Verhaltenssüchte erfolgreich behandeln - Hannah Hoppe - E-Book

Verhaltenssüchte erfolgreich behandeln E-Book

Hannah Hoppe

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Beschreibung

Wenn Alltägliches zur Sucht wird Die Behandlung von Menschen mit Verhaltenssüchten birgt spezifische Herausforderungen wie ambivalente Veränderungsmotivation, fragliche oder schwankende Kooperation und die Frage danach, wie sich Abstinenz oder kontrollierter Umgang mit einer Aktivität mit dem Alltag vereinbaren lassen. Darüber hinaus scheint es aufgrund der Rückfallneigung und der teils gravierenden Begleiterscheinungen notwendig, nicht nur die Symptome zu behandeln, sondern auch zugrunde liegende Probleme aufzulösen. In diesem Buch wird ein neuer schematherapeutischer Behandlungsansatz vorgestellt. Die Behandelnden bekommen Strategien an die Hand, um • das Problem mit Betroffenen zusammen konkret zu definieren, • die Veränderungsmotivation zu steigern und Ambivalenzen abzubauen, • individuelle Entstehungshintergründe im Sinne kindlicher Bedürfnisfrustration und deren Bewältigung zu ergründen sowie • neue hilfreichere Handlungsweisen aufzubauen und zu verfestigen. Das Fachbuch zum Ratgeber "Ausstieg aus Verhaltenssüchten: Wie Schematherapie helfen kann" – für eine erfolgreiche Überwindung der Sucht.

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EPUB
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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Julia Arnhold & Hannah HoppeVerhaltenssüchte erfolgreich behandelnEin schematherapeutisches Praxisbuch

Über dieses Buch

Wenn Alltägliches zur Sucht wird

In diesem Buch wird ein neuer schematherapeutischer Ansatz für die ­Behandlung von Menschen mit Verhaltenssüchten vorgestellt. Er vermittelt Therapeut*innen zahlreiche Strategien, um nachhaltige Änderungen zu erzielen und die dabei auftretenden Herausforderungen zu meistern. 

Wie kann die Verhaltenssucht in das Modus-Modell eingeordnet werden und welche konkreten Interventionen leiten sich daraus ab? Wie kann kontrollierter Umgang mit dem kritischen Verhalten erreicht werden? Wie können Therapeut*innen mit Ambivalenz, mangelnder Adhärenz oder eigenen Gefühlen von Frustration umgehen? Auf diese und ähnliche Fragen gibt dieses Buch Antworten. Beispieldialoge, Handouts zum Download und Instruktionen zur Anleitung von Imaginationen und Stühledialogen unterstützen die Behandelnden dabei, nicht nur die Symptome ihrer Patient*innen zu reduzieren, sondern auch zugrunde liegende Probleme aufzulösen. 

Abgestimmt auf dieses Fachbuch liegt für Betroffene zudem der Ratgeber „Ausstieg aus Verhaltenssüchten: Wie Schematherapie helfen kann“ vor – für eine erfolgreiche Überwindung der Sucht.

Dr. Julia Arnhold ist Verhaltens- und Schematherapeutin in eigener Praxis und Leiterin einer Lehrpraxis in Berlin.

Hannah Hoppe ist Verhaltens- und Schematherapeutin in eigener Praxis in Köln und Leiterin des Schematherapie-Instituts Rhein-Ruhr sowie einer Lehrpraxis für Verhaltenstherapie in Köln.

Copyright © Junfermann Verlag, Paderborn 2020

Coverfoto © smartboy10 (www.istockphoto.com)

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2020

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0112-0

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0118-2 (EPUB), 978-3-7495-0120-5 (PDF),  978-3-7495-0119-9 (MOBI).

Vorwort

Verhaltenssüchte scheinen zuzunehmen. Zumindest sind sie in den letzten Jahren verstärkt in unser Bewusstsein gerückt und tauchen entsprechend häufiger in Therapien als Thema auf, sei es (Online-)Shoppen, Spielen, Sport, Sex oder exzessives Arbeiten. Angesichts dieser Ausgangslage ist es aus meiner Sicht sehr dankenswert, dass sich zwei (in der Therapie überhaupt und in der Schematherapie im Besonderen) ausgesprochen erfahrene Kolleginnen dieser Thematik annehmen und in diesem Buch überzeugend aufzeigen, wie die Behandlung von Alltagssüchten auf eine schematherapeutische Basis gestellt werden kann, ergänzt durch bewährte verhaltenstherapeutische Interventionen. Das gibt dem Buch eine sehr breite Fundierung. Denn wie z. B. auch bei Essstörungen oder Zwängen kann eine schematherapeutische Behandlungskomponente das Verständnis für die Störung und deren biografische Einbettung und damit die Motivation für die und die Compliance in der Behandlung erhöhen und damit mutmaßlich zu einem besseren Behandlungsergebnis beitragen.

Für mich besticht das Buch durch eine sowohl differenzierte, als auch äußerst anschauliche Darstellung der Erscheinungsformen von Verhaltenssüchten, durch deren solide Diagnostik, eine umfassende Skizzierung des Modus-Modells (das passgenau auf das spezielle Erleben der Betroffenen zugeschnitten wird) und einem extrem praxisnahen Interventionsteil. Die Kreativität der beiden Autorinnen drückt sich z. B. darin aus, dass sie erkannt haben, dass es neue Modi braucht, um die verinnerlichten Muster adäquat abzubilden. Diese haben die beiden wegen des vernachlässigenden Verhaltens der Eltern sehr treffend „Laissez-faire-Modi“ genannt – ist bei den Betroffenen doch gerade ein Mangel an Begrenzung und entsprechend eine zu gering ausgebildete Impulskontrolle ein wesentlicher Teil des Problem. Dieses Elternverhalten konnte bisher im Modus-Modell nicht angemessen beschrieben werden. Die anschauliche Darstellung der Grundbedürfnisse zeigt den Behandelten hingegen, was sie „eigentlich“ brauchen und was sie tun können, um es nachhaltig zu bekommen. Dabei wird auch auf neuere Entwicklungen wie die Einbeziehung von Achtsamkeit in die Behandlung eingegangen. Auch da ist das Buch absolut up to date.

In der extrem differenzierten Darstellung der Interventionen, die verschiedene Optionen für alle Eventualitäten beinhaltet, zeigt sich intime Fachkenntnis der Autorinnen. Entsprechend gibt es auch ein eigenes Kapitel für den Umgang mit schwierigen Therapiesituationen. Damit das Ganze übersichtlich bleibt, wird das Wesentliche immer wieder pointiert zusammengefasst.

In zukunftsgerichteten Imaginationen wird z. B. auf ein Leben ohne Verhaltenssüchte bildlich-erlebnisnah vorbereitet. Diese Methode wird auch in der Sportpsychologie angewendet, indem etwa Slalomläufer die Ideallinie durch die Slalomstangen imaginativ antizipieren, was zu einem geschmeidigeren Bewegungsablauf beiträgt. Diese Erkenntnisse auf den Bereich der Psychotherapie zu übertragen ist innovativ. Eine störungsspezifische Stühlearbeit adressiert die störungsimmanente Veränderungsambivalenz.

Den Abschluss bilden wichtige Hinweise für Angehörige, die für lange Zeit mehr unter dem entgrenzten Verhalten der Betroffenen leiden als diese selbst. Es bleibt kein Bereich dieser durchaus komplexen Thematik unberührt, weshalb das Buch auch einen gewissen Umfang hat. Es gibt aber keine Längen beim Lesen, denn alles ist in einer lebendigen, sehr empathischen Sprache beschrieben, bei der das tiefe Verständnis und das Mitgefühl der Autorinnen für „ihr“ Klientel immer spürbar ist. Zahlreiche Fallbeispiele und Metaphern tragen zur Anschaulichkeit bei, sodass es Freude macht, dieses Buch zu lesen. Hier und da fühlt man sich vielleicht sogar mit einem Augenzwinkern etwas ertappt, aber nie bewertet. Also ein rundherum gelungenes Buch. Daher wünsche ich ihm viele zufriedene Leser*innen, die es unbedingt verdient hat.

Frankfurt, im Oktober 2020

Eckhard Roediger

Einleitung

Nachdem wir im Mai 2019 den Selbsthilferatgeber Ausstieg aus Verhaltenssüchten: Wie Schematherapie helfen kann veröffentlicht haben, der eine CD mit Instruktionen für die Anwendung zu Hause beinhaltet, zeichnete sich auch seitens unserer Kolleg*innen schnell ein großes Interesse am Thema ab. Mit diesem Fachbuch reagieren wir auf die starke Nachfrage der Behandelnden und richten uns gezielt an angehende und zertifizierte Schematherapeut*innen, an Suchtexpert*innen und an Psychotherapeut*innen aller Schulen mit Interesse an neuen Ansätzen zur Behandlung der Verhaltenssüchte. Fachbuch und Ratgeber sind gut aufeinander abgestimmt, sodass Sie Ihren Patient*innen den Ratgeber als Unterstützung für die Zeit zwischen den Sitzungen empfehlen können.

Klinische Relevanz haben die Verhaltenssüchte in der psychotherapeutischen Praxis schon lange. Mit den Neuerungen in der 11. Auflage der International Classification of Diseases (ICD-11) und in der 5. Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) kommt eine formale Relevanz hinzu.

Menschen, die an Verhaltenssüchten leiden, erleben vergleichbare Beeinträchtigungen in ihrem Leben wie Menschen mit stoffgebundenen Süchten. Ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Aktivität nimmt in ihrem Alltag zu viel Raum ein, kann in Ausmaß und Intensität nicht mehr kontrolliert werden und hat schädliche Auswirkungen auf die soziale Funktionsfähigkeit und die Rollenfunktion der Betroffenen, manchmal auch auf die physische Gesundheit. Betroffene haben das Gefühl, kontrolliert zu werden von dem Drang, einer oder mehrerer der folgenden Aktivitäten nachzugehen: Online- oder Glücksspielen (einschließlich Sportwetten), Nutzung des Internets, Kaufen eigentlich nicht benötigter Produkte, Sex, Arbeit oder Sport.

