Verstehen Sie Schulz - Martin Häusler - E-Book

Verstehen Sie Schulz E-Book

Martin Häusler

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Beschreibung

Eine Kanzlerkandidatur passiert einem nicht einfach so – man wird dafür geformt. Das gilt auch für Martin Schulz. Immense Wirkkräfte machten das Nachkriegskind aus Würselen erst zu dem Menschen, dem die SPD-Genossen und immer mehr Wähler den Sieg gegen Angela Merkel zutrauen. Um diese Kräfte aufzuspüren, tauchte der Journalist Martin Häusler tief ein in die Strukturen des Familiensystems Schulz. Er konnte zahlreiche Belastungen durch die Weltkriege und die damit von Martin Schulz übernommenen Familienaufträge zutage fördern. Und er stieß auf Seelenverwandte, ohne die Martin Schulz niemals den Weg nach oben geschafft hätte. Für diese systemische Schau ließ sich Martin Schulz selbst ins Herz blicken, dafür lieferten Familienmitglieder, Freunde und Weggefährten kostbare Erinnerungen. Aus den vielen Mosaiksteinen hat Martin Häusler ein klares Gesamtbild über Persönlichkeit und Politik des neuen SPD-Vorsitzenden geformt. Wodurch wurde er nur so kämpferisch? Was entfachte seinen politischen Gestaltungswillen? Wo liegen die Sedimente für seine roten Linien, wo die Quellen für seine sprachliche Brillanz? Verstehen Sie Schulz! "Alles, was meinem Großvater viel wert war, ist zu seinen Lebzeiten gestorben. Und meine arme Mutter, sie hat so gelitten unter dem Tod ihres Bruders. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie sehr ich da mitgelitten habe. Ja, diesen Familienauftrag nehme ich auch heute noch wahr. " Martin Schulz Niemand ist getrennt von den Erlebnissen, Prägungen und Haltungen seiner Familienmitglieder. Auch Martin Schulz kann man nur verstehen, wenn man ins Vermächtnis seiner Ahnen schaut. Ihm selbst werden diese Zusammenhänge erst klar, als er als arbeitsloser, depressiver und von allen verlassener Alkoholiker im tiefsten Tal seines Lebens hockt und um seine eigene Identität ringt. Von da an geht es nur bergauf.

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1. eBook-Ausgabe 2017

© 2017 Europa Verlag GmbH & Co. KG,

Berlin • München • Zürich • Wien

Umschlaggestaltung und Illustration:

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © ullstein bild – Probst

Satz: Danai Afrani & Robert Gigler, München

Fotos: Kulturarchiv Würselen, S. 27, 34, 35; Stadt Würselen, S. 134; ullstein bild – Sven Simon, S. 70; picture-alliance / dpa S. 67, picture alliance / Wolfgang Sevenich/dpa S. 122; picture alliance / NTB scanpix S. 163, picture alliance / Kay Nietfeld/dpa S. 174; alle anderen: privat

Konvertierung: Brockhaus/CommissionePub-ISBN: 978-3-95890-157-5ePDF-ISBN: 978-3-95890-158-2

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.www.europa-verlag.com

INHALT

Einführung

Legende der mitwirkenden Personen

I. DIE KRÄFTE DER HEIMAT

»Schicksalhaft vorbestimmt« – Würselen als Herzkammer Europas

Kleiner Ort ganz groß – 1200 rebellische Jahre

»Lasst jede deutsche Stadt so zerstört sein wie Würselen« – inmitten zweier Weltkriege

II. DIE KRÄFTE DER FAMILIE

Mit gebrochenem Herzen – die Leiden des Patriarchen

Per Pferd und Violine – ein Saarländer kommt nach Würselen

»Dann gnade uns Gott …« – die Schatten des Krieges

Auftritt: Martin! – gefangen im Familiensystem

»Hoffnung auf ein großes Leben« – die ungelebten Träume der Eltern

»Mein Haus ist wie der Bundestag!« – Rollenspiele im Chaos-Haushalt

III. DIE KRÄFTE VON SCHULE UND FUSSBALL

Wie hältst du’s mit der Politik? – Bekenntnisse auf der Klosterschule

Überschätzt und verletzt – vom Kapitän zum Linienrichter

Revolution in Rot – die Erweckung Würselens

»Da kommt der Schulz, das blaue Wunder« – ein Vorbild namens Theo

»Komm nicht mehr!« – der schleichende Absturz

»Wie ein zweiter Geburtstag« – das letzte Kleingeld ist die Rettung

IV. DIE KRÄFTE VON BERUF UND POLITIK

Hinterzimmerklüngel – Verschwörung zwischen Büchern

»Mit Reden schaffe ich alles« – der etwas andere Bürgermeister

Er kann auch Inhalt! – im Banne des Strukturwandels

Hohe Wellen – ein Schwimmbad spaltet die Stadt

Europa, ich komme! – das große Strippenziehen

Zwischen Betroffenheit und Risiko – Ermittlungen im Fall Dutroux

»Lei è perfetto« – der Fall Berlusconi

»Mit mir nicht!« – der Fall Synadinos

»Nicht das Europa, für das ich stehe« – der Kampf um die Kommission

Hybris oder Parteitreue? – der TTIP-Konflikt

Mit allerhöchsten Ansprüchen – Mission Kanzleramt

Quellen

Dank

»Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.«

HEINRICH MANN,»DIE JUGEND DES KÖNIGS HENRI IV«

»Ich könnte gar Vieles anführen, wenn ich gewilligt wäre, meine Leidenschaften zu entdecken, allein …«

