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Verstopfung - ein oft unterschätztes Problem
Die funktionelle Obstipation, also die Verstopfung ohne organische Ursache, ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Wird sie nicht rasch erkannt und richtig behandelt, leiden betroffene Kinder oft Monate bis Jahre unter starken Schmerzen und entwickeln Angst vor dem Stuhlabsatz. Oft kommt eine Stuhlinkontinenz (Enkopresis) dazu, bei der die Kinder den Stuhl unkontrolliert in die Unterhose absetzen.
Yvonne Schroffenegger, Gründerin der Patientenorganisation Knopf im Bauch e.V., weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend die Situation für die gesamte Familie ist. Zusammen mit Dr. Wilfried Krois, dem Experten für chronische Obstipation, klärt sie über Hintergründe und sinnvolle Behandlungsmethoden auf. Zusätzlich gibt sie praktische Tipps für den Alltag und ersetzt Mythen durch Fakten.
Die Verstopfung in den Griff bekommen – damit dein Kind wieder lachen kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2023
Mag. Yvonne Schroffenegger, PD Dr. Wilfried Krois
1. Auflage 2023
50 Abbildungen
Liebe Leserin, lieber Leser,wenn es um die eigene Gesundheit geht, darf man nichts dem Zufall überlassen. »Für eine bessere Medizin und mehr Gesundheit im Leben«: So lautet das Qualitätsversprechen der Marke Thieme. Ärztlich Tätige, Pflegekräfte, Physiotherapeuten oder Hebammen – sie alle verlassen sich darauf, dass sie von Thieme, dem führenden Anbieter von medizinischen Fachinformationen und Services, die entscheidenden Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort bekommen. So können sie die Menschen, die sich ihnen anvertrauen, bestmöglich unterstützen. Auch Sie können sich auf die TRIAS Ratgeber mit dem Thieme Qualitätssiegel verlassen! Diese Informationsangebote helfen Ihnen dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn es um Ihre Gesundheit geht, selbst daran mitzuwirken, gesund zu werden, sich gesund zu erhalten oder das Fortschreiten einer Erkrankung zu vermeiden. Mit einem TRIAS Titel aus dem Hause Thieme überlassen Sie Ihre Gesundheit nicht dem Zufall!Ihr TRIAS Team
Sauber und trocken zu werden ist ein sehr wichtiger und komplexer Entwicklungsschritt von Kleinkindern. Und dementsprechend störungsanfällig ist dieser Lernprozess. Zu den häufigsten Problemen gehören hierbei die Verstopfung und die daraus resultierende Stuhlinkontinenz. Diese Störungen führen zu einer massiven Beeinträchtigung der Lebensqualität, des Selbstwertgefühls und werden von den Betroffenen und deren Familien als sehr belastend empfunden.
Dieser hohen Beeinträchtigung steht die Tendenz der Fachkreise (insbesondere Ärzt*innen) gegenüber, die Verstopfung als harmlose Befindlichkeitsstörung einzuordnen, die durch Lebensstiländerungen (Ernährung, Trinken, Bewegung) einfach zu verbessern wäre. Das ist jedoch falsch. Eine verzögerte und inkonsequente Behandlung trägt zur Chronifizierung bei und führt zur Entstehung einer funktionellen Obstipation, eine der häufigsten Erkrankungen im Kindesalter.
Das muss nicht so sein, denn mit wenigen diagnostischen Schritten lassen sich mögliche organische Ursachen abklären, wobei auf unnötige, belastende Maßnahmen verzichtet werden soll. Zur Behandlung stehen effektive medikamentöse Therapien zur Verfügung, die immer von Information, Aufklärung und Schulung begleitet werden sollten.
Ich bin sehr froh darüber, dass das vorliegende Buch einen Beitrag zur Information von Familien und Therapeuten leistet, laienverständlich mit Mythen und falschen Vorstellungen aufräumt und konkrete Hilfestellungen zum Umgang mit Stuhlabsatzproblemen vermittelt. Es stellt die häufigsten Ursachen und Differentialdiagnosen zusammen und erläutert die assoziierten Erkrankungen des Harntrakts und der Psyche. Darüber hinaus stellt es die wichtigsten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen dar und klärt praktische Alltagsfragen betroffener Familien.
Frau Schroffenegger hat mit viel persönlichem Einsatz und Engagement die deutschsprachige Selbsthilfeorganisation Knopf im Bauch e. V. aufgebaut und aktiv an der AWMF-Leitlinie zur Obstipation und Stuhlinkontinenz mitgewirkt. Aus kinderärztlicher Sicht wünsche ich diesem Werk eine weite Verbreitung – zum Wohle betroffener Kinder und Jugendlicher.
Dr. Martin Claßen, Bremen, Frühjahr 2023
wenn wir über chronische Verstopfung bei Kindern sprechen, sprechen wir über ein Krankheitsbild mit einem sehr hohen Leidensdruck. Ein Krankheitsbild, das den Alltag betroffener Familien oft massiv einschränkt, belastet und zu großen Konflikten zwischen Eltern und Kindern führen kann. Ein Thema, bei dem falsche Informationen, Mythen und veraltete Therapieansätze vorherrschen und wo großer Erklärungsbedarf besteht.
Auf der einen Seite sehen wir tagtäglich Eltern, die sich von Ärzten nicht ernst genommen und allein gelassen fühlen. Die oft Jahre dafür kämpfen, eine adäquate Therapie für ihre Kinder zu bekommen. Jahre, in denen ihre Kinder Schmerzen leiden, in denen sie gemobbt werden, in denen die Eltern als überbesorgt abgestempelt werden und sich vom Umfeld und von der Familie unverstanden und unter Druck gesetzt fühlen. Eltern, die oft nicht verstehen, warum ihre Kinder keinen Stuhl absetzen, wie der Körper ihrer Kinder funktioniert, wo ihre Probleme herkommen, wie sie zusammenhängen und wie wichtig die einzelnen Bausteine der Therapie sind. Ihnen fehlen einfache, aber wichtige Erklärungen. Menschen, die sich die Zeit nehmen, ihnen zu erklären, wie eine adäquate Therapie ihrer Kinder aussehen sollte und was sie selbst tun können.
