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Das Buch geht in zehn einst selbständigen Städten auf die Suche nach ihrer verbliebenen Individualität. Auf seinen Spaziergängen sammelt der Autor Mosaiksteine, die sich zu einem atmosphärisch stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Dabei erkennt er in scheinbar Banalem das Typische, dokumentiert Zufallsbegegnungen, stellt Fragen, assoziiert und kommentiert. Die einzelnen Kapitel können unabhängig voneinander gelesen werden. Vorgestellt werden Hamburg-Harburg, Berlin-Köpenick, Wolfsburg-Vorsfelde, Eisenhüttenstadt-Fürstenberg, Düsseldorf-Kaiserswerth und Krefeld-Uerdingen (diese beiden in einem gemeinsamen Kapitel), ferner Koblenz-Ehrenbreitstein, Frankfurt-Höchst, Würzburg-Heidingsfeld und Karlsruhe-Durlach. Das Ganze ist in eine kleine Rahmengeschichte aus Pro- und Epilog eingebettet. Sie spielt in einer elften "Schattenstadt", deren Name nicht genannt wird. Es dürfte reizvoll sein, diesen Ort selbst herauszufinden.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2013
www.tredition.de
Klaus Künzel: Verschluckte Städte
Zu diesem Buch
Was hat Berlin mit Koblenz, Düsseldorf und Eisenhüttenstadt gemeinsam? Sie alle haben sich im Laufe ihres Wachstums eine kleine mittelalterliche Stadt in ihrer Nähe einverleibt. Haben die in den Schatten geratenen Städtchen mit dem Verlust ihrer politischen Eigenständigkeit auch ihre Individualität verloren? Vom Gegenteil überzeugt, ist Klaus Künzel in zehn einst selbständigen Städten von Hamburg-Harburg bis Karlsruhe-Durlach auf Suche gegangen. Was er entdeckte, ist so alltäglich wie überraschend. Überall traf er auf reiche Geschichte, auf Zeichen von Zerstörung und Aufbau, oft auf Spuren Prominenter ihrer Zeit. Und ob er sich in einem zur Unkenntlichkeit entstellten Ort oder in einem herausgeputzten Schatzkästchen befand: Überall begegnete er Menschen, denen das eigenständige Profil ihrer kleinen Stadt wichtig ist, einfach weil sie sie lieben. So sind Künzels einfühlsame Momentaufnahmen zugleich ein Plädoyer für einen unvoreingenommenen Blick auf die, die jenseits der Glitzerfassaden sonst von keinem mehr wahrgenommen werden.
Klaus Künzel entstammt einer über ganz Deutschland verstreuten Familie und entwickelte schon als Kind ein besonderes Gespür für die charakteristischen Merkmale von Landschaften und Städten. Er ist pensionierter Gymnasiallehrer für Geographie und Mathematik. Seine Leidenschaft für vergessene Orte ließ dieses Buch entstehen.
Klaus Künzel
Verschluckte Städte
Zehn Spaziergänge durch ganz besondere Stadtteile
www.tredition.de
© Klaus Künzel 2013
Umschlagbild: Eisenhüttenstadt-Fürstenberg, Frankfurt/M. Foto S.76 Axel Hindemith, alle anderen Fotos Klaus Künzel Grafik S.6 Klaus Künzel
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN 978-3-8495-0186-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Inhaltsverzeichnis
Der rote Schatten
Ein Prolog
Die zertrümmerte Flasche
Hamburg-Harburg
Alles Ding hat seinen Ort
Berlin-Köpenick
Pudding an den Lippen
Wolfsburg-Vorsfelde
Das Erbe von Schrottgorod
Eisenhüttenstadt-Fürstenberg
Hier im Frack – da im Sack
Düsseldorf-Kaiserswerth – Krefeld-Uerdingen
Schatzkistchen zu entstauben
Koblenz-Ehrenbreitstein
Ankara mit grüner Soße
Frankfurt-Höchst
Phönix ohne Schmuckgefieder
Würzburg-Heidingsfeld
Wo die Nazuma blüht
Karlsruhe-Durlach
Kein roter Schatten
On revient toujours à ses premières amours
Für Gabi,
die mich fahren ließ
Ein Prolog
Mein Schlüsselerlebnis hatte ich noch in meiner Schulzeit.
Zu unserer Schule gehörte ein Internat. Unter meinen Klassenkameraden gab es daher eine ganze Reihe von Kindern reicher Eltern, verwöhnt und ungeliebt, arrogant und unsicher, abgeschoben in die vermeintlich sichere Obhut der renommierten Bildungsanstalt. Bei uns würden ihnen die fehlenden Werte schon beigebracht werden. Für mich waren sie geheimnisumwitterte Boten aus fernen Welten, die wenig von sich preisgaben. Lieber prahlten sie mit ihrer Herkunft.
Meine Eltern fahren einen Studebaker mit Weißwandreifen.
Meine lassen mich manchmal auf ihrer Yacht mitsegeln.
Mein Vater operiert in seiner Klinik nur Prominente.
Ach, und meiner braucht nur die richtigen Leute anzurufen, dann kann deiner seine Klinik dichtmachen.
Am meisten faszinierte es mich, wenn sie über die Vorzüge ihrer Städte sprachen. Einer wohnte in Kaiserslautern am Fußballstadion. Da gab es regelmäßig Schlägereien nach den Spielen. Und in den Clubs der Amerikaner wurde der heißeste Blues gespielt. In Wuppertal gab es außer der Schwebebahn eine Gerichtsmedizin, wo mein Banknachbar seinem Papa beim Öffnen der Leichen über die Schulter gucken durfte. Da machte es pffft, und es krochen Maden heraus. In Saarbrücken gab es Wettrennen mit gestohlenen BMWs. Und das größte und schönste Freibad Deutschlands war natürlich das von Hannover. Ihr solltet mal die Mädchen sehen, sagte Louis, die da jeden Tag auf die Wiese kommen. Heidelberg! Dortmund! Köln! Jeder Name eine Steigerung, jeder eine Verheißung. Da konnte ich nicht mithalten.
In den Herbstferien veranstaltete Martin bei sich zuhause eine Party. Warum er ausgerechnet mich dazu eingeladen hatte, weiß ich nicht. Martin, der alle Mädchen haben konnte. Mich, den schüchternen Biederling. Da musst du mir aber eine geben, bei der ich nicht alles selber machen muss, sagte ich. Mach dir mal keine Sorgen, war seine Antwort.
