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Auf jede erkennbar autistische Person, die uns begegnet, kommen unzählige verborgene Autistinnen und Autisten, die als neurotypisch durchgehen, weil sie ihre Symptome gekonnt überspielen. Diese sogenannte Maskierung, die Unterdrückung erkennbar autistischer Züge, um sich den gesellschaftlichen Normen anzupassen, ist eine gängige Bewältigungsstrategie. Dazu gehört, dass eigentlich harmlose Stimmungen unterdrückt und Kommunikationsprobleme ignoriert werden, Betroffene sich als bescheiden und sanftmütig präsentieren und sich in Situationen zwingen, die starke Ängste auslösen, damit sie nicht als hilflos oder seltsam angesehen werden. Maskierung führt dazu, dass Autismus oft erst spät erkannt wird, nicht selten im Erwachsenenalter wie bei Dr. Devon Price – und sie geht auf Kosten der psychischen Gesundheit mit Folgen bis hin zum Burnout. In Verborgener Autismus teilt Dr. Devon Price seine persönlichen Erfahrungen mit der Maskierung und verbindet Geschichte, sozialwissenschaftliche Forschung und echte Fallbeispiele, um die Geschichte der Neurodivergenz aus einer Insiderperspektive heraus neu zu erzählen. Für Dr. Price und viele andere ist Autismus eine Quelle der Einzigartigkeit und Schönheit. Leider bedeutet das Leben in einer neurotypischen Welt, dass er auch eine Quelle der Entfremdung und des Schmerzes sein kann. Die meisten verborgenen Autisten leiden still jahrzehntelang, bevor sie entdecken, wer sie wirklich sind. Viele werden aufgrund ihrer Ethnie, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Klasse und anderer Faktoren zusätzlich an den Rand gedrängt, was ihr Leiden und ihre Unsichtbarkeit noch erhöht. Dr. Price legt mit diesem bahnbrechenden Buch den Grundstein für die Demaskierung und bietet Übungen an, die zur authentischen Selbstentfaltung ermutigen, die sich etwa darin zeigt: -besondere Interessen zu zelebrieren, -autistische Beziehungen zu kultivieren, -autistische Stereotype zu hinterfragen, -und die eigenen Werte wiederzuentdecken. Es ist an der Zeit, die Bedürfnisse, die Vielfalt und die einzigartigen Stärken autistischer Menschen zu würdigen, damit sie sich nicht länger verstecken müssen – und es ist an der Zeit für eine größere öffentliche Akzeptanz. Indem wir Neurodiversität annehmen, können wir alle von den Vorteilen der Nonkonformität profitieren und lernen, authentisch zu leben, Autisten und Neurotypische gleichermaßen.
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Seitenzahl: 467
Veröffentlichungsjahr: 2025
2. Auflage 2025© 2025 by Yes Publishing – Pascale Breitenstein & Oliver Kuhn GbRTürkenstraße 89, 80799 Mü[email protected] Rechte vorbehalten.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2022 bei Harmony, einem Imprint von Random House, einer Division von Penguin Random House LLC, New York, unter dem Titel Unmasking Autism: Discovering the New Faces of Neurodiversity. © 2022 by Devon Price.
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich des Rechts auf Vervielfältigung, ganz oder in Teilen, in jeglicher Form. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Weise verwendet oder reproduziert werden, um Technologien oder Systeme künstlicher Intelligenz zu trainieren. Dieses Werk ist vom Text- und Datenmining ausgenommen (Artikel 4[3] der Richtlinie [EU] 2019/790). Diese Ausgabe wurde in Zusammenarbeit mit Harmony Books, einem Imprint von Random House, einer Division von Penguin Random House LLC, veröffentlicht.
Abbildung Cover: Tartila/Stock.adobe.comÜbersetzung: Max LimperRedaktion: Caroline KaziankaUmschlaggestaltung: Marija DžafoLayout und Satz: Daniel FörstereBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-96905-384-3ISBN E-Book 978-3-96905-385-0
Für alle Autist:innen, die mir im Internet begegnet sind, bevor ich wusste, wer ich bin. Eure Freundschaft war mir eine Oase, als ich elend und verloren war.
Hinweis: In diesem Buch kommen mehrere nonbinäre Personen vor, die im englischen Original die Pronomen »they/them« tragen. Für die deutsche Übersetzung haben wir die Neopronomen »sier, sieser, siem« usw. gewählt. Das ist beim ersten Lesen etwas irritierend, aber man gewöhnt sich schnell daran.
EinleitungEntfremdung
Kapitel 1Was ist Autismus eigentlich?
Kapitel 2Wer sind die maskierten Autist:innen?
Kapitel 3Die Anatomie der Maske
Kapitel 4Die Folgen des Maskings
Kapitel 5Autismus neu denken
Kapitel 6Sich ein autistisches Leben aufbauen
Kapitel 7Autistische Beziehungen pflegen
Kapitel 8Eine neurodiverse Welt
SchlussIntegration
Dank
Endnoten
Der Autor
Als ich im Sommer 2009 von Cleveland nach Chicago zog, war mir nicht klar, dass ich damit auch neue Freunde finden musste. Ich war ein ernster, verschlossener Einundzwanzigjähriger und glaubte wirklich, keine anderen Menschen zu brauchen. Da ich für ein Aufbaustudium in die Stadt gezogen war, dachte ich, ich könnte meine ganze Energie in die Seminare und die Forschungsarbeit stecken und an nichts anderes denken.
Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Einzelgängertum kein Problem für mich gewesen. Meine Studienleistungen waren hervorragend, und mein »reiches Geistesleben« ließ mir nicht viel Raum für Grübeleien über meine zahlreichen Probleme. Wegen einer Essstörung war mein Verdauungssystem ruiniert, und wegen einer Geschlechtsdysphorie störte mich das Bild, das andere von mir hatten, obwohl ich noch nicht genau verstand, warum. Ich wusste nicht, wie man auf Menschen zugeht und Gespräche beginnt, und ich hatte auch keine Lust, es zu lernen, weil ich mich nach den meisten Begegnungen verstört und missverstanden fühlte. Die wenigen Beziehungen, die ich hatte, waren eher Verstrickungen: Ich übernahm Verantwortung für fremde Probleme, arbeitete mich an den Emotionen anderer ab und konnte zu unangemessenen Forderungen nie Nein sagen. Was ich vom Leben wollte, wusste ich nicht, nur, dass ich Professor werden wollte. Ich wollte keine Familie, hatte keine Hobbys und glaubte, dass es unmöglich für mich sei, wirklich geliebt zu werden. Aber da ich gute Noten und viel Lob für meinen Intellekt bekam, blendete ich alles außer diesen Stärken aus. Ich tat so, als wäre nichts weiter von Belang.
Nachdem das Semester begonnen hatte, ging ich selten mit meinen neuen Kommiliton:innen aus. An den wenigen Abenden, an denen ich es doch tat, brauchte ich einigen Alkohol, um meine Hemmungen zu überwinden und »lustig« zu sein. Ansonsten verbrachte ich meine Wochenenden meist allein in meiner Wohnung, las Fachartikel und stromerte durch das Internet. Ich gestattete mir keine Hobbys, machte kaum Sport und kochte selten. Hin und wieder traf ich mich mit jemandem, wenn ich Sex haben wollte oder auch nur ein wenig Aufmerksamkeit, aber diese Begegnungen waren leidenschaftslos und routiniert. Ich hatte kein Gefühl für mich selbst als facettenreiches Individuum.
Im Winter dieses Jahres war ich schließlich ein einsames, kraftloses Wrack. Manchmal saß ich stundenlang unter der Dusche, ließ heißes Wasser über mich laufen und brachte es nicht fertig aufzustehen. Mir fiel es immer schwerer, mit anderen zu sprechen. Ich hatte keine Forschungsideen mehr und verlor jedes Interesse an meinem Studium. Eine meiner Promotionsbetreuerinnen stauchte mich zusammen, weil ich in einer Besprechung mit ihr die Augen verdreht hatte. Abends überfielen mich dann Überforderung und Verzweiflung, ich lief wimmernd im Zimmer auf und ab und schlug die Handballen gegen die Schläfen. Meine Einsamkeit war zu einem Gefängnis geworden, aber mir fehlten die sozialen Fähigkeiten oder die emotionale Selbstsicherheit, um mich daraus zu befreien.
Mir war nicht klar, wie ich in diese elende Lage geraten war. Woher hätte ich wissen sollen, dass ich Freundschaft, dass ich ein soziales Leben brauchte? Wie sollte ich Leute kennenlernen, wenn jeder Versuch so unbefriedigend war? Was machte mir überhaupt Freude, was bedeutete mir etwas? In Gesellschaft anderer fühlte ich mich immer genötigt, jeden eigenen Impuls zu zensieren und »normale« Interessen und Gefühle vorzutäuschen. Außerdem empfand ich andere Menschen als extrem anstrengend. Sie waren alle so laut und unberechenbar und durchbohrten mich mit ihren Blicken wie mit scharfen Laserstrahlen. Dabei wollte ich einfach nur im Dunkeln sitzen und nicht gestört oder beurteilt werden.
Letztlich war ich überzeugt, dass mit mir irgendetwas überhaupt nicht stimmte. Offenbar war ich auf eine Weise kaputt, die ich selbst nicht begreifen, alle anderen aber auf den ersten Blick erkennen konnten. In diesem Elendszustand befand ich mich noch einige Jahre, ich arbeitete bis zum Burnout, erlitt Nervenzusammenbrüche, bezog menschliche Nähe und Selbstwertgefühl aus Liebesbeziehungen und googelte mitten in der Nacht Dinge wie »Wie schließt man Freundschaften?«. Und während all dieser Zeit kam ich nie auf die Idee, mir Hilfe zu suchen oder mit irgendjemandem über meine wahren Gefühle zu sprechen. Ich lebte nach sehr strikten Regeln, und die wichtigste war, unabhängig und damit unverwundbar zu bleiben.
All das änderte sich erst im Jahr 2014, als ich im Freizeitpark Cedar Point in Sandusky, Ohio, Urlaub machte. Meine Familie, die Routine schätzte, fuhr jedes Jahr dorthin. Während ich mit meinem Cousin, der gerade mit dem College begonnen hatte und den Übergang sehr schwierig fand, im Whirlpool saß, gestand er mir, dass er kürzlich auf Autismus untersucht worden sei. Da ich gerade meinen Doktor in Sozialpsychologie gemacht hatte, wollte er wissen, ob ich etwas über die Autismus-Spektrum-Störung wüsste.
»Tut mir leid, damit kenne ich mich nicht aus«, antwortete ich. »Ich befasse mich nicht mit psychischen Erkrankungen, ich forsche zum Sozialverhalten von ›normalen‹ Menschen.«
Dann erzählte mir mein Cousin von den Problemen, mit denen er zu kämpfen hatte: wie schwer ihm die Kontaktaufnahme mit Kommiliton:innen fiel, wie orientierungslos und überreizt er sich oft fühlte. Als Erklärung dafür hatte ein Therapeut Autismus ins Spiel gebracht. Mein Cousin wies mich zudem auf einige autistische Merkmale hin, die ihm in unserer Familie aufgefallen waren. Wir mochten alle keine Veränderungen. Niemand von uns konnte über Gefühle sprechen und die meisten interagierten in oberflächlichen Mustern. Einige von uns hatten Aversionen gegen Speisen mit einer bestimmten Konsistenz oder einem starken Geschmack. Wir redeten endlos über Themen, die uns interessierten, auch wenn es andere zu Tode langweilte. Veränderungen überforderten uns schnell, und wir suchten selten in der Außenwelt nach neuen Erfahrungen oder Freundschaften.
Als mein Cousin all das aufzählte, war ich erst einmal entsetzt und wollte es nicht wahrhaben, denn in meiner Vorstellung war Autismus eine mit Scham und Schande verbundene Krankheit. Dabei fielen mir Leute ein wie Chris, der ungelenke, »peinliche« autistische Junge an meiner Schule, zu dem niemand nett gewesen war. Oder ich dachte an verschlossene, eigenwillige Serienhelden wie Benedict Cumberbatchs Sherlock und Sheldon aus The Big Bang Theory. Ich dachte an Kinder, die nicht sprachen, im Supermarkt klobige Kopfhörer trugen und einem so unbeteiligt und gar nicht menschlich vorkamen. Trotz meiner psychologischen Ausbildung hatte ich in puncto Autismus nur pauschale, entwürdigende Klischees im Kopf. Autistisch zu sein, hieß daher für mich, irgendwie komplett defekt zu sein.
Defekt fühlte ich mich allerdings schon seit Jahren.
Sobald ich nach dem Urlaub wieder zu Hause war, warf ich mein Gepäck hin, setzte mich mit dem Laptop auf den Knien auf den Boden und informierte mich wie besessen über Autismus. Ich verschlang Fachartikel, Blogbeiträge, YouTube-Videos und diagnostische Bewertungsmaterialien. Vor meinem damaligen Partner hielt ich diese obsessive Lektüre größtenteils geheim, so wie ich alle meine fixen Ideen vor den Menschen in meinem Leben geheim hielt. Bald sollte ich erfahren, dass genau dies eine bei Autist:innen weit verbreitete Eigenschaft ist; wir beißen uns gerne an Themen fest, die uns faszinieren, und können uns mit einer Inbrunst darin vertiefen, die andere befremdlich finden. Wir werden wegen unserer Leidenschaften verspottet und verbergen infolgedessen unsere Spezialinteressen. Bald schon dachte ich über das Thema Autismus in Unterscheidungen wie wir und die anderen nach. Ich erkannte mich in der Community klar wieder, was mich gleichermaßen erschreckte und begeisterte.
Je mehr ich über Autismus las, desto mehr Dinge ergaben auf einmal einen Sinn. Laute Geräusche und grelles Licht hatten mich schon immer überfordert. In Menschenmengen wurde ich seltsam wütend. Gelächter und Geschwätz konnten mich in Rage versetzen. Wenn ich zu gestresst oder traurig war, fiel es mir schwer zu reden. Ich hatte all das jahrelang gut verborgen, weil ich nicht als humorloser, unsympathischer Idiot erscheinen wollte. Doch jetzt begann ich mich zu fragen, warum ich eigentlich so schlecht über mich selbst dachte.
Autismus war also meine neueste Obsession, ich konnte nicht mehr aufhören, darüber zu lesen und nachzudenken. In der Vergangenheit hatte ich schon viele andere solche Spezialinteressen gehabt. Ich weiß noch, dass ich als Kind leidenschaftlich gerne Fledermäuse beobachtet und Horrorgeschichten gelesen hatte. Kinder und Erwachsene hatten mein Interesse daran als »befremdlich« und »übertrieben« bemängelt. Ich war in vielerlei Hinsicht »zu sehr«. Für die anderen waren meine Tränen unreife Tobsuchtsanfälle und meine Meinungsäußerungen herablassende Tiraden. Mit dem Erwachsenwerden lernte ich, weniger heftig, weniger peinlich zu sein – weniger ich selbst. Dafür studierte ich die Verhaltensweisen anderer. Gespräche zergliederte ich im Nachhinein ausgiebig in meinem Kopf, und ich las viel über Psychologie, um Menschen besser zu verstehen. So kam ich zu meinem Doktortitel in Sozialpsychologie. Die sozialen Normen und Denkmuster, die für alle anderen offenbar selbstverständlich waren, musste ich sorgfältig studieren.
Nachdem ich mich etwa ein Jahr lang privat mit Autismus befasst hatte, stieß ich auf die pro-autistische Community. Da existierte tatsächlich eine von Autist:innen angeführte Bewegung, die dafür eintrat, diese Behinderung als eine ganz normale Facette des Menschseins zu betrachten. Diese Denker:innen und Aktivist:innen behaupteten, dass unsere Wesensart überhaupt nicht falsch sei. Unser Gefühl, kaputt zu sein, gründe nur darauf, dass die Gesellschaft mit unseren Bedürfnissen nicht klarkomme. Menschen wie Rabbi Ruti Regan (Autorin des Blogs Real Social Skills) und Amythest Schaber (Schöpfer:in der Videoserie Neurowonderful) klärten mich über den Begriff der Neurodiversität auf. Mir wurde klar, dass viele Störungen durch soziale Ausgrenzung geschaffen oder verschlimmert werden. Mit diesem Wissen und einem wachsenden Selbstbewusstsein ausgestattet, begann ich, andere autistische Menschen kennenzulernen, online über Autismus zu schreiben und an Treffen für neurodivergente Menschen teilzunehmen.
Ich fand heraus, dass es Tausende von Autist:innen wie mich gab, die ihre Behinderung erst im Erwachsenenalter nach Jahren voller Verwirrung und Selbsthass entdeckt hatten. Als Kinder waren sie alle in der sozialen Interaktion eingeschränkt gewesen, hatten dafür aber nur Spott anstatt Hilfe erhalten. Wie ich hatten sie Strategien entwickelt, um sich anzupassen, so etwa, einer Person auf die Stirn zu starren, um Augenkontakt vorzutäuschen, oder im Gespräch auswendig gelernte Dialogteile zu verwenden, die man sich im Fernsehen abgeguckt hatte.
Viele dieser heimlich autistischen Menschen nutzten ihren Intellekt oder andere Talente, um Akzeptanz zu erlangen. Andere wurden unglaublich passiv, denn wenn sie ihre Persönlichkeit dämpften, sank das Risiko, zu »intensiv« zu sein. Hinter der harmlosen und seriösen Fassade, die sie sich aufgebaut hatten, brach aber oft ihr Leben zusammen. Zahlreiche von ihnen litten unter selbstverletzendem Verhalten, Essstörungen und Alkoholismus. Sie waren in missbräuchlichen oder unerfüllten Beziehungen gefangen und kannten das Gefühl nicht, gesehen und geschätzt zu werden. Fast alle von ihnen waren depressiv und von einem tiefen Gefühl der Leere geplagt. Ihr gesamtes Leben war vom Misstrauen gegen sich selbst geprägt, vom Hass auf den eigenen Körper und von der Furcht vor den eigenen Wünschen.
Mir fielen deutliche Muster auf, nach denen bestimmte Autist:innen diesem Schicksal erlagen. Bei autistischen Frauen, Transpersonen und People of Color waren die autistischen Züge in jungen Jahren oft ignoriert, Notsignale als »manipulativ« oder »aggressiv« ausgelegt worden. Das Gleiche galt für autistische Menschen, die in Armut aufgewachsen waren und keinen Zugang zu psychologischer Betreuung hatten. Homosexuelle und nicht genderkonforme Männer bekamen oft keine Diagnose, weil sie dem maskulinen Autismusklischee nicht entsprachen. Viele ältere Autist:innen hatten gar keine Möglichkeit gehabt, untersucht zu werden, weil das Wissen über diese Störung in ihrer Kindheit noch so gering gewesen war. Diese strukturellen Ausgrenzungen hatten eine große und vielfältige Masse an Menschen mit Behinderung dazu gezwungen, im Verborgenen zu leben. Dies hat zu dem geführt, was ich heute als maskierten Autismus bezeichne – eine getarnte Version der Autismusstörung, die von der Forschung, vom Gesundheitssystem und von Autismusverbänden, die nicht von Autist:innen geleitet werden (wie die viel kritisierte Organisation Autism Speaks), immer noch stark vernachlässigt wird.
Wenn ich den Begriff maskierter Autismus verwende, beziehe ich mich auf alle Erscheinungsbilder der Behinderung, die von der in den meisten Diagnoseinstrumenten und fast allen Mediendarstellungen zu findenden Standardvorstellung abweichen. Denn Autismus ist eine ziemlich komplexe und vielschichtige Störung, die zahlreiche unterschiedliche Merkmale umfasst und sich auf viele verschiedene Arten manifestieren kann. Ich beziehe mich auch auf alle autistischen Menschen, deren Leiden aus Gründen der Klasse, der Ethnie, des Geschlechts, des Alters, des fehlenden Zugangs zur Gesundheitsversorgung oder des Vorliegens anderer Erkrankungen nicht ernst genommen wurde.
Gewöhnlich sind es weiße Jungen mit konventionell »männlichen« Interessen und Hobbys, die in jungen Jahren als potenziell autistisch eingestuft werden. Selbst innerhalb dieser relativ privilegierten Gruppe werden fast ausschließlich Kinder der Oberschicht und der oberen Mittelschicht als autistisch identifiziert.1 Diese Gruppe war schon immer der Prototyp für den Autismus, wie er in der Medizin oder in den Medien beschrieben wird. Alle diagnostischen Kriterien basieren darauf, wie sich die Störung in dieser Gruppe äußert. Dieser enge Blick auf die Störung schadet jeder autistischen Person, auch den weißen, reichen Cis-Jungen, die er am ehesten miteinbezieht. Viel zu lange wurden wir nur über die »Mühe« definiert, die weiße autistische Jungen ihren wohlhabenden Eltern bereiteten. Unser komplexes Innenleben, unsere Bedürfnisse, unser Gefühl der Entfremdung und die Tatsache, dass neurotypische Menschen uns verwirrt, überfordert und sogar misshandelt haben – all das wurde aufgrund dieser Blickverengung jahrzehntelang ignoriert. Wir wurden nur anhand dessen definiert, was uns zu fehlen schien, und unsere Störung sah man vor allem als ein Problem für Betreuer:innen, Lehrer:innen, Ärzt:innen und andere Menschen, die Macht über unser Leben hatten.
Seit Jahren streitet man in der Psychologie und Psychiatrie über die Existenz des »weiblichen Autismus«, einer angeblichen Unterart, die viel milder und sozial angepasster erscheinen soll als »männlicher« Autismus.2 Menschen mit sogenanntem weiblichem Autismus können unter Umständen Augenkontakt herstellen, ein Gespräch führen oder ihre Tics und sensorischen Empfindlichkeiten verbergen. Womöglich verbringen sie die ersten Jahrzehnte ihres Lebens, ohne zu wissen, dass sie überhaupt autistisch sind. Stattdessen halten sie sich einfach nur für schüchtern oder hochsensibel. In den letzten Jahren hat sich die Öffentlichkeit jedoch langsam an die Vorstellung gewöhnt, dass es auch Frauen mit Autismus gibt. Einige ausgezeichnete Bücher wie Jenara Nerenbergs Divergent Mind und Rudy Simones Aspergirls: Die Welt der Frauen und Mädchen mit Asperger haben dazu beigetragen, diese Bevölkerungsgruppe ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Geholfen hat auch, dass sich prominente autistische Frauen wie die Komikerin Hannah Gadsby und die Schriftstellerin Nicole Cliffe öffentlich geoutet haben.
Es gibt jedoch ein erhebliches Problem mit dem Begriff »weiblicher Autismus«. Dieses Etikett erklärt nämlich nicht richtig, warum manche Autist:innen ihre autistischen Eigenschaften verbergen oder warum ihre Bedürfnisse jahrelang ignoriert werden. Keineswegs haben alle Frauen mit Autismus den Subtyp »weiblicher Autismus«. Viele autistische Frauen zeigen selbststimulierendes Verhalten (auch Stimming genannt), kommen nur schwer mit anderen in Kontakt und erleben Zusammenbrüche und autistisches Abschalten (Meltdown und Shutdown). Die autistische Wissenschaftlerin und Aktivistin Temple Grandin ist ein gutes Beispiel dafür. Sie spricht mit monotoner Stimme, meidet Augenkontakt und hatte schon als kleines Kind ein Verlangen nach sensorischer Stimulation und Druckgefühl. Obwohl sie nach heutigen Maßstäben ganz offensichtlich und typisch autistisch ist, wurde die Diagnose bei Grandin erst im Erwachsenenalter gestellt.3
Autistische Frauen werden nicht übersehen, weil ihre »Symptome« milder sind. Selbst Frauen mit wirklich klassisch autistischen Verhaltensweisen werden manchmal jahrelang nicht diagnostiziert, einfach weil sie Frauen sind und ihre Selbstauskunft von Fachleuten weniger ernst genommen wird als die eines Mannes.4 Doch nicht alle, deren Autismus ignoriert und heruntergespielt wird, sind Frauen. Auch bei vielen Männern und nicht binären Menschen wird er geleugnet. Indem man die verborgene, sozial besser maskierte Form des Autismus als »weibliche« Version der Störung bezeichnet, macht man das Maskieren (auch als Masking bezeichnet) zu einem Phänomen des Genders oder gar des bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts und verkennt es als ein viel breiteres Phänomen der sozialen Ausgrenzung. Frauen haben keinen »milderen« Autismus aufgrund ihrer Biologie. Nein: Marginalisierten Menschen wird aufgrund ihres peripheren gesellschaftlichen Status ihr Autismus abgesprochen.
Wenn autistischen Menschen die nötigen Mittel oder die Möglichkeiten der Selbsterkenntnis verwehrt werden und ihnen beigebracht wird, dass bestimmte stigmatisierte Eigenschaften sie zu störenden, überempfindlichen oder nervigen Kindern machen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich eine neurotypische Fassade zu bauen. Diese neurotypische Maske aufrechtzuerhalten, fühlt sich aber zutiefst unauthentisch an und ist extrem anstrengend.5 Es ist auch nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung. Masking ist ein Zustand der Ausgrenzung, der einem von außen aufgezwungen wird. Eine im Verborgenen homosexuelle Person beschließt nicht einfach eines Tages, sich zu tarnen, sondern wird im Grunde genommen in die Geheimhaltung hineingeboren, weil Heterosexualität als Norm gilt und Homosexualität als seltsame Schrulle oder als Normabweichung. Ebenso wird autistischen Menschen bei der Geburt die Maske des Neurotypischen übergezogen. Man nimmt einfach an, dass alle Menschen mehr oder weniger gleich denken, fühlen, sich ausdrücken, mit anderen umgehen, sensorische Informationen verarbeiten und kommunizieren. Von uns allen wird erwartet, dass wir uns an die Regeln unserer jeweiligen Kultur halten und uns nahtlos in sie einfügen. Denjenigen von uns, die für Selbstdarstellung und Selbstverständnis andere Mittel benötigen, werden diese verweigert. Wenn wir uns selbst als Person in der Welt zu erfahren beginnen, ist dies daher eine Erfahrung des Ausgegrenztseins und der Verwirrung. Erst wenn wir erkennen, dass es auch andere Arten des Seins gibt, haben wir die Möglichkeit, die Maske abzulegen.
Ich habe festgestellt, dass mein gesamtes Leben und fast alles, womit ich zu kämpfen hatte, auf Grundlage des maskierten Autismus verstanden werden kann. Meine Essstörung war ein Mittel, um meinen Körper für seine ungewöhnlichen autistischen Manierismen zu bestrafen, ihn an konventionelle Schönheitsideale anzupassen und mich so vor negativer Aufmerksamkeit zu schützen. Meine soziale Isolation war eine Möglichkeit, andere abzulehnen, bevor sie mich zurückweisen konnten. Meine Arbeitssucht war ein Zeichen autistischer Hyperfixierung und eine akzeptable Ausrede, um mich von öffentlichen Orten fernzuhalten, die mich sensorisch überforderten. Ich ging ungesunde Beziehungen ein, weil ich Bestätigung brauchte und nicht wusste, wie ich sie sonst bekommen konnte. Also verbog ich mich einfach zu dem, was meine jeweilige Bezugsperson erwartete.
Nachdem ich mich einige Jahre lang mit Autismus befasst und Masking als soziales Phänomen begriffen hatte, begann ich, online darüber zu schreiben. Schnell stellte ich fest, dass sich Tausende von Menschen mit dem, was ich zu sagen hatte, identifizieren konnten. Mir wurde auch klar, dass Autismus gar nicht so selten ist (heute wird bei etwa zwei Prozent aller Menschen Autismus diagnostiziert, und viele weitere haben subklinische Anzeichen oder können keine Diagnose erhalten).6 Auch viele Personen in meinem beruflichen und sozialen Umfeld haben sich mir gegenüber als neurodivergent geoutet. Ich traf autistische Menschen mit Vollzeitjobs in den Bereichen visuelles Design, Schauspiel, Musiktheater und Sexualerziehung – alles keine Berufe, die man mit unserem logischen, vermeintlich »roboterhaften« Verstand in Verbindung bringen würde. Ich lernte immer mehr nicht weiße Autist:innen kennen, die vom Psychiatriebetrieb lange Zeit entmenschlicht worden waren. Ich traf Autist:innen, denen zunächst Dinge wie Borderline-Persönlichkeitsstörung, oppositionelles Trotzverhalten oder narzisstische Persönlichkeitsstörung attestiert worden waren. Ich begegnete auch zahlreichen autistischen Transpersonen und Nichtbinären wie mir, die sich aufgrund ihres Genders und ihres Neurotyps schon immer »anders« gefühlt hatten.
Für alle diese Menschen stellte ihr Autismus auch eine Form der Besonderheit und Schönheit dar. Doch die ihnen entgegengebrachten Diskriminierungen hatten zu Entfremdung und Schmerz in unglaublichen Ausmaßen geführt. Die meisten waren jahrzehntelang auf der Suche, bis sie herausfanden, wer sie wirklich waren. Und fast allen fiel es schließlich sehr schwer, ihre lang getragenen Masken abzunehmen. Allein diese Tatsache sorgte dafür, dass ich mich in meiner Haut wohler fühlte, weniger kaputt und allein. So vielen von uns war beigebracht worden, dass wir uns tarnen müssen. Doch je mehr wir uns zu einer Gemeinschaft zusammenschlossen, desto weniger Druck verspürten wir, unser Inneres zu verbergen.
Durch den Kontakt mit anderen Autist:innen wurde mir langsam klar, dass das Leben nicht nur aus stillem Leid bestehen musste. Wenn ich mit anderen Betroffenen zusammen war, konnte ich offener und direkter sein. Ich konnte bestimmte Dinge verlangen, beispielsweise dass das Licht gedimmt oder ein Fenster geöffnet wird, um den Geruch eines Parfüms abzumildern. Je mehr sich andere um mich herum entspannten, leidenschaftlich über ihre Spezialinteressen sprachen und vor Erregung vor und zurück wippten, desto weniger schämte ich mich dafür, wer ich war und wie mein Gehirn und mein Körper funktionierten.
Seit Jahren versuche ich mithilfe meiner Kenntnisse als Sozialpsychologe die wissenschaftliche Literatur über Autismus zu verstehen. Ich treffe mich mit autistischen Aktivist:innen, Forscher:innen, Coaches und Therapeut:innen, um unseren gemeinsamen Neurotyp zu ergründen. Ich habe auch an meinem eigenen Entmaskieren (auch als Unmasking bezeichnet) gearbeitet und bin mit der verletzlichen, unberechenbaren, seltsamen Version von mir in Kontakt getreten, die ich aufgrund sozialer Konditionierung lange versteckt hielt. Ich habe viele Führungsfiguren der pro-autistischen Community kennengelernt und mich darüber schlaugemacht, was autistische Therapeut:innen, Coaches und Aktivist:innen an Strategien entwickelt haben, um sich selbst und andere beim Abbau ihre Hemmungen und beim Lüften ihrer Masken zu unterstützen.
Heute mache ich keinen Hehl mehr daraus, dass mich laute Geräusche und grelles Licht stören. Ich bitte mein Gegenüber sofort um eine Erklärung, wenn Worte oder Körpersprache keinen Sinn ergeben. Traditionelle Maßstäbe des »Erwachsenseins« wie der Besitz eines Autos oder das Zeugen von Nachwuchs haben für mich keinerlei Reiz, und ich habe gelernt, dass das völlig in Ordnung ist. Ich schlafe jede Nacht mit einem Stofftier und einem lauten Ventilator ein, der die Hintergrundgeräusche meiner Nachbarschaft übertönt. Wenn ich aufgeregt bin, kann es durchaus sein, dass ich mit den Händen wedle und mich winde. An guten Tagen finde ich nicht, dass ich deswegen kindisch, peinlich oder schlimm bin. Ich liebe mich so, wie ich bin, und auch andere sehen und lieben mein wahres Ich. Offen zu zeigen, wie ich bin, hat mich zu einem besseren Dozenten und Autor gemacht. Wenn meine Studierenden Schwierigkeiten haben, kann ich mich mit ihnen darüber austauschen, wie schwer es sein kann, ein normales Leben zu führen. Schreibe ich mit meiner eigenen Stimme und aus meiner eigenen Perspektive, kann ich eine viel tiefere Verbindung zu meinem Publikum herstellen, als wenn ich versuche, wie ein seriöser Profi zu wirken. Bevor ich mit dem Unmasking anfing, fühlte ich mich elend und innerlich fast tot. Meine Existenz kam mir vor wie ein endloses, mühsames Vortäuschen von Enthusiasmus. Heute kann das Leben immer noch schwierig sein, aber ich fühle mich unglaublich lebendig.
Ich wünsche mir, dass alle autistischen Menschen die enorme Erleichterung und das Gemeinschaftsgefühl erleben, die ich empfand, als ich mich selbst erkannte und meine Maske abzulegen begann. Ich glaube auch, dass es für die Zukunft der autistischen Community sehr wichtig ist, dass wir alle daran arbeiten, authentischer zu leben und die Teilhabemaßnahmen einzufordern, die wir brauchen. Mit diesem Buch kann ich hoffentlich anderen Autist:innen dabei helfen, sich selbst zu verstehen, sich mit weiteren neurodivergenten Menschen zusammenzuschließen und allmählich genug Selbstvertrauen zu erlangen, um sich offen zu zeigen.
Unmasking kann die Lebensqualität autistischer Personen radikal verbessern. Untersuchungen haben wiederholt gezeigt, dass es emotional und körperlich verheerend ist, das wahre Selbst wegzusperren.7 Die Anpassung an neurotypische Standards kann uns zwar eine zögerlich gewährte Akzeptanz einbringen, aber sie fordert einen hohen existenziellen Preis. Masking ist anstrengend und führt zu körperlicher Erschöpfung, seelischem Burnout, Depressionen, Angstzuständen8 und sogar Selbstmordgedanken9. Es verschleiert auch die Tatsache, dass die Welt für uns weitgehend unzugänglich ist. Wenn Allist:innen (Nichtautist:innen) nie zu hören bekommen, was wir eigentlich bräuchten, und nie erkennen können, wie wir uns abplagen, dann haben sie keinen Grund, sich so anzupassen, dass wir dazugehören können. Wir müssen die Behandlung verlangen, die wir verdienen, und aufhören, es denjenigen recht zu machen, die uns übersehen.
Die Weigerung, neurotypisch zu performen, ist ein revolutionärer Akt im Kampf um Behindertenrechte. Es ist auch ein radikaler Akt der Selbstliebe. Aber damit wir autistischen Menschen unsere Masken ablegen und der Welt unser wahres, authentisches behindertes Selbst zeigen können, müssen wir uns wieder mit unserem wahren Selbst vertraut machen, und das erfordert ein Gefühl der Sicherheit. Selbstvertrauen und Selbstmitgefühl zu entwickeln, ist dann noch eine ganz eigene Aufgabe.
Dieses Buch ist für alle gedacht, die neurodivergent sind (oder vermuten, dass sie neurodivergent sind) und eine bessere Selbstakzeptanz erreichen wollen. Neurodiversität ist ein weiterer Begriff, der die Vielfalt unter Autismus- und ADHS-Betroffenen bezeichnet, aber auch Menschen mit Schizophrenie, Hirnverletzungen oder einer narzisstischen Persönlichkeitsstörungumfass. Obwohl der Schwerpunkt des Buches auf dem maskierten Autismus liegt, habe ich festgestellt, dass es erhebliche Überschneidungen zwischen Autist:innen und anderen neurodivergenten Gruppen gibt. Viele von uns haben ähnliche psychische Symptome und Merkmale, viele haben überlappende oder komorbide Diagnosen. Wir alle haben das Stigma der psychischen Erkrankung verinnerlicht und empfinden die Scham, die mit der Abweichung von der »Norm« einhergeht. Die meisten Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder Behinderung werden von dem Gewicht neurotypischer Erwartungen erdrückt und haben immer wieder vergeblich versucht, akzeptiert zu werden, indem sie die Regeln eines Spiels befolgt haben, das ihnen nur schaden kann. Und so ist für beinahe alle neurodiversen Menschen das Unmasking ein Schritt auf dem Weg zur Selbstakzeptanz.
In den folgenden Kapiteln stelle ich dir einige autistische Menschen vor, die sich über die gängigen Stereotypen hinweggesetzt haben. Ich zeichne auch die Geschichte unseres Autismusbegriffs nach und erläutere, wie er uns in die Düsternis und Entfremdung gebracht hat, in der wir uns heute befinden. Anhand von echten Geschichten autistischer Menschen sowie zahlreicher psychologischer Forschungsarbeiten veranschauliche ich, wie vielfältig sich maskierter Autismus äußert, und erkläre, warum so viele von uns erst relativ spät im Leben erkennen, dass sie eine schwerwiegende Behinderung haben. Außerdem spreche ich darüber, wie schmerzhaft ein Leben mit Maske sein kann, und liefere Belege dafür, dass dies auf Kosten unserer psychischen sowie physischen Gesundheit und zwischenmenschlichen Beziehungen geht.
Das Wichtigste ist jedoch, dass dieses Buch Strategien aufzeigt, die es einer maskiert autistischen Person ermöglichen, ihre neurodivergenten Züge zu offenbaren, und dass es eine Welt entwirft, die Neurodivergenz stärker akzeptiert. Ich habe die Hoffnung, dass wir uns eines Tages alle als die wunderbar weirden und unzähmbaren Individuen akzeptieren können, die wir sind, und dass wir ohne Angst vor Ausgrenzung oder Gewalt als wir selbst leben können. Ich habe diese Hilfestellungen im Austausch mit vielen autistischen Pädagog:innen, Therapeut:innen, Coaches und Autor:innen entwickelt, in meinem eigenen Leben getestet und autistische Menschen interviewt, die sie genutzt haben, um ihr Leben zu verbessern. Meine und ihre Erfahrungen liefern konkrete Beispiele dafür, wie eine entmaskierte (oder weniger maskierte) Existenz in der Realität aussehen kann. Wenn man aufhört, sich mit neurotypischen Augen zu beurteilen, kann man alles ändern: von Beziehungsnormen über Alltagsgewohnheiten und Kleidungsstil bis hin zur Wohnungseinrichtung.
Ein authentischeres Leben ist für jede und jeden von uns möglich, aber es kann schwer sein, sich ein solches Leben aufzubauen. Wenn wir darüber nachdenken, warum wir mit dem Masking angefangen haben, holt das oft schmerzvolle Erinnerungen hervor. Die Trainerin und Behindertenrechtsaktivistin Heather R. Morgan, deren Arbeit in dieses Buch eingeflossen ist, hat mir gegenüber betont, dass wir zuallererst begreifen müssen, dass wir der Version unseres Selbst, die wir vor der Welt verborgen halten, vertrauen können – erst dann können wir unsere Maske erkennen und lernen, sie abzulegen.
»Ich glaube, es kann gefährlich sein, wenn Menschen darüber nachdenken, woher ihre Maske kommt, und sie abzunehmen versuchen, bevor sie überhaupt verstanden haben, dass sich darunter jemand verbirgt, der keine Gefahr ist«, sagt sie. »Wenn man sich nicht sicher fühlt, kann es schon Angst machen, auch nur über das Abnehmen der Maske zu sprechen.«
In meinem eigenen Leben und im Leben der autistischen Menschen, die ich für dieses Buch interviewt habe, habe ich viele Beweise dafür gefunden, dass sich der Prozess des Unmaskings lohnt. Doch wenn du erst am Anfang deiner Entwicklung stehst und dich in Bezug auf dein wahres Wesen orientierungslos und verwirrt fühlst, wirst du kaum glauben können, dass am Ende eine Version von dir wartet, die die Mühe wert ist. Vielleicht verfolgen dich negative Bilder von Autist:innen aus den Medien. Oder du hast Angst, dass du durch das Ablegen deiner Maske weniger funktionsfähig, liebenswert oder aber irgendwie sonderbar erscheinst. Wahrscheinlich ist dir auch bewusst, dass es reelle, materielle Risiken birgt, deine Behinderung sichtbar werden zu lassen, besonders wenn du dich in einer gesellschaftlichen Randposition befindest. Womöglich verbindet sich für dich aus ganz rationalen Gründen Authentizität mit dem Gefühl von Gefahr und du bist dir daher nicht sicher, wie und wann sich ein Unmasking für dich lohnen könnte. Nehmen wir uns also erst einmal ein bisschen Zeit, um dessen positive Seiten zu betrachten und zu überlegen, wie ein weniger gehemmtes Leben für dich aussehen könnte.
Auf der nächsten Seite findest du eine von Heather R. Morgan entwickelte Übung, die sie ihren Klient:innen beim allerersten Termin an die Hand gibt. Sie soll maskierten Menschen helfen, mehr Vertrauen in sich selbst zu entwickeln und die Existenz von etwas Schönem, das sich hinter der Maske verbirgt, in Betracht zu ziehen.
Es kann einige Zeit dauern, bis du diese Übung abgeschlossen hast. Du kannst tage- oder sogar wochenlang darüber nachdenken, um dich auch wirklich an Erlebnisse aus verschiedenen Situationen und Zeiträumen zu erinnern. Wir werden später im Buch auf diese Momente zurückkommen, aber für den Augenblick kannst du einfach nur genießen, wie gut sich die Erinnerung an diese Beispiele anfühlt.
Während wir die strukturellen Kräfte erörtern, die so viele von uns in die Selbstmaskierung drängen, und uns anschauen, wie sich Masking auf das Leben autistischer Menschen auswirkt, kann es für dich hilfreich sein, zwischendurch auf diese Erinnerungen zurückzukommen und daraus Kraft zu schöpfen. Diese Erinnerungen sollen dir zeigen, dass du nicht kaputt bist und dass die Anlagen für eine lebenswerte, authentische Existenz bereits in dir stecken.
Wertebasierte Integration
Schritt 1: Finde dein Warum
Anleitung: Denke an fünf Schlüsselerlebnisse in deinem Leben, in denen du dich GANZ UND GAR LEBENDIG gefühlt hast.
Versuche, Erlebnisse aus deiner ganzen Lebensspanne und aus allen Bereichen zu finden (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter; Schule, Arbeit, Urlaub, Hobbys).
Einige dieser Erlebnisse rufen vielleicht ein Gefühl von Ehrfurcht und Staunen hervor: »Wow, wenn das ganze Leben so wäre, wäre es fantastisch!«
Manche dieser Erinnerungen lassen dich vielleicht gestärkt zurück und machen dich bereit für die nächste Herausforderung oder geben dir ein Gefühl von Zufriedenheit und Erfüllung.
Schreibe jedes dieser Schlüsselerlebnisse auf. Erzähle die Geschichte jedes einzelnen Erlebnisses so detailliert, wie es geht. Überlege dir möglichst genau, warum dir dieses Erlebnis so stark in Erinnerung geblieben ist.
Erlebnis Nr. 1:
Erlebnis Nr. 2:
Erlebnis Nr. 3:
Erlebnis Nr. 4:
Erlebnis Nr. 5:
Als Crystal noch klein war, zeigte sie viele Verhaltensweisen, die Psychologen heute als typisch autistisch bezeichnen würden: Sie reihte ihr Spielzeug genau auf, anstatt damit zu spielen, kaute auf ihrer Decke herum und starrte dabei an die Wand und sie tat sich schwer damit, Witze und Neckereien zu verstehen. Aber sie »wirkte nicht autistisch genug«, um in den 1990er-Jahren, als sie aufwuchs, leicht diagnostiziert zu werden.
»Meine Mutter fand, dass ich untersucht werden sollte«, erzählte sie. »Aber mein Großvater hat das verhindert. Er sagte: ›Nein, auf keinen Fall, Crystal ist so ein braves Mädchen! Mit ihr ist alles in Ordnung. An so was darfst du nicht einmal denken.‹«
Crystals Großvater wollte sie wahrscheinlich vor einer Stigmatisierung bewahren, die ihr Leben lang zu Diskriminierungen hätte führen können. Damit ist er sicherlich nicht allein. Stigmavermeidung (das aktive Umgehen einer Diagnose) ist bei Behinderungen und psychischen Krankheiten eine häufige Erscheinung.1 Sich offen als behindert zu bekennen, bedeutet, von vielen Menschen als weniger kompetent angesehen zu werden – und als weniger menschlich. So schädlich und selbstzerstörerisch es auch sein mag, den eigenen Zustand zu verschleiern, es ist kein paranoides Handeln. Es ist vielmehr eine vernünftige Reaktion auf die Vorurteile, mit denen behinderte Menschen konfrontiert sind. Dieses Vorgehen gibt es auch nicht nur bei Autismus; viele Menschen mit psychischen Erkrankungen2 und nicht sichtbaren körperlichen Behinderungen3 entscheiden sich gegen die mit einer Diagnose verbundene Schande.
Mein Vater hat seine Zerebralparese und seine Epilepsie sein ganzes Leben lang verheimlicht. Außer meiner Großmutter, meiner Mutter und später auch mir wusste niemand davon. Er hat nie studiert, weil er dann mit den Behindertenbeauftragten des Campus über das Thema Barrierefreiheit hätte sprechen müssen. Damit seine eingeschränkte Feinmotorik nicht auffiel, bewarb er sich nur für Stellen, bei denen er nicht schreiben oder tippen musste. Die Flyer für seinen Rasenmäh-Service habe ich als Kind für ihn getippt, weil er selbst nicht am Computer arbeiten konnte. Erst als Teenager erfuhr ich von seiner Krankheit. Er beichtete sie mir schluchzend, als wäre es ein schreckliches Geheimnis, nachdem seine Ehe mit meiner Mutter bereits gescheitert war. Er sagte mir, dass seine Mutter ihn dazu gezwungen habe, seine Behinderung zu verheimlichen, weil diese in dem Dorf in den Appalachen, in dem er aufgewachsen war, nicht akzeptiert worden wäre. Scham und Selbsthass haben ihn bis zu dem Tag verfolgt, an dem er an Diabetes starb (an dem er als Erwachsener erkrankte und den er ebenfalls nicht behandeln lassen wollte).
Ich habe erst viele Jahre nach seinem Tod erfahren, dass ich autistisch bin, aber bei ihm habe ich zum ersten Mal gesehen, wie qualvoll und selbstzerstörerisch es sein kann, eine Behinderung zu verheimlichen. Er baute sein ganzes Leben darauf auf, sein wahres Ich zu verbergen, und seine Abwehrmechanismen haben ihn nach und nach umgebracht.
In den 1990er-Jahren war Stigmavermeidung unter den Eltern potenziell autistischer Kinder weit verbreitet, weil die Krankheit so wenig verstanden war und verteufelt wurde.4 Man hielt autistische Menschen für geistig behindert, und da geistig Behinderte nicht wertgeschätzt oder geachtet wurden, setzten viele Familien alles daran, ihren Kindern die Diagnose zu ersparen. Einerseits wollte Crystals Großvater sie also vor Diskriminierung und Entmündigung schützen, aber andererseits verwehrte er ihr auch wesentliches Wissen über sich selbst, eine adäquate schulische Förderung und einen Platz in der autistischen Community. Ohne Crystal zu fragen, entschied ihre Familie, dass es besser für sie wäre, zu leiden und ihre Neurodiversität zu verbergen, als ein Etikett für ihre Randposition in der Welt aufgedrückt zu bekommen. Die Last dieser Entscheidung macht Crystal, bei der die Diagnose erst in ihren späten Zwanzigern gestellt wurde, noch heute zu schaffen.