Auf der anderen Seite sehen wir medizinisches Fachpersonal, das veraltete Therapieansätze verfolgt, mit dem Krankheitsbild und dessen Handling oft vor großen Herausforderungen steht und dem das Gesundheitssystem nicht genügend Zeit für die hier so wichtigen Gespräche mit Eltern gibt. Trotz aller Bemühungen liegt die Therapieadhärenz der Eltern laut aktueller Studien bei ernüchternden 37 %.
Mit diesem Buch möchten wir Eltern – aber auch gerne interessiertem Fachpersonal – mehr Wissen an die Hand geben, um die Thematik der chronischen Verstopfung bei Kindern besser zu verstehen. Zu verstehen, was in betroffenen Kindern und deren Familien passiert, welche Diagnostik notwendig ist – oder auch nicht – und welche Therapieoptionen es gibt. Wir möchten aber vor allem eines: dich als Elternteil eines betroffenen Kindes ein wenig beruhigen, dir Angst nehmen, Mut geben und dir sagen, dass du nicht allein bist.
Titelei
Geleitwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
Die chronische Verstopfung
Die Anatomie und die Physiologie
Der Darm
Der gastrokolische Reflex
Die Blase
Der Beckenboden
Die Öffnungen
Das Kontinenzorgan
Linea dentata
Der Lifestyle
Die Ernährung
Die Sache mit den Ballaststoffen
Die Trinkmenge
Die Bewegung
Was ist normal – was nicht?
Die Stuhlfrequenz bzw. -konsistenz
Die Stuhlfarbe
Die Sauberkeitsentwicklung
Wann spricht man von Verstopfung?
Die chronische Verstopfung
Wann spricht man von Stuhlinkontinenz?
Wann spricht man von Therapieresistenz?
Was ist das Toilettenverweigerungssyndrom?
Die Therapie des Toilettenverweigerungssyndroms
Welche Ursachen für Verstopfung gibt es?
Die funktionelle Obstipation mit und ohne Stuhlinkontinenz (retentive Stuhlinkontinenz)
Verwächst sich das wieder?
Woran erkenne ich, dass mein Kind betroffen ist?
Die Sache mit den Bauchschmerzen
Wenn es keine Ursache gibt, warum ist mein Kind dann krank?
Der Teufelskreis
Was sind Rückhaltemanöver?
Körperliche Begleiterkrankungen
Psychische Begleiterkrankungen
Wie geht es den Familien damit?
Die Stuhlinkontinenz ohne Verstopfung (nicht-retentive Stuhlinkontinenz)
Die Kuhmilchproteinallergie
Die Zöliakie
Wie wird eine Zöliakie diagnostiziert?
Die Beckenbodendyssynergie
Der Morbus Hirschsprung
Die anorektale Malformation
Die Motilitätsstörungen (Slow-Transit-Constipation)
Das Sigma elongatum
Der Weg zur Diagnose
Die Standard-Diagnostik
Die Anamnese
Die körperliche Untersuchung
Inspektion, Palpation und Perkussion
Die digital-rektale Untersuchung
Die Ultraschalluntersuchung (Sonografie)
Wie läuft diese Untersuchung ab?
Was sieht der Arzt per Ultraschall?
Die weiterführenden Untersuchungen
Die Diagnostik psychischer Störungen
Die Blutuntersuchung
Laborergebnisse vergleichen
Die Stuhluntersuchung
Die Stuhlanalyse/Darmanalyse
Die Harnuntersuchung
Der Harnstatus
Die bakteriologische Untersuchung
Die diagnostische Eliminationsdiät mit anschließendem Provokationstest
Der orale Provokationstest
Das Abdomen-Übersichts-Röntgen
Das Kolon-Kontrast-Röntgen (Irrigoskopie)
Die Biopsie der Rektumschleimhaut
Die Biopsie der Dünndarmschleimhaut
Die Anal- bzw. Rektum-Manometrie
Die Kolon-Transitzeit-Bestimmung
Die Kolon-Manometrie
Die Magnetresonanztomographie
Die Therapiemöglichkeiten
Die Therapie der funktionellen Obstipation
Die Standard-Therapie
Diätetische Maßnahmen und Lebensstiländerungen
Aufklärung und Demystifizierung
Die medikamentöse Therapie
Das Toilettentraining
Die Dokumentation
Die weiteren konservativen Therapieoptionen
Die Zäpfchen und die Einläufe
Die stimulativen Laxanzien
Die Physiotherapie
Das Biofeedback
Die transkutane Tibialis-Nervenstimulation (TTNS)
Die Kontinenzschulung
Die rektale Spülung (Irrigation)
Die soziale Kontinenz
Die chirurgischen Therapieoptionen
Die Botox-Injektion
Das Spülstoma
Der künstliche Darmausgang
Darmresektionen
Die unwirksamen Therapieoptionen
Die Therapie der weiteren Erkrankungen
Die Therapie der Stuhlinkontinenz ohne Verstopfung
Die Aufklärung und die Demystifizierung
Das Toilettentraining
Die Dokumentation
Die Therapie der Kuhmilchproteinallergie
Die Neubewertung der Situation
Die Therapie der Zöliakie
Die Therapie der Beckenbodendyssynergie
Die Therapie des Morbus Hirschsprung
Die Therapie der anorektalen Malformation
Die Therapie der Motilitätsstörungen
Die Therapie des Sigma elongatum
Die Wirkstoffe und ihre Mechanismen
Macrogol
Lactulose
Milchzucker
Kümmel-Zäpfchen
Glyzerin
CO2-Zäpfchen
Sorbitol
Natriumzitrat
Natriumphosphat
Natrium-Picosulfat
Bisacodyl
Senna
Die löslichen Ballaststoffe
Die Dosierungsschemata
Tipps und Tricks zur Selbsthilfe
Was kann ich selbst tun?
Die Hilfe für mein Kind
Der Perspektivwechsel
Das »Klappe halten«
Der Umgang mit meinen Emotionen
Die Medikamenteneinnahme stressfrei gestalten
Der achtsame Umgang mit Ausscheidungen
Die nonverbale Kommunikation
Das Stopp-Sagen
Das Sauberwerden – so kann es gehen
Der Arztbesuch – so bereitest du dein Kind vor
Die Hilfe für mich selbst
Die Selbstfürsorge – du kannst nur geben, was du hast
Der Austausch mit Gleichgesinnten – du bist nicht allein
Die Vorwürfe – so kannst du damit umgehen
Die Mythen und die Fakten
Service
Die Checklisten
Die Checkliste für den Arztbesuch
Die Checkliste für den Arzt
Quellenangaben
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
© Martin Jordan Fotografie |
Die chronische Verstopfung ist immer noch eine vernachlässigte Erkrankung. Alles, was du darüber wissen solltest, erfährst du in den folgenden Kapiteln.
Um das komplexe Thema der Verstopfung bei Kindern besser verstehen zu können, müssen wir uns erst mit ein paar Grundlagen beschäftigen.
Wenn wir wissen und verstehen, wie der Körper unserer Kinder aufgebaut ist, wie er funktioniert und was physiologisch – also »normal« – ist, können wir automatisch besser beurteilen, ob etwas schiefläuft.
Der Darm wird grob in zwei Teile eingeteilt: den Dünn- und den Dickdarm. Hierbei ist der Dünndarm in erster Linie für die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Nahrungsbrei verantwortlich und der Dickdarm für die Aufnahme von Flüssigkeit. Diese beiden sind wiederum in verschiedene Abschnitte unterteilt, was uns hier aber nicht weiter beschäftigen soll. Lediglich das Wort Kolon (Dickdarm) und die letzten Teile des Dickdarms werden uns noch einmal begegnen: das Sigmoid (der S-förmige Teil des Dickdarms) und das Rektum (Enddarm) ▶ (siehe Abb.).
Anatomie des Darms
Nach dem Essen wird der gekaute Speisebrei im Magen gesammelt, vorverdaut, gut durchmischt und im Anschluss in den Dünndarm transportiert. Im Dünndarm angekommen, wird er in einzelne Spaltprodukte zerlegt und durch die Peristaltik – die Eigenbewegungen des Darms – immer weiter Richtung Dickdarm transportiert. Währenddessen werden die entstehenden Spaltprodukte, Wasser, Elektrolyte (Salze) und Vitamine über die Darmschleimhaut resorbiert und ins Blut aufgenommen. Unser Körper holt sich hier also den Großteil seiner Nährstoffe aus dem Nahrungsbrei, um sie dann unseren Zellen zur Verfügung zu stellen.
Im Dickdarm angekommen, wird dem bisher noch recht flüssigen Nahrungsbrei in erster Linie Flüssigkeit entzogen. Dieser dickt dadurch ein, bekommt seine typische Konsistenz und es entsteht der Stuhl, wie wir ihn kennen. Dieser wird auch hier immer weitertransportiert, bis der fertige Stuhl schließlich im Rektum ankommt. Wenn sich der obere Teil des Rektums füllt und somit gedehnt wird, sorgen die dort vorhandenen Dehnungsrezeptoren dafür, dass sich der innere Schließmuskel entspannt, der äußere anspannt und gleichzeitig Stuhldrang ausgelöst wird. Wenn wir dann z. B. eine Toilette aufsuchen, um diesem Stuhldrang nachzugeben, verkürzt sich das Rektum, die Muskeln des Beckenbodens und der äußere Schließmuskel entspannen sich und die Muskulatur des Dickdarms treibt den Stuhl ins Freie.
Wenn dieser Stuhldrang jedoch zu einem Zeitpunkt kommt, zu dem wir keinen Stuhl absetzen können oder wollen, halten wir zurück und er verschwindet nach einer gewissen Zeit wieder. Dadurch bleibt der Stuhl länger als eigentlich notwendig bzw. geplant im Dickdarm. Der Dickdarm geht währenddessen weiterhin seiner Arbeit nach und entzieht dem Stuhl so lange Flüssigkeit, bis er schließlich irgendwann ausgeschieden wird. Das bedeutet also: Je länger der Stuhl im Dickdarm verweilt, desto mehr Flüssigkeit wird ihm entzogen und desto trockener und härter wird er.
Die harten Fakten
Unser Dickdarm ist nicht lebensnotwendig. Sollte es, wie z. B. bei der sehr seltenen Krankheit Morbus Hirschsprung, medizinisch indiziert sein, können große Teile davon – oder sogar alles – entfernt werden.
»Gastrokolischer Reflex« ist ein Fachbegriff aus der Medizin, der die Reaktion des Dickdarms auf eine Reizung des Magens oder anderer Teile des oberen Verdauungstrakts bezeichnet. Er läuft bei jeder Nahrungsaufnahme unbewusst ab und ist am Morgen besonders ausgeprägt. Während des Essens werden im Mund, der Speiseröhre und dem Magen Dehnungsrezeptoren aktiviert. Diese Rezeptoren geben bestimmte Informationen an den Dickdarm weiter, die dazu führen, dass dort starke Kontraktionen ausgelöst werden. Dadurch wird der Inhalt des Dickdarms in den Enddarm geschoben. Das wiederum führt dazu, dass dieser gedehnt und Stuhldrang ausgelöst wird. Spezielle Messungen haben ergeben, dass der gastrokolische Reflex etwa 15 min nach der Nahrungsaufnahme einsetzt. Obwohl er für eine geregelte Darmentleerung wichtig ist, ist der genaue Mechanismus bisher noch nicht vollständig erforscht.
Unsere Blase sammelt den Harn, der von unseren Nieren produziert wird. Das macht sie so lange, bis sie voll ist und nichts mehr fassen kann. Mit verschiedenen Dringlichkeitsstufen meldet sie immer wieder ans Gehirn: »Ich bin (so und so) voll – such dir bitte eine Toilette«. Wir können dann selbst entscheiden, wie dringend wir diese Anweisung einordnen – ob wir gleich reagieren oder ob wir noch warten. Das für unser Thema Wichtige aber ist: Darm und Blase liegen ziemlich nah beisammen. Sie sind sozusagen Nachbarn. Wenn der eine ein Problem hat, beeinträchtigt das oft auch den anderen ▶ (siehe Abb.).
Anatomie von Blase und Darm bei Jungen (links) und Mädchen (rechts)
Das bemerken auch wir Eltern. Denn viele Kinder, die unter Verstopfung leiden, haben zusätzlich Probleme mit der Blase – sie verlieren z. B. unkontrolliert Harn oder haben immer wiederkehrende Blasenentzündungen. Die Ausscheidungsstörungen von Darm und Blase kommen sogar so häufig gemeinsam vor, dass sich unter Mediziner*innen der Begriff »bladder and bowel-dysfunction« etabliert hat ▶ [1], ▶ [2], ▶ [3], ▶ [4], ▶ [5].
Der Beckenboden spielt sowohl für die Ausscheidung als auch für unsere Kontinenz eine entscheidende Rolle. Denn einerseits beherbergt er die dafür notwendigen Öffnungen und das sogenannte Kontinenzorgan, andererseits muss er sich entspannen, um den Ausscheidungsvorgang überhaupt erst möglich zu machen.
Grundvoraussetzung dafür, dass Kinder Harn und Stuhl ausscheiden können, sind die entsprechenden Öffnungen von Darm und Harnröhre nach außen – optimalerweise an den dafür vorgesehenen Stellen. Mädchen haben von Geburt an drei Öffnungen im Beckenboden: eine Öffnung für den Austritt des Darms – den sogenannten Anus –, der vom äußeren Schließmuskel umringt wird. Zwischen den inneren Schamlippen finden sich die zwei weiteren Öffnungen: die Ausgänge der Vagina und der Harnröhre. Bei den Jungen entspricht die Öffnung für den Darm der bei Mädchen, die Öffnung für den Austritt der Harnröhre befindet sich an der Penisspitze. Die Samenflüssigkeit wird ebenfalls durch die Harnröhre abgegeben und benötigt somit keine weitere Öffnung (siehe Abb. rechts).
Die Ausgänge bei Mädchen und Jungen
Ganz am Ende unseres Darms, kurz vor dessen Ausgang, befindet sich ein Komplex aus Muskeln, Nerven und Blutgefäßen, deren ausgeklügeltes Zusammenspiel eine große Rolle für unsere Kontinenz spielt: das sogenannte Kontinenzorgan – auch Schließapparat genannt. Dieses sorgt dafür, dass wir stuhlkontinent sind. Erkrankungen, Fehlbildungen oder Verletzungen des Kontinenzorgans können zur Stuhlinkontinenz führen. Das betroffene Kind ist dann nicht mehr in der Lage, seinen Stuhlabgang oder Winde zuverlässig zu kontrollieren ▶ (siehe Abb.).
Das Kontinenzorgan
Eine besondere Rolle für den Stuhlabsatz spielt hier der sogenannte Musculus puborectalis, der Teil unserer Beckenbodenmuskulatur und auch Teil des Kontinenzorgans ist. Er bildet eine Schlinge um den Enddarm und sorgt so dafür, dass das Rektum einen leichten Knick macht, wenn wir stehen. Das ist im Sinne der Kontinenz durchaus sinnvoll, da er dadurch den Stuhlabsatz behindert. Zumindest dann, wenn wir uns nicht in der dafür geeigneten Position befinden. Wenn wir uns jedoch in eine Position begeben, in der die Knie höher sind als das Becken, wird diese Schlinge locker, der Darm gerade und der Stuhlabsatz kann leichter und vollständig erfolgen. Aus diesem Grund werden wir den M. puborectalis beim Toilettentraining wieder treffen ▶ (siehe Abb.).
Der Zusammenhang zwischen Toiletten-Sitzposition und M. puborectalis
Die Linea dentata ist eine mit freiem Auge erkennbare Grenzlinie im Rektum. Oberhalb der Linea dentata befindet sich die Rektumschleimhaut, unterhalb die Analhaut. Die Rektumschleimhaut ist dabei weitestgehend schmerzunempfindlich, die Analhaut hingegen hochempfindlich. Damit können wir z. B. zwischen festem und flüssigem Stuhl bzw. Darmgasen unterscheiden ▶ [6]. Zudem spielt die Linea dentata eine wichtige Rolle für die Stuhlkontinenz unserer Kinder. Sie darf bei einer Operation nicht verletzt werden.
Was versteht man unter gesunder Ernährung und ausreichender Bewegung? Wie viele Ballaststoffe braucht mein Kind und wie viel soll es täglich trinken?
Was bei all diesen Punkten als »normal« anzusehen ist, hängt sehr stark vom Alter deines Kindes ab. Aber schauen wir uns das Ganze einmal genauer an:
Die WHO empfiehlt, 6 Monate voll zu stillen und dann mit der Beikost zu beginnen ▶ [7]. Falls du nicht stillen kannst oder möchtest, solltest du deinem Baby alternativ dazu einen geeigneten Muttermilchersatz anbieten. Als Muttermilchersatz gelten alle Formula-Nahrungen mit den Bezeichnungen Pre, 0 und 1. Der Zeitpunkt der Beikosteinführung richtet sich jedoch nicht in erster Linie nach dem Alter deines Kindes, sondern danach, wann es alle Beikostreifezeichen erfüllt. In der Regel erreichen Babys diese Beikostreife um den 6. Lebensmonat herum, manche ein paar Wochen früher, andere ein paar Wochen später. Es ist sehr wichtig, dass du die Beikostreife abwartest, denn erst dann ist der Körper deines Kindes bereit, langsam mit fester Nahrung zu beginnen. Sollte dein Baby schon vor dem Erreichen aller Reifezeichen mit der Beikost starten, ist sein Darm höchstwahrscheinlich noch überfordert und reagiert eventuell mit Verstopfung. Falls dein Baby jedoch auch Wochen nach dem 6. Monat noch kein Interesse an Beikost zeigt oder jedes Essen aus dem Mund schiebt, solltest du es einer Kinderärztin oder einem Kinderarzt vorstellen. Ein Eisenmangel z. B. kommt häufiger vor und macht appetitlos. Nicht entdeckte orale Restriktionen wie z. B. Zungen- oder Wangenbänder können dein Baby am Essen hindern.
