Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal - Anja Marschall - E-Book

Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal E-Book

Anja Marschall

0,0

Beschreibung

Das historische Kiel im Zentrum der Weltpolitik. Kiel, 1896: Während die geheimen deutsch-russischen Bündnisverhandlungen zwischen Kaiser und Zar in vollem Gange sind, gerät Kommissar Hauke Sötje zwischen die Fronten der Geheimdienste. Er soll einen Verräter beschützen und erkennt zu spät, dass er in eine Falle geraten ist. Erst der mysteriöse Tod eines Dienstmädchens, das im Kaiser-Wilhelm-Kanal treibt, bringt Hauke der Wahrheit näher – einer Wahrheit, für die er bereit ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 426

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die gebürtige Hamburgerin Anja Marschall lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie im Westen Schleswig-Holsteins, wo sie als Journalistin und Autorin arbeitet. Sie ist Vizepräsidentin der Mörderischen Schwesterne.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

©2018 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: akg-images/arkivi; shutterstock.com/Triff Umschlaggestaltung: Nina Schäfer Karte: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd.10. Leipzig 1907 Lektorat: Christine Derrer eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-341-7 Historischer Kriminalroman Originalausgabe

Unser Newsletter informiert Sie regelmäßig über Neues von emons: Kostenlos bestellen unter

Lügen können Kriege in Bewegung setzen, Wahrheiten hingegen ganze Armeen aufhalten.

Otto von Bismarck

1. KAPITEL

Bekanntmachung. Die am 1.ds.Mts. in Kraft getretene Polizei-Verordnung des Herrn Oberpräsidenten vom 20.Februar 1896 über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage ist diesseits durch den Druck vervielfältigt worden und wird zum Preise von 10Pfg. pro Exemplar im Polizeibureau, Zimmer Nr.9 abgegeben.

Die Polizeibehörde, H.Lorey.

Originalauszug: Kieler Neueste Nachrichten, 1896

Es war ein baumlanger Kerl aus dem Mecklenburgischen, der an diesem frühen Morgen an Deck des Frachtewers »Berta« stand und seinen Priem in die Wange steckte. Sie hatten die Schleuse in Holtenau kurz nach Sonnenaufgang passiert, um am anderen Ende des Kanals Fracht aufzunehmen. Der Kaiser-Wilhelm-Kanal, wie man ihn seit der Eröffnung im letzten Jahr nannte, war eine ganz feine Sache, wie der Matrose fand. Gemächlich begann er zu kauen, während die »Berta« Richtung Brunsbüttel tuckerte, eine lange Rauchsäule hinter sich herziehend. Er beobachtete Nebelschwaden, die lautlos über das Wasser zwischen den Ufern glitten. Sie erinnerten ihn an die Gespenstergeschichten seiner Kindheit. Kurz schauderte es ihn.

Das liegt an diesem verdammten Dunst, ging es ihm durch den Kopf. Da bekommt jeder irgendwann ein ungesundes Gemüt.

Dabei hatte er in den vergangenen Jahren schon oft solche Schleier am Kanal gesehen. Damals hieß all das hier noch »Nord-Ostsee-Kanal« und war kaum mehr als ein tiefer Graben zwischen Kiel und Elbe. Eigentlich hatte der Name ja bleiben sollen, aber dann war dem Kaiser wohl eingefallen, dass »Kaiser-Wilhelm-Kanal« doch besser sei.

Na ja, dachte der Matrose und schob den Priem in die andere Backentasche, dann soll das wohl so sein. Dennoch gefiel ihm der neue Name nicht recht. Klang es doch so, als hätte der Kaiser höchstselbst mit angefasst, den Spaten in die kleiige Marsch gerammt und seinen hoheitlichen Schweiß mit dem Ärmel aus den Augen gewischt. Nein, für all jene, die jahrelang hier geschuftet hatten, blieb das hier der Nord-Ostsee-Kanal.

Kaiser kommen und gehen, aber der Kanal bleibt. Das war seine Überzeugung, auch wenn er sie niemandem sagte.

Er dachte an die Zeit, damals, als sie am Ufer des leeren Kanals in Baracken schliefen, bei Wind und Wetter sich Meter um Meter tiefer gruben. So mancher von ihnen ließ dabei sein Leben. Aber das Essen war gut. Und wie sie dann feierten, als alles vorbei war. Die Letzten von ihnen hatte man nach Hause geschickt, nachdem die Schleusen, die Fähranleger und die stählernen Brücken fertig waren. Doch zurück nach Strelitz, auf den Hof seiner Eltern, hatte er nicht gewollt. Also war er am Kanal geblieben. Überall dort, wo man einen starken Mann brauchen konnte, nahm er Arbeit an. Mal pflügte er auf den Feldern der reichen Marschbauern für eine Mark am Tag. Manchmal schleppte er im Hafen von Kiel bei den Speichern Säcke oder fuhr bei Ernst Meuser auf der »Berta« Fracht hin und her. So wie heute.

Seit acht Jahren war der Kanal nun schon sein Zuhause, und weg von hier wollte er nicht mehr. So bald als möglich wollte er ein anständiges Mädchen finden, es heiraten und mit ihm eine Familie gründen. Sie sollte rund und drall sein, mit einem Stupsnäschen und lachenden Augen.

Mit der Zunge beförderte er den Tabakklumpen in seinem Mund auf die andere Seite.

Dafür aber musste er mehr sein als nur ein Tagelöhner. Ein Schipper, das wäre fein. So wie der Kapitän der »Berta«, der Ernst Meuser. Schipper auf einem Kanalewer schien ein einträglicher Beruf zu sein, denn der Ernst hatte immer Geld, und viel arbeiten musste er auch nicht. Ihm war mehr als einmal aufgefallen, dass der Ernst in den Spelunken am Hafen oft mit großer Hand Geld ausgab. So viel Geld konnte man als Matrose nie und nimmer verdienen. Aber als Schipper mit einem eigenen Kahn, da war das schon eine andere Sache.

Er blickte sich zu den kinderkopfgroßen Steinen im Laderaum um. Die würde er in Rendsburg abladen müssen. Danach sollte es weiter nach Brunsbüttel gehen, wo er dreitausend Ziegelsteine an Bord zu schaffen hatte. Und während er schuftete und schnaufte, würde der Ernst mit den Kanallotsen und Hafenmeistern ein Schwätzchen halten. Ja, doch, ein Leben als Kanalschipper könnte etwas für ihn sein.

Er seufzte. Bis dahin aber musste er auf der »Berta« jede Woche zwei Touren Ziegelsteine nach Kiel bringen und ausladen. Seit man die Stadt zum Kriegsmarinehafen erklärt hatte, wurde ihr Hunger nach rot gebrannten Mauersteinen täglich größer. Und es waren Leute wie er, die auf ihrem Rücken das Material herbeischleppen mussten, während andere damit eine Menge Geld verdienten. Wie zur Bestätigung seines Ärgers durchfuhr ein Schmerz seinen Rücken. Er stemmte die Faust in die Lende und reckte sich. Wenigstens hatte der Ernst ihm die letzten Tage freigegeben, damit er seinen Rücken auskurieren konnte. Das war anständig, fand er. Umso schlechter fühlte er sich, weil er in Wahrheit rüber nach Ellerbek gelaufen war, um sich dort einen Ewer anzuschauen.

Sein Schiff würde nicht so lang sein wie die »Berta« und auch nicht so viel Fracht aufnehmen können. Und eine Dampfmaschine würde es auch nicht haben, aber für den Anfang würde es reichen. Auch die Ladung müsste er sich erst beschaffen, davon aber gab es genug auf dem Kanal, keine Frage. Hundert Mark fehlten ihm nur noch, dann konnte er endlich sein eigener Herr sein. Irgendwann musste er es dem Ernst aber sagen. Und davor graute ihm ein wenig, denn mit dem war nicht zu spaßen. Der Kapitän der »Berta« hatte eine verschlagene Art, die dem Matrosen unheimlich war.

Nachdenklich blickte er zu den Nebelgeistern hinüber, wie sie sich sirenengleich vom Wind über das Wasser treiben ließen. Hauchdünne Fetzen, Geister einer anderen Welt. Wieder zogen Gedanken an die Spukgestalten der Kindheit durch seinen Kopf. Verärgert spuckte er den Priem ins Wasser. Lange her.

Er wandte sich ab, wollte gerade nach achtern gehen, weil er hier am Bug nicht gern allein stand, mit all den Wiedergängern dort drüben, als er etwas im Wasser treiben sah. Er blieb stehen, zögerte. Immer wieder ersoffen Kühe im Wasser, weil sie zu dicht an die Uferböschung kamen und den meterhohen Hang hinunterrutschten, sich dabei die Beine brachen und ins Wasser fielen. Doch das, was dort auf ihn zukam, schien kein Tier zu sein. Er beugte sich ein wenig über die Reling. Mit leicht zusammengekniffenen Augen stierte er hinüber, konnte es erst nicht erkennen. Dann aber sah er, was es war.

»Maschine stopp!«, schrie er, riss die Arme hoch und fuchtelte über den Lärm hinweg Ernst zu, der Pfeife rauchend am Ruder stand. »Steuerbord! Da schwimmt was!«

Dann lief er an der Reling nach achtern, griff nach dem Bootshaken und stolperte zurück. Schnell kam der Körper im Wasser näher. Als er längsseits an der Schiffswand vorbeitrieb, versuchte der Matrose, ihn mit dem schmiedeeisernen Haken zu erwischen. Doch immer wieder glitt der Haken an dem aufgeplusterten Rock ab. Der Körper drehte sich, wälzte sich im Wasser herum, wie ein Ball. Plötzlich war da das Gesicht einer Frau. Teigig weiß, mit offenem Mund und aufgerissenen Augen, starrte sie ihn an.

Er japste auf, stolperte zurück. Kurz fluchte er auf, um sich Mut zu machen. Dann versuchte er ein weiteres Mal, die Leiche aus dem Wasser zu holen.

Sie hatten die Tote nicht an Bord hieven können. Ernst hatte es nicht gewollt. »Dod is dod«, hatte er gesagt und seine Pfeife dabei geraucht, während ein paar Fischer herbeiruderten, um zu helfen. Die Tote aus dem Wasser zu holen gelang aber erst, als ein Seemann, der zufällig am Ufer entlangging, ins Wasser sprang, die Frau ergriff und an Land zog.

Jetzt legten die Männer die Tote schweigend auf die Steine der Uferböschung. Ihr Gesicht war von einer tiefen, blutleeren Schramme gezeichnet, die vom Bootshaken herrühren mochte, mit dem er sie aus dem Wasser fischen wollte. Der herbeigeeilte Seemann wischte sich das Kanalwasser aus dem Gesicht, kniete sich zu der Toten hinunter und griff nach ihrem Handgelenk. In ihrer Handfläche steckte ein langer Splitter aus Holz. Dann sah er etwas Weißes unter ihrem Ärmel hervorlugen. Vorsichtig schob der Seemann den Ärmel hoch. Ein Stück Stoff kam zum Vorschein. Es war mehrmals um den Unterarm der Toten gewunden und mit einem Band verknotet. Gerade wollte einer der Männer etwas fragen, als über ihren Köpfen die Gestalt eines Uniformierten auf einem Pferd erschien.

»Was in Kaisers Namen hat das hier zu bedeuten?«, schrie der Polizist.

Die Männer blickten die Böschung hinauf. Keiner sagte etwas. Schweigend wiesen sie zu der Toten. Der Beamte, dessen gewienerter Helm im Morgenlicht glänzte, erhob sich in den Steigbügeln zu seiner ganzen Größe, um besser sehen zu können.

»Schon wieder eine tote Person?« Missbilligend schüttelte er den Kopf. »Diese vermaledeiten Brücken sind nichts weiter als gemeingefährlich.«

»Ich habe die Frau im Wasser treiben sehen. Bekomme ich dafür eine Belohnung?«, fragte der Matrose.

Der Polizist schnaubte verächtlich und zwirbelte seinen mächtigen Bart. »Ist sie eine bekannte Verbrecherin?«

Unsicher schaute der Angesprochene zu den anderen Männern.

»Oder ist sie die Zofe der Kaiserin?– Nein? Na, dann wird das wohl nichts mit einer Belohnung!« Brüllend lachte der Polizist auf. »Hat sie wenigstens Papiere bei sich?«

Der Seemann, der zu Hilfe gekommen war und jetzt mit klatschenassen Kleidern neben der Leiche kniete, erhob sich.

»Nein, weder in ihrer Jacke noch in ihrem Rock. Sie hat eine schwere Verletzung am Hinterkopf, und die Kleider sind am Rücken zerrissen. Vielleicht von den Schiffsschrauben.« Er sah sich am Ufer um. »Wenn sie Gepäck dabeihatte, müsste man es suchen.«

»Selbstmörder reisen nicht mit Gepäck«, kam es von oben die Uferböschung hinunter. »Bringt sie in die Armenanstalt. Es wird eines dieser liederlichen Dinger sein, die sich mit einem Mann einlassen und dann nicht mehr wissen, wohin mit sich und dem Balg im Bauch.«

Er wollte sich gerade abwenden, als der Seemann ihm nachrief: »Wollen Sie nicht den Tod des Mädchens den zuständigen Behörden melden, Herr Wachtmeister?«

Der fuhr im Sattel herum. »Zuständige Behörden?«, äffte er den Seemann nach. »Ich bin hier die zuständige Behörde! Oder willst du mich etwa kritisieren?– Von welchem Schiff bist du? Kenne dich nicht. Bist nicht von hier! Herkommen. Papiere. Aber flott!«

»Lass ihn schnauzen. Zieh deine Mütze, mach einen Buckel und entschuldige dich«, flüsterte der Matrose von der »Berta« leise und legte dem Seemann seine schwielige Hand auf die Schulter. »Der steckt dich sonst noch in die Zelle.«

»Dank dir für den Rat.« Lächelnd kletterte der Seemann die steile Böschung hinauf. Oben angekommen, griff er in seine Jackentasche und beförderte ein Ausweispapier heraus. Er reichte dem Wachtmeister das tropfende Schriftstück.

Mit wichtiger Miene und spitzen Fingern faltete der Beamte die Unterlage auseinander. Die mit Tinte geschriebenen Zeilen hatte das Wasser des Kanals zum größten Teil verwischt. Den geprägten Adler am oberen Rand des Papiers aber konnte der Polizist noch deutlich erkennen. Er schluckte.

Unterdessen beobachtete der Matrose von unten, wie der Seemann eine metallene Plakette an einer Kette aus seiner Hosentasche zog und dem Mann auf dem Pferd zeigte.

»Und jetzt, Herr Wachtmeister, bitte ich Sie höflichst, einen Wagen zu besorgen, damit die Tote in die Stadt gebracht werden kann. Dr.Schilling müsste heute im pathologischen Institut Dienst haben. Die weiteren Untersuchungen des Todesfalls übernimmt die Kriminalpolizei.«

Erstaunt sahen die Männer am Ufer, wie der Polizist vor dem Seemann mit kalkweißem Gesicht salutierte und rief: »Jawohl, Herr Kommissar.« Dabei ließ er die rechte Hand an seinen Helm fahren.

2. KAPITEL

Die verbotenen Röntgen-Strahlen.Zwei Physiker, welche in mehreren größeren Städten, darunter auch in Dresden und Leipzig, erfolgreiche Vorstellungen mit den Röntgenschen X-Strahlen gegeben hatten, kamen auch bei der Kieler Behörde um die Erlaubnis ein, derartige Experimente in einem öffentlichen Lokal zeigen zu dürfen. Ihnen wurde dieses untersagt, da der Behörde besagte Strahlen nicht bekannt sind.

Originalauszug: Kieler Neueste Nachrichten, 1896

Die Männer der neuen Kriminalpolizei in Kiel verfügten über wenig mehr als ein paar Kammern im ersten Stock des Gebäudes am Martensdamm, die sie als Schreibstuben nutzten. Ihre Berichte gingen an ihren Vorgesetzten, den Ersten Kommissar Kleinschmidt. Sein Büro am Ende des Ganges hatte immerhin zwei Fenster. Kleinschmidt erwartete von seinen Leuten, dass sie sich nicht in den warmen Amtsstuben am Martensdamm ausruhten, sondern auf den Straßen der Stadt bewegten.

Das war Kommissar Hauke Sötje äußerst recht, der sich in engen Räumen höchst unwohl fühlte. Ihm fehlten noch immer die ruhige Einsamkeit der Meere, die Planken unter seinen Stiefeln, das Knarren der Tampen über seinem Kopf. Heute, fünf Jahre nach dem Untergang seines Schiffes, war es ihm oft, als sei er weder Kapitän noch Kommissar. Ein Fisch auf dem Trockenen, der trotzdem überlebte. Damals hatte er nicht mehr leben wollen, seinen toten Männern nachfolgen. Doch dann kam alles anders. Und so war er heute Kommissar im Schleswig-Holsteinischen und demnächst sogar verheiratet. Er lächelte bei dem Gedanken an seine Verlobte, als er die Tür zum Martensdamm aufstieß.

Die Kriminalpolizei im Kaiserreich hatte man vor Jahren nach englischem Vorbild erstmals in Berlin eingerichtet, um dem immer besser organisierten Verbrechen begegnen zu können. In gleicher Weise wurde vor Kurzem nun auch in Kiel eine Kriminalpolizei eingerichtet. Eine Handvoll Männer, die inkognito ermittelten, sich mit dubiosem Gesindel umgaben und in dunklen Straßen umtreiben sollten. Doch waren die neuen Polizisten den Wachtmeistern und ehrbaren Bürgern der Stadt nicht ganz geheuer. Einzig die Tatsache, dass die Männer vom Martensdamm Verbrechen aufdeckten, von denen der brave Bürger nichts wissen wollte und die die einfachen Wachtmeister überfordert hätten, ließen die kritischen Stimmen mehr und mehr verstummen.

Dennoch blieben für Haukes Geschmack zu viele Taten ungesühnt, zu viele Mörder auf freiem Fuß. Und genau das war es, was ihm seit den Morgenstunden nicht mehr aus dem Kopf ging. Handelte es sich bei der im Wasser aufgefundenen Toten tatsächlich um eine Selbstmörderin? Warum hatte die junge Frau einen Streifen feiner Spitze um ihren Arm gewickelt? Und warum fehlte an ihrem Rock ein Stück Stoff? Oben auf der Brücke hatte er das fehlende Stück nicht finden können. Die Steine der Uferbefestigung waren rund, ohne Kanten, an denen ein so großes Stück hätte hängen bleiben können. Und bis zum neun Meter tiefen Grund, wo ebenfalls Steine lagen, glaubte er nicht, dass die junge Frau gesunken sein konnte. Eine Schiffsschraube hätte vielleicht den Rock zerreißen können, doch ein solches Stück von etwa dreißig Zentimetern Länge und zehn Zentimetern Breite? Das abgerissene Stück Stoff musste also woanders abhandengekommen sein. Doch wo? Die Frau hatte zudem blaue Flecken an Armen, Rücken und im Gesicht. Vielleicht hatte sie es sich anders überlegt, wollte doch nicht mehr sterben, versuchte, ihr Leben zu retten, und war von Schiffsschrauben hinuntergedrückt worden, konnte nicht schwimmen, die Kleider, so schwer.

Tief in Gedanken versunken, stand Hauke jetzt am Fenster der kleinen Schreibstube im ersten Stock und blickte hinaus auf den Kleinen Kiel, ein seichtes Gewässer gegenüber dem Kommissariat, wo sich an schönen Tagen Schwäne tummelten.

Heute war der erste Tag, an dem die Sonne warm auf die Stadt an der Förde herabschien und die Luft nach Frühling roch. Die Bäume am Straßenrand zeigten bereits ein zartes Grün. Junge Männer gingen neben ebenso jungen Damen einher, die Hände weltmännisch auf dem Rücken verschränkt oder die Angebetete untergehakt. Die Ränder der Wege waren mit blühenden Tulpen und Narzissen übersät. Die Sonne hatte sich endgültig ihren Platz am Himmel erkämpft und die Wolken der letzten Tage fortgeschoben. Ein vielversprechender Frühlingstag begann.

Hauke sah zur Straße hinunter, wo soeben eines dieser neuen Automobile vorbeiknatterte. Aus dem Gefährt donnerte eine Fehlzündung, gefolgt von einer schwarzen Wolke, die aus dem Auspuff jagte. Zwei Gäule, die einen Brauereiwagen zogen, auf dem ein mannshohes Bierfass vertäut lag, und die eben noch gemächlich über das Kopfsteinpflaster gezuckelt waren, wieherten mit weit aufgerissenen Augen und wollten fliehen. Doch der bullige Kutscher auf dem Bock zerrte heftig an den Zügeln und ließ die Peitsche sprechen. Kaum konnte er sie bändigen, da krächzte auch schon die Hupe des Automobils hinter ihm. Lauthals forderte der Fahrer, der Kutscher möge seine Viecher aus dem Weg schaffen. Der Kutscher mit dem schweren Lederschurz vor dem Bauch schrie dem Fahrer zu, er könne ihn mal, während er gleichzeitig an den Zügeln riss. Sofort entbrannte ein heftiger Streit. Wieder einmal prallten die alte und die neue Zeit unversöhnlich aufeinander.

Dieser Zwist wurde im ganzen Reich geführt. Er teilte die Menschen in zwei Gruppen: jene, die die Moderne begrüßten, und jene, die alles so behalten wollten, wie es früher einmal war. Hauke war klar, dass es die Errungenschaften von Lokomotiven, Telefonapparaten, elektrifizierten Untergrundbahnen oder Maschinengewehren waren, die diesen Streit zugunsten der Moderne entscheiden würden. Eine Umkehr war unmöglich, und jeder Tag brachte Neues. Er selbst begrüßte all die Entdeckungen, sofern sie ihm halfen, Mörder zu finden. Aber schon jetzt war klar, dass die Zeiten lauter wurden und schneller. Ob sie besser wurden, müsste sich noch herausstellen.

Hauke wandte dem Geschrei vor dem Fenster seinen Rücken zu. Vor ihm auf dem Tisch lag der angefangene Bericht über die Tote im Kanal. Fünf Zeilen. Mehr hatte er zu ihrem Tod nicht sagen können. Kein Name. Keine Adresse. Keine Vergangenheit und kein Warum.

Da wurde die Tür aufgestoßen. Der Sekretär des Kommissariats, Levi Bloch, trat ein. Er war ein kleiner Mann, dessen Augen durch seine dicken Brillengläser derart groß wirkten, dass er wie eine Fliege im Anzug aussah. Unterm Arm trug er einen Stapel Akten. Er stockte, als er Hauke hinter dem Tisch stehen sah.

»Verzeihen Sie, Herr Kommissar. Ich meinte, der Raum sei leer.« Schon wollte er wieder gehen.

»Bleiben Sie, Bloch. Ich bin im Aufbruch. Wollte nur ein wenig nachdenken.«

Hauke begann, die leeren Papierseiten auf dem Schreibtisch zusammenzuschieben. Den angefangenen Bericht faltete er zweimal und schob ihn in die Seitentasche seiner Seemannsjacke. Er hätte Bloch den Bericht diktieren können, so wie es die anderen Kommissare taten. Doch erstens hätte Hauke nicht gewusst, was er hätte sagen sollen, und zweitens fand er, dass Bloch für derart niedere Arbeiten zu wertvoll für das Kommissariat war, denn der kleine Mann besaß einen scharfen Verstand. Leider war Hauke der Einzige, der dies so einschätzte. Bloch war Jude. Man hatte ihn letztens ein weiteres Mal bei den Beförderungen übergangen, obwohl er sich jedes Jahr erneut um eine Anstellung im aktiven Dienst bewarb, was auch ein höheres Salär bedeutet hätte.