»Jetzt weiß ich, dass ich Autistin bin, aber ich habe es irgendwie zu spät herausgefunden«, meinte sie. »Wenn ich es anderen sage, wollen sie es mir nicht glauben. Ich habe mein Leben so sehr im Griff, dass niemand erkennt, wie schwer mir das alles fällt. Niemand will jetzt hören, wie schwierig es immer war und, ehrlich gesagt, immer noch ist.«
Inzwischen haben mir Hunderte von autistischen Menschen eine Variante von Crystals Geschichte erzählt. Sie unterscheiden sich in Einzelheiten, aber der Erzählbogen ist immer derselbe: Ein Kind zeigt früh Anzeichen von Schwierigkeiten, aber Familie und Lehrpersonal schrecken vor dem Wort Behinderung zurück. Eltern oder Großeltern, die selbst Merkmale des Autismusspektrums aufweisen, tun die Beschwerden des Kindes ab und behaupten, unter dem sozialen Stress, den sensorischen Empfindlichkeiten, den Magenproblemen oder den kognitiven Problemen, die sie selbst erleben, litte ja jeder Mensch. Das gesamte Umfeld des Kindes sieht eine Behinderung nicht als Erklärung dafür, wie jemand funktioniert (und welche Hilfen er zum Funktionieren benötigt), sondern als einen Schaden. Also wischen sie den Begriff vom Tisch und sagen dem Kind, es solle nicht so viel Aufhebens machen. Sie möchten ihrem Kind helfen, über seine Defizite »hinauszuwachsen« und stark zu sein, und darum drängen sie es dazu, nicht offen sonderbar zu sein oder jemals Unterstützung einzufordern.
Ein maskiertes autistisches Kind kann unmöglich erklären, warum es das Leben so schwierig findet, und trotzdem leidet es. Gleichaltrige bemerken etwas unbestimmbar »Komisches« an ihm und schließen es aus, trotz aller bemühten Freundlichkeit. Wenn sich das Kind klein und unauffällig macht, wird ihm etwas von der Zuneigung gewährt, nach der es sich verzweifelt sehnt und von der es nie genug bekommt. Also tut es das immer öfter und bringt die Stimme in sich zum Schweigen, die sagt, dass es nicht fair behandelt wird. Es leistet viel, verlangt wenig und hält sich so genau wie möglich an die Regeln der Gesellschaft. Solche Kinder werden zu Erwachsenen, die sich noch mehr zurücknehmen und noch weniger in der Lage sind, ihre Gefühle zu äußern. Nachdem sie sich jahrzehntelang in die enge neurotypische Schublade gezwängt haben, kommt es irgendwann zu einer Art Zusammenbruch und es wird unmöglich, all die unter der Oberfläche brodelnden Turbulenzen zu ignorieren. Erst dann merken sie, dass sie Autist:innen sind.
In Crystals Fall kam der Bruch in Form eines monatelangen autistischen Burnouts. Ein autistischer Burnout ist ein Zustand chronischer Erschöpfung, bei dem die Fähigkeiten einer autistischen Person nachlassen und ihre Stresstoleranz stark abnimmt.5 Der Burnout traf Crystal mit der Wucht eines Hammers, nachdem sie die Abschlussarbeit für das College fertiggestellt hatte. Für ihre Ausbildung hatte sie ein paar Jahre länger gebraucht als ihre Freund:innen, wobei sie nicht genau wusste, warum. Sie musste immer wieder Kurse abbrechen, um ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Das volle Studienpensum war einfach nicht machbar. Wenn man sie danach fragte, log sie und behauptete, nebenbei in Vollzeit zu arbeiten.
Im letzten Studienjahr war Crystal im Theaterinstitut für die Ausstattung der größten Produktion des Jahres verantwortlich. Sie hatte Dutzende Requisiten zu entwerfen, Materialien zu beschaffen, den Bühnenbau zu leiten und musste alles in einer riesigen Tabelle verwalten. Das war einfach zu viel Stress, zumal sie dazu noch ihre restlichen Kurse absolvieren musste. Trotzdem hielt sie durch, sie verlor Haare und Gewicht, aber als das Projekt vorbei war, brach sie zusammen.
»Nach meinem Abschluss lag ich drei Monate lang bei meiner Mutter flach«, berichtete sie. »Hab mich nicht auf Jobs beworben. Hab kaum geduscht, überall im Zimmer lagen Hamburger-Schachteln, aber meine Familie fand nur, ich wäre einfach faul.«
Schließlich wurde Crystal so lethargisch, dass sie nicht mal mehr fernsehen oder mit dem Hund spielen wollte. Das bereitete ihrer Mutter schließlich so viel Sorgen, dass sie vorschlug, sich professionelle Hilfe zu holen. Kurz darauf wurde Autismus diagnostiziert.
»Erst mal konnte ich es nicht glauben«, erinnerte sich Crystal. »Meine Eltern glauben es immer noch nicht. Sie hatten alle Anzeichen dafür mein ganzes Leben lang vor den Augen, aber sie wollen sie einfach nicht sehen.«
Endlich hatte Crystal eine Erklärung dafür, warum sie nicht so viel schaffte wie andere und warum sie nach einfachen Tätigkeiten wie einem Bankbesuch oder einer zweistündigen Vorlesung zu erschöpft war, um zu denken oder zu sprechen. Das normale Leben erforderte tatsächlich mehr Willenskraft von ihr. Autist:innen fällt es häufig schwer, eine Tätigkeit zu beginnen6 und ein komplexes Vorhaben in eine logische Abfolge von Einzelschritten zu unterteilen.7 So kann jede Aufgabe, sei es eine einfache Haushaltstätigkeit, die Bewerbung um einen Arbeitsplatz oder die Abgabe der Steuererklärung, zu einer unglaublichen Herausforderung werden, die ohne Hilfe vielleicht gar nicht zu schaffen ist.
Zusätzlich zu den vielen kognitiven und sensorischen Herausforderungen, die der Autismus ohnehin für Crystal mit sich brachte, musste sie auch viel Energie darauf verwenden, immer »normal« zu wirken. Sie widersetzte sich ständig dem Drang, an den Fingern zu lutschen, und in Gesprächen musste sie ihre Aufmerksamkeit mit Gewalt auf die Worte und das Gesicht ihres Gegenübers richten. Das Lesen eines Buches dauerte bei ihr doppelt so lange wie beim Durchschnittsmenschen. Am Ende des Tages hatte sie dann nur noch so viel Energie, um im Bett zu sitzen und Pommes zu essen. Crystals Mutter und Großvater waren mit der neu gefundenen Erklärung jedoch nicht zufrieden. Denn wenn Crystal ihr ganzes Leben lang wirklich so gelitten hätte, dann hätten sie es ihrer Meinung nach doch bemerken müssen.
»Ich wünschte, ich könnte es ihnen begreiflich machen«, sagte sie. »Autismus ist nicht das, was die Leute glauben.«
Autismus definieren
Ein Grund, warum Autismus bei Frauen wie Crystal oft übersehen wird, ist die sowohl bei Fachleuten als auch in der Öffentlichkeit weit verbreitete fundamentale Falscheinschätzung, was Autismus überhaupt ist. Bis vor relativ kurzer Zeit glaubten die meisten Leute, Autismus sei selten, nur kleine Jungen seien davon betroffen, und er sei immer leicht zu erkennen. Ein Beispiel dafür ist etwa der im Film Rain Man von Dustin Hoffman dargestellte Autist: Er kommt als Kind ins Heim, weil er schwerbehindert und zu »schwierig« ist, um zu Hause aufzuwachsen. Er meidet Blickkontakt, verirrt sich, sobald man nicht auf ihn aufpasst, und hat ein übermenschliches Rechentalent, aus dem sein nicht behinderter Bruder Vorteil schlägt. Dieses Bild der Behinderung wurde uns allen beigebracht: Sie ist eine schreckliche Geisteskrankheit, die Betroffene zu hilflosen Freaks macht und ihr Leben entwertet, es sei denn, die jeweiligen genialen Fähigkeiten sind für andere nützlich.
Mitte der 1990er-Jahre, als Crystal ein Kind war, hatte man mitunter auch eine vage Vorstellung vom damals sogenannten Asperger-Syndrom. Asperger wurde als eine »funktionstüchtigere« Form von Autismus etikettiert, die bei hochintelligenten, sozial eher unbeholfenen und meist unhöflichen Männern auftrat, die in der IT-Branche oder ähnlichen Bereichen arbeiteten. In beiden Erscheinungsformen stellte man sich Autist:innen als sozial gehemmt und empathielos (und männlich) vor und unterstellte ihnen einen Sinn für Zahlen. Man hatte wenig bis gar keine Ahnung von den Ursachen des Autismus oder davon, wie es sich anfühlt, autistisch zu sein, oder davon, dass die Behinderung Gemeinsamkeiten mit anderen Störungen wie Epilepsie, Sozialphobie, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) oder posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) aufweist.