Wenn dein Kind alle Reifezeichen erfüllt, beginnt für euch ein neuer, spannender Lebensabschnitt. Dein Baby ist bereit, eine Fülle von neuen Lebensmitteln kennenzulernen. Bis etwa zum 9. oder 10. Lebensmonat ist Beikost dabei hauptsächlich ein Angebot an dein Kind, diese Lebensmittel zu erkunden und auszuprobieren. Wie viel Essen dabei tatsächlich in seinem Magen landet, ist erst mal unwichtig, denn sein Körper braucht Zeit, sich an die neue Form der Ernährung zu gewöhnen. Das klappt am besten, wenn du ihm immer nur kleine Portionen anbietest und nicht versuchst, Milchmahlzeiten zu ersetzen. Mehr als eine Portion pro Mahlzeit – die in eine Babyhand passt – ist dabei für die meisten Babys noch zu viel. Zusätzlich solltest du deinem Kind auch in der Zeit der Beikosteinführung vor und nach jeder Mahlzeit Muttermilch oder einen Muttermilchersatz anbieten. So hat das noch unreife System deines Babys die besten Chancen, die neuen Nahrungsmittel gut zu vertragen ▶ [8]. Falls du nicht stillen kannst oder möchtest, kannst du deinem Baby auch im 2. Lebenshalbjahr weiterhin nach Bedarf einen Muttermilchersatz anbieten.
Etwa ab dem 10. Lebensmonat fangen die meisten Babys ganz von selbst an, mehr zu essen. Wichtig ist, dass du deinem Kind von Anfang an eine ausgewogene Mischkost anbietest. Womit du dabei anfängst, ist in der Tat ziemlich egal und oft von rein kulturellen Hintergründen geprägt. So starten Eltern im deutschsprachigen Raum primär mit Karotte – die übrigens bei vielen Kindern stopfende Wirkung hat. Italienische Eltern beginnen gerne mit Gemüsesuppe mit Fleisch und Parmesan, die mit Reismehl angedickt wird. In Schweden gibt es zu Beginn Kartoffelbrei, der durch Pastinake, Blumenkohl, grüne Bohnen oder anderes Gemüse ergänzt wird. In Thailand startet man traditionell mit einer Gemüsebrühe oder mit Reis. Ergänzt durch gematschte Banane, Pastinake oder Mango ▶ [9]. Du siehst also: Vieles ist möglich. Tatsächlich gibt es nur wenige Lebensmittel, die Babys nicht ab dem Beikoststart essen dürfen. Bei Kuhmilch und Kuhmilchprodukten ist dabei jedoch Vorsicht geboten. Aufgrund ihres hohen Proteingehaltes gibt es hier bestimmte Obergrenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Ausführliche Informationen dazu findest du in Beikost-Büchern und auf einschlägigen Beikost-Seiten im Internet.
Zudem empfiehlt die WHO, zwei Jahre und darüber hinaus weiter zu stillen. Nämlich genau so lange, wie sich Mama und Kind dabei wohlfühlen. Diese Empfehlung basiert unter anderem auf der Tatsache, dass gestillte Kinder auch im 2. Lebensjahr noch viele Nährstoffe aus der Muttermilch beziehen. So decken sie z. B. ihren Eisenbedarf zu 55 %, ihren Bedarf an Vitamin A und C sogar zu über 90 % über die Muttermilch. Zudem steigt deren Gehalt an wichtigen Antikörpern im Verlauf des 2. Lebensjahres des Stillkindes wieder an und schützt dieses somit langfristig vor Krankheiten. Muttermilch ist also nach 6 Monaten nicht, wie oft gedacht, plötzlich »wertlos« für dein Kind, sondern auch bis weit ins 2. Lebensjahr sehr wichtig. Wenn dein Kind nicht gestillt wird, sondern einen Muttermilchersatz bekommt, kannst du diesen ebenfalls bis zum Ende der Milchzeit – mit etwa 2 Jahren – anbieten. Ein Umstieg auf eine Folgemilch – also eine 2er- und 3er-Milch – ist in der gesamten Milchzeit weder nötig noch sinnvoll. Egal, ob du stillst oder nicht: Wichtig ist jedenfalls, dass dein Kind auch im 2. Lebensjahr noch Muttermilch oder einen Muttermilchersatz als wichtigen Baustein einer ausgewogenen Ernährung bekommt. Kuhmilchmengen von mehr als 250 ml pro Tag sollten bei Kindern jenseits des Säuglingsalters jedoch vermieden werden, da sie eine Verstopfung begünstigen können ▶ [10].
Auch nach dem Abschluss der Beikosteinführung begleitet uns die ausgewogene, bunte Mischkost. Mit einer altersentsprechenden, gesunden und abwechslungsreichen Ernährung kann der Energie- und Nährstoffbedarf vom Kleinkindalter an abgedeckt werden. Diese sollte aus Obst, Gemüse, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, Milchprodukten, magerem Fleisch, Geflügel und Fisch bestehen ▶ [11]. Wichtig ist hier allerdings, dass die jeweils entsprechenden Portionsmengen und Portionsgrößen beachtet werden. So sollen entsprechend der Ernährungspyramide z. B. täglich 3 Portionen Gemüse und 2 Portionen Obst gegessen werden (siehe Abb. unten). 1 Portion entspricht dabei der vollen Hand der Person, für die diese Portion vorgesehen ist. In einigen Ausnahmen auch 2 Hände voll ▶ [12]. Zudem sollte es keine allgemeinen Verbote von bestimmten Lebensmitteln oder Lebensmittelgruppen wie z. B. Schokolade oder Süßigkeiten geben. Verbote machen Dinge interessanter und können zu einem ungesunden Umgang mit bestimmten Lebensmitteln bis hin zu einer Essstörung führen.
Die Ernährungspyramide
Als Ballaststoffe werden all jene Bestandteile der Nahrung bezeichnet, die vom Körper nicht verdaut werden können. Dabei handelt es sich meistens um komplexe Zuckerverbindungen, die den Körper zwar nicht mit Nährstoffen versorgen, aber dennoch eine wichtige Rolle bei der Verdauung spielen: Sie binden bereits im Magen Flüssigkeit, erhöhen damit das Volumen des Speisebreis, sorgen für eine schnellere Magenfüllung und damit für ein rechtzeitiges Auftreten des Sättigungsgefühls. Gleichzeitig wird der Magen langsamer entleert, wodurch der Nahrungsbrei langsamer in den Darm gelangt und die Nährstoffaufnahme im Darm gesteigert wird. Im Darm angekommen, quellen sie weiter auf und regen damit die Peristaltik an. Dadurch wird der Speisebrei schneller vorwärts transportiert, was wiederum einer akuten Verstopfung vorbeugen kann. Ballaststoffe sind bereits in der Muttermilch enthalten und sollen auch mit Beginn der Beikost Teil unserer Ernährung sein. Wichtig ist dabei jedoch, dass wir dazu ausreichend trinken. Denn nur dann können wir unsere Ballaststoffe gut verwerten. Also Achtung: Sollte dein Kind viele Ballaststoffe essen, dazu aber zu wenig trinken, können sich dadurch schwere Verstopfungen entwickeln. Zudem solltest du das Angebot an Ballaststoffen nur langsam steigern, wenn dein Kind diese bisher nicht gewohnt ist. So kann sich der Darm an die neue Herausforderung anpassen. Ansonsten könnte auch das zu einer Verstopfung führen.
Im Allgemeinen unterscheiden wir zwischen wasserlöslichen und wasserunlöslichen Ballaststoffen. Für Kinder, die zu Verstopfung neigen, sind vor allem die sogenannten wasserlöslichen oder löslichen Ballaststoffe wie z. B. Pektin, Guar und Inulin wichtig. Diese finden sich in den meisten Obstsorten, aber auch in Hafer, Gerste oder Hülsenfrüchten. Sie binden deutlich mehr Flüssigkeit als wasserunlösliche Ballaststoffe und sind deswegen besonders wertvoll für unsere Kinder. Wasserunlösliche Ballaststoffe wie z. B. Zellulose, Hemizellulose oder resistente Stärke in Weizenkleie, Vollkornbrot, Hartweizenerzeugnissen, Mais oder Kartoffeln binden im Vergleich dazu eher wenig Flüssigkeit. Wie viele Ballaststoffe dein Kind dabei in welchem Alter in etwa braucht, kannst du dir mit einer ganz einfachen Formel ausrechnen: Alter deines Kindes + 5–10g Ballaststoffe/Tag oder 10g pro 1000kcal Energiebedarf. Nimmt man das Alter als Anhaltspunkt, so benötigt ein 10 Jahre altes Kind etwa 15–20g Ballaststoffe pro Tag.
In welchen Lebensmitteln sind viele Ballaststoffe enthalten?
Lebensmittel
Ballaststoffmenge pro 100 Gramm
Lebensmittel
Ballaststoffmenge pro 100 Gramm
Lebensmittel
Ballaststoffmenge pro 100 Gramm
Gemüse
Hülsenfrüchte
Samen und Nüsse
Schwarzwurzel
18,3 g
Helm-/Faselbohnen
26 g
Chiasamen
34 g
Topinambur
12,1 g
Brechbohnen
25 g
Leinsamen
27 g
Kartoffeln
8 g
Saubohnen
25 g
Kürbiskerne
18 g
Artischocke
6 g
Kidneybohnen
25 g
Mandeln
14 g
Pastinake
5 g
Weiße Bohnen
25 g
Sesamsamen
12 g
Kürbis
5 g
Grüne Erbsen
22 g
Sonnenblumenkerne
11 g
Okra
4,9 g
Limabohnen
19 g
Pinienkerne
11 g
Zuckermais
4 g
Lupinen
19 g
Pistazien
11 g
Rosenkohl
4 g
Mungbohnen
18 g
Haselnüsse
10 g
Kohl & Grünkohl
4 g
Schwarze Bohnen
16 g
Pekannüsse
10 g
Spinat
4 g
Straucherbsen
15 g
Macadamianüsse
9 g
Paprika
3,6 g
Kichererbsen
12 g
Walnüsse
8 g
Karotten
3 g
Linsen
11 g
Esskastanien
5 g
Brokkoli
3 g
Kuhbohnen
11 g
Hanfsamen
4 g
Blumenkohl
3 g
Sojabohnen
9 g
Cashewkerne
3 g
Süßkartoffeln
3 g
Getreide und Pseudogetreide (in ungekochter Form)
Mehle
Maiskleie
79 g
Roggenmehl, Schrot
14 g
Weizenkleie
43 g
Weizenmehl, Vollkorn
11 g
Reiskleie
21 g
Gerstenmehl, Vollkorn
10 g
Gerste
17 g
Buchweizenmehl, Vollkorn
10 g
Haferkleie
15 g
Dinkelmehl, Vollkorn
8 g
Roggen
15 g
Maismehl, Vollkorn
7 g
Weizen & Weizenkeim
13 g
Hafermehl, Vollkorn
6–9 g
Dinkel
11 g
Reismehl, Vollkorn
5 g
Hafer
11 g
Hirsemehl, Vollkorn
4 g
Buchweizen
10 g
Weizenmehl, Weißmehl
4 g
Hirse
9 g
Mais
7 g
Quinoa
7 g
Amaranth
7 g
Wildreis
6 g
Obst
Beeren
Trockenobst
Passionsfrucht
11 g
Holunderbeeren
7 g
Gojibeeren
13 g
Avocado
7 g
Himbeeren
7 g
Bananen
10 g
Granatapfel
4 g
Brombeeren
5 g
Feigen
10 g
Oliven
3 g
Heidelbeeren
5 g
Äpfel
9 g
Birnen
3 g
Johannisbeeren
4 g
Pfirsiche
9 g
Kiwis
3 g
Stachelbeeren
4 g
Datteln
8 g
Feigen
3 g
Cranberrys
4 g
Birnen
8 g
Äpfel
3 g
Marillen/Aprikosen
7 g
Bananen
3 g
Pflaumen
7 g
Rosinen
7 g
Die harten Fakten
Der Einsatz von Flohsamenschalen, grob geschroteten Leinsamen und Weizenkleie wird bei Kindern nicht empfohlen. 1 EL dieser Lebensmittel benötigt zusätzlich 150 ml Flüssigkeit, was Kinder oft nicht schaffen. Ist diese Menge nicht möglich, wird die Verstopfung dadurch verstärkt.
