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Burnout und psychische Erschöpfung sind der Preis, den der moderne Mensch für Karriere und Erfolg zahlt. Der Autor spürte nach 16 Jahren als Informatiker, dass ihn ein Leben rund um Zugriffskontrollsysteme, verschiedene System Landschaften, IT-Sicherheit, IT-Forensik, Kryptografie und Risk Management nicht mehr zufrieden stellen konnte. Auf der Suche nach sich selbst beschloss er, den Jakobsweg zu gehen. Kein leichtes Unterfangen. Der "Camino de Santiago" durchquert Nordspanien von den Pyrenäen bis an die Atlantikküste. In Santiago de Compostela endet der rund 900 km lange Fußweg. Um es noch perfekter zu machen, erweitert er das Ziel bis zum Kap Finisterre, dem "Ende der Welt". Erleben Sie mit, welche Veränderungen in einem Menschen vorgehen, der sich einen Monat lang weit weg von Familie und Freunden auf den Weg macht, um seine Erfüllung zu finden.
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2018
Ich widme dieses Buch meiner Tochter Elisa und meinem Sohn Alexander. Auch meine Eltern und meine Schwester schließe ich ein. Zudem alle Leser, die sich in diesem Buch wiederfinden auf der Suche nach dem Sinn oder Unsinn des Lebens.
Florian Bugar
Meine Erkenntnisse auf dem Jakobsweg
© 2018 Florian Bugar
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
© 2014 Florian Bugar
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Verlag: Tredition
ISBN: 978-3-7469-4269-8
ISBN: 978-3-7469-4271-1
Umschlaggestaltung: Florian Bugar
Fotos: Florian Bugar
Titelfoto: Alexander Ess
Layout: Florian Bugar
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Ich habe mein ganzes Leben lang nur versucht, nach oben zu kommen in der Gesellschaft, wo es legal und ehrlich zugeht. Aber je höher ich aufsteige, umso verlogener und schlimmer wird alles.“
(Al Pacino in „Der Pate – Teil III“)
Ich hatte noch nie den Drang zum Schreiben verspürt. Weder vor dem Camino noch zwei Monate danach. Ich hatte nichts mitzuteilen. Nicht, dass mein Leben bis jetzt langweilig verlaufen war, nein, ich wusste einfach nicht, ob ich bereit war, irgendjemandem Bericht zu erstatten. Und vor allem in welcher Sprache sollte das geschehen? Das war eine große Herausforderung. Meine persönlichen Erfahrungen, Erkenntnisse in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache war, auf Papier zu bringen. Ich denke deutsch, das heißt, ich sollte deutsch schreiben. Ich hatte aber meine Bedenken. Ich hatte noch nie einen Deutschkurs besucht und da mein deutscher Wortschatz sehr begrenzt ist, würde ich nicht alles verständlich beschreiben können.
Mein ganzes Leben lang war ich auf der Suche, hatte vieles ausprobiert, nie zufrieden, immer versucht, besser zu sein als andere, nach den Sternen greifend. Höher und höher wollte ich, kein Ende in Sicht.
Nach 16 Jahren als Informatiker spürte ich, dass durch die Globalisierung eine Weiterentwicklung unmöglich war und das nicht mehr das Richtige war. Also kündigte ich meinen Job. Bis zum Camino drehte sich in meinem Leben alles um Sicherheit, physische Sicherheit, Zugriffskontrollsysteme, Telekommunikations- und Netzwerksicherheit, Risk Management, Datensicherheit, Datenwiederherstellung, Kryptografie, IT-Forensik, ethisches Hacking und Penetrationstests sowie realitätsbezogene Selbstverteidigung und Personenschutz. Ich gab mich nicht nur mit einem dieser Bereiche zufrieden. Ich wollte alle bis zur Perfektion beherrschen. Auffällig unauffällig, wenn möglich. Somit hatte ich das Profil eines Täters, laut forensischer Psychologie, und war keinesfalls ein Sicherheits-Freak.
Noch heute verfolgen mich einige Zwänge aus der Kindheit, die ich bisher nicht ablegen konnte. Im Buch werden sie immer wieder sichtbar …
„Der Weg ist das Ziel.“(Konfuzius)
„Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.“ (Unbekannt)
Als Jugendlicher träumte ich davon, die Sahara in Begleitung von Tuareg mit Lastkamelen von Mali nach Ägypten zu durchqueren. Vor 13 Jahren las ