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Rolf Gersdorf über Familienstellen auf biblischer Grundlage. Heilung, Befreiung und Wiederherstellung - wer wünscht sich das nicht? Familienaufstellungen bieten dafür eine große Chance und finden als Gruppenarbeit statt, bei der die Teilnehmer mit Stellvertretern ihr Familienbild, in der Regel ihre Herkunftsfamilie, aufstellen. Dadurch werden tief verdeckte und abgewehrte Gefühle erleb- und spürbar. Diese können dann in einem professionell begleiteten Prozess therapeutisch bearbeitet werden. Familienaufstellungsarbeit auf biblischer Basis deckt auf, wo Menschen in verwirrenden und zerstörerischen Beziehungsverstrickungen stehen. Dadurch haben sie die Möglichkeit, daraus entstandene emotionale Verletzungen heilsam zu verarbeiten. Rolf Gersdorf führt mit diesem Buch kompetent, übersichtlich und aktuell in diese spannende Thematik ein. Das Buch ist klar am christlichen Menschenbild orientiert und praxisbezogen. Viele Fallbeispiele machen es für Ratsuchende wie Berater bereichernd, hilfreich und herausfordernd.
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006, SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Weiter wurden verwendet: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus/SCM-Verlag, Witten.
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart. Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica US, Inc., Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Bibeltext der Schlachter Bibelübersetzung. Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit der freundlichen Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.
Die Schrift, Buber/Rosenzweig. Lizenzausgabe für die Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 1997.
Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel – Altes und Neues Testament.
SCM, R.Brockhaus, Witten, 2008.
Zürcher Bibel, Theologischer Verlag, Zürich, 2009.
© der deutschen Ausgabe 2016 Asaph-Verlag,
ein Imprint von Fontis Media GmbH, Lüdenscheid
2. Auflage (1. Auflage im Asaph-Verlag) 2016
Cover- und Innengrafiken: Rolf Gersdorf
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-95459-014-8
Bestell-Nr.148014
Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an:
Fontis Media GmbH, Pf. 2889, DE-58478 Lüdenscheid
[email protected] – www.fontis-shop.de
Cover
Titel
Impressum
Vorwort zur zweiten Auflage
Prolog
Einleitung
I. So machen wir es – Das Konzept unserer Aufstellungsarbeit
I.1. Zwei Tage sind selten ein hilfreicher Prozess
I.2. Fokus Veranstaltungsort
I.3. Fokus Ausschreibung und Anmeldung
I.4. Fokus Team
I.5. Fokus Wochenablauf
I.6. Segnungsraum – Beziehungsraum, in dem Gott unserer Gebrochenheit begegnet
I.7. Das Herz verbinden
I.8. Gebet? Segnung? Heilung? Befreiung? Reinigung?
I.9. Mein Herr, erhöre! Mein Herr, verzeih! Mein Herr, vernimm und tu!
I.10. Die gehorsame Marthe
I.11. Leitfaden der Aufstellung – Inneres Bild, Störungsbild, Dialogarbeit
I.12. Ein Wort zur Nacharbeit und weiteren Begleitung
II. »Sei nicht!«
II.1. Lisas Aufstellung
II.2. Reflexion
III. Wiederauferstehung der Würde
III.1. Ulrikes Aufstellung
III.2. Reflexion
III.3. Grundthema: Entwürdigte Frauen
IV. Welche Kraft wirkt hier eigentlich? Phänomene in der Aufstellungsarbeit und ihre biblische Einordnung
IV.1. Ein Satz, der es in sich hat
IV.2. Das ist verrückt!
IV.3. Der Aufschrei
IV.4. Wissendes Feld, Repräsentierende Wahrnehmung und Spiegelneurone
IV.5. Dinge kommen ans Licht? Richtig oder falsch? Gut oder böse?
IV.6. Das Unerklärbare erklärbar machen? Wie war das mit dem Glauben?
IV.7. In welchem Geist?
IV.8. Die verborgene Kraft der Seele
IV.9. Ich liebe dich und der Junge im Matrosenanzug
IV.10. Meine Schlussfolgerungen
V. Der verlorene Vater und der Vaterkuss
V.1. Siegfrieds Aufstellung
V.2. Reflexion
VI. Die unterbrochene Hinbewegung
VI.1. Ich finde nicht zu mir selbst
VI.2. Beziehungsbindung – Gottes Erfindung
VI.3. Auf dem Tisch, auf dem Stühlchen, auf dem Töpfchen
VI.4. Sich in die aufgewölbte Hand einschmiegen
VI.5. Die verlorene Axt zum Schwimmen bringen
VI.6. Unterbrochene Hinbewegung – Ursprung und Begriffsklärung
VI.7. Unterschiedliche Ursachen für die Unterbrechung der Hinbewegung zu primären Bindungspersonen
VI.8. Eine unterbrochene Hinbewegung wieder aufnehmen
VI.9. Wann ist eine Hinbewegung abgeschlossen oder erfolgreich?
VI.10. Sich binden und sich lösen können – Grundfähigkeiten unseres Lebens
VI.11. Vater und Mutter ehren
VI.12. Gottes Geist wirkt über Zeit und Raum hinaus
VII. Wiederherstellung unseres »sicheren Ortes«
VII.1. Eine Stadt in Trümmern
VII.2. Umkehr, die Brücke zwischen Betroffenheit und Wiederherstellung
VII.3. Wo ist der sichere Ort?
VII.4. Heilung
VII.5. Er wird beide miteinander versöhnen
VII.6. Die Erkenntnis Christi – Ein Gebet von Romano Guardini
VIII. Generationenverflechtung – Das Drama begann vor Verdun
VIII.1. Elisabeths Aufstellung
VIII.2. Reflexion
IX. Ich entlasse dich aus dem Joch meiner Anklage – Vergebung und Versöhnung im Kampf mit Angst und Anklage
IX.1. »Wie viele Jahre willst du mich noch hassen?«
IX.2. Was ist ein Joch?
IX.3. Der Sinn einer unguten Bindung
IX.4. Mein persönliches Bindungskonzept – Mein persönliches Bewältigungsmuster
IX.5. Das Joch der Angst
IX.6. Das Doppeljoch der Angst und der Anklage
IX.7. Offensichtliche oder versteckte Anklage
IX.8. Menschen, die in der Anklage bleiben wollen, und solche, die noch nicht loslassen und vergeben können
IX.9. Sünde und die Wurzeln der Bitterkeit
IX.10. Die Entlassung aus dem Joch
X. Zugang zum Inneren Kind
X.1. Selbstwerterhöhende Ressource
X.2. Der Begriff »Inneres Kind«
X.3. Das Wühlen in Kindheitserinnerungen macht doch keinen Sinn
X.4. Gottes geliebtes Kind
X.5. Wann ist die Übung mit dem Inneren Kind hilfreich?
XI. Familienstellen auf christlicher Basis – (M)eine Positionsbestimmung
XI.1. Die ethischen Grenzen systemischen Denkens
XI.2. Der persönliche Gott – Unser Problem
XI.3. Marktplatz der Messiasse
XI.4. Das Schlachtfeld der Post-Moderne ist alt
XI.5. Die Eckpunkte meiner Positionierung für eine biblisch-seelsorgerlich orientierte Aufstellungsarbeit
Schlussgedanken
Bibliografie
Quellen
Weitere Titel
Schon wieder haben Sie ein Buch aus der riesigen Psychoecke in der Hand. Muss das sein? Besonders, wenn es hier um ein Thema geht, das schon seit Jahren wie ausgelutscht erscheint. Als Oldie in der Psychobranche hatte ich schon vor Jahren entschieden, dass für mich die Methode des Familienstellens nach Bert Hellinger nicht infrage komme. In der Fachliteratur erschien mir alles zu wenig nachvollziehbar und esoterisch angehaucht.
Aber dann sah ich im Programm des APS-Kongresses (Akademie für Psychotherapie und Seelsorge) 2015 in Würzburg die Ankündigung eines Seminars von Rolf Gersdorf über die verändernde Dynamik durch die Familien- und Systemaufstellung auf biblischer Basis. Also kann man sich mit diesem Thema auch außerhalb der Esoterik befassen? Dann nichts wie hin!
Vielleicht geht es Ihnen, wenn Sie auch Therapeut oder Berater sind, ähnlich wie mir: Wenn man sich schon lange mit »Psychokram« beschäftigt, verblassen im Laufe der Zeit die vielen Methoden. Nur die erlernte Basis und einige ergänzende Varianten bleiben erhalten. Besonders prägend sind aber die persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit Therapeuten und Methoden.
So erging es auch mir mit dem oben genannten Schnupperangebot mit Rolf Gersdorf.
