Verlorenes Land - Andreas M. Sturm - E-Book

Verlorenes Land E-Book

Andreas M. Sturm

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Beschreibung

Februar 1982: In der Äußeren Neustadt von Dresden wird ein Mann erschossen aufgefunden. Bei seinen Ermittlungen stößt Volkspolizist Uwe Friedrich auf die Verbindung des Ermordeten mit der Devisenbeschaffungsgesellschaft KoKo. Daraufhin entzieht die Staatssicherheit der Kriminalpolizei den Fall. Uwe kann das nicht akzeptieren und setzt die Nachforschungen auf eigene Faust fort. Arglos recherchiert er in der Vergangenheit des Opfers; dabei legt er Zusammenhänge offen, die hohe Offiziere von Volkspolizei und Stasi schwer belasten, und gerät selbst in ein gefährliches Netz aus Korruption und Machtmissbrauch.

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Verlorenes Land1234567891011121314151617181920212223242526272829303132333435363738394041424344454647484950515253545556575859606162636465666768697071727374BegriffserklärungenDanksagungImpressum
Andreas M. Sturm
Verlorenes Land
Ein DDR-Krimi
DDR-Krimi

1

Dieser schäbige Hinterhof sollte also zu seinem Grab werden. Siegfried Rost war erstaunt, dass er keine Angst verspürte. Bedauern, das ja, wegen der vielen Dinge, die er eigentlich noch erleben wollte. Aber der kalte, unbarmherzige Blick, mit dem sein Gegenüber ihn musterte, war nicht misszuverstehen. Diesmal würde er sich nicht herausreden können. Ein Projektil würde seinen Körper gegen die Wand schleudern, sein Herz zerfetzen und ihn in ein totes Stück Fleisch verwandeln.

Natürlich, dachte er selbstironisch lächelnd, man kann nicht das gesamte Leben auf einem Drahtseil balancieren, ohne irgendwann abzustürzen.

Weshalb ihm gerade jetzt seine Mutter in den Sinn kam, konnte er nicht sagen. Vielleicht weil sie ihm erzählt hatte, dass in den letzten Sekunden vor dem Tod das gesamte Leben noch einmal vor dem geistigen Auge vorbeiziehen würde. Siegfried hatte nie daran geglaubt, doch ein Versuch konnte nicht schaden. Neugierig schloss er die Augen. Zu seiner Verwunderung sah er tatsächlich Bilder. Aber sie zeigten nicht seine Jugend oder sein Leben als Erwachsener, es waren die Ereignisse der letzten Stunden, die in seinem Kopf abliefen.

Er sah sich selbst in seinem Büro sitzen, als ihn der Anruf im Laufe des Nachmittags erreichte. An dem Telefonat war nichts außergewöhnlich. Es gab ihm auch nicht zu denken, dass der Anrufer seine Stimme verzerrt hatte. Das war keine Seltenheit. Seine Geschäftspartner wollten meist anonym bleiben. Und einen Stimmenverzerrer lötete ein geschickter Bastler im Handumdrehen zusammen. Die erforderlichen Bauteile gab es im Funkamateur auf der Ernst-Thälmann-Straße zu kaufen. Siegfried besaß selbst so ein Ding, hatte es aber bisher noch nie gebraucht.

Der Treffpunkt und die Uhrzeit, die der Anrufer durchgab, waren gleichfalls nichts Besonderes. In der Äußeren Neustadt von Dresden waren ihm schon oft Objekte von hohem Wert angeboten worden, und Diebe sowie Hehler zogen es vor, ihre Geschäfte unter dem Deckmantel der Nacht abzuwickeln.

Da Siegfried keine Lust hatte, vor dem Termin noch mal nach Hause zu fahren, arbeitete er länger. Zu tun gab es immer etwas, und auf diese Weise zeigte er an seinem Tarnarbeitsplatz Initiative.

Bei Einbruch der Dämmerung verließ er das Büro, fuhr mit seinem Wartburg in die Neustadt und suchte sich einen Parkplatz bei der Martin-Luther-Kirche. Er lief zur Alaunstraße und erwischte in der Konzertklause einen freien Stuhl in der hintersten Ecke.

Siegfried mochte diese Kneipe. Rustikal und mit einem gewissen Hauch von Verderbtheit passte sie zu ihm. Ohne zu fragen brachte der Kellner ein Pilsner. Siegfried bestellte Schnitzel mit Bratkartoffeln, trank durstig und ließ seine Blicke schweifen. Am Nachbartisch kloppte die übliche Runde Skat, ein paar Säufer ertränkten ihre letzten Träume, und die Halbstarken ließen ihre Muskeln spielen. Keiner der Anwesenden nahm ihn zur Kenntnis.

Belustigt dachte Siegfried an den Anrufer. Der musste ganz schön die Hosen voll haben, dass er ihn in einen Hinterhof bestellte. Sie hätten die Transaktion auch gleich hier in der Kneipe abwickeln können. Es wäre keine Premiere gewesen.

Das Essen war einfach, aber es schmeckte. Siegfried ließ sich Zeit, trank zur Verdauung in Ruhe einen Klaren und belauschte verstohlen die anderen Gäste. Schon manchmal war es ihm gelungen, durch Zufall Informationen aufzuschnappen. Heute Abend hatte er kein Glück, die Unterhaltungen drehten sich ausnahmslos um belanglose Dinge.

22 Uhr verließ Siegfried mit den letzten Gästen die Kneipe. Er hatte noch eine Stunde Zeit bis zum Treffen. Die gedachte er zu nutzen; es konnte nicht schaden, früher da zu sein und den Hinterhof genau zu inspizieren. Ein gesundes Misstrauen war niemals verkehrt und hatte ihm schon oft den Arsch gerettet.

Nachdem er jeden Winkel mit seiner Taschenlampe angestrahlt hatte und davon ausgehen konnte, dass kein unliebsamer Lauscher im Schatten einer Nische lauerte, breitete er eine Serviette auf einer halb zerfallenen Bank aus und setzte sich.

An diesem Februarabend ging ein kalter Wind. Siegfried zog seinen Mantel fest um die Schultern und wartete ab. Gerade, als er überlegte, wie er die verbleibenden dreißig Minuten am sinnvollsten überbrücken könnte, erweckte ein leises Scheppern seine Aufmerksamkeit. Sein Kopf fuhr herum und er sah eine Katze hinter dem Toilettenhäuschen hervorkommen. Das Tier schlich geduckt auf ihn zu, blieb einen Meter vor der Bank stehen, machte einen Buckel und fauchte.

Die mag mich nicht, dachte Siegfried und fauchte zurück. Der Stubentiger zuckte erschrocken zusammen und verschwand pfeilschnell um die nächste Ecke. Dämliches Vieh! Seine Lippen verzogen sich zu einem gemeinen Lächeln.

Im selben Moment wurde ihm ein harter Gegenstand in den Rücken gedrückt. Siegfrieds Grinsen verwandelte sich schlagartig in eine verzerrte Maske. Der gezischte Befehl, sich ruhig zu verhalten, wäre nicht nötig gewesen. Siegfrieds innerer Gefahrensensor schlug aus und gab ihm eindeutig zu verstehen, dass es sich nicht um einen Bluff handelte. Gehorsam folgte er den weiteren Anweisungen, stand langsam auf, ging zu dem Außenklo und drehte sich um.

Mit der Person, die ihn mit der Waffe in Schach hielt, hätte er nicht im Traum gerechnet. Die hasserfüllte Anklage, die sie ihm entgegenschleuderte, ließ ihn begreifen, dass er auf eine Katastrophe zutrieb.

Das letzte Bild verblasste und Siegfried öffnete die Augen. Die kurze Rückschau hatte ihm nicht gefallen. Doch ob der Ablauf seines gesamten Lebens ihm schönere Bilder vor Augen geführt hätte, bezweifelte er.

Eins war ihm jedoch klar geworden. Er musste sich keine Vorwürfe machen, dass er in diese Falle getappt war. Die Anbahnung eines Geschäfts war oft so abgelaufen. Ärgerlich war es allerdings schon, vor allem wenn er an die Konsequenzen dachte.

Diese Überlegungen ließen ihn frieren, und zum ersten Mal seit Jahren bekam er Angst. Wie ein Schlag traf ihn die Erkenntnis, dass er jetzt sterben würde.

Der Gedanke löste einen Adrenalinschub in seinem Körper aus. Vielleicht konnte er mit etwas Geschick das Schicksal doch noch überlisten.

Verzweifelt prüfte er mit seinen Blicken die Örtlichkeit und erwog seine Chancen. Nichts zu machen, Widerstand war zwecklos. Sein Gegenüber war schlau und hielt den perfekten Abstand zu ihm ein. Nicht zu nah, dass Siegfried die Waffe hätte wegschlagen können und nicht zu weit entfernt, um dem Schuss aus dem Lauf der Parabellum zu entgehen.

Da Aufgeben absolut nicht seinem Naturell entsprach, wollte er noch einen letzten Versuch starten. Zu verlieren hatte er ja nichts mehr.

Siegfried setzte an, ein paar Worte zu seiner Verteidigung zu formulieren, doch die auf ihn gerichteten Augen funkelten ihn drohender an als die Mündung der Waffe. Er sah den Finger sich um den Abzug krümmen, und seine Hoffnungen brachen zusammen wie ein baufälliges Haus.

2

»Mist«, fluchte Sabine halblaut und schlug die Stablampe mehrmals gegen ihren Oberschenkel. »Muss diese Scheißtaschenlampe gerade jetzt ihren Geist aufgeben?« Gestern erst hatte sie Batterien kaufen wollen, aber die waren wieder mal aus gewesen. Nun durfte sie das stockdunkle Treppenhaus ohne Licht hinuntertappen.

Die Flurbeleuchtung war bereits vor Jahren kaputtgegangen, und die Leitungen waren zu alt, als dass ein Elektriker sie noch hätte flicken können.

Da Sabine sämtliche Stolperfallen gut kannte, kam sie unversehrt im Hinterhof an. Bloß gut, dass ich jung bin und meine Blase noch im Griff habe, dachte sie und grinste breit. Sie verspürte nicht die geringste Lust, den mörderischen Abstieg mehrmals pro Nacht auf sich zu nehmen.

Ein zaghaftes Glühen über den Dächern der gegenüberliegenden Häuser kündigte die Morgendämmerung an. So gering das Leuchten auch war, würde es Sabine davor bewahren, in die Hinterlassenschaften von Herta Klügels Foxterrier zu latschen.

Inzwischen hatte es Sabine eilig. So schnell es ging, überquerte sie den Hof und lief zielstrebig zum Toilettenhäuschen. Ein langes Bündel, das im Schatten der windschiefen Bretterbude lag, ließ sie stutzen. Bei ihrem gestrigen abendlichen Toilettengang hatte es da noch nicht gelegen.

Eine leichte Verstimmung machte sich in ihr breit. Da hatte doch nicht etwa irgendein Assi Müll abgeladen? Aber egal, was da lag, ihr Geschäft war dringender.

Fünf Minuten später beugte sich Sabine neugierig über den verdächtigen Haufen. Das Tageslicht hatte an Kraft gewonnen, und der bisher formlose Gegenstand nahm Gestalt an.

Sabine benötigte einen Moment, bis sie realisiert hatte, was da lag. Zischend zog sie die Luft ein.

Nach einer Schrecksekunde kam sie zur Besinnung. Und obwohl ihr die glanzlosen Augen von dem Zustand des Mannes berichtet hatten, legte sie prüfend die Finger auf die Halsschlagader.

Der ist nicht nur tot, der ist mausetot, lautete ihr knappes Resümee. Dann holte sie die bittere Wahrheit ein, und ihr wurde bewusst, dass sich die Sache zur Katastrophe für sie und die anderen Bewohner auswachsen konnte. Nachdem ihr das gesamte Ausmaß klar geworden war, überdachte sie sorgfältig ihre nächsten Schritte. Da sie nichts überstürzen wollte, beschloss sie, Anton um Rat zu fragen.

Wenig später stand sie mit ihrem Nachbarn vor der Leiche. Kopfschüttelnd ging Anton Jäger in die Knie und musterte den Toten. Er schluckte, um die Trockenheit in seinem Hals zu vertreiben, und sein zerfurchtes Gesicht verhärtete sich. »Das bedeutet Ärger. Viel Ärger.«

»Kennst du den?« Antons finstere Miene machte Sabine Angst.

»Leider. Und wenn du mich fragst, um ihn ist es wirklich nicht schade.« Er richtete sich auf und sah Sabine ernst an. »Du marschierst jetzt zur nächsten Telefonzelle und rufst die Polizei. Bis du zurück bist, passe ich auf, dass keine Kinder die Leiche sehen, dann verschwinde ich sofort, und du erwähnst mich mit keinem Wort. Verplapper dich nicht! Das ist sehr wichtig, Mädchen.«

3

»Denkst du nicht, dass du dich langsam zum Obst machst?« Oberleutnant der VP Ludwig Unger nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und schüttelte den Kopf. »Ich meine, jeden Tag ins Möbelhaus Intecta latschen, um nach dieser bescheuerten Schrankwand zu fragen. Nimm doch einfach eine von denen, die sie dahaben.«

Leutnant Uwe Friedrich, der bereits die Hand auf die Türklinke gelegt hatte, trat zurück in den Raum. »Hast du dir die Holzkästen mal angesehen? Eine hat runde Fenster wie Bullaugen. Da kann ich mir ja gleich einen Dampfer in die Stube stellen. Nein, ich will die Poel Satin. Und um die zu kriegen, müssen mich die Verkäuferinnen schon am Klang meiner Schritte erkennen. Irgendwann haben die mein Gesicht so satt, dass sie die Poel für mich reservieren.« Nach diesen Worten verließ Uwe schnell das Büro. Aus Erfahrung wusste er, dass eine Diskussion mit seinem Vorgesetzten ausarten konnte.

Er überquerte den Neumarkt und lief an dem riesigen Trümmerhaufen der Frauenkirche vorbei. Während er das Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung rechts liegen ließ, schüttelte er über Ludwig den Kopf. Manchmal konnte der richtig nervig sein. Dabei hatte sein Kollege nicht die geringste Ahnung, wovon er eigentlich sprach. Obwohl Ludwig sieben Jahre älter war als er, wohnte er noch bei seiner Mutter und musste sich um solche Kleinigkeiten wie Möbel, Essen sowie Wäschewaschen nicht kümmern. Dafür war schließlich Mami da. Einzig seine tägliche Dosis Alkohol, die besorgte er sich selbst.

Getauscht hätte Uwe allerdings nie mit ihm. Er fand es gut, auf eigenen Beinen zu stehen. Vor einem halben Jahr hatte er den Schlüssel für eine Einraumwohnung in Prohlis in die Hand gedrückt bekommen. Seitdem kannte sein Glück keine Grenzen.

Natürlich war Uwe sich bewusst, dass er aufgrund seines Berufs einen Sonderstatus genoss und eher als ein normaler Werktätiger an eine der begehrten Wohnungen gekommen war. Doch das Wohnungsbauprogramm lief auf Hochtouren, und in paar Jahren würde dieses Problem der Vergangenheit angehören.

Inzwischen hatte Uwe das Intecta erreicht. Heute lachte ihm das Glück, die heiß begehrte Schrankwand war eingetroffen. Mithilfe einer Verkäuferin stellte er seine Wunschteile zusammen, vereinbarte einen Liefertermin und verließ nach einer knappen Stunde fröhlich strahlend das Geschäft.

Uwe hatte einen hohen Aufwand betreiben müssen, um seine Anbauwand zu ergattern. Aber die Poel Satin war es wert.

Dass es noch ein langer Weg war, bis Konsumgüter in ausreichender Menge zur Verfügung standen, wusste Uwe. Er war jedoch überzeugt, dass sich die Engpässe nach und nach in Luft auflösen würden, denn auf dem VIII. Parteitag hatte Genosse Honecker die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik nachdrücklich hervorgehoben.

Uwe war sich sicher, wenn jeder in diesem Land seinen Beitrag leisten würde, ginge es stetig bergauf. Er jedenfalls war fest entschlossen, sich mit vollem Einsatz an der Gestaltung des Sozialismus zu beteiligen.

4

Auf dem Rückweg zum Polizeipräsidium legte sich Leutnant Uwe Friedrich eine sehr schöne Rede für seinen Kollegen zurecht. Von Beharrlichkeit und Voraussicht wollte er ihm erzählen, und ehe Ludwig mit einer zynischen Bemerkung kontern konnte, das Potenzial des sozialistischen Staates gleich mit herausstreichen.

Doch diese Freude blieb Uwe versagt. Das Büro war verwaist, und statt des Oberleutnants empfing ihn eine kurze Notiz, abgefasst in Ludwigs gestochen scharfer Schrift. Der Inhalt war bedrückend: In der Äußeren Neustadt war eine Leiche gefunden worden, und er sollte sich umgehend am Tatort einfinden.