Entgegen der landläufigen Meinung haben Unhöflichkeit, Männlichkeit oder irgendwelche mathematischen Künste nichts mit der Definition von Autismus zu tun. Die Forschungsliteratur wirft zudem die Frage auf, ob man die Behinderung überhaupt anhand von bestimmten Verhaltensmerkmalen wie beispielsweise dem schlechten Erkennen zwischenmenschlicher Signale oder einer gehemmten Kontaktaufnahme definieren sollte.8 Statt auf die von außen wahrnehmbaren und wahrgenommenen Anzeichen von Autismus zu setzen, könnte man auch auf die neurobiologischen Marker und auf das innere Erleben und Leiden schauen, von denen autistische Menschen selbst berichten.
Autismus istneurologisch bedingt. Er ist eine Entwicklungsstörung, die familiär gehäuft auftritt9 und offenbar zu großen Teilen vererbbar ist.10 Die Störung ist jedoch auch multifaktoriell bedingt, das heißt, es gibt keine einzelne Ursache: Eine ganze Reihe von Genen scheint mit Autismus in Verbindung zu stehen11 und das Gehirn jedes autistischen Menschen ist einzigartig und weist seine ganz eigenen Konnektivitätsmuster auf.12 Autismus ist eine Entwicklungsstörung, weil er mit Verzögerungen im Vergleich zum neurotypischen Phasenablauf einhergeht: Im Leben vieler autistischer Menschen braucht die Entfaltung der sozialen und emotionalen Fähigkeiten viel länger als bei Nichtautist:innen.13 (Dies kann jedoch daran liegen, dass autistische Menschen ihre sozialen und emotionalen Fähigkeiten von Grund auf neu entwickeln müssen, weil die antrainierten neurotypischen Bewältigungsmethoden nicht zur autistischen Informationsverarbeitung passen – dazu später mehr.) Autismus geht mit bestimmten tief im Gehirn sitzenden Unterschieden einher, die in der Art, wie das Gehirn Informationen filtert und interpretiert, Abweichungen vom neurotypischen Standard verursachen.
Bei Autist:innen entwickelt sich der anteriore cinguläre Cortex anders,14 eine an der Regulierung von Aufmerksamkeit, Entscheidungsfindung, Impulskontrolle und Emotionsverarbeitung beteiligte Hirnregion. Im gesamten Gehirn ist die Entwicklung der Von-Economo-Neuronen (VEN) verzögert und eingeschränkt. Diese Gehirnzellen helfen bei der schnellen, intuitiven Verarbeitung komplexer Situationen.15 Zudem unterscheiden sich autistische Gehirne von allistischen darin, wie erregbar die Neuronen sind.16 Sehr einfach ausgedrückt: Unsere Neuronen sind leicht zu erregen und unterscheiden nicht gut zwischen »Störgrößen«, die das Gehirn ruhig ignorieren darf (wie das Tropfen eines Wasserhahns im Nebenraum), und wichtigen Informationen, die unsere volle Aufmerksamkeit verdienen (wie das leise Weinen einer Bezugsperson im Nebenraum). Das bedeutet, dass uns geringfügige Reize ablenken können, während uns starke, wichtige Reize entgehen.
Autistische Gehirne haben einzigartige Verknüpfungsmuster, die von dem abweichen, was normalerweise bei neurotypischen Menschen vorliegt. Das Gehirn eines Neugeborenen ist in der Regel übermäßig vernetzt; ein Großteil der menschlichen Entwicklung besteht darin, unnütze Verbindungen zu kappen und auf der Grundlage von Erfahrenem und Erlerntem effizienter auf die Umwelt zu reagieren. Bei autistischen Gehirnen hat man jedoch festgestellt, dass einige Regionen während der gesamten Lebensspanne übermäßig vernetzt bleiben, während andere Regionen (relativ gesehen) untervernetzt sein können. Es ist schwierig, diese Verknüpfungsmuster auf einen Nenner zu bringen, da jedes autistische Gehirn ein anderes Muster aufweist, wie Neurobiolog:innen am Weizmann Institute of Science herausgefunden haben. In unseren Gehirnen scheint es tatsächlich mehr Diversität in der Verdrahtung zu geben als in neurotypischen Hirnen, bei denen die Forschung von einem einheitlichen Zurückschneidungsmuster ausgeht.17 Die Forschenden am Weizmann Institute schließen daraus, dass autistische Gehirne anders auf die Umwelt reagieren. Während neurotypische Gehirne sich leicht an die sensorischen und sozialen Einflüsse der Außenwelt anpassen, scheint die Entwicklung und Beschneidung autistischer Gehirne »gestört« zu sein.18
Wir Autist:innen zeigen auch weniger von der in der Neurowissenschaft so genannten global-to-local interference19: Wir konzentrieren uns gerne auf kleine Details, auch wenn diese nicht mit dem Gesamtbild übereinstimmen, das die nicht autistische Person im Blick hat. Eine Reihe von Studien hat beispielsweise ergeben, dass Autist:innen das Bild eines verzerrten 3-D-Objekts, das in der Realität nicht existieren könnte, viel besser abzeichnen können als Allist:innen.20 Letztere verwirrte es, dass das Gesamtbild unmöglich und unlogisch war, während sich die Autist:innen einfach auf die einzelnen Linien und Formen konzentrierten, aus denen das Bild bestand, und vom Kleinsten zum großen Ganzen hinarbeiteten. Dieser ausgeprägte Sinn fürs Detail bestimmt die Art und Weise, wie wir uns in sozialen Situationen zurechtfinden: Wir konzentrieren uns auf kleinste Merkmale im Gesicht einer Person, anstatt ihr Aussehen oder ihren emotionalen Ausdruck als Ganzes wahrzunehmen.21 Dies erklärt, warum viele autistische Menschen an Prosopagnosie leiden (der Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen)22 und Emotionen in den Gesichtern von neurotypischen Menschen nicht gut erkennen können.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass autistische Menschen in der Regel die folgenden Eigenschaften aufweisen:
•Wir reagieren selbst auf kleine Umgebungsreize übermäßig stark.
•Uns fällt es schwer, zwischen Informationen oder Sinneseindrücken, die ignoriert werden müssten, und Daten, die sorgfältig geprüft werden sollten, zu unterscheiden.
•Wir konzentrieren uns stark auf Details und nicht auf das »große Ganze«.
•Wir denken mit Absicht stark analytisch.
•Unser Entscheidungsprozess ist eher methodisch als effizient; wir verlassen uns nicht auf vage Annahmen oder Bauchgefühle.
•Die Verarbeitung einer Situation kostet uns mehr Zeit und Energie als eine neurotypische Person.
Nachdem ich nun einige der neurologischen Marker erwähnt habe, die mit Autismus in Zusammenhang stehen, ist mir folgende Klarstellung wichtig: Dass eine Behinderung biologische Marker aufweist, bedeutet nicht, dass sie »echter« oder legitimer ist als eine Behinderung, die man nur am Verhalten erkennen kann. Und Autismus wird immer noch anhand des Verhaltens und der Schwierigkeiten, mit denen autistische Personen konfrontiert sind, diagnostiziert, nicht anhand eines Gehirnscans. Die Tatsache, dass Autismus neurologische Anzeichen hat, macht ihn nicht zu einer angenehmeren Behinderung als beispielsweise eine Essstörung oder eine Suchterkrankung. Man kann daraus auch nicht schließen, dass Autist:innen dazu verdammt sind, auf eine bestimmte Art zu funktionieren oder immer zu kämpfen.
Zwar ist es in vielerlei Hinsicht hilfreich, die biologischen Gründe für das Anderssein bestimmter Menschen zu verstehen, aber wenn man eine Behinderung auf ihre physischen »Ursachen« reduziert, wird es gefährlich. Es kann Menschen dazu verleiten, unsere biologische Disposition als schicksalhaft gegeben zu erachten und zu glauben, wir wären weniger wert als neurotypische Menschen, ohne daran etwas ändern zu können. Tatsächlich deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass Menschen, die Behinderungen wie Depressionen und ADHS als rein biologisch ansehen, Betroffene stärker diskriminieren und nicht weniger.23 Die Vorstellung, dass Menschen mit einer bestimmten Behinderung nicht anders sein können, als sie sind, ist entmenschlichend und einengend, selbst wenn manche darin auch etwas Befreiendes und Bestätigendes sehen.
Wenn die Gesellschaft sich damit auseinandersetzt, eine marginalisierte Gruppe zu akzeptieren, wird diese Akzeptanz oft mit dem Argument des Angeborenseins ummantelt. So setzten sich in den frühen 2000er-Jahren etwa viele Heterosexuelle vor allem deshalb für homosexuelle Menschen ein, weil Homosexualität ja keine bewusste Entscheidung sei, sondern Betroffene eben nicht anders könnten, als so zu sein. Zu dieser Zeit gab es viele populärwissenschaftliche Artikel über die Suche nach dem »Homo-Gen«24 oder über die These, dass bestimmte hormonelle Einflüsse den Fötus im Mutterleib für Homosexualität prädisponieren könnten. Heute sind die biologischen Ursachen von Homosexualität kein großes Thema mehr. Zumindest in den Vereinigten Staaten ist sie inzwischen so weit akzeptiert, dass queere Menschen ihr Wesen nicht mehr damit rechtfertigen müssen, dass sie nichts dafürkönnen. Sollte sich jemand frei dafür entscheiden, homosexuell zu sein, wäre das kein Problem, weil diese Lebensform als gut akzeptiert ist. Und genauso verdienen wir Autist:innen nicht deshalb Akzeptanz, weil wir nichts für die Beschaffenheit unserer Gehirne können, sondern weil es okay ist, Autist:in zu sein.
