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Das wegweisende Praxisbuch zum Thema Entschuldigung und soziale Kompetenz in zwischenmenschlichen Beziehungen. Warum fällt es einigen Menschen schwer, um Verzeihung zu bitten? Manchmal sogar für Jahre? Die Grande Dame der psychologischen Lebenshilfe und Autorin des Bestsellers 'Wohin mit meiner Wut?' Dr. Harriet Lerner zeigt, wie ein einfaches "Es tut mir leid" eine Beziehung retten oder verlorenes Vertrauen wieder herstellen können. Die renommierte Psychologin befasst sich seit Jahren mit dem komplexen Thema Entschuldigung. Als Ergebnis präsentiert sie eine solide Theorie des Entschuldigens, indem sie erstmalig die verschiedenen "Entschuldiger-Typen" definiert. Anhand bestimmter Verhalten und typischer Beziehungs-Merkmale wie notorische "Nicht-Entschuldiger" oder "Zu-Viel-Entschuldiger" kann jeder seinen "Typ" wiederfinden. Die Bestseller-Autorin erklärt, was man konkret tun kann, wenn man eine schmerzvolle Erfahrung gemacht oder anderen Schmerz zugefügt hat, oder wie man eine erneute Verletzung vermeidet. Dabei beschreibt Harriet Lerner nachvollziehbar die verschiedenen Arten von Verzeihen und hilft verletzten Menschen dabei, dem Druck einer halbherzigen Entschuldigung zu widerstehen. Spannende Geschichten aus ihrer psychologischen Praxis sowie viele Fallbeispiele zeigen auf, wie heilsam eine einfache Entschuldigung sein kann. Ein ernsthafter und unterhaltsamer Ratgeber zugleich, um manche Schieflagen des Lebens geradezustellen und einen authentischen Umgang mit der Entschuldigung zu entwickeln.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2017
Harriet Lerner
Wie Versöhnung kleine und große Herzschmerzen heilt
Aus dem Englischen von Judith Elze
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
»Es tut mir leid« – die renommierte Psychologin und Bestsellerautorin weiß, wie diese vier Worte eine Beziehung retten oder verlorenes Vertrauen wieder herstellen können. In diesem psychologischen Ratgeber definiert Harriet Lerner erstmalig die verschiedenen »Entschuldiger-Typen«, in denen sich jeder wiederfinden kann. Mit Beispielen aus ihrer Praxis und einer Prise Humor zeigt sie, wie wir einen authentischen Umgang mit Entschuldigungen entwickeln können.
Für meine Enkelkinder
»Es tut mir leid« hat viele Gesichter
Das einfachste »Es tut mir leid«
Lange Warterei im Untersuchungszimmer
Ein mittelschweres »Es tut mir leid«
Den Sprung wagen – Die härtesten Entschuldigungen
Jenseits des »Wie«
Fünf Arten, eine Entschuldigung zunichtezumachen
Wie wir unser »Aber«-Bewusstsein aufbauen
»Es tut mir leid, dass du so empfindest«
Achten Sie auf das Wörtchen »wenn«
Die verschleiernde Entschuldigung
»Sieh doch, wozu du ihn bringst!«
»Jetzt vergib mir schon, und zwar gleich!«
Die aufdringliche Entschuldigung
Noch mehr erbärmliche, überzogene und geradezu beziehungskillende Entschuldigungen
Worum geht es bei einem übertriebenen Sich-Entschuldigen?
Weinen Sie keine fremden Tränen
Wenn Sie sich gut entschuldigen wollen, geht es nicht um Sie selbst
Untertreiben Sie nicht!
Die ausreichende Entschuldigung
Sich unter Beschuss entschuldigen: Vom Umgang mit harter Kritik
Alter Schmerz wird ausgegraben: Katherine und Dee
Die Decodierung einer falschen Entschuldigung
Wer entschuldigt sich zuerst?
Ein generationsübergreifendes Muster brechen
Den Grundstein legen: Ein perfekter Brief
Auf dem heißen Stuhl
Eine ehrliche Entschuldigung
»Hier gibt es Unterschiede in unserer Wahrnehmung«
Ein Wort zum Verdammtsein
Die eigene Abwehrhaltung zurückschrauben
Das geheime Leben des notorischen Nicht-Entschuldigers
Unsere erste Familie
Was ist Ihre persönliche Meinung?
»Echte Männer entschuldigen sich nicht«
Das Problem mit dem Perfektionismus
Eine Frage der Selbstachtung
Die unerträgliche Last der Scham
Warum den schlimmsten Übeltätern nichts leidtut
Gleiches mit Gleichem zu vergelten funktioniert nicht
»Er hatte eine schreckliche Kindheit« und andere faule Ausreden
Eine wichtige Mitteilung an die geschädigte Seite
»Er ist ja so defensiv!« – Was haben Sie damit zu tun?
Halten Sie sich an die Fakten
Wenn eine Banane nicht nur eine Banane ist
Es zu übertreiben kann unbemerkt geschehen
Fass dich kurz!
Warum kann er nicht einfach danke sagen?
Warum weniger mehr ist
Manchmal müssen wir ausrasten, um durchzukommen
Eine Affäre abwenden
Beschämen hilft nie
Wer ist wofür verantwortlich? – Eine heikle Wutfrage
Ein klassischer Wirrwarr – Hänsel und Gretel lassen grüßen
Hat der andere Ihre Gefühle und Ihr Verhalten »verursacht«?
Die Herausforderung, die zwei Seiten unterschiedlich zu behandeln
Ein letzter Rat hierzu
Wie und ob man ein Friedensangebot annimmt
»Danke für die Entschuldigung« zu sagen erfordert Mut
Wie Sie Ihrem Kind beibringen, sich zu entschuldigen
Nehmen Sie die Entschuldigung nicht mit juristischer Akribie auseinander
Schenken Sie Ihrem Gegenüber einen Vertrauensbonus
»Es tut mir leid« geht auch ohne Worte
Es sind nicht nur die Marvins dieser Welt, die Entschuldigungen leben
Nicht alles ist verzeihbar
»Geflickte Freundschaft wird selten wieder ganz«
Der Mut zu sagen: »Ich akzeptiere deine Entschuldigung nicht«
Großzügigkeit als Grundhaltung
Wer hat unrecht? – Wenn die Versöhnung ins Stocken gerät
Sie sagt – Er sagt
Nicht einfach nur ein schlechter Tag
Es ist ein zirkulärer Tanz
Wen trifft die Schuld?
»Für meinen Teil tut es mir leid« ist ein guter erster Schritt
Sams Herausforderung: Dem Distanzstreben entgegenwirken
Lernen, sich mitzuteilen
Inas Herausforderung: Keinen Druck mehr ausüben
Wandel ist ein Langzeitprojekt
Sollten Sie so tun, als ob?
Kreatives Vortäuschen kann Ihre Beziehung retten
Es ist ein Langstreckenlauf
Die erstaunlichste Entschuldigung, die ich je miterlebt habe
Letty und Kim
»Es tut mir leid« ist nur der erste Schritt
Wie geht das Gespräch weiter?
Eins führt zum anderen
»Du musst vergeben« und andere verletzende Lügen
Was bedeutet eigentlich »Vergebung«?
Die schwere Last: Eine Zen-Geschichte zum Loslassen
Keine Definition von Vergebung umfasst alles
Was bedeutet »Vergebung« für Sie?
Was »Vergebung« für mich bedeutet
Ein Gespräch mit Ben
»Kannst du ihm nicht vergeben?« – Die Worte, die am wenigsten helfen
Ein kleines bisschen vergeben
Sollte ich ihm die Affäre vergeben?
Meine Tante Annie: Die Königin des Grolls
Eines weiß ich
Frieden finden – Wie geht das?
Der beste Rat meiner Mutter (leichter gesagt als getan)
Beim Arzt
»Ich will doch nur verstehen!«
»Meine Mutter ist Borderlinerin«
Die Waage der Gerechtigkeit ausbalancieren
»Sieh nur, was du mir angetan hast!«
Warum man nicht aufhören kann, den/die Ex zu hassen
Mein Feedback
Zwei Jahre später
Keine sechs einfachen Schritte
Kraftvolle Worte
Die Tragödie einer missglückten Entschuldigung
Zwei Entschuldigungen
Entschuldigung Nr. 1 als einmaliger Vorfall zwischen Fremden: »Entschuldigung, ich habe Ihr Rad geklaut!«
Entschuldigung Nr. 2: Ich lasse mein Bedürfnis los, im Recht zu sein
Seien Sie großzügig
Dank
Für meine Enkelkinder
Cyrus und Theo
Lucía und Marcela
Und für ihre Eltern
Matt und Jo
Ben und Ari
Kapitel 1
Meine Freundin, die Cartoonistin Jennifer Berman, hat einmal eine Karikatur von dem »Typen mit den tausend Entschuldigungen« gezeichnet. Mein persönlicher Favorit ist: »Es tut mir leid … aber du hast ja nie gefragt, ob ich verheiratet wäre und Kinder hätte.« Und dann gibt es da diesen Cartoon im New Yorker, der einen Vater im Gespräch mit seinem Sohn zeigt. »Ich wollte ja für dich da sein, als du klein warst«, sagt der Vater. »Aber ich bekam einen Krampf im Fuß. Und dann passierte da was im Laden – na ja, du verstehst schon.«1
Während sich aus der Absurdität dieser Begründungen der Humor beider Cartoons ergibt, haben wir doch alle schon weniger skurrile Entschuldigungen gehört, die bereits mit dem nächsten Atemzug rationalisiert und dadurch wieder aufgehoben wurden. Das ist nie befriedigend, im Gegenteil richtet es einen ziemlichen Schaden an.
Mehr als zwei Jahrzehnte lang habe ich immer wieder Entschuldigungen studiert – und die Männer und Frauen, die sie nicht zuwege brachten. Natürlich muss man kein Experte sein, um erkennen zu können, wann eine erforderliche Entschuldigung ausbleibt oder eine schlechte uns brüskiert. Ein »Es tut mir leid« hat keinen Sinn, wenn es nicht ehrlich gemeint ist, einzig und allein dazu dient, ein unangenehmes Gespräch schnell abzuwürgen, oder wenn ihm eine Rechtfertigung oder Ausrede folgt.
Die Heilkraft einer guten Entschuldigung ist ebenfalls gleich erkennbar. Wenn sich jemand ehrlich bei mir entschuldigt, fühle ich mich erleichtert und beruhigt. Was sich vielleicht an Ärger oder Groll angestaut hatte, schmilzt dahin. Ich fühle mich auch besser, nachdem ich mich bei jemandem entschuldigt habe, wenn es nötig war. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Störung beheben kann, wenn ich einen Fehler begangen oder etwas Dummes angestellt habe. Dabei bin ich nicht gerade eine Weltmeisterin im Entschuldigen. Bei meinem Mann Steve zum Beispiel entschuldige ich mich gern nur für das, was ich als meinen Anteil an einem Problem sehe, und erwarte zugleich von ihm, dass er sich für das entschuldigt, was ich als seinen Part betrachte. Man kann sich vorstellen, dass wir uns da nicht immer einig sind.
Manchen Leuten gegenüber und unter bestimmten Umständen fällt es uns besonders schwer, um Nachsicht zu bitten. Es gibt Entschuldigungen, die uns leichter von den Lippen gehen als andere: Ob ich vergesse, meiner Nachbarin die Frischhaltedosen zurückzubringen, oder ob ich mit ihrem Mann ins Bett gehe, sind nicht nur in dieser Hinsicht zwei Paar ganz verschiedene Schuhe. Für eine kleine unsensible Geste mag ein einfaches, aufrichtiges »Es tut mir leid« genügen, aber unsere unsensiblen Gesten sind nicht immer nur klein.
Dieses Buch will Ihnen zeigen, wie Sie eine wirklich ehrliche Entschuldigung gestalten und wie Sie eine Abbitte erkennen können, die eigentlich die Schuld auf den anderen abwälzt, zweideutig oder geradezu niederträchtig ist. Über das »Wie« einer guten Entschuldigung hinaus werden wir uns Geschichten anschauen, die überzeugend illustrieren, wie wichtig ein einfaches »Es tut mir leid« ist und warum wir es so oft vermasseln. Wir werden auch heldenhafte Entschuldigungen betrachten, die selbst unter schwierigsten Bedingungen eine Tür zu Vergebung und Heilung öffnen können.
Doch sind die folgenden Kapitel auch für die verletzte oder wütende Person gedacht, der eine hinterhältige oder unehrliche – oder gar keine – Bitte um Vergebung vorgetragen worden ist. Wenn wir von jemandem beleidigt oder verletzt worden sind, der es einfach nicht kapiert, können wir die nötigen Schritte lernen, um den Ton eines Gesprächs zu ändern und zu ihm durchzudringen. Manchmal wird allerdings nichts den sturen Übeltäter umstimmen, da können wir tun oder sagen, was wir wollen. Tatsächlich ist es, je ernster der Schaden war, umso unwahrscheinlicher, dass der Schuldige bereut oder Wiedergutmachung leistet. Was tut dann die verletzte Seite?
Die Herausforderung einer Entschuldigung und Versöhnung ist ein Tanz, der zwischen mindestens zwei Personen stattfindet. Und jeder von uns sieht sich nur zu oft auf beiden Seiten der Gleichung. Fangen wir mit einer kurzen Auswahl an – mit Entschuldigungen, die von einfach bis mittel und schwer rangieren.