Abgesehen von den inhaltlichen Herausforderungen der Psychotherapie der Verhaltenssucht, die mit den bisherigen, vorrangig lerntheoretisch basierten, Ansätzen in der klinischen Praxis oftmals an Grenzen stößt, gehören ambivalente Veränderungsmotivation, „Widerstand“ und Irritationen der therapeutischen Beziehung zu den häufig beklagten Fallstricken der Behandlung.

Unser schematherapeutisches Modus-Modell der Verhaltenssucht und die daraus abgeleiteten Interventionen ermöglichen zum einen die auf Nachhaltigkeit der Veränderung ausgerichtete Erweiterung klassisch verhaltenstherapeutischer Methoden. Zum anderen bietet das Modell elegante Möglichkeiten, mit schwierigen Therapiesituationen umzugehen, ohne direktiven Veränderungsdruck aufzubauen oder eigene Gefühle von Hilflosigkeit oder Ärger ungesund wegzuschieben. In der Schematherapie dürfen beide Seiten, Patient*innen und Therapeut*innen, alle Gefühle empfinden. Sie sind Basis und Gegenstand der Therapie und der therapeutischen Beziehung.

Das Fachbuch thematisiert ebenso wie der Ratgeber ganz bewusst nicht eine spezifische Verhaltenssucht im Sinne von „Behandlung der Onlinesucht“ oder „Behandlung der Kaufsucht“. Wir haben uns vielmehr dazu entschlossen, uns an den Gemeinsamkeiten aller suchtartig ausgeführten Aktivitäten zu orientieren und diese in ihrem Kern anzugehen. Dieses Vorgehen haben wir deshalb gewählt, weil es aus unserer Sicht ein verbindendes Element zwischen den Verhaltenssüchten gibt, das angegangen werden muss, wenn nachhaltige Lösungen angestrebt werden: den Ursprung des Problems in einer Frustration emotionaler Grundbedürfnisse. Diesen Wesenskern von Verhaltenssucht sehen wir am trefflichsten beschrieben und erklärt im schematherapeutischen Modus-Modell, das zudem nachhaltig wirksame Ansätze zur Veränderung bietet.

Die Schematherapie ist ein vergleichsweise junger psychotherapeutischer Ansatz, der in den 1990er-Jahren von dem amerikanischen Psychotherapeuten Jeffrey Young entwickelt worden ist. Seine ersten Ansätze wurden in den folgenden Jahren und Jahrzehnten stetig weiterentwickelt von einer Vielzahl, der Wissenschaft ebenso wie der Praxis verschriebenen Kolleg*innen. Ausgangspunkt der Entwicklung waren wiederholt beschriebene Grenzen, an die klassische psychotherapeutische Methoden immer wieder stießen und die sie aus sich heraus nicht zu überwinden vermochten. Die Schematherapie fußt vorrangig auf Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie sowie der Gestalttherapie, die erweitert wurden um gefühlsaktivierende Methoden und den Fokus auf die Verbindung zwischen aktuellen Problemen erwachsener Personen und den Bedingungen der früheren kindlichen und jugendlichen (zwischenmenschlichen) Erfahrungen, die sich als Schemata einbrennen. Im Zentrum steht die Annahme, dass jeder Mensch mit emotionalen Grundbedürfnissen geboren wird, deren angemessene Befriedigung entscheidend ist für eine stabile und „satte“ seelische Entwicklung zu einem gesunden Erwachsenen, der befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen eingehen und aufrechterhalten kann, seine Gefühle und Bedürfnisse wahrnimmt und berücksichtigt und mit den Herausforderungen, Schwierigkeiten und steinigen Etappen des Lebens konstruktiv umgeht. Werden diese emotionalen Grundbedürfnisse im Laufe der kindlichen Entwicklung verletzt oder frustriert, kann der Aufbau eines gesunden erwachsenen Ichs behindert werden, während jene Strategien begünstigt sind, die in der Ursprungssituation einen Schutz für das Kind darstellten, im späteren Leben aber problematisch werden können – so zum Beispiel die Verhaltenssucht.

In der stetigen Weiterentwicklung der schematherapeutischen Grundlagen werden wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse aus der Bindungstheorie, der Transaktionsanalyse und der Neurobiologie sowie die Beobachtungen aus der täglichen psychotherapeutischen Arbeit mit Patient*innen berücksichtigt.

Im schematherapeutischen Modus-Modell wird die Verhaltenssucht, unabhängig davon, um welche spezifische Aktivität es geht, als Verhaltensstrategie im Rahmen eines Bewältigungs-Modus verstanden. Also als Versuch, mit psychischem Schmerz umzugehen, der sich in früheren Erfahrungen von Bedürfnisfrustration begründet. Dieser Versuch produziert jedoch zum einen auf lange Sicht zu hohe Kosten und heilt zum anderen den Schmerz nicht, sondern betäubt ihn nur, weshalb er immer wieder aufs Neue bekämpft werden muss.

Eine Variante der Verhaltenssucht, die wir in diesem Buch ebenfalls beschreiben, ist Ausdruck dysfunktionaler Kind-Modi, die aufgrund eines Mangels an unterstützender Orientierung und Begrenzung in der Kindheit als übermäßige Tendenz zu Impulsivität oder Undiszipliniertheit im Erwachsenenalter fortbestehen.

Dieses Fachbuch gibt zunächst einen Überblick über das klinische Erscheinungsbild, Epidemiologie, Diagnostik und bisherige Erklärungsansätze der Verhaltenssüchte. Wir gehen auf die neue Konzeptualisierung der Verhaltenssüchte im schematherapeutischen Modus-Modell ein und stellen in diesem Zusammenhang auch die allgemeinen Grundlagen der Schematherapie, insbesondere die Rolle von Gefühlen und emotionalen Grundbedürfnissen, dar.

Im nächsten Kapitel beschreiben wir schrittweise die konkreten therapeutischen Interventionen. Eine wichtige Funktion im Rahmen der Schematherapie haben die emotionsaktivierenden Methoden (Imaginationen, Stühledialoge), auf denen behaviorale Strategien aufbauen, die wiederum ergänzt werden um Tools aus der klassischen Verhaltenstherapie, der Akzeptanz-Commitment-Therapie und aus achtsamkeitsbasierten Ansätzen.

Der zweite Schwerpunkt des Buches neben der Beschreibung der Interventionen ist die Gestaltung der therapeutischen Beziehung nach den Prinzipien der begrenzten Nachbeelterung. Mithilfe dieser Prinzipien hilft der*die Behandelnde den Patient*innen dabei, alte maladaptive Modi zugunsten funktionalerer Modi zu überwinden. Zudem bieten sie wirksame Ansätze zur Auflösung schwieriger Therapiesituationen wie zum Beispiel Ambivalenz, Unaufrichtigkeit, Unzuverlässigkeit, Verantwortungsabgabe oder Symptomverschiebung aufseiten der Patient*innen oder Gefühle von Ärger, Hilflosigkeit und Frustration aufseiten der Therapeut*innen.

In den abschließenden Abschnitten wird der Umgang mit Rückfällen sowie der Einbezug von Angehörigen thematisiert.

Das Buch bemüht sich um größtmögliche Anschaulichkeit und bedient sich vor allem in den Kapiteln zu den Interventionen und zur therapeutischen Beziehung auch konkreter Beispiele aus der psychotherapeutischen Praxis.

In unserem 2019 erschienen Ratgeber zum selben Thema hatten wir uns zur Vereinfachung der Lesbarkeit noch dazu entschlossen, auf die gleichzeitige Verwendung der männlichen und weiblichen sowie intersexuellen Sprachform zu verzichten. Wir hatten die männliche Form gewählt und in der Einleitung darauf hingewiesen, damit die gesamte Leserschaft anzusprechen, Männer, Frauen und diversgeschlechtliche Menschen. In der Nachschau haben wir unsere Entscheidung noch einmal kritisch reflektiert und sind dabei zu dem Schluss gekommen, dass die vereinheitlichte Sprachform zur Vereinfachung der Lesbarkeit nicht mehr zeitgemäß und das Risiko der Zementierung von Diskriminierung zu groß ist. Zugunsten der Gleichberechtigung und zum Schutz der Würde aller Menschen sollte uns allen eine gewisse Einschränkung der guten Lesbarkeit zuzumuten sein. In diesem Buch wird daher eine geschlechtergerechte Sprachform verwendet.

Ihre Julia Arnhold und Ihre Hannah Hoppe

Berlin und Köln im Juni 2020

1. Klinik der Verhaltenssüchte

1.1 Phänomenologie

1.1.1 Klinische Beschreibung

Gegenstand einer Verhaltenssucht können Verhaltensweisen und Aktivitäten werden, die grundsätzlich normal, unproblematisch und gesellschaftlich akzeptiert sind. Diesen Aktivitäten gehen sehr viele, in manchen Fällen die allermeisten, Menschen in mehr oder weniger starkem Ausmaß mehr oder weniger regelmäßig nach: im Internet surfen (inklusive Streaming / Serien schauen), soziale Medien nutzen, Sex haben oder Pornografie konsumieren, online oder im Geschäft shoppen, arbeiten, Sport treiben, klassisches Glücksspiel oder Online-Games spielen. Normalerweise sind diese Aktivitäten weder für die Person selbst noch für andere Menschen mit negativen Konsequenzen verbunden. Im Gegenteil: Es sind Verhaltensweisen, die prinzipiell guttun, die Freude oder Lust bereiten und sogar die Gesundheit und das Wohlbefinden verbessern können.

Gleiches gilt auch für den mäßigen Genuss von Alkohol. „Ein Gläschen in Ehren“ schadet nach heutigem Wissensstand dem Körper nicht, sondern wird sogar als „Superfood“ für das Herz-Kreislauf-System gehandelt. Im Übermaß kann Alkohol jedoch zum Suchtmittel werden und gravierende gesundheitliche und soziale Schäden anrichten.

Genauso sind Internetnutzung, Arbeit, Sex usw. prinzipiell salutogen. Im Übermaß ausgeübt können diese Aktivitäten jedoch zu einer stoffungebundenen beziehungsweise Verhaltenssucht werden.

In Anlehnung an die sechs von Griffiths (2005) postulierten allgemeinen klinischen Kriterien der Verhaltenssucht beschreiben wir im Folgenden das Erscheinungsbild der Verhaltenssucht.

Salienz

Spielen, Surfen, Sex, Sport, Einkaufen, Medienkonsum oder Arbeiten werden im Leben Betroffener zur wichtigsten Aktivität. Sie beherrscht die Gedanken (einhergehend mit Präokkupation und kognitiven Verzerrungen), die Gefühle (einhergehend mit Verlangen / Craving) und das Verhalten (einhergehend mit Beeinträchtigungen sozialisierter Verhaltensmuster).

Betroffene beschäftigen sich gedanklich vorwiegend mit der Aktivität, empfinden ein starkes Verlangen, der Aktivität nachzugehen und haben sich ihr zugunsten von anderen wichtigen Aktivitäten und sozialen Kontakten zurückgezogen.

Selbst wenn Betroffene der Aktivität gerade nicht nachgehen, denken sie zum Beispiel daran, wie sie es das nächste Mal tun werden.

Beeinflussung der Stimmung

Die Beschäftigung mit der jeweiligen Aktivität führt rasch zu einem Hochgefühl oder aber zu einer Betäubung unangenehmer Gefühle, sodass die Aktivität instrumentellen Charakter bekommt.

Toleranz

Wie bei den stoffgebundenen Süchten kommt es auch im Rahmen von Verhaltenssüchten zu einer Toleranzentwicklung. Um die gewünschte Befriedigung beziehungsweise das Hochgefühl oder die Betäubung zu erreichen, müssen Betroffene der Aktivität in immer größerem Ausmaß nachgehen, was womöglich mit einer Ausdehnung der Investition von Zeit und / oder Geld einhergeht. Eine kaufsüchtige Person muss zum Beispiel mehr Kleidungsstücke, Gegenstände etc. kaufen, eine spielsüchtige Person muss höhere Wetteinsätze machen, um das zufriedenstellende Maß an Euphorie oder Ablenkung zu erreichen.

Entzugssymptome

Entzugssymptome wie Stimmungsschwankungen, Zittern, Nervosität, innere Unruhe oder Schlafstörungen treten auf, wenn Betroffene der Aktivität nicht in der gewünschten Weise und Häufigkeit nachgehen können.

Konflikt und Kontrollverlust

Betroffene erleben interpersonelle Konflikte und Beeinträchtigungen des sozialen und Rollenfunktionsniveaus aufgrund der intensiven Beschäftigung mit dem Verhalten. Familie, Freunde oder Partner fühlen sich vernachlässigt oder Betroffene können ihre Arbeit nicht zur Zufriedenheit erledigen. Betroffene erleben auch einen intrapsychischen Konflikt. Sie spüren einerseits ein großes Verlangen, sich mit der Aktivität zu beschäftigen. Andererseits möchten sie diesem Druck nicht nachgeben, aus Sorge, dass sie in eine Abhängigkeit geraten sein könnten: Betroffene erleben die Unfreiheit und die aversiven Nebenwirkungen des übermäßigen Verhaltens als unangenehm.

Betroffene einer Verhaltenssucht erleben wie Menschen mit stoffgebundenen Süchten einen Kontrollverlust, während sie der Aktivität nachgehen. Sie beschäftigen sich also deutlich häufiger, länger oder intensiver mit der Aktivität als ursprünglich geplant. Sie sind auch dann mit der Aktivität beschäftigt, wenn sie eigentlich beruflichen, schulischen, häuslichen oder sozialen Verpflichtungen nachgehen sollten. Auch wenn Betroffene bereits festgestellt haben, dass die Beschäftigung mit der Aktivität immer wieder zu sozialen, finanziellen, psychischen oder körperlichen Problemen führt, können sie sich nicht von ihr abwenden.

Rückfall

Betroffene, die schon einmal versucht haben, der fraglichen Aktivität für eine Weile nicht nachzugehen, machen die Erfahrung, dass sie leicht „in alte Muster“ zurückfallen, also Rückfälle erleben. Oder aber jedweder Versuch, der Aktivität einmal nicht nachzugehen, scheitert im Ansatz.

Übersicht: Allgemeine Kriterien zur Identifikation einer Verhaltenssucht

(Vgl. Griffiths, 2005)

Salienz:

Das Verhalten wird zur wichtigsten Aktivität im Alltag: Gedanken, Gefühle und Handlungen sind davon beherrscht, andere Lebensbereiche werden vernachlässigt.

Beeinflussung der Stimmung:

Das Verhalten führt zu einem Hochgefühl oder betäubt unangenehme Gefühle, sodass es eine stimmungsregulierende Funktion bekommt.

Toleranz:

Um die gleichen Effekte auf die Stimmung zu erzielen, sind immer höhere „Dosen“ des Verhaltens notwendig.

Entzugssymptome:

Es treten unangenehme emotionale oder körperliche Empfindungen auf, wenn dem Verhalten nicht nachgegangen werden kann.

Konflikt und Kontrollverlust:

Das Verhalten führt zu interpersonellen und / oder intrapsychischen Konflikten, zu Rückzug von sozialen Kontakten, Hobbys und Interessen oder verhindert die Erledigung von Verpflichtungen und / oder ruft innere Spannung hervor. Das tatsächliche Ausmaß der Ausübung des Verhaltens überschreitet das geplante Ausmaß. Fortführung des Verhaltens trotz aversiver Auswirkungen.

Rückfall:

Es besteht eine Tendenz, immer wieder in exzessive Verhaltensmuster zurückzufallen und nur für kurze Phasen Abstand davon nehmen zu können.

1.1.2 Fallbeispiele

Im Folgenden möchten wir zur Veranschaulichung des klinischen Bildes und seiner Heterogenität einige Fallbeispiele vorstellen.

Internet- / Onlinesucht

Verloren im World Wide Web: Lars W. – onlinesüchtig

Der 28-jährige Sozialarbeiter befindet sich zum Zeitpunkt der Aufnahme einer ambulanten Psychotherapie in einer berufsbegleitenden Weiterbildung zum systemischen Therapeuten. Er wirkt sehr ehrgeizig, arbeitet regulär mindestens 50 Stunden in der Woche, nach Feierabend geht er noch ins Fitnessstudio oder liest Fachliteratur. Er berichtet, unter sehr starkem Leistungsdruck zu stehen. Wenn er einmal nichts „Sinnvolles“ tut, fühlt er sich sehr angespannt und schuldig, weshalb er „Leerlauf“ vermeidet. Wenn er abends nach Hause kommt, geht Herr W. immer sofort online. Er besucht zunächst Facebook, wo er jedoch mit niemanden in Kontakt tritt, sondern „ziemlich wahllos und ohne eigentlich viel vom Inhalt mitzubekommen“, durch seine Timeline scrollt. Dann folgen verschiedene andere Online-Aktivitäten: Er liest in verschiedenen Foren, macht Tests und Quizze, spielt kleinere Spielchen, schaut YouTube-Clips an und „surfe so umher“. Dieses Umhersurfen dauert oft Stunden. Am Ende landet er meist bei einem Video-on-Demand-Anbieter und sieht sich zum Einschlafen mehrere Folgen einer Serie an. So verbringt Herr W. ab 21 Uhr regelmäßig die Abendstunden. Erst gegen drei Uhr morgens schläft er ein, während er, mit dem Laptop auf der Brust, eine Serie schaut. Wenn er morgens um sieben Uhr aufstehen muss, fühlt er sich nicht erholt, sondern „erschlagen und wie gerädert“. Bei der Arbeit ist er zunehmend unkonzentriert, in letzter Zeit unterlaufen ihm auch vermehrt Fehler. Von seinen Freunden hat er sich zurückgezogen: Er weiß nicht, wann er sich bei diesen melden geschweige denn Zeit mit ihnen verbringen soll. Abends ist er einfach zu erschöpft für irgendeine andere Aktivität als das Surfen im Internet. Außerdem empfindet er es als angenehm, durch all die Online-Inhalte und -Angebote „eingelullt“ zu sein und „nicht mehr weiter grübeln zu müssen“. Als Sozialarbeiter weiß Herr W., dass sein Verhalten problematisch ist und er womöglich bereits in einem Teufelskreis steckt. Doch wann immer er versucht, den Laptop einmal auszulassen oder nur eine Stunde online zu gehen, schlägt dieser Versuch fehl. Sobald er online ist, vergisst er die Zeit und alles um ihn herum. Im Nachhinein fühlt er sich jedoch schlecht, und er leidet unter dem Schlafmangel. Er hat Angst, dass seine Leistungsfähigkeit weiter absinkt.

(Glücks-)Spielsucht

Nur noch das eine Mal: Malte H. – spielsüchtig

Herr H., der 29-jährige Medienwissenschaftler, berichtet, schon seit mehreren Jahren suchtartig Sportwetten zu betreiben. Begonnen hat das Spielen während seines Studiums, zunächst als einmaliges Event zusammen mit Kommilitonen. Herr H. hat sich immer unter sehr hohen Leistungsdruck gesetzt. Schon in seinem Elternhaus lautete die Devise: „Nur Erfolg und Geldverdienen zählen etwas im Leben!“ Im weiteren Verlauf seines Studiums ging Herr H. dann immer häufiger alleine ins Wettbüro, bald mehrfach in der Woche. Das Wetten hatte ihm das Gefühl vermittelt, Einfluss nehmen zu können, und ihn abgelenkt, wenn er unter starker Belastung aufgrund anstehender Prüfungen stand und ihn die Angst vor Versagen plagte. Damals konnte er diesen inneren Druck phasenweise aber auch durch Sport regulieren. Dann wettete er weniger häufig.

Eine Verschlechterung trat ein, nachdem Herr H. eine Knieverletzung erlitten hatte und Sport erst einmal nicht mehr möglich war. Der Druck, den Herr H. heute in seinem Job erlebt, steigert sich immer wieder in eine Höhe, die er nicht mehr abbauen kann. Er hat dann das Gefühl, dass ihm alles zu viel wird und er seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen ist. Er hat mehrere Accounts bei Online-Wettplattformen und geht darüber hinaus fast jeden Tag in ein Wettbüro in der Nähe seiner Wohnung. Beinahe täglich sagt er sich „Nur noch das eine Mal!“ und findet sich am nächsten Tag dann doch wieder beim Wetten. Andere Freizeitaktivitäten kann er schon seit langer Zeit nicht mehr genießen, und er hat auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Frühere Schulden bei der Bank hat er vor zwei Jahren durch zwei Nebenjobs tilgen können, es bestehen jedoch noch 6000 Euro Schulden bei Freunden und der Familie. Von sozialen Kontakten hat er sich aus Scham bis auf regelmäßige Treffen mit seiner besten Freundin weitgehend zurückgezogen. Scham, Einsamkeit und Angst vor der Zukunft motivieren Herrn H., eine Beratung aufzusuchen.

Kaufsucht

Mit Online-Shopping gegen Selbstzweifel: Linda S. – kaufsüchtig

Die 38-jährige Personalerin nimmt eine psychologische Beratung in Anspruch, weil sie das Gefühl hat, die Kontrolle über ihre Ausgaben verloren zu haben. Mit zunehmender Verbreitung und Verfügbarkeit von Internet und Online-Shopping in den letzten Jahren hat sich ihr Kaufverhalten immer mehr verändert. Schon früher hatte Frau S. sich für Mode und Design interessiert und sich gerne etwas gegönnt. Mit der Geburt ihrer Tochter vor acht Jahren vernachlässigte sie dieses Interesse jedoch zunächst. In den ersten drei Lebensjahren ihrer Tochter war sie nur für diese und ihren Mann da, pausierte vom Beruf und ging ganz in ihrer Rolle als Mutter auf. Der Wiedereinstieg fiel ihr dann schwer. Sie verglich sich viel mit Kolleg*innen, die ohne Unterbrechung berufstätig waren, sich weitergebildet und hochgearbeitet hatten. Außerdem fühlte sie sich im Vergleich mit anderen Frauen auch weniger attraktiv. Schwangerschaft und Alter hatten Spuren hinterlassen, die Frau S. nicht tolerieren konnte. Sie litt unter Minderwertigkeitsgefühlen.

Über die Zeit hinweg ist sie immer wieder „ins Internet geflüchtet“. Über lange Zeiträume, aktuell über mehrere Stunden, schaut sie sich das Angebot von Onlineshops an. Früher hatte sie allein das Anschauen befriedigt und sie von ihrer Unzufriedenheit abgelenkt. Irgendwann begann sie jedoch, sich öfter auch etwas zu bestellen. Da sie wieder selbst Geld verdiente, erlaubte sie sich das. Es hat sich sehr gut angefühlt, sich wieder etwas gönnen zu können und sich mit aktueller Mode aufzuwerten. Das hat die Selbstzweifel nahezu verschwinden lassen. Die Anzahl von Kleidungsstücken, die Frau S. pro Monat bestellte, erhöhte sich schnell. Ihr Mann hat sie zunächst machen lassen, sich gefreut, dass sie etwas für sich tut. Seit dem letzten Jahr kritisiert er sie jedoch immer wieder wegen der hohen Ausgaben. Er weist sie darauf hin, dass die monatlichen Summen, die sie ausgibt, deutlich gestiegen sind. Wiederholt hat er sie gebeten, psychologische Hilfe aufzusuchen, da er ihr Kaufverhalten als problematisch einstuft. Auch Frau S. selbst merkt mittlerweile, dass ihr das einstige Hobby entgleitet. Sie verliert schon bald nach Monatsbeginn den Überblick über ihre Finanzen.

Sexsucht

Wenn das Verlangen zu groß ist: Christina T. – sexsüchtig

Die 31-jährige Steuerfachangestellte lebt in einer langjährigen Beziehung. Sie berichtet, dass sie ihren Partner liebt und im Grunde glücklich mit ihm ist. Seit nun etwas mehr als zwei Jahren erlebt sie die Beziehung jedoch auch als „etwas eingefahren“ und „nicht mehr so spannend“. Das Paar unternimmt nicht mehr viel miteinander, der Partner muss beruflich oft verreisen, und man tauscht sich weniger aus. Die Probleme anzusprechen ist für Frau T. jedoch sehr schwierig, da sie befürchtet, den Freund zu verletzen. Zudem will sie „keinen unnötigen Konflikt heraufbeschwören“. Die Eltern von Frau T. haben sich früh getrennt, und sie selbst hat sich geschworen, dass sie ihre eigene Beziehung auf keinen Fall gefährdet. Sie wünscht sich, mit ihrem Partner eine Familie zu gründen. Der Freund steht ihrem Wunsch allerdings skeptisch gegenüber. Irgendwann kam sie im Rahmen eines Junggesellinnenabschieds mit einem Callboy in Kontakt. Er war an dem Abend engagiert worden, um für die Frauenrunde zu strippen, was Frau T. als spannend und „mal was anderes“ erlebte. Sie habe sich damals gesagt, es könne ihr und damit auch der Beziehung zu ihrem Partner nur guttun, wenn sie „mal wieder ihren Spaß“ hätte.

Als ihr Freund auf einer Geschäftsreise war, buchte Frau T. für sich selbst einen Callboy in der festen Absicht, es bei einer einmaligen Sache zu belassen. Sie bezahlte den Callboy für Sex mit ihr, was ihr „einen solchen Kick“ gab, dass es entgegen ihrem ursprünglichen Vorhaben „zur Gewohnheit“ wurde, sich immer dann einen Callboy zu bestellen, wenn ihr Freund verreist war. Das Geld für diese Dienstleistungen nahm sie von einem Sparbuch, ihrem über Jahre ersparten „Notgroschen“. Zusätzlich begann sie bald, im Internet Sex-Chats zu besuchen und dort mit fremden Männern über Webcam sexuell aktiv zu sein. Das Verlangen nach diesen sexuellen Abenteuern wurde so groß, dass sie zunehmend mehr Zeit dafür investieren musste, um die Anspannung zu reduzieren, die sie in den Zeiträumen zwischen den sexuellen Aktivitäten erlebte. Einmal hatte sie so großes Verlangen gespürt, dass sie ihren Arbeitsrechner benutzen musste, um sexuell aktiv zu werden, während ihr Chef und ihre Kolleg*innen beim Mittagessen waren. Sie blieb unter einen Vorwand im Büro, rief pornografische Seiten auf und masturbierte. Um ein Haar wäre sie dabei von einer Kollegin überrascht worden, die wegen eines Mandantentermins vorzeitig aus der Mittagspause zurückgekehrt war. Im Nachhinein ist Frau T. entsetzt und schämt sich sehr. Dennoch spürt sie seither schon tagsüber bei der Arbeit den Drang, ihrem Verlangen nachzugeben, hat aber große Angst, entdeckt zu werden und ihren Job zu verlieren. Außerdem ist von ihrem Sparguthaben nicht mehr viel Geld übrig, was sie sehr beunruhigt. Auch die Angst, ihr Freund könnte von ihren sexuellen Aktivitäten erfahren und sie verlassen, macht ihr sehr zu schaffen.

Arbeitssucht

Sich voll und ganz in die Arbeit stürzen: Carola M. – arbeitssüchtig

Die 51-jährige Betriebswirtin arbeitet als Teamleiterin in einem renommierten Großkonzern. Sie berichtet von einer durchschnittlichen Arbeitszeit von mindestens 65 Stunden pro Woche. Arbeiten am Abend und am Wochenende ist die Regel. Zwar hat sie bisher immer viel Lob und Anerkennung für ihren Einsatz erhalten, doch verlangt weder ihre direkte Vorgesetzte noch die Geschäftsführung ein solches Arbeitspensum. Es ist vielmehr so, dass es Frau M. ein tiefes Gefühl von Befriedigung verschafft, sich „voll und ganz in die Arbeit zu stürzen“. Sie wird nervös, wenn sie mal keinen Zugriff auf die beruflichen E-Mails hat oder ihre Vorgesetzte ihr einen Tag „Zwangsurlaub“ verordnet. Sie kann dann nur an die Arbeit denken und daran, was sie dort alles tun muss und will.

Frau M. selbst sah lange Zeit kein Problem darin, für die Arbeit zu leben. Sie ist alleinstehend und kinderlos, gut in dem, was sie tut, und sie identifiziert sich mit den Unternehmenszielen und -werten. In den letzten Wochen war ihr seitens des Managements jedoch immer wieder nahegelegt worden, kürzerzutreten. Man habe den Eindruck, sie erhole sich nicht ausreichend. Dies hat Frau M. nachdenklich gemacht. Auf Nachfrage berichtet sie, dass sie sich nicht mehr erinnern kann, wann sie zuletzt einmal in einem Supermarkt gewesen ist. Sie lässt sich samstagsfrüh das Nötigste von einem Bringdienst liefern und isst sonst oft unterwegs. Private Verabredungen trifft sie gar nicht, der Kontakt zu Freunden ist über die Jahre eingeschlafen, Familie hat sie nicht, für eine Paarbeziehung hat sie nie Zeit gehabt. Es hat über viele Jahre nur unverbindliche kurze Affären gegeben, sie fühlt sich „mit dem Beruf verheiratet“. Im Verlauf des Gesprächs offenbart Frau M., dass sie im Büro zwar alles unter Kontrolle hat und es bestens läuft, jedoch gewisse Probleme aufgetreten sind, sich privat zu organisieren. Sie vergisst, Rechnungen zu bezahlen, und hat keine Zeit, sich um wichtige Erledigungen zu kümmern. Sie erhält regelmäßig Mahnungen, zum Teil mehrere mit stattlichen Säumnisgebühren. Zuletzt hat der Stromversorger ihr damit gedroht, den Strom abzustellen, wenn sie die Zahlung nicht fristgerecht leistet. Für diese persönlichen Dinge bleibt ihr einfach keine Zeit, und wenn sie einmal etwas Zeit hat, fühlt sie sich sehr matt und, aufgrund der Gedanken an die Arbeit, unkonzentriert. Auch ärztliche Vorsorgeuntersuchungen und zahnärztliche Prophylaxen haben seit über zwei Jahren nicht mehr stattgefunden. Dass ihr Privatleben so „durcheinandergeraten“ sei, belastet Frau M., und sie sieht auch einen Zusammenhang mit dem starken beruflichen Engagement, doch kann sie sich nur schwerlich vorstellen, der Arbeit weniger Aufmerksamkeit zu schenken.

Sportsucht

Training gegen innere Leere: Steffen K. – sportsüchtig

Der 38-jährige Informatiker ist auf der Suche nach einem Therapieplatz, da ihn schon länger ein vages Gefühl von Unzufriedenheit mit seinem Leben begleitet und er sich nicht mehr an Dingen freuen kann, die ihm früher Spaß gemacht haben. Er empfindet die meiste Zeit des Tages „quasi gar nichts“. Alles sei wie hinter einem Schleier und sehr gedämpft. Ein Stück weit begleitet ihn dieses Erleben schon seit seiner Jugend, es hat sich in letzter Zeit aber gesteigert. Seine Tätigkeit als Programmierer übt er nun im zehnten Jahr in der gleichen Position aus, die ihn zunehmend langweilt, er erlebt dort keine Herausforderung und keine Sinnhaftigkeit mehr. Seit seine letzte Beziehung vor drei Jahren auseinandergegangen ist, hatte er an keiner Frau mehr Interesse. Er fragt sich häufig, „ob es das jetzt schon gewesen ist im Leben“. Einzig beim Sport im Fitnessstudio spürt er sich wirklich, und das umso besser, je härter das absolvierte Programm ist. Im letzten Jahr hat er die Häufigkeit der Besuche dort gesteigert, er trainiert täglich abends nach der Arbeit, manchmal auch in der Mittagspause. Der Sport ist für ihn inzwischen „der Höhepunkt des Tages“. Einladungen von Kolleg*innen oder Verabredungen mit Freund*innen fallen dem Drang zum Opfer, mehr zu trainieren. Auch ein Infekt oder Schmerzen halten ihn nicht davon ab, ins Fitnessstudio zu gehen. Anzeichen körperlicher Überlastung häufen sich, abends fällt Herr K. völlig ausgelaugt ins Bett und schläft sofort ein. Er hat festgestellt, dass er eigentlich nie in Ruhe und „bei sich“ ist, sondern entweder arbeitet oder Sport treibt.

1.2 Diagnostik

1.2.1 Kategoriale Diagnostik in den Diagnosesystemen

Die Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10 (Dilling, Mombour & Schmidt, 1991) bietet keine eigenständigen Diagnosen mit der Bezeichnung „Sucht“ für Verhaltenssüchte. Im klinischen Alltag nutzen wir zur kategorialen Diagnostik der Verhaltenssüchte in Deutschland das Kapitel „F63. – Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ mit den Subkategorien „F63.0 Pathologisches Spielen“ für die Spielsucht und „F63.8 Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ für alle anderen Verhaltenssüchte. Die nosologische Einordnung einer Verhaltenssucht als Impulskontrollstörung ist aus unserer Sicht problematisch. Dies zum einen, weil keine Befunde bekannt sind, die eine gemeinsame ätiologische Grundlage der Verhaltenssucht mit Impulskontrollstörungen wie Pyromanie, Kleptomanie und Trichotillomanie nahelegen. Zum anderen zeigt die klinische Praxis, dass die Ausführung des problematischen Verhaltens im Rahmen einer Verhaltenssucht nicht primär dem zwanghaften Abführen einer unangenehmen Spannung zuzuordnen ist wie bei den Impulskontrollstörungen, sondern einhergeht mit der Betäubung schmerzhafter Gefühle oder dem Herbeiführen von Hochgefühlen beziehungsweise einer unzureichend erlernten Fähigkeit zum Aufschub von Impulsen im Allgemeinen (siehe auch Abschnitt 4.3).

Die Neuauflage ICD-11 (in Vorbereitung, zum 1. Januar 2022 soll sie laut dem Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information DIMDI in Kraft treten) definiert eine Diagnose für „Spielstörung“ (gambling disorder) mit Differenzierung zwischen Online- und Offline-Spielsucht, wieder jedoch als Impulskontrollstörung. Darüber hinaus kann mit der ICD-11 eine Diagnose für „Zwanghaftes Sexualverhalten“ vergeben werden, ebenfalls wie die Spielstörung als Impulskontrollstörung, nicht als Suchterkrankung.

Die Umbenennung des Pathologischen Spielens in Spielstörung sorgte im Zuge der Entwicklung der Neuauflage für Kontroversen. Kritiker wiesen darauf hin, dass möglicherweise eine auf das Spielen bezogene Diagnose vergeben werden könnte, wo eigentlich primär depressive oder Angststörungen zu diagnostizieren wären und das problematische Spielverhalten mehr im Sinne einer Bewältigung der eigentlichen psychischen Erkrankung denn als eine eigenständige Erkrankung zu verstehen ist. Da jedoch klare Kriterien der Spielstörung in Abgrenzung zu nicht pathologischem Spielen benannt werden und komorbide Erkrankungen im Zuge der Diagnostik immer mit zu berücksichtigen sind, konnten derlei Einwände sich nicht halten. Diese zentralen Abgrenzungskriterien sensu ICD-11 sind:

Kontrollverlust hinsichtlich Häufigkeit und Dauer des Spielens,

Priorisierung des Spielens vor anderen Lebensbereichen, Interessen und Aktivitäten und

Fortsetzen des Spielens trotz schädlicher Konsequenzen.

Die Diagnose „Spielstörung“ ist zudem konkordant mit der Diagnose „Störung durch Glücksspielen“ in der 5. Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM-5 (Falkai & Wittchen, 2015). Das DSM ist aufgrund der gegenüber der ICD stärkeren Differenziertheit und empirischen Fundierung der diagnostischen Kriterien schon in früheren Auflagen das für Wissenschaft und klinische Praxis relevantere Diagnosesystem gewesen. Im DSM-5 ist die Störung durch Glücksspielen tatsächlich auch erstmals dem Kapitel „Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen und abhängigen Verhaltensweisen“, also klar den Suchterkrankungen zugeordnet. Dies vorrangig aufgrund der klinischen Ähnlichkeit zwischen stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten sowie aufgrund neurowissenschaftlicher Befunde zu vergleichbaren beobachtbaren Veränderungen im Gehirn, die gemeinsame zugrunde liegende physiologische Prozesse implizieren (Romanczuk-Seiferth, van den Brink & Goudriaan, 2014). Derlei Parallelen des pathologischen Spielens zu anderen Störungen wie Pyromanie, Kleptomanie und Trichotillomanie, die in der ICD-10 gemeinsam mit dem pathologischen Spielen als Impulskontrollstörungen eingeordnet werden, konnten bisher nicht nachgewiesen werden, weshalb die nosologische Einordnung der Spielsucht als Impulskontrollstörung in der ICD weiterhin als kritikwürdig anzusehen ist (siehe zum Beispiel auch Albrecht & Grüsser, 2003).

Insgesamt sind die diagnostischen Kriterien des DSM-5 sehr viel differenzierter und enger angelehnt an die den stoffgebundenen Süchten ähnliche Phänomenologie und die klinischen Kriterien nach Griffiths (2005).

Im Anhang des DSM-5 findet sich zudem die onlinespielbezogene Störung (Internet Gaming Disorder), die aufgrund bisher mangelnder Befundlage noch nicht als offizielle Diagnose verwendet werden darf. Sie schließt explizit das Glücksspiel (sowie alle anderen Onlineaktivitäten außer dem Spielen) aus, welches unter der Störung durch Glücksspielen gefasst werden sollte, unabhängig davon, ob online oder „analog“ in einem Casino gespielt wird. In Betracht gezogen werden kann die Diagnose, wenn zum Beispiel Rollen- und Strategiespiele, Shooter-, Battle- oder Plattformspiele online mit suchtartigem Charakter gespielt werden.

Übersicht: Diagnostische Kriterien Pathologisches Glücksspielen: ICD-10

(Dilling, Mombour & Schmidt, 1991)

Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen und familiären Werte und Verpflichtungen führt.

Dabei gelten die folgenden Kriterien:

Es gibt wiederholte (2 oder mehr) Episoden von Glücksspielverhalten über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr.Diese Episoden bringen den Betroffenen keinen Gewinn, sondern werden trotz subjektiven Leidensdrucks und Störung der Funktionsfähigkeit im täglichen Leben fortgesetzt.Die Betroffenen beschreiben einen intensiven Drang zu spielen, der nur schwer kontrolliert werden kann. Sie schildern, dass sie nicht in der Lage sind, Glücksspiel durch Willensanstrengung zu unterbrechen.Die Betroffenen sind ständig mit Gedanken oder Vorstellungen vom Glücksspiel oder mit dem Umfeld des Glücksspiels beschäftigt.

Übersicht: Diagnostische Kriterien Störung durch Glücksspielen: DSM-5

(Falkai & Wittchen, 2015)

A. Dauerhaftes und häufig auftretendes problematisches Glücksspielen führt nach Angabe der Person in klinisch bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigungen oder Leiden, wobei mindestens vier der folgenden Kriterien innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten vorliegen:

Notwendigkeit des Glücksspielens mit immer höheren Einsätzen, um eine gewünschte Erregung zu erreichen.Unruhe und Reizbarkeit bei dem Versuch, das Glücksspielen zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben.Wiederholte erfolglose Versuche, das Glücksspielen zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben.Starke gedankliche Eingenommenheit durch Glücksspielen (z. B. starke Beschäftigung mit gedanklichem Nacherleben vergangener Spielerfahrungen, mit Verhindern oder Planen der nächsten Spielunternehmung, Nachdenken über Wege, Geld zum Glücksspielen zu beschaffen).Häufiges Glücksspielen in belastenden Gefühlszuständen (z. B. bei Hilflosigkeit, Schuldgefühlen, Angst, depressiver Stimmung).Rückkehr zum Glücksspielen am nächsten Tag, um Verluste auszugleichen (dem Verlust „hinterherjagen“ („Chasing“).Belügen anderer, um das Ausmaß der Verstrickung in das Glücksspielen zu vertuschen.Gefährdung oder Verlust einer wichtigen Beziehung, eines Arbeitsplatzes, von Ausbildungs- oder Aufstiegschancen aufgrund des Glücksspielens.Verlassen auf finanzielle Unterstützung durch andere, um die durch das Glücksspielen verursachte finanzielle Notlage zu überwinden.