Bloch schien es gelassen zu nehmen, fast so, als sei er nichts anderes gewohnt. Dabei hatte er zu Hause vier Töchter, die alte Mutter und eine Schwägerin durchzufüttern. Seine Frau war vor einigen Jahren an Diphtheritis gestorben. Hauke hatte sich bei Kleinschmidt für Bloch eingesetzt, doch es hatte nichts geholfen. Und so musste sich Bloch weiterhin als einfacher Schreiber verdingen und gedulden.

»Machen Sie sich Sorgen, wegen der Toten im Kanal, Herr Kommissar?« Bloch schob seine Brille den Nasenrücken hinauf.

Sorgsam faltete Hauke die Zeitung zusammen, die ebenfalls vor ihm auf dem Tisch lag. »Es gibt keine Vermisstenanzeige. Und das Ergebnis der Obduktion liegt noch nicht vor.« Tatsächlich hatte der zuständige Gerichtsmediziner, Dr.Schilling, der im Hauptamt Arzt am städtischen Armen- und Krankenhaus war, nur einen flüchtigen Blick auf die Tote geworfen, um dann kundzutun, es handle sich ganz offensichtlich um einen Selbstmord. Hauke jedoch hatte auf eine umfängliche Autopsie bestanden. Sie waren an der Trage der Toten in einen heftigen Streit geraten, den der Doktor mit den Worten beendete, Hauke werde von ihm zu gegebener Zeit hören. So lange habe er sich zu gedulden.

Nach dieser Unterhaltung konnte sich Hauke des Gefühls nicht erwehren, dass eine weitere Beschwerde gegen ihn bei Kommissar Kleinschmidt eingehen würde. Nur Haukes außerordentlichen Erfolgen war es zu verdanken, dass Kleinschmidt mit viel Geschick und guten Worten alle erregten Gemüter besänftigen konnte. Darum war bisher keine einzige Beschwerde gegen ihn weiter als bis zu Kleinschmidts Schreibtisch gekommen, um danach im Papierkorb zu verschwinden. Doch wie lange mochte das noch gut gehen?

»Ich hörte von Ihrem Disput mit Dr.Schilling«, sagte Bloch, als könne er Haukes Gedanken lesen.

Hauke hatte in diesem kleinen Raum fast eine Stunde ausgehalten. Für heute reichte es. Schon spürte er, wie die Dämonen seiner Vergangenheit aus seinem tiefsten Inneren hervorkrochen. Seine Hände waren bereits kalt und nass geschwitzt, der Mund staubtrocken, Schwindel erfasste ihn. Es wurde wirklich Zeit, an die frische Luft zu gehen.

Als er sich gerade eilig an Bloch vorbeischieben wollte, fiel ihm etwas ein. Er zog etwas aus seiner Tasche und zeigte es Bloch. »Sie hatte das hier um ihren Unterarm geschlungen. Warum?«

Bloch beugte sich vor, wobei er erneut seine Brille hochschieben musste. »Ich kenne mich mit Stoffen nicht aus, Herr Kommissar, aber mir scheint die Bordüre von bester Qualität zu sein.« Erstaunt sah er auf. »War die Tote denn aus gutem Hause?«

»Nein. Sie trug einfache Leinenkleider, ein Halstuch und bequeme Schuhe. Ihre Hände waren die eines Dienstmädchens. Schwielen von harter Arbeit. Auch wenn sie bereits Stunden im Wasser gelegen haben muss, konnte man sehen, dass sie harte Arbeit gewohnt war.«

Noch einmal begutachtete Bloch den zarten Stoff, ein Gewirr aus tausend Schlingen von hauchdünnen Fäden, die Blumen und Ranken ergaben und auf einer Art Tüll zu schweben schienen.

»Auffallend ist, dass das Stück genau zwei Meter und siebenundsechzig Zentimeter lang ist.«

Bloch verstand. »Exakt vier preußische Ellen also. Das könnte bedeuten, die Bordüre wurde nach altem Maß gefertigt.«

»Richtig. Entweder wurde diese Spitze vor 1868 geklöppelt, oder sie wurde von jemandem gefertigt, der noch heute das alte preußische Maß kennt und danach arbeitet.«

»Die Länge könnte aber auch nach dem alten Amsterdamer Ellenmaß gefertigt worden sein.«

Hauke überschlug die Zahlen. »Dann müsste die Bordüre aber ein paar Zentimeter länger sein.«

»Vielleicht ist die Länge auch nur ein Zufall.– Das Stück sieht sehr teuer aus. Hat sie es vielleicht ihrer Herrschaft gestohlen?«

»Möglich. Doch weder liegt uns eine Anzeige wegen Diebstahls vor, noch vermisst jemand ein Dienstmädchen.«

»Warum sich dann umbringen, wenn der Diebstahl gelungen ist?«, überlegte Bloch laut.

»Ein schlechtes Gewissen?« Hauke stopfte die Spitze wieder in seine Jacke. »Vielleicht hat sie es auch nicht gestohlen.«

»Wie teuer wohl solche Spitze ist? Es gibt da ja große Unterschiede, meinte meine Schwägerin erst kürzlich. Frauen kennen sich mit diesen Sachen besser aus als wir Männer.« Er lächelte entschuldigend, als sei es ihm unangenehm, etwas nicht zu wissen.

Hauke setzte seine Mütze auf den Kopf und ging in den Flur. »Genau darum werde ich jetzt ein Prachtexemplar dieser Gattung aufsuchen und um Rat fragen. Einen schönen Tag noch.« Hauke eilte zur Treppe.

3. KAPITEL

Dieneue Dampfer-Kompagnieim Kaiser-Wilhelm-Kanal läßt auf der Strecke Kiel-Brunsbüttel an verschiedenen Stationen Anlegebrücken errichten, um für Schiff und Passagiere einen erleichterten Verkehr zu schaffen. Bisher hatten die Dampfer häufig dadurch Verspätung erlitten, daß Passagiere auf beliebigen Stellen den Dampfer anriefen, um mitzufahren. Durch die neuen Brücken ist diesem Übelstand abgeholfen.

Originalauszug: Kanalzeitung, 1896

Hauke trat auf den Martensdamm hinaus. Vor der Tür schritten Herren mit Zylinder und Gehstock neben Damen unter sommerlichen Hüten und Schirmchen. Ein junger Mann auf der anderen Straßenseite fütterte zwei Schwäne am Kleinen Kiel. Noch war es nicht wirklich warm, aber der lang ersehnte Frühling lag zweifelsohne in der Luft. Mit festem Schritt marschierte Hauke zum nahen Marktplatz, wo Bauersfrauen mit blauen Schürzen und einem roten Tuch über den Schultern ihre Stände abbauten, die unverkauften Waren in Weidenkörben verpackten, Tücher und Säcke zusammenfalteten, auf denen sie zuvor Kartoffeln und Kohlköpfe, Möhren und Pastinaken ausgelegt hatten. Ein Mann in Cordhosen verstaute Holzstangen und Bretter auf einem Karren, die zusammengebaut eben noch als schmucker Korbwarenstand auf dem Marktplatz standen. Überall wurde geschwatzt und gewitzelt. Im Schatten der Kirche zählte der Marktmeister sein Geld, während der Wachtmeister neben ihm aufmerksam das Geschehen auf dem Platz beobachtete.

Als Hauke an der windschiefen dreistöckigen Fachwerkfassade der Persianischen Häuser vorbeikam, heftete er seinen Blick wütend auf den Boden. Hier hatte er letztes Jahr einen Mörder im Dachgeschoss gestellt und war dann doch gescheitert. Schnell wischte Hauke den Groll fort und bog in die Flämische Straße, die ihn zum Hafen führen würde, wo die Fähren nach Gaarden ablegten.

Er bog links ab, in die »Damenstraße«. Das Pflaster der Straße war vor Jahren von einigen vornehmen Frauen aus bester Gesellschaft gestiftet worden, woraufhin man ihnen zu Ehren die Straße zwischen Schuhmacherstraße bis zum Schloss in »Damenstraße« umbenannte. Mit der neuen Zeit aber kamen immer öfter zwielichtige Weibsbilder mit ihren Kupplern an den Hafen. Da man dem Treiben kein Ende bereiten konnte, hatten die empörten Damen von Stand eine Eingabe beim Stadtrat gemacht, man möge umgehend den Namen der Straße erneut ändern, da man nicht mit dieserart »Damen« in Verbindung gebracht werden wolle. Noch aber war nichts geschehen, und so schritt Hauke also die »Damenstraße« am Hafen entlang.

Hauke erkannte zwei Luden, die nahe einer Litfaßsäule standen und ihre Mädchen im Auge behielten. Als sie Hauke bemerkten, drehten sie ihm schnell den Rücken zu. Ein Fischhändler rumpelte mit seinem Handkarren über das Kopfsteinpflaster. Eine Straßenbahn bimmelte gerade zur Abfahrt, als Hauke die Straße überquerte und auf die Seegartenbrücken zuging. Dort legten die Ausflugsdampfer nach Laboe ab. Laboe war ein beliebter Platz, um mit der Familie oder Freunden am Leuchtturm zu picknicken oder einen langen Spaziergang zu wagen. An diesem ersten schönen Frühlingstag waren die Fähren mit lachenden und schwatzenden Ausflüglern rappelvoll.

Ein paar Meter weiter gingen die Arbeiterfähren auf die andere Seite der Förde ab. Dort drüben lagen die drei größten Werften Kiels: die Howaldtswerke an der Schwentinemündung, die Germaniawerft und die Kaiserliche Werft. Vom Anleger in Ellerbek würde Hauke noch einen ordentlichen Fußmarsch zur Villa Dora haben, wo seine Verlobte Sophie als Lehrerin für die Kinder von Konsul Winter arbeitete.

Hauke musste sich sputen, wollte er noch den kleinen Dampfer erreichen, aus dessen Schornstein bereits schwarzer Rauch stieg, den der Wind sogleich zerzauste und auf die Förde hinaustrieb. Gerade warf ein untersetzter Matrose den Tampen zum Festmachen hinüber auf die Fähre, als auch schon ein schriller Pfeifton zur Abfahrt mahnte. Eine besonders dicke Rauchwolke quoll jetzt aus dem Schornstein, über die Köpfe der Fahrgäste hinweg, die am Heck nebeneinander auf harten Holzbänken saßen. Keuchend setzte sich die kleine Fähre in Bewegung.

Mit einem Satz sprang Hauke an Bord. Es schwankte unter seinen Füßen, als seine Stiefel die Planken berührten. Er war nicht der Einzige, der einen Satz vom Kai zum Boot gemacht hatte. Ein junger Mann in dunklem Mantel und mit Melone schaffte es nach ihm gerade noch, an Bord zu springen.

Dicht gedrängt saßen die Leute auf den Bänken oder standen in Grüppchen herum. Diese Dampffähre pendelte zwischen Kiel und Ellerbek mehrmals täglich hin und her, transportierte Werftarbeiter und Mägde, Handwerker und jeden, der hier- oder dorthin wollte.

Der Kerl, der eben noch den kleinen Dampfer flottgemacht hatte, kassierte nun der Reihe nach das Fährgeld von jedem. Hauke zahlte seine fünfzehn Pfennige, dann setzte er sich zwischen zwei Bäuerinnen, die Körbe auf dem Schoß festhielten. Sie waren alt und ihre Haut von Sonne und Wind ledrig geworden. Sicherlich waren auch sie heute Morgen auf dem Markt gewesen, um etwas zu verkaufen.

Das leichte Schaukeln unter Haukes Füßen gefiel ihm. Er musste lächeln, als er es mit dem Rollen seiner Viermastbark während der heftigen Stürme im Ärmelkanal oder im Golf von Biskaya verglich. Stürme, die die Segel seines Schiffes zerfetzten. Männer, die er in die Wanten schicken musste, um die flatternden Reste einzuholen. Wellen, höher als Häuser, tiefer als die Hölle. Er und seine Männer hatten jeden einzelnen dieser Stürme überstanden. Und dann kam die eine Nacht. Die Nacht, in der die »Revenge« sank und mit ihr alle Mann an Bord. Nur der Kapitän war verdammt, weiterzuleben.

Bei diesem Gedanken überfiel Hauke, wie so oft, Übelkeit, und ihm wurde schwindelig. Ein Ring legte sich um seine Brust und drohte ihn zu ersticken.

Schnell schloss Hauke seine Augen. Gleich wären sie da, die Geister von damals. Und sie würden ihn in ihrem erbarmungslosen Griff halten, ihm die Luft abschnüren, seinen Kopf zum Bersten bringen, ihn ersäufen, ohne dass auch nur ein Tropfen Wasser seinen Mund berührte.

Seit damals erging es ihm so. Damals, als man ihn halb tot aus dem Wasser fischte, irgendwo vor England. Hauke schluckte. Fest die Augen zugekniffen, konzentrierte er sich auf die Besegelung seines untergegangenen Schiffes. Langsam erschien vor seinen Augen jedes einzelne der dreiundzwanzig Segel. Er sah ihre ausgefransten Risse, ihre geflickten Stellen. Er roch das Meer.

»Geiht ju dat nich so god?«

Erschrocken riss Hauke die Augen auf und sah in das besorgte Gesicht der älteren der beiden Frauen, zwischen denen er saß. »Ich war nur eingenickt.«

»As du meen tust, mien Jung. Ober utseen hett dat, as wenn de gliecks umfalln dohst.«

Hauke lächelte kurz. »Nein, ich falle nicht um. Es geht schon wieder.«

Die Frau glaubte ihm offensichtlich nicht. »Blass bist de. Siehst ut as’n Seemann, ober warst blass, wenn du op’n Boot büst.« Sie schüttelte den Kopf. Dann kramte sie in ihrem Korb herum und holte einen großen Apfel hervor, dessen Schale schon etwas schrumpelig war. Sie reichte Hauke den Apfel, wobei sie aufmunternd nickte. »Is vun letztes Johr. De Doktor hett mi secht, dat dat god sien schall.«

Hauke lehnte dankend ab.

Eigentlich hatte er die Überfahrt nutzen wollen, um über das tote Mädchen nachzudenken. Warum nur ging sie ihm nicht aus dem Sinn? Alles sah nach Selbstmord aus, aber irgendetwas stimmte nicht. Er konnte die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Da war dieses Gefühl. Und es wollte einfach nicht gehen. Warum war der Rock eingerissen? Woher hatte sie die Bordüre? Hauke war sicher, dass das Mädchen ihm etwas sagen wollte. Doch was?

Da spürte er einen Knuff in der Seite. Er blickte die Alte an. »Nu tu den Appel man nehmen, mien Jung. Wenn du do dröben bi di Kaiserliche Werft no Arbeit frogen deihst, nümm de dich doch gor nicht. Grön in’t Gesicht as’n Frosch.« Sie hielt ihm den Apfel hin, wobei sie mütterlich besorgt dreinschaute und zugleich fest entschlossen schien, das Obststück doch noch loszuwerden.

Seufzend nahm Hauke den Apfel. Er lächelte sie an, in der Erkenntnis, dass es Kriege gab, die man nicht gewinnen konnte. Da fiel ihm ein, dass er heute früh das Haus seiner Vermieterin Fräulein Bender ohne einen Bissen verlassen hatte. Sein Magen bestätigte dies mit einem lauten Knurren.

Er erhob sich von seinem Platz und ging nach vorn, zum Bug der kleinen Fähre. Herzhaft biss er in den Apfel und betrachtete dabei das Treiben auf dem Wasser.

Seit Kiel zum Kriegsmarinehafen erklärt worden war, mauserte sich nicht nur die Stadt, sondern auch das Umland. Emsig wurde überall gebaut, entstanden Straßen, Wohnblöcke und Fabriken. Es waren vor allem die Werften, die den Leuten Arbeit gaben. Und täglich kamen neue Arbeiter aus dem ganzen Reich hinzu. Die Stadt erinnerte Hauke an ein Ameisenvolk, das tagein, tagaus fleißig etwas Großes zu vollbringen gedachte.

