einem Moment denke ich nicht groß nach. Möglichen Szenarien und die damit verbundenen Konsequenzen für meine Person sind mir da egal. Keine Ahnung also, was mir in dem Moment durch den Kopf ging oder woran ich dachte. Ich stürzte einfach los. Meine Beine bewegten sich, obwohl mein Kopf das ganze Geschehen noch gar nicht richtig einordnen konnte. Vielleicht war es in der Dusche ja zu einer Schlägerei gekommen, dachte ich unterwegs. Ich rechnete wirklich mit allem.
Plötzlich stellte sich mir ein Mann in den Weg. Ich stand direkt vor ihm. Er trug eine schwarze Baseballkappe, eine dünne schwarze Jacke mit Kapuze und eine blaue Jeans. Sein Bart war etwas länger und er hatte dunkelbraune Augen. Diese Augen durchbohrten mich für einige Sekunden. Sie sahen hasserfüllt aus.
Bevor ich die Situation richtig einordnen konnte, hörte ich ihn etwas auf Arabisch rufen und spürte, wie plötzlich ein stechender, brennender Schmerz in mich eindrang und meine rechte Seite wie eine Welle durchströmte. Mir war augenblicklich klar: Er hatte mich mit einem Messer angegriffen und es direkt in meinen Körper gerammt. Als er es gleich darauf wieder herauszog, spürte ich das kaum noch. Dann verschwand er und ich verlor ihn aus den Augen. Beim Blick an mir herunter sah ich, dass ich sehr viel Blut verlor, und erschrak über das riesige, blutende Loch in meiner Flanke.
„Ist das gerade wirklich passiert?“, schoss es mir im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf. „Ich will nicht sterben … Ich brauche Hilfe.“ Sofort dachte ich an die ganzen Messerangriffe, von denen immer wieder in den Nachrichten berichtet wurde. Wenn ich von solchen Taten hörte, schien mir die Gefahr, selbst Opfer zu werden, immer als viel zu weit weg. So etwas passierte doch nur Leuten, die es auch darauf anlegten, dachte ich. Typen vielleicht wie die vom Bahnhof in Herne. Doch mir war klar: Jetzt hatte es mich getroffen. „Warum ich? Das darf doch nicht wahr sein.“
Vor allem aber dachte ich an das Gesicht meiner Mutter. Wie sie mir an der Tür einen wunderbaren Tag gewünscht hatte. An die Möglichkeit, dass ich sie vielleicht nie wiedersehen würde. Und daran, dass der heutige Morgen möglicherweise der letzte Moment gewesen sein könnte, an dem wir uns als Mutter und Sohn gegenüberstanden. „Ich verliere so viel Blut. Es fühlt sich an wie ein Albtraum. Werde ich das überleben?“ Man sagt, wenn man stirbt, sieht man das Leben noch einmal an sich vorbeiziehen. Und ich sah vieles auf einmal aus einer anderen Perspektive …
Mein Herz schlug vor Aufregung schneller, während ich mir die Arme eng an den Körper presste und meine Finger krallten. Ich hatte es unzählige Male zu Hause geübt – den perfekten Gang eines Tyrannosaurus Rex: langsame, wuchtige Schritte, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, den Blick konzentriert auf meine imaginäre Beute gerichtet. Heute war ich nicht einfach nur ein Grundschüler, heute war ich ein Raubtier.
Die anderen Kinder spielten in der Pause Fangen, schwangen über das Klettergerüst oder saßen auf den Bänken und aßen ihre Brote. Ich aber stampfte über den Schulhof, ließ meine kleinen Arme bedrohlich zucken und fauchte. Für einen Moment fühlte ich mich unbesiegbar, als wäre ich wirklich ein König der Urzeit. Doch dann hörte ich das erste Lachen. Ein kurzer, spöttischer Laut, gefolgt von einer Stimme, die ich nur allzu lange schon kannte und meinen Namen rief. „Schaut euch den Dino-Deppen an!“ Und andere aus meiner Klasse lachten laut mit.
Mir wurde heiß. Ich spürte, wie sich eine Welle aus Scham und Trotz in mir aufbaute. Ich wollte etwas sagen, dass Dinosaurier faszinierende Wesen waren, dass sie einmal über die Welt herrschten ... Doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Stattdessen brüllte ich – ein tiefes, kehliges Geräusch, das irgendwo zwischen Mut und Verzweiflung lag.