Autismus geht mit einer deliberativen Verarbeitungsweise einher. Wenn wir Autist:innen die Welt verstehen wollen, verlassen wir uns in der Regel eher auf Logik und Vernunft als auf Emotionen oder Intuition. Wir vertiefen uns in sämtliche Vor- und Nachteile, und zwar mitunter exzessiv, weil wir nicht wissen, wo die Grenze zwischen wichtigen und unwichtigen Variablen zu ziehen ist. Wir gewöhnen uns nicht so schnell an bestimmte Situationen oder Reize wie andere Menschen. Darum durchdenken wir selbst bekannte Situationen oft so, als wären sie für uns völlig neu.25 Weil all dies viel Energie, Konzentration und Zeit erfordert, sind wir schnell erschöpft und überfordert. Allerdings macht uns dies auch weniger anfällig für Fehler. Experimente haben ergeben, dass autistische Menschen sich weitaus weniger zu Vorurteilen verleiten lassen als allistische Menschen.26 Nehmen wir zum Beispiel dieses relativ einfache Problem:
Schläger und Ball kosten zusammen 1,10 Dollar. Der Schläger kostet 1 Dollar mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?
In experimentellen Studien beantworten über 80 Prozent der nicht autistischen Menschen die Frage falsch. Sie nehmen die Frage schnell auf, verlassen sich auf ihr Bauchgefühl und geben an, dass der Ball 10 Cent kosten muss.27 Dabei lautet die richtige Antwort, dass der Ball 5 Cent kostet und der Schläger 1 Dollar mehr, also 1,05 Dollar, was zusammen 1,10 Dollar ergibt. Man braucht einen Augenblick länger, um durch gründliches Nachdenken die naheliegende (und falsche) Lösung zu verwerfen und die richtige herauszufinden. Die Denkweise der meisten allistischen Menschen bevorzugt im Normalfall aber das Naheliegende. Autistische Menschen dagegen verarbeiten Informationen nicht intuitiv und neigen nicht zu naheliegenden Lösungen. Stattdessen müssen sie die gestellte Frage sorgfältig aufschlüsseln. Und dadurch ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie auf die richtige Lösung stoßen.
Diese langsame, bedächtige, deliberative Art der Verarbeitung hat jedoch auch ihre Nachteile. Nicht immer erkennen wir Ironie oder implizite Botschaften, die nicht explizit ausgesprochen werden, weil sie »selbstverständlich« sind. Allistische Menschen werfen uns oft vor, dass wir zu viel nachdenken oder zu langsam und zögerlich antworten. Was uns auch überfordert, sind Berge von Informationen, die neurotypische Menschen viel einfacher ignorieren können.
Autist:innen verarbeiten ihre Umwelt vom Detail her. Wenn ich Autismus als Behinderung und menschliche Eigenart in einem Satz zusammenfassen müsste, dann am besten so: Wir verarbeiten Informationen sorgfältig, systematisch und vom Detail her zum Ganzen. Im Gegensatz dazu erfassen allistische Menschen die Welt eher vom Ganzen her. Sie betreten eine neue Umgebung, beispielsweise ein unbekanntes Restaurant, werfen einen kurzen Blick in die Runde und ziehen daraus vernünftige Schlüsse darüber, wie man dort bestellt, wo man Platz nimmt, was von der Bedienung zu erwarten ist und sogar wie laut man sprechen sollte. Ihr Gehirn bewertet sofort Geräusche, Lichter und andere Reize und passt sich entsprechend an. Sie bemerken den lärmenden Flipperautomaten in der Ecke vielleicht kurz, gewöhnen sich aber sogleich daran und können ihn ignorieren. Wenn die Bedienung kommt, können sie wahrscheinlich ohne große Schwierigkeiten mit ihr reden, selbst wenn diese etwas Unerwartetes sagt oder die gewählte Speise ausverkauft ist. Sie sind nicht auf auswendig gelernte Dialoge angewiesen und müssen nicht jede einzelne Information, auf die sie stoßen, erst sorgfältig analysieren, um sie zu verstehen. Sie können improvisieren.
Wir Autist:innen hingegen verlassen uns bei unseren Entscheidungen nicht auf vorschnelle Annahmen oder Vermutungen. Wir verarbeiten jede Einzelheit unserer Umgebung separat und bewusst und halten nur sehr wenig für selbstverständlich. Wenn wir noch nie in einem bestimmten Restaurant waren, kann es sein, dass wir einige Zeit brauchen, um zu verstehen, wie es aufgebaut ist oder wie die Bestellung funktioniert. Wir benötigen eindeutige Hinweise darauf, ob man sich in diesem Lokal einfach hinsetzt und bedient wird oder ob man am Tresen bestellen muss, was man haben möchte. (Viele von uns verschleiern diesen Umstand, indem sie vor dem Betreten eines Restaurants erst einmal eingehend darüber recherchieren.) Unser sensorisches System nimmt jede Lichtquelle, jedes Lachen und jeden Geruch in dem Lokal einzeln wahr, anstatt alles zu einem zusammenhängenden Ganzen zu verschmelzen. Um mit Unvorhersehbarkeiten zurechtzukommen, klopfen wir unsere Erfahrungen auf Muster ab und prägen uns Regeln ein: Wenn die Bedienung X sagt, antworte ich mit Y. Passiert etwas Unerwartetes, müssen wir erst genau durchdenken, wie wir am besten darauf reagieren. Zu viel Veränderung kann dazu führen, dass wir vollkommen erschöpft sind oder Angst bekommen.
Autismus betrifft jeden Bereich im Leben. Natürlich können viele Nichtautist:innen einige der Gefühle und Empfindungen, die ich gerade beschrieben habe, nachempfinden. Es gibt einen Unterschied zwischen allistisch, also nicht-autistisch, und neurotypisch, was bedeutet, dass keine psychische Erkrankung oder kognitive Einschränkung vorliegt. Eine allistische Person mit Sozialphobie fühlt sich in vollen Bars und Restaurants womöglich ebenso überfordert wie Autist:innen. Jemand mit posttraumatischer Belastungsstörung kann durch einen lauten Flipperautomaten ähnlich aus der Fassung gebracht werden. Der Unterschied zwischen diesen Störungen und Autismus besteht darin, dass Autismus eine kognitive und sensorische Anomalie ist, die jeden Lebensbereich betrifft. Bei einer Person mit Sozialphobie ist beispielsweise jedoch nicht davon auszugehen, dass sie das Klopfen des Heizkörpers nicht aushält, wenn sie allein zu Hause ist (es sei denn, sie ist auch autistisch oder hat eine Sinnesverarbeitungsstörung).
Weil die neuronalen und kognitiven Merkmale des Autismus so tiefgreifend sind, betreffen sie fast jeden Aspekt von Körper und Hirn. Sie haben Einfluss auf Koordination und Muskeltonus, auf die Fähigkeit, Emotionen vom Gesicht eines Menschen abzulesen, auf die Kommunikationsfähigkeiten, die Reaktionszeit und sogar auf die Wahrnehmung von Schmerz oder Hunger.28 Wenn ich zum Beispiel jemandem ins Gesicht sehe, merke ich nicht einfach, dass es »Fröhlichkeit« oder »Trauer« ausstrahlt. Ich erkenne winzige Veränderungen in den Augen, auf der Stirn, um den Mund, in der Atmung und in der Körperhaltung, die ich dann mühsam zusammensetzen muss, um aus der Faktenlage darauf zu schließen, wie sich mein Gegenüber wohlfühlt. Doch oft sind es zu viele widersprüchliche Daten. Wenn ich nicht die Energie habe, den emotionalen Ausdruck anderer sorgfältig zu verarbeiten, dann sind sie für mich unergründlich und machen mir Angst.
Autismus kann einen Einfluss darauf haben, wie intensiv wir uns auf eine Aktivität konzentrieren und wie wir Texturen, Geschmäcker und Geräusche wahrnehmen.29 Er kann mit einer Neigung zu fanatischem Interesse für bestimmte Themen (oft als Spezialinteressen bezeichnet)30 und zur strengen Einhaltung von Regeln einhergehen. Viele von uns können nur schwer Sarkasmus erkennen oder nonverbale Signale deuten. Störungen unserer Gewohnheiten oder Erwartungen können uns in Panik versetzen. Das Erlernen neuer Fähigkeiten kann bei uns viel länger dauern als bei anderen Menschen.
Autismus prägt das Verhalten. Autismus geht mit repetitivem, selbststimulierendem Verhalten einher,31 das von harmlosem Händewedeln bis zum Blutigkauen der Finger reichen kann. Dieses selbststimulierende Verhalten oder Stimming ist ein wichtiges Mittel zur Selbstregulierung. Es beruhigt bei Angst- oder Stressgefühlen und hilft, Freude und Begeisterung auszudrücken. Es gibt vielerlei Möglichkeiten, Stimming zu betreiben, und es lassen sich damit alle fünf Sinne ansprechen. Einige von uns stimulieren sich durch Echolalie, das Wiederholen von Wörtern, Lauten oder Phrasen, die sich gut anfühlen, wenn sie in der Kehle vibrieren. Andere aktivieren ihr propriozeptives System (das Nervensystem, das die Körperbewegungen wahrnimmt), indem sie auf und ab springen oder vor und zurück schaukeln, Lollis lutschen, an Duftkerzen riechen, Lavalampen anstarren, Aufnahmen von Regen und Donner hören. Bis zu einem gewissen Grad stimulieren sich alle Menschen (sonst wären Fidget Spinner vor einigen Jahren nicht so beliebt geworden), aber autistische Menschen stimulieren sich häufiger, repetitiver und intensiver als neurotypische Menschen.
Repetitivität ist laut dem Leitfaden Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders
