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Den richtigen Liebespartner zu finden – davon träumen viele Menschen. Aber wie geht das? Ist es nicht einfach Schicksal? Mandy Len Catron wagt einen Selbstversuch: Sie trifft sich mit einem Bekannten und geht mit ihm einen Fragebogen durch, den Psychologen entwickelt haben, um Menschen dazu zu bringen, sich ineinander zu verlieben. Und es funktioniert tatsächlich! Beide verlieben sich und leben bis heute in einer glücklichen Partnerschaft. Über ihre Erfahrung schrieb sie erst einen Zeitungsartikel und jetzt dieses Buch – das mehr ist, als ein Memoire: Die Autorin zeigt, welche Fallstricke beim Verlieben auf jeden von uns warten und welche Fehler vermieden werden können. Anhand ihrer eigenen (Familien-) Geschichte spannt sie den Bogen von Psychologie, Biologie, Geschichte bis hin zur Literatur und zum Film. Dabei entsteht ein kurzweiliges und intelligentes Buch, das mit einigen Mythen endgültig aufräumt – und so den Weg freimacht, sich endlich in den oder die Richtige zu verlieben! Mandy Len Catrons eigene Liebesgeschichte machte Schlagzeilen und schlug hohe Wellen als ihr Artikel in der New York Times erschien. Darin berichtet sie über die Entdeckung einer zwanzig Jahre alten psychologischen Untersuchung, die behauptet, ein einfacher Fragebogen könne zwei wildfremde Menschen dazu bringen, sich ineinander zu verlieben. Sie beschreibt, wie sie diese 36 Fragen eines Sommerabends mit einem Bekannten durchspielt und dieser später ihr Lebenspartner wird. Die Reaktionen übertrafen alle Erwartungen: Wenige Stunden nachdem die Redaktion den Artikel ins Netz gestellt hatte, verbreitete er sich viral. Innerhalb weniger Wochen wurde er viele Millionen Mal angeklickt. Offenkundig verhieß er etwas, das viele Menschen interessierte: eine Formel, mit der sich zwei x-beliebige Menschen ineinander verlieben können. Dass sich der Artikel so rasch verbreitete, bestätigte etwas, das Catron seit Jahren vermutet hatte: In Sachen Liebe bevorzugen wir die Kurzfassung der Geschichte. Also beschloss Mandy Len Catron, so viel über die Liebe in Erfahrung zu bringen, wie sie nur konnte. Sie las Artikel über die Neurochemie der Liebe, die Psychologie von Beziehungen und die Wirtschaftsgeschichte der Ehe und soziologische Theorien über das Geschichtenerzählen. Sie sah Filme, hörte Popsongs und las Sonette. Sie befragte ihre Großeltern und Eltern, sprach mit Freunden und lieh sich Ehe- und Beziehungsratgeber aus der Bücherei aus. Ihre Einsichten und Überlegungen hat sie nun in diesem liebevollen Memoire zusammengetragen. Eine Pflichtlektüre für alle, die sich entweder in einer Beziehung befinden oder sich dafür interessieren, was die Herausforderungen heutiger Paarbeziehungen sind. Und für diejenigen, die noch auf der Suche nach der wahren Liebe sind, enthält dieses Buch den Fragebogen, mit dem Sie sich verlieben können, in wen SIE wollen.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Titel der Originalausgabe: Verliebe dich, in wen DU willst
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel How to fall in love with anyone bei Simon & Schuster, Inc., New York.
© 2017 Mandy Len Catron
E-Book-Konvertierung: post scriptum, Vogtsburg-Burkheim
ISBN (E-Book): 978-3-451-81283-5
ISBN (Buch): 978-3-451-60061-6
Einleitung
Der ausgebrannte Stern Der Mythos vom richtigen Partner
Der Football-Trainer und die Cheerleaderin Was ist eine gute Liebesgeschichte?
Die Tochter des Grubenarbeiters Liebe im Kontext
Girl meets boy Das Drehbuch der Liebe
Das Aschenputtel-Dilemma Warum wir so besessen davon sind
Die Blackbox der Liebe Gedanken über die verschwiegenen Geschichten
Ich werde nicht verraten, wie wir uns wirklich kennengelernt haben Die Tyrannei des Onlinedatings
Ja, Schatz Schlechte Ratschläge von guten Menschen
Wenn ich mich in jeden verlieben kann – wie entscheide ich mich?Die Freuden der gewöhnlichen Hingabe
Die 36 Fragen
Anmerkungen
Zur Autorin
Seit fünf Jahren hatte ich über Liebesgeschichten und ihre Fallstricke geschrieben, als plötzlich meine eigene Liebesgeschichte Schlagzeilen machte. Im Januar 2015 verfasste ich für die Rubrik »Modern Love« der New York Times einen Artikel über eine zwanzig Jahre alte psychologische Untersuchung, die behauptete, ein einfacher Fragebogen könne zwei wildfremde Menschen dazu bringen, sich ineinander zu verlieben. Ich beschrieb, wie ich diese 36 Fragen eines Sommerabends mit einem Bekannten durchspielte und dieser später mein Freund wurde. Die Herausgeber gaben dem Artikel eine etwas reißerische Überschrift: »To Fall In Love with Anyone, Do This«.
In der Woche vor der Veröffentlichung war ich nervös. Immerhin würden jetzt ein paar Tausend Menschen Einzelheiten aus meiner drei Monate alten Beziehung erfahren. Doch die Reaktionen übertrafen alle Erwartungen: Wenige Stunden nachdem die Redaktion den Artikel ins Netz gestellt hatte, verbreitete er sich viral. Innerhalb weniger Wochen wurde er viele Millionen Mal angeklickt. Offenkundig verhieß er etwas, das viele Menschen interessierte: eine Formel, mit der sich zwei x-beliebige Menschen ineinander verlieben können.
Eigentlich hatte ich mir kaum Gedanken über Liebesgeschichten gemacht, bis sich vor neun Jahren aus heiterem Himmel meine Eltern trennten. Damals war ich sechsundzwanzig. Ich war immer der Ansicht gewesen, dass sie glücklich verheiratet waren. Aber offensichtlich hatte ich mich getäuscht. Ich fragte mich, was ich übersehen hatte.
Bei meinem Versuch, die Trennung meiner Eltern zu verstehen, kam ich immer wieder darauf zurück, wie die beiden sich kennengelernt hatten. Ich liebte diese Geschichte. Meine Mutter kam aus einem kleinen Bergwerksdorf in Virginia. Sie war Cheerleaderin in ihrer Schule und sollte für die Schülerzeitung den neuen Trainer der Football-Mannschaft interviewen. Das war mein Vater. Die beiden freundeten sich rasch an und trafen sich heimlich. Vier Jahre später traten sie in der Baptistengemeinde vor den Altar, zu einer Doppelhochzeit mit der Schwester meiner Mutter und dem besten Freund meines Vaters. Für mich war das die schönste Liebesgeschichte, die ich je gehört hatte, und schon als Kind erzählte ich sie allen, die sie hören wollten.