THOMAS MANN,»BUDDENBROOKS. VERFALL EINER FAMILIE«

EINFÜHRUNG

Seine Stimme bebt, stellenweise wird sie brüchig; hört man genau hin, muss Martin Schulz mehrmals im Satz kurz Luft holen. Sein Herz schlägt ihm sprichwörtlich bis zum Hals. Derart hat man ihn in seiner gesamten Zeit im Europäischen Parlament nicht reden hören. Seine sonst so sichere Sachlichkeit ist einem gewaltigen Gefühl gewichen, das Martin Schulz nur mit Mühe im Zaum halten kann. Es ist ein Gefühl von Entrüstung, mehr noch: Wut, noch eher: Abscheu.

Der 9. März 2016. Der Straßburger Plenarsaal ist voll besetzt. Am Morgen hatte es eine Debatte über einen bevorstehenden EU-Türkei-Gipfel gegeben. Dabei beschimpfte der griechische Abgeordnete Eleftherios Synadinos von der rechtsradikalen Partei Chrysi Avgi (»Goldene Morgenröte«) die Türken aufs Übelste. Er nannte sie »geistige Barbaren, Schwindler, gottesverachtend und schmutzig« und verglich sie mit »Hunden«, gegen die nur die Sprache der Faust helfe. Martin Schulz, zum Zeitpunkt der Äußerung nicht im Parlament, war das zu Ohren gekommen, woraufhin er sich entschloss, Synadinos einen unmissverständlichen Denkzettel zu verpassen. Nicht irgendwann, sondern jetzt, unmittelbar, und auf großer Bühne. Dafür kam nur ein Mittel der Sanktion infrage: der Platzverweis.

Entschlossen betritt Martin Schulz nach der Mittagspause das Rund des Saals, setzt sich auf den Sessel des Parlamentspräsidenten und bittet um Gehör. Er spricht von einem »Zwischenfall«, zu dem es gekommen sei, zitiert mit einem Pathos des Angewidertseins die Worte des Griechen, bewertet diese als »schwerwiegende Verletzung der Werte und Grundsätze der Union« und verkündet dann seine »Sofortmaßnahme«, nämlich den Ausschluss von der Sitzung. Er erklärt: »Ich glaube, dass systematisch der Versuch unternommen wird, rote Linien zu überschreiten, um den Rassismus hier salonfähig zu machen.« Rigoros lässt Schulz keine Debatte zu seiner Entscheidung zu, bittet nach mehrmaliger Aufforderung den Saaldiener, Synadinos hinauszugeleiten. Breiter Applaus für den Deutschen, vereinzelte empörte Zwischenrufe für den Griechen.

Diese Episode, die ein persönliches Nachspiel zwischen Schulz und Synadinos hat (nachzulesen ab Seite 157), zeigt wie keine andere, was passiert, wenn rote Linien überschritten werden, die Martin Schulz für sich gezogen hat. Sie macht deutlich, durch welche Schlüsselreize ein zwar grundsätzlich emotionaler, aber sonst doch in sich ruhender und besonnen agierender Politiker an den Rand der Contenance gebracht werden kann. »Das war ein Frontalangriff«, erklärt er seine Reaktion für dieses Buch, »ein Frontalangriff auf alles, was mir heilig ist.«

In der Politik hört man häufiger von roten Linien. Meist werden sie aus strategischem Kalkül gezogen, um dem Gegner zu zeigen: bis hierhin und nicht weiter. Der gesamte Kalte Krieg funktionierte so. Barack Obama bezeichnete im Syrienkrieg einen möglichen Chemiewaffeneinsatz Assads als Überschreiten einer roten Linie. Und ein ehemaliger Kurzzeitbundespräsident meinte so etwas Ähnliches wie eine rote Linie, als er einem ehemaligen Chefredakteur ins Handy dröhnte, dass nun der Rubikon überschritten sei. Die rote Linie aber, von der Martin Schulz im Fall Synadinos spricht, hat weder mit Strategie noch mit Abschreckung zu tun, sondern orientiert sich an moralischen Wertmaßstäben. An den moralischen Wertmaßstäben Europas, aber vor allem an denen von Martin Schulz.

Nur wodurch sind sie bedingt? Bedachte politische Handlungen wie auch Kurzschlussreaktionen kann man nicht wirklich nachvollziehen, ohne die genaue Prägung ihrer Akteure zu kennen. Der wohlbehütet aufgewachsene John F. Kennedy hatte völlig andere rote Linien als der ebenso wohlbehütet aufgewachsene Richard Nixon. Der Charismatiker Charles de Gaulle agierte völlig anders als der Charismatiker Nicolas Sarkozy. Und Helmut Kohls überhebliche Bimbespolitik rührte von anderen Ursachen her als Gerhard Schröders überhebliche Bastapolitik. Was genau also treibt Martin Schulz an? Was muss er erlebt bzw. realisiert haben, um so zu reagieren wie im Fall Synadinos? Und welche Auswirkungen wird das auf die Politik des Bundes- oder Vizekanzlers haben?

Dass Martin Schulz Sozialdemokrat ist, erklärt noch nicht viel. Seine laufend zitierte Vita – vom Sitzenbleiber über den Buchhändler zum Kanzlerkandidaten – auch nicht. Aber schon das Geburtsjahr verrät, welche Verhältnisse Martin Schulz geprägt haben müssen. Der Mann aus Würselen gehört der Generation der sogenannten Nachkriegskinder an. Auf die Welt gekommen am 20. Dezember 1955 – Deutschland ist Weltmeister, erlebt das Wirtschaftswunder, wurde gerade in die NATO aufgenommen –, kann er zwar in der Gnade aufwachsen, dass er nicht wie seine Großeltern, Eltern und Geschwister das Grauen der beiden Weltkriege bzw. die jeweils nachgehende Armut miterleben musste. Doch ist er auch als Nachgeborener wesentlicher Teil eines Familiensystems, das hochgradige Traumatisierungen in sich trägt und damit immer auch ihn belastet.

Die moderne Psychoanalytik weiß inzwischen, dass es längst nicht die von den Kriegsteilnehmern gewonnene und verbreitete Erkenntnis »Nie wieder Krieg« allein ist, die die Folgegenerationen prägt. Sie hat herausgefunden, dass die in den Weltkriegen mannigfaltig von Opfern wie Tätern erlittenen seelischen Schocks deren Angehörige in Deutschland und Europa nachhaltig unbewusst beeinflusst haben und bis heute beeinflussen. »Traumatische Erfahrungen, die von Betroffenen nicht verarbeitet und integriert werden können, bleiben nicht nur für diese selbst eine lebenslange Belastung«, schreibt Angela Moré, Professorin für Sozialpsychologie an der Leibniz Universität Hannover im Journal für Psychologie. »Sie zeigen sich auch in den Träumen, Fantasien, im Selbstbild, emotionalen Erleben und unbewussten Agieren ihrer Nachkommen. Sowohl bei psychischer Krankheit der Eltern, bei Erfahrungen von Misshandlung und Missbrauch wie auch bei Kriegs- oder Foltererfahrung treten transgenerationale Übertragungsphänomene in den nachfolgenden Generationen auf.« Diese Übertragungen finden nicht bloß statt durch Offensichtliches wie die Erziehung, das Beobachten von Verhaltensweisen und Haltungen der Eltern oder das Reagieren auf deren Emotionen, sondern ebenso durch Vererbung – und zwar auf körperlicher Ebene über eine durch die Traumatisierung veränderte DNA wie wohl auch auf seelischer Ebene über ein unterbewusstes Feld, das alle Mitglieder einer Familie – ob tot oder lebendig, ob nah oder fern – miteinander verbindet. Von dem zuletzt genannten Übertragungskanal gehen zumindest systemisch arbeitende Familientherapeuten aus.

Die stark nachwirkenden Opfer- wie Täterenergien findet man in nahezu jeder deutschen Familie. Mit allen daraus hervorgehenden Konsequenzen: Krankheiten, Süchten, Bindungsunfähigkeiten, Persönlichkeitsstörungen, Identitätsproblemen, Unnachgiebigkeiten, Dünnhäutigkeiten, Aggressionen, Marotten, Komplexen – im Falle der fortgesetzten Konfrontationsvermeidung mit der Vergangenheit wohlgemerkt.

Gerade deutsche Politikerkarrieren – also Berufswege, die in einer Machtbranche von ganz unten bis weit hinauf in eine Sphäre führen, wo kleine Äußerungen und Handlungen von großer Tragweite sein können – verleiten dazu, genauer auf die Einflussfaktoren zu schauen. Vor allem bei einem, dem Journalisten wie Jan Fleischhauer die Anziehungskraft eines Karl-Theodor zu Guttenberg attestieren. »Schulz ist der Guttenberg der Linken. Alle Erlösungshoffnungen ruhen auf Martin Schulz«, sagte Fleischhauer Ende Januar 2017 im Talk von Maybrit Illner, kurz nachdem die Kanzlerkandidatur des SPD-Mannes bekannt geworden war. Er verfüge über den perfekten sozialdemokratischen Lebenslauf inklusive Vom-Buchhändler-zum-Popstar-Romantik. »Da gehen die Herzen auf.« Er sei aber, so Fleischhauer, in erster Linie ein Medienphänomen, erschaffen gerade von den Hauptstadtjournalisten, die ihn liebten.

So ein Guttenberg-Vergleich, das klingt erst mal schräg, und im Studio sorgte die Bemerkung durchaus für Schmunzeln. Aber neben der schnellen Pointe unterstellt sie Martin Schulz eine Persönlichkeitsstruktur, die zu einer ähnlich schlagartigen Entzauberung führen könnte wie im Fall Guttenberg.

Wo der Vergleich seitdem im Raume schwebt: Schauen wir uns das doch mal genauer an. Die Berliner Psychotherapeutin Gabriele Baring hat sich in ihrem Buch »Die geheimen Ängste der Deutschen«, in dem es um die Konsequenz vererbter Kriegstraumata geht, u.a. mit dem Familiensystem des durch die Lügen um seine plagiierte Doktorarbeit gescheiterten Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg auseinandergesetzt. Die vielen Verwicklungen und Tragödien in der Verwandtschaft des elitären Sprösslings (darunter Vertreibung, gefallene Väter, Exekutionen, Hochzeiten mit Nachkommen von Kriegsverbrechern) setzt Baring in Verbindung mit seinem selbst verschuldeten Absturz als Minister, und sie stellt eingedenk der Erkenntnis über die Weitergabe der Gefühle unverarbeiteter Kriegsgräuel die Frage: »Wie sollte Karl-Theodor zu Guttenberg als Erwachsener bestehen? Wie viele widersprüchliche Familienaufträge muss er haben, mit welchen und wie vielen Vorfahren ist er verstrickt? Viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, empfinden ihre Position als Pyrrhussieg. Jahrelang haben sie sich bemüht, nach oben zu kommen. Doch oben angelangt, stellen sie erschrocken fest, dass sie nun ein Leben führen, das sie eigentlich gar nicht wollen.« Es könne gut sein, so Baring, dass zu Guttenberg nicht die Kraft zur willentlichen Befreiung gehabt habe. Denn handelte es sich bei seinem Karrierestreben um einen Familienauftrag, also um die geistige Hinterlassenschaft eines verstorbenen oder immer noch lebenden Verwandten, verschärfte sich die empfundene Diskrepanz zwischen dem Wunsch und der Verwirklichung. »Dann wird der Kontrast von individuellen Bedürfnissen und real Erreichtem so stark, dass ein – von außen betrachtet – unbedachtes Handeln die ungeliebte Position ins Wanken bringt. Angenommen, dies ist der Fall, hat sein leidendes Unterbewusstsein gegen die unerträgliche Pflicht aufbegehrt. Er entledigte sich der Spiegelbilder und zeigte uns, wer er wirklich ist: ein Mann, der den Erwartungen und Pflichten nur noch gerecht werden konnte, wenn er etwas vorspielte, was er nicht war.« Nach dieser Interpretation musste Karl-Theodor zu Guttenberg sein zu sehr fremdbestimmtes Ich und dessen Werk zuerst vernichten, um sich und sein Werk danach wieder aufbauen zu können. 2017 scheint er auf dem Weg zurück in die deutsche Politik – als außenpolitischer Berater der CSU. Die Frage wird sein, ob er die Ursachen seines Scheiterns in der Zeit seiner selbst auferlegten Abwesenheit erkannt und aufgearbeitet hat …

Begibt man sich auf die Reise tief hinein in das Familiengeflecht der Familie Schulz, merkt man auch dort schnell, dass es keine gewöhnliche deutsche Familie ist. Zum einen breiten sich die Verwandtschaftsverhältnisse weit über die deutschen Westgrenzen hinaus aus. Zum anderen stößt man auf eine Unzahl von Traumatisierungen der unterschiedlichsten Art: auf Kriegstote, auf Kriegsverbrechen, auf Unfallopfer, auf gebrochene Herzen, auf Stellvertreterfunktionen für Verstorbene, auf Überlebensängste, auf armutsbedingte Demütigungen, auf unerfüllte Sehnsüchte. Für viele dieser Schicksalsschläge seiner Vorfahren war – wie Karl-Theodor zu Guttenberg – auch Martin Schulz Projektionsfläche, Statthalter, Kompensator. Diese seelische Überlastung stellte ihn auf eine harte Probe. Sie hätte ihn komplett scheitern und sogar frühzeitig aus dem Leben scheiden lassen können. Sie hätte ihn zu einem unberechenbaren Politmonster machen können voller destruktiver Kräfte. Obwohl manche in Martin Schulz tatsächlich eine Gefahr sehen – das sind vor allem die Nationalisten –, sei an dieser frühen Stelle schon einmal Entwarnung gegeben, denn Schulz scheint sich den Schatten seiner Familienvergangenheit rechtzeitig gestellt zu haben. Er war nicht nur in Therapie, er war auch in den Archiven, er hat die Frontbewegungen seines Vaters nachvollzogen, er hat die Gräber der Toten besucht, er hat getrauert, er hat sie gehen lassen, er hat nach und nach sein wahres Ich freigelegt. Dazu war er aber nur in der Lage, weil ihm andere Menschen zur Seite standen, ausschließlich Menschen, die nicht für die übernommenen Belastungen verantwortlich waren und für ihn anstelle der emotional schwer belasteten Großeltern und Eltern eine Art Erlöserfunktion übernahmen – Geschwister, Lehrer, Ausbilder, Parteifreunde.