B. Das Glücksspielen kann nicht besser durch eine manische Episode erklärt werden.

Ferner kann zusätzlich bestimmt werden, ob die diagnostischen Kriterien episodisch (mit mehrmonatigen Pausen) oder dauerhaft (über mehrere Jahre) erfüllt sind und ob eine frühe (3 bis 12 Monate) oder anhaltende (mindestens 12 Monate) Remission vorliegt. Zudem kann der Schweregrad anhand der Anzahl der erfüllten Kriterien angegeben werden von leicht (4 bis 5 erfüllte Kriterien) bis schwer (8 bis 9 erfüllte Kriterien).

Übersicht: Diagnostische Kriterien onlinespielbezogene Störung: DSM-5 (Anhang)

Anhaltende und wiederkehrende Internetnutzung zum Onlinespiel – oft mit anderen Spielern – welche zu klinisch bedeutsamer Beeinträchtigung oder Stress führt: zu diagnostizierende Störung, wenn 5 oder mehr der folgenden Symptome innerhalb einer Zeitspanne von 12 Monaten vorliegen:

Vertieftsein in Onlinespiele (über frühere Spielaktivitäten nachdenken oder das nächste Spiel kaum erwarten können; Onlinespiel als dominante Aktivität des täglichen Lebens). Hinweis: Diese Störung ist vom Onlineglücksspiel abzugrenzen, welches der Glücksspielstörung zuzuordnen ist.Entzugssymptome, wenn kein Onlinespiel möglich ist (Symptome typischerweise beschrieben als Irritabilität, Ängstlichkeit oder Traurigkeit, doch keine körperlichen Zeichen eines pharmakologischen Entzugs).Toleranz – zunehmender Zeitbedarf für Onlinespiele.Erfolglose Versuche, die Mitwirkung an Onlinespielen zu kontrollieren.Verlust des Interesses an früheren Hobbys und Zerstreuungen, bedingt durch das Onlinespiel.Fortgesetztes exzessives Onlinespiel trotz Wissens über daraus resultierende psychosoziale Probleme.Täuschung von Familienmitgliedern, Therapeuten oder anderen über die Intensität des betriebenen Onlinespiels.Betreiben von Onlinespielen, um negativen Stimmungen (z. B. Gefühlen von Hilflosigkeit, Schuld, Angst) zu entkommen oder sie zu lindern.Gefährdung oder Verlust einer wichtigen Beziehung, eines Arbeitsplatzes, von Ausbildungs- oder Aufstiegschancen aufgrund des Onlinespielens. Hinweis: Die Symptome dieser Störung beziehen sich nur auf Onlinespiele, die kein Glücksspiel enthalten. Die Internetnutzung für erforderliche Aktivitäten innerhalb eines Unternehmens oder Berufs ist nicht eingeschlossen und die Symptome der Störung beziehen sich auch nicht auf andere Freizeitnutzung des Internets oder auf den sozialen Internetgebrauch. Gleichermaßen wird die Nutzung von Onlinepornografie ausgeschlossen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die in diesem Buch beschriebenen Verhaltenssüchte, die in der klinischen Praxis als komplexe Bilder von Sucht existieren, in den Diagnosesystemen noch nicht umfassend und trefflich beschrieben und verankert sind. Weder sind sie zu verstehen als Störungen auf dem Zwangsspektrum, noch (ausschließlich) als Störungen der Impulskontrolle im Sinne einer Abfuhr von Spannung. Zudem erweisen sich in der Praxis auch Internetsucht (unabhängig von Onlinespielen im Sinne der übermäßigen Nutzung sozialer Medien, Streamingdiensten usw.), Arbeitssucht, Kaufsucht und Sportsucht im klinischen Alltag als behandlungsrelevante Störungsbilder mit bedeutsamen Beeinträchtigungen der Lebensqualität und des Funktionsniveaus.

Vor diesem Hintergrund nutzen wir die diagnostischen Bezeichnungen Spielsucht, Internetsucht, Sexsucht, Arbeitssucht, Kaufsucht und Sportsucht in diesem Buch sehr bewusst, auch wenn sie in dieser Form weder in der ICD noch im DSM auftauchen. Beide Diagnosesysteme waren und sind stetig im Prozess der Weiterentwicklung befindlich. Oftmals sind es Impulse aus der Praxis, die Neuerungen anstoßen. Tatsächlich gab es zum Beispiel ein geradezu verzweifeltes Drängen südkoreanischer Psychotherapeut*innen zur Aufnahme einer Onlinespielsucht ins DSM, nachdem sich die Problematik mit zum Teil dramatischen Folgen in Südkorea in den Praxen und Kliniken häufte (zum Beispiel Park, Kim & Cho, 2008).

Im Sinne eines Hands-on-Ansatzes möchten wir psychotherapeutisch tätigen Kolleg*innen mit diesem Buch Konzept und Werkzeuge an die Hand geben, die klinischen Bilder der Verhaltenssüchte, die uns in der Praxis begegnen, nachhaltig wirksam zu behandeln.

Für die Diagnostik in der Praxis empfehlen wir bis auf Weiteres die Orientierung an den klinischen Kriterien nach Griffiths (2005, vgl. Abschnitt 1.1) und die formale Einordnung der jeweiligen Verhaltenssucht als „F63.0 Pathologisches Spielen“ für die Spielsucht beziehungsweise als „F63.8 Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ im Sinne einer Internetsucht / Kaufsucht / Sexsucht / Arbeitssucht / Sportsucht für alle anderen Verhaltenssüchte.

1.2.2 Erfassung mit Fragebögen und Interviews

Fragebögen und Screenings zur Selbsteinschätzung

Es existieren verschiedene Fragebögen zur Sammlung von Hinweisen auf das Vorliegen einer Verhaltenssucht. Wir haben eine kleine Auswahl an Instrumenten in der folgenden Tabelle 1.1 zusammengestellt, die mit relativ geringem Aufwand bei relativ guter psychometrischer Fundierung in der Praxis als Screeningverfahren eingesetzt werden können.

Internetsucht:

Skala zur zwanghaften Internetnutzung CIUS

(Meerkerk et al., 2009)

Spielsucht:

Kurzfragebogen zum Glücksspielverhalten KFG (Petry & Baulig, 1996)

Schweriner Fragebogen zum Glücksspielen SFG (Premper, Sobottka & Fischer, 2007)

Kaufsucht:

Screeningverfahren zur Erhebung von kompensatorischem und süchtigem Kaufverhalten SKSK

(Raab et al., 2005)

Sexsucht:

Hypersexual Behavior Inventory HBI-19

(Reid, Garos & Carpenter, 2011)

Arbeitssucht:

Work Addiction Risk Test WART

(Robinson, 1998)

Sportsucht:

Exercise Dependence Scale EDS-R

(Zeeck et al., 2013)

Tabelle 1.1: Fragebögen zur Erfassung von Verhaltenssüchten

Eine weiterführende Übersicht von Diagnostika mit knapper Vorstellung ihrer Merkmale findet sich für die Verhaltenssüchte bei Bilke-Hentsch, Wölfling & Batra (2014).

In unserem Ratgeber für Betroffene finden sich zudem kurze Selbsteinschätzungsskalen für alle Verhaltenssüchte, die wir in Anlehnung an bestehende Skalen und die klinischen Kriterien nach Griffiths (2005) selbst entwickelt haben, um Betroffenen eine erste Orientierung zu geben (Arnhold & Hoppe, 2019, S. 76 ff.). Diese Screenings sind nicht psychometrisch entwickelt und evaluiert worden. Sie bieten auch keine Cutoffs zur Stellung der Diagnose oder als Hinweis für die Notwendigkeit weiterführender Diagnostik. Sie dienen vielmehr der groben Orientierung an den allgemeinen klinischen Kriterien und können Betroffene dabei unterstützen, das eigene Problembewusstsein und den subjektiven Leidensdruck auszuloten.

Klinisch-diagnostisches Gespräch und Strukturiertes Interview

Neben den genannten Screenings empfehlen wir für die klinische Praxis immer die detaillierte Exploration des kritischen Verhaltens und seiner Folgen im klinisch-diagnostischen Gespräch. Neben Häufigkeit, Dauer und Intensität des fraglichen Verhaltens sowie der Folgen für andere Lebensbereiche, soziale Beziehungen und das Funktionieren in verschiedenen Rollen sollten auch typische auslösende Situationen, Gefühle und Gedanken erfragt werden sowie die Auswirkungen des Verhaltens auf das emotionale Erleben der Betroffenen.

Unbedingt einzuholen sind Informationen über die realen psychosozialen Umstände im familiären, beruflichen und finanziellen Bereich sowie mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen durch das fragliche Verhalten.

Sofern Patient*innen es zulassen, ist immer auch eine Fremdanamnese einzuholen. Dies zum einen, da nahestehende Angehörige die Konsequenzen aus dem problematischen Verhalten zum Teil direkt zu spüren bekommen (was Betroffenen nicht bewusst sein muss). Zum anderen nehmen Angehörige schädliche Folgen des fraglichen Verhaltens im Außen zuweilen früher wahr als Betroffene selbst beziehungsweise schätzen diese realistischer ein (sofern sie nicht im Rahmen einer Co-Abhängigkeit selbst zu Bagatellisierung neigen; siehe hierzu auch Abschnitt 7.9).

Hinweise für zentral bedeutsame Fragen liefert zum Beispiel das Strukturierte Klinische Interview-Modul für Impulskontrollstörungen SKID-IKS (First et al., 2002) oder das Strukturierte Klinische Interview für DSM-5-Störungen (Klinische Version SCID-5-CV, Modul I „Screening für andere aktuelle Störungen“, Beesdo-Baum, Zaudig & Wittchen, 2019).

Das Strukturierte Interview bezieht sich aus den in Abschnitt 1.2 genannten Gründen nicht auf die einzelnen spezifischen Verhaltenssüchte, kann jedoch ein Leitfaden sein, der entsprechend auf die jeweilige Verhaltenssucht angepasst werden muss.

1.2.3 Differentialdiagnostik

Manische Episode im Rahmen einer bipolaren Störung

Im Zuge einer manischen Episode kann es zu Überaktivität in verschiedenen Verhaltensbereichen kommen. Betroffene zeigen leichtsinniges Verhalten und Exzesse in kurzfristig angenehmem, langfristig aber schädlichem Verhalten. Sollte dies zum Beispiel im Bereich Glücksspiel, Kaufen oder Sexualität der Fall sein, muss vor der Stellung der Diagnose einer Verhaltenssucht eine Manie ausgeschlossen werden. Differentialdiagnostisch müssen also die anderen Kriterien der manischen Episode abgeklärt werden (vgl. ICD-10, Dilling, Mombour & Schmidt, 1991):

situationsinadäquat gehobene Stimmung

unkontrollierbare Erregung und erhöhter Antrieb mit Überaktivität, Rededrang und herabgesetztem Schlafbedürfnis

hohe Ablenkbarkeit

übersteigerte Selbsteinschätzung mit Größenideen oder unrealistischem Optimismus und

Verlust normaler sozialer Hemmungen mit persönlichkeitsfremdem Charakter

Zudem muss ausgeschlossen werden, dass das exzessive Verhalten ausschließlich während manischer Phasen auftritt.

Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung

Speziell bei der Sportsucht muss abgeklärt werden, ob die exzessive Ausübung sportlicher Aktivitäten ausschließlich der Reduktion oder Kontrolle des Körpergewichts im Rahmen einer Anorexia nervosa beziehungsweise der Kompensation von Essanfällen im Rahmen einer Bulimia nervosa dient. Zu diesem Zweck muss zunächst exploriert werden, welche Gedanken, Gefühle und situativen Bedingungen das Sporttreiben auslösen und welche Konsequenzen die sportliche Aktivität auf und für Betroffene hat. Zudem müssen die weiteren diagnostischen Kriterien einer spezifischen Essstörung ausgeschlossen werden:

Anorexie:

selbst herbeigeführter oder aufrechterhaltener Gewichtsverlust unter ein gesundes Maß (mindestens 15 % unter dem erwarteten Gewicht oder BMI ≤ 17.5) bei bestehender Körperschemastörung und sehr niedriger akzeptierter Gewichtsschwelle sowie übertriebener Angst, zu dick zu werden / sein, im Sinne einer überwertigen Idee sowie Bestehen einer Hormonstörung, die sich bei Frauen im Ausbleiben der Regel und bei Männern als Libido- oder Potenzverlust zeigen kann.

Bulimie:

andauernde Beschäftigung mit Essen und unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln mit Essattacken, bei denen in sehr kurzer Zeit sehr große Mengen an hochkalorischen Nahrungsmitteln konsumiert werden, wobei im Anschluss Gegenmaßnahmen wie selbst induziertes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, Diuretika, Appetitzüglern, Fasten oder exzessive sportliche Aktivität ergriffen werden, um dickmachende Effekte der Essanfälle zu verhindern, da auch hier eine große Angst besteht, zu dick zu werden.

Insbesondere also die übertriebene Angst, zu dick zu werden oder zu sein, trotz Normal- oder Untergewicht kennzeichnet beide Störungsbilder. Die Angst ist die Triebfeder für unangemessene Maßnahmen zur Gewichtsregulation beziehungsweise -reduktion. Eine dieser Maßnahmen kann exzessive körperliche Aktivität beziehungsweise Sport sein. Bei der Sportsucht im Sinne einer Verhaltenssucht sehen wir bei den Betroffenen jedoch nicht speziell die Regulation der Angst, zu dick zu werden, durch den Sport oder den direkten Wunsch, das Körpergewicht mit dem Sport zu beeinflussen. Es handelt sich vielmehr um eine dysfunktionale Verhaltensstrategie zur generellen Betäubung unangenehmer Gefühle oder aber das Erreichen eines Hochgefühls im Zuge der Ausschüttung von Serotonin bei Ausdauersportarten oder Adrenalin bei Extremsportarten.

Anorexia und Bulimia nervosa werden im Volksmund auch als „Magersucht“ und „Ess-Brechsucht“ bezeichnet, was nahelegt zu diskutieren, ob die beiden Störungsbilder selbst nicht als Verhaltenssucht verstanden und klassifiziert werden können.

Betrachtet man die klinischen Kriterien nach Griffiths (2005, vgl. Abschnitt 1.1.1), kann man für die Anorexie und die Bulimie sicherlich feststellen, dass das Thema „Essen“ für Betroffene eine hohe Salienz zeigt. Die stimmungsregulierende Funktion kann zumindest für die Essattacken im Rahmen einer Bulimie ebenfalls angenommen werden. Im schematherapeutischen Modus-Modell der Essstörungen werden Essattacken und anschließendes selbst induziertes Erbrechen explizit dem Modus des Distanzierten Selbstberuhigers (vgl. Abschnitt 4.1.3) zugeschrieben, der unangenehme Gefühle betäubt (Simpson, 2016). In diesem Rahmen könnten auch das Hungern und die exzessive gedankliche Beschäftigung mit Nahrung und Gewicht im Rahmen einer Anorexie als dysfunktionale Strategie zur Bewältigung unangenehmer Gefühle und Konflikte verstanden werden. Allerdings werden schematherapeutisch noch einige andere Bewältigungs-Modi als charakteristisch für Menschen mit Essstörungen beschrieben, die sich bei Menschen mit Verhaltenssüchten weniger regelhaft finden, insbesondere im Bereich der Überkompensation (Selbsterhöhung, Perfektionismus).

Phänomenologisch findet sich bei den Essstörungen auch eine Art Toleranzentwicklung, in dem Sinne, dass zur Beruhigung der Angst vor dem Dicksein häufig ein immer niedrigeres Gewicht notwendig ist beziehungsweise zur Betäubung unangenehmer Gefühle immer größere Lebensmittelmengen im Rahmen von Essattacken notwendig sind. Auch Kontrollverlust und Rückfalltendenz sind klinische Merkmale bei Anorexie und Bulimie.

Ähnliches gilt für die Binge-Eating-Störung, bei der ohne Hungergefühl unkontrolliert große Mengen an Nahrung verzehrt werden, was im Nachgang mit qualvollen Gefühlen von Scham und Ekel einhergeht, ohne dass aber kompensatorische Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

In Zusammenschau der klinischen Kriterien der Verhaltenssucht ist festzuhalten, dass Essstörungen durchaus auch näherungsweise mithilfe dieser Kriterien zu beschreiben sind. Die den Störungsbildern Verhaltenssucht und Essstörung zumindest partiell zugrunde liegende Neurobiologie legt jedoch nahe, dass es sich um unterschiedliche diagnostische Entitäten handelt. Während für die Verhaltenssucht Besonderheiten des Belohnungssystems als neurobiologisch begünstigende Faktoren diskutiert werden, soll eine Dysregulation des Serotoninhaushalts sowohl bei Anorexie als auch bei Bulimie einen prädisponierenden Einfluss haben (Kaye, 2008). Zudem gibt es im Falle der Anorexia nervosa Hinweise darauf, dass eine Hypoaktivität des exekutiven Kontrollsystems zwischen präfrontalem Cortex, Basalganglien und Thalamus eine reduzierte kognitive Flexibilität mit einer Minderung der Fähigkeit zum Verhaltenswechsel bedingt (Zastrow et al., 2009), einhergehend mit der bei Menschen mit Essstörungen typischen perfektionistisch-rigiden Haltung, die sich bei Menschen mit Verhaltenssüchten unserer Erfahrung nach nicht charakteristischerweise findet.

Vor diesem Hintergrund und nicht zuletzt deshalb, weil es für die psychotherapeutische Behandlung der Essstörungen bereits wirksame und praktikable Ansätze gibt (zum Beispiel Legenbauer & Vocks, 2005; Archonti, Roediger & de Zwaan, 2016), haben wir uns dazu entschlossen, sie in unserem Modell der Verhaltenssucht unberücksichtigt zu lassen.

Zwangsstörungen und pathologisches Horten

Bei Zwangsstörungen fehlt gänzlich das Element, dass die Aktivität prinzipiell oder anfänglich als angenehm empfunden wird. Zudem kann bei zwanghaft ausgeführtem Verhalten keine Stimmungsregulation oder Entwicklung von Toleranz beschrieben werden.

Zwangsgedanken oder -impulse werden ausschließlich als unangenehm sich aufdrängend und aversiv beschrieben, während die Eingenommenheit des Bewusstseins durch die fragliche Aktivität bei Verhaltenssucht zumindest in Teilen auch immer etwas Reizvolles hat. Auch das Sichwehren gegen Zwangsgedanken oder -impulse, was gemäß kognitiven Modellen maßgeblich ist für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung (z. B. Salkovskis, 1985), kann bei Verhaltenssüchten nicht in diesem definierenden Maße festgestellt werden.

Aus diesem Grund halten wir es nicht für sinnvoll, die Verhaltenssüchte den Zwangsspektrumstörungen zuzuordnen. Zumal auch für die Zwangsstörungen von anderen prädisponierenden neurobiologischen Besonderheiten auszugehen ist als für die Verhaltenssüchte (vergleiche Baxter, 1992; Baxter et al., 1996).

Eine Besonderheit stellt das pathologische Horten dar, welches im DSM-5 (Falkai & Wittchen, 2015) und in der ICD-11 (in Vorbereitung) den Zwangsstörungen (und verwandten Störungen beziehungsweise dem Zwangsspektrum) zugeordnet wird. Im Kern besteht beim pathologischen Horten

eine anhaltende Schwierigkeit, sich von Gegenständen zu trennen, verbunden mit einem

starken Bedürfnis, Dinge stattdessen zu horten, wobei eine

starke emotionale Bindung an die Gegenstände erlebt wird, und

der Wohnraum bis zur Vermüllung überbeansprucht wird.