Die Scheidung war das falsche Ende für diese Geschichte – eines, das ich nie auch nur für möglich gehalten hätte. Für mich war die Liebe immer eine Tugend gewesen, ein Sieg der Moral und ein Lohn für Menschen, die im Leben die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Doch die Scheidung meiner Eltern machte mir klar, dass es in der Liebe keine Garantien gibt, nicht einmal für die Besten und Treusten, und nicht einmal für Menschen mit einer perfekten Liebesgeschichte.
Geschichten hatten meine Vorstellungen von der Liebe geprägt, doch nun musste ich einsehen, dass sie mich im Stich ließen. Also beschloss ich, so viel über die Liebe in Erfahrung zu bringen, wie ich nur konnte. Ich las Artikel über die Neurochemie der Liebe, die Psychologie von Beziehungen und die Wirtschaftsgeschichte der Ehe, nicht zu vergessen soziologische Theorien über das Geschichtenerzählen. Ich sah mir noch einmal all die Filme an, die ich als Kind und Jugendliche so geliebt hatte, Streifen wie Notting Hill oder Dirty Dancing. Ich hörte Popsongs und las Sonette. Ich befragte meine Großeltern und meine Eltern, sprach mit Freunden und lieh mir Ehe- und Beziehungsratgeber aus der Bücherei aus.
Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich geglaubt, dass die Liebe etwas sei, das einem passierte. Diese Vorstellung wird nicht nur von den Geschichten genährt, die wir uns über die Liebe erzählen, sondern auch von unserer Sprache selbst: Die Liebe trifft uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wir entbrennen in Leidenschaft. Die Liebe macht uns blind und krank. Unser Herz schmerzt und bricht.
Ich fragte mich, ob die Liebe tatsächlich so funktioniert, oder ob ich auch etwas mitzureden hatte. Die Wissenschaft ließ mich das jedenfalls vermuten.
Dass sich mein Artikel so rasch verbreitete, bestätigte etwas, das ich seit Jahren vermutet hatte: In Sachen Liebe bevorzugen wir die Kurzfassung der Geschichte. Meine »Modern Live«-Kolumne war ein einfach gestricktes romantisches Märchen, das den Eindruck vermittelte, als gäbe es eine ideale Form des Verliebens. Es vermittelte den Eindruck, als sei die Liebe berechenbar, und als könnten wir beim Verlieben einfach einem Drehbuch folgen.
Deshalb wundert es mich auch nicht, dass mich viele Leute fragen, ob ich immer noch mit dem Mann aus dem Artikel zusammen bin, und ob wir heiraten und Kinder bekommen wollen. Das ist nachvollziehbar, denn sie wollen einen Beweis dafür, dass das Drehbuch im wirklichen Leben funktioniert.
Ich liebe Liebesgeschichten noch immer, aber ich muss auch einsehen, dass sie nur ein sehr eingeschränktes Bild dessen vermitteln, was in der Liebe möglich ist. Die Liebe ist nicht so einfach, wie uns die Geschichten glauben machen. Doch gerade diese Komplexität macht sie so faszinierend. In der Arbeit an diesem Buch habe ich eine Möglichkeit gefunden, mein eigenes Drehbuch zu schreiben und etwas in den Griff zu bekommen, das mich so lange im Griff hatte.
Anfang 2010 heiratete ich den Mann, den ich eigentlich verlassen wollte.
»Es ist amtlich«, sagte Kevin, als er von der Arbeit nach Hause kam und eine Mappe auf das Kaffeetischchen neben mir warf. »In den Augen der kanadischen Regierung sind wir jetzt Mann und Frau.«
In der Mappe befand sich ein Dokument zum Eintrag unserer Lebensgemeinschaft, eines von vielen Papieren, das wir für den Antrag auf einen festen Wohnsitz in Kanada benötigten.
»Okay«, antwortete ich ohne aufzublicken. »Vielleicht sollten wir das feiern.«
Aber mir war nicht nach Feiern zumute.
Wortlos ging Kevin in die Küche.
Es war Mitte Februar, ich unterrichtete vier Kurse an der Uni, das heißt ich musste vier Unterrichtseinheiten vorbereiten – und vier Stapel Aufsätze korrigieren. Ich las die Aufsätze schon morgens am Kaffeetisch und abends schlief ich über ihnen ein.
Ich war so dankbar gewesen, dass Kevin den Papierkram für unsere dauerhafte Aufenthaltserlaubnis übernommen und all die Formulare mit ihren winzigen Kästchen ausgefüllt hatte. Eigentlich hätte ich ihm auch jetzt dankbar sein sollen, und eigentlich wollte ich das auch – aber ich starrte nur mit leerem Blick auf unsere beiden Unterschriften auf dem Schriftstück neben mir. Mit dem Finger strich ich über den Prägestempel. Nun konnten wir eine gemeinsame Steuererklärung abgeben, und wenn einer von uns beiden im Koma lag, konnte der andere das Beatmungsgerät abschalten lassen. Nach neun gemeinsamen Jahren war es doch fast logisch, das zu dürfen. Aber die Ironie des Zeitpunkts entging uns beiden nicht: Wir überlegten seit Wochen, ob wir uns trennen sollten.
Mein Vater hatte Recht gehabt: Es sind die kleinen Dinge, die ein Paar zusammenhalten. Wir waren weiterhin zusammen, um nicht noch mehr Anträge ausfüllen zu müssen und nicht zwei weitere Jahre auf unsere Einbürgerung zu warten.
Wenn mich jemand gefragt hätte, dann hätte ich gar nicht so genau sagen können, was mit unserer Beziehung nicht in Ordnung war. Wir hatten uns schon immer mal gestritten. Doch diesmal war es anders. Es herrschte eine anhaltende Sprachlosigkeit zwischen uns, so als ob unsere Beziehung krank geworden wäre. Und diese Krankheit schien ansteckend zu sein.
Als ich mitten in der Nacht hustend aufwachte, musste ich an meine Ärztin denken. Sie hatte mir mal gesagt, dass die Lunge und die Atemwege immer die ersten Organe seien, die vom Dauerstress in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ich hatte ihr das nicht geglaubt, aber vielleicht hatte sie ja Recht.
Kevin rollte sich zu mir herüber, während das Bett unter meinen Hustenanfällen bebte. Er schob sich an mich heran, legte ein Bein über meine Oberschenkel und einen Arm über meinen Brustkorb. »Besser?«, murmelte er. Im Halbschlaf wollte er offenbar mit seinem Körpergewicht den Husten in meinem Körper zurückhalten. Meine Atmung wurde ruhiger und mein Zwerchfell entspannte sich. Ja, besser!
Selbst nach einem Tag nervigen Anschweigens war Kevin in der Lage, die Symptome meiner Erkältung zu lindern. Eine Woche zuvor hatte ich auf dem Boden eines Buchladens gesessen und in Die sieben Geheimnisse einer glücklichen Ehe des Psychologen John Gottman geblättert; dort hatte ich gelesen, dass sich die Partner in Langzeitbeziehungen wechselseitig körperlich beeinflussen und sogar das Immunsystem und die Pulsfrequenz des anderen in positiver Weise regulieren können. Aber ich hatte auch gelesen, dass Menschen in Beziehungen, in denen ihre Bedürfnisse nicht befriedigt werden, unter körperlichem und emotionalem Dauerstress litten, der das Immunsystem schwächt.1 War es das, was uns gerade passierte?
Ich überlegte, wie lange es her war, dass ich zum letzten Mal seinen Körper neben meinem gespürt hatte. Mindestens vier oder fünf Tage. Vor Jahren hatte ich auch schon Husten gehabt – den schlimmsten meines Lebens. Eine Woche lang war ich durch die Hustenanfälle mitten in der Nacht aufgewacht, ein unerträgliches Brennen tief in den Lungen. Anfangs war Kevin auch hellwach, besorgt wegen der krampfartigen Zuckungen meines Körpers. Nachdem er sich daran gewöhnt hatte, drehte er sich einfach zu mir um und rieb mir im Halbschlaf den Rücken. »Du musst zum Arzt«, murmelte er zwischen meinen Hustenanfällen.
Damals hatten wir getrennte Wohnungen, aber wir verbrachten jede Nacht zusammen. Auch wenn ich krank war, und auch wenn wir einfach nur nebeneinander schliefen. Ich kam nachts gegen halb zwölf Uhr von meinem Abendkurs nach Hause, warf meine Tasche auf mein Bett und radelte den Hügel hinunter zu ihm. Leise schloss ich die Tür auf, schlich auf Zehenspitzen in sein Schlafzimmer und schlüpfte neben ihm unter die Decke. Morgens wachte ich meistens vor Sonnenaufgang auf, zog mich an und radelte zu dem kleinen Café am Capitol Hill, in dem ich arbeitete. Dafür, dass ich ein paar Stunden im Dunkeln seinen Körper neben meinem spüren konnte, nahm ich diese kleinen Umwege gern auf mich.
Schon damals habe ich mich oft gefragt, ob es noch etwas anderes gab, das ich so sehr liebte wie ich seine Haut liebte, die Art und Weise, wie sie seine Muskeln und Knochen umschloss, die weiche Stelle zwischen seinen Schulterblättern, auf die ich jede Nacht beim Einschlafen meine Lippen drückte. So hatte ich mich in der Universität in ihn verliebt, als wir Bauch an Rücken schliefen, mein Gesicht an seinen Nacken geschmiegt, als der Tag nur eine Leerstelle war zwischen zwei Nächten.
Doch inzwischen war ich 29 und dachte daran, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Und ich wusste nicht, ob ich all das mit diesem Mann wollte, in den ich mich in der Universität verliebt hatte.
Ich hatte keine Ahnung, woher ich die Antwort auf diese Frage nehmen sollte.
Natürlich kann man sich mit zwanzig in einen Menschen verlieben, ohne gleich ein ganzes Leben mit ihm verbringen zu wollen. Anders als Kevin und ich hatten die meisten unserer Freunde ihre Beziehungen aus Studientagen längst hinter sich gelassen. Mit zwanzig war ich davon ausgegangen, dass auch wir nicht zusammenbleiben würden. Und nachdem sich ein paar Jahre zuvor meine Eltern getrennt hatten, wusste ich inzwischen, dass man durchaus ein halbes Leben mit einem Menschen verbringen kann – und einem die Liebe trotzdem einfach abhanden kommt.
Allerdings hatte ich nie gedacht, jemanden auf eine so seltsame Art lieben zu können, wie ich Kevin liebte – jeden Abend neben ihm einschlafen und jeden Morgen neben ihm aufwachen zu wollen, und trotzdem nicht zu wissen, ob ich den Rest des Lebens mit ihm verbringen möchte oder nicht.
Kevin wollte keine Kinder. Er hatte auch keine Lust zu heiraten, obwohl er nichts gegen eine feste Beziehung hatte. Wenn der Konflikt so einfach gewesen wäre – ich will Trauschein und Familie, er nicht –, dann hätten wir vielleicht eine Lösung gefunden. Vielleicht war mir das mit den Kindern ja sowieso nicht so wichtig, dachte ich manchmal. Vielleicht wollte ich lediglich die Möglichkeit haben. In jedem Fall wollte ich mit ihm eine Unterhaltung darüber führen können, die nicht sicher im Streit endete. Ich hatte das Gefühl, dass wir nur unsere anderen Probleme in den Griff bekommen mussten, um dann auch vernünftig über Heirat und Kinder sprechen zu können. Aber was waren unsere anderen Probleme genau?
Weil ich eine Knieverletzung hatte, blieb ich in diesem Winter oft zu Hause, während Kevin mit Freunden zum Skitourengehen in die Berge fuhr. Ich verbrachte die Wochenenden damit, den offenen Kamin unserer zugigen Wohnung in Vancouver mit Eierkartons zu füttern, den Hund Gassi zu führen und Aufsätze zu korrigieren.
Während meine Welt immer kleiner wurde, wurde seine Welt in den Bergen von British Columbia immer weiter. Am Abend vor einem Skiausflug in den Pulverschnee war er aufgedreht und konnte kaum schlafen. Noch nie hat mich die Begeisterung eines anderen Menschen so einsam gemacht. Es kam mir zu egoistisch vor, darauf zu hoffen, dass er meinetwegen zuhause bleiben würde, also sagte ich erst gar nichts. Stattdessen buchte ich mit Freunden eine Woche Urlaub in Costa Rica. Während ich weg war, rief ich ihn kein einziges Mal an, und ich schrieb auch keine Mails. Er sollte sich so fühlen, wie ich mich gefühlt hatte: Er sollte wissen, dass ich Spaß hatte, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, wie ich meine Tage verbrachte.