Erst nach dieser Häutung, die ihm im Alter von 25 Jahren in einer psychosomatischen Klinik gelang (zu Guttenberg war zum Zeitpunkt der Plagiatsaffäre bereits 40 und hat daher viel mehr zerbrochenes Porzellan hinterlassen), konnte Martin Schulz die konstruktive Energie erzeugen, die es brauchte, um eine – wie sich später zeigen wird – zwar nicht ganz blütenreine, aber im Großen und Ganzen bislang doch nachhaltige und krisenfeste politische Karriere aufzubauen. Eine Karriere, deren Triebkräfte und rote Linien nun im wahrsten Sinne des Wortes »selbstbewusst« sind, aber niemals gänzlich frei von Arbeitsaufträgen aus dem Familiensystem sein können.

Dass da immer noch etwas nachwirkt, merkt man allein schon in den direkten Gesprächen mit Martin Schulz. Während seine Geschwister Walter und Doris, die ebenfalls für dieses Buch Einblick ins Familiensystem gewährten, relativ sachlich von der Vergangenheit berichten, kommen dem SPD-Chef bei einigen Erinnerungen sogar die Tränen. Ganz besonders dann, wenn er von dem Leid erzählt, das seinen Eltern widerfahren ist. »Immer wenn der Häusler kommt, muss ich weinen«, wundert sich Martin Schulz gegenüber seinen Mitarbeitern, als wir nach einem der Gespräche im Willy-Brandt-Haus in Berlin mal wieder auseinandergehen. Da ruht also noch etwas, tief in seiner Seele, etwas, das ihn sicher nicht zu einem der vielen juristisch unverfänglich und diplomatisch abgewogen formulierenden Politikern macht. Angela Merkel merkt man vor allem ihr analytisches Denken als Naturwissenschaftlerin an, Martin Schulz die Tücken des echten Lebens und die Lehren daraus.

Mit dem Wissen um die formgebenden Kräfte – dazu gehören auch die der Heimat, der Schule, des Fußballs, des Berufs und der Partei – bekommt dieser Mann plötzlich klare Konturen. Seine changierende Persönlichkeit wird erklärbar. Der unverdrossene Kämpfer für ein friedliches Europa, der keine Kompromisse kennt, der von sich selbst überzeugte Machtmensch, der seine Anhänger auffordert, doch im Wahlkampf nicht nur Plakate hochzuhalten, sondern auch mal »Martin!« zu rufen, der liebenswerte Schrat, der reihenweise Pointen raushaut – das alles passt zusammen. Lernen Sie Schulz zu verstehen!

LEGENDE DER MITWIRKENDEN PERSONEN

Martin Josef Schulz, begabtes und schwieriges Kind, Europäer, Fußballer, Bürgermeister, Parlamentspräsident, SPD-Chef, Kanzlerkandidat

Klara Schulz (geb. Dahmen), seine Mutter, Hausfrau, CDU-MitgliedJakob (Albert) Schulz, sein Vater, Polizist und Musiker, SPD-Sympathisant

Martin Dahmen, sein Großvater mütterlicherseits, Patriarch, Dachdeckermeister, Namensgeber für Martin SchulzMaria Catharina Dahmen (geb. Bergrath), seine Großmutter mütterlicherseits, HausfrauJakob Schulz, sein Großvater väterlicherseits, Bergmann, DorfschamaneKarolina Schulz, seine Großmutter väterlicherseits, Hausfrau

Josef Dahmen, getöteter Bruder von Mutter Klara, Namensgeber für Martin SchulzFrenni Dahmen, herzkranker und früh verstorbener Bruder von Mutter KlaraJakob Schulz, getöteter Bruder von Vater Jakob Albert, Namensgeber für den Vater

Erwin Schulz, ältester Bruder von Martin Schulz, Polizist, Arzt, SPD-MitgliedWalter Schulz, zweitältester Bruder von Martin Schulz, 68er, SPD-Mitglied, PolitologeDoris Harst (geb. Schulz), älteste Schwester von Martin Schulz, 68erin, SPD-MitgliedBrigitte Prümper (geb. Schulz), zweitälteste Schwester von Martin Schulz, Lehrerin, Diplom-Pädagogin

Achim Großmann, Freund und Förderer, 68er, SPD-MitgliedPater Schmitz, Superior des Gymnasiums, FluchthelferTheo Goertz, Buchhändler, Ausbilder, WelterklärerJosef Houben, Schankwirt, 68er, AufklärerRainer Lenzen, Mitschüler, JusoGotthard Kirch, Mitspieler, GrünerJürgen Linden, Aachens Ex-OberbürgermeisterManfred Zitzen, Nachbarsjunge, KollegeWolfgang Peltzer, Juso, SPD-FraktionschefKarl-Heinz Marschner, Stadtdirektor, AnwaltBernd Thielen, Ex-Bürgermeister, SPD-AmtsvorgängerAlbert Sous, Bildhauer, Schulz-RivaleBerthold Strauch, Redaktionsleiter, neutraler BeobachterWilfried Kuckelkorn, EU-Parlamentskollege

Mit psychologischen Einschätzungen von:Prof. Dr. Hartmut Radebold, PsychoanalytikerDr. Wolfgang Krüger, PsychotherapeutManfred Hanglberger, Theologe und TherapeutGabriele Baring, systemische Familientherapeutin

I. DIE KRÄFTE DER HEIMAT

»Schicksalhaft vorbestimmt« – Würselen als Herzkammer Europas

Als Martin Schulz 1987 Bürgermeister von Würselen wird, daran erinnert sich zumindest sein Amtsvorgänger Bernd Thielen, pflegt er ganz plötzlich einen Tick, der manchen verwundert. Kommt in dem Satz, den der äußerst eloquente Juso sagen will, ein »sch« vor, spricht er das nicht »sch« aus, sondern »ch«. Menschen, die nicht aus der Region Aachen kommen, werden das ohne nähere Erklärung nicht verstehen. In dieser Ecke Deutschlands sieht der Dialekt kein »ch« vor. Man geht dort sonntags in die »Kirsche« und nicht in die »Kirche«. Diese Aussprache ist auch in Würselen völlig normal. Allerdings verhält es sich so, dass die Hautevolee der Region, vor allem natürlich in der Kaiserstadt Aachen, diesen Dialekt nicht spricht. In den oberen Etagen gehört höchstes Hochdeutsch zum guten Ton, und wer sagt »isch spresche« statt »ich spreche«, outet sich als jemand vom Land, als Buur, als Bauer. Zumindest in den Achtzigerjahren war das noch so. Deshalb mühten sich diejenigen, die zu den oberen Zehntausend gehören wollten, diesen »sch«-Makel zu vermeiden. Man schämte sich. Das führte sogar dazu, dass selbst in Wörtern, die von Natur aus ein »sch« beinhalten, ein »ch« gesprochen wurde. Der Tick automatisierte sich. »Und dann aß der Martin schon mal Fich bei Tich«, berichtet Bernd Thielen schmunzelnd. Im Rat der Stadt, wo zu nicht lange zurückliegenden Bergbauzeiten sogar Platt an der Tagesordnung war, wunderte man sich. »Wat is denn nu mit dem loss? Wat glaubt der denn?« Der Tick hält nicht lange. Martin Schulz kehrte relativ schnell wieder zum »Fisch« und zum »Tisch« zurück. Heute taucht das »ch« nur noch auf, wenn es »demokratich«, »parlamentarich« oder »europäich« werden soll, »manschmal« zumindest.

Die Episode zeigt, wie selbst einer wie Martin Schulz, dem Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit wie kaum einem anderen Politiker nachgesagt werden, zu Beginn seines politischen Aufstiegs Indizien der Herkunft zumindest kurzfristig infrage stellt, um den feinen Unterschied zu demonstrieren. Die Episode deutet aber noch auf etwas anderes hin, auf den ewigen Kampf zwischen großer Welt und kleinem Dorf.

Denn Würselen ist dazu verdammt, Vorort zu sein. Und weil Würselen nie aus seiner Identität als Vorposten Aachens herauskann, entwickeln seine Oberhäupter eine besondere Art von Energie, die sich in äußerst kreativen Machtstrategien manifestiert. Gleichzeitig liegt die 40000-Einwohner-Gemeinde, obwohl allein ihr Name nach allem anderen klingt als dem Nabel der Welt, im Dreiländereck Deutschland-Holland-Belgien und geriet so immer wieder mitten in den Fokus großer europäischer Geschichte. Aus diesen zwei Gründen war Würselen nie irgendein Provinznest. Aus diesen zwei Gründen ist Martin Schulz nie irgendein Provinzpolitiker gewesen.

»Diese Region«, so drückt es Frankreichs Präsident François Hollande 2015 bei der Verleihung des Karlspreises an Martin Schulz aus, »diese Region hieß vor 1200 Jahren Lotharingien und ging aus dem Vertrag von Verdun hervor. Diese Region ist es, die heute Deutschland, Belgien, die Niederlande und Frankreich miteinander verbindet. Diesen Landstrich kennen Sie gut, denn Sie sind dort geboren. Also war Ihre Zukunft fast schicksalhaft bestimmt.« Schicksalhaft bestimmt – Hollande könnte recht haben mit seiner Hypothese. Sollte die Erfahrung einer Region tatsächlich Teil der DNA ihrer Bewohner werden können, sollte es also so etwas wie eine verbindende Volksseele geben, wovon beispielsweise die Anthroposophie ausgeht, Martin Schulz wäre dafür sicher ein stichhaltiger Hinweis.

