Vergewaltert - Walter Leonhardt - E-Book

Vergewaltert E-Book

Walter Leonhardt

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Beschreibung

Kann ein einzelner Mensch etwas gegen große Konzerne ausrichten und den Kampf David gegen Goliath alleine durch Hirn, Herz und Humor für sich entscheiden? Der Autor wollte wissen, ob so etwas wirklich funktioniert. Er entwarf dafür einen Plan, den er im Verlauf von zwei Jahren Schritt für Schritt in die Tat umsetzte. Dabei stellte er sich alleine zwei Wirtschaftsgiganten entgegen, spielte diese gegeneinander aus und gewann das riskante Spiel, das von Anfang an nicht verloren werden konnte, weil er immer vor-, niemals nachdachte und keinerlei Bereitschaft zum Scheitern zeigte, bevor die anderen nicht kapitulieren. Das ist die wahre Geschichte dazu.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über das Buch

Kann ein einzelner Mensch etwas gegen große Konzerne ausrichten und den Kampf David gegen Goliaths alleine durch Hirn, Herz und Humor für sich entscheiden? Der Autor wollte wissen, ob so etwas wirklich funktioniert.

Er entwarf dafür einen Plan, den er im Verlauf von zwei Jahren Schritt für Schritt in die Tat umsetzte. Dabei stellte er sich alleine zwei Wirtschaftsgiganten entgegen, spielte diese gegeneinander aus und gewann das riskante Spiel, das von Anfang an nicht verloren werden konnte, weil er immer vor-, niemals nachdachte und keinerlei Bereitschaft zum Scheitern zeigte, bevor die anderen nicht kapitulieren.

Das ist die wahre Geschichte dazu.

Über den Autor

Walter Leonhardt wurde 1979 in der Nähe von Stuttgart geboren. Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit den Lehren asiatischer Kriegsphilosophie. Seine dadurch erworbenen Fertigkeiten und Fähigkeiten wendet er vielfach im Alltag an. Daneben studiert er Politikwissenschaft an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald.

Inhalt

Vorwort

Prolog I

Prolog II

Entstehung

Chance

Geburt

Idee

Plan

Vorbereitung

Werde unersetzlich

Spione anwerben („Das Bier entscheidet“

)

Different name, same shit

Basics and Backgrounds

Aus Zwei-macht-Vier-Vertrag

Kontur

Letzte Vorbereitung

Judas

Letzter Schliff

Ruhe vor dem Sturm

Angriff

Erste Reaktion: Auf Hintergrund lauschen

Zwischenspiel

Acht Tage

Fuchs, die haben die Gans gestohlen

Vienna Calling

Notbremsung aufs Abstellgleis

The Days after

Mit Kanonen auf Spatzen

Heißsporn? Kalter Fisch!

Sparring

Das Märchen vom gelben Metaller

Betriebsratswahlkampf

Auge in Auge, Zahl in Zahl

Nah am Wald

Deckungsfeuer

Epilog

Vorwort

„Man kann als Einzelner gegen die da oben nichts ausrichten. Ich, der kleine Mann, bin vollkommen machtlos.“ Dieser Gedanke wird jedem Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens schon einmal gekommen sein. Eine besonders hilflose Spezies Arbeitnehmer scheinen Menschen in Zeitarbeit zu sein. Zeitarbeit ist eine Branche, die sich dadurch auszeichnet, Henry Fords These, dass Arbeit uns mehr als Lebensunterhalt, nämlich das Leben gibt, Lügen straft. Es ist die einzige Branche, die vollkommen auf Loyalität Untergebener verzichtet und nicht nur trotz sondern gerade wegen des Umstands, dass alle in diesem Segment Beschäftigte nur raus aus Leiharbeit und rein in Festanstellung wollen, prosperiert und stetig Gewinne abwirft.

Ich fragte mich, ob obiges Zitat Gültigkeit hat, ein Einzelner wirklich nichts gegen große Konzerne unternehmen kann und entwarf einen Plan, den ich im Verlauf von zwei Jahren Schritt für Schritt in die Tat umsetzte. Ich stellte mich alleine zwei Wirtschaftsgiganten entgegen, spielte diese gegeneinander aus und gewann das riskante Spiel, das von Anfang an nicht verloren werden konnte, weil ich immer vor- und niemals nachdachte, keinerlei Bereitschaft zum Scheitern zeigte, bevor die anderen nicht kapitulieren.