Wehmütig schaute er zu den wenigen Segelschiffen hinüber, die hier und da an einem entfernten Kai lagen und entladen wurden oder weit draußen auf Reede lagen und warteten. Er bemerkte einen weiteren Großsegler, der mit halb gerefften Segeln in den Hafen einlief. Selbst aus dieser Entfernung wirkte das Schiff mit seinen fleckigen Segeln und den rostigen Masten schäbig wie ein räudiger Hund. Haukes Augen aber sahen das Majestätische in dem Viermaster, wie er ruhig in die Kieler Förde einfuhr und sich still seinem Ankerplatz näherte, während um ihn herum Dampfmaschinen stampften und schnauften. Wahrscheinlich hatte die Mannschaft des Seglers den Törn von der Nordsee über Skagen, ins Kattegat, vorbei an Samsø und Fünen bis nach Kiel hinter sich. Eine gefährliche Route, der schon Tausende von guten Seeleuten zum Opfer gefallen waren. Mit dem neuen Kanal konnte die Reise um Dänemark von Tagen und Wochen auf nur wenige Stunden verringert werden, doch nur, wenn man genug Geld für die Durchfahrt hatte oder nicht zu groß für die Schleppverbände war, so wie der Segler dort drüben.

Die Zeit der großen Segelschiffe schien vorbei zu sein. Jetzt sah man immer mehr dampfbetriebene Stahlschiffe, die als Schlachtschiffe, Kreuzer, aber auch als Frachter und Küstenschiffe ihren Dienst versahen. Ihre rußigen Wolken lagen auch jetzt über dem Hafen. Hauke zählte allein vier Kriegsschiffe, die vor der Kaiserlichen Werft am Ostufer lagen, um neu ausgerüstet oder repariert zu werden. Rechts von der Kaiserlichen Werft lag die Germaniawerft, wo gerade ein Handelsschiff darauf wartete, zu Wasser gelassen zu werden. Hauke wusste, dass man auf der Germaniawerft vor Jahren die Jacht des Kaisers gebaut hatte, die »Hohenzollern«. Mittlerweile gingen in Kiel jedoch fast nur noch Kriegsschiffe vom Stapel. Hauke fragte sich, wohin all das noch führen sollte. Wozu Kriegsschiffe bauen, wenn man nicht gedachte, sie auch zu nutzen?

4. KAPITEL

Concurrenzlos billiger Preis!10 hochelegante in Ganzleinen-Relief-Einbänden mit Rotschnitt und Goldpressung hergestellteBuchbändein Carton zu dem bisher noch nicht gebotenen Preise von 5Mark für alle 10Bände. Nach auswärts gegen Einsendung des Betrages zusätzlich 50Pf. für Porto, Verpackung und Spesen für1 bis2Exemplare. Ausschließlich zu beziehen durch: die Haupt-Expedition der »Kieler Neuesten Nachrichten und General-Anzeiger für Schleswig-Holstein«, Kiel, Faulstraße9.

Originalauszug: Kieler Neueste Nachrichten, 1896

Die Fahrt ans Ostufer hatte nicht lange gedauert. Als die Fähre in Ellerbek anlegte, drängten sich bereits die ersten Arbeiter der Kaiserlichen Werft am Anleger, um nach ihrer zehnstündigen Schicht nach Hause zu kommen.

Am Ostufer, dort, wo die Schwentine in die Förde mündete, lag auch die Villa Dora, das stattliche Anwesen Konsul Winters. Für ihn arbeitete Sophie-Luise Struwe als Hauslehrerin und Erzieherin seiner Kinder. Bisher hatte Hauke es stets vermieden, seine Verlobte hier zu besuchen. Er wollte das Entgegenkommen des Konsuls nicht zu sehr strapazieren. Immerhin hatte der Mann keine Einwände gegen Sophies Verlobung gehabt und erlaubte ihr, auch weiterhin seine Kinder zu unterrichten. Ob es auch so sein würde, wenn Sophie erst einmal verheiratet war, wusste Hauke nicht, denn es schickte sich nicht, als verheiratete Frau einer Arbeit nachzugehen. Dies mochte im einfachen Arbeitervolk üblich sein, nicht aber bei Frauen besseren Standes. Aber Sophie-Luise Struwe war anders als andere Frauen. Sie war gebildet, klug und modern. Außerdem hatte sie erleben müssen, was es bedeutet, von einem Mann abhängig sein zu müssen. Auch wenn es der eigene Vater war. Dank böser Zungen hatte sie alles verloren, ihr Elternhaus, das gesamte Familienvermögen und ihre Reputation. Am schlimmsten aber war der Freitod ihres eigenen Vaters. Hauke wusste, Sophie hatte sich damals geschworen, nie wieder ihr Wohl und Wehe in die Hände eines anderen zu legen. Und so hatte sie sich in Lübeck zur Lehrerin ausbilden lassen und unterrichtete heute die Kinder von Konsul Winter. Hauke wusste nur zu gut, dass er mit der Verlobung schon weit mehr von Sophie erhalten hatte, als er erwarten durfte.

Als Hauke kräftig an der Kette der Türklingel zog, hörte er im Inneren des Hauses ein leises Bimmeln. Die Villa war ein prächtiges Gebäude und im Besitz der Familie Winter, seit diese einige Fabriken sowie eine Eisengießerei unten bei den Werften gekauft hatte. Der Konsul war Witwer und galt als einer der reichsten Männer zwischen Dänemark und Hamburg. Hauke war ihm noch nie begegnet, rechnete es dem Mann jedoch hoch an, dass dieser Sophies Wunsch nach einer Verlobung mit einem Kommissar nicht ausgeschlagen hatte, was sein gutes Recht gewesen wäre.

Ungeduldig wartete Hauke darauf, dass jemand die Tür öffnen würde. Als dies nicht geschah, machte er sich auf den Weg um das weiß getünchte Haus herum, in der Hoffnung, im Garten jemanden anzutreffen. Die Sohlen seiner Stiefel knirschten über den fein geharkten Kies.

Den Garten hinter dem Haus hatte man großzügig im englischen Stil angelegt. Scheinbar zufällig gepflanzte Bäume lenkten gezielt den Blick über die Förde mit ihren spielzeugkleinen Kriegsschiffen, hinüber zur anderen Seite der Bucht. Dort konnte Hauke den Botanischen Garten erkennen, wo er und Sophie im letzten Sommer oft spazieren gegangen waren. Links daneben sah er die Gebäude des »Akademischen Krankenhauses« mit seinem pathologischen Institut, wo wahrscheinlich in diesem Moment die Leiche der toten jungen Frau ohne Namen obduziert wurde. Ein Stückchen weiter lag die Universität mit ihren weitläufigen Gebäuden. Ein kleiner Park trennte sie von dem etwas erhöht liegenden Schloss, auf dessen Dach die kaiserlichen Standarten flatterten, als Zeichen, dass Seine Hoheit Prinz Heinrich anwesend war. Die Aussicht war so beeindruckend, dass selbst das laute Schlagen von Hämmern auf leere Schiffsrümpfe auf den Werften nicht störte.

Hauke drehte sich zum Haus zurück und sah durch ein Fenster der Veranda seine Verlobte mit zweien ihrer Schülerinnen. Während Sophie umherging, saß ein etwa sechs Jahre altes Mädchen am Tisch. Sie hatte sich vorgebeugt, als schriebe sie etwas in ein Heft, während ihre Zunge zwischen den Vorderzähnen klemmte. Das andere Mädchen stand vor dem Tisch, in der Hand ein Buch, aus dem sie offenbar laut vorlas. Sie war älter, vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Hauke sah, wie seine Verlobte immer wieder aufmunternd nickte, wobei sie stets lächelte. Er hätte Sophie stundenlang beobachten können, doch die Zeit wurde knapp. Und so trat er die drei steinernen Stufen zum Wintergarten hinauf und klopfte ans Fenster.

Erschrocken fuhr Sophie herum.

»Hauke!«, rief sie erfreut und öffnete die Tür. Doch schon im nächsten Moment verfinsterte sich ihr Gesicht. »Ist etwas passiert?« Die Mädchen schauten den Mann in ihrem Garten neugierig an.

Gern hätte Hauke Sophie gesagt, dass er sie hatte sehen wollen und nicht bis zu ihrem nächsten freien Tag hatte warten wollen, doch das schickte sich vor den Kindern nicht.

»Ich habe nur eine Frage«, sagte er stattdessen. »Beruflich.« Huschte da Enttäuschung über Sophies Gesicht? Hauke war sich nicht sicher.

»Warte einen Moment«, flüsterte sie. Dann ging sie zurück in den Wintergarten, gab den Kindern kurze Anweisungen und verschwand im Inneren des Hauses. Kurz darauf kam sie mit einer gehäkelten Stola über den Schultern in den Garten. »Lass uns ein wenig gehen.«

Sie gingen nebeneinanderher, während zwei Paar Kinderaugen ihnen aufmerksam folgten. Wie gern hätte Hauke Sophie in die Arme genommen, aber er musste sich gedulden.

»Ist die Stola neu? Ich kenne sie gar nicht.«

»Gefällt sie dir?« Stolz lächelte Sophie, dabei strich sie zärtlich über den weichen Stoff. »Konsul Winter machte mir dieses Geschenk.« Als sie die Falten zwischen Haukes Augen bemerkte, erklärte sie schnell, dass es sich um ein altes Stück seiner Schwester handle, die vor Jahren das Haus verließ und die Kleidungsstücke nicht mehr brauche. »Du hast doch wohl nicht gedacht, dass mein Arbeitgeber mir solche Geschenke macht?« Sie lachte.

»Nein, nein, natürlich nicht.« Er fühlte sich wie ein Dummkopf. Kurz berührten sich ihre Hände. »Der Grund meines Besuches ist dies hier.« Hauke zog die Bordüre aus seiner Tasche und zeigte sie Sophie.

»Oh«, hauchte sie. »Duchesse-Spitze.« Vorsichtig strichen ihre Finger über die feine Arbeit. Sie nahm den Stoff in die Hand. »Danke«, flüsterte sie.

»Was kannst du mir darüber sagen?« Überrascht sah Sophie auf, und Hauke wurde schlagartig klar, dass sie wohl meinte, es könne ein Geschenk für sie sein. Er räusperte sich. »Wie viel kostet so etwas? Und wo kann man es kaufen?«

Schnell senkte Sophie ihren Blick und schwieg. Lange ließ sie den weichen Stoff durch ihre Finger gleiten, bis sie sich gefangen hatte. »Das ist die schönste Spitze, die ich je gesehen habe. Wem gehört sie?«

»Das ist es ja, ich weiß es nicht. Ich fand sie bei einer Toten, die ich heute Morgen aus dem Kanal gezogen habe.«

»Tote?« Schnell reichte sie Hauke die Bordüre und trat einen Schritt zurück, während sie ihre Finger am Rock ihres Kleides abwischte.

»Ja. Es könnte ein Freitod gewesen sein. Ich bin mir nicht sicher. Auffallend ist nur, dass es sich um ein Dienstmädchen handelt.«

»Ein Dienstmädchen könnte sich so etwas nicht leisten. Hat sie es ihrer Herrschaft gestohlen?« Sophie schaute noch einmal auf die Bordüre, fasste sie aber nicht an.

»Wir kennen weder den Namen der Toten, noch wissen wir, von wo sie kam oder wo sie arbeitete. Ich habe nur dieses Stückchen Stoff, um ihre Identität zu klären.«

»Zumindest scheint es keine industrielle Meterware zu sein. Die Ränder sind nicht umsäumt.«

»Es sind genau vier alte Ellen.«

Mit ein wenig Abscheu betrachtete Sophie den Stoff noch einmal genauer. »Sie wurde nicht für ein bestimmtes Kleid gemacht, weil das Maß sonst individueller wäre«, überlegte sie. »Ich glaube nicht, dass man in Kiel derart feine Ware kaufen kann.« Sie beugte sich vor, ohne die Spitze ein weiteres Mal zu berühren. »Die Borte wurde noch nie vernäht. Ich kann keine Einstichlöcher einer Nadel sehen.« Sie sah auf. »Entweder wurde die Bordüre erst kürzlich geklöppelt, oder sie lag lange in einem Schrank. Ein Erbstück vielleicht.« Sie sah auf. »War das alles?«

»Du hast Kontakt zum Personal in der Villa. Könntest du dich umhören, ob in Kiel ein Dienstmädchen vermisst wird oder jemand etwas von einem nicht der Polizei gemeldeten Diebstahl gehört hat?«

Sie legte ihren Kopf schief. »Küchentratsch?« Der Gedanke schien ihr nicht zu gefallen. »Könnt ihr Kriminalkommissare das nicht auch?«

»Nun ja«, zögerte Hauke. »So wie es aussieht, wird der Fall noch heute zu den Akten gelegt, es sei denn, der Obduktionsbericht lässt einen anderen Schluss als eine Selbsttötung zu.«

»Du hast wieder dieses Gefühl im Bauch?«

»Nicht nur das. Professor Haller ist in Berlin, und Dr.Schilling hat Dienst. In der Vergangenheit hat er aber viel zu nachlässig gearbeitet, als dass ich ihm vertrauen könnte.«

»Du traust dem Bericht des Gerichtsmediziners nicht?«

»Ich befürchte, er wird nur das Offensichtliche sehen: Freitod einer jungen Frau aus einfachen Verhältnissen. Er wird sich mit dem Fall nicht lange abgeben.«

»Und wenn der Mann stattdessen ein Verbrechen feststellt?«, fragte sie ihn lauernd. »Glaubst du ihm dann auch nicht?«

»Touché, meine Liebe.« Er lächelte. »Ich werde also den Bericht hinnehmen müssen, wie er kommt.«

»So ist es«, sagte sie in versöhnlichem Ton und hakte sich bei ihm ein. Gemeinsam gingen sie über den Kiesweg, wobei Sophie ihn sanft zu einer Bank dirigierte, die unter zwei großen Eichen stand. Sie nahmen Platz.

»Ich muss versuchen, so viel wie möglich über das Mädchen zu erfahren. Sie wird einen Namen haben und eine Familie.« Er blickte auf die Förde hinaus. »Sie sollte nicht anonym hinter einer Friedhofsmauer verscharrt werden. Sicherlich hat sie Eltern und Geschwister. Die Familie sollte wissen, was ihr zugestoßen ist.«

Sophie legte ihre Hand auf seinen Arm. Dann stand sie auf und hielt Hauke ihre Hand hin. »Darf ich den Stoff bis morgen behalten? Ich werde die Mamsell des Konsuls fragen, ob sie etwas gehört hat. Und dann werde ich zu Frau Ehmke am Markt gehen. Sie betreibt den Kurzwarenladen und wird mir sicherlich sagen können, welche Schneiderin derart edle Stoffe verarbeitet und verkauft.«

Hauke erhob sich. Er nahm seine Verlobte in den Arm und drückte sie an sich. »Danke.«

Über Sophies Schulter hinweg sah er zwei Kindergesichter an den Scheiben des Wintergartens kleben. Sie kicherten, wobei sie ihre Hände vor den Mund hielten. Er winkte ihnen zu. Flugs verschwanden die beiden Gesichter vom Fenster.

5. KAPITEL

Drahtberichte:Berlin.Die »Times«-Meldung, der Staatssekretär Lenss betreibe die Überführung militärisch ausgebildeter deutscher Ansiedler nach Tansvaal, beruht ihrem ganzen Inhalte nach auf Erfindung.

Originalauszug: Kieler Neueste Nachrichten, 1896

Als Hauke im Martensdamm eintraf, waren die Gänge des Kommissariats bereits leer. Drei Gaslampen an der Wand erleuchteten den schmucklosen Flur bis zu einem Oberlicht über der vorletzten Tür, durch das Licht auf den Gang fiel.