Unsere Liebe hatte als Fernbeziehung begonnen, und damals hatte ich keinen sehnlicheren Wunsch, als meine Tage mit ihm zu verbringen. Jetzt führten wir dieses Leben – und mir kam es vor, als ob ich einen Vertrag mit der Liebe unterschrieben hatte, aus dem ich nicht mehr herauskam. Trotz aller Entfremdung fühlte ich mich noch immer durch diese Sehnsucht an Kevin gebunden – die Liebe. Noch immer wünschte ich mir seine Gesellschaft, seine Aufmerksamkeit, seine Haut. Es wäre einfacher gewesen, wenn einer von uns beiden einfach aufgehört hätte, den anderen zu lieben.
»Wenn du ältere Paare siehst, denkst du dann an dich und Kevin?«, fragte meine Freundin Liz eines Tages. Es war ein Sonntagnachmittag, wir waren auf der Suche nach ihrem Brautkleid, und gerade war ein älteres Ehepaar Hand in Hand an uns vorübergegangen.
»Nein«, erwiderte ich aufrichtig. »Ich denke nicht an uns, wenn ich händchenhaltende Achtzigjährige sehe.« Ganz abgesehen davon glaubte ich, dass diese Paare mindestens in zweiter oder dritter Ehe verheiratet waren. Doch dann ruderte ich zurück. »Ich denke nicht, dass Kevin für mich der einzige Mann auf der Welt ist. Aber ich habe das Gefühl, dass er zu mir gehört. Ich kann mir nicht vorstellen, das Leben mit irgendjemand anderem zu verbringen. Verstehst du, was ich meine?«
Liz lächelte, doch ihre Augen schauten mich fragend an. Sie verstand mich nicht. Wie auch? Sie plante gerade ihre Hochzeit mit einem Mann, mit dem sie sich nie wirklich gestritten hatte. Und an dem sie noch keine Sekunde gezweifelt hatte. Die Selbstsicherheit von Menschen wie Liz ärgerte mich. Leute, die wussten, dass sie ein Leben lang mit einem anderen Menschen zusammenbleiben würden, waren für mich wie Leute, die sich sicher waren, dass sie in den Himmel kommen würden. Das kam mir so dreist vor, so irrational.
Aber Liz war alles andere als ein irrationaler Mensch. Sie war eine sehr angesehene und erfolgreiche Sozialpsychologin. Das ließ darauf schließen, dass das Problem woanders lag: bei mir. Was, wenn ich die Irrationale war, die sich an eine Beziehung ohne Zukunft klammerte? Vielleicht war ich die Einzige, die das nicht sah.
Aber spielte es denn eine Rolle, dass ich nicht an Kevin dachte, wenn ich ein glückliches älteres Ehepaar sah? Spielte es eine Rolle, wie oft wir uns stritten? Solange er jeden Morgen vor der Arbeit ins Schlafzimmer kam, sich auf mich legte, mich in der Decke vergrub, »Aufwachen, mein Frühstücks-Burrito!« rief und meine Stirn mit Küssen bedeckte, wie sollte ich mir da ernsthaft das Leben mit einem anderen Mann vorstellen können? Auch wenn ich uns nicht als Paar in den Achtzigern sah – der Gedanke, morgens früh allein aufzuwachen, war andererseits unerträglich.
Im Sommer zuvor hatten wir Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel gemacht. Morgens gingen wir zum Klettern und nachmittags schwammen wir in der Ägäis. »Mann, was tun mir alle anderen leid!«, sagte Kevin eines Abends, während wir den Weg vom Strand zu unserer kleinen Ferienwohnung hinaufgingen. Wir nahmen den Umweg über die mit Oleander gesäumten Serpentinen. Wir waren uns einig, dass wir uns sogar selbst leid taten. Wir dachten an unser hektisches Leben vor unserem Urlaub, und wir verglichen es mit dem Augenblick an diesem langen Juni-Abend, als wir auf die Kalkklippen zeigten und sagten: »Lass uns morgen da hochklettern!«
Die Erinnerungen an diesen Urlaub ließen mir ein Leben ohne ihn unvorstellbar erscheinen. Das schaffte sogar der Geruch von frischem Thymian. Oder die Abendbrise, wenn ich nach Hause radelte. Ich erinnerte mich, wie wir auf unseren Motorroller gestiegen waren und über die Insel zu unserem Lieblingsrestaurant fuhren. Als ich nach unserem Abendessen aus Makrelen und Salat auf dem Roller hinter ihm saß und die Arme um ihn schlang, war das wie eine Essenz des Glücklichseins.
Oft ertappte ich mich dabei, wie ich mich im Internet durch die Hochzeitsalben wildfremder Menschen klickte. Ich suchte etwas Bestimmtes: einen Blick, ein wehrloses und etwas dummes Grinsen, ein vor Freude halb lachendes, halb weinendes Gesicht. Das war dieser Blick, den ich aus dem Kino kannte, so grinst Hugh Grant in der letzten Szene von Notting Hill, wenn er Julia Roberts ansieht. Ich wollte herausfinden, ob es das wirklich gibt, dieses über jeden Zweifel erhabene Glück, oder ob das ein Märchen war.
Hier und da entdeckte ich einen Anflug davon, einen Gesichtsausdruck, der sagte: »Das war die beste Entscheidung meines Lebens«, im Flickr-Album eines Unbekannten oder im Hochzeitsalbum der Freundin einer Freundin. Es war ein Ausdruck von tiefster Zufriedenheit, ein Bräutigam, der die Hand der Braut ergreift, eine Braut, die nach den Augen der Mutter sucht. Dieser Blick der absoluten Dankbarkeit angesichts einer lebenslangen Bindung. Wie sicher sich diese Menschen zu sein schienen!
Ich las Blogs von dreißigjährigen Hippsterpärchen, die die Kurve gekriegt zu haben schienen. Die Freundin einer Freundin hatte anlässlich ihres Hochzeitstags eine kurze Notiz gepostet. Sie und ihr Mann, ein Autor und Filmemacher, hatten jung geheiratet und drei selbstverständlich coole Kinder bekommen. Die Anmerkung zu ihrer Hochzeit fand ich sehr aufrichtig: »War das der glücklichste Tag meines Lebens? Vermutlich nicht«, schrieb sie. »War es die beste Entscheidung meines Lebens? Ja.«
Ja, schrieb ich daraufhin in mein Tagebuch. Dieses »Ja« ist mir unter die Haut gegangen. So will ich mich auch fühlen.
Vermutlich hatte ich damals keine Vorstellung von dem, was ich suchte. Aber heute weiß ich es. Es hatte etwas damit zu tun, »den Richtigen fürs Leben« zu finden: Gab es das überhaupt oder war das alles nur ein Märchen?
Nach der Scheidung meiner Eltern musste ich einsehen, dass sogar die Ehe von zwei so gut zueinander passenden Menschen in die Brüche gehen konnte. Diese Möglichkeit machte jede Hoffnung zunichte, dass ich jemals den Richtigen finden würde.
In diesem Frühling fielen mir einige Fotos von der Hochzeitsfeier einer Freundin wieder in die Hände. Dort stand ich im Sonnenuntergang mit Kevin im Bug eines Segelboots. Auf einem der Bilder hebt er mich hoch, die Arme fest um mich geschlungen, und meine Haare wehen im Wind. Auf einem anderen werfe ich den Kopf in den Nacken und lache, während er mich mit einem breiten Lächeln anstrahlt. Wir strahlten um die Wette, und im Hintergrund glitzerte das Meer. Hier waren die Beweise – mein fettes Grinsen und die tiefen Lachfalten um seine Augen: Wir waren glücklich gewesen, wir liebten einander. War das der Gesichtsausdruck, den ich gesucht hatte?
Beim Surfen durchs Internet machte ich irgendwann den Fehler, Lori Gottliebs etwas hinterhältigen Atlantic-Artikel »Marry Him!« zu lesen.2 In ihrem Text formulierte Gottlieb zwei widersprüchliche Gedanken. Dem ersten wollte ich zustimmen: Den perfekten Partner gibt es nicht. Wenn das richtig war, dann wäre es klug, bei Kevin zu bleiben. Der zweite Gedanke: Wenn eine Frau in meinem Alter (um die dreißig) Kinder bekommen möchte (was ich ja irgendwie wollte), dann sollte sie sich nach einem geeigneten Partner umsehen. Und zwar schnell!
Als der Frühling in den Sommer überging, wurde ich immer unsicherer – besonders hinsichtlich meiner Gefühle. Ja, wir hatten unsere Probleme, doch das war ein Witz gegen die von Jane und Rochester aus Jane Eyre. Wenn wir an sommerlichen Samstagen erst Klettern gingen und danach in der Stadt noch ein Eis aßen oder ein Bier tranken, kamen mir meine Zweifel lächerlich vor. Unser Leben war gut! Wir passten zusammen! An anderen Tagen stritten wir uns über das Essen (das Lachsfilet war zu klein, der Reis verkocht, wir hätten Pizza bestellen sollen, das hättest du mir auch eher sagen können) – und ich war entschlossen, die Beziehung zu beenden.
Immer wieder musste ich an meine Eltern denken. »Wir lieben uns nicht mehr«, hatte meine Mutter gesagt. »Nicht so wie früher.« Vielleicht nagt die Zeit ja an jeder Beziehung und vielleicht muss sich jede Liebe setzen, dachte ich. Wenn Romeo und Julia oder Dido und Aeneas lange genug zusammen gewesen wären, dann hätten vielleicht auch sie ihr Abendessen in eisigem Schweigen eingenommen. Wenn ich die Mühe auf mich nahm, Schluss zu machen und weiterzusuchen, würde ich nicht irgendwann wieder an einem Tisch sitzen, gegenüber einem anderen Mann, wir beide auf der Suche nach mehr? Endete die Liebe immer irgendwann in einer Abfolge fader Lachsgerichte?
Als ich schließlich meinem Vater von meinen Zweifeln über Kevin erzählte, sagte dieser auf seine typisch väterliche Art: »Ich bin mir sicher, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst.« Darauf ich genervt: »Aber was ist die richtige Entscheidung?« Ich reagierte allergisch auf diese Art, über die Liebe zu sprechen, aber ich ertappte mich ja selbst dabei: Die richtige Entscheidung, der richtige Mann, die richtige Art zu lieben. War hier die moralische Richtigkeit gemeint, oder eine Art erzählerische Folgerichtigkeit? Ging es also um einen guten Partner oder um eine gute Geschichte? So wie ich die Dinge sah, konnte man immer erst im Nachhinein sagen, was richtig und was falsch war. Beziehungen sind keine Prüfungen, die man besteht oder nicht, aber trotzdem reden wir so darüber.
In Sachen Liebe schien es ja ganz einfach zu sein: Entscheide dich für den guten Mr. Darcy und gegen den bösen Mr. Wickham. Aber über die Männer, die mich interessierten, hatte Jane Austen nichts zu sagen – intelligente, humorvolle und kreative Männer, die nichts auf Autoritäten gaben, aber sich für den Umweltschutz einsetzten. Was einen guten Menschen wirklich ausmacht, war mir nie klar. Und noch dazu schien es auch keine Garantie zu geben, dass ein guter Mensch auch ein guter Partner war.
Im Sinne einer guten Erzählung ist die richtige Entscheidung diejenige, welche die Hauptfigur dem Happy End näher bringt, also der Hochzeit mit dem oder der Richtigen. Ich dachte an die 1000 Gefahren-Bücher, die ich als Kind so gemocht hatte. »Du und nur du entscheidest darüber, was in dieser Geschichte passiert«, hieß es zu Beginn. Aber das stimmt nicht ganz. Ich konnte zwar Entscheidungen treffen, aber es gab immer nur zwei Möglichkeiten: Wenn du einen Mann suchen willst, der eine Familie gründen möchte, dann springe auf Seite 21. Wenn du zufrieden bist mit einer wilden Ehe und einem süßen Hundchen, dann lies weiter auf Seite 18. Welches Ende war wohl das glücklichere?
Die Idee, dass es einen Seelenverwandten gibt, ist in sich widersprüchlich. Suchen wir nach diesem Menschen, dann akzeptieren wir, dass das Schicksal eine reale und aktive Rolle in unserem Leben spielt. Aber gleichzeitig impliziert sie die Existenz von falschen Partnern – und falschen Entscheidungen! Wenn wir also an den richtigen Partner und an unsere Entscheidungsfreiheit glauben wollen, dann müssen wir gleichzeitig an das Schicksal und an den freien Willen glauben.
In einem Brief an seine Brüder schrieb der Dichter (und notorische Romantiker) John Keats, die größten Künstler seien in der Lage, solche Widersprüche auszuhalten. Das bezeichnete er als »negative Fähigkeit« und definierte diesen Begriff als »die Kunst, Ungewissheit, Geheimnis und Zweifel zu ertragen, ohne ärgerlich nach Fakt und Vernunft zu greifen«. Während meines Studiums gefiel mir dieser Gedanke. Auch meine Studenten mögen ihn. Aber vielleicht ist diese zentrale Forderung der Romantik – dass die Schönheit vor der Logik kommt und eine aufregende Geschichte voller Widersprüche einer langweiligen, im wirklichen Leben verorteten Geschichte vorzuziehen ist – einfach nur ein Ausdruck dessen, wie man die Welt im Alter von zweiundzwanzig Jahren sieht, in dem Keats seinen Brief schrieb. Mit neunundzwanzig hatte ich jedenfalls Zweifel an der Romantik.
Das Gerede von »dem Richtigen« schien mir hauptsächlich dazu zu dienen, von den komplexeren Fragen abzulenken. Also beispielsweise statt »Gibt es irgendjemanden, der besser für mich wäre?« zu fragen: »Warum ist es so schwer, gut zu dem Menschen zu sein, den ich liebe?« Offenbar wollen wir uns nicht eingestehen, dass wir immer wieder schlechte Entscheidungen treffen, dass das Leben ein gerüttelt Maß Enttäuschungen bereithält, und dass wir bei all unseren Bemühungen nur sehr wenig Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen können.
Die Anthropologin und Hirnforscherin Helen Fisher konnte mit Hilfe von fMRT-Scans aufzeigen, wie unser Gehirn mit Dopamin überflutet wird, wenn wir das Foto eines geliebten Menschen ansehen. Das Dopamin selbst ist nicht Liebe, es macht uns nicht glücklich. Aber weil das Dopamin in bestimmten Hirnregionen andockt, die mit Belohnung und Motivation in Zusammenhang stehen – der Area tegmentalis ventralis und dem Nucleus caudatus –, schließt Fisher, dass die Liebe ein angeborener menschlicher Trieb sein muss. Das beruhigte mich: Wenn das Bedürfnis nach Liebe fest in unserer Biologie verankert ist, dann musste ich vielleicht das Gefühl haben, dass die Liebe mich beherrschte.
Sexuelles Verlangen oder Durst sind grundlegende Triebe, die uns zum Handeln motivieren. Oder um es biologisch auszudrücken: Es handelt sich dabei um Systeme unseres Gehirns »zur Planung und Verfolgung spezifischer Bedürfnisse«.3 Fishers Forschungen lassen vermuten, dass sich die Geheimnisse des Herzens tatsächlich im Gehirn verbergen, und dass sich die romantische Liebe entwickelt hat, um die Fortpflanzung zu gewährleisten – und zwar nicht nur beim Menschen, sondern bei allen Säugetieren. Fisher ist auch der Ansicht, dass der Liebestrieb unabhängig vom Paarungstrieb existiert, auch wenn die beiden sich oft ergänzen: Das sexuelle Verlangen treibt uns an, »verschiedene Partner zur Paarung zu suchen«, und die Liebe »motiviert uns, unsere Werbungsenergie auf ganz spezifische Personen zu richten« – womit uns die Evolution Zeit und Energie sparen hilft.4
Immer wieder hatte ich darüber gegrübelt, ob Kevin bereits meine einzige große Liebe war. Ich hatte Angst davor, Schluss zu machen und jemand anderen zu finden – mit dem sich die Liebe dann aber irgendwie verwässert anfühlen würde. Als ich mich nun mit den biologischen Mechanismen der Liebe beschäftigte, fand ich das entlastend: Die unromantische Sachlichkeit von Ausdrücken wie »Werbungsenergie« oder »Partnerwahl unter Säugetieren« ließ die Liebe berechenbarer erscheinen. Wenn die Liebe doch von dieser Welt war, dann konnte ich ihr vielleicht etwas von ihrer Macht nehmen, dachte ich.
Als Kevin und ich nach Vancouver zogen, wo viele Paare ohne Trauschein in festen Beziehungen zusammenleben, hörten wir auf, uns als »Freund« und »Freundin« zu bezeichnen. Stattdessen stellte ich ihn nun als »meinen Partner Kevin« vor. Die Einwanderungsbehörde hatte uns zu Ehegatten gemacht. Ein Gatte war für mich immer jemand gewesen, der einen Kombi fährt. Jemand mit Ehering, Zusatzrente – und Handytäschchen am Gürtel. Diese Art von Ehegatte war Kevin definitiv nicht, und so wollte er auch nicht sein. Das hatte mir gefallen, als ich zwanzig war, aber inzwischen fragte ich mich ernsthaft, was eigentlich so schlimm an einem Kombi wäre.
Aber ich wusste auch nicht, ob dieser Wunsch nach einem Ehegatten wirklich mein eigener war, oder ob ich glaubte, dass es in meinem Alter mein Wunsch sein sollte. Was war echt, und was war nur ein Drehbuch?
Mein Gatte und ich verbrachten unsere Abende im Wohnzimmer, er scannte Fotos ein, ich korrigierte Aufsätze oder surfte ziellos durchs Internet. Kevins Maus klickte und sein Scanner surrte. Er hatte vor Kurzem mit Analogfotografie begonnen und brachte Stunden damit zu, seine neuesten Bilder einzuscannen, digital Fussel zu entfernen und Farben und Kontraste nachzubearbeiten. Wenn wir uns gerade gut verstanden, witzelte ich manchmal, dass der Scanner der Soundtrack meines Lebens geworden war. »Stell dir mal vor, wie viel Freizeit du hättest, wenn du die Bilder im Labor einscannen lassen würdest«, sagte ich. Aber ich vermutete, dass es ihm genau darauf ankam: alles unter Kontrolle zu haben.
Genau das gefiel mir an ihm: dass er noch analog fotografierte, während alle anderen auf Digitalkameras umstiegen, und dass er die Fussel auf seinen Bildern ernst nahm, auch wenn ich mir wünschte, dass er die Krümel auf dem Küchentisch weniger ernst nehmen würde. Aber ist das nicht das Problem mit der Liebe? Man findet niemanden, der sich auf sympathische Weise über Staubkörner auf seinen Negativen aufregt, und sich nicht gleichzeitig auf unsympathische Weise über die Krümel auf dem Küchentisch echauffiert.
Das alles betrachtete ich von meiner Ecke auf dem Futon aus. Es war das erste Möbelstück, das wir gemeinsam gekauft hatten – gebraucht, für 80 Dollar. Der Bezug war ausgebleicht und, wie so vieles in unserer Wohnung, von Hundehaaren bedeckt. Ich fand die schwarzen Haare in dem Brot, das ich backte, in der Wattierung meines BHs, und unter der Leertaste meines Computers. So war das Leben in unserem Häuschen an der Ash Street. Es war ein gutes Leben, selbst an einem etwas langweiligen Freitagabend im Juni, denn wenigsten schienen einige Dinge sicher zu sein, zum Beispiel Hundehaare. Und andere Dinge waren vertraut, zum Beispiel der Futon. Wenn ich es wagte, mir ein Leben ohne diese Dinge vorzustellen und ohne das Summen des Scanners und ohne Kevin, der gelegentlich den Bildschirm zu mir drehte und fragte »Was hältst du von dem hier?«, dann spürte ich eine leise Panik aufsteigen.