Vollgestillte Kinder brauchen keine zusätzliche Flüssigkeit. Wenn sie nach Bedarf gestillt werden, holen sie sich alles, was sie brauchen, aus der Muttermilch. Mit Einführung der Beikost ist es jedoch wichtig, dass du deinem Kind zu jeder Beikostmahlzeit frisches, kühles Wasser anbietest. Am Anfang wird es wahrscheinlich nur wenig trinken, wenn wir als Eltern aber konsequent als gutes Vorbild dienen, wird das Trinken auch für unsere Kinder irgendwann selbstverständlich dazugehören. Welche durchschnittlichen täglichen Trinkmengen die deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. als Richtwert vorgibt, kannst du in der unten stehenden Tabelle nachlesen.
Empfohlene Trinkmenge für Kinder
Alter
Durch Getränke
Durch feste Nahrung
Insgesamt pro kg Körpergewicht am Tag
0 bis unter 4 Monate
620 ml/Tag
–
130 ml
4 bis unter 12 Monate
400 ml/Tag
500 ml/Tag
110 ml
1 bis unter 4 Jahre
820 ml/Tag
350 ml/Tag
95 ml
4 bis unter 7 Jahre
940 ml/Tag
480 ml/Tag
75 ml
7 bis unter 10 Jahre
970 ml/Tag
600 ml/Tag
60 ml
10 bis unter 13 Jahre
1170 ml/Tag
710 ml/Tag
50 ml
13 bis unter 15 Jahre
1330 ml/Tag
810 ml/Tag
40 ml
15 bis unter 19 Jahre
1530 ml/Tag
920 ml/Tag
40 ml
Zudem gibt es Getränke, die wir unseren Kindern bevorzugt anbieten sollten und welche, die wir eher vermeiden bzw. nur sehr selten anbieten sollten.
Diese Getränke sollten bevorzugt werden:
Wasser
Mineralwasser
frisch gepresste Obstsäfte (z. B. Orangensaft)
stark verdünnte Fruchtsäfte
ungesüßter Tee
Eher ungünstig sind:
zuckerhaltige Getränke (z. B. Cola, Fanta, Sprite, Dicksäfte/Verdünnungssäfte, Eistee)
Schwarztee
grüner Tee
Milchkakao und Wasserkakao
Viele Kinder vergessen tagsüber zu trinken und holen sich die fehlende Flüssigkeit dann am Abend oder in der Nacht. Das ist theoretisch kein Problem, führt aber möglicherweise dazu, dass dein Kind vermehrt nachts Harn absetzt. Um dem vorzubeugen, ist es wichtig, dass dein Kind jederzeit Zugang zu seinen Getränken hat. Dafür kannst du ihm z. B. Trinkflaschen bereitstellen, die dein Kind jederzeit nehmen kann, oder eine kleine Kanne mit Wasser, aus der es sich bedienen kann. Zudem solltest du selbst immer wieder und ausreichend trinken. Denn auch in diesem Fall gilt: Unsere Kinder lernen durch Abschauen und Nachmachen. Achte also selbst darauf, ein gutes Vorbild zu sein.
Kinder sollen sich bewegen. Das ist klar. Aber was heißt das genau? Wie viel Bewegung ist normal? Die Richtlinien der WHO (World Health Organization) sagen hier Folgendes ▶ [13]:
Kinder unter einem Jahr sollten mehrmals am Tag auf verschiedene Arten – vor allem aber durch interaktives Spielen auf dem Boden – körperlich aktiv sein dürfen. Kinder, die noch nicht mobil sind, sollten dafür über den Tag verteilt mindestens 30 min wach in der Bauchlage z. B. auf dem Boden verbringen. Im Alter von 2–3 Jahren sollten sie sich über den Tag verteilt mindestens 180 min bewegen, wobei hier leichtere und anstrengende Aktivitäten enthalten sein sollten. Zwischen 3 und 6 Jahren sollten sie sich im Laufe des Tages mindestens 3 h bewegen, wovon mindestens 60 min mittel bis anstrengend sein sollten. Am besten geeignet sind hierfür immer Dinge, die als »freies Spiel« bezeichnet werden, wie z. B. auf dem Spielplatz sein, rutschen, laufen, hüpfen, springen oder auch Laufrad, Roller- oder Fahrradfahren.
Kinder und Jugendliche sollten über die Woche verteilt im Durchschnitt mindestens 60 min pro Tag mäßig bis intensiv körperlich aktiv sein ▶ [14]. Ab einem gewissen Alter kann körperliche Bewegung auch durch das Erlernen von Sportarten wie z. B. Schwimmen, Klettern, Laufen, Tanzen oder Reiten ausgeübt werden.
Wie oft sollten gesunde Kinder Stuhl absetzen? Wie sollte dieser aussehen? Wie verändert sich seine Konsistenz bei Einführung der Beikost? Wann sollten Kinder Harn und Stuhl kontrollieren können?
Die normale Stuhlfrequenz ist von Faktoren wie Ernährung, Trinkmenge und dem Ausmaß der Bewegung abhängig – besonders aber vom Alter deines Kindes ▶ [15]. Die meisten gesunden Kinder im Alter von etwa 3 Jahren setzen 1x/Tag Stuhl ab, aber auch die folgenden Varianten können normal sein ▶ [16]:
Die normale Stuhlfrequenz und -konsistenz.
Alter
Frequenz von
Frequenz bis
Konsistenz/Farbe
Säuglinge
Voll gestillt (ab 4.–6. Lebenswoche)
8–12 x/Tag
1x/2 Wochen
Sehr weich bis flüssig, recht hell und wohlriechend
Flaschennahrung
2–4
Bei HA: Grünfärbung möglich
Ab Beikost
6 Monate – 3 Jahre
3–4
Jeden 2. Tag
Kompakter
Ab 3 Jahre
3
3x/Woche
Ähnlich wie bei Erwachsenen
Bei voll gestillten Säuglingen kann die Häufigkeit des Stuhlgangs von mehrmals pro Tag bis zu einmal pro Woche schwanken. Auch Intervalle bis maximal 14 Tage sind möglich und kein Grund zur Sorge. Wenn dein Kind dabei keine klinischen Auffälligkeiten zeigt, es normal trinkt und sich gut entwickelt, kann hier nicht von einer Verstopfung gesprochen werden. Wenn dem so ist, sollten unnötige Untersuchungen und vor allem rektale Manipulation vermieden werden ▶ [17]. Babys, die einen Muttermilchersatz bekommen, sollten hingegen täglich Stuhl absetzen und im Unterschied zu voll gestillten Säuglingen sollte kein Abstand von mehreren Tagen zwischen den Darmentleerungen sein.