Es war nicht das erste Mal, dass meine Mitschüler mich verspotteten, und es sollte auch nicht das letzte Mal sein. Befeuert durch mein Verhalten und vor allem die Sticheleien eines Jungen, der mich schon seit dem Kindergarten auf dem Kieker hatte, begann für mich in der Grundschule eine Höllenfahrt des Mobbings. Zwar stand der Großteil meiner Mitschüler bis zu einem gewissen Punkt hinter mir, doch es gab eben die paar wenigen, die sich über mich lustig machten. Und so wurden aus einem anfänglichen Mobbing ernsthafte Schlägereien, und schon bald kam ich regelmäßig mit blutenden Wunden nach Hause.
Meine Mutter kümmerte sich dann jedes Mal um mich und versorgte mich mit Pflastern und Verbandszeug. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit ihr. Sie war stets gegen Gewalt und hatte mir dies auch zu Hause gepredigt. So erteilte sie mir mehr als einmal den Ratschlag, mich einfach umzudrehen, sobald mir jemand blöd kam. Ihrer Meinung nach würden diese Kinder dann irgendwann die Lust am Mobben verlieren. Ich wünschte, sie hätte recht gehabt. Wie sehr sich aber meine Mutter in der Grausamkeit von Kindern täuschte, erlebte ich mehr als nur einmal.
Mein Vater hingegen vertrat eine andere Meinung. Ich sollte mich einfach zur Wehr setzen. Für ihn galt das Prinzip des Stärkeren. Wenn ich den Kindern meine Grenzen durch Gewalt aufzeigen würde, würden sie schon irgendwann aufhören, schlussfolgerte er. Gewalt, so schien seine Meinung, könne vieles lösen.
Ich entschied mich, auf den Ratschlag meiner Mutter zu hören.
Der T-Rex drehte ab, statt anzugreifen. Doch leider brachte diese Verhaltensweise immer mehr blaue Flecken. Scheinbar verstanden die Kinder nicht meine beschwichtigenden Signale, die ich in ihre Richtungen aussandte. Und da ich mich irgendwann nicht mehr auf den Pausenhof traute, verbrachte ich die Pausen im ersten Jahr meiner Grundschulzeit oft im Klassenraum, Der T-Rex wurde stiller, versuchte, unsichtbar zu sein, in der Hoffnung, dass die anderen ihn dann vergessen würden. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Ein leichtes Opfer zu sein, machte ihn für sie nur noch interessanter.
***
Ich hatte keine einfache Kindheit. Ich wuchs bei meiner deutschen Mutter auf und hatte kaum Kontakt zu der türkischen Seite meines Vaters. Er verließ uns, als ich noch klein war, sodass meine Mutter und ich auf uns allein gestellt waren. Trotz der Tatsache, dass es für mich nur einen Elternteil an meiner Seite gab und meine Mutter ihren Alltag als medizinische Assistentin fortan als Alleinerziehende mit mir wuppte, bestand sie bei der Scheidung auf das geteilte Sorgerecht. Ihre Befürchtung war nämlich, ich könnte ihr eines Tages, wenn ich älter bin, vorhalten, sie hätte mir den Kontakt zu meinem Vater verboten. Also lernte ich ihn, trotz der schwierigen Verhältnisse in der Beziehung zwischen meinen Eltern, selbst kennen, stellte aber schnell für mich fest, dass auch zwischen ihm und mir zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinanderprallten.
Von zu Hause aus wurde ich christlich erzogen. Meine Mutter und ich feierten Ostern und Weihnachten, ich ging mit der Schule zu den Gottesdiensten in die Kirche, doch meine Mutter zwang mir nie einen Glauben auf. Im Gegenteil, sie gab mir alle Freiheiten. Sie ließ mich, nein, sie motivierte mich förmlich, das Zuckerfest und alle anderen islamischen Feiertage kennenzulernen und sie mit der Familie meines Vaters zu feiern. Als Kind macht man sich darüber zuerst nicht so viele Gedanken, bis man irgendwann feststellt, dass man sich wie zwischen zwei Stühlen fühlt, wenn Fragen auftauchen wie: Wer bin ich? Und wer möchte ich irgendwann sein?
In der Schule merkte ich schließlich: Man gehörte nur irgendwo dazu, wenn man einer bestimmten Gruppe angehörte. Manche kannten meine Familie, andere hatten lediglich meinen Nachnamen vernommen und labelten mich danach, doch für alle war ich natürlich „der Türke“.
Im Laufe meiner Kindheit und Jugend hatte ich immer wieder Probleme mit dem Finden meiner Identität. Mal war ich Türke, mal war ich Deutscher. Obendrein bekam ich von Seiten der Familie meines Vaters Flausen mit, wie angeblich ein echter Türke zu sein hätte. Doch schon als Kind durchschaute ich da vieles. Warum sollten Kurden weniger wert sein als Türken? Wieso sollte der Islam besser sein als alle anderen Religionen? Und warum war Respekt gegenüber anderen, die anders dachten, fehl am Platz? – Das war mir alles irgendwie zu radikal, zu absolut und ergab für mich keinen Sinn. Vieles, das widersprüchlich war, ließ ich schon als Kind links liegen, dennoch übernahm ich unbewusst auch einige wenige Sichtweisen. Wäre meine Mutter nicht so liberal und vernünftig gewesen und hätte sie selbst mir nicht das Prinzip größtmöglicher Freiheit vorgelebt, wäre ich heute vermutlich ein ganz anderer Mensch. Dennoch fiel ich noch auf manches „Spielchen“ zwischen den Stühlen herein, da ich ja schließlich irgendwo dazugehören wollte.
***
Als Kind fiel es mir nicht leicht, mich meiner Umgebung anzupassen. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich das wahrscheinlich auch nie. Ich war schon in jungen Jahren sehr anstrengend, und die Probleme in meiner Familie machten die Situation nicht einfacher. Und weil ich diese Probleme nicht zu Hause lassen konnte, wurde ich schon bald im Kindergarten gemieden und gemobbt. Ich wurde ausgegrenzt, beleidigt und gelegentlich körperlich angegangen, ja geschlagen und getreten. Das ist mir alles schon im Kindergarten widerfahren. Natürlich versteht ein Kind in diesem Alter nicht, warum andere Kinder so etwas tun, doch mein Unterbewusstsein versuchte das Geschehene irgendwie zu kompensieren. Allerdings schuf es dabei eine Version von mir selbst, die noch mehr Ablehnung hervorrief. Ich zog mich nämlich mehr und mehr zurück, saß zunehmend in Ecken, distanzierte mich von meiner Umgebung und begann, mich selbst zu schlagen, wenn mir etwas nicht passte. Für die anderen Kinder muss das schwer zu verstehen gewesen sein, was zwangsläufig dazu führte, dass ich noch stärker gemobbt wurde. Die Situation war verfahren: Sie konnten ihre Taten nämlich genauso wenig reflektieren wie ich. Oft hörte ich nur ein „Der ist komisch.“
Die Kindergartenzeit war für mich eine Qual. Das lag vor allem an einem Jungen, dessen Verhalten mich sehr geprägt hat. Er hasste mich und ließ mich dies auch in jeder Sekunde spüren. Er beleidigte meine Eltern, mich und alles, was mir lieb war. Er schlug mich, jagte mich über den Spielplatz und verbreitete viele Lügen über mich. Damit machte er meine ohnehin schon schwierige Situation noch schwieriger und gab mir das Gefühl, ich sei das Problem. Ich war nie ein Freund von Gewalt und weigerte mich, mich zu wehren, dementsprechend vermöbelt kam ich auch regelmäßig nach Hause. Meine Mutter ging mehrere Male zur Leitung der Kindertagesstätte und versuchte, das Problem zu lösen und den Streit zwischen uns zu schlichten, aber ohne Erfolg.
Ich ging einfach nicht mehr gerne in den Kindergarten, weil ich jeden Morgen Angst vor dem bevorstehenden Tag hatte. Es war ja nicht so, dass ich nicht mit den Erzieherinnen und Erziehern reden konnte, aber es half einfach nicht. Mein Zuhause war damals der einzige Ort, an dem ich mich wirklich sicher und geborgen fühlte. Dort war meine Mutter, mein emotionaler Anker, zu ihr konnte ich nach einem anstrengenden Tag kommen und Zuflucht finden.
Nur von einer Sache habe ich ihr nicht erzählt. Überhaupt habe ich bis zum heutigen Tag noch nie mit einer Person über dieses Erlebnis gesprochen. Kurz vor meiner Einschulung passierte eine Grenzüberschreitung, die ich lange verdrängt habe. Eines Tages zwang mich der Junge, der mich die ganze Zeit so schikanierte, nämlich dazu, ihn untenrum anzufassen, obwohl ich das nicht wollte. Inwieweit mich dies prägte oder gar verstörte, vermag ich nicht einzuschätzen, da in dieser Zeit noch etwas ganz anderes, damals viel Gravierenderes, passierte: Mein Vater verließ unsere Familie.
Als ich eines Tages nach Hause kam, räumten Freunde gerade seine Sachen aus unserer Wohnung. Seine häufige Abwesenheit war ich bereits gewohnt, doch dieser endgültige Abschied nahm mich enorm mit. Meine Mutter fragte mich an dem Abend, nachdem alles vorbei und mein Vater weg war, wie es mir ging. Ich antwortete ihr nicht. Mich beschäftigte nur eine einzige Frage: Hatte er uns wegen mir verlassen?
Natürlich war das nicht der Fall, aber wie erklärt man so etwas einem vier-, fast fünfjährigen Kind? Meine Mutter vermied weitere Versuche, vermutlich weil sie auch wusste, dass es einem Kind schwerfällt, überhaupt nachzuvollziehen, dass ein Elternteil plötzlich weg ist, sich nur als Erzeuger sieht und bereits andere Beziehungen eingegangen ist. Für meine Mutter muss diese Situation damals noch belastender gewesen sein als für mich die Leere.
Folglich verschlechterte sich in den nächsten Wochen und Monaten mein Zustand und ich wurde für alle Beteiligten immer unerträglicher. Ich wusste nicht, wie ich mit der Situation und meinen Gefühlen umgehen sollte, und ließ meine Wut an der einzigen Person aus, die meiner Meinung nach an dem Ganzen schuld sein konnte – diese Person war ich selbst. Ich schlug mich selbst immer öfter und stärker, biss und kniff mich. Für mich war die Kindergartenzeit die Hölle, doch sie war nur ein Vorgeschmack auf das, was noch auf mich zukommen sollte.
Mit Beginn der Grundschulzeit blickte ich voller Zuversicht in die Zukunft. Ich weiß noch, wie sehr ich mich auf die Schule freute. Doch ein Problem blieb: Der Junge, der mich jahrelang gequält und schikaniert hatte, ging auf die Schule nebenan. Meine und seine Grundschule waren miteinander verbunden und teilten sich einen Schulhof. Das bedeutete für mich, dass ich ihm wohl in jeder Pause begegnen würde – eine schreckliche Vorstellung. Noch schlimmer war jedoch die Tatsache, dass er anderen von meiner komischen Art erzählte. Gleichzeitig verschärften sich auch die Probleme zu Hause, was mich zusätzlich belastete und sich zunehmend auf mein Verhalten niederschlug.
Mein Vater und meine Mutter stritten sich regelmäßig am Telefon. Meistens ging es um mich, nur wohl nicht unbedingt um mich persönlich. Es ging vielmehr, wie ich später erfuhr, um das geteilte Sorgerecht, steuerliche Vorteile und um das Unterhaltsgeld. Mein Vater, so hieß es, würde angeblich nicht genug verdienen, um uns keinen Unterhalt zahlen zu müssen. Das Gericht entschied später tatsächlich zu seinen Gunsten, und so musste meine Mutter alleine für mich sorgen. Trotz all dieser Vorkommnisse wollte meine Mutter mir den Umgang mit meinem Vater nicht verwehren. Sie dachte, ich könnte ihr das sonst später übelnehmen. Ich sollte ihn selbst kennenlernen, um dann eigenständig entscheiden zu können, ob ich Kontakt zu ihm haben wollte oder nicht. Heute bin ich meiner Mutter für diese Entscheidung unendlich dankbar.
Nach dem Gerichtsprozess erhielten beide das geteilte Sorgerecht. Das bedeutete für mich, dass ich jedes zweite Wochenende bei meinem Vater bleiben sollte. Doch der ständige Streit zwischen meinen Eltern belastete mich weiter und ich machte mir noch immer Vorwürfe im Hinblick auf ihre Trennung. Ich fühlte mich einfach hilflos, traurig und zornig zugleich. Jeder, der in jungen Jahren die Trennung seiner Eltern verkraften musste, wird mich sicher verstehen. Und auch, dass Wochenendbesuche des Kindes bei dem jeweiligen Elternteil normalerweise darauf abzielen, die Beziehung zwischen dem Kind und der sorgeberechtigten Person zu stärken, doch meinem Vater schien das nicht so wichtig zu sein.