Uwe zögerte keine Sekunde und schwang sich auf sein Fahrrad. Er trat wie ein Wilder in die Pedale. Heute verkniff er es sich, bei der Elbüberquerung einen kurzen Halt auf der Dr.-Rudolf-Friedrichs-Brücke einzulegen. Das schlechte Gewissen nagte an ihm, darum unterließ er es, sich an der Aussicht über das Elbtal zu erfreuen.

In den vergangenen Wochen hatten sie in der Morduntersuchungskommission eine ruhige Kugel schieben können. Da keine Tötungsverbrechen begangen wurden, hatte Uwe die Zeit genutzt, um die Berichte alter ungelöster Fälle durchzusehen. Voller Eifer hatte er sich über die Dokumente hergemacht und verzweifelt versucht, übersehene Hinweise aufzuspüren. Sehnlichst hatte er sich gewünscht, wenigstens einen dieser Fälle aufzuklären, doch in dem Maß, wie der Aktenstapel schrumpfte, ließ Uwes Enthusiasmus Stück um Stück nach. Deshalb hatte er sich die Frechheit herausgenommen, innerhalb der Dienstzeit dem Möbelhaus täglich einen Besuch abzustatten.

Und ausgerechnet heute, als er voller guter Vorsätze zu seinem Arbeitsplatz zurückkehrte, war er nicht an seinem Platz gewesen, als die Meldung eintraf. Uwe hätte sich in den Hintern treten können.

Völlig außer Atem traf er am Tatort ein. Er drückte die schwere Eingangstür auf und wollte sein Fahrrad eilig im Hauseingang abstellen, da trat ihm ein uniformierter Volkspolizist mit strengem Gesicht und erhobener Hand entgegen.

»Kein Zutritt!«, schnauzte er Uwe an.

Es war nicht das erste Mal, dass der junge Leutnant die leidvolle Erfahrung machen musste, aufgrund seines jugendlichen Aussehens nicht ernst genommen zu werden. Zudem kannte ihn der Vopo nicht und befand sich im Recht, aber Höflichkeit gegenüber der Bevölkerung war für Uwe ein Muss. Er schloss in aller Gemütsruhe sein Rad an, zückte seinen Dienstausweis und hielt ihm dem Wachtmeister vor die Nase. »Herrschst du eigentlich jeden Mitbürger so an, Genosse?« Eindringlich betonte Uwe jedes Wort.

Der Wachtmeister hob kapitulierend die Hände. »Ich konnte doch nicht ahnen, dass du einer von uns bist.«

»Das hat mit meiner Frage nicht das Geringste zu tun. In Zukunft bemühst du dich um einen respektvolleren Ton, wenn du einen Bürger ansprichst. Verstanden?«

»Wir stehen hier alle unter Hochspannung. Ein Mord passiert schließlich nicht jeden Tag«, kam die kleinlaute Antwort.

Uwe ließ die Sache auf sich beruhen, nickte dem Vopo zu und lief durch den Durchgang in Richtung Hinterhof. Dass der Wachtmeister ihm ein »aufgeblasenes Arschloch« nachzischte, ließ er an sich abprallen.

Noch bevor Uwe seinen Kollegen sah, hörte er ihn. Ludwigs trockener Raucherhusten hallte bis ins Treppenhaus.

An der geöffneten Tür zum Hinterhof blieb Uwe stehen und machte sich ein erstes Bild. Wie erwartet koordinierte Ludwig den Einsatz der Kriminaltechniker und führte das große Wort.

Der braucht mich vorerst nicht, dachte Uwe und drehte eine Runde über den Hof. Die Häuserwände, Umgrenzungsmauern und das Toilettenhäuschen waren geprägt von Verfall. Der junge Leutnant konnte aber erkennen, dass die Bewohner im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht hatten, Farbe und Gemütlichkeit in ihre Lebensumgebung zu bringen. Die Hecken waren sorgfältig gestutzt, die Wäschestangen frisch gestrichen, und ein langer Tisch stand gleich neben der Tür zum Hinterhaus. Um den Tisch waren drei sechseckige Plastikgefäße gruppiert. Uwe blinzelte ungläubig. Normalerweise sah er die in der Kaufhalle stehen, beladen mit Milchbeuteln. Jetzt spross Heidekraut in den dunkelgrünen Kunststoffkübeln.

Eine nette Ecke zum Quatschen, dachte er und lächelte wehmütig. In seinem neuen Wohnumfeld gab es so etwas nicht. In dem Hochhaus lebte er anonym. Die wenigen Mitmieter, die er von Sehen kannte, grüßten kaum.

Ludwig hatte sich neben dem Außenklo positioniert und redete gerade dem Fotografen in seine Arbeit hinein, als Uwe sich zu ihm gesellte.

Die Lippen des Oberleutnants verzogen sich missbilligend. »Es ist schön, dass du es einrichten konntest.«

Uwe wollte sich rechtfertigen, ließ es jedoch. Wenn sein Chef in Fahrt war, hatte der kein Ohr für Argumente. Eine Entschuldigung murmelnd erkundigte er sich nach den Details. Seine Strategie war goldrichtig. Von seiner eigenen Bedeutung überzeugt warf sich sein Kollege in die Brust und legte los: »Wir haben hier einen männlichen Toten. Die Identität konnte ich schon klären. Kunststück«, er strahlte zufrieden, »er hat seinen Ausweis dabei. Es handelt sich um einen gewissen Siegfried Rost, geboren 1940, wohnhaft auf dem Weißen Hirsch, in der Nähe der Bautzner Landstraße. Dankenswerterweise befindet sich in seinem Portemonnaie auch sein Betriebsausweis. Rost arbeitete beim VEB Pentacon. Ich habe bereits in der Kaderabteilung angerufen und seinen Betriebsteil erfragt. Dorthin werde ich als Nächstes gehen. Sie haben mir auch gesagt, dass das Opfer verheiratet war.« Er holte ein Notizbuch aus der Jackentasche, riss ein Blatt heraus und reichte es Uwe mit den Worten: »Du darfst seiner Frau die Nachricht überbringen.« Unger wandte sich ab, froh, die undankbare Aufgabe delegiert zu haben.

Uwe verbiss sich ein Lächeln. Sein pedantischer Chef verfügte über eine ausgezeichnete Kombiniergabe, aber Sensibilität oder Geduld kamen in seinem Vokabular nicht vor. Er wollte sich gerade zu dem Toten hinunterbeugen, da drehte sich Ludwig noch einmal um. »Etwas ist merkwürdig. Der Mann trug keinen Schlüssel bei sich, frag mal die Ehefrau danach.«

Uwe nickte und begann mit der Betrachtung der Leiche. Er registrierte das Einschussloch in der Herzgegend, den Blutfleck an der Wand des Toilettenhäuschens und den entsetzten Gesichtsausdruck des Mannes.

Er schlussfolgerte, dass die Tat eindeutig in diesem Hof verübt worden war. Keiner der Anwohner würde in einer kalten Februarnacht seine Runden über die alten Pflastersteine drehen, wenn er nicht unbedingt musste. Ein passender Ort für eine Hinrichtung also.

Uwe lief zur Eingangstür des Hinterhauses, zu der sein Chef mittlerweile gegangen war und ihn amüsiert beobachtete.

Der junge Leutnant sparte sich einen Kommentar. »Wer hat die Leiche gefunden?«, fragte er stattdessen.

»Eine Krankenschwester, die zeitig aufgestanden ist, weil sie zum Frühdienst musste. Ich habe ihre Aussage bereits aufgenommen.« Ludwig schwieg und ließ seinen unausgesprochenen Tadel wirken. Es machte ihm anscheinend Spaß, erneut in der Wunde zu bohren.

»Ich würde sie gern sprechen, natürlich nur, wenn dich das nicht stört.« Uwes Tonfall war schärfer als beabsichtigt, aber er hatte es satt, sich Vorhaltungen machen zu lassen. Ludwigs Arbeitsmoral war ebenfalls nicht gerade die eines Aktivisten der ersten Stunde. Sobald er erfuhr, dass es in einer der Kaufhallen der Umgebung Radeberger gab, verschwand er schneller aus dem Büro als ein ertappter Dieb auf der Flucht.