Mit Einführung der Beikost verändert sich zum einen die Konsistenz – der Stuhl wird automatisch kompakter, je mehr feste Nahrung die Kinder zu sich nehmen –, aber auch die Frequenz wird seltener. Das ist vollkommen normal und vorerst kein Grund zur Sorge. Ein gesundes Kind im Alter von 6 Monaten bis 3 Jahren sollte mindestens jeden 2. Tag Stuhl absetzen oder bis zu 3- bis 4-mal pro Tag. Ab dem Alter von 3 Jahren kann man von Erwachsenenwerten ausgehen: Von 3-mal pro Tag bis 3-mal pro Woche ist alles normal.
Muttermilchstuhl ist normalerweise sehr weich bis flüssig, recht hell und wohlriechend. Aber auch andere Farben sind möglich. Hier geben diverse Stuhlfarbenkarten aus dem Internet Hinweise bzw. Sicherheit. Die oben stehende ▶ Grafik soll dir ein paar Anhaltspunkte geben, was normal sein könnte und bei welcher Stuhlfarbe du ärztlichen Rat suchen solltest. Sie erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn du dir Sorgen machst, kontaktiere bitte immer euren Kinderarzt bzw. eure Kinderärztin.
Was sagt die Stuhlfarbe aus?
Mit Einführung der Beikost verändert der Stuhl nicht nur seine Konsistenz, sondern auch seine Farbe. Diese hängt oftmals auch davon ab, welche Lebensmittel dein Kind zu sich nimmt. Besonders nach Halloween ist schon manches Elternteil über blauen oder schwarzen Stuhl erschrocken. Bevor du also aufgrund der Stuhlfarbe panisch wirst, lohnt es sich, darüber nachzudenken, was dein Kind in den letzten 1–2 Tagen gegessen und getrunken hat. Sollte jedoch dein Neugeborenes weißen Stuhl haben, solltest du unbedingt sofort deine Kinderarztpraxis aufsuchen, um die Ursache dafür abklären zu lassen.
Tipp
Sowohl Lebensmittel als auch Getränke können den Stuhl einfärben. So ergeben sich beispielsweise folgende Farben durch:
Schwarz: Oreo-Kekse, Holunderbeerensuppe
Blau: Schlumpfeis, Blaubeeren bzw. Heidelbeeren
Grün: Spinat oder Grünkohl
Rot: Rote Rüben bzw. rote Bete
diverse Farben: Lebensmittelfarbe (z. B. in Fondant)
Die Sauberkeitsentwicklung ist ein Reifungsprozess, der mit dem unwillkürlichen Harn- und Stuhlabsatz des Säuglings startet und mit der kontrollierten Blasen- und Darmentleerung des Kindes – der sogenannten Kontinenz – endet. Das bedeutet, dass das Kind seinen Harn- und Stuhldrang spürt und Bescheid gibt bzw. selbstständig auf die Toilette geht. Dabei kann es im Zweifel ein paar Minuten warten, bis die nächste Toilette erreicht ist. Zudem passieren im Monat tagsüber weniger als vier und nachts weniger als zwei »Unfälle«. Die meisten Kinder erlangen diese autonome Blasen- und Darmkontrolle von ganz alleine, wobei sie dabei normalerweise zuerst die Stuhlkontrolle, dann die Harnkontrolle untertags und zuletzt die nächtliche Harnkontrolle erlangen ▶ [18]. Bis dieser Prozess komplett abgeschlossen ist, dauert es jedoch in der Regel 2–5 Jahre. Mädchen sind im Allgemeinen früher trocken und sauber als Jungen.
Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Sauberkeitsentwicklung ist zum einen die körperliche Entwicklung: Die dafür notwendigen Nervenbahnen müssen ausreifen und das Bewusstsein für eine volle Blase und den Harndrang muss entstehen. Beides wird in etwa im Alter von 18–24 Monaten erreicht. Zum anderen müssen Kinder eigenes Interesse am Sauberwerden zeigen. Dies passiert bei den meisten Kindern erstmals im Alter zwischen 18 und 36 Monaten – vereinzelt bereits ab 12 Monaten. Etwa zur gleichen Zeit kommen die Kinder auch in die Autonomiephase, die ihnen zu ausreichendem Verständnis für ihren eigenen Körper, dessen Signale und zum Bestreben, Dinge selbst zu können, verhilft. Ohne diesen Entwicklungsschritt funktioniert das Sauber- bzw. Trockenwerden nicht. Deswegen kann es auch nicht von außen diktiert oder bestimmt werden.
Nur sehr wenige Kinder sind bereits am Ende des 2. Lebensjahres sauber und trocken, ca. 50 % erreichen diesen Entwicklungsschritt am Ende des 3. Lebensjahres, weitere 25 % am Ende des 4. Lebensjahres. Somit werden die meisten Kinder im Laufe des 3. und 4. Lebensjahres sauber und trocken. Zu Beginn des 5. Lebensjahres sind etwa 90 % der Kinder trocken – noch fast 10 % setzen in diesem Alter gelegentlich Stuhl in die Windel bzw. Hose ab. Insgesamt ist die Bandbreite der normalen Sauberkeits- bzw. Kontinenzentwicklung enorm groß. So nässen 8–10 % der 4-jährigen Kinder noch regelmäßig tagsüber und 20–25 % nachts ein, sodass die Harninkontinenz im Rahmen der Sauberkeitsentwicklung bis zum vollendeten 5. Lebensjahr als physiologisch (normal) betrachtet wird ▶ [19].
Jedes Kind hat seine individuellen Stuhlgewohnheiten, die hier selbstverständlich berücksichtigt werden müssen. Es sollte jedoch – abhängig von Alter und Ernährung – spätestens jeden 3. Tag Stuhl absetzen. Als Ausnahme gelten hier natürlich voll gestillte Säuglinge, bei denen eine Stuhlfrequenz von bis zu 1-mal in 14 Tagen durchaus normal sein kann. Sollte dein Kind seltener Stuhl absetzen, spricht man von einer Verstopfung