Martin wohnte fünfhundert Kilometer von meinem Wohnort entfernt in einer Stadt, die als großes Industriezentrum bekannt war. Ich war noch nie dort gewesen. In meiner Vorstellung sah ich qualmende Fabrikschlote und Hochöfen in einem Häusermeer aus vierstöckigen Mietskasernen, dazwischen breite Straßenschneisen voll hupender Autos, eilender Fußgänger und überfüllter Straßenbahnen. Kaufhäuser mit Rolltreppen bis in die vierte Etage, ein buntes Gemisch aus Läden und Kneipen, natürlich auch das berühmte neue Theater und die Hochhäuser der großen Konzerne. Etwas abseits davon dachte ich mir großzügige alte Stadtvillen in parkartigen Grundstücken, in einer von ihnen könnte Martin mit seinen Eltern wohnen. Auch wenn sein Vater „nur“ Apotheker war, wie Martin betonte – oder gerade deswegen –, Geld musste er ja haben. Gesprochen haben wir über all dies nie.
Und dann das. Eigentlich hatten wir auf den zehn Kilometern Fahrt vom Hauptbahnhof die Stadt längst hinter uns gelassen. Die Stadt, die zu meiner Genugtuung tatsächlich so existierte, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Aber inzwischen hatte sie sich zwischen Feldern und Waldstücken aufgelöst. Dann senkte sich die Straße hinab in ein Flusstal. Jenseits der Brücke lag eine enge verwinkelte Kleinstadt, deren Spielzeughäuschen sich um eine stattliche uralte Kirche drängten. In einer schmalen Gasse mit Fachwerkhäusern hielten wir vor einer Apotheke an. Wir waren am Ziel.
Martins Eltern erzählten mir beim Kaffee, dass dieses Städtchen seit langem ein Teil der großen Stadt war. Sie hatte es irgendwann eingemeindet. Dabei war es sogar fünfzig Jahre älter. Seitdem hatten sie nicht viel zu lachen. Entschieden wurde nun woanders: wie viel Geld man vom großen Kuchen abbekam, was gebaut werden sollte und was nicht. Sie brachten ein paar Beispiele, die mir nicht viel sagten, weil ich mich hier nicht auskannte. Aber ich spürte, worum es ihnen ging: Ihrer kleinen Stadt war die Seele genommen worden.
Was war die Seele dieses Ortes? Instinktiv begab ich mich in eine Gegenposition zur Resignation der Eltern. Ich war noch nie hier gewesen und empfand doch vom Moment des Aussteigens an eine Atmosphäre, die diesen und nur diesen Ort auszeichnete. Woran sich dieses Gefühl festmachte, hätte ich nicht sagen können. Tausend kleine Eindrücke, jeder einzelne für sich genommen wahrscheinlich so belanglos wie der andere, summierten sich zu einem großen, und mit jedem Moment kamen neue dazu. Ich hörte den melodischen Tonfall der Stimmen, Motorengeräusche durch das Fenster, den raschelnden Wind. Ich roch Kaffee und Putzmittel und Abgase und sogar den Fluss, sah die gediegene Bürgerlichkeit des Altstadthauses, rote Dächer, im Hintergrund Bäume. Eine Turmglocke schlug. Davon, wie die Menschen miteinander umgingen, hatte ich noch nicht viel mitbekommen; aber man hatte uns vorhin auf der Straße gegrüßt. Doch etwas fehlte noch in meinem Bild, etwas Entscheidendes. Etwas Naheliegendes, das ich nicht wahrnahm.
Der Abend hielt dann noch eine angenehme Überraschung für mich bereit, nachdem er enttäuschend begonnen hatte. Wir feierten in einem Partyraum der Schule, die ein paar Schritte unterhalb der Altstadt direkt am Flussufer lag. Viel buntes Krepppapier dämpfte die Beleuchtung, duftendes Wachs tropfte auf die Basthüllen bauchiger Flaschen. Die verhangenen Fenster erzeugten einen gemütlichen Höhleneffekt, und die Musik der Stones und von Cream traf meinen Geschmack. Die Gäste waren alle in meinem Alter und schienen sich untereinander gut zu kennen. Die meisten Mädchen waren ein bisschen geschminkt, aber nicht aufgetakelt. Martin teilte mir beiläufig mit, dass die für mich bestellte Partnerin – er sagte wirklich „bestellt“ – wahrscheinlich nicht kommen könne, und verschwand daraufhin in einer Gruppe aus Mädchen und auch ein paar Jungen, die ihn umringten. Von mir schien niemand Notiz zu nehmen.
Ich stellte mich mit einem Bier an die Theke und saugte an meiner Zigarette. Ich wusste nicht, was ich hier sollte. In der Rolle des Beobachters ließ sich der Abend vielleicht noch am ehesten überstehen. Ich machte mich daran zu erkennen, wer zu wem gehörte, wer die Gravitationszentren waren (eines davon zweifellos: Martin!), wer umherflatterte und wer eher abseits stand. Noch ein Bier.
Neben mir war ein Mädchen an die Theke gekommen, um sich ein Glas zu holen. Aus den Augenwinkeln registrierte ich ihre unauffällige Erscheinung in Jeans und Pulli, klein und ein wenig pummelig. Ich muss zugeben, dass ich sie im Schatten der attraktiveren Mädchen bisher übersehen hatte. Anstatt mit dem Glas wieder in den Raum zu gehen, drehte sie sich zu mir und sah mich aus graublauen Augen interessiert an. Ich muss ziemlich unbeholfen dagestanden haben und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Da sagte sie mit einer Freundlichkeit, die mir auf Anhieb alle Beklommenheit nahm: „Hallo, dich habe ich hier ja noch nie gesehen.“
Ich brauche nicht zu betonen, dass dank Uta der Abend für mich gerettet war. Ob auch ich ihren Abend gerettet habe, lasse ich dahingestellt. Zumindest habe ich guten Grund es anzunehmen. Uta erklärte mir, dass die meisten der Partygäste auf diese Schule gingen, auch Martin sei hier gewesen, bevor er aufs Internat geschickt wurde. Sie selbst besuchte eine andere Schule des Ortes, wie auch noch ein paar weitere im Saal. Daher war diese Party, die mir zunächst wie ein Klassenfest vorkam, in ihren Augen eher ein Cliquentreffen des Stadtteils, zumal ausnahmslos alle hier im Ort wohnten. Ein Treffen der Dorfjugend, wie mir schien. Mich erstaunte, wie wenig Kontakte in die große Stadt bestanden, zu der sie doch gehörten.
Uta fragte mich über das Leben im Internat aus; sie hielt Martins gelegentliche Schilderungen für übertrieben. Auch wenn ich selbst nur Ortsschüler war, wusste ich doch genug von Erziehermarotten, Kollektivstrafen und missglückten Stubenabenden zu erzählen und konnte sie sogar ein paar Mal zum Lachen bringen. Ihre Unbekümmertheit war ansteckend. Sie parodierte ihren Geschichtslehrer, träumte von einem Austauschjahr in Amerika und wollte sowieso nur von zuhause weg, denn in der Klasse fühlte sie sich gehänselt und von den Eltern eingeengt. Manchmal nestelte sie an der Herzmuschel herum, die an ihrer Halskette hing. Zwischendurch tanzten wir. Sie konnte genauso wenige Schritte wie ich. Am besten ging es, wenn die Musik langsam und die Beleuchtung schummrig wurde. A whiter shade of pale. Ein paar Mal meinte ich spöttische Blicke zu spüren. „Wolln wir rausgehen?“, fragte Uta.