Am leichtesten ist es, »Es tut mir leid« zu sagen, wenn es nicht um irgendeine Schuld unsererseits geht. Wir bitten damit nicht um Vergebung, sondern reagieren mitfühlend auf den Schmerz unseres Gegenübers. (»Es tut mir so leid, dass du das jetzt durchmachen musst.«) Damit erkennen wir an, dass unser Mitmensch verärgert ist oder eine schwere Zeit hat, und wir kommunizieren so, dass uns das etwas ausmacht.
In vielen Situationen kostet es nicht viel, auf diese Weise sein Bedauern auszudrücken, während ein solches Versäumnis keine Kleinigkeit ist. Das Leben ist hart, und schon die geringfügigste Kommunikation mit einem Fremden kann uns den Tag verschönern oder auch vergällen. Nicht, dass wir in die tiefste Depression verfielen, bloß weil die Frau in der Drogerie uns mit ihrem Einkaufswagen fast umgefahren hätte und dann auch noch abgerauscht ist, ohne auch nur aufzusehen. Vermutlich hat sie es gar nicht bemerkt oder sich nicht entschuldigt, weil es ihr egal war oder auch weil es ihr zu viel ausmachte und sie sich zu sehr schämte, als dass sie hätte Augenkontakt aufnehmen und uns ansprechen können. Gleich, warum, es fühlte sich nicht gut an, und das ungute Gefühl bleibt. Manchmal trifft uns die versäumte Entschuldigung eines anderen härter als die Ursache, derentwegen er sich hätte entschuldigen sollen.
Wenn es um eine wichtige Beziehung geht, kann das Versäumnis einer Entschuldigung die Verbindung kappen, und zwar auch, wenn beide Seiten wissen, dass keiner von ihnen verantwortlich für die Ursache ist. Nehmen wir zum Beispiel meine Klientin Yolanda, die, nur mit einem dürftigen Krankenhaushemd bekleidet, auf einem kalten Tisch im Untersuchungszimmer fast eine ganze Stunde auf ihre Ärztin warten musste.
»Da kommt meine Ärztin also endlich«, erzählt mir Yolanda erbost in der Therapiestunde, »und sie sagt nichts, nicht mal: ›Entschuldigung.‹ Ich habe mich vor ihr überhaupt nicht mehr als Mensch gefühlt. Und hinterher habe ich mich auch noch über mich selbst geärgert, weil ich so überempfindlich war.«
Dass wir uns selbst in Frage stellen, weil wir »überempfindlich« waren, ist typisch für Frauen – wir disqualifizieren damit vor allem unsere legitime Wut und Verletzung. Wohl jeder, der sich schon mal bei einem Arzt im Untersuchungszimmer aufgehalten hat, weiß, dass Patienten sich verletzlich fühlen. Die Tatsache, dass einige von uns in dieser besonderen Situation sensibler sind als andere, heißt nicht, dass wir schwach oder irgendwie weniger bedeutend wären.
Yolanda nahm das lange Warten nicht persönlich. Sie verdächtigte ihre Ärztin nicht etwa, heimlich irgendwelche Videospiele zu spielen oder mit ihren Freunden zu chatten. Yolanda wollte einfach nur etwas hören wie: »Entschuldigung, dass Sie so lange warten mussten. Für den letzten Patienten brauchte ich mehr Zeit, als ich eingeplant hatte.« Das Versäumnis der Ärztin, ihre Verspätung auch nur zu erwähnen, fühlte sich an wie ein kleiner Riss in einer Beziehung zu jemandem, von dem Yolanda sich abhängig fühlte. Ein einfaches »Es tut mir leid« hätte ihr die Möglichkeit gegeben, sich respektiert, behütet und gewürdigt zu fühlen.
Sich zu entschuldigen wird schon schwieriger, wenn wir tatsächlich einen Grund dafür haben und unser Verhalten bereuen. Hier kann selbst eine kurze, gute und späte Entschuldigung mitunter eine große Rolle spielen.
Meine Klientin Deborah war nicht auf der Hochzeitsfeier ihrer Schwester Skye gewesen, weil sie zur selben Zeit einen Vortrag auf einer Konferenz zu halten hatte. Die Konferenz war schon lange geplant, als Skye das Hochzeitsdatum festlegte, und Deborah ärgerte sich, weil ihre Schwester erwartete, dass sie dabei wäre, und behauptete, es sei das einzig mögliche Datum für die Hochzeit. Deborah fühlte sich schrecklich mit ihrer Entscheidung, und sie hätte sich gewünscht, sie wäre bei einem so wichtigen Ereignis bei ihrer Familie gewesen.
Auch wenn das Leben weiterging, fraß die Angelegenheit doch an beider Nerven. Zuerst hatte Deborah nicht die Absicht, sich bei Skye zu entschuldigen. Zudem fand sie, Skye hätte sich entschuldigen sollen. Es sei unverzeihlich, sagte mir Deborah, dass sie den Hochzeitstag als »beschlossene Sache« verkündet hatte, statt Deborahs Termine mit zu berücksichtigen. Als ihr später klar wurde, dass sie einen Riesenfehler begangen hatte, wollte sie das Thema aus einem anderen Grund nicht wieder aufwärmen. Sie meinte, eine Entschuldigung würde das Problem nur vergrößern, und am Ende würden sie sich beide nur umso schlechter fühlen.
Jahre später schickte Deborah ihrer Schwester in einer plötzlichen Gefühlsregung eine E-Mail mit dem Inhalt: »Ich habe Dir nie gesagt, wie schrecklich es für mich war, dass ich Deine Hochzeit verpasst habe, und wie leid mir meine damalige Entscheidung tut. Als ich bei der Konferenz damals meinen Vortrag hielt, dachte ich die ganze Zeit nur: ›Was tue ich hier eigentlich?‹ Ich habe keine Erklärung und auch keine Entschuldigung dafür, warum ich eine so dumme Entscheidung getroffen habe.«
Ihre Schwester schrieb zurück: »Ja, Deb, Du warst ein richtiges Arschloch. :–)«
E-Mails sind normalerweise kein guter Ort für eine Entschuldigung. In diesem Fall aber erzählte mir Deborah, dass sich nach diesem Austausch zwischen ihnen alles leichter anfühlte. »Als hätte sich ein Stück Vertrauen und Nähe wiederhergestellt, das ich gar nicht bewusst vermisst hatte.«
Es kostet ganz schön Mut, ein Gespräch mit der Entschuldigung für etwas zu eröffnen, was wir gern anders gemacht hätten. Vielleicht wollen wir nicht aufdringlich sein, oder wir machen uns Sorgen, wie unsere Entschuldigung aufgenommen wird und was als Nächstes passiert. Wenn unser Gegenüber das Thema nicht aufgebracht hat, könnten wir denken, dass wir es auch nicht tun sollten. Doch Margarets Geschichte zeigt, dass wir das Gespräch über ein bedauerliches Fehlverhalten unsererseits am besten doch ermöglichen sollten.
Margaret hat eine Tochter namens Eleanor, eine alleinerziehende Mutter, deren zweites Kind Christian im Alter von sechzehn Tagen starb, noch bevor sie nach der Geburt das Krankenhaus verlassen hatte. Margaret hatte viel praktische Hilfe geleistet, indem sie sich in den zwei Wochen, in denen Eleanor im Krankenhaus war, um ihren dreijährigen Sohn und den ganzen Haushalt kümmerte.
Doch war Margaret emotional nicht bei der Sache. In echt britischer Manier hatte sie gelernt, dass man angesichts der Schwierigkeiten des Lebens Haltung bewahrte, und kam aus einer Kultur mit einer langen Tradition, die unter dem Motto stand: »Keine Sorge, das Leben geht weiter.« Sie liebte ihre Tochter sehr, wollte aber nicht, dass Eleanor in der Trauer versank. Außerdem wollte sie die eigene tiefe Trauer nicht wahrhaben. Um sowohl Eleanor als auch sich selbst zu schützen, gab Margaret ihrem Schmerz keinen Ausdruck und fragte ihre Tochter auch nicht, wie es ihr denn mit diesem schweren Verlust ging. Die wenigen Male, die sie Eleanor weinen oder bedrückt sah, sagte sie nur so etwas wie: »Dein Sohn braucht dich. Sei stark für ihn.«
Ein Jahrzehnt später hatte die Frau von Margarets Mitarbeiter und Freund Jorge eine Totgeburt. Sein Verlust wühlte verständlicherweise Margarets eigene vergrabene Trauer über ihren Enkel Christian und über sein nie gelebtes Leben auf. Als sie miterlebte, wie viel unglaubliche Liebe Jorge entgegengebracht wurde und wie offenherzig er die Fürsorge seiner Umgebung annahm, brachte das etwas in ihr in Bewegung. Zum ersten Mal fragte sich Margaret, ob sie mit ihrem Verhalten ihrer Tochter gegenüber nach Christians tragischem Tod das Richtige getan hatte.