Das pathologische Horten kann, muss aber nicht, mit exzessivem Beschaffen von Dingen und mit oder ohne angemessene Einsicht einhergehen.

Es besteht eine hohe Rate an Komorbidität zwischen pathologischem Horten und Kaufsucht von mindestens 50 Prozent (Mueller et al., 2007), beide Störungsbilder sind aber nicht gleichzusetzen, sondern aufgrund der genannten Kriterien gut voneinander abgrenzbar.

Störungen der Sexualpräferenz und Paraphilien

Die Abgrenzung der Sexsucht von Störungen der Sexualpräferenz sensu ICD-10 (Dilling, Mombour & Schmidt, 1991) und Paraphilen Störungen sensu DSM-5 (Falkai & Wittchen, 2015) erfolgt relativ simpel darüber, dass bei der Sexsucht eine quantitativ übermäßige Beschäftigung mit und Ausübung von sexuellen Aktivitäten stattfindet, während bei Paraphilien eine Normabweichung hinsichtlich des Gegenstands, der Art und Weise oder der Zielgruppe vorliegt, auf die sich die sexuelle Präferenz bezieht (Voyeurismus, Exhibitionismus, Frotteurismus, Masochismus, Sadismus, Sadomasochismus, Pädophilie, Fetischismus, Nekrophilie). Bei der Sexsucht findet sich in der Regel eine Präferenz sogenannter normophiler sexueller Reize und Aktivitäten, die jedoch exzessiv konsumiert und ausgeübt werden. In einigen Fällen der Sexsucht kann es im Verlauf jedoch dazu kommen, dass die sexuellen Stimuli und Aktivitäten immer „wahlloser“ werden, wovon zum Beispiel Berner und Schmidt (2014) berichten. Im Vordergrund steht dann aber auch der Drang, sexuell aktiv zu werden, es wird aufgrund des hohen Cravings jedoch in manchen Fällen gleichgültiger, wie die sexuelle Aktivität aussieht, unter welchen Umständen und mit wem sie stattfindet.

Impulsives Verhalten im Rahmen einer Borderline-Störung

Impulsives, potenziell selbstschädigendes beziehungsweise Hochrisikoverhalten, zum Beispiel auch im Sinne von Geldausgeben und Sexualität / Promiskuität, ist Teil der diagnostischen Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung sensu DSM-5 (Falkai & Wittchen, 2015). Um die Diagnose der Persönlichkeitsstörung zu rechtfertigen, müssen darüber hinaus jedoch mindestens vier weitere spezifische Kriterien sowie die allgemeinen Kriterien für Persönlichkeitsstörungen erfüllt sein. Sofern das Kriterium des impulsiven Verhaltens sowie die für die Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung notwendigen weiteren Kriterien erfüllt sind, kann die Abgrenzung des impulsiven Verhaltens von einer eventuell komorbid vorliegenden Verhaltenssucht über die allgemeinen klinischen Merkmale der Verhaltenssucht erfolgen, da bei dem „rein impulsiven“ Verhalten im Rahmen der Borderline-Störung nicht davon auszugehen ist, dass zum Beispiel die Kernkriterien von Salienz und Toleranz vorliegen beziehungsweise das klinische Bild beherrschen.

Analoges gilt für die Diagnose der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung sensu ICD-10, bei der „intensives, unbeständiges (häufig promiskuides) Beziehungsverhalten“ ein Kriterium darstellt. Hier müssen mindestens zwei spezifische Kriterien sowie das allgemeine Kriterium für Persönlichkeitsstörungen hinsichtlich tiefer Verwurzelung, Verlauf und übergreifendem Charakter erfüllt sein.

1.2.4 Abschließende Hinweise zur informellen Diagnose Verhaltenssucht

Die Tatsache, dass Experten sich schwer damit tun, die Verhaltenssüchte formal und offiziell als psychische Erkrankungen zu deklarieren und zu definieren, spiegelt wider, was viele Menschen, auch Kolleg*innen, ganz intuitiv denken: Süchtig werden nach einem Verhalten – wie soll das denn überhaupt gehen? Da wirkt ja keine Substanz auf das Gehirn! Und wenn Verhaltenssüchte existieren, kann dann nicht jedes beliebige Verhalten eine Sucht werden? Kann man süchtig danach werden, Skateboard zu fahren, Bücher zu lesen, Kuchen zu backen, Auto zu fahren oder ins Kino zu gehen? Danach, philosophischen Überlegungen nachzuhängen oder tiefschürfende Gespräche zu führen? Danach, in den Friseursalon oder ins Kosmetikstudio zu gehen? Briefmarken zu sammeln oder Bilder zu malen? Klavierstücke zu schreiben oder Straftäter*innen vor Gericht juristisch zu vertreten? Wäre dann nicht jedes Hobby oder jeder Beruf, dem jemand mit großer Leidenschaft nachgeht, eine Sucht?

Tatsächlich warnen auch wir davor, den Begriff „Verhaltenssucht“ inflationär anzuwenden, um nicht etwas zu pathologisieren, was völlig normal und unbedenklich ist – zum Beispiel ein mit Leidenschaft verfolgtes Hobby.

Von einigen Verhaltensweisen ist jedoch bekannt, dass sie ein gewisses Potenzial bergen, zu einer Verhaltenssucht zu werden. Dazu gehören die bis hierhin genannten: das Spielen von klassischem Glücksspiel oder PC- / Online-Gaming, Surfen im Internet, Nutzung sozialer Medien, Sex und der Konsum von pornografischem Material, online oder im Geschäft shoppen gehen, arbeiten und Sport treiben. Dies erschließt sich vorrangig aus der klinischen Beobachtung, dass gewisse Aktivitäten besonders häufig dazu führen, dass eine Therapie aufgesucht wird. Im Rahmen der Therapie offenbart sich dann, dass dem Verhalten „suchtartig“ nachgegangen wird und dass es für den Betroffenen negative Konsequenzen hat.

Entscheidend für die Diagnose ist der Leidensdruck des*r Patienten*Patientin.

Diagnostik der Verhaltenssüchte

Bei den Verhaltenssüchten handelt es sich um heterogene Störungsbilder.Die formale kategoriale Diagnostik der Verhaltenssüchte ist nicht ausgereift.Es stehen nur begrenzte Möglichkeiten der Diagnostik sensu ICD-10 zur Verfügung.Als Orientierung dienen die klinischen Merkmale nach Griffiths (2005).Entscheidend für die Diagnose ist der Leidensdruck der Betroffenen.

Bestimmten Freizeitaktivitäten gehen viele Menschen mit so großer Leidenschaft nach, dass scheinbar die Kriterien einer Sucht erfüllt sind. So erfüllten in einer Studie fast die Hälfte der befragten Tangotänzer die Verhaltenssuchtkriterien des zur Zeit der Veröffentlichung für die Forschung verbindlichen Diagnosesystems für psychische Erkrankungen (DSM-IV). Allerdings berichteten die Befragten kaum negative Konsequenzen des sehr intensiv betriebenen Tangotanzens, sondern fast ausschließlich positive. Daher kann man hier wohl kaum von einer Erkrankung, einer „Tango-Sucht“ oder einem „Tangoholismus“ ausgehen (Targhetta, Nalpas & Perney, 2013).

Von einer Verhaltenssucht sprechen wir nur dann, wenn das Verhalten so viel Raum einnimmt, dass es mit den sozialen und beruflichen Anforderungen im Leben eines Menschen kollidiert und Probleme in der Partnerschaft, in der Familie, hinsichtlich der finanziellen Situation oder am Arbeitsplatz entstehen. Weitere Folgeerscheinungen einer Verhaltenssucht können sekundär auftretende psychische Probleme wie Depressivität und Suizidalität sein.

Verhaltenssüchte haben ebenso schwerwiegende Folgen wie stoffgebundene Süchte (zum Beispiel Alkohol, Cannabis, Kokain oder Heroin). Allerdings können auch dann, wenn die diagnostischen Kriterien nicht oder nicht voll erfüllt sind, bereits erste subjektive oder auch objektive Beeinträchtigungen durch die (zu) häufige oder (zu) intensive Ausübung einer bestimmten Aktivität entstehen.

Daher benutzen wir die Bezeichnung „süchtig“ weiter gefasst und losgelöst von den diagnostischen Systemen. Dies vor allem vor dem Hintergrund unserer Konzeptualisierung der Verhaltenssucht im Modus-Modell, welches keine Diagnosen „braucht“.

Wir beziehen uns auf den Wortsinn des Begriffs Sucht. Das deutsche Wort Sucht, so vermutet man, hat indogermanische Wurzeln. Es geht auf das Wort für „saugen“ zurück (suk, sug, seuk oder seug) und versinnbildlicht als alter Begriff für Krankheit im Allgemeinen, wie Betroffene von einer Krankheit ausgesaugt werden. Gehen wir dem englischen Wort addiction nach, stoßen wir auf die lateinische Herkunft addicere, was übersetzt bedeutet „sich jemandem willenlos ergeben“ oder „jemandem sklavisch zugetan sein“.

Das Gefühl unfrei zu sein und das eigene Verhalten nicht mehr willentlich kontrollieren zu können, sondern vielmehr von diesem kontrolliert beziehungsweise „versklavt“ zu sein, ist das Kernstück einer Sucht – ob nach einer Substanz oder nach einem bestimmten Verhalten. Menschen, die sich derart unfrei und versklavt von einem Verhalten fühlen und unter bestimmten Konsequenzen dieses Verhaltens leiden, sind es, an die sich die in diesem Buch beschriebenen Ansätze richten.

Daher sprechen wir im Buch auch ganz allgemein von „Verhaltenssucht“, ohne damit zu unterstellen, dass alle Betroffenen tatsächlich die diagnostischen Kriterien erfüllen.

1.3 Epidemiologie

Prävalenz

Aufgrund der bisher unzureichenden beziehungsweise unvollständigen Repräsentanz der Verhaltenssüchte in den verbindlichen Diagnosesystemen und der methodischen Probleme entsprechender Studien sind konkrete epidemiologische Zahlen schwierig zu bestimmen (siehe zum Beispiel Petersen et al., 2010).