Es war ein ungewöhnlich milder Herbstabend. Wir hatten uns auf eine Bank im Park der Flussinsel gesetzt, die man über einen kleinen Steg neben der Schule erreichte. So saßen wir in der Dunkelheit nebeneinander, mein Arm auf ihrer Schulter, und blickten über den stillen Fluss auf die Hügel gegenüber. Lichter und Geräusche waren hinter uns geblieben.
Im schwarzen Fluss spiegelten sich die Lichter des anderen Ufers, der Wald darüber war von der Nacht verschluckt. Dahinter irgendwo verbarg sich die große Stadt. Doch sie verriet sich mit dem unheimlichen dunklen Rot des Himmelsstreifens über dem Hügel, das nach oben langsam in die Schwärze des Sternenhimmels überging. Ein lauerndes Rot, das seine Schatten zu uns warf. Ein drohendes Rot, entstanden aus Millionen Lichtern, Maschinen, Motoren, aus Energie und Kraft.
Mit einem Mal spürte ich die unentrinnbare Macht der großen Stadt geradezu körperlich als Belastung. Der Schatten ihrer Gegenwärtigkeit fiel auf alles hier im Ort und schaltete seine Farben auf Moll. Dieser Grundton war wie das dumpfe Ostinato aus dem Maschinenraum eines großen Schiffes: man ist sich seiner Existenz gar nicht mehr bewusst, aber man kann sich ihm nicht entziehen. Die Klarheit dieser Erkenntnis ließ mich erschrecken. Ja, das war es. Was mir zu meinem Bild des Ortes gefehlt hatte, war nicht der soundso vielte Mosaikstein, es war der Schatten.
„Dieser Himmel dort hat etwas Unheimliches“, sagte ich.
„Findest du?“
Sie kennt nichts anderes. Sie alle kennen nichts anderes. Sie spüren den Schatten nicht, der über ihnen droht und der ihnen den Atem absaugt, hinein in seine glühenden Tiefen, von keiner Schutzwand aufgehalten.
„Ob er wohl genauso unheimlich wäre, wenn ihr hier eine eigene Stadt wäret?“ Es war mehr wie ein lautes Nachdenken.
„Du kannst vielleicht Fragen stellen“, antwortete Uta. „Du bist ja da, was soll mir da unheimlich sein.“
Ich zog sie näher an mich. Meine Finger fanden ihre Kette.
„Was ist das für eine Muschel?“ fragte ich. Darin klapperte etwas.
„Eine Perle“, flüsterte Uta. „Unter zehntausend solcher Muscheln findest du vielleicht eine mit einer Perle. Ach was, hunderttausend.“
Ich bewegte die klappernde Muschel ein wenig zwischen den Fingern. Dann umfasste ich behutsam Utas Kopf. „Sie passt zu dir“, sagte ich leise. Dann küssten wir uns lange und innig.
Es ist wunderschön, sie zu küssen, dachte ich. Sie küsst mich so, als hätte ich gesagt, sie sei die Perle. Als hätte sie zum ersten Mal gesagt bekommen, dass sie einzigartig sei unter hunderttausend. Sie macht sich etwas vor. Eigentlich hätte ich fragen müssen, wie die Perle entdeckt wurde, von wem sie die Muschel hatte, und überhaupt ob da nicht vielleicht nur ein Steinchen klapperte. Selbst wenn es wirklich eine Perle war: Sie blieb unsichtbar, war für immer eingeschlossen und bekam kein Licht zu sehen. Sie passt zu dir – dafür könnte Uta mich ohrfeigen und heulend weglaufen. Aber sie küsst mich, und dieser Kuss ist tief und berauschend. Uta scheint nicht die zu sein, die jedes Wort auf die Goldwaage legt. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn das „bestellte“ Mädchen erschienen wäre. Martin hatte so anzüglich gegrinst. Ich habe keinen Grund mich zu beklagen.
Natürlich ist die Perle im Schoß der Muschel gewachsen. Im Bewusstsein, dass mein Vergleich daher gewaltig hinkte, sagte ich, als wir Hand in Hand langsam über den Steg zurückgingen: „Euer Städtchen kommt mir vor wie deine Perle“.
Sie sah mich groß von der Seite an.
In diesem Moment schlug dumpf die Glocke der alten Abteikirche. „Da hast du’s“, meinte ich noch. „Nur hört sich das Klappern anders an.“
Utas Lächeln verriet, dass sie mich nicht verstanden hatte. „Ach du“, sagte sie nach einer Weile und drückte meine Hand fester.
Schattenstädte haben mich seither nicht mehr losgelassen. Der Name einer großen Stadt lässt immer an die großen Sehenswürdigkeiten denken: das Brandenburger Tor, den Michel und die Binnenalster, die Frauenkirche. Aber da gibt es abseits des Zentrums die vergessenen alten Städtchen, manchmal gar älter als die große Stadt, die irgendwann durch Eingemeindung ihre Selbstständigkeit verloren und im Reiseführer bestenfalls auf den letzten zwei Seiten unter „Außenbezirke“ kurz erwähnt werden. Mich interessiert, ob dort heute noch ein eigener Stadtgeist zu spüren ist. Ein Stadtbewusstsein, das mehr ist als ein Viertelsgeist, der sich in Stadtteilzeitungen und Straßenfesten niederschlägt. Ich suche nicht das Ghetto, den Kiez, das angesagte Viertel, es sei denn die alte Stadt ist dazu verkommen. Ich hoffe, mehr zu finden. Die funktionierende Lebendigkeit eines städtischen Organismus, die in Jahrhunderten gewachsen ist, kann doch nicht durch einen Verwaltungsakt spurlos verschwinden.
Ich habe versucht, in kurzen Aufenthalten meine Fühler auszufahren und etwas von der verbliebenen Individualität einiger dieser verschluckten Städte zu erfassen. Zwei Tage pro Stadt, mehr erlaube ich mir nicht. Meine subjektiven Eindrücke, da bin ich sicher, werden reichlich genug sein, um ein stimmiges Bild entstehen zu lassen, und viel zu spärlich, um Sie nicht zu Ergänzungen oder Aktualisierungen aus eigener Kenntnis zu motivieren. Fahren Sie nach der Lektüre doch selbst hin und fügen Sie Ihre Beobachtungen hinzu. So tragen Sie dazu bei, die in den Schatten geratenen Städte ins Licht treten zu lassen. Vielleicht werden ja Perlen freigelegt.
Hamburg-Harburg
Die Erreichbarkeit einer Stadt und ihre Zugänglichkeit sind zwei verschiedene Dinge. Dass im Harburger Bahnhof die großen Fernzüge halten, könnte glauben machen, diese Stadt ließe sich auf breitem Pfad im ICE-Tempo erschließen. Die Täuschung ist perfide. Der Bahnhof ist das überdimensionierte Tor eines Labyrinths, das einen gleich nach Betreten der Stadt in Verwirrung stürzt. Selten treffen auf engstem Raum so viele Brüche aufeinander. Es brechen sich Stile, Zeiten, soziale Milieus. Die Stadt ist von ihrer Keimzelle mehrfach vertrieben worden, ohne wirklich neu heimisch zu werden. Verwundet und geschändet leckt sie ihre Blessuren, doch weder Heftpflaster noch Totaloperation und Organverpflanzung erweisen sich als die geeignete Therapie. Intensiv bemüht sie sich um Identitätsfindung: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wer kann ich sein? Indes steht der nächste Wunderdoktor schon bereit: Die große IBA soll es richten. Jedenfalls bietet Harburg, um es nun endlich positiv zu formulieren, ein außergewöhnlich facettenreiches Bild. Die Stadt im Schatten der großen Elbmetropole ist ein komplexes Kaleidoskop. Es lohnt sich hineinzublicken.
Nein, ich bin nicht im ICE gekommen. Die Hamburger S-Bahn der Linie 31 nach Harburg, die sich im Hauptbahnhof gehörig geleert hatte, bietet an diesem Vormittag den interessanteren Ausblick auf das, was mich erwartet. Und dies nicht nur im Hinblick auf die Topografie. Unter den wenigen Fahrgästen in meinem Wagen bemerke ich zwei Jugendliche mit Baseballkappen und Kopfhörern, einen Afrikaner mit Plastiktüten, ein paar Hausfrauen. Den graumelierten Herrn mit Laptopköfferchen sortiere ich in die Schublade „Ortsfremd“. Er könnte zum Beispiel Gastdozent der TU sein und beobachtet jetzt Ähnliches wie ich. Ein kleines arabisches Mädchen singt und plappert unaufhörlich und lässt sich auch durch wiederholtes kehlig ausgestoßenes Schimpfen seiner missmutigen Mutter nicht aus der fröhlichen Ruhe bringen.
Wir haben inzwischen auf einer schweren Eisenbrücke die Elbe überquert, aber das andere Ufer, an dem unser Ziel liegt, ist noch fast zehn Kilometer entfernt. Denn der überbrückte Strom war nur ein Flussarm, und nun durchqueren wir zwischen Norder- und Süderelbe die große Elbinsel, die Harburg von Hamburg trennt. Durch weitere Wasserläufe in mehrere Teilinseln zerlegt, stellte sie für den Verkehr früherer Zeiten ein Hindernis ersten Ranges dar – weshalb die Charakterisierung von Harburg als südlicher Brückenkopf Hamburgs zumindest für die Anfangszeit falsch ist. Eine feste Verbindung existiert erst seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Auf den Inseln halten wir an den Stationen Veddel und Wilhelmsburg, zwei im Zuge von Industrialisierung und Hafenausweitung entstandenen Arbeiterstädten. Sie gelten heute als soziale Brennpunkte und sind inzwischen zum Objekt von unterschiedlichsten Aufwertungsmaßnahmen geworden. Vielleicht wird es irgendwann trendy sein, dort zu wohnen.
Der Afrikaner steigt in Wilhelmsburg aus; ich widerstehe der Versuchung, ihm nachzugehen. Dafür geht mir durch den Kopf, wie es ihm ergehen könnte, wenn es jetzt dunkler Abend wäre, und auch wie es mir ergehen könnte oder dem Mann mit dem Laptop. Sind es nicht genau diese S-Bahn-Strecken, die immer wieder in Negativschlagzeilen auftauchen? Zugleich erschreckt es mich, dass ich so denke. Ich merke, dass mir die Abwehrhaltung, in die ich mich unwillkürlich begeben habe, den offenen Blick auf die Menschen versperrt, den ich für den Gang durch Harburg benötigen werde. Welchen Menschen werde ich begegnen? Du wirst da nur Trinker und Drogengangs antreffen und vielleicht noch spießige Kleinbürger, hatte man mich gewarnt.
Endlich die Süderelbe. Wo ist Harburg? Ich sehe nur Baukräne und alte Fabrikhallen. Dann verschwindet die S-Bahn in einem Tunnel, wir sind am Ziel. Ich lasse mich von Hinweisschildern durch das System unterirdischer Gänge leiten und trete endlich ans Tageslicht.
Die ersten Brüche zeigen sich gleich zu Beginn. Dem Bahnhof gegenüber wird die massige Klinkerfront der Phoenix-Werke abrupt durch die nicht minder gewaltige Glasfassade des Phoenix-Centers abgelöst. Für den riesigen Einkaufstempel wurde der stadtwärtige Teil des Fabrikgeländes abgerissen; der verbliebene Teil beherbergt unter anderem eine renommierte Kunstsammlung. Die Gummifabrik, einst Flaggschiff der Harburger Industrie mit 9000 Beschäftigten in den 1970er Jahren, ist shoppen gegangen. Nun liegen solche Umwidmungen ja durchaus im Trend; im Ruhrgebiet wurden die Malls in ehemaligen Kohlezechen errichtet. Und doch erstaunt die gnadenlose Augenfälligkeit des Strukturwandels. Das Innere des Phoenix-Centers ist mit seinen Einkaufsebenen, Lichthöfen, Filialläden, Wasserspielen und künstlichem Grün ein Unort, wie man ihn aus Dutzenden anderer Städte kennt. Zugleich ist es ein Magnet, der enorme Kaufkraft an sich bindet. Wer soll dann noch in den Läden der Innenstadt einkaufen?
Als ich mich in einer großen Buchhandlung nach Literatur über Harburg umsehe, dem Ort, in dem ich hier bin, belehrt mich das Angebot rasch darüber, was es bedeutet, Schattenstadt zu sein. Bildbände, Reiseführer und Lokalkrimis über Hamburg gibt es zuhauf, aber in keinem wird Harburg ausreichend erwähnt, so es denn überhaupt eine Notiz wert ist. Sogar „Das unbekannte Hamburg“ macht einen Bogen um Harburg. Immerhin entdecke ich einen Fotoband mit Sonnenscheinbildern und einen weiteren mit Reproduktionen alter Ansichten, auch gibt es eine Beschreibung des Hafengebiets als Publikation des hiesigen Museums.