Das hier ist die Geschichte dazu.

Kenne Deinen Gegner und kenne Dich selbst, dann wirst Du auch in hundert Schlachten nicht in Gefahr geraten.

Sun Zu

Das Ziel jeden Duells ist der Sieg – unter allen Umständen.

Myamoto Musashi

Prolog I

Wie schlägt man einen übermächtigen Gegner, gegen den man – rein logisch gedacht – keine Chance hat? Ganz einfach: Indem man zum Zeitpunkt des ersten Angriffs das Spiel bereits gewonnen hat! Man hat sich vorab bereits eine gefühlte Ewigkeit auf das Duell vorbereitet, kennt sowohl seinen Gegner als auch sich selbst in- und auswendig. Man fragt sich, was die andere Partei für Stärken und Schwächen, für Chancen und Möglichkeiten hat, versucht diese zu ergründen, bevor man beginnt, seinen Plan zu schmieden. Sun Zu sagt dazu „Der General, der eine Schlacht gewinnt, stellt vor dem Kampf im Geiste viele Berechnungen an. Der General, der die Schlacht verliert, stellt vorher kaum Berechnungen an. So führen viele Berechnungen zum Sieg und wenige Berechnungen zur Niederlage – überhaupt keine erst recht!“

Unter übermächtigen Gegnern verstehe ich Unternehmen, Konzerne und Verbände, die – ob klein oder groß - eine Konzentration von geballter Macht in Form von Kapital und Wissen darstellen, die die des einzelnen Individuums um ein Vielfaches übersteigt. Der Einzelne, sofern er nicht Albert Einstein oder Bill Gates heißt, ist diesen rein rechnerisch immer unterlegen.

Gesellschaften und Verbände können quasi unbegrenzt Söldner (Anwälte, zum Beispiel) anheuern und gegen Dich ins Felde schicken, Dir ordentlich einheizen, bis die Socken qualmen und Dein Hirn vor Druck zu zerbersten droht. Sie können Dich ausgrenzen, verunglimpfen und die gesamte Band-breite verbaler Gewalt und juristischer Gewitztheit einsetzen, bis Du selber an Dir zweifelst und letztendlich innerlich zerbrichst.

Um so ein Spiel zu gewinnen bedarf es also einer gewissen Standhaftigkeit, vertieften Wissens über Actio und Reactio, Ursache und Wirkung. Bestenfalls kommt ein stabiles Wertesystem dazu, das einer Panzerung, einem Gerüst gleich, Dir sicheren Stand verschafft.

Mein Wertegerüst heißt „Asiatische Kriegsphilosophie“, ich baue seit mehr als zehn Jahren daran. Ich lese fast täglich die Lehren Myamoto Musashis, Sun Zus und Tsunemoto Yamamotos. Ich beschäftige mich intensiv mit deren praktischer Umsetzung in heutiger Zeit. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, noch ganz am Anfang der Entwicklung zu stehen, beherrsche erst das Alphabet und lerne langsam, aus einzelnen Buchstaben erst Worte, dann Sätze zu bilden.

Ich bin ein Egoist, setze meine Fertigkeiten und Fähigkeiten zuallererst für mich selber ein, sorge dafür mir ein zwangloses Leben zu ermöglichen. Ich mache prinzipiell nicht mehr als unbedingt nötig, personifiziere mich mehr mit Dude Lebowski als einem Workaholic wie Bill Gates. Trotzdem springt durch meiner Denken Arbeit regelmäßig Benefit für Dritte heraus, wenn auch nicht ganz so viel als wenn ich bekennend altruistisch wäre. Ich sehe das pragmatisch: Wer bereit ist alleine durchs Feuer zu gehen, darf sich auch das Recht herausnehmen zu entscheiden, wieviel er für sich behält und wieviel er anderen offenbart.

Diese Lebenseinstellung disqualifiziert mich ein Vorbild zu sein. Trotzdem kannst Du als Leser ihr vielleicht einiges abgewinnen, etwas durch dieses Buch dazulernen. Und sei es nur eine neue Perspektive darauf, wie Menschen und Unternehmen, Verbände und die Gesellschaft insgeheim funktionieren.