Er selber beschreibt das Lebensgefühl in dieser Ecke Deutschlands, kurz nachdem er die Karlspreis-Medaille entgegengenommen hat, so: »Als Bürger einer Grenzregion ist man so etwas wie ein Instinkteuropäer. Für uns alle, die wir nach dem Krieg in diesem deutsch-niederländisch-belgischen Dreiländereck aufgewachsen sind, in diesem europäischen Mikrokosmos, war die Erfahrung mit Grenzen prägend. Für uns alle war es eine alltägliche Erfahrung, in engen, durch hölzerne Schlagbäume markierten Grenzen zu leben. Grenzen, an denen sich lange Schlangen bildeten, wenn man am Wochenende zum Einkaufen oder zum Verwandtenbesuch rüberfuhr. Grenzen, die wegen eines Fußballspiels auch mal ganz geschlossen wurden. Wir haben alle erlebt, wie einengend Grenzen sind und wie befreiend es ist, sie zu öffnen. Kaum etwas verkörpert für mich so sehr die Errungenschaften der europäischen Einigung wie die offenen Grenzen.«

Kleiner Ort ganz groß – 1200 rebellische Jahre

Aber begeben wir uns kurz ins historische Gepäck der Würselener. Nachdem hier die Kelten und dann die Römer gelebt, die Merowinger und nach ihnen die Karolinger geherrscht hatten, steigt das Dörfchen, das damals noch Wormsalt heißt (nach: Salhof am Flüsschen Wurm) und im Jahr 870 erstmals urkundlich erwähnt wird, unter dem Einfluss Karls des Großen und seiner Nachkommen zum Königshof auf – genauer: zu einem von vielen Nebenhöfen des Herrschersitzes Aachen. Das klingt gewaltig, ist aber nicht mehr als eine Art Vorzeigebauernhof, der Produkte für die Obrigkeit herzustellen und zu liefern hat. Auf einer Anhöhe, ungefähr dort, wo das politische Leben des Martin Schulz beginnt, nämlich an der Theke der Gaststätte Houben direkt gegenüber von St. Sebastian, soll der erste Hof gestanden haben.

Die Rebellion des ländlichen Würselens gegenüber dem bourgeoisen Aachen ist in seinen Grundfesten angelegt. Mit einer eigenen Hofkirche muss der Regent seinen Nebenhöfen in kirchlicher Hinsicht eine gewisse Selbstständigkeit zugestehen, will er doch, dass die Vorschriften seiner Landgüterverordnung weiterhin greifen. Die besagen nämlich, dass sich sowohl seine Statthalter als auch die leibeigenen Handwerker und Bauern – womöglich unter dem Deckmantel kirchlicher Pflichten – nicht anderswo herumtreiben, sondern bitte schön in unmittelbarer Nähe ihres Arbeitsplatzes ihrer Frömmigkeit nachgehen sollen. Unter Kaiser Barbarossa endet zwar 1166 die Leibeigenschaft, und die alten karolingischen Königshöfe expandieren und nennen sich stolz »Reichsdörfer«, die Abhängigkeit zu Aachen bleibt jedoch bestehen. Im 14. Jahrhundert heißt Wormsalt nun Wursulden. Um keinen Zweifel zu lassen, lässt Kaiser Ludwig IV. (Ludwig der Bayer) 1336 in einer Urkunde wissen, dass alle Dörfer innerhalb der Bannmeile mit Aachen vereinigt bleiben. Sollte etwas anderes in irgendeiner anderen Urkunde stehen, sei das um des lieben Friedens willen hinfällig. Die im sogenannten Aachener Reich liegenden Dörfer werden in fünf, später sechs Quartiere eingeteilt; eines davon ist das heutige Würselen.

Dessen Bevölkerung steht fortan unter der Ägide des Aachener Rates. Zwar haben die Reichsbauern die gleichen Rechte wie die Reichsstädter und müssen damit die gleichen Unsummen an zum Teil schikanösen Steuern zahlen, der einzige Haken: Für Regierungsämter dürfen sie nicht kandidieren. Klar, dass das nicht jeder gut findet. Weiteres Übel: Der Hunne, so nennt man den Posten der Amtsvorgänger der späteren Bürgermeister, kann nicht von der Dorfbevölkerung gewählt werden, sondern wird von Aachen aus bestimmt. Aber wozu gibt es die Sendgerichte der katholischen Kirche! Die dem Ortspfarrer unterstellten Sendschöffen werden direkt und für sieben Jahre von der Würselener Bevölkerung bestimmt. Immer stärker greift dieses Gremium in die Gemeindeverwaltung ein. Mit einer impulsiven, selbstbewussten, manchmal über die eigenen Befugnisse hinausgehenden Politik, wie man sie später auch Martin Schulz nachsagen wird. Die Weisungsgewalt droht den Aachener Bossen nach und nach zu entgleiten und auf die von den Bürgern gewählten Schöffen Würselens überzugehen. Juristische Streitigkeiten sind die Folge. 1527 wird sogar ein Aachener Ratsdiener erschlagen, und als 1664 Aachener Stadtsoldaten einen Würselener aus einer Prozession herausziehen wollen, werden sie von den frommen Christen kurzerhand verdroschen und mit zerfetzten Uniformen heimgeschickt.

Im 17. Jahrhundert haben sich die Sendgerichte zum eigentlichen kommunalen Verwaltungsorgan aufgeschwungen. Alle Instanzen spuren, selbst die fernbestellten Bürgermeister. Irgendwann reicht es den Aachenern, 1758 lösen sie die Sendgerichte auf, wobei Würselen widersteht. Auf Strafe verbietet der Ortsvorsteher von Gottes Gnaden, dem Geheiß zu folgen. Nicht zuletzt durch das Eingreifen der Kölner Kurie – Würselen gehört zur Diözese Köln – bleibt es bei der Selbstverwaltung Würselens.

Trotz alledem, das Aachener Reich hält, fast 500 Jahre, behütet durch zahlreiche Kaiser und Könige. Eine bewachte Wall-und-Graben-Anlage soll das von unzähligen Territorien umringte Gebiet vor bösen Absichten schützen. Würselen, das in der gefährdetsten Nordostecke des Reiches liegt, wird über die Jahrhunderte etliche Male überfallen und niedergebrannt. Zuflucht finden die Einwohner ein ums andere Mal in den tiefen Wäldern ihrer Heimat – um nachher ihre Stadt wiederaufzubauen. Erst die Französische Revolution führt zum Ende des Aachener Reichs und der Kleinstaaterei. Die Ecke wird 1792 zum Département de la Roer, Würselen liegt im Arrondissement Aachen. Im Jahr 1800 entsteht durch zahlreiche Eingemeindungen Groß-Würselen, das jedoch auf einen einzigen Bürgermeister hört. Erster in dieser langen Reihe ist der 28-jährige Zimmermann Peter Leuchter, der sich acht Jahre im Amt hält. 179 Jahre später wird der 31-jährige Buchhändler Martin Schulz als Nordrhein-Westfalens jüngster Bürgermeister umjubelt. Leuchter ist da längst vergessen.

Napoleon wird geschlagen, Würselen wird preußisch und liegt fortan im Regierungsbezirk Aachen. 1845 erhält es mit der Rheinischen Gemeindeverordnung 18 Gemeindeverordnete. Und wieder fängt Aachens Demütigungspolitik an. Der vom Gemeinderat gewählte Bürgermeister wird von den Kaiserstädtern nicht bestätigt, stattdessen ernennt man den Bürgermeister der kleineren Nachbargemeinde Haaren auch zum Bürgermeister Würselens. Über 50 Jahre gibt es diese unschöne Personalunion. Ein kleines, in der Ortsmitte angekauftes Haus beherbergt in dieser Zeit das Gemeindebüro, einen Ratssaal, einen Verwaltungsraum, zwei Zellen und die Wohnungen für den Wärter und einen Polizisten. Verwaltung und örtliche Polizei arbeiten unter einem Dach – wenn das mal kein Omen ist: Stammt doch der spätere Bürgermeister Schulz aus einem Polizistenhaushalt. 1903 kann sich Würselen aus der Fremdbestimmung lösen und bekommt endlich einen eigenen Bürgermeister.

Da hat sich Würselens ländliches Gesicht am nordwärts plätschernden Flüsschen Wurm längst stark verändert. Die reichen Kohle- und Erzvorkommen in unmittelbarer Nähe, deren Abbau schon im Mittelalter begann, haben während der industriellen Revolution aus der Gemeinde einen florierenden Industriestandort gemacht. Werden die bis an die Erdoberfläche heraustretenden Kohleflöze erst über Tage abgebaut, sorgt der Zusammenschluss mehrerer Unternehmen dafür, dass auch unter Tage ausgebeutet werden kann. Die Gruben Gouley, Teut und die Königsgrube lassen über Jahrhunderte massenhaft Bergarbeiter nach Würselen strömen. Im gesamten Aachener Steinkohlenrevier, das sich hoch bis nach Heinsberg zieht, arbeiten Zehntausende in über 30 Gruben. Das hat Auswirkungen auf die Kommunalpolitik. Der Würselener Stadtrat ist zu Nachkriegszeiten zu vier Fünftel mit Bergleuten besetzt – parteiübergreifend. Und obwohl die letzte auf Würselener Stadtgebiet aktive Zeche Gouley bereits 1969 schließt, wird Martin Schulz später noch einigen ehemaligen Bergleuten im Stadtrat begegnen – für den jungen Kommunalpolitiker sind das die härtesten Brocken. Noch weit bis in die Achtzigerjahre sind die geschundenen Bergleute in ihren Vierteln im Westen Würselens zu hören – hustend in den Fenstern hängend, ihre kranken Lungen ventilierend.

370 Jahre lang Seele Würselens: Die Grube Gouley macht 1969 dicht.