Später wird sich in einer kleineren, ambitionierter sortierten Buchhandlung der Innenstadt die Szene wiederholen. „Harburg?“ wird die Verkäuferin etwas ratlos sagen, „da hatten wir mal was, aber da kann ich Ihnen jetzt auch nicht weiterhelfen.“ Vielleicht hatte ich auch nur falsch gefragt. Oder es war ihr peinlich, mir eine autobiografische Erzählung zu empfehlen, die vor wenigen Jahren als Bestseller galt. Das Harburger Lokalkolorit wird dort mit beißendem Spott überzogen: armselig sei es und provinziell. Die Großstadt im Blick, wird die Kleinheit besonders schmerzlich. Schattenstadt, verschluckte Stadt.
Ich trete hinaus auf die Moorstraße, die vom Bahnhof zur Innenstadt führt. In meinem Rücken die Fassade des Einkaufszentrums, die fast den gesamten Straßenabschnitt beherrscht. Und direkt gegenüber beginnt eine andere Welt. Es ist die Welt derer, deren Bedürfnisse in der sterilen Glitzeratmosphäre des standardisierten Branchenmixes nicht vorkommen. Ich zähle an die zwanzig kleine Läden und lese die Reklameschilder: Patara Kuaför, Afro-Beauty-Shop, Fitness-Depot, Sabi Style, Perfect Price, Call Shop, … Und auf der Rückseite dieser Häuserzeile läuft ein stark frequentierter schmaler Fußgängerweg, der direkt aus einem der Bahnhofsausgänge gespeist wird. Auch dort wieder ein Einkaufszentrum, aber davon abgesehen ist diese Seevepassage ein Konzentrat orientalischer Einkaufskultur par excellence. Zwischen Döner-King und dem Uhren-Reparatur-Service sind Gemüse und Schuhe, Tücher, Gürtel, Haushaltsartikel und Schmuck aufgereiht. Doch keiner der Händler zieht mich in seinen Laden: Hello Mister, come in, we have best quality! Hier gehöre ich nicht zur Zielgruppe. Denn die ist klar umrissen hier in Harburg, wo fast jeder Dritte Ausländer ist, das ist mehr als das Doppelte des Hamburger Durchschnitts, und die Menschen mit Migrationserfahrung fast fünfzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Diese Menschen haben hier eines ihrer Versorgungs- und Kommunikationszentren, das ist unübersehbar. Gleich um die Ecke geht es weiter: Urfa Kebap Salonu, Ömür Market, Bóng Tién Supermarkt.
Wer hier verkehrt, ist hier zuhause. Hier ist der Angelpunkt, um den sich sein Leben dreht. In dieser Umgebung, wo hinter der alten Fabrik die quadratischen Blöcke des Arbeiterviertels liegen, wo die Mieten noch erschwinglich und die Einkommen gering sind, hat er sich mit den Seinen eingerichtet. Er gehört hierher, zweifellos, der Tee schlürfende Familienvater ebenso wie die junge Mutter mit Kopftuch und bodenlangem Mantel hinter ihrem Kinderwagen, die sich mit ihrer europäisch gekleideten Freundin lebhaft unterhält, oder die athletischen Burschen mit Goldkettchen und geölten Haaren an der Bushaltestelle. Hier leben sie in ihrer Welt. Ihnen müsste das Phoenix-Center wie ein störender Fremdkörper erscheinen.
Was bedeutet es für sie, in Harburg zu leben? Ihre innere Beziehung zu diesem Ort ist in Wirklichkeit eine Beziehung zur Sippe, zu Freunden, vielleicht zur Gang. In ihrem Harburg-Bewusstsein spielt keine Rolle, dass dieser Ort 640 Jahre lang eine eigenständige Stadt war und erst durch das Groß-Hamburg-Gesetz der Nationalsozialisten 1937 der Hansestadt einverleibt wurde. Und dass die lange eigene Geschichte ein eigenes Selbstverständnis hinterlassen hat. Ihre lokale Identität macht sich an der sozialen Gegenwart fest. Ich bin ein typischer Harburger, skandiert ein türkischstämmiger Rapper und erklärt, was das für ihn bedeutet: Als kleines Kind hat man’s früher hart gehabt, jetzt hat man’s härter, weil wir perspektivlos sind und ziellos sind, denn wir wissen nie wohin… Und sein Kollege textet: Wir sind das andere Gesicht von dieser wunderschönen Stadt. Wobei die wunderschöne Stadt weit weg an der Alster liegt. Hier aber lebt man im Schatten.
Beim Gang in eine Seitengasse ändert sich das Bild erneut abrupt. Ich stehe abseits der Rieckhoffstraße in einem grünen Innenhof zwischen winklig gebauten Klinkerhäusern der 1980er Jahre und einigen älteren Bauten, höre und sehe nichts vom nahen Geschäftstreiben und fühle mich wie in einer Oase. Ein älteres Ehepaar blickt vom Balkon, sonst ist niemand zu sehen. Ich fühle mich wie ein Eindringling. Werde ich auch als ein solcher wahrgenommen? Argwöhnisch beäugt wie jeder, der sich aus dem benachbarten Bienenstock in diese Ruhezone verflogen hat? Der Argwohn wird nicht kleiner geworden sein, seitdem bekannt ist, dass die Attentäter vom elften September zuvor unauffällig in Harburg gelebt hatten. Ausgerechnet in Harburg. Traue niemandem, sei wachsam: Ist das die Lehre, die das Ehepaar auf dem Balkon daraus gezogen hat? Oder bin nicht ich selbst es, der sein diffuses Unbehagen an der Fremdheit auf die beiden projiziert? Ich trete den Rückzug an und erreiche das Ende der Seevepassage – dort, wo sie neben einem dritten, von deutlichem Verfall gezeichneten Einkaufszentrum in eine völlig verwahrloste Unterführung einmündet. Sie unterquert den „Harburger Ring“, der sich in großem Oval um die Lüneburger Straße, die traditionelle Fußgängerzone Harburgs, legt.
Die Gestalt des Rings täuscht den Ortsfremden: Was da im Stadtplan wie die Umwallung einer mittelalterlichen Stadt aussieht, ist nichts anderes als eine künstliche Straßenschneise, die in den 1970er Jahren in die Kriegswunden der Innenstadt geschlagen worden war. Damals hielt man den Kahlschlag für den besten Weg zur Neugestaltung und war überdies froh, die Lüneburger Straße so vom Autoverkehr befreit zu haben. Heute denkt man anders. „Der Harburger Ring war die größte Bausünde der Nachkriegszeit“, ereifert sich eine vornehm aussehende Dame. „Er hat die ganze Innenstadt zerschnitten. Man sollte das alles abreißen, schlimmer als es ist kann es nicht werden.“
„Und die marode Unterführung zuschütten und die Seevepassage gleich mit“, ergänzt ihre Begleiterin. „Man findet hier ja nirgends mehr einen deutschen Laden.“ Es wird nicht viel bringen ihr zu widersprechen. Ich danke den Damen für ihre Offenheit und sehe mich in der Lüneburger Straße ein wenig um.