Mein gewählter Weg führt nicht dazu, auf dem Wege stetiger Arbeit zu Reichtum zu gelangen. Führen die meisten Pfade laut Aussage vieler Arbeitnehmer aber sowieso nicht. Trotzdem glaube ich daran, dass jeder Mensch zumindest einmal im Leben die Chance auf Ruhm bzw. Reichtum hat. Diese Gelegenheit zu erkennen, das Glück in Angriff zu nehmen und dieses durch Mut, Ausdauer und Cleverness zu erzwingen, ist eine andere Sache.

Ich zumindest sah die Chance und heute erzähle ich Dir, wie es dazu kam und was ich dafür alles auf mich genommen habe.

Prolog II

Um mich zu verstehen, musst Du einiges über mich wissen...

Ich lebe das Leben des Shugyōsha – die sogenannte Kriegerwallfahrt. Ich suche Vervollkommnung, versuche auf dem nicht gefahrlosen Weg des Schwertkampfes die Erleuchtung zu erlangen. Dabei ist mein Schwert der Verstand, meine Gegner sind Firmen und Verbände, die gegen Recht und Moral verstoßen, auf gefahrlosem Weg - Schwächere auszubeuten – Geld verdienen.

Es gibt bestimmte Regeln im Shugyōsha, denen ich mich unterwerfen muss, will ich Erfolg haben. Diese lauten:

Schlafe nicht unter einem Dach

Trage kein Geld und kein Essen bei Dir

Gehe an Orte, vor denen sich der einfache Mann fürchtet

Werde ein Krimineller

Lasse Dich einsperren und befreie Dich durch Deine Weisheit.

Besagten Weg schlug ich, anfangs intuitiv später bewusst, ein: Vor mehr als zehn Jahren saß ich bei einem Psychologen, der ein Gutachten über mich erstellte. Es sollte Auskunft darüber geben, wie ich gepolt bin und wo ich innerhalb der Gesellschaft meinen Platz als nützliches Mitglied der Gemeinschaft finde. Dabei wurde festgestellt, dass ich außerordentlich intelligent sei, mich aber die meisten Dinge des normalen Lebens stark langweilen würden. Man attestierte mir, dass ich von delinquentem Verhalten fasziniert sei, meine Phantasie in diese Richtung nicht nur besonders ausgeprägt ist, sondern Tatkraft und Entschlossenheit bedenkliche Werte erreichen.

Seit Abschluss der Grundschule war ich lausiger Schüler. Ich quälte mich Jahr für Jahr durchs Gymnasium, war aber in allen Fächer Kilometer entfernt von einer guten Zensur. Lernen war langweilig. Ich stiftete lieber Nachbarskinder dazu an, dass wir am Berghang bei uns um die Ecke eine riesige Bunkeranlage errichten, dafür notfalls den halben Berg abtragen. Ich hatte in Bücher über den Vietcong gelesen, wie so etwas funktioniert und wollte dies unbedingt in die Tat umsetzen.

Ich ging vom Gymnasium ohne Abschluss ab, Downgrading in die Real-schule konnte ich mir einfach nicht vorstellen – dort wäre alles nur noch langweiliger. So kam es, dass meine alten Schulfreunde Abitur machten und studieren gingen, während ich mich in der Bundeswehr abplagte – meine Mutter hatte heimlich im Kreiswehrersatzamt angerufen und – aus Sorge, ich könnte nur Unsinn machen - meine sofortige Einberufung erwirkt.

Zu der Zeit, ich war gerade neunzehn Jahre alt geworden, lernte ich meine erste große Liebe kennen und stürzte mich kopfüber ins Abenteuer, ohne Job, Ausbildung oder Ahnung vom Leben mit ihr in eine fremde Stadt zu ziehen. Es kam, wie es kommen musste – irgendwann ging alles den Bach runter und ich stand mit leeren Händen dar. Bis dahin war ich der typische intelligente Versager – unschuldig, harmlos, fernab jeglicher Realität.

Mit alten Freunden hatte ich seit langem kaum noch Kontakt. Ich hatte mit meiner Freundin die Stadt verlassen, wir zogen zweihundert Kilometer weg, mitten auf die schwäbische Alb. Sie war für mich Mittelpunkt des Lebens, reichte mir vollkommen aus. Alle Pläne und Träume beinhalteten sie, stets und für immer an meiner Seite stehend.