Im Juni kam ein offizieller Brief, in dem man uns mitteilte, dass wir nun dauerhaft in Kanada leben durften. Seit Monaten hatte ich mir gesagt, dass ich jede Entscheidung über unsere Beziehung aufschieben würde, bis diese Aufenthaltserlaubnis da war. Die Abendsonne schien auf unseren Tisch, als wir mit Pizza und Bier feierten. Ich war voller Zuversicht.
Einige Tage später wachte ich morgens auf, weil Kevin aus der Küche rief: »Haben wir kein Müsli mehr?«
Das kann er doch selbst herausfinden, dachte ich, er kann doch einfach in den Küchenschrank schauen.
Im Sommer stand Kevin immer als erster auf, fütterte den Hund und machte Kaffee. Ich blieb dösend im Bett liegen, bis er hereinkam, seine Tasse aufs Fensterbrett stellte und mir einen Kuss gab.
»Tut mir leid«, murmelte ich und zwang mich an die Tagesoberfläche. »Ich hab vergessen, welches zu kaufen.«
Ich überlegte kurz, ob ich schnell in mein zerknittertes Kleid schlüpfen und zum Laden laufen sollte. Aber irgendetwas in mir wehrte sich dagegen, ihm diesen Gefallen zu tun. Stattdessen verkroch ich mich wieder unter der Decke. Ich schloss die Augen und stellte mir ein Leben vor, in dem es egal war, wenn ich beim Einkauf etwas vergessen hatte. Wenn ich allein lebte und das Müsli vergaß, dann könnte ich mir einfach ein paar Rühreier machen. Oder Haferflocken. Oder Toast mit Marmelade essen oder mir auf dem Weg in einem Café einen Muffin holen. Oder ich könnte ganz auf Müsli verzichten und auf Bagels mit Erdnussbutter und Honig umstellen. Wenn ich es wollte, könnte ich sogar jeden Morgen früh aufstehen und mir Pfannkuchen machen.
Ich recherchierte weiter zum Thema »Liebe« – und durchforstete von der Evolutionspsychologie bis zur Metapherntheorie alles. Dann wendete ich meine Erkenntnisse umgehend auf meine eigene Beziehung an. Das bescherte mir so manches Aha-Erlebnis, aber oft verwirrte es mich nur noch mehr.
So las ich, dass die erste Phase der Liebe – die pulsbeschleunigende, prickelnde und alles verzehrende Verliebtheit – meist nicht allzu lange anhält. Jeder Artikel führte eigene Details an, doch jeder lieferte klare Belege dafür, dass diese Art der Liebe zwischen sechs Monaten und vier Jahren dauert. Helen Fisher nennt es das »Vier-Jahres-Kribbeln«. Sie stellt die These auf, dass die Liebe eine evolutionäre Anpassung ist, die es uns ermöglicht, so lange bei einem Menschen zu bleiben, bis die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind. Verliebte Eltern sind eher zur Zusammenarbeit bereit, so die Theorie, und das erhöht die Überlebenschancen des Nachwuchses in den besonders kritischen ersten Lebensjahren.
Mir gefiel der Gedanke, dass die Heftigkeit der Liebe ein vorhersehbares Verfallsdatum hatte. Paare, die über die ersten vier Jahre hinaus zusammenblieben, konnten sich zwar auch noch innig verbunden fühlen, doch die Beziehung ging dann in eine angenehm häusliche Phase der kameradschaftlichen Liebe über. Das schien mir logisch: Wenn wir alle immer dauerhaft leidenschaftlich verliebt wären, gäbe es in unserer Welt zwar eine Menge schmalziger Liebeslieder, aber keine funktionierenden Brücken. Kameradschaftliche Liebe zeichnet sich dagegen durch Stetigkeit und Kooperation aus. Kameradschaftliche Liebe klang gut.
Leider deckte sich diese Theorie nicht mit meiner Erfahrung. Meine ersten Jahre mit Kevin, die strahlend und berauschend hätten sein sollen, wurden von langen Phasen geprägt, in denen wir auf unterschiedlichen Kontinenten lebten. Manchmal, wenn ich jetzt abends von der Uni nach Hause kam, war ich deshalb noch immer erfreut, wenn ich ihn an seinem Schreibtisch sitzen sah, und küsste ihn auf seine Schläfen, sein Gesicht und die weiche Stelle hinter seinem Ohrläppchen. Ich wollte seine Wangenknochen mit meinen Lippen spüren, genauso wie ich den Kuchenteig vom Mixer ablecken wollte, um das Knirschen des Zuckers zwischen den Zähnen zu spüren. Es war körperlich und emotional – nicht erotisch, aber auch nicht häuslich. Waren wir wie eine Schallplatte, bei der die Nadel in einer Rille zwischen dem ersten und dem zweiten Satz der Liebe hängengeblieben war?
Manchmal, wenn wir uns stritten und ich damit drohte, Schluss zu machen – womit ich ihn vermutlich zwingen wollte, sich zu unserer Beziehung zu bekennen oder sie zu beenden –, fragte ich Kevin: Würde er nicht lieber von vorn beginnen wollen, mit einer Frau, die keine Schüsseln in der Spüle stehen ließ? Die dafür sorgte, dass immer Joghurt und Müsli im Haus waren? Aber im Gegensatz zu mir weigerte er sich, über eine bessere Version der Liebe nachzudenken.
»Genau das ist dein Problem«, sagte er. »Solange du nicht weißt, ob du wirklich in dieser Beziehung sein willst, wird es nie funktionieren.«
»Aber ich will nicht einfach nur mit dir zusammenbleiben, weil es mir zu anstrengend ist, jemand anderes zu finden«, gab ich zurück.
Wir diskutierten über den Sunk-Cost-Effekt. Diese Theorie aus der Wirtschaftspsychologie besagt, dass ein Projekt umso schwerer aufzugeben ist, je mehr man vorher bereits investiert hat. Was sich auch auf Beziehungen übertragen lässt. Wir waren uns einig, dass es keine gute Idee war, nur deshalb zusammenzubleiben, weil wir schon so lange zusammen waren.
In der Praxis war das allerdings nicht ganz so einfach. Obwohl wir uns immer wieder in die Haare gerieten, und obwohl wir immer wieder unser Versprechen vergaßen, liebevoll und geduldig zu sein – es fühlte sich einfach gut an, einen anderen Menschen so in- und auswendig zu kennen. Die Aussicht, einen neuen Menschen kennenzulernen – oder auch nur jemanden zu suchen, der das Kennenlernen wert war – schreckte mich ab. Und die Vorstellung, meinerseits die Unbekannte zu sein, lähmte mich.