»Tja, das tut mir jetzt sehr leid für dich. Ich habe sie gehen lassen, um den Krankenhausbetrieb nicht ins Stocken zu bringen. Viel wusste sie ohnehin nicht. Sie wollte auf den Topf, hat sich gewundert, was da neben dem Scheißhaus liegt, und die Bescherung entdeckt. Dann ist sie zur nächsten Telefonzelle gewetzt und hat den Notruf gewählt.«

Uwe war noch etwas eingefallen. »Sind die Techniker mit der Leiche fertig?«

Ludwig nickte, und in seinem Blick lag etwas Fragendes.

Uwe verspürte keine Lust, sich näher zu erklären. Stattdessen lief er zurück zum Opfer. Er ging in die Knie, öffnete den Mantel des Toten und suchte nach dem Etikett des Herstellers. Flink notierte er sich die Daten und wiederholte die Prozedur bei dem Jackett und der Weste.

Danach kam er federnd in die Höhe und sortierte seine Erkenntnisse. Die Kleidung war offensichtlich maßgeschneidert. Ein Typ, der so teure Sachen trug, passte nicht in diese Gegend. Hier leben alte Leute, die schon immer in den Häusern gewohnt hatten, junge Leute, die woanders keine Wohnung bekommen konnten, Künstler und solche, die es verstanden, in einem System zu leben, ohne es zu akzeptieren.

Nachdenklich zog Uwe die Unterlippe zwischen die Zähne. Was hatte der Kerl bloß hier gewollt? Zweifellos war er freiwillig in den Hinterhof gekommen. Sein Mörder konnte ihn ja schlecht mit vorgehaltener Waffe quer durch die Neustadt getrieben haben. Uwe war sich sicher, die Antwort auf diese Frage würde ihn auf direktem Weg zur Lösung des Falls führen. Da er nicht die geringste Lust verspürte, Ludwigs spitze Zunge herauszufordern, würde er seine Überlegungen vorläufig für sich behalten.

Ein Blick in die Runde zeigte ihm, dass sein Chef bereits losgefahren war. Am Ausgang hielt Uwe inne und drehte sich noch einmal um. Sein erster Eindruck hatte ihn nicht getrogen, der Hof verströmte trotz des abblätternden Putzes einen urigen Charme. Er würde alles daransetzen, um herauszufinden, wer den Frieden dieses Ortes gestört und ihn als Richtstätte missbraucht hatte.

5

Nach einer hastig gerauchten Zigarette betrat Oberleutnant Ludwig Unger das Objekt 1 des Kombinats VEB Pentacon auf der Schandauer Straße. Aus dem Inneren des Gebäudes schlug ihm der warme Atem der Werkzeugmaschinen entgegen. Im Lauf der vielen Jahre hatte sich der Geruch nach Metallstaub und Maschinenöl in den Fluren festgesetzt.

Ehe er kostbare Zeit mit Herumsuchen vertrödelte, schnappte sich Ludwig einen Lehrling, der in seinem blauen Arbeitskittel eilig die Treppe hinaufstieg, und erkundigte sich nach dem Büro des Objektleiters.

Über das Vorzimmer des Chefbüros wachte eine nicht unattraktive Brünette von Anfang vierzig. Ludwigs Jagdinstinkt entflammte auf der Stelle. In den siebenunddreißig Jahren seines Lebens war er bisher keine längerfristige Beziehung eingegangen. Stattdessen lebte er nach der Devise: »Warum soll ich mir eine Kuh kaufen, wenn ich ein Glas Milch trinken will?« Da es ihm bei seinen Eroberungen herzlich egal war, ob sich die Dame in festen Händen befand oder nicht, übersah er großzügig den Ehering der Frau.

Ludwig zauberte ein gewinnendes Lächeln auf seine Lippen und musterte das Objekt seiner Begierde voller Anerkennung. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie bei Ihrer Arbeit störe. Aber ich muss unverzüglich Ihren Chef sprechen.« Gleich darauf setzte er seinen einstudierten Dackelblick auf. »Jetzt habe ich doch glatt vergessen, mich vorzustellen. Sie haben mich vollkommen aus dem Konzept gebracht.« Er zückte schwungvoll seinen Dienstausweis. »Oberleutnant Unger, Kripo Dresden.«

»Oh, Besuch von der Kripo hatten wir hier noch nie.« In den weit aufgerissenen Augen der Sekretärin glitzerten Neugier und die Lust auf ein Abenteuer. »Einen kleinen Moment bitte. Ich schaue nach, ob Herr Scharfenberg Zeit hat«, flötete sie, lief mit elegantem Hüftschwung zur Tür des Chefbüros und huschte hinein.

Ihre wenigen Schritte genügten Ludwig, um zu sehen, dass ihr Körper hielt, was ihr Gesicht bereits versprochen hatte. Frechheit siegt, dachte er und pfiff ihr leise nach.

Ein kokettes Lächeln, als sie wenige Augenblicke später aus dem Büro trat und ihm die Tür aufhielt, gab ihm recht. Ludwig war hochzufrieden, das schmucke Fischlein zappelte an der Angel. Doch für lüsterne Fantasien fehlte ihm jetzt die Zeit. Er stellte sich vor, und Scharfenberg bat ihn zu einer Sitzecke.

Voller Freude registrierte Ludwig den Aschenbecher auf dem Tisch. Und als Scharfenberg sich eine Zigarette ansteckte und ihm die Schachtel reichte, kannte sein Glück keine Grenzen. In trauter Zweisamkeit genossen die Männer schweigend die ersten Züge, bis der Oberleutnant mit einem dezenten Hüsteln die Konversation einläutete. »Der Grund, der mich zu Ihnen führt, ist traurig und schrecklich zugleich.« Nach dieser Phrase schwieg er einige Sekunden, um Scharfenberg Zeit zu geben, sich für den bevorstehenden Schock zu wappnen. »Ein Kollege von Ihnen, Herr Rost, ist Opfer eines Tötungsdeliktes geworden.«

Die Miene seines Gegenübers fror ein. »Mensch, der Siegfried. Das muss ein Irrtum sein.«

»Leider nein. Fühlen Sie sich in der Lage, ein paar Fragen zu beantworten?« Ludwig fand, dass er sehr einfühlsam vorging. Eigentlich redete er nicht gern um den heißen Brei herum, doch in diesem Fall saß er einem hohen sozialistischen Leiter gegenüber. Da war Fingerspitzengefühl gefragt. Solche Leute hatten mitunter gute Beziehungen zur Parteiführung, und Ludwig wollte sich nicht selbst einen Stein vors Karrieretreppchen wälzen.

Fahrig drückte Scharfenberg seinen halb aufgerauchten Glimmstängel aus und zündete sich unmittelbar einen neuen an. »Fragen Sie!«

Ludwig zückte sein Notizbuch. »Welche Position hatte Herr Rost im Kombinat inne?«

»Er ist ...« Scharfenberg hielt inne und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Entschuldigen Sie, Siegfried war Abteilungsleiter des Werkzeugbaus.«

»Was genau war da Herrn Rosts Aufgabengebiet?«

»In dieser Abteilung fertigen wir unter anderem Spritzgusswerkzeuge und Gesamtschneidwerkzeuge. Wenn Ihnen das was sagt?«

Ludwig nickte wissend, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, was er sich darunter vorstellen sollte.

»Siegfried prüfte den eingehenden Bedarf an Werkzeugen und vergab die Aufträge an die Meisterbereiche. Gemeinsam mit den Meistern war er für die Einhaltung der Produktionspläne verantwortlich. Pia ... ich meine, Frau Dorn, meine Sekretärin, wird Ihnen eine Stellenbeschreibung mitgeben.«

Aha, Pia heißt die schnucklige Maus, grinste Ludwig insgeheim, ließ sich jedoch nichts anmerken. »Danke. Gab es in letzter Zeit unschöne Vorkommnisse mit seinen Kollegen? Streit? Oder war Herr Rost gezwungen, Disziplinarmaßnahmen über einen seiner Untergebenen zu verhängen?«

Scharfenberg schüttelte energisch den Kopf. »Das wäre mir bekannt.«

»Was für gesellschaftliche Verpflichtungen hatte er denn?«

»Na ja, er war natürlich in der Partei und trug als Abteilungsleiter die Verantwortung für die Kollegen des Werkzeugbaus. Da Siegfried auf dem Gebiet von Kunst und Kultur sehr beschlagen war, hielt er mehrmals Vorträge zu kulturellen Themen bei den Schulen der sozialistischen Arbeit. Zusätzlich war Siegfried in der Kampfgruppe.«