Ich fand in der Fremde nicht Fuß, verheimlichte das meiner Freundin und versteckte die Wahrheit hinter einem Lügengerüst, das irgendwann in sich zusammenfiel. Sie war zutiefst enttäuscht, liebte mich aber innigst und bot mir eine letzte Chance, sofern ich verspräche, dass ich mich ändern würde. Ich wusste aber, dass ich das nicht kann, ließ sie deshalb in Schmerz und Chaos sitzen, um größeren Schmerz und größeres Chaos zu verhindern. Sie vergab mir irgendwann, vergaß es aber niemals. Ich dagegen vergaß es irgendwann, vergab mir das aber niemals.

Nach der Trennung bleiben konnte ich nicht – zu groß der hinterlassene Schaden, zu schmerzlich die Erinnerung. Zurück zu den Eltern wollte ich nicht – ich wollte nicht die Schmach erleben mir sagen zu lassen, dass diese genau das vorhergesagt hatten. Also verließ ich nicht nur Baden-Württemberg, sondern gleich das ganze Land und suchte das Glück in Belgien.

Ich bin nicht gerade Weltmeister im Socialising, ein Netzwerk aufzubauen behagt mir nicht. Ich sehe mich als Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer. Mit diesem Denken Kontakte zu finden ist alles andere als leicht. Ich reiste von Zeit zu Zeit nach Deutschland, hielt mich vor Leuten aber immer bedeckt. Ein alter Bekannter von mir besuchte mich regelmäßig, fand meine stille Art ganz gut. Dieser lebte davon, im großen Stil Drogen von Holland nach Deutschland zu transportieren und versuchte mich zu überreden, sein Partner zu werden. Die Nachfrage war gewaltig und er wollte langsam kürzer treten, war mit seinen ostdeutschen Connections bereits jahrelang im Geschäft. Bei mir in Lüttich machte er Zwischenhalt und ließ sich beraten, welche Strecke am sichersten war. Ich kannte jede Ecke Ostbelgiens, von Lierse bis nach Luxemburg, wie meine Westentasche; hatte die Gegend intensiv zu Fuß, mit Fahrrad, per Auto und Bahn erkundet.

Mich faszinierte der Gedanke, allerdings hatte ich bis dato mit Kriminalität nichts am Hut, bat um Bedenkzeit, vor allem aber um Gelegenheit, erst mal kriminell zu werden. Kann man so was erlernen? Ich zumindest glaubte daran. Ich las alles, was ich über Kriminalität und Kriminelle in die Finger bekam, begann danach Stück für Stück innere Schranken abzubauen. Wie soll man denn unbemerkt stehlen, wenn man ein schlechtes Gewissen dabei hat? Wie soll man einen Rucksack voller Dope über die Grenze bringen, wenn das Herz so laut pocht, dass man glaubt, der Mann am anderen Ende des Bahnsteigs könnte es noch klopfen hören? Ich stand mit vierzehn Jahren drei Stunden vor der Zeitschriftenauslage eines Supermarkts und traute mich nicht, mit dem Erotik-Heft an die Kasse zu gehen. Das alles aus Sorge, was wohl die Verkäuferin über mich denkt, wenn ich PRALINE und Micky Maus zusammen aufs Band lege, denn an beidem bekundete ich gleichermaßen Interesse. Und so ein Schisshase sollte auf einmal den Schneid besitzen, drei bis acht Kilogramm Marihuana durch drei Länder bis an den Bestimmungsort zu transportieren? Na dann gute Nacht!

Ich erlernte autodidaktisch Kriminalität, danach stieg ich ins Business meines Bekannten ein. Die Zeit war aufregend und langweilig zugleich. Ich hatte nur einen Kontakt in Amsterdam, erhielt dort luftdicht versiegelte schwarze Päckchen und brachte diese innerhalb von zwei Tagen ans Ziel. Dabei nutzte ich meine Kenntnis der belgisch-luxemburgischen Grenzregion, überquerte meist dort die deutsche Grenze, wo Zöllner nur in die andere Richtung schauend nach Schwarzgeld auf der Lauer lagen. Bei der Warenabgabe nahm ich einen Umschlag entgegen und fuhr damit wieder nach Lüttich zurück, wo ich nicht mal den Hauch von Verdacht erregte, irgendetwas mit illegalen Aktivitäten am Hut zu haben. Ich rauchte kein Gras („never get high from your own supply“), lebte normal bis bescheiden und pflegte keinerlei Kontakt mit Personen, die auch nur entfernt etwas mit Gangster oder Kriminalität zu tun hatten. Ich verdiente recht gut, war aber trotzdem nur Ersatzmann, der von Zeit zu Zeit einsprang, wenn mein Kollege lieber Fahrrad fuhr statt seinem Business nachzugehen.

Dieser Lebensabschnitt war einige Zeit vorbei, als ich zufällig Leute kennenlernte, die mich rekrutierten und quasi von der Pike auf beibrachten, wie organisiertes Geschäft funktioniert. Sie bildeten mich aus, setzten mich erst im Mobilfunk, dann im Ölverkauf ein. Ich verdiente sehr viel Geld, halte unter anderem den Rekord an Einzelgeschäftskundenverträgen, was die einstige Firma Talkline betrifft.

Zu der Zeit wurde ich innerhalb kürzester Zeit ziemlich vermögend, erlebte aber auch sehr schnell, was verraten und verkauft zu werden bedeutet. Ich wurde von den mir am nächsten stehenden Geschäftspartnern, meinen Lehrmeistern, übers Ohr gehauen. In diesem letzten Teil meiner Ausbildung lernte ich auf harte Tour, dass der engste Vertraute die größte Gefahr darstellt, man Freunde nah, Feinde aber näher an sich halten muss. Danach war ich zwar um die Erfahrung reicher, stand ansonsten aber mit leeren Händen dar.

Die Leute, mit denen ich zu tun hatte, verdienten ihr Geld dank guter Kontakte, nicht aufgrund von Perfektion in Methodik. Ihre Vorgehensweise war vorhersehbar, teilweise plump und billig, funktionierte aufgrund Gier und Bereitschaft Dritter, sich kaufen zu lassen. Intellektuelle Meisterleistungen wie in Film und Fernsehen gesehen erlebte ich keine, doch gerade das macht die Faszination des Verbrechens aus: Der Wunsch, selber einen perfekten Coup über die Bühne zu bringen. Kriminalität ist hierbei zweitrangig, ein Hauch von Gaunerei gehört aber dazu.

Es gibt ein Filmgenre namens „Heist“-Movie, dieses ist dem Thriller zuzuordnen. Diese Filme befassen sich mit Planung, Vorbereitung und Durchführung spektakulärer Raubüberfälle, wobei die Handlung hauptsächlich den Blickwinkel der Täter zeigt. Diese sind in der Regel Sympathieträger des Films, bei den Bestohlenen handelt es sich meist um Leute, die selbst wesentlich skrupelloser als die eigentlichen Täter sind. Zeitgenössische Beispiele für Heist-Movies sind die „Ocean’s Eleven“-Trilogie von Steven Soderbergh, Guy Ritchies„Bube, Dame, König, grAS“ oder die erfolgreiche Fernsehserie „Prison Break“. Das alles prägte mich, allerdings kam ich aufgrund meiner gemachten Erfahrung zur Erkenntnis, dass mein perfekter Coup – mein Heist – sich dadurch auszeichnen sollte, im Einklang mit der Gesetzgebung durchgeführt zu werden.

Der Trick sollte darin bestehen, Schandtaten der Gegner als Werkzeug gegen diese einzusetzen, entsprechend dem Einsatz von Hebeltechniken in Judo und Aikido. Das Prinzip ist denkbar einfach: Man begreift seinen Gegner – ob Einzelperson, Gruppe oder Unternehmen – als Körper, geht nicht den Rumpf sondern Gliedmaßen an. Dabei bringt man erst sich, dann das zu hebelnde Glied in geeignete Stellung, in der es nicht mehr aus dem Griff des Angreifers herausgedreht werden kann und belastet dieses bis zum Anschlag, was starke Schmerzen bis hin zur Aufgabe verursacht. Klappt im Kampf, auch ohne Sport.

Die Herausforderung, auf diese Art einen Heist umzusetzen, ist deutlich größer – erfordert abstraktes Denken. Sie macht aber auch doppelt so viel Spaß. Denn jeder Depp kann Schwache ausbeuten oder gegen Gesetze verstoßen. Nur ein Meisterkrimineller schafft aber einen Heist mit Eleganz legal durch zu ziehen.