Die Methode war mir in der Theorie schon vorher bekannt gewesen, aber niemand kann genau sagen, wie sie funktioniert. Die persönliche Offenheit, die eigene Erfahrung mit der Methode und die große Empathie des Autors mit den mutigen Tagungsteilnehmern machte mich neugierig.
Natürlich hatte ich das Buch, das nun in der zweiten Auflage vorliegt, durchgearbeitet, bevor ich mich mit meiner Frau im November 2015 zu einer Seelsorgewoche bei ihm anmeldete.
Als altem »Psychofuzzi« (Baujahr 1939, zur Generation der Kriegskinder gehörig) war mir verstandesmäßig vieles schon bekannt gewesen.
Der Umgang von Rolf Gersdorf mit den vielen problembeladenen Mitseminaristen beeindruckte mich sehr. So traute ich mich auch, mich mit meinen offenen Fragen zum Umgang mit meinen erwachsenen Söhnen in die Mitte zu stellen.
Und was passierte? Anstelle einer intellektuellen Empfehlung erlebte ich völlig unerwartet eine hochemotionale Begegnung.
Mein Vater, den ich mit dem Gesicht zur Wand in eine Ecke gestellt hatte – schließlich hatte ich ihn durch den Krieg nicht kennenlernen können –, wurde plötzlich zur Zentralfigur. Meine unerledigte große Vatersehnsucht brach sich unvermittelt Bahn und ich konnte durch den Vater-Stellvertreter, den ich vorher ausgesucht hatte, eine liebevolle Erfahrung machen, die mich tief bewegte. Ein veränderter Umgang mit meinen Söhnen ergab sich nach diesem Erlebnis fast wie von selbst.
Ich wünsche den vielleicht noch zögerlich interessierten Lesern, dass das vorliegende Buch sie ermutigt, Selbsterfahrungen mit dem Familienaufstellen zu sammeln, und dass dabei Eigenerkenntnisse gepaart mit neuen guten Glaubenserfahrungen möglich werden.
Dr.Eckhard Franzius
Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapeut
August 2016
Oktober 2003. Ich fahre voller Angst eine Straße in Richtung Süden zu einem Tagungshaus. In Panik und unter großem inneren Druck schleudert es mich in einer Sekunde der Unaufmerksamkeit fasst aus einer Kurve heraus auf einen Acker. Adrenalin stößt wie direkt injiziert in meine Blutbahnen, meine Herzfrequenz steigert sich ins Unermessliche.
Als einer, der in den meisten Stresssituationen seines Lebens, in den unterschiedlichen Rollen als Therapeut, Leiter, Vater, Mitarbeiter u.Ä. normalerweise cool und ruhig bleibt, finde ich mich an dem Punkt meines größten Stresses wieder. Die bisher gut funktionierende Kontrolle meines Lebens scheint kläglich zu versagen.
Eine halbe Stunde später öffne ich die Tür zu einem Seminarraum und bin innerhalb von Sekunden inmitten eines Seminares für Familienaufstellungen. 20 Teilnehmer haben schon eine Woche therapeutischer Intensivarbeit hinter sich und ich soll für die nächsten eineinhalb Tage Teil dieser Gruppe werden, die sich schon längst in einem vertrauten und intensiven gruppendynamischen Prozess befindet.
»Das ist jetzt ein steiler Einstieg. Das wird nicht leicht für dich. Du bist gleich dran mit deiner Aufstellung! Die anderen haben alle schon gestellt.« Ich konnte mir kaum einfühlsamere Worte und einen leichteren Einstieg zu meiner Familienaufstellung wünschen …
Monate vorher hatte ich mich zu diesem Seminar angemeldet, um als Therapeut meiner Neugier auf Familienaufstellungen mit biblischer Grundlage nachzugehen. Eine interessante Methode und Vorgehensweise, die möglicherweise auch im Rahmen unserer Arbeit zum Einsatz kommen könnte und die mich natürlich als Familientherapeut reizte. Eine willkommene Fortbildung.
Dass ich zum Zeitpunkt des Seminars in einer meiner tiefsten Krisen stecken würde, ahnte ich da noch nicht. Durch die klaren Grenzziehungen und Konfrontationen meiner Frau Dorothea kam ich insbesondere in den letzten Wochen vor dem Seminar immer mehr mit einer äußerst schmerzhaften, tiefsitzenden Angst in Berührung. Viele Jahre, ja letztendlich mein gesamtes Leben, hatte ich diesen Schmerz wohl »gehütet«, hatte mich gedreht und gewunden, wenn ich schon mal in seine Nähe kam, und hatte ihn insbesondere mit Aggression »verteidigt«. Dabei hatte ich schon viele Jahre als Leiter einer therapeutischen Einrichtung, in der ich ja täglich diese Schmerzen bei anderen sah und auch begleitete, gearbeitet.
Das erste Mal in meinem Leben spürte ich nun ganz bewusst diese abgrundtiefe Angst, eine echte Lebensbedrohung. Die gesamte Woche vor dem Seminar war davon geprägt gewesen. Die Nächte hatte ich jeweils kaum mehr als drei Stunden geschlafen – weder Gott noch meine Frau konnten mich wirklich trösten. Noch jetzt, während ich dies schreibe, pocht mir mein Herz vor innerer Bewegtheit.
Intuitiv hatte ich meine Hände während der Nächte auf meinen Bauch und mein Herz gelegt, um wenigstens etwas schützenden Kontakt zu spüren. Panikattacken in den Nächten hatten mich dazu gebracht, mich wie ein ungeborenes Kind zusammenzurollen, um Schutz zu suchen. Etwas in mir muss geahnt und gespürt haben, dass ich genau das im Mutterleib und auch in den ersten eineinhalb Jahren meines Lebens nicht erfahren hatte.
Die Tage im Schloss Craheim – ich nenne sehr bewusst diesen Ort – und die Menschen, die mir dort begegneten, wurden mir zum Durchbruch und zur wichtigsten Grunderfahrung der Heilung tiefer Wunden und Irritationen meines Lebens durch Gottes Handeln. Solche Orte und Menschen, die bewusst seelsorgerliche Hilfe auf Grundlage des biblischen Glaubens und einer persönlichen Gottesbeziehung und -erfahrung anbieten, sind kostbar und dringend notwendig.
Die tiefe Erfahrung mit meiner eigenen Familienaufstellung, die sensible und fachlich versierte Begleitung durch den Leiter und seine Mitarbeiter, die liebevolle Unterstützung und Stärkung durch die Gruppe, die gute Versorgung im Tagungshaus und vieles mehr, dies alles waren die »Zutaten« des Geistes Gottes für meinen persönlichen Heilungsprozess.
Jahre nach diesem Erlebnis blicken wir als Beratungsarbeit und ich selbst als Therapeut auf inzwischen viele eigene Erfahrungen mit dem Familienstellen auf biblischer Grundlage zurück. In den Anfängen führten wir viele Seminare mit Dr.Erwin Scharrer durch, der sozusagen als Pionier mit Familienaufstellungen auf biblischer Basis im Bereich christlicher Gemeinden begann. Hinzu kamen gemeinsam konzipierte Fortbildungen mit christlichen Beratern und Therapeuten, die wir schließlich zu einer Ausbildung für christliche Aufstellungsarbeit weiterentwickelten.
Ich persönlich kenne kaum eine andere Methode als die des Familienstellens, die derart intensiv an die Grundkonflikte unseres Lebens heranführt, diese in eine klärende Bearbeitung bringt und schließlich einen solchen Raum für das befreiende und heilende Handeln Gottes in unserem Leben eröffnet.
Es berührt mich tief, wenn ich als Therapeut und Seelsorger die Menschen in unseren Seminaren erlebe, die ihre Herkunftsfamilien aufstellen und erfahren, dass sie in ihre Kraft kommen, um wesentliche Beziehungs- und Konfliktklärungen ihres Lebens endlich mit heilsamen Erfahrungen zu bewältigen. »In die Kraft gehen« oder »in die Kraft kommen« sind Beschreibungen, die ich in diesem Buch immer wieder verwende. Es handelt sich dabei um eine therapeutische Aufforderung, mit der ich die Aufsteller während der Familienaufstellung immer wieder ermutige, in der Klärung und im Prozess zu bleiben, sich aufzurichten, statt sich zu verkrümmen und zurückzuziehen.
In den letzten Jahren sind Familien-, System- und Organisationsaufstellungen sehr populär geworden, und dies nicht nur im säkularen Bereich. Seminarteilnehmer berichten häufig von erstaunlichen Entdeckungen, Erfahrungen, Veränderungen und auch Heilungen, sowohl psychisch-emotionaler wie auch körperlicher Art.
Schaut man im Internet unter dem Stichwort »Familienstellen« nach, so wirft die Suchmaschine Google in weniger als einer Sekunde über 800000 Ergebnisse aus. Auch dem in diesem Bereich der Lebenshilfe wenig bewanderten Leser wird schnell klar, dass es hier einen regelrechten Boom gibt. Populär geworden ist die Methodik des Familienstellens durch Bert Hellinger, der Anfang der 90-er Jahre mit seiner Aufstellungsarbeit in Großveranstaltungen Aufsehen erregte. Sowohl von vielen Menschen, die auf der Suche nach Hilfe waren, als auch von Beratern und Helfern aus der psychosozialen und therapeutischen Szene und dem Bereich alternativer oder auch esoterisch geprägter Heilverfahren wurde die Vorgehensweise schnell als geradezu revolutionär angesehen, da sie von ihren Wirkweisen her sehr effizient zu sein schien. Das Grundlagenbuch »Ordnungen der Liebe« (Hellinger, 2002) von Bert Hellinger gibt einen guten Einblick in die Grundzüge des Familienstellens, wie es zu Beginn der Neunzigerjahre entstand, und insbesondere in die Sicht- und Arbeitsweisen des »frühen« Hellingers.
Im Laufe der Zeit bildeten sich im Bereich des Familienstellens wesentlich zwei Lager, die Pro- und die Anti-Hellinger-Fraktion. Bekannte Systemische Therapeuten (wie z.B. Arist v. Schlippe, Autor »Lehrbuch der systemischen Therapie) distanzierten sich später öffentlich von ihm, andere, wie z.B. Gunthard Weber (als einer der ersten Mitarbeiter Helm Stierlins in Heidelberg an vielen Initiativen und Aktivitäten beteiligt, die für die Etablierung systemischer Konzepte in Therapie, Supervision und Beratung in Deutschland von Bedeutung waren), sorgten lange dafür, dass Hellinger sehr populär wurde.
Seit der Jahrtausendwende beschäftigen sich zunehmend auch christliche Berater und Therapeuten mit der Aufstellungsarbeit, die aber nach wie vor im Bereich christlicher Seelsorge umstritten ist. So warnte z.B. Dr.Michael Utsch, Dipl.-Psychologe und Psychoanalytiker, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, 2005 in einem Artikel des Bischöflichen Seelsorgeamtes Augsburg zur Auseinandersetzung mit der Aufstellungsarbeit Bert Hellingers: »Als eine christliche Seelsorgemethode kann das Familienstellen deshalb nicht gelten. Vor diesem Hintergrund sollte auch die Vergabe kirchlicher Räume zum Zweck von Familienaufstellungen geprüft werden.« (Utsch, 2005b).
Seine, von mir so verstandene, Verallgemeinerung der Kritik an Hellingers Aufstellungstheorie und -praxis auf die gesamte Aufstellungsarbeit wird der Fachlichkeit, Seriosität und Effektivität, mit der diese Methode heute von vielen Therapeuten und Beratern angewendet wird, nicht gerecht. Und auch die von ihm offenbar intendierte Nicht-Anwendbarkeit für den Bereich christlicher Seelsorge ist so meines Erachtens nicht haltbar, auch wenn seine auf Hellinger bezogene Kritik von mir weitgehend geteilt wird.
Inzwischen hat sich der Bereich der System- und Familienaufstellungen aber breit differenziert, auch im Bereich christlicher Seelsorge und Beratung. Die Unterscheidung, was z.B. für eine christlich begründete Aufstellungsarbeit anwendbar ist und was eher nicht, ist zwar dadurch sicherlich nicht leichter geworden. Aber es ist deutlich, dass es neben sehr vielen esoterisch geprägten Aufstellungsangeboten eine ganze Reihe fachlich kompetenter systemischer Ansätze und auch Weiterentwicklungen in diesem Bereich gibt, die aus meiner Sicht mit einer biblisch-seelsorgerlich begründeten Aufstellungsarbeit gut zusammengehen.
Mein Anliegen ist es nicht, Aufstellungsarbeit als neue christliche Seelsorgemethode zu etablieren. Vielmehr geht es mir darum, dass Aufstellungsarbeit als systemische Methode fachlich kompetent im Zusammenhang mit unterschiedlichen christlichen Seelsorgeansätzen und aus einer klaren seelsorgerlichen Grundhaltung und Verantwortung geschieht.
Mit diesem Buch möchte ich daher:
einen fundierten Einblick in die Aufstellungsarbeit auf biblischer Grundlage geben.
zum Thema Aufstellungsarbeit eine wichtige fachliche und geistliche Orientierungshilfe für die Bereiche christlicher Beratung, Therapie und Seelsorge bieten.
Neugierige ermutigen, sich auf die Suche nach ihren familiären Wurzeln und Zusammenhängen zu machen.
Hilfesuchende, die bisher eher an den Symptomen ihrer Probleme gearbeitet haben und die Zusammenhänge ihrer Herkunftsfamilien und Gegenwartsfamilien nicht im Blick hatten, herausfordern, die grundlegenden Störungen und Prägungen, die genau in diesem Bereich liegen, zu erkennen.
Menschen ermutigen, durch Aufstellungsarbeit an ihre eigenen Kraftressourcen und damit zu den entscheidenden Beziehungsklärungen ihres Lebens zu gelangen.
Suchende mit der Liebe und Kraft Gottes in Berührung bringen, die sich in Jesus Christus offenbart und die Grundlage für die heilsamen Erfahrungen in der Aufstellungsarbeit in einem klaren christlichen Kontext bietet.
Laien wie auch Fachleute aus den Bereichen Seelsorge, Beratung und Therapie ansprechen, die sich bewusst für eine christlich-biblisch fundierte Aufstellungsarbeit interessieren.
Zu diesem Zweck werde ich mich in diesem Buch mit fachlichen und biblischen Hintergründen des Familienstellens auseinandersetzen und anhand praktischer Erfahrungen eine christlich-seelsorgerlich begründete Aufstellungsarbeit beschreiben.
Um dem Leser die Vorgehensweise, Dynamik und die teilweise erstaunlichen Erfahrungen mit dem Familienstellen auf biblischer Grundlage nahezubringen, greife ich auf viele Praxisbeispiele der eigenen Arbeit zurück.
Mein Dank gilt daher insbesondere den wunderbaren Menschen, die sich auf die Aufstellungsarbeit in unseren Seminaren eingelassen haben und mit ihrem Einverständnis zur anonymisierten oder teilweise verfremdeten Veröffentlichung ihrer tiefgehenden persönlichen Erfahrungen dem Leser ein besonderes Lern- und Erfahrungsfeld zugänglich machen. Ich danke diesen Menschen für ihr Vertrauen, sich auf solch eine tiefgreifende Erfahrung der Arbeit mit der Herkunftsfamilie und der eigenen, oft von schwierigen Erfahrungen geprägten Biografie einzulassen.
Dank gilt außerdem:
meinen kompetenten Mitarbeiterteams, insbesondere Martina, Artur und Carmen, ohne die diese intensive Arbeit mit den Teilnehmern in unseren Aufstellungsseminaren nicht möglich wäre.
meiner Frau Dorothea, die mich mit ihren Erfahrungen als Autorin und als meine engste Vertraute mit ihrer besonderen Gabe der Ermutigung in diesem Projekt unterstützt hat.
Dr.Erwin Scharrer, durch den ich Grundlegendes zum Thema Familienstellen auf biblischer Grundlage gelernt habe und der mir jahrelang vertrautes Gegenüber in unseren gemeinsamen Seminaren und Schulungen war.
Dr.Gottfried Wenzelmann, der mir besonders durch die frühere Zusammenarbeit in unserer Ausbildung für Leiter von Familienaufstellungen ein lieber und kompetenter Kollege wurde. Mit eigener Autorenerfahrung und theologisch-geistlichem Tiefenblick korrigierte er das Buch und gab wertvolle Hinweise.
Susanne und Gottlob Heß, die uns persönlich und unsere Arbeit von Leben im Kontext e.V. schon seit vielen Jahren als geistliche Mutter und Vater begleiten und mit ihrer Durchsicht des Manuskriptes wertvolle Ermutigungen und Anstöße gegeben haben.
dem Asaph-Verlag, der die Neuauflage dieses Buches ermöglichte.
Mozart, Albinoni, Michael W. Smith, Amos Lee, Sting, Keith Green, Jan Gabarek und andere, die mich während der Erarbeitung dieses Buches mit Ihrer Musik inspirierten und berührten.
Es ist uns wichtig, christlichen Gemeinden und Kirchen, Interessierten, Ratsuchenden und Kollegen das Konzept unserer Aufstellungsarbeit transparent und damit verständlich und zugänglich zu machen.
Aufstellungen werden heute in den Bereichen Beratung, Therapie, Supervision und Coaching und in vielen unterschiedlichen Settings durchgeführt, z.B. in Form von:
Aufstellungen mit Familien innerhalb der familientherapeutischen Arbeit
Aufstellungen mit Figuren und anderen kreativen Mitteln innerhalb der Einzel-, Paar- oder Familienberatung
Aufstellungen mit Stellvertretern während eines Gruppenprozesses
Aufstellungen mit Symbolen etc.
Organisations- und Systemaufstellungen mit Teams in Institutionen und Unternehmen.
In der Familienaufstellung können sowohl die Herkunftsfamilie als auch die aktuelle eigene Gegenwartsfamilie aufgestellt werden.
In den vergangenen 15 Jahren hat sich eine große Vielfalt von Aufstellungsarten entwickelt. Dabei scheinen der therapeutischen Kreativität und dem Einfallsreichtum der unterschiedlichen Aufstellungsrichtungen und ihrer Entwickler kaum Grenzen gesetzt zu sein.
Im Zusammenhang dieses Buches geht es um die klassische Aufstellungsarbeit in der Gruppe und von daher mit Stellvertretern, die nicht tatsächliche Familienmitglieder sind.
2004 begannen wir mit zweitägigen Veranstaltungen, an denen jeweils ca. 24 Personen teilnahmen und von denen 6–7 ihre Herkunfts- oder Gegenwartsfamilie aufstellten. D.h., dass in diesen Seminaren, wie es auch bei vielen anderen Anbietern von Aufstellungen üblich ist, eine ganze Reihe interessierter Menschen teilnahm, die zwar als Stellvertreter zur Verfügung standen, aber nicht selbst ihre Familie stellten.
Gegen diese Form der Arbeit ist sicherlich nicht generell etwas einzuwenden. Es ist allerdings interessant, was z.B. Oliver König in seinem Grundlagenbuch über das Familienstellen zur Arbeit mit der Gruppe schreibt: »Selbst wenn der Gruppenprozess in der Arbeit keine explizite Beachtung findet, so entwickelt doch jede Aufstellungsgruppe im Verlauf einer Woche eine eigene Gestalt. Ab dem zweiten Tag haben sich alle in die Arbeitsform mit ihrem speziellen Rhythmus eingefunden … Da meine Gruppen die Größe von 15 Teilnehmern in der Regel nicht übersteigen, hat am Ende der Woche jeder mit jedem in irgendeiner Weise nicht nur eine Erfahrung gemacht, sondern auch eine Begegnung haben können.« (König, 2004, S.276; Hervorhebung durch den Autor). Gruppengröße und zeitlicher Rahmen einer Seminarwoche stehen hier also in engem Zusammenhang mit einem offenbar intendierten Gruppenprozess.
Vor einigen Jahren nahm ich an einem eineinhalbtägigen Aufstellungsseminar einer bekannten Aufstellungsleiterin teil. Das Seminar fand in einem hundert Quadratmeter großen Raum statt, in dem sich ca. 60 Männer und Frauen einfanden. Es schien noch nicht klar zu sein, wer von diesen Personen aufstellt, dies ergab sich dann im Laufe des Seminares. Eine psychisch kranke Teilnehmerin fiel mir nach ihrer Aufstellung auf. Sie stand in den Pausen immer wieder abseits und befand sich in hoher emotionaler Anspannung. Es gab niemanden von den Verantwortlichen, der sich um sie gekümmert hätte. Auch von der Gruppe fühlte sich niemand in irgendeiner Weise verantwortlich. Sie ging mit ihrem Schmerz, dem Angerührten und Aufgewühlten in der großen Gruppe unter. Auf meine Ansprache hin reagierte sie erleichtert und war überrascht, dass jemand nach ihrem Ergehen fragte. Ihr ging es nicht gut und sie fühlte sich durch mein Fragen ermutigt, sich selbst um Unterstützung zu kümmern.
Finanziell ist der Ausrichter des gerade beschriebenen Seminars mit einem Umsatz von über 8 000Euro in eineinhalb Tagen »ziemlich gut aufgestellt« gewesen. Die Aufstellungen selbst waren fachlich gut geleitet, das Setting war aus meiner Sicht an einigen Stellen grenzwertig. Mir geht es hier nicht darum, über andere Kollegen den »Stab zu brechen«. Allerdings lösten meine Erfahrungen verständlicherweise eine Reihe von Fragen und auch Fantasien aus.
In den Zusammenhängen unserer Arbeit hatten wir uns schon vor dieser gerade beschriebenen Erfahrung entschieden, Aufstellungen nur noch im Rahmen von Seminarwochen anzubieten.
Zwei Tage sind aus unserer Sicht selten eine wirklich hilfreiche Erfahrung für die Teilnehmer von Aufstellungen. Es kommt kaum zu einer wirklichen Gruppenbildung oder einem vertiefenden und unterstützenden Gruppenprozess. Teilnehmer fahren in der Regel abends wieder in ihre gewohnte Umgebung zurück. Es gibt für sie zeitlich keinen Raum, das Erfahrene »sacken« zu lassen. Ebenso gibt es kaum bis keine Möglichkeit zur Unterstützung durch Mitarbeiter, falls dies notwendig oder gewünscht ist.
Auf diesem Hintergrund entschieden wir uns, auch wenn es von der Zeit, den Finanzen und Mitarbeitern her aufwendig ist, therapeutische Familienaufstellungen im Wesentlichen nur noch im Rahmen mehrtägiger gruppentherapeutischer Angebote durchzuführen.
Der Seminarort hat für uns als Veranstalter einen hohen Stellenwert. Besonders gute Voraussetzungen dafür bietet uns seit Jahren ein altes Stift in Obernkirchen in Niedersachsen, eine Tagungsstätte der Geistlichen Gemeindeerneuerung innerhalb der evangelischen Kirche. Ich hebe diese Einrichtung deshalb bewusst hervor, weil sie ein seelsorgerlich ausgerichtetes Tagungshaus ist, in dem seit vielen Jahren eine entsprechende einladende, familiäre Atmosphäre und eine Atmosphäre des Gebets bestehen.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Tatsache, dass wir jeweils nur mit unserer Seminargruppe das Haus belegen und dass dadurch ein besonders geschützter Rahmen für die Teilnehmer und Mitarbeiter besteht. In der Regel hat jeder Teilnehmer ein Einzelzimmer, das ihm während des Seminars immer wieder die Möglichkeit des Rückzugs bietet. Das gesamte Ambiente des Stiftes lädt zur inneren Einkehr, Ruhe und Besinnung ein und schafft Raum, sich mit intensiven Fragestellungen des Lebens auseinanderzusetzen.
In den Ausschreibungen unserer Aufstellungswochen machen wir deutlich, dass es sich um ein christlich-seelsorgerlich ausgerichtetes Seminar handelt, in dem Gebet, seelsorgerliche Gespräche und Themen wie die »Heilende Gegenwart Gottes erfahren« und »Verstrickungen durchschauen und Verletzungen der Heilung zuführen« einen wichtigen inhaltlichen Stellenwert haben.
Jeder Teilnehmer unserer Aufstellungswochen erhält im Zusammenhang mit dem Anmeldeverfahren einen Fragebogen, durch den wir Informationen zu seiner Biografie, zur Motivation der Teilnahme an der Aufstellungswoche und zum Anliegen/zur Frage- oder Problemstellung bekommen. Es kann sein, dass sich dadurch im Vorfeld weitere Klärungsfragen für uns oder den Teilnehmer ergeben oder dass wir möglicherweise empfehlen, nicht an der Aufstellung teilzunehmen. Dies ist der Fall, wenn sich jemand in einer akuten Krise befindet, in der aus therapeutischer und fachärztlicher Sicht eine Teilnahme an solch einem intensiven gruppentherapeutischen Aufstellungsseminar überfordernd und damit nicht sinnvoll wäre. So es uns möglich ist, stellen wir eine Gruppe zusammen, in der der Anteil der Männer und Frauen möglichst ausgewogen ist.
Wir führen die Aufstellungsseminare grundsätzlich nur mit einem Team von vier Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen durch. Außer mir als Aufstellungsleiter sind dies therapeutisch und seelsorgerlich langjährig erfahrene Mitarbeiter. Im Vorfeld der Woche nehmen wir uns u.a. ausführlich im Gebet Zeit für die inhaltliche Vorbereitung. Für mich als Leiter bedeutet es eine große Erleichterung, mich im Wesentlichen auf die Aufstellungsarbeit konzentrieren zu können, während alle anderen Verantwortlichkeiten beim Team liegen. Die Teilnehmerrückmeldungen belegen, dass diese Vorgehensweise ein großes Maß an Sicherheit, Geborgenheit und Schutz vermittelt und dass sich jeder während der Woche im Prozess gut aufgehoben fühlt.
Es ist von unschätzbarem Wert, ein Team mit Mitarbeitern zu haben, die während der Seminarzeit kontinuierlich beten und die Prozessabläufe und -dynamik mit im Blick haben.
Häufig werden wir als Veranstalter gefragt: »Wie läuft denn so eine Aufstellungswoche ab?« Damit sich Interessenten und Leser dazu ein möglichst klares Bild machen können, stelle ich den Ablauf hier kurz vor.
Die Seminare beginnen in der Regel Mittwochnachmittag, sodass für Anreisende aus größeren Entfernungen genügend Anreisezeit eingeplant ist. Der Beginn in der Wochenmitte ist deshalb günstig, weil die Teilnehmer dann nicht eine gesamte Arbeitswoche für das Seminar einplanen müssen.
Das Seminar beginnt mit einem geistlichen Einstieg und mit einer ausführlichen Vorstellungsrunde.
Die in der Regel 15 Aufstellungen verteilen sich dann auf diesen ersten und die nächsten drei Tage.
Am Tagesbeginn steht jeweils eine gemeinsame geistliche Einstimmung zu einem grundlegenden Beziehungsthema, wie z.B. dem der Selbstannahme und dem Angenommen-Sein bei Gott, der Vaterschaft Gottes, der Vergebung oder einem ähnlichen Grundthema des Glaubens, der Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zu Gott.
Während der Woche besteht für die Teilnehmer immer Gelegenheit zu Fragestellungen, die das Thema Familienaufstellung und die aktuellen Erfahrungen der Teilnehmer betreffen. Zu Beginn eines jeden Tages nehmen wir uns Zeit für eine ausführliche Gruppenrunde, in der jeder seine derzeitige Befindlichkeit, sein aktuelles Thema oder eine wichtige Fragestellung etc. benennen kann.
Ähnliches beschreibt Oliver König: »So beginne und beende ich jeden Tag mit einer Runde der Teilnehmer, in der sie in kurzen Sequenzen im Dialog mit mir ihr Thema verfolgen, es verändern oder überhaupt erst finden. Diese Runden begleiten die Aufstellungsarbeit, bereiten diese vor und bieten einen Ort, die dadurch ausgelösten Prozesse zu rahmen. Ich möchte dies deutlich abheben von einer Praxis der Aufstellungsarbeit, die sich weitgehend in den Aufstellungen erschöpft, deren Vertreter sogar glauben, jeder weitere Diskurs sei kontraproduktiv, und sich stattdessen auf die irgendwie gearteten ›Kräfte‹ der Aufstellung verlassen, ohne dies weiter therapeutisch zu rahmen.« (König, 2004, S.150). Ich kann aus unserer Erfahrung diesen Standpunkt Königs nur unterstreichen, auch wenn sicher darauf geachtet werden muss, dass die wichtigen Erfahrungen der Aufstellungsteilnehmer nicht »zerredet« werden.
Ein Abend in der Woche ist bewusst immer dem gemeinsamen Feiern und der Entspannung gewidmet und wird von den Teilnehmern selbst organisiert und ausgerichtet.
Höhepunkt ist am Abschlusstag der Seminarwoche ein mehrstündiges Gebets- und Segnungsangebot in der Gruppe, bei dem jeder Teilnehmer die Möglichkeit hat:
mit sich für wichtige Aspekte, die ihm während der Aufstellungswoche deutlich geworden sind, beten zu lassen,
sich segnen zu lassen,
Loslösung, Befreiung, Vergebung und Vergebungszuspruch zu erfahren,
konkrete Erfahrungen mit dem Hörenden Gebet zu machen.
Unsere Erfahrungen und die Rückmeldungen der Teilnehmer zeigen, dass diese Zeit neben der eigenen Aufstellungserfahrung, die jemand erlebt hat, immer wieder ein ganz wesentlicher Teil der Seelsorgewoche ist.
Hier wird deutlich, dass befreiende und heilsame Seelsorge durch konkreten Zuspruch Gottes erlebt werden kann und dass dadurch etwas geschieht, das über die therapeutische und psychologisch fundierte fachliche Arbeit weit hinausgeht.
Gottes Heiliger Geist wirkt in der gesamten Woche. Allerdings verdichtet sich in dieser Gebetszeit am Schluss noch einmal Wesentliches oder es geschehen sogar entscheidende Schritte der Befreiung und Heilung. Die Vergebung dem Vater, der Mutter oder auch den Geschwistern gegenüber, die in der Woche oder im direkten Zusammenhang mit der eigenen Aufstellung noch nicht möglich gewesen ist, kommt hier häufig zum Durchbruch. Oft erleben wir als Mitarbeiterteam während dieser Zeit, dass durch das Gebet wichtige Impulse und Eindrücke deutlich werden, die für den jeweiligen Teilnehmer bisher noch nicht im Blickpunkt standen. Insbesondere der Segenszuspruch im Gebet hat eine besonders freisetzende und ermutigende Wirkung. Auch wenn oft noch einmal Schmerz und Trauer hochkommen und es in dieser Zeit viele Tränen gibt, so fließen insbesondere Gottes Liebe, seine Ermutigung und sein Zuspruch in die Herzen der Teilnehmer.
Die Erfahrung der Gegenwart Gottes und sein konkretes Wirken durch den Heiligen Geist führen die Teilnehmer in der Regel tief in die Erfahrung hinein, dass sie die von Gott geliebte Tochter und der von Gott geliebte Sohn sind.
Als Seminaranbieter ist es uns ein großes Anliegen, dass die Teilnehmer diese Grunderfahrung der Annahme bei Gott machen, vielleicht das erste Mal überhaupt in ihrem Leben.
Das Drehen um sich selbst und den eigenen Schmerz, das endlose Suchen nach Erklärungen für schwierige Erfahrungen des Lebens, das Sich-Einrichten in den Symptomen, die somit Ausdruck des eigenen Lebensstils geworden sind, oder auch das Stehenbleiben in Verbitterung und Anklage münden meistens in eine gewisse Ichhaftigkeit, werden zum Ausdruck eines »falschen Selbst«, wie viele Autoren es bezeichnen. Dadurch wird unsere Beziehungsfähigkeit, mit der wir durch unseren Schöpfer grundlegend ausgestattet sind, blockiert oder zerstört.
Fritz Künkel schrieb vor fast fünfzig Jahren den wichtigen Satz: »Das wichtigste Symptom der Ichhaftigkeit ist die innere Vereinsamung, der Mangel an Verbindungen von Herz zu Herz.« (Künkel, 1965, S.73).
Oft ist dies genau der Zustand, in dem Menschen zu Seelsorge-Seminaren und therapeutischen Wochen kommen. Unsere verkrümmten, einsamen Haltungen sind dabei die Hindernisse, durch die es kaum möglich ist, befriedigende Beziehungen, lebendige und verändernde Gemeinschaft zu erleben.
In einer Aufstellungswoche kann sehr viel geschehen. Wir sind immer wieder darüber erstaunt, wie rasch sich eine intensive Gemeinschaft zwischen Menschen entwickelt, die sich in der Regel vorher nicht kennen. Durch die Methode der Familienaufstellung entsteht in der Gruppe eine besonders intensive Nähe und dichte Atmosphäre des Erlebens und Aufeinander-Achtens. Ich habe den Eindruck, dass sich die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten, Vertrauen zu schenken, sich auf andere Menschen einzulassen, Gespür und Feingefühl für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen bei sich selbst und anderen zu entwickeln, und vieles mehr, regelrecht explosiv entwickelt und entfaltet. Ich weiß, dies ist ein sehr subjektives Empfinden, allerdings bestätigen die Feedbacks der Teilnehmer immer wieder diese Beobachtungen. Die Begegnungen und Beziehungen in diesen Seminaren sind von hoher gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Manchmal scheint es so, als ob der Geist Gottes in diesem »Beziehungslabor« bei den Teilnehmern Beziehungs- und Gefühlsdefizite in sehr kurzer Zeit nachnährt.
Diese Intensität im Beziehungserleben durch die Woche hindurch findet in der Segnungs- und Gebetszeit ihren Höhepunkt. Der Beziehungsboden ist in diesem Sinne schon vorbereitet und die Teilnehmer haben Neues erlebt: Verbindungen »von Herz zu Herz«, wie Künkel es schreibt. Auf dieser Basis entstehen eine große Offenheit und ein besonderer Raum für die Erfahrung des Gebets und der Segnung. »Ich bin jetzt offen wie eine empfangende Schale«, so beschrieb einmal ein Teilnehmer sein Empfinden.
Begriffe wie Gebet und Segnung rufen im Zusammenhang mit Familienaufstellungen und auch im Kontext der verschiedenen christlichen Frömmigkeitsstile und -erfahrungen unterschiedliche Assoziationen und Reaktionen hervor. Deshalb möchte ich hier einen kurzen Einblick in unser Verständnis und unsere Praxis geben.
Gebet und Segnung sind nicht »schmückendes Beiwerk«, um zu schönen religiösen Erfahrungen zu verhelfen. Sie sind grundlegender Bestandteil unseres Dienstes und Quelle der Entfaltung der Kraft des Heiligen Geistes, der Liebe Gottes und damit seiner Erkenntnis und Quelle seiner heilsamen und heilenden Zuwendung zu den Menschen.
Treten denn Therapeuten auch als Seelsorger auf? So könnte die erstaunte Frage des Lesers jetzt lauten.
Ja, genau so ist es! Die seelsorgerliche Dimension unseres Handelns als Berater und Therapeuten ist nicht von unserer therapeutischen Vorgehensweise zu entkoppeln.
Die seelsorgerliche Dimension umfasst meine Verantwortung als Therapeut und Christ, dem Ratsuchenden als Bruder oder Schwester Gegenüber zu sein und bewusst mit der verändernden Gegenwart Gottes und mit seiner Kraft zu rechnen.
Der Segnende muss kein Ordinierter sein, das Gebet für- und miteinander ist eine der grundlegenden Beziehungs-Haltungen der christlichen Kirche.
»Vergeltet nicht Böses mit Bösem noch Kränkung mit Kränkung! Stattdessen segnet; denn ihr seid dazu berufen, Segen zu erlangen.« (1. Petrus 3,9, EÜ).
Wie an anderen Stellen in diesem Buch beschrieben, geschehen manchmal erstaunliche Dinge während dieser Gebetszeiten, in denen wir uns mit jedem einzelnen Teilnehmer ca. 20 Minuten Zeit nehmen.
Einmal beteten meine Mitarbeiterin Martina und ich für einen Mann. Er hatte während der Woche intensive Erfahrungen mit der Aufstellung seiner Herkunftsfamilie gemacht, in denen auch sein Missbrauchsthema bearbeitet werden konnte. Jetzt in der Gebetszeit war ich innerlich darauf eingestellt, diesem Teilnehmer einfach nur Ermutigung und Gutes, eben Segen, zuzusprechen. Stattdessen bekam ich immer wieder den Gedanken »Ehebruch und Unreinheit«. Ich spürte innerlich, dass der Geist Gottes diese Impulse gab, begann aber im Stillen mit Gott zu »verhandeln«, ob das Öffnen dieses Eindruckes denn wirklich notwendig sei. Schließlich sprach ich meinen Eindruck dem Mann gegenüber aus und bat ihn, diesen für sich zu prüfen. Ich hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da liefen Tränen über das Gesicht des Teilnehmers. Er berichtete, dass er schon längere Zeit zu Prostituierten Kontakt habe und dass seine Ehebeziehung immer mehr den Bach hinunterginge. Er sei voller Scham, laufe schon lange mit diesem Geheimnis umher und versuche, damit auch vor Gott wegzulaufen. Die Gebetszeit bekam eine wesentliche Wendung und dem Mann war die Erleichterung direkt anzusehen, nachdem dieses belastende und zerstörende Geheimnis endlich ans Licht gekommen war. Er erkannte und entschied für sich, dass er nicht länger in diesem zerstörerischen Zustand verharren wollte, und wir konnten somit um Reinigung, Befreiung und um Heilung beten. Symbolisch wusch sich der Teilnehmer mit Wasser die Stirn und wir segneten ihn, indem wir ihm mit Salböl das Kreuzzeichen auf die Stirn machten.
Die Bibel macht deutlich, dass wir nicht länger unter dem zerstörerischen Fluch der Sünde, also dem von Gott getrennten Zustand, bleiben müssen, weil dieser Fluch in Jesus hinweggenommen ist.
Bewusst stellen wir uns in solchen Gebetszeiten auf die grundlegenden Aussagen in Gottes Wort und nehmen diese für uns und die Teilnehmer in Anspruch:
»Gott allein hat es ermöglicht, dass ihr in Christus Jesus sein dürft. Er hat ihn zu unserer Weisheit gemacht. Durch ihn sind wir vor Gott gerecht gesprochen und unser Leben wird durch ihn geheiligt. Durch ihn sind wir erlöst.« (1. Korinther 1,30).
»Denn die Macht des Geistes, der Leben gibt, hat dich durch Christus Jesus von der Macht der Sünde befreit, die zum Tod führt.« (Römer 8,2).
»Doch wenn wir wie Christus im Licht Gottes leben, dann haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut von Jesus, seinem Sohn, reinigt uns von jeder Schuld.« (1. Johannes 1,7).
»Ermutigt einander jeden Tag, solange es »Heute« heißt, damit keiner von euch von der Sünde überlistet wird und hart wird gegen Gott!« (Hebräer 3,13).
Für manch einen Leser mögen diese biblischen Texte eine Herausforderung darstellen, zumal, wenn sie im Zusammenhang mit dem Familienstellen genannt werden. Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung, Gesetz des Geistes und des Lebens Jesu, Gesetz der Sünde und des Todes, im Licht leben, Reinigung von aller Sünde, der verhärtende Betrug der Sünde – sind wir wirklich bereit, uns mit diesen biblischen Realitäten auseinanderzusetzen?
(Daniel 9,19, Buber)
Zugegeben, ich hätte es manchmal auch gerne einfacher. Die Einbeziehung vielleicht auch unbequemer biblischer Wahrheiten fällt auch mir nicht leicht, da ich lieber auf der Ebene der Liebe Gottes, der Annahme und im guten systemischen Sinne der ressourcenorientierten Arbeit handle. Dabei ist und bleibt eines unmissverständlich klar: Nur Gottes Liebe und seine Güte können uns so berühren, dass wir umkehren, dass wir uns von der Finsternis ins Licht begeben und uns von der zerstörerischen Sünde lösen möchten. Niemals darf es unsere Motivation sein, biblische Wahrheiten als moralisches Druckmittel zur Manipulation zu benutzen. Niemand kommt so zu einer befreienden Erfahrung mit dem himmlischen Vater. »Niemand kann zu mir kommen, wenn der Vater, der mich gesandt hat, ihn nicht zu mir zieht; und am letzten Tag werde ich ihn von den Toten auferwecken.« (Johannes 6,44).
Ich habe bewusst das oben beschriebene Beispiel angeführt, um deutlich zu machen, dass wir uns bei all dem Schönen, das wir in den Aufstellungen erleben, der herausfordernden und auch unbequemen Seite des Evangeliums nicht entziehen, zumindest dann nicht, wenn wir Familienstellen auf biblischer Basis anbieten.
Die Menschen haben eine große Sehnsucht nach Heilung, Reinigung, Erlösung und Befreiung. Vielleicht ist dies der Grund, warum im Bereich von Therapie und Beratung und insbesondere im Familienstellen Schamanismus und schamanische Praktiken geradezu boomen. Der Heiler verhilft vermeintlich zu der spirituellen Erfahrung, nach der sich die Menschen sehnen. Er führt die Teilnehmer von Seminaren durch Magie und Zauberei, durch rituelle Reinigungen, Trancen etc. in transzendente Erfahrungsbereiche hinein, in Pseudoerfahrungen der Lösung und Erlösung.
Ja, unterscheiden wir uns dann mit unseren frommen Ritualen und Praktiken von dem, was z.B. im esoterischen Bereich angeboten wird?
Gegenfrage: Warum sollten wir auf die Kraft des Heiligen Geistes verzichten und animistischen und pantheistischen Glaubensangeboten den Platz überlassen?
Paulus betont in seinem ersten Brief an die korinthische Gemeinde:
»Meine Botschaft und meine Predigt waren schlicht, ich gebrauchte keine klugen Worte und versuchte auch nicht, euch zu überreden, sondern die Kraft des Heiligen Geistes hat unter euch gewirkt. So verhielt ich mich, damit ihr auf die Kraft Gottes vertraut und nicht auf menschliche Weisheit.« (1. Korinther 2,4+5).
Die Bibel zeigt uns im Alten wie im Neuen Testament in vielen Zusammenhängen, dass Gottes Wirken oft kraftvoll und ungewöhnlich ist, wie z.B. an den Wundern von Jesus, aber auch im Wirken seiner Jünger deutlich wird. Vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten, so beschreibt der alttestamentliche Bericht im 2. Buch Mose, warteten die ägyptischen Priester und Zauberer mit ähnlichen machtvollen Demonstrationen auf wie Mose und versuchten, den Pharao zu beeindrucken: »Daraufhin ließ der Pharao seine weisen Männer und Zauberer rufen. Sie vollbrachten mit ihren Zauberkünsten dasselbe: Jeder von ihnen warf seinen Stab auf den Boden und sie verwandelten sich in Schlangen. Aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe. Der Pharao jedoch blieb unnachgiebig und er hörte nicht auf Mose und Aaron, so wie der Herr es vorausgesagt hatte.« (2. Mose 7,11-13).
Unsere Ausgangsbasis ist Jesus Christus als Gekreuzigter, der für die Sünde der Welt starb und der als der Auferstandene die Macht der Sünde, der Finsternis und des Todes besiegt hat. Im Vertrauen darauf, dass durch seinen Heiligen Geist, durch die Kraft seiner Liebe und die verändernde Wirksamkeit seiner Gnade Menschen angerührt werden, gestalten wir auch unsere Aufstellungsarbeit mit Gebetsformen, Ritualen und Vorgehens- weisen, die grundlegend zum bewährten Erfahrungsschatz der christlichen Kirchen gehören. Dies sind dann auch z.B. sichtbare und fühlbare zeichenhafte Segnungs- und Gebetsrituale, wie das Salben mit Öl oder auch der Gebrauch von geweihtem Wasser als einem Symbol der Reinigung.
Wir glauben nicht an eine magische Kraft von Ritualen und Symbolen, seien sie auch noch so christlich und geistlich präsentiert. Zeichenhafte Handlungen und Rituale in einem klaren geistlichen Rahmen und Kontext weisen auf den einen Erlöser hin, der verändern und heilen kann und will, der dies souverän durch seinen Heiligen Geist tut und sich von uns nicht instrumentalisieren lässt: auf Jesus Christus, den Handelnden.
Ich erinnere mich an ein älteres Ehepaar, das an einer Aufstellungswoche teilnahm. Der Ehemann war als Begleiter seiner Frau mitgekommen und hatte aus seinem Leiden an der gemeinsamen schwierigen Beziehungssituation heraus ein großes Interesse daran, dass seine Frau eine Aufstellung machte. Sie, die ohne Vater und Mutter aufgewachsen war, hatte vor der Aufstellungswoche enormen inneren Druck und Angstgefühle.
Eine der schmerzlichsten Lebenserfahrungen der Frau war es, dass sie schon im Kindheitsalter von ihren sehr frommen Pflegeeltern zur Arbeit gezwungen worden war. Bei Verweigerung oder schlechter Arbeit war ihr gedroht worden, wieder ins Heim zurückgegeben zu werden. »Mein Leben bestand nur aus Gehorsam und Arbeit!«, so bemerkte sie einmal während des Seminars mit einem tiefen Seufzer und einem traurigen, müden Blick.
Mit liebevollem, sanftem, aber spürbarem Druck versuchte der Mann nun seine Frau davon zu überzeugen, dass sie doch ihre Aufstellung machen sollte. Als sie an einem Morgen mit hochrotem Kopf und sichtlich unter großer innerer Anspannung in der Runde saß und sich beinahe abverlangte, funktionieren und ihre Aufstellung jetzt machen zu müssen, intervenierte ich. Vor der Gruppe sprach ich ihr zu: »Marthe, du musst hier nichts tun. Es ist völlig in Ordnung, wenn du einfach nur da bist und keine Aufstellung machst.« Ich werde nie ihren völlig erstaunten Blick vergessen und die Beobachtung, dass ihre rote Haut umgehend wieder eine normale Farbe annahm. Sie blieb in den nächsten Tagen entspannt, verfolgte aber mit großer Aufmerksamkeit und innerer Anteilnahme die Aufstellungsprozesse. Am letzten Aufstellungstag kam sie offenbar sehr präsent und wach zur ersten Arbeitseinheit am Morgen. »Ich möchte jetzt aufstellen!«, dieser Satz kam so klar und überzeugt aus ihr heraus, dass es sofort jeden im Raum tief anrührte. Was dann folgte, war eine der bewegendsten Aufstellungen, die ich erlebte. Niemals wäre dies möglich gewesen, wenn die Teilnehmerin sich äußeren und inneren Zwängen gebeugt hätte. Sie kam von Herzen und aus Überzeugung, weil sie innerlich berührt und auch äußerlich dazu »freigesetzt« war, nicht funktionieren, nichts leisten zu müssen.
Ich erzähle diese Geschichte, um deutlich zu machen, dass es darum geht, dass im Seminar keinerlei Druck besteht, etwas machen zu müssen. Der Impuls, den wir deutlich mit unserer Haltung und entsprechenden Interventionen setzen, ist: »Es ist gut, dass du hier bist und du darfst einfach da sein.«
In einer meiner Ausbildungen wurde immer wieder der Begriff »Wohlwollende Aufmerksamkeit« als beraterische Haltung betont. Dies drückt sehr gut aus, auf welche Weise unsere Wertschätzung und auch die Vermittlung der Liebe Gottes in Fluss kommen sollen.
Da anhand einiger praktischer Beispiele in diesem Buch der Ablauf der Familienaufstellungen schon verdeutlicht wird, will ich mich hier auf eine Kurzbeschreibung begrenzen.
Eine Aufstellung ist für mich ein hochintensiver Arbeitsprozess und ein filigranes Kunstwerk zugleich. Es gibt einige Eckpunkte und Koordinaten, die sowohl für den Aufsteller als auch die Gruppe und auch für mich als Aufstellungsleiter einen wichtigen Orientierungsrahmen bilden. Innerhalb dieses Rahmens sind für mich als Leiter eine hohe Flexibilität und Intuition, ein Erspüren der jeweiligen im Raum aufgestellten familiären Beziehungsrealität und -dynamik wichtig. Ich lasse mich einerseits durch den Prozess »leiten« und gestalte diesen gleichzeitig durch meine therapeutischen Interventionen. Mit Aufsteller oder Aufstellerin ist hier und im folgenden Text dieses Buches immer die Person gemeint, die ihre Herkunfts- oder Gegenwartsfamilie aufstellt und die Lösungen für ihr Anliegen und ihre Fragestellung sucht.
Einige Wochen vor dem Seminar erhalten die Teilnehmer einen Fragebogen, in dem sie unter anderem zu ihrer Motivation für die Teilnahme an der Aufstellungswoche und zu ihrem Anliegen befragt werden. In der Regel verändern sich Fragestellung und Anliegen bis zum Seminar, ja selbst innerhalb des Seminars noch einmal. In der Vorstellungsrunde zu Beginn der Aufstellungswoche benennen die Teilnehmer ihr Anliegen oder auch ihren Konflikt, für den sie eine Lösung oder Klärung suchen.
Die Benennung des Problems am Beginn der Woche in der Gruppe bewirkt, dass schnell eine große Solidarität und ein Vertrauen zueinander entstehen. Gleichzeitig verpflichten sich alle Teilnehmer zur Einhaltung der Schweigepflicht, sodass klar ist, dass keinerlei Details über Inhalte der Aufstellungen an Dritte weitergegeben werden. Rasch ist deutlich, dass ein guter Rahmen vorhanden ist, in dem einander vertraut werden kann, sodass sich jeder gut auf den Prozess des intensiven Arbeitens einlassen kann.
Zu Beginn der Aufstellung führe ich als Leiter mit dem Aufsteller vor der Gruppe ein kurzes einführendes Gespräch zur Aufstellung, um sein Anliegen und das Ziel, das er mit der Aufstellung für sich verbindet, zu klären. Ebenso kläre ich an dieser Stelle mit dem Aufsteller, ob es um seine Herkunfts- oder Gegenwartsfamilie gehen soll.
Bewusst verzichte ich hier, wie im Übrigen auch die meisten Aufstellungsleiter, auf eine umfassendere Anamnese, in der biografische Zusammenhänge geschildert werden. Dies wird immer wieder von Kritikern der Aufstellungsarbeit bemängelt, die gerade eine gründliche Anamnese in der therapeutischen Arbeit für unerlässlich halten. In der Praxis wird, wie ich an anderer Stelle in diesem Buch beschreibe, allerdings deutlich, dass solch eine längere Erörterung das unmittelbare Erleben und die sich entfaltende Dynamik der Aufstellung nur hemmen und blockieren würde.
Oliver König hebt noch einen wichtigen Aspekt hervor, indem er betont: »In der Phase der Informationserhebung und vor allem unmittelbar vor einer Aufstellung ist es wichtig, den Interpretationen des Protagonisten über seine familiäre Dynamik keinen breiten Raum einzuräumen, sie gegebenenfalls ganz zu unterbinden. Sie wirken wie Problemsuggestionen für den Protagonisten und wie ein emotionales Briefing für die Stellvertreter. In der Aufstellung erfordert es dann für alle eine zusätzliche Anstrengung, sich von der Suggestivkraft dieser Interpretationen zu befreien, um sich ganz dem Wahrnehmungsfeld im Hier und Jetzt überlassen zu können.« (König, 2004, S.283).
Im Übrigen ist es so, dass während der Aufstellung wesentliche lebensgeschichtliche Fakten und Zusammenhänge auch in ihrer Komplexität rasch deutlich werden, aber in einer Weise, in der die Fokussierung auf das jetzt Wesentliche nicht verloren geht.
Im Vorgespräch kurz vor der eigentlichen Aufstellung spielt die Frage danach, wer zum Familiensystem gehört oder gehörte und nach dem sogenannten inneren Bild der Familie eine zentrale Rolle. Was ist damit gemeint?
Zu den Stellvertretern der Kernfamilie kommen oft noch wesentliche weitere Personen hinzu, wie z.B. eine in der Familie mitlebende Großmutter oder ein Großvater, oder beide – also Personen, die eine weitere wichtige oder zentrale Rolle einnahmen. Dies können Personen sein, die heute noch leben oder auch schon gestorben sind.
Im inneren Beziehungsbild, das jemand vor Augen haben sollte, geht es um die Fokussierung auf zwei wesentliche Aspekte des von ihm in der Kindheit oder Jugend wahrgenommenen und gefühlten Beziehungsgefüges seiner Familie. Vereinfacht ausgedrückt: Wie standen wir zueinander?
Die zwei Aspekte, auf die wir uns in der Aufstellung konzentrieren, sind:
Die Positionen und damit der Beziehungsabstand, in denen die einzelnen Familienmitglieder stehen: Wer steht wo im »Beziehungsraum«? Wie nah oder distanziert stehen die einzelnen zueinander?
Die Blickrichtung der Einzelnen: Wer ist mit wem in Kontakt? Wo schaut jemand hin?
Zusammen ergeben sie das innere Bild, das der Aufsteller braucht, um danach seine Familie aufzustellen. Manche Teilnehmer suchen länger, bis sie dieses Bild haben, bei manchen entwickelt es sich erst, während sie die Stellvertreter aufstellen.
Die Wahrnehmung des inneren Beziehungsbildes seiner Familie fordert den Aufsteller besonders heraus, ins Fühlen und Spüren zu kommen. Für jemanden, der möglicherweise zum eigenen Schutz schmerzvolle Beziehungserfahrungen und -prozesse verdrängt oder dissoziiert hat, ein großer Schritt, der oft viel Überwindung kostet. Mich fasziniert es allerdings immer wieder, wie schnell Teilnehmer in diese Wahrnehmungen und ins Spüren hineinfinden. Selbst Klienten, die in unserer Beratungspraxis in den therapeutischen Gesprächen nur schwer Zugang zu sich selbst bekommen, entfalten hier in der Aufstellung eine große Kraft und finden schnell Zugang zu ihren Gefühlen.
Ich bitte dann den Aufsteller, sich aus der Gruppe jeweils Stellvertreter für die Mitglieder der aufzustellenden Familie auszusuchen, ebenso auch einen Stellvertreter für sich selbst.
Der Aufsteller wird gebeten, die Stellvertreter liebevoll zu fragen, ob sie bereit sind, die Stellvertreterrolle des Vaters, der Mutter usw. zu übernehmen. Natürlich haben die Stellvertreter die Möglichkeit, die Übernahme der Rolle abzulehnen.
Dann »schiebt« oder stellt der Aufsteller die einzelnen Stellvertreter nach seinem inneren Bild an ihre jeweiligen Positionen.
Aus unserer Erfahrung macht eine gewisse ritualisierte Vorgehensweise viel Sinn. Bewusst beginnt der Aufsteller mit der Wahl des Vaters, dann der Mutter und fährt dann mit der Auswahl der Geschwister in der Reihenfolge vom Ältesten bis zum Jüngsten fort.
Was ist der Sinn solch einer »Ordnung«?
Nach König »macht es Sinn, in der Reihenfolge der Befragung die strukturellen Annahmen über Familie zu verlebendigen. Ich frage also die Eltern vor den Kindern, die Kernfamilie vor den Großeltern, die Familienmitglieder vor familienfremden Personen, das Gegenwartssystem vor einem früheren oder späteren System usw. Die jeweilige Wahl der Reihenfolge impliziert Vorstellungen über Hierarchie und Vorrang.« (König, 2004, S.289; Hervorhebung durch den Autor).
In einer Zeit, in der sich Strukturen und Rollen in Familien stark verändern, ist es nicht leicht, traditionelle oder auch christlich begründete Annahmen über Vater-, Mutter- und Geschwisterrollen und über Mann-Sein und Frau-Sein, über Hierarchien mit Über- und Unterordnung etc. zu benennen, sie gar darzustellen. Schnell kommen wir dann in den Verdacht, bestimmte Rollen abzuwerten oder aufzuwerten oder ideologische Mission zu betreiben.
Mein Ziel ist es hier nicht, eine umfassende Diskussion vom Zaun zu brechen. Ich lade den Leser ein, selbst einen Moment innezuhalten und sich über die Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit bestimmter familiärer Ordnungen Gedanken zu machen.
Ich muss nicht Christ sein, um Vater und Mutter oder auch die Ebene als Paar als ein wesentliches, verantwortliches Subsystem innerhalb einer Familie zu sehen und ihre Rolle entsprechend zu würdigen. Ebenso ist schon lange aus der Arbeit mit Geschwisterkonstellationen bekannt, wie wichtig der Respekt vor der altersmäßigen Reihenfolge ist.
Salvador Minuchin, der Begründer der strukturellen Familientherapie, differenziert deutlich die verschiedenen Teilsysteme (Elternsystem, Ehesystem, Geschwistersystem etc.) einer Familie sowie ihre wichtigen Grenzen und ihre jeweiligen Funktionen. Zum elterlichen System bemerkt er: »Der Therapeut muss herausfinden, wer die Mitglieder dieses Subsystems sind; es hat ja wenig Sinn, der Mutter zu helfen, ihr Kind zu erziehen, wenn ihre Stelle in Wahrheit von der Großmutter eingenommen wird.« (Minuchin, 1992, S.36).
Solche Verstrickungen zu erkennen und zu verändern gelingt nur, wenn wir eine klare Vorstellung von Funktionalität und Dysfunktionalität von Beziehungsmustern und -rollen haben. Dies wiederum setzt eine konkrete Ethik voraus, die wesentliche Ordnungen als sinnvoll und wichtig erkennt und beschreibt.
Wir haben es hier also mit der Notwendigkeit zu tun, bestimmte Ordnungen von Elternschaft, Ehe und Geschwisterreihenfolge vorauszusetzen. »Das elterliche Subsystem ist für die Entwicklung des Kindes lebenswichtig … Der Therapeut muss ein wachsames Auge darauf haben, ob und in welcher Weise das Kind als Mitglied eines Subsystems benutzt wird, dem es im Grunde genommen nicht angehören sollte, und ob es in Transaktionen verwickelt ist, die ohne Zweifel mit den elterlichen Funktionen zu tun haben.« (Minuchin, 1992, S.35–36).
Glauben wir, dass das biblische Gebot, Vater und Mutter zu ehren, im Grunde genommen genau hier hineingehört und auch das umfasst, was Minuchin hier mit anderen Worten aus psychologischer und familientherapeutischer Sicht beschreibt?
Die Akzeptanz, geschweige denn das Vertreten solcher »Ordnungen«, ist heute nicht mehr selbstverständlich.
»In einer offenen Gesellschaft muss Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensformen unter Erwachsenen selbstverständlich sein. Längst geht es aber nicht mehr um Toleranz, sondern um die Auflösung der Zusammengehörigkeit von Ehe und Familie. Die gegenwärtige gesellschaftliche Aufwertung der Homosexualität muss im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Tendenzen einer Dekonstruktion und völligen Neudefinition von Ehe und Familie sowie einer Dekonstruktion und Neukonstruktion der Geschlechter und Generationen gesehen werden«, schreibt Dr.Christl R. Vonholdt auf der Internetseite des Deutschen Institutes für Jugend und Gesellschaft (DIJG).
Bert Hellinger beschreibt das Thema der Ordnungen als so genannte »Ordnungen der Liebe«: »Zu den Ordnungen der Liebe zwischen den Eltern und Kindern gehört als erstes, dass die Eltern geben und die Kinder nehmen … Zu den Ordnungen der Liebe zwischen Eltern und Kindern und zwischen den Geschwistern gehört als zweites, dass jeder, der nimmt, die Gabe, die er bekommen hat, und den Geber, von dem er genommen hat, ehrt … Als drittes gehört zu den Ordnungen der Liebe in der Familie eine Rangfolge, die wie das Geben und Nehmen von oben nach unten verläuft, gemäß dem Früher und dem Später. Daher haben Eltern Vorrang vor den Kindern, und das erste Kind hat Vorrang vor dem zweiten. Diese Ordnung gilt auch für das Geben und Nehmen zwischen den Geschwistern.« (Weber, 1994, S.53–54).
Hellingers Begründung hört sich plausibel an und deckt sich mit manchem, was auch in biblischen Zusammenhängen beschrieben wird, auch wenn ich ihm in vielen weiteren Ausführungen und Beschreibungen nicht folgen kann und möchte.