Inzwischen war ich fast dreißig, und ich hatte keinerlei Erfahrung mit der Partnersuche. Kevin und ich waren gemeinsam erwachsen geworden. Wer war ich ohne das Gravitationszentrum seiner Gewohnheiten und Vorlieben? Doch ganz allmählich reifte eine Überzeugung in mir heran: In den Augen der kanadischen Behörden waren wir zwar verheiratet, doch im September würde ich keinen neuen Mietvertrag mit Kevin unterschreiben. Auch wenn mir der Gedanke daran Angst machte. Ich hatte keine Ahnung, wo ich wohnen würde, aber ich wusste auch, dass ich keinen weiteren Winter durchstand, in dem Kevin jedes Wochenende ohne mich zum Skifahren ging. Lieber würde ich in eine eigene Wohnung ziehen.
Im wirklichen Leben sind Trennungsgründe selten so klar und eindeutig wie in unseren Geschichten darüber. Es gab keine Liebhaber, keinen Betrug. Ich spürte nur den vagen, aber hartnäckigen Wunsch nach Veränderung. Unsere Streitigkeiten waren keine richtigen Streitigkeiten, sondern eher Meinungsverschiedenheiten über die Wochenendgestaltung. Doch im Laufe eines dieser Gespräche, das sich nicht von Hunderten anderen Gesprächen unterschied, kam ich zu dem Schluss, dass das Getrenntleben ein klein wenig einfacher sein würde als das Zusammenleben.
Das sagte ich Kevin auch so. Und zur Abwechslung stimmte er mir zu.
Es war Anfang Juli, was bedeutete, dass wir noch zwei Monate lang zusammen in unserem Häuschen an der Ash Street leben würden. Keiner von uns beiden konnte es sich leisten, vorher auszuziehen. Da ich noch nie eine Beziehung beendet hatte, staunte ich, wie wenig sich dies auf unsere alltäglichen Routinen auswirkte. Es schien, als hätten die über Jahre hinweg angehäuften Erwartungen die wahre Zärtlichkeit verschüttet, die wir füreinander empfanden. Es fühlte sich an, als hätten wir gemeinsam ein neues Projekt begonnen und als wären wir zum ersten Mal seit Monaten wieder ein Team. Und vielleicht waren es auch diese beiden Monate – die Zeit zwischen der Entscheidung, uns zu trennen, und der tatsächlichen Trennung –, die diese Entscheidung überhaupt erst möglich machten. Es gab ein Zeitfenster, in dem sich noch alles rückgängig machen ließ. Wir hatten einander noch immer. Und wir hatten noch keine Ahnung davon, wie einsam wir sein würden.
In Nick Hornbys Roman High Fidelity wird Rob (der im Film von John Cusack gespielt wird) von Laura verlassen. Untröstlich und ratlos besucht er seine fünf Exfreundinnen, um herauszufinden, warum er es nicht schafft, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Endlich, wie in zahllosen anderen Romanen und Filmen, kapiert es dann auch der unglückliche Protagonist: Er hat die geliebte Frau nicht zu schätzen gewusst. Und dank dieser schmerzlich gewonnenen Erkenntnis weiß er nun, wie er ein besserer Partner werden kann.
In Liebesgeschichten kommen Menschen zu solchen grundlegenden Einsichten. Sie erkennen erst dann, was sie hatten, wenn sie es nicht mehr haben, oder wenn es zumindest in Gefahr ist. Dann fällt es ihnen plötzlich wie Schuppen von den Augen. Und sie ändern sich. Sie werden selbstlos und liebevoll. Als Dozentin für Literatur kenne ich dieses Handlungsmuster sehr gut. Den Unterschied zu meinen eigenen Erfahrungen zu erkennen, fiel mir da schon deutlich schwerer.
Nachdem wir unsere Beziehung offiziell beendet hatten, ertappte ich mich dabei, wie ich auf Kevins Erleuchtung wartete: Er würde erkennen, wie viel er zu verlieren hatte. Wie sehr er mich liebte. Und er würde der perfekte Partner werden: ein Über-Kevin, Kevin 2.0.
Als er einige Wochen später mit seinen Eltern zu einem Trip in die Wüste von Arizona aufbrach, rief er mich jeden Abend an. Ich wäre bei dem Urlaub gerne dabei gewesen – bei den Schwiegereltern, die mich vom ersten Tag an so herzlich aufgenommen hatten, und bei Kevin, um auf dem Hotelparkplatz neben ihm im Mietauto zu sitzen und gemeinsam ein Bier zu trinken.
»Ich vermisse dich«, sagte er bei jedem Anruf zum Abschied. Vor meinem geistigen Auge sah ich die staubigen Landstraßen und den dramatischen Horizont von Nordarizona. Sah es für ihn noch genauso aus wie vor vier Jahren, als wir von dort aus gemeinsam nach Vancouver aufgebrochen waren?
Wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich gut an zu wissen, dass er mich vermisst, schrieb ich in mein Tagebuch. Ein Teil von mir wünscht sich, dass dies eine dieser Erfahrungen ist, die uns verwandeln und zeigen, wie wir gut zu einander sein können. Liebevoll und großzügig.
Ich zweifelte daran, dass die Liebe wirklich so funktionierte, aber das hielt mich nicht davon ab, es mir zu wünschen. Während er in der Wüste war und ich in Vancouver, fiel es uns leicht, nicht mehr so unfreundlich und egoistisch zu sein. Im wirklichen Leben war das wieder schwieriger: Wenige Stunden nach seiner Rückkehr stritten wir uns darüber, wer mit dem Klopapierkauf an der Reihe war.
Dass wir einander vermisst hatten, trug nicht dazu bei, dass wir besser miteinander auskamen. Einsicht ist nicht gleich Umkehr.
Vielleicht gibt es deshalb so wenige Geschichten über ambivalente Trennungen – weil sie unserem Traum von der Macht der Liebe widersprechen. Stattdessen machen sie aus der Liebe eine gewöhnliche Erfahrung. Ich habe den Verdacht, dass die Kraft, die wir der Liebe zuschreiben, auch ein Grund dafür war, warum Wissenschaftler so lange einen Bogen um das Thema gemacht haben. Psychologen beschäftigten sich erst seit den Siebzigern und Achtzigern mit dem Thema, und die Biologen stießen gar erst in den Neunzigern dazu. Viele Menschen wollen daran glauben, dass man die Liebe nicht verstehen kann und dass die Geheimnisse des Herzens Geheimnisse bleiben müssen.