Ich kannte die dunkle Seite gut genug und hatte ein Gespür entwickelt, wie weit ich gehen kann, um Regeln zu beugen ohne zu brechen. Das Zauberwort war „Rechtswidrigkeit“. Liegt Rechtswidrigkeit nicht vor, ist eine Handlung rechtmäßig, kann also nicht verboten sein. Mein ganz persönlicher Heist sollte so aufgebaut sein, dass ich bei allem, was ich tue, jederzeit mein berechtigtes Interesse wahrnehme. Von da an wartete ich auf die richtige Gelegenheit, verbrachte die Zeit bis dahin mit Ausbildung und Studium an der Universität Greifswald.

Bis sie eines Tages auftauchte: Unvermittelt, ungeplant und vollkommen unerwartet...

Entstehung

In den Wintersemesterferien 2012 besuchte ich für ein paar Tage meine Familie in Bietigheim-Bissingen. Familie, das sind für mich Mutter und Schwester. Mein Vater lebt irgendwo in Ungarn, seit 14 Jahren haben wir keinen Kontakt. Daheim lief mir zufällig eine alte Bekannte, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte, über den Weg. Wir verabredeten uns für denselben Abend in einer Bar. Dort trafen wir ihren Kumpel aus dem Fitness - studio. Dieser arbeitete als interner Mitarbeiter beim Randstad-Konzern.

Randstad ist ein internationaler Personaldienstleister mit Niederlassungen in über 40 Ländern. Mehr als eine halbe Million Menschen arbeiten für das Unternehmen, 63.000 allein in Deutschland. Die Firma ist eine Aktiengesellschaft, machte vergangenes Jahr 16,5 Milliarden Euro Umsatz, erwirtschaftete dabei mehr als eine halbe Milliarde Euro Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibung. Personaldienstleister sind bei uns als Zeit-bzw. Leiharbeitsfirmen bekannt, die angebotene Dienstleistung geht aber weit darüber hinaus. Personalvermittlung, Outsourcing, Outplacement und viele weitere Out-Sachen gehören ebenfalls dazu.

Als Greifswalder Student ist man trinken gewohnt – selbst Bauarbeiter sehen alt aus, sobald meine Freunde mit bechern loslegen. Ich bin nicht ganz so gut darin, zum Partytrinker unter den Tisch trinken reicht es aber allemal. Nach ein paar Drinks lockerte sich die Zunge meines Gegenübers und er wurde offener, was Gesprächsthemen betraf. Er erzählte von seinem Job und den Dingen, die er dort erlebte.

Das Thema Zeitarbeit war mir bis dato vollkommen unbekannt. Ich wusste, dass die Branche keinen guten Ruf genießt, man wenig verdient, zumindest aber schnell Erfahrung sammelt, da man in kürzester Zeit viele Unter - nehmen und Industriezweige kennenlernen kann. Ich erfuhr, dass Zeitarbeit für Arbeitnehmer nicht mal halb so toll ist, wie ich bis dahin angenommen hatte. Im Leiharbeitseinsatz Beschäftigte arbeiteten teilweise jahrelang beim selben Entleiher auf derselben Position, verdienten aber deutlich weniger als ihre festangestellten Kollegen. Die meisten strebten nach Kontinuität und Sicherheit, wünschten sich daher nichts sehnlicher als Übernahme durch die Kunden. Dies war aber weder von Verleiher noch Entleiher gewünscht. Der Verleiher verlor mit jeder Übernahme nicht nur den Arbeiter, sondern gleich noch die Stelle und dazugehörigen Umsatz. Die Entleiher dagegen waren dank Zeitarbeit flexibler, umgingen Kündigungsschutz und konnten mit wenig Stammbelegschaft und viel externem Personal leichter regelmäßige Tarifverhandlungen mit starken Gewerkschaften abfedern; die setzen sich für Festangestellte ein, der große Rest bleibt außen vor.

Er erzählte mir vom Druck, den Randstad auf seine Niederlassungen ausübe, um Kennzahlen-Ziele zu erreichen. Die Schuld sah er weniger am eigenen Firmenvorstand, sondern bei der knallharten Branche Zeitarbeit an sich: Es gäbe immer einen Konkurrenten, der Kunden die Dienstleistung Arbeitnehmerüberlassung noch billiger als man selber anbiete und letzterem sei scheißegal, wie Verleiher ihre Kostenkalkulation bewerkstelligen. Nicht günstig, sondern billig müsse man sein. Randstad habe daher gar keine andere Wahl, als „auf den Zug mit aufzuspringen“ und Kennzahlen