Kurz danach erschien auf der ersten Seite ihrer Lokalzeitung ein Artikel über solche vorzeitigen Verluste. Zu ihrer eigenen großen Überraschung nahm Margaret all ihren Mut zusammen und bat Eleanor, den Artikel zu lesen. Sie sagte ihr außerdem, sie denke die ganze Zeit an Christian und bedaure es, dass sie nie über ihre Gefühle gesprochen habe, weil sie einfach nie wisse, was sie sagen solle, und Angst habe, Eleanor nur noch trauriger zu machen. Sie sagte, es tue ihr leid, dass sie nie den Raum dafür geschaffen habe, über dieses traurigste Ereignis in ihrem Leben zu sprechen.
Eleanors erste Reaktion war vorhersehbar. »Du hättest nichts tun können«, sagte sie ausdruckslos. »Du hättest es ja nicht wiedergutmachen können. Mach dir keine Sorgen.« Eleanor war eindeutig die Tochter ihrer Mutter.
Der interessanteste Teil einer Entschuldigung kommt oft viel später. Keine der beiden brachte die Sprache wieder darauf, doch Margaret erzählte mir, dass sie sich nach kurzfristigem Unbehagen besser fühlte, weil sie den Mund aufgemacht hatte. Monate später – Christians Todestag näherte sich – verspürte Margaret den Wunsch, Blumen an sein Grab zu bringen. Seit der Beerdigung war sie nicht mehr dort gewesen. Sie erwähnte es beiläufig Eleanor gegenüber, die nüchtern antwortete, sie werde ohnehin hinfahren und könne Margaret mitnehmen, wenn sie wolle.
Erst auf der Fahrt erfuhr Margaret, dass Eleanor in den zehn Jahren jeweils zweimal im Jahr beim Grab gewesen war. Als sie vor Christians kleinem Grabstein standen, fing Margaret plötzlich an zu schluchzen. Die Gefühlsaufwallung überrumpelte sie komplett, denn sie hatte nie über Christians Tod und auch sonst kaum jemals geweint. Noch unerwarteter war Eleanors Reaktion: Sie umarmte ihre Mutter, und sie weinten zusammen.
Für Margaret war die Entschuldigung ein großes Risiko gewesen. Sie war in einer Familie aufgewachsen, in der es neben Fröhlichkeit nur wenige erlaubte Gefühle gab. Kompetenz und Unabhängigkeit (was so viel hieß wie, dass man niemanden brauchte) kamen direkt nach der Frömmigkeit. Mit ihrer Entschuldigung zeigte sie zugleich ihre Verletzlichkeit, und das war ein großer Sprung ins Ungewisse. Sie hatte in ihrer persönlichen Geschichte kein Vorbild, auf das sie hätte zurückblicken können, probierte also mit großem Mut einen völlig neuen Weg aus.
Es gibt natürlich Situationen, in denen es noch viel schwieriger ist, sich zu entschuldigen, als es bei Margaret der Fall war. Da haben wir es zum Beispiel mit jemandem zu tun, der unbedingt will, dass wir uns entschuldigen, während wir gar nicht finden, dass wir das sollten. Es ist eine große Herausforderung, auf dem heißen Stuhl sitzen zu bleiben und sich die Verletztheit und Wut unseres Gegenübers offen und zugewandt anzuhören, wenn die betroffene Person möchte, dass uns etwas leidtut. Besonders schwer ist es, wenn der andere uns (aus unserer Sicht zu Unrecht) beschuldigt, die Ursache für sein Leid zu sein. Doch sowohl die persönliche Integrität als auch der Erfolg von Beziehungen hängen von unserer Fähigkeit ab, Verantwortung für unseren Anteil (und zwar nur für den) zu übernehmen, selbst wenn unser Gegenüber ein Idiot ist.
In den folgenden Kapiteln werden wir die Kraft, die in Entschuldigungen liegt, und ihre möglichen Tücken einmal ganz neu unter die Lupe nehmen, zum Beispiel:
Warum fällt es Menschen so schwer, ihrer Verantwortung und ihrem Bedauern über verletzende Worte und Taten Ausdruck zu verleihen?
Was reitet eigentlich die »Nicht-Entschuldiger« und die »Dauer-Entschuldigerinnen« (Letztere sind meist weiblich)?
Warum sind die Leute, die die schlimmsten Sachen machen, am wenigsten dazu in der Lage, sie auch einzugestehen?
Wie klären wir, wer wofür die Verantwortung trägt?
Wie tragen wir (die verletzte Partei) unabsichtlich zur Verteidigungshaltung des anderen und seiner Weigerung bei, sich zu entschuldigen?
Wie können wir unsere kraftzehrende Wut und Bitterkeit überwinden, wenn derjenige, der uns wehgetan hat, die Wirklichkeit verdreht oder die Schuld stattdessen uns in die Schuhe schiebt?
Warum können Sie nicht aufhören, Ihren Ex (oder wen auch immer) zu hassen? Was ist der eigentliche Grund?
Dass wir uns mit dem Verantwortlichen abfinden müssen, der keine Reue zeigt, ist wahrscheinlich das schmerzhafteste Kapitel im Buch der Entschuldigungen. Das ist die universelle menschliche Herausforderung, bei der Vergebung weithin als die einzige sinnvolle Lösung dargestellt wird. Dabei werden wir sehen, dass Sie aber nicht der Person zu vergeben brauchen, die Sie verletzt hat, um sich selbst von zwanghafter Wut und Bitterkeit befreien zu können. Tatsächlich müssen Sie sogar mitunter tapfer genug sein, um dem Druck der Vergebungsapostel zu widerstehen.
Entschuldigung und Wiedergutmachung sind ein zutiefst menschliches Bedürfnis – auf der gebenden ebenso wie auf der empfangenden Seite. Gerechtigkeit und Fairness (wie auch immer wir sie sehen) sind Bestandteile unserer Grundveranlagung. Daher sitzt das Bedürfnis tief, eine ehrliche Entschuldigung zu empfangen, wenn sie aussteht. Außerdem sind wir als Menschen unvollkommen und anfällig für Fehler ebenso wie für unsere Abwehrhaltung, so dass es so gut wie keine Beziehung gibt, in der wir nicht irgendwann eine ehrlich gemeinte Entschuldigung anbringen müssten.
In der Rolle des Angreifers oder der Gekränkten wechseln wir uns bis zu unserem letzten Atemzug ab. Es ist beruhigend zu wissen, dass wir die Möglichkeit haben, Dinge zurechtzurücken – oder zumindest unser Bestes getan haben, egal, wie das Gegenüber darauf reagiert.
Kapitel 2
Viele wohlmeinende Menschen wollen sich gern entschuldigen, wissen aber nicht wirklich, wie. Sie haben ihr Bedauern geäußert und verstehen nicht, warum die verletzte Partei nicht besänftigt ist. Wenn wir erkennen, welche Bestandteile eine missglückte Entschuldigung ausmachen, legen wir gleichzeitig den Grundstein für das Wissen, wie wir uns erfolgreich entschuldigen können.
Zu einer wirksamen Entschuldigung gehört mehr als die richtigen Worte und ein Vermeiden der falschen. Dennoch ist es gut, den Unterschied zu kennen. Lassen Sie uns mit dem »Grundkurs in schlechten Entschuldigungen« beginnen – mit fünf Arten, wie ein »Es tut mir leid« in die Binsen gehen kann. Später werden wir uns die heldenhaften Entschuldigungen anschauen, die selbst unter den schwierigsten Umständen eine Tür zu Vergebung und Heilung öffnen können.
Was die verletzte Partei mehr als alles andere hören will, ist eine aufrichtige Entschuldigung. Wenn ein »Aber« an die Entschuldigung gehängt wird, macht dies die Aufrichtigkeit jedoch zunichte. Sehen Sie sich vor diesem hinterhältigen kleinen Anhängsel vor. Es signalisiert fast immer, dass man sich herausreden will, oder es löscht die ursprüngliche Botschaft aus. Egal, ob die Argumentation hinter dem »Aber« wahr ist oder nicht – das »Aber« macht die Entschuldigung falsch. Es sagt in Wahrheit aus: »Angesichts der Lage ist meine Grobheit (beziehungsweise meine Verspätung, mein sarkastischer Tonfall oder Sonstiges) nur allzu verständlich.«
Nehmen wir die Irritation meiner Freundin Dolores, als ihre kleine Schwester bei einem Familientreffen keinen Finger krümmte, während alle anderen mit anpackten. Irgendwann überkam Dolores die Wut, und sie kritisierte ihre Schwester im Beisein der anderen: »Du bist hier nicht der Ehrengast«, blaffte Dolores sie an. »Du brichst dir keinen Zacken aus der Krone, wenn du mal die Spülmaschine einräumst.« Die Reaktion kann man sich vorstellen. Ihre Schwester drehte sich wortlos von ihr ab, und für den Rest der Familienzusammenkunft gingen sie sich aus dem Weg.