Hauke trat in Blochs Schreibstube. Der Sekretär hockte über einigen Akten, die er stempelte, kopierte, ergänzte oder archivieren musste. »Sollten Sie nicht längst bei Ihrer Familie sein, Bloch?«

Der Mann schreckte hoch. »Wie spät ist es denn?« Er zog eine Taschenuhr aus seiner Weste. »Oh je.« Eilig klappte er die letzte Akte auf seinem Tisch zu, zog die Schoner von den Unterarmen, legte sie ordentlich zusammen und verstaute sie in einer Schublade seines Tisches. Dann erhob er sich, nahm seinen zu großen Wollmantel vom Haken hinter der Tür, warf ihn über die schmalen Schultern und setzte die Melone auf den Kopf. Bevor er aus der Tür lief, drehte er sich noch einmal um. »Und warum sind Sie noch hier, Herr Kommissar?«

Hauke durchsuchte gerade einen Ablagekorb, der auf einem Regal stand. »Ich hatte gehofft, der Obduktionsbericht sei schon fertig.«

»Nein. Dr.Schilling kommt frühestens morgen dazu, die Tote zu untersuchen, sagte er. Wenn überhaupt.«

Leise grummelte Hauke vor sich hin. Er wusste, dass es noch immer keinen festen Gerichtsmediziner für die neue Kriminalpolizei gab. Man musste sich bei Pathologen der Universität oder den örtlichen Medizinern hinten anstellen und warten, bis man dran war. Dr.Schilling hatte einmal gemeint, dass Haukes Kunden ja wohl kaum noch weglaufen könnten und daher auch keine Eile geboten sei.

»Erwarten Sie denn Ungewöhnliches von der Untersuchung der Leiche, Herr Kommissar? So wie es aussieht, hat das junge Ding seinem Leben selbst ein Ende gesetzt.«

Die beiden Männer verließen die Schreibstube. Bloch schloss die Tür hinter sich sorgsam ab. Dann löschte er die Gaslampen, bis der Gang in Dunkelheit lag. Nur noch aus dem Treppenhaus schimmerte ein dämmriges Licht.

»Es ist ein Gefühl, Bloch, mehr nicht. Zu viele offene Fragen. Zum Beispiel jene nach der teuren Spitze, die um ihren Arm gewickelt war. Oder die Frage, wo der fehlende Stofffetzen von ihrem Rock ist. Warum gibt es keinen Abschiedsbrief? Warum vermisst sie keiner?«

Bloch nickte ernst, wie ein Arzt, der eine schwierige Diagnose stellen musste. »Ich verstehe, Herr Kommissar.«

»Was verstehen Sie?« Hauke blieb auf dem Treppenabsatz stehen.

»Ihnen ist langweilig.« Bloch, der zwei Stufen unter ihm stand und dadurch noch kleiner wirkte, sah entschuldigend zu ihm herauf. »Bitte verzeihen Sie, aber seit Ihrem Einsatz in Brunsbüttel, wo Sie unseren Kaiser vor einem Attentat schützten, eine Mörderin überführten, einen Betrüger und Mörder–«

»Bitte, Bloch«, unterbrach Hauke ihn. »Lassen Sie das.«

»Entschuldigung.« Bloch schob seine Brille hoch. »Seit dem letzten Jahr hatten Sie es nur mit kleinen Fällen zu tun, deren Sachlage eindeutig war: ein Ehemann, der im Suff die Frau erschlug; ein leichtes Mädchen, das ihr uneheliches Kind ersäufte. Nichts, was Sie wirklich hätte herausfordern können.«

Hauke runzelte die Stirn. War es so profan? Sah er überall Verbrechen, nur weil er sich langweilte? Machte er aus einem einfachen Selbstmord ein Gewaltverbrechen, nur um irgendein Geheimnis lüften zu können, das es vielleicht gar nicht gab? Bloch hatte insofern recht, als er vermutete, dass Hauke in letzter Zeit ein Gefühl von Eintönigkeit überfiel. Doch warum war ihm gerade dieser Selbstmord so suspekt?

Als sie auf die Straße traten, blieb Bloch stehen. »Kommissar Kleinschmidt wird spätestens übermorgen die Akte schließen. Ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit.« Dann lupfte er seinen Hut.

Nachdenklich sah Hauke dem kleinen Mann nach, der nun zu seiner Familie ging. Hauke indes schlenderte allein durch die leeren Straßen der Stadt. Seine Schritte hallten von den Wänden der Häuser, deren Fenster bereits dunkel waren. Gaslampen zwischen den Häuserfronten warfen ihren gelblichen Schein auf das Kopfsteinpflaster.

Hauke hatte es nicht eilig, in seine Dachkammer bei Fräulein Bender zu kommen. Er hatte die Kammer angemietet, weil das Fenster darin weit zu öffnen war. Wenn die Anfälle von Panik kamen, riss er das Fenster auf, spürte die kühle Luft auf seiner nackten Haut, atmete tief ein und wartete, bis die Dämonen in seinem Kopf und in seiner Brust wieder verschwunden waren. In den letzten Monaten kamen sie seltener. Nur manchmal überraschten sie ihn. So wie heute auf der Fähre nach Ellerbek. Doch der Anfall war kaum der Rede wert gewesen. Kurz flammten vergangene Bilder in Haukes Kopf auf, wie er in seiner Zelle zu ersticken drohte, wie sie ihm in der Anstalt mit Eiswasser die Erinnerungen zurück in seinen Kopf jagen wollten. An diesem entwürdigenden Ort war er jeden Tag aufs Neue gestorben. Und dennoch lebte er.

Nachdem man ihn damals freigesprochen hatte und aus der Anstalt entließ, hatte er nächtelange Wanderungen unternommen, nur um nicht wieder zwischen Wänden eingesperrt sein zu müssen. Hauke hatte gelernt, die Dämonen einigermaßen in Schach zu halten, wenn er sie schon nicht beherrschen konnte. Unordnung kann man stets mit Ordnung bekämpfen, selbst wenn sie nur in seinem Kopf war.

Oft wanderte Hauke stundenlang durch die verlassenen Gassen der Stadt, wenn ihm ein Fall Sorgen bereitete. So wie heute.

Als Hauke zum elften Schlag von St.Nikolai den Marktplatz erreichte, atmete er tief ein. Es war ihm, als käme mit dem beißenden Kohlegeruch aus den Schornsteinen der Häuser und Schiffe auch der zarte Duft von Frühling in seine Nase. Vielleicht würde er am Sonntag mit Sophie einen Ausflug in den Botanischen Garten machen. Sophie liebte Blumen. Sie würde auf einen kleinen Garten bestehen, wenn sie erst einmal verheiratet waren.

Über der Stadt wachte in dieser Nacht ein voller Mond, umgeben von Tausenden heller Punkte. Hauke erkannte Sternbilder, die ihn auf seinen Fahrten immer begleitet hatten. Der Löwe, der Große und der Kleine Wagen, ein wenig gen Norden stand hoch oben der Fuhrmann, und auch Perseus war gut zu sehen. Widder und Andromeda hingegen versteckten sich hinter dem Kirchturm. In diesem Moment hörte Hauke Stimmen.

»Hilfe! Überfall!«

Hauke horchte auf. Dann rannte er zur Flämischen Straße hinüber, aus der die Schreie kamen. Ein Stück entfernt sah er im Schein einer Gaslaterne zwei Männer kämpfen. Einer hielt ein Messer in der Hand. Kurz blitzte die Klinge auf. Mit wenigen Schritten hatte Hauke die beiden erreicht. »Polizei! Aufhören!« Er riss den Kerl mit dem Messer von dem anderen fort. Der Mann kam ins Stolpern und schlug rückwärts auf den Boden. Sein Messer flog im hohen Bogen in den Rinnstein.

»Die Kanallje hat ma beklau’n woll’n!«, schrie der andere keuchend an eine Hauswand gelehnt.