Ludwig schrieb sich die Informationen auf und hakte nach. »Finde ich hier im Objekt einen Kollegen, der gemeinsam mit Herrn Rost in der Kampfgruppe war?«

»Er sitzt vor Ihnen.« Unterschwellig klang in Scharfenbergs Stimme Stolz auf. »Wir waren Kameraden im selben Zug, und zwar sehr gute.«

Die Miene des Oberleutnants hellte sich auf. »Das spart mir einen Weg. Sie sind genau der Ansprechpartner, der mir weiterhelfen kann. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen«, er lachte kumpelhaft, »gab es Spannungen zwischen Herrn Rost und einem der anderen Kameraden?«

Scharfenberg schüttelte traurig den Kopf. »Siegfried war ein guter Kamerad. Sein Einsatz hat die anderen immer motiviert. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir unseren Kampfauftrag erfüllen.« Die Andeutung eines Lächelns huschte über sein Gesicht. »Nach der Pflicht sind wir meist einen trinken gegangen. Sie wissen ja, wie das ist«, das Lächeln vertiefte sich, »manche haken den Einsatz ab und verschwinden ganz schnell in ihr Privatleben, aber nicht der Siegfried. Er hat immer mitgehalten und oft einen ausgegeben.« Sein Blick schweifte zum Fenster. Offensichtlich zogen Erinnerungen hinter seiner Stirn vorbei. Es mussten gute sein, denn Scharfenberg lebte sichtlich auf. »War ein guter Kumpel, der Siegfried. Er wird mir und den anderen im Zug fehlen.«

»Es trifft immer die Besten«, stimmte Ludwig ihm zu, froh, dass das Gespräch lockerer wurde. »Ich höre aus Ihren Worten heraus, dass Sie mehr als Kollegen und Kameraden waren, eher Freunde. Können Sie mir Auskünfte über das Privatleben von Herrn Rost geben?«

»Ja«, Scharfenberg nickte nachdenklich, »wenn ich so zurückdenke ... Siegfried war mir ein Freund. Private Kontakte pflegten wir allerdings nicht. Und natürlich kenne ich Monika, seine Frau. Wir saßen bei mehreren Gelegenheiten gemeinsam am Tisch, zu Feiern am Tag der Republik oder am 1. Mai. Die beiden waren ein attraktives und glückliches Paar. Bevor Sie fragen«, er hob die Hände, »von Spannungen in der Ehe habe ich nichts mitbekommen. Einen Sohn haben sie, den Olaf. Der leistet gerade seinen Wehrdienst ab, in Berlin, an der Grenze. Siegfried hat oft von ihm erzählt, muss ein feiner Kerl sein.«

Ludwig steckte sein Notizbuch weg und setzte sich gerade. »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Ich weiß das sehr zu schätzen, besonders weil Sie eine verantwortungsvolle Position innehaben. Da häufen sich die Aufgaben.« Er wusste, dass er dick auftrug, aber es war möglich, dass er Scharfenberg noch einmal brauchte. »Meine Kollegen werden noch mit den Meistern und einzelnen Facharbeitern sprechen.« Ludwig erhob sich und reichte Scharfenberg die Hand.

Im Vorzimmer wartete Frau Dorn auf ihn, die vor Neugier schon ganz zittrig war. Ludwig ließ sich nicht lange bitten und informierte sie in wenigen Worten über Rosts Tod. Nach mehreren ogottogott unterbrach sie der Oberleutnant und bat um die Stellenbeschreibung.

»Die habe ich leider nicht hier, ich fordere sie gleich in der Kaderabteilung an.« Nach einem kurzen Augenblick des Zögerns fügte sie kokett lächelnd hinzu: »Wenn Sie möchten, können Sie das Dokument bei mir zu Hause abholen. Heute Abend, nach 22 Uhr.«

Auf dem Weg zu seinem Dienstwagen klopfte sich Ludwig innerlich auf die Schulter. Er hatte sehr gute Arbeit geleistet. Mithilfe seines Charmes hatte er genau die richtige Person als Quelle aufgetan. In der kommenden Nacht würde er mehr über Rost erfahren, als Scharfenberg preisgegeben hatte. Denn so naiv, dass er Scharfenberg die Schilderung von einem mustergültigen Mitarbeiter abkaufte, war er nicht.

6

Im Grunde war es nicht erforderlich, dass Uwe die knapp sechs Kilometer bis zum Weißen Hirsch auf seinem Fahrrad zurücklegte. Ohne Probleme hätte er seinen Drahtesel den Kriminaltechnikern anvertrauen und sich von einer Funkstreife zu Rosts Wohnung chauffieren lassen können. Eine mahnende Stimme tief in seinem Inneren hatte ihm davon abgeraten. Es war sehr wahrscheinlich, dass der Mordfall seine komplette Aufmerksamkeit beanspruchen würde und er deswegen sein Handballtraining in der näheren Zukunft vergessen könnte. Also musste er jede Gelegenheit nutzen, um etwas für seine Kondition zu tun. Aus diesem Grund biss Uwe die Zähne zusammen, radelte die gemütliche Strecke bis zur Mordgrundbrücke und quälte sich anschließend den stetigen Anstieg bis zum Weißen Hirsch hoch.

Am Ziel angekommen, zog er den Stadtplan aus seiner Umhängetasche und orientierte sich. In diesem Stadtteil kannte er nur das Kino Parklichtspiele und das Parkhotel. Uwe überlegte kurz, es musste schon ein Jahr her sein, dass er in Letzterem die Disco besucht hatte. Damals war er noch mit Petra zusammen gewesen. Aber das war Vergangenheit und der sollte man nicht nachhängen.

Er fand die betreffende Adresse schnell und stand fünf Minuten später vor einer Villa, an der der Zahn der Zeit noch nicht allzu sehr genagt hatte. Die Haustür war nicht verschlossen, und Uwe stieg in die erste Etage hoch. Auf sein Klingeln öffnete eine vollschlanke, sehr attraktive Frau. Uwe fand sie hübsch; seiner Meinung nach mussten Frauen nicht wie Säulenheilige aussehen, die wochenlang ohne Nahrungsaufnahme auf einem Pfahl gehockt hatten.

Zwei große runde Augen schauten ihn fragend an. »Ja, bitte?«

»Frau Rost? Ich bin Leutnant Friedrich, Kripo Dresden. Entschuldigen Sie bitte die Störung, ich müsste mich mit Ihnen unterhalten.« Da sie ihn weiterhin stumm musterte und standhaft die Tür versperrte, setzte er hinzu: »Es wäre gut, wenn Sie mich in Ihre Wohnung bitten würden.«

»Ist Siegfried etwas zugestoßen?«

Uwe räusperte sich und blickte sie nachdrücklich an.

»Ach so, ja. Bitte treten Sie ein.«

Gleich nachdem der junge Polizist die Wohnung betreten hatte, klappte ihm fast der Unterkiefer nach unten. Er glaubte sich in eine Märchenwelt versetzt. Im Flur und dem Wohnzimmer lagen wunderschöne Teppiche, die Wände schmückten Gemälde, und in kostbar aussehenden Vitrinen standen Kelche, Vasen und Porzellanfiguren.

Frau Rost deutete auf einen Sessel, der aussah, als wäre er direkt aus einem barocken Jagdschloss hierhergebracht worden.

Vorsichtig ließ Uwe sich in das rote Polster sinken. Rost hat in einem Museum gewohnt, fuhr es ihm durch den Kopf.

Ein verhaltenes Hüsteln holte ihn in die Realität zurück. »Darf ich Ihnen etwas anbieten, junger Mann? Einen Kaffee vielleicht?«

Uwe nickte, immer noch völlig perplex. In der kurzen Zeitspanne, die Frau Rost in der Küche verbrachte, irrten seine Blicke von einem Kunstwerk zum anderen. Er stellte für sich fest, dass ein Antiquitätenhändler in dieser Wohnung mit Sicherheit vor Gier einen staubtrockenen Mund bekommen würde.

»Also, was führt Sie zu mir?« Frau Rost hatte sich von ihrem anfänglichen Schrecken erholt, schenkte ihm ein Lächeln und stellte zwei Tassen auf dem mit Intarsien verzierten Tisch ab.

»Ich muss Ihnen eine traurige Nachricht überbringen. Ihr Mann ...«

Die Frau schnellte aus dem Sessel. »Siegfried hatte einen Unfall? Ich muss zu ihm! Sagen Sie schnell, in welchem Krankenhaus er liegt!«

Uwe erhob sich ebenfalls und drückte die Frau sanft in die Polster zurück. »Wen soll ich anrufen, damit er sich um sie kümmert? Ihren Arzt oder lieber einen Verwandten?«

Furcht schlich sich in ihre Augen. »Was? ... Warum? ...« Mehr brachte sie nicht heraus.

»Leider war es kein Unfall. Ihr Mann ist einem Tötungsverbrechen zum Opfer gefallen.«

Sie sah ihn entgeistert an, dann erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Das muss ein Irrtum sein, junger Mann. Am besten Sie prüfen die Umstände noch einmal ganz in Ruhe und klopfen dann an der richtigen Tür.«

Uwe schüttelte teilnahmsvoll den Kopf. »Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, aber ein Irrtum ist ausgeschlossen.« Es war nicht das erste Mal, dass der Leutnant gezwungen war, eine Todesnachricht zu überbringen. Und obwohl er nur der Bote war, fühlte er sich aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund verantwortlich für das unfassbare Leid, dass er über die Hinterbliebenen brachte.

Frau Rosts Blick wurde leer, ein verzweifelter Laut entrang sich ihrer Kehle. Sie barg das Gesicht in den Händen und begann hemmungslos zu schluchzen.

Uwe fühlte sich unwohl. Mit Tränen, besonders bei Frauen, kam er nicht zurecht. Hilflos saß er da und hoffte, dass sie sich wieder fasste und ihm sagen konnte, wen er zu ihrer Betreuung herbitten konnte.

Die Frau überraschte ihn jedoch. Energisch richtete sie sich plötzlich kerzengerade auf, wischte die Tränen von den Wangen und sagte: »Sie haben sicher Fragen an mich. Fragen Sie! Wenn ich irgendetwas tun kann, damit derjenige, der meinem lieben Mann das angetan hat, hinter Gitter kommt, dann will ich helfen.«

Uwe war klar, dass dieser unvermittelte Tatendrang nicht von Dauer sein würde. Ihm blieben, wenn er großes Glück hatte, vielleicht fünfzehn Minuten. Und diese Zeitspanne gedachte er zu nutzen. »Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass Sie in dieser schweren Stunde nicht allein sind. Bitte sagen Sie mir, wen ich verständigen kann, damit er Ihnen beisteht.«

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wenn Ihnen das so wichtig ist: Im Flur steht das Telefon, daneben liegt das Nummernverzeichnis. Rufen Sie meine Mutter an, die wohnt nicht weit entfernt.«

Uwe wollte unverzüglich los, doch sie bremste ihn. »Das hat Zeit. Stellen Sie mir erst Ihre Fragen!«

Die Anspannung, die auf Uwe gelastet hatte, legte sich. Dennoch beobachtete er aufmerksam jede Regung von Frau Rost, um ihr sofort beispringen zu können, falls ihr Zustand sich verschlechterte. Er begann mit einer harmlosen Frage. »Als was arbeiten Sie?«

»Ich bin Lehrerin. Für Deutsch und Geschichte. Aber Sie müssen mir keine Bagatellfragen stellen, ich bin durchaus in der Lage, auf konkrete Themen einzugehen.« Sie schwieg einen Moment. »Wie ist mein Mann ermordet worden?«

Diese Frage hatte Uwe befürchtet. Bereits auf dem Hinweg hatte er sich mehrere Varianten für eine Antwort durch den Kopf gehen lassen. Zu lügen erschien ihm keine gute Idee. Er konnte ja schlecht antworten, dass er es nicht wusste oder ein Geheimnis daraus machen. Zudem würde es die Ermittlungen kaum beeinträchtigen, wenn er Frau Rost die Wahrheit mitteilte. Und sollte das Ludwig nicht passen, dann hatte der eben Pech. »Ihr Gatte ist erschossen worden. In der Äußeren Neustadt. Wir wissen bereits, dass er nicht leiden musste, es ist ganz schnell gegangen.« Er beschloss, die Gunst des Augenblicks zu nutzen. »Wissen Sie, was Ihr Mann letzte Nacht dort gewollt haben könnte?«

Sie schüttelte den Kopf. »Siegfried arbeitete oft länger. Wenn Probleme beim Produktionsablauf auftraten, kam es vor, dass er auf dem alten Sofa in seinem Büro schlief, um am nächsten Tag gleich frühzeitig vor Ort zu sein. Deshalb habe ich mir keine Sorgen gemacht, als er gestern Abend nicht nach Hause kam.«

»Hat er Sie in so einem Fall nicht angerufen?«, fragte Uwe leicht irritiert.

»Für gewöhnlich schon, manchmal hat er es allerdings in der Hektik vergessen.«

Uwe ließ das erst einmal so stehen und kam zum nächsten Punkt. »Hatten Sie oder Ihr Mann Feinde? Wurden Sie bedroht oder gab es Streit mit Nachbarn oder Kollegen?«

»Nein. Siegfried war im Kombinat sehr angesehen, und mit unseren Nachbarn sind wir gut befreundet. Im Sommer grillen wir zusammen, und bei den VMI-Einsätzen packen wir alle gemeinsam an.«

Die Seiten von Uwes Notizbuch füllten sich. »Ist Ihnen in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Fühlten Sie sich beobachtet oder klingelte das Telefon und der Teilnehmer hat gleich aufgelegt.«

Frau Rost dachte nach. Mehrere Minuten verflossen in absoluter Stille, nur unterbrochen vom Ticken der antiken Standuhr, die Uwe vis-à-vis stand.

»Jetzt wo Sie es sagen, da war ein Anruf, der mir merkwürdig erschien. Das muss zwei bis drei Wochen her sein. Ich war allein, als eine Frau Höntsch anrief.« Sie spielte abwesend mit dem Kaffeelöffel. »Jetzt fällt es mir ein, Eva war ihr Vorname. Sie wollte Siegfried sprechen. Als ich sie fragte, ob ich etwas ausrichten könne, verneinte sie. Ich habe meinen Mann von dem Anruf erzählt, aber er kannte keine Frau Höntsch. Er hat über die Angelegenheit gelacht und gesagt: ›Wer etwas will, ruft wieder an‹. Wir haben nicht weiter über den Vorfall gesprochen. Vielleicht bedeutet es ja auch nichts.«

Eine Frage brannte Uwe noch unter den Nägeln. Er traute sich jedoch nicht, sie zu formulieren. Er fand es unangemessen, Frau Rost nach dem Zustand ihrer Ehe zu befragen, kurz nachdem sie erfahren hatte, dass sie Witwe war.

Ein Blick auf sie verriet ihm, dass es dafür ohnehin zu spät war. Frau Rost saß kalkweiß und apathisch im Sessel. Sie sah ihn an, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. Uwe ging in den Flur, suchte die Nummer ihrer Mutter heraus und rief sie an. Zu seiner unendlichen Erleichterung versprach sie, auf der Stelle zu kommen.

Zurück im Wohnzimmer sah Uwe, dass Frau Rosts Zusammenbruch unmittelbar bevorstand. Ihre zitternden Finger strichen permanent über den Rand der Kaffeetasse, und sie murmelte unverständliche Worte.

Unruhig verfolgten seine Blicke den Weg der Zeiger, die ihre Runden auf dem Ziffernblatt drehten. Er hoffte inständig, erlöst zu werden, bevor der Zustand der armen Frau sich weiter verschlimmerte.

Nach zehn Minuten wurde sein stummes Flehen erhört, als ihn der Klang der Türglocke hochriss. Voller Erleichterung begrüßte er die Mutter, die augenblicklich das Zepter übernahm und als Erstes einen Weinbrand für ihre Tochter eingoss.

Uwe war noch etwas eingefallen. Er gab Frau Rosts Mutter ein Zeichen, ihm zu folgen, und ging aus dem Raum. »Können Sie mir sagen, ob der Schlüsselbund Ihres Schwiegersohns in der Wohnung ist?«

Sie trat an die Flurgarderobe, zog ein Schubfach auf und wühlte darin herum. »Auf den ersten Blick kann ich die Schlüssel nicht entdecken. Vermutlich hat er sie bei sich getragen. Haben Sie sie nicht gefunden?«

»Leider nicht. Ich bitte Sie, noch einmal gründlich nach den Schlüsseln zu suchen. Sollten Sie sie nicht finden, dann sorgen Sie bitte dafür, dass das Schloss der Eingangstür gewechselt wird.«

»Ist meine Tochter in Gefahr? Sollte ich sie mit zu mir nehmen?«

»Vielleicht ist das gar kein schlechter Gedanke. Zumindest so lange, bis der Schlüsseldienst da war.«

Uwe wollte sich zurückziehen, da kam Frau Rost in den Flur gewankt und hielt ihn am Arm fest. »Wissen Sie, wie ich mich gestern Morgen von Siegfried verabschiedet habe? Gezankt habe ich mit ihm, weil er vergessen hatte, die Geburtstagskarte an meine Schwester einzuwerfen.« Sie taumelte und suchte an der Kante des Flurtischs nach Halt. »Versprechen Sie mir, den Mörder zu finden!«

Obwohl Uwe wusste, dass ein solches Versprechen ihm auf die Füße fallen konnte, gab er es.

7

Anton Jäger zog seine Kreise durch die Äußere Neustadt, als wolle er nur ein paar Einkäufe erledigen. Es war ihm nicht anzusehen, was für ein schwerer Kampf in seinem Inneren tobte. Der gewaltige Bau der Martin-Luther-Kirche zog ihn gleichzeitig zu sich heran und stieß ihn weg.

Obwohl er einen dicken Mantel trug, begann er zu frieren. Der eisige Wind durchdrang mühelos das Gewebe des Stoffs und traf auf die Kälte, die seine Seele in starrem Griff hielt. Anton blieb stehen und schüttelte den Kopf. Es würde nicht leichter werden, wenn er die Entscheidung weiter verschob.

Nachdem er zu einem Entschluss gekommen war, legte er den Schlenderschritt ab und hastete zur Kirche. Er kannte seine Unentschlossenheit und wollte nicht noch einmal schwach werden. Fast trotzig nahm er die wenigen Stufen und drückte das schwere Portal auf.

Das Gotteshaus empfing ihn mit einer nahezu greifbaren Stille. Einer Stille, die er fürchtete, zugleich aber schätzte, führte sie ihm doch auf der einen Seite gnadenlos die Wahrheit über sich selbst vor Augen und schenkte ihm andererseits Frieden. Hin- und hergerissen zwischen der Furcht vor der Vergangenheit und dem Wunsch nach Hilfe wählte er einen abgelegenen Platz in dem einsamen Kirchenschiff und faltete die Hände.

Erst spät in seinem Leben hatte er zu Gott gefunden, zu einem Glauben, der noch brüchig war. Er hegte immer noch Zweifel, die mit der tief in ihm verwurzelten materialistischen Weltanschauung einen Kampf austrugen, aber Beten spendete ihm Ruhe und gab ihm Hoffnung auf Vergebung.

Tief in seine Andacht versunken, bemerkte Anton den Mann, der sich still neben ihn gesetzt hatte, erst nach seinem geflüsterten »Amen«. Erschrocken zuckte er zusammen und ging sofort in Angriffsposition. Unmittelbar nachdem er erkannt hatte, wer da neben ihm saß, entspannte er sich. »Meine Reflexe sind nicht mehr das, was sie früher mal waren. Vor ein paar Jahren wäre es dir nicht gelungen, dich an mich heranzupirschen, Hochwürden.« Lächelnd reichte er seinem Nachbarn die Hand.

Pfarrer Polenz erwiderte das Lächeln. »Du musst dich damit abfinden, dass du im Herbst deines Lebens stehst. Aber die Tage des Kampfes sind für dich noch nicht vorüber«, fügte er ernst hinzu.

Beide Männer verfielen in Schweigen.

Schließlich atmete der Pfarrer tief und nachdrücklich ein und aus. »Ich kann mir denken, was dich an diesen Ort führt.«

Anton seufzte ebenfalls, ließ die Worte jedoch unkommentiert.

»Die Entscheidung über dein Handeln liegt allein bei dir«, fuhr der Pfarrer unverdrossen fort. »Doch wenn du tief in dich hineinhorchst, wirst du wissen, was zu tun ist.« Er erhob sich und drückte Antons Schulter zum Abschied. »Eins musst du dir vor Augen führen, bevor du den nächsten Schritt tust: Die Menschen, die dich aufgenommen haben, brauchen in dieser Situation deine Hilfe.«

Während Anton Jäger die Gestalt des sich von ihm entfernenden Pfarrers mit seinen Blicken verfolgte, überkam ihn die bittere Erkenntnis, dass etwas Böses auf ihn zukam. Etwas, dem er nicht ausweichen konnte, selbst wenn er das wollte.

8

Zurück auf der Straße blieb Uwe noch einen Moment stehen. Nachdenklich ließ er seine Blicke auf der Villa ruhen. Der Aufenthalt in Rosts Wohnung hatte neue Fragen aufgeworfen aber auch einen Hinweis gebracht. Doch diese Spur hatte Zeit bis morgen. Für den Rest des Nachmittags hatte er sich etwas anderes vorgenommen.

Uwe suchte sich eine Telefonzelle, unterrichtete seinen Chef über das Ergebnis der Befragung und informierte ihn darüber, was er heute noch zu tun beabsichtigte. Nach dem Gespräch verdrängte er den Unmut über Ungers abfälliges Lachen und führte ein zweites Telefonat. Danach strich er sanft über den Sattel seines Fahrrads und murmelte »Komm Mary, wir drehen noch eine Runde«. Mit kräftigen Tritten in die Pedale radelte er erneut zum Tatort.

Hier wurde Uwe bereits erwartet. Genosse Lindner, der ABV, war pünktlich. Der stattliche Mittfünfziger bockte gerade seine himmelblaue Schwalbe auf und empfing ihn mit einem warmen Lächeln. »Sportlich, sportlich, junger Freund. In deinem Alter war ich auch so fit.« Er zog ein verlegenes Gesicht. »Irgendwann kam der Tag, an dem die Bequemlichkeit über den Willen siegte.« Er strich über seinen beachtlichen Bauch, der die Knöpfe der Uniformjacke in Bedrängnis brachte. »Und seitdem meine liebe Bärbel als Verkäuferin im Deli arbeitet, sind die Verführungen nicht gerade kleiner geworden.«

Freundlich reichte Uwe dem Mann die Hand und präsentierte seinen Dienstausweis. »Ordnung muss sein. Sonst könnte ja jeder kommen und sich als Leutnant der VP ausgeben«, sagte er verschwörerisch zwinkernd. Der ABV war ihm sympathisch, mit dem würde die Zusammenarbeit ohne Probleme ablaufen.

»Hast recht, Herr Leutnant.« Krachend schlug Lindners große Pranke auf die Schulter des jungen Mannes.

»Für dich, Uwe.« Er überlegte kurz. »Du hast ja sicher schon gehört, was passiert ist. Ich brauche deine Hilfe. Du hast den besten Draht zu den Leuten, die in der Gegend wohnen. Hör dich um und bring alles in Erfahrung, was nur geht. Der kleinste Hinweis kann entscheidend sein. Zu dir haben die Menschen hier mehr Vertrauen als zu den Schupos. Achte bitte vor allem auf Leute, die schwarz mit Antiquitäten handeln, und auf die einschlägig Vorbestraften. Ich meine Einbrecher, Hehler und die Typen, die nicht zögern, jemandem in dunklen Ecken aufzulauern.«

Lindner nickte. »Ist ein eignes Völkchen, was in diesen Straßen lebt. Übrigens, ich bin der Erwin.«

Uwe führte Erwin zur Außentoilette und zeigte ihm den Tatort. Weiterhin informierte er ihn über die Tötungsart und wer den Toten entdeckt hatte. Der Leutnant wollte Lindner für seine Erkundigungen möglichst viele Anhaltspunkte mit auf den Weg geben.

Im Gegensatz zu Uwe hielt sein Chef nicht viel von den Abschnittsbevollmächtigten, nannte sie Hilfssheriffs und rümpfte die Nase über die Streifengänger.

Wie falsch Unger mit dieser Ansicht lag, zeigte das Verhalten des ABV eindrücklich. Lindner lief aufmerksam über den Hof und schaute auch in den kleinsten Winkel. Uwe ließ ihm die Zeit, die er brauchte.

Als Erwin seine Besichtigung abgeschlossen hatte, trat er zu ihm. »Die Kleine, die das Verbrechen entdeckt hat, kenne ich. Sabine Fuchs, süßes Ding. Wohnt gleich gegenüber.« Er deutete zu einem Hauseingang.

In sich hineinlächelnd gratulierte sich Uwe dazu, den ABV hinzugezogen zu haben. Allein dieser Hinweis ersparte ihm eine Rückfrage bei Ludwig und dessen arrogantes Gefeixe. Er verabschiedete sich von Erwin und marschierte schnurstracks quer über den Hof zu dem angegebenen Hauseingang.

Die junge Frau, die auf sein Klingeln die Tür öffnete, ließ die Kinnlade des jungen Polizisten hinunterklappen. Erwins Beschreibung war mehr als zutreffend. Uwe fand sie süß, unglaublich süß sogar. Lange dunkle Haare, eine Wahnsinnsfigur und das hübscheste Gesicht, das Uwe jemals unter die Augen gekommen war. Er musste sich richtig zusammennehmen, damit er sich nicht wie ein kompletter Idiot benahm. Seine Finger zitterten vor Nervosität, während er seinen Dienstausweis aus der Tasche angelte. Unsicher hielt er ihn der Frau vor die Nase.

Die brach in lautes Gelächter aus, fasste nach seiner Hand, nahm ihm den Ausweis ab und drehte ihn, damit sie ihn lesen konnte.

Uwe wäre am liebsten im Boden versunken.

Nachdem Frau Fuchs einen Blick auf den Ausweis geworfen hatte, musterte sie ihn ohne die geringste Verlegenheit von oben bis unten und strahlte sie ihn an. »Komm rein.«

Sie lief ihm voraus in ein leicht chaotisches, aber ungemein gemütliches Wohnzimmer. Dort zeigte sie auf eine abgewetzte Couch, ließ sich in einen Sessel fallen und sah ihn erwartungsvoll an.

Wie bestellt und nicht abgeholt saß Uwe der Frau seiner Träume gegenüber und hatte keine Ahnung, was er jetzt sagen sollte. Als ihm der Grund für seine Anwesenheit wieder in den Sinn kam, holte er tief Luft.

Doch das kleine Energiebündel ließ ihm keine Chance. »Möchtest du ein Bier? Ich habe heute Bock in der Kaufhalle erwischt.«

Bevor er sich einen schwachen Hinweis auf den Dienst und seine Verkehrstauglichkeit abringen konnte, huschte sie aus dem Wohnzimmer. Uwe hörte eine Tür klappen und nutzte die Gelegenheit, seine Blicke durch den Raum huschen zu lassen. Dabei stach ihm die umfangreiche Sammlung medizinischer Literatur sofort ins Auge. Bevor er dazu kam, sich die Titel auf den Buchrücken genauer anzusehen, war Frau Fuchs zurück und hielt ihm eine geöffnete Flasche hin.

»Prost«, sagte sie fröhlich und schlug ihre Flasche gegen seine.

Uwes schloss ergeben die Augen, wobei er nicht sagen konnte, was das stärkere Argument war, sein trockener Mund oder die wunderschönen graugrünen Augen, die ihn schelmisch ansahen. Das starke, süffige Bier entfaltete auf der Stelle seine Wirkung. Wärme breitete sich in seinem Körper aus, und seine Selbstsicherheit kehrte zurück. Er zückte Notizbuch und Kugelschreiber und räusperte sich.

Wieder kam er nicht dazu, seine Fragen zu formulieren, Frau Fuchs war schneller. »Ich war ja vielleicht hin und weg, als im Ödland der Kaufhalle wie eine Fata Morgana die Palette voller Bockbier vor mir stand.« Sie beugte sich vor und grinste über beide Ohren. »Da hab ich gleich zehn Flaschen eingesackt. Das war eine Schlepperei, kann ich dir sagen. Aber ...«, sie nahm einen großen Schluck und warf der Flasche einen verliebten Blick zu, »es hat sich gelohnt. Schmeckt eindeutig nach mehr.«

Erneut setzte sie die Flasche an, und Uwe ergriff die Gelegenheit. »Ich habe noch ein paar Fragen an Sie, wegen des Toten, den ...«

Sie fuhr hoch, stellte sich vor Uwe, machte einen Knicks und streckte ihm die Hand hin. »Wenn du es unbedingt förmlich möchtest, bitteschön. Ich heiße Sabine und du Uwe, jedenfalls stand der Name im Ausweis.« Sie hob ihre Hand über den Kopf und ließ neckisch lächelnd den Finger kreisen. »In dieser Wohnung wird nicht gesiezt. Ist ein Prinzip von mir.«

Uwe blinzelte überrascht, dann grinste er wie ein kleiner Junge, drückte Sabines Hand und spülte seine Verlegenheit mit einem gewaltigen Schluck herunter. Er unterdrückte ein Aufstoßen und wurde dienstlich. »Der Mann ist erschossen worden. Den Knall müsste man eigentlich gehört haben. Ist dir nichts aufgefallen?«

»Ich schlafe immer wie ein Stein.« Zurück im Sessel wühlte sie andächtig ihren Hintern ins Polster. »Da muss schon das Nachbarhaus gesprengt werden, ehe ich aufwache.«

Er hob die Schulter und kam zur nächsten Frage. »Kanntest du den Toten?«

»Woher denn?«

»Na ja, ich versuche herauszufinden, was der Mann hier zu suchen hatte. Wenn er zu jemandem wollte, hätte ich einen Anknüpfungspunkt.« Er zupfte nachdenklich am Bieretikett und wog ab, inwieweit er Sabine trauen konnte. Sie war eindeutig ein kommunikativer Mensch. Wenn ihm jemand Auskünfte über die Menschen in der näheren Wohngegend liefern konnte, dann sie. »Weißt du zufällig, ob einer deiner Nachbarn Antiquitäten verkauft?«

Sabine, die an ihrem Bier nuckelte, verschluckte sich. »Du bist ja süß«, brachte sie nach mehrmaligem Husten heraus. »Alle Wohnungen kenne ich nicht von innen, aber die, in denen ich schon mal war, da stammt das Mobiliar zum größten Teil aus dem A&V. Was denkst du denn, weshalb in den oberen zwei Etagen keiner wohnt? Dort regnet es rein und wenn du da einen Chippendale-Sessel stehen hast, schwimmt der dir glatt weg.«

»Hm, dann habe ich nur noch eine Frage: Gibt es in der Umgebung Typen, denen du so eine Tat zutrauen würdest?«

Stirnrunzelnd dachte Sabine nach und schüttelte schließlich energisch den Kopf. »Wir haben schon ein paar zwielichtige Gestalten im Viertel, die ab und zu lange Finger machen, einen Mord traue ich jedoch keinem zu. Jedenfalls nicht den Leuten, die ich kenne«, schob sie schnell noch hinterher.

Uwe, der hingerissen die Sommersprossen auf Sabines Nase und Oberlippe studiert hatte, war mit seinem Latein am Ende. Um keinen Preis wollte er sich auch nur einen Millimeter aus der Nähe der hübschen Frau fortbewegen, aber ihm fiel beim besten Willen kein Grund ein, seinen Besuch länger auszudehnen.

Enttäuscht erhob er sich. »Ich muss dann mal los. Vielen Dank, du hast mir sehr geholfen.«

Sabine sprang flink auf und streckte ihm mit einem hilflosen Lächeln die Hand entgegen. »Welche Hilfe denn? Viel konnte ich ja nicht beitragen.« Sie zögerte kurz. »Klingel doch einfach bei mir, wenn du in der Gegend zu tun hast.«

Nachdem sich die Tür hinter ihrem Gast geschlossen hatte, verschwand das Lächeln aus Sabines Gesicht. Nachdenklich lief sie zum Fenster und schaute im Schutz der zugezogenen Gardine auf den Innenhof. Sie sah Uwe nach, bis er im Vorderhaus verschwunden war, blieb noch einen Moment stehen und nagte dabei unentschlossen auf ihrer Unterlippe. Schließlich kam sie zu einem Ergebnis. Sie schnappte sich ihren Schlüssel und verließ eilig die Wohnung.

9

Ludwig lag nackt unter der Bettdecke, ließ den Rauch aus dem offenen Mund strömen und sah den blauen Wölkchen nach, die sich unter der Decke des Schlafzimmers zu einer Nebelschicht verdichteten. Seine neue Geliebte war gerade in der Küche verschwunden, um etwas zu trinken zu holen, und er bemerkte erstaunt, dass der Anblick ihrer erfreulich wippenden Pobacken seine Begierde erneut aufflammen ließ. Dabei hatte sie ihn ganz schön gefordert, die letzte Stunde war schweißtreibend gewesen.

Die Sekretärin hatte ihn überrascht, eine derart unersättliche Frau war ihm noch nie untergekommen. Dass er ihrem Mann Hörner aufsetzte, interessierte Ludwig herzlich wenig. Selbst schuld der Kerl, im Grunde genommen hatte er damit rechnen müssen. Man heiratete doch keine Nymphomanin!