Dolores fühlte sich schlecht damit. Ein paar Tage später rief sie ihre Schwester von zu Hause aus an, um sich für ihr Verhalten zu entschuldigen: »Es tut mir leid, wie ich dich angefahren habe, aber es fällt mir sehr schwer zu akzeptieren, dass du nicht auch deinen Beitrag leistest. Es erinnert mich daran, wie ich früher schon alles im Haushalt gemacht habe, während Mama dich immer so davonkommen ließ, weil sie nicht mit dir streiten wollte. Ich entschuldige mich für meine Grobheit, aber irgendwer musste dir schließlich sagen, wie man sich benimmt.«
»Das ist keine Entschuldigung«, bemerkte ich, als Dolores sich über die negative Reaktion ihrer Schwester mokierte. Verständlicherweise fiel es Dolores unglaublich schwer, eine echte Entschuldigung anzubieten, wo sie noch so viel Wut und Groll aus der Vergangenheit mit sich herumtrug. Doch vermutlich fühlte sich ihre Schwester gleich noch einmal beleidigt. In Dolores’ »Entschuldigung« steckte der Vorwurf, dass ihre Schwester sich nicht nur bei dem Treffen wie eine verwöhnte Göre aufgeführt hätte, sondern eigentlich schon ihr Leben lang. Und »… irgendwer musste dir schließlich sagen, wie man sich benimmt« ist ein klarer Affront.
Vielleicht hätte die Schwester die Entschuldigung leichter annehmen können, wenn Dolores einfach gesagt hätte, dass ihr ihre Grobheit schrecklich leidtat. Statt die Verteidigungshaltung der Schwester noch weiter zu verstärken, hätte eine einfache Entschuldigung ihr womöglich den Raum gegeben, ihr eigenes Verhalten bei der Familienfeier zu überdenken.
Dolores handelte in bester Absicht: »Ich wollte meiner Schwester erklären, warum ich so überreagiert habe«, sagte sie mir. »Sie sollte verstehen, dass meine Reaktion auf ihre mangelnde Beteiligung an der Arbeit eine lange Geschichte hat.«
Schön, aber das ist eine andere Diskussion, die Dolores mit etwas Taktgefühl zu einem passenderen Zeitpunkt hätte angehen können. Die besten Entschuldigungen sind kurz und enthalten keine Erklärungen, die sie womöglich wieder relativieren oder völlig neutralisieren. Eine Entschuldigung ist nicht die einzige Gelegenheit für ein Gespräch über die Hintergründe des Geschehens. Sie ist aber die Chance, den Grundstein für eine solche spätere Kommunikation zu legen. Das ist ein wichtiger Unterschied, der oft übersehen wird.
»Es tut mir leid, dass du so empfindest« ist eine weitere Pseudo-Entschuldigung. Eine echte Entschuldigung konzentriert sich auf das, was man selbst gemacht hat – und nicht auf die Reaktion des Gegenübers.
Nehmen wir als Beispiel, was ich kürzlich mit einem Mann erlebt habe, den ich hier Leon nennen will und der mich wirklich wütend machte. Leon war für die Werbemaßnahmen einer Organisation zuständig, die mich zu einem Vortrag eingeladen hatte. Die Organisation besaß nur ein Foto von mir, das zwanzig Jahre alt war. Also schickte ich Leon ein neues, aktuelles Bild. »Bitte verwenden Sie dieses«, schrieb ich dazu. Ich wollte mir bei der Veranstaltung gern ähnlich sehen.
Vielleicht war es eine Nachlässigkeit, vielleicht dachte Leon auch, eine jünger aussehende Vortragende würde ein größeres Publikum anziehen – jedenfalls versandte er online das falsche Foto und ließ es dann ebenfalls (auch nachdem ich ihn auf den Fehler hingewiesen hatte) in den Prospekten drucken. Unser abschließendes Gespräch dazu verlief so:
Ich: »Wie kann das sein? Sie haben das zwanzig Jahre alte Foto online gepostet. Und nachdem wir über den Fehler gesprochen hatten, haben Sie trotzdem dasselbe Bild auch für den Prospekt verwendet.«
Leon: »Ich habe das Foto verwendet, das ich im PC gefunden habe. Ich kann nicht immer auf alles achten. Ich bin nicht perfekt.«
Ich: »Es geht hier nicht um Perfektion. Ich wollte einfach gern, dass ein aktuelleres Foto benutzt wird.«
Leon: »Es tut mir leid, dass Ihnen das Foto so wichtig ist. Ich glaube nicht, dass den Teilnehmern Ihr Aussehen so viel bedeutet.«
Ich: »Der Punkt ist, dass ich Sie gebeten hatte, das Foto zu verwenden, das ich Ihnen geschickt habe.«
Leon: »Also gut, ich entschuldige mich. Es tut mir leid, dass Sie sich über Ihr Foto so aufregen. Ich wusste nicht, dass das für Sie ein so heikles Thema ist.«
Leon war nicht der Entschuldigungstyp. Er versuchte, mich