Die Fußgängerzone verbreitet in der Tat einen etwas heruntergekommenen Charme mit ihrer schlichten Sacharchitektur der Zeit vor fünfzig Jahren und einem wenig spektakulären Geschäftsangebot, wie man es auch in den Einkaufsstraßen von Bottrop oder Plauen antreffen dürfte. Dennoch ist die Atmosphäre nicht unangenehm: es gibt Sonnenschirme, Sitzecken, kaum Leerstände, wenig Müll. Offenbar bemühen sich die Geschäftsleute in gemeinsamer Anstrengung um eine gewisse Aufwertung der vom Abstieg bedrohten traditionsreichen Einkaufsmeile. Schon fast am nördlichen Ende der Lüneburger Straße, kurz vor dem vierten(!) Einkaufszentrum meines Spaziergangs, sehe ich ein Schild „Lüneburger Tor“. Hier erst beginnt die einstige Altstadt, wie sie bis 1750 gewachsen war; bis zur sprunghaften Erweiterung musste sie noch hundert Jahre warten. Es wird Zeit, etwas über die Entstehung Harburgs zu sagen.
Ein Korken wird in den Sumpf geworfen. Aus ihm wächst rasch der Flaschenhals und dann allmählich, schon auf dem Trockenen liegend, das bauchige Gefäß. Später aber trennt ein scharfes Messer den Hals vom Bauch, der nun wie ein Geschwür in alle Richtungen zu wuchern beginnt, während Hals und Korken im Schutt versinken. Es ist schwer, sie wieder freizulegen. Und was soll mit dem Bauch geschehen, der von kräftigen Hammerschlägen schwer beschädigt wurde?
Damit sind in etwa Geschichte und Gestalt Harburgs beschrieben. In den Sumpf geworfen – in Wirklichkeit auf einer Sandinsel inmitten des Horo genannten feuchten Marschlands der Süderelbe errichtet – wurde zu Anfang des zwölften Jahrhunderts eine Burg, die Horeburg. Wie ein Zaunpfosten sicherte sie die Territorialansprüche ihrer wechselnden Herrscher, der Stader Grafen, Bremer Erzbischöfe und vor allem der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, die die Burg zum Schloss ausbauten. Die kleine Siedlung mit Kirche und Rathaus, die sich entlang des Dammes zwischen dem Schloss und dem trockenen Geestrand nach Süden hin gebildet hatte (der „Flaschenhals“), erhielt im Jahre 1297 das Stadtrecht.
Warum die Burg nicht auf dem Schwarzenberg errichtet wurde, der sich nur einen guten Kilometer weiter dominierend über die Ebene erhebt, kann mir keiner beantworten. Zumindest wäre dem Harburger Schloss damit die Beschießung von oben erspart geblieben. Andererseits stünde es dann seit seinem Ausbau zur Festung gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht auf einer Insel, deren fünfeckiger Umriss im Zentrum des Harburger Binnenhafens bis heute erhalten ist. Doch schon dieser frühe Ausbau zerstörte Gewachsenes. Den Festungsgräben mussten Teile des alten Städtchens einschließlich seiner ersten Kirche weichen. Dies war zugleich der Impuls zur südlichen Erweiterung Harburgs. Auf trockenem Gelände war es nun möglich, in die Breite zu wachsen. So konnte sich um die neue Dreifaltigkeitskirche und den bis heute als Marktplatz genutzten Platz „Sand“ schließlich die bauchige Gestalt der Stadt ausbilden, die bis zum Lüneburger Tor reichte.
„Hallo Jürgen“, sagt der Betreiber des Imbisswagens zu einem an die Theke getretenen Gast. „Mir sind die Brötchen ausgegangen, kannst du mir mal ‘ne Tüte holen?“ Man kennt sich hier auf dem Sand, wo der Wochenmarkt nicht wöchentlich, sondern täglich stattfindet. „Frische Lebensmittel gibt es doch nur noch auf dem Markt“, hatten sich die Damen von vorhin beklagt. Tatsächlich erfreuen sich die mobilen Stände, die mittags wieder abgefahren werden, eines regen Zuspruchs. Und natürlich gibt es nicht nur Lebensmittel. Angeboten wird alles, was zwischen Bürsten, Blusen, Blumen Platz hat.
Wenn noch irgendwo das Herz der alten Stadt Harburg schlägt, so scheint mir, dann ist es hier. Die Chance, Menschen zu treffen, die mit Harburg verwachsen sind, ist hier am größten. Sie haben die Eröffnung der unterirdischen S-Bahn 1983 miterlebt, zuvor den Bau des Harburger Rings, vielleicht noch die Beseitigung der Kriegstrümmer. Für den älteren Herrn, den ich anspreche, trifft all dies zu. Ja, er hat hier schon immer gelebt, und natürlich ist Harburg etwas Besonderes, das ist schwer zu erklären. Ich frage ihn, wie er die Entwicklung der vergangenen Jahre beurteilt. Er denkt kurz nach und scheint abzuwägen. „Gleichbleibend“, sagt er schließlich. Und dann, nach einer weiteren kurzen Pause, mit einem traurigen Lächeln im Blick: „Gleichbleibend mies.“
An den Hausfassaden dieses Viertels um den Sand zwischen Harburger Ring und Schlossmühlendamm (dem Ansatz des einstigen Flaschenhalses) könnte man ein solches Urteil am ehesten festmachen. Sie bilden ein unorganisches Konglomerat aus den Stilversuchen der vergangenen fünfzig Jahre zwischen angepasst und zukunftsweisend, mit reichlich Beton in allen Größenordnungen und ihrer gut gemeinten Kaschierung mit Reklametafeln und wenig einladenden Straßencafés. Gelegentlich ist dabei ein ungewollter Gag gelungen. „Döner trifft Backkartoffel“ – das lässt sich auch tiefsinnig deuten, programmatisch.
Neben Originellem gibt es auch Originales. Zum Beispiel den altertümlich verschlungenen Schriftzug „Budnikowsky“ an einem bescheidenen Geschäftshaus am Sand: Dies ist das Stammhaus einer in ganz Hamburg präsenten Drogeriekette; man hat sein Erscheinungsbild wohl aus Pietät so belassen. Oder die historische Kneipe in der Neuen Straße, dem Sand gleich gegenüber. Draußen werben alte Emailschilder für „Die drei von St. Pauli“, längst vergessene Biersorten, und für das tägliche Frühstück ab 6 Uhr 30. Für mich ein guter Ort, meinen Durst zu stillen.
Das Innere der Kneipe ist düster, mit Nippes überladen und sehr gemütlich. Von der Decke baumeln an die hundert alte Bierkrüge. Die Wände der Sitznischen sind mit historischen Harburg-Bildern vollgehängt. Alte braunstichige Fotos von Fachwerkhäusern, Hafenspeichern, Sportlerriegen, Dampfschiffen, Hochwasser. Dazu große Reproduktionen alter Stadtansichten, stark angegilbt. Man darf hier rauchen. Zwei alte Männer sitzen an der Theke nebeneinander, zwei weitere Männer sitzen schweigend einzeln an ihren Tischen. Ihre Gesichter sind gezeichnet von harter Arbeit und vom Alkohol. Ich setze mich an den Tresen, über Eck zu den Alten, und bestelle ein Bier. Die Wirtin sieht aus, wie man sich eine gestandene Wirtin vorstellt. Ihre Bewegungen sind bedächtig. Das Bier schmeckt gut.
Einer der Alten sagt langsam über sein Glas hinweg: „Das soll ja wieder Regen geben.“
Nach einer Pause antwortet die Wirtin mit einem Tonfall, als ginge sie zu einer Beerdigung: „Den Sommer kannst du echt in die Tonne treten.“
Wieder der Alte: „Und wenn dann wieder so’n Winter kommt.“
Die Wirtin, ein Glas spülend: „Da war ich ja letzten Winter beim Handelshof. Und als ich rauskam zum Parkplatz, war da so viel Schnee gefallen. Da kam ich nicht mehr weg.“
Es entsteht eine Pause. Die Männer brauchen Zeit, sich die Dramatik des Gehörten vorzustellen. Schließlich sagt der zweite Alte: „Schneeketten.“
Der erste: „Wie meinst du denn das?“
„Ja in den Alpen, da haben die alle Schneeketten.“
Damit ist vorerst gesagt, was zu sagen war. Der erste Alte bekommt, als sein Glas leer ist, ungefragt eine Weinschorle und einen Kurzen hingestellt. „Das kannst du jetzt wohl brauchen“, sagt die Wirtin. Nach einigen Minuten des Schweigens kommt einer der beiden anderen Männer an die Theke, um sein Bier zu bezahlen. „Ich muss ja jetzt zum Arzt“, sagt er mit brüchigem Bass. Von der Wirtin verabschiedet er sich mit einer Umarmung. „Lass dich man nicht so piesacken, Bruno“, gibt sie ihm noch auf den Weg.
Mein Weg führt langsam elbewärts. Der breite, gesichtslose Schlossmühlendamm lässt nirgends erkennen, dass dies einst die Hauptachse des Städtchens war. In der parallel laufenden Neuen Straße entdecke ich den Rest des Portals der einstigen Dreifaltigkeitskirche: ein Mauerfragment, das die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg überstanden hat; hinter ihm erhebt sich die nüchterne Betonfassade des Neubaus. Ein paar Meter weiter unten überrascht dann die Lämmertwiete, ein Quersträßchen mit tatsächlich kompletter alter Fachwerkbebauung. In den hübsch restaurierten Häusern ist ein Kneipenviertel entstanden, das ein wenig Altstadtatmosphäre zu vermitteln versucht. Nicht die der Hamburger Altstadt wohlgemerkt, denn die Bauten hier haben nichts gemein mit den hohen schmalen Kaufmannshäusern, wie sie drüben in Hamburg noch stellenweise erhalten sind. Ich fühle mich vielmehr an alte Unterelbestädtchen wie Buxtehude oder Otterndorf erinnert.
Harburg, dies wird hier zum ersten Mal ganz deutlich, ist im Kern doch nur eine Kleinstadt wie sie. Eine Kleinstadt, die das Pech hatte, zu nah an ihrem großen Nachbarn zu liegen. Die rasante Ausweitung des Hamburger Hafens und seiner Industrie seit dem neunzehnten Jahrhundert war es, die das beschauliche Harburg überrollte, erstickte, strangulierte. Und wie mit einem Messer zerschnitt.
Das Messer, das den Flaschenhals durchtrennte, war die Bahnlinie nach Cuxhaven. Zusammen mit der vierspurigen Bundesstraße bildet sie für jeden, der zur Keimzelle Harburgs vordringen will, ein kaum überwindbares Hindernis. Unmittelbar hinter den alten Häuschen der Lämmertwiete braust der Verkehr ohne Unterbrechung. Auf der anderen Seite erwartet mich das, was einmal der älteste Teil Harburgs war. Deutlicher als mit dieser Verkehrsschneise lässt sich nicht zeigen, was es bedeutet, von seinen Wurzeln abgeschnitten zu sein. Die alte Stadtachse ist zerstückelt; Autofahrer müssen Umwege nehmen. Ich kann als Fußgänger eine lange schmucklose Unterführung benutzen. Und dann bin ich endlich dort gelandet, wo einmal das alte Städtchen stand. Man sieht von ihm nichts mehr außer einigen wenigen verbliebenen Backsteinhäuschen mit Schuppen und niedrigen Fenstern. Ein verblichenes Schild steht an der Stelle, wo sich das erste Harburger Rathaus befand. Es fällt schwer, sich die Vergangenheit vorzustellen, zwischen nüchterner Sacharchitektur, Brachgrundstücken, riesigen alten Speichergebäuden und futuristischen Bürohäusern. Je älter der Boden, über den ich spaziere, desto jünger seine Bebauung. Der erhoffte Weg ins Gestern wird zu einem Fenster in die Zukunft. Nirgendwo sonst in Harburg habe ich diese Kluft zwischen den Zeiten als schwer erträgliche Spannung geradezu körperlich spüren können.
In der Tiefe des Raums zwischen Spätmittelalter und Gegenwart verschwindet das Bindeglied: das Harburg des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, die Zeit als Hafen- und Industriestadt, in der Pflanzenöle und Kautschuk verarbeitet, Maschinen gebaut, Schiffe ausgerüstet und Waren zum Transport gelagert wurden. Diese Zeit ist es, die den alten Flaschenhals in den Morast stampfte, Kanäle hineinschnitt und Fabrikhallen darüber pflasterte. Und nun, da die Produktionsstätten aufgegeben sind, leerstehend und funktionslos, vollzieht sich erneut eine Metamorphose in solcher Geschwindigkeit, dass jeder Versuch, sie zu beschreiben, nicht mehr als eine vorläufige Momentaufnahme sein kann. Ihre Symbole sind Abrissbagger und Baukräne; wo ein Speicher bereits umgebaut, ein neuer Glaskubus hochgezogen und die nötige Kunst am Bau mit Sitzgruppen und künstlichen Palmen installiert wurde, zeigen Firmenschilder, was hier gefragt ist: Media Recording Systems, Marketing Research Worldwide, Inter-Informatics. Auch Airbus und die TUHH – die Technische Universität – sind mit Büros und Forschungslabors hier eingezogen, um im Verbund mit den anderen den Channel, wie es neudeutsch heißt, zu einer gefragten Adresse werden zu lassen – dem neuen Harburg eben.
Ein Restaurant im schick sanierten Silo am Kanalufer hofft auf die passende Klientel und bietet die billigste Vorspeise für 12,50 Euro an. Das will ich mir nicht antun. Zum Glück entdecke ich ein paar Schritte weiter ein anderes Restaurant, fast wäre ich an der bescheidenen Baracke vorbeigelaufen. Gespeist wird im Garten unter dem schützenden Dach eines Zeltes. Der Laden ist voll; gut die Hälfte der Gäste sind TU-Studenten, die sich über das Für und Wider des Alkoholverbots im öffentlichen Nahverkehr unterhalten, die anderen sehen aus wie Sekretärinnen, Softwareentwickler, Handwerker. Ein Kommen und Gehen. Ich leiste mir das Tagesgericht: Hackbraten mit Quark und Pommes für 5,40 Euro, und weiß, dass ich die richtige Wahl getroffen habe.
Wie lange wird das noch möglich sein? Das Lokal liegt an exponierter Stelle dort, wo die Harburger Schlossstraße auf das Ufer des Binnenhafens trifft, der Schlossinsel genau gegenüber. Die Baukräne sind schon bedrohlich nahe. Haben sie auch die Kulturwerkstatt im alten Hafenkontor neben dem Restaurant ins Visier genommen? Die engagierte Arbeit mit Ausstellungen, Veranstaltungen und Führungen, die dort geleistet wird, gilt dem Leben dieses bemerkenswerten Viertels am Binnenhafen. Mir scheint sie wie eine letzte Wärmequelle, bevor alles zur Kunstwelt erstarrt.
Und nun endlich die Schlossinsel. Der Korken, um im Bild zu bleiben. Ohne die Wegweiser hätte ich mich nicht in dieses Gewirr aus Lagerschuppen, Bauzäunen und Versorgungsleitungen getraut. Aus dem Internet kenne ich das Aussehen des Schlosses und bin dennoch von seinem ernüchternden Anblick überrascht. Als Schloss bezeichnet man einen großen, weiß getünchten dreistöckigen Klotz mit flach geneigtem Satteldach, der unmotiviert schräg ins Gelände gesetzt scheint. Vom einstigen Komplex ist dies der einzig stehengebliebene Flügel. Er dient seit 1900, nachdem er vom Besitzer der örtlichen Schiffswerft aufgekauft worden war, als Arbeiterwohnhaus. Einzig ein geschwungener Treppenaufgang lässt mit etwas Phantasie die aristokratische Vergangenheit ahnen.
Dieser unförmige Bau wird als einziger erhalten geblieben sein, wenn die Schlossinsel nach ihrer kompletten Neugestaltung in ihre dritte Lebensphase eintritt. Dann werden die Fabriken und Hafeneinrichtungen, die über hundert Jahre das Gesicht der Insel prägten, verschwunden sein, ein weitläufiger Park wird den größten Teil der Fläche einnehmen, und an der Nordseite, mit Blick nach Hamburg, wird man in den neu entstandenen Wohnungen Chill-Out-Atmosphäre und Luxus in historischer Umgebung genießen können, wie der Werbetext verheißt. Das Ganze ist ein Projekt der IBA, der Internationalen Bauausstellung, die sich die Umgestaltung der Wilhelmsburger Elbinsel vorgenommen hat und bei dieser Gelegenheit gleich noch den gegenüber liegenden Harburger Binnenhafen erfasst. Und wieder einmal wird in einem Teil Harburgs nichts mehr so sein, wie es war.
Oder doch? Vielleicht dürfen ein paar der in die Jahre gekommenen Hausboote im Kanal liegenbleiben und mit ihren Blumenkästen und dem abblätternden Lack die Erinnerung an die Zeit wach halten, in der der Liedermacher Werner Pfeifer seine „Harburger Hafenballade“ dichtete:
Harburger Hafen, in deinen Armen
leben Menschen, die sonst keine Heimat haben.
Zwischen Kränen und Pfählen fühlen sie sich geborgen,
weit weg von dem Alltag und seinen Sorgen.
Ob die letzte Zeile die Alltagssorgen der kleinen Leute nicht zu leichtfertig abtut, sei dahingestellt. Aber leichter als bisher wird es für sie nicht werden, wenn Chill-Out- Atmosphäre und Luxus erst einmal den Harburger Binnenhafen erobert haben. Und das wird so schnell gehen, dass Sie beim Lesen dieser Sätze das Futur gern ins Präsens setzen dürfen.
Auf dem Rückweg in die Stadt unterquere ich wieder die trennende Verkehrsschneise. Halbrechts vor mir erhebt sich die bewaldete Kuppe des Schwarzenbergs. Auf dem Hügel, dreißig Meter über der Niederung, befindet sich ein alter jüdischer Friedhof. Soviel weiß ich. Was ich nicht weiß: Er liegt eingekeilt zwischen Einrichtungen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Dieser Abstecher wird meinen bisher gewonnenen Eindrücken von den Harburger Brüchen eine neue, schärfere Kontur geben.
Erste Station, noch in der Stadt: Das „Info-Café Etage“, eine Anlaufstelle für Arbeitssuchende und Geringverdiener. Ein Dutzend Personen lehnt draußen an der Brüstung, das Innere ist fast leer. Zweitens, unmittelbar daneben: Eine türkische Teestube, offene Tür, im kahlen Raum sitzen Männer fortgeschrittenen Alters an Tischen. Dann geht’s auf einem breiten Fußweg in den Wald. Dritte Station: Die über eine Verkehrsstraße gespannte Moses-Mendelssohn-Brücke, die direkt auf das Lessing-Gymnasium zuläuft. Der klinkerverzierte Altbau verbreitet, ohne dass man ihn betritt, die Aura einer ehrwürdigen Bildungsanstalt. Der Philosoph Mendelssohn war mit dem Dichter Lessing befreundet, der ihm in „Nathan der Weise“ ein Denkmal setzte. Bis heute greift man auf seine Gedanken zurück, wenn es um Toleranz zwischen den Religionen geht, ein großes Thema in Harburg. Ja, hier ganz besonders. Viertens: Der Soldatenfriedhof. Schon die Straße vorhin war nach ihm benannt. Nein, keine Weltkriegsopfer. Auf dem kleinen Areal unter hohen Bäumen befinden sich Gräber von hannoverschen Offizieren aus dem achtzehnten Jahrhundert. Ein kleines Fenster in die Geschichte, eine Seltenheit in Harburg, authentischer jedenfalls als die Schlossinsel vorhin.
Bei Nummer fünf habe ich das Plateau erreicht. Nach rechts öffnet sich eine kleine Lichtung, über dem Abhang steht ein zugewachsenes Denkmal. Zwischen den Bäumen geht der Blick über die Ebene mit ihren Hafenkränen und Masten bis hinüber zu den Türmen Hamburgs. Knappe zehn Kilometer Luftlinie, eine Unendlichkeit. Dort drüben: erträumter Sehnsuchtsort, erduldete Machtzentrale. Harburger Hafen, du fühlst dich vergessen/ von denen im Norden, den Pfeffersäcken, singt Werner Pfeifer.