Wenn ich an den Wochenenden zu ihm kam, war er kaum da. Stattdessen ließ er seine neue Frau auf mich aufpassen. Anfangs verstand ich mich ganz gut mit ihr, doch sie konnte nicht die Rolle ersetzen, die eigentlich ihm zugestanden hätte. Meine Mutter gab sich wirklich alle Mühe, mir trotz der wiederkehrenden Enttäuschungen den Kontakt zu meinem Vater zu ermöglichen. Sie sprach niemals schlecht über ihn oder seine Frau, obwohl sie sehr wahrscheinlich allen Grund dazu gehabt hätte.
Als Kind verstand ich den Wirrwarr jedoch nicht. Ich fühlte mich oft allein gelassen und kehrte jedes Mal entsprechend enttäuscht zu meiner Mutter zurück. Doch anstatt meinem Vater die Schuld zu geben, suchte ich sie bei mir – und auch bei meiner Mutter. Ich machte ihr Vorwürfe, schlug mich selbst immer härter, bestrafte mich für meine Art und machte meiner Mutter so das Leben zur Hölle. Meine Mutter wusste sich angesichts meiner Reaktionen kaum noch zu helfen. Sie versuchte, meinen Vater zum Umdenken zu bewegen, doch nichts half. Also blieb alles beim Alten und mein Verhalten veränderte sich immer drastischer.
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In der Schule verschlechterten sich meine Noten, obwohl ich eigentlich nie ein schlechter Schüler war. Das Mobbing nahm zu, und so entschied ich mich für einen Schritt, der allerdings am Ende noch mehr Ärger und Probleme bringen sollte. Ich dachte über die Worte meines Vaters nach. Vielleicht schämte er sich ja dafür, dass ich als sein Sohn gemobbt wurde? Vielleicht war er sogar enttäuscht, dass ich mich nicht wehrte? – All diese Gedanken kamen mir auf einmal in den Kopf. Ich sehnte mich so sehr nach Anerkennung durch meinen Vater. Diese Sehnsucht wurde so stark, dass sie mich noch bis in meine Jugend hinein begleiten sollte. Allerdings vernebelte sie mir auch den Geist und machte mich so blind für die Wahrheit. Ich fasste aber damals in der Situation einen drastischen Entschluss: Yasin würde nun mit Gewalt antworten.
Ich nahm mir vor, es nun den ganzen Leuten, die mich klein machten, zu zeigen. Jetzt würde ich mich zur Wehr setzen. Ich dachte nämlich, mein Vater würde mich dann endlich mit anderen Augen sehen. Also fing ich an, mich mit meinen Mitschülern zu prügeln. In jeder Pause gab es eine Schlägerei. Doch komischerweise führte meine Gegenwehr dazu, dass immer mehr Mitschüler auf mich zukamen und sich mit mir messen wollten. Ein Teufelskreis begann. Ich antwortete mit Gewalt und entfesselte dadurch noch mehr Gewalt. Das Problem war aber, dass ich mich dieser Gewaltspirale nicht mehr entziehen konnte. Denn anders als erwartet führte die Gewalt nicht zur Linderung, sondern verstärkte nur das ganze Übel. Alles war nun noch viel schlimmer geworden. In manchen Pausen schlug ich mich mit fünf bis zehn Leuten. Kinder können grausam sein.
Ungefähr zur gleichen Zeit lernte meine Mutter ihren damaligen neuen Partner kennen. Sie kannten sich wohl schon aus früheren Zeiten. Wir zwei verstanden uns ebenfalls sehr gut. Und da er aus unserer Stadt kam, kannte ihn auch mein Vater. Doch obwohl er selbst eine neue Freundin hatte, schien ihm der Gedanke zu missfallen, dass meine Mutter nun ohne ihn glücklich war. Vermutlich lag es daran, dass er irgendwie noch die Situation unserer Familie kontrollieren wollte. So versuchte er, ihn mir madig zu machen, doch ich nahm mir seine Aussagen nicht zu Herzen. Ich mochte den Freund meiner Mutter dafür einfach viel zu sehr. Er unternahm mit mir vieles, was meiner Meinung nach eigentlich mein Vater mit mir hätte machen sollen. Doch dazu kam es ja nie. Dieser neue Mensch im Leben meiner Mutter veränderte einiges. Sie war wieder glücklicher, ich war wieder glücklicher, und wir harmonierten wie eine intakte Familie. In der Schule war ich vorher immer traurig gewesen, wenn die anderen Kinder von ihren erlebnisreichen Wochenenden erzählten. Bei mir hatte es oft nur Streit und Missgunst gegeben, doch nun konnte ich endlich mitreden. Zwar hatte ich auch schon zuvor viel mit meiner Mutter unternommen, doch fehlte bislang einfach der väterliche Part. Nun aber hatte ich jemanden, der da sein Bestmögliches versuchte, um unser gemeinsames Leben zu verbessern.
Wir schauten zusammen abends Filme, machten richtige Kinoabende, gingen gemeinsam in den Zoo oder unternahmen kleine Ausflüge ins Umland. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich wieder richtig glücklich. Es schien fast so, als ob nun alles besser werden würde …
In der dritten Klasse der Grundschule kam es dann aber zu einem Eklat. In den vergangenen beiden Jahren hatte mich der Junge aus dem Kindergarten weiter gepiesackt und geschlagen. Es gab viele Gespräch mit seinen Eltern, bis er schließlich irgendwann aufhörte. Doch die Folgen seiner Mobbingattacken zogen längst einen Rattenschwanz nach sich: Inzwischen kannte mich die ganze Schule – und er war ja nie der Einzige, der Spaß daran hatte, den Jungen mit dem komischen T-Rex-Gang zu hänseln und zu verprügeln. Obwohl ich mich längst nicht mehr wie ein T-Rex bewegte und über den Pausenhof lief, vergaßen die Kinder das Bild nicht so schnell. Somit blieb ich ihr Ziel diverser Schikanen.
Es war auch in der dritten Klasse, als ich in einen Konflikt mit einem anderen Jungen geriet, der weitreichende Folgen für meine Entwicklung haben sollte. Dieser Junge verhielt sich noch schlimmer, als der andere Junge es getan hatte. Sein Verhalten sorgte dafür, dass ich gar nicht mehr zur Schule gehen wollte.
Eines Tages verfolgte er mich wieder über den Schulhof. Ich rannte vor ihm weg und kam kurz vor dem Ausgang des Schulgeländes zum Stehen. Rechts neben dem Tor befanden sich ein paar Büsche. Ich rannte dorthin, um mich darin zu verstecken – und genau in dem Moment fiel mein Blick auf einen losen Stock, der in unmittelbarer Nähe lag.
Ich handelte, ohne wirklich nachzudenken.
Der Junge kam auf mich zu, ich griff nach dem Stock – und stach ihn in sein Auge. Er schrie auf und fing an zu weinen. Mitleid empfand ich in dem Moment nicht. Zu tief saß wohl der Schmerz, den er mit seinen Taten zuvor in mir angerichtet hatte. Stattdessen spürte ich Genugtuung und wollte sogar erneut zustechen – doch dann trat plötzlich die Pausenaufsicht zwischen uns und beendete den Konflikt.
Wir wurden beide ins Klassenzimmer zitiert und mussten uns erklären. Der Junge kühlte sich das Auge. Zum Glück hatte der Stock das Auge verfehlt, es war knapp gewesen. Ich schilderte meinem Lehrer, was passiert war, mit dem Stock und schon vorher, doch er hatte nur bedingt Verständnis dafür. Er ermahnte mich und wies darauf hin, dass der Stoß mit dem Stock weitreichende Folgen hätte haben können, und fragte mich, ob ich mir dieser bewusst gewesen sei, als ich nach dem Stock gegriffen habe. Ich verneinte. Nach dem Gespräch mussten unsere Eltern in die Schule kommen und uns abholen.
Erst jetzt begriff ich, dass ich falsch gehandelt hatte. Mein Schmerz und meine Angst hatten mich so geblendet, dass ich mich plötzlich genau der Mittel bedient hatte, die andere gegen meine Person eingesetzt hatten – Mittel, die ich selbst immer so stark verurteilt hatte. Zum ersten Mal erkannte ich die Konsequenzen von Gewalt. Und ich erinnerte mich an die Worte meiner Mutter: „Gewalt ist keine Lösung.“ Sie hatte recht. Gewalt erzeugt nur noch mehr Gewalt. Sie konnte nie eine Lösung sein. Und beinahe hätte ich einem Menschen – völlig unabhängig von meinen Beweggründen – einen irreversiblen Schaden zugefügt. Einem Kind, so alt wie ich selbst, hätte ich fast ein Augenlicht und damit vielleicht seine Zukunft genommen. Im wahrsten Sinne des Wortes seine Perspektive. So hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben die Konsequenzen von Gewalt vor Augen, für die ich selbst verantwortlich war, … und sie gefielen mir überhaupt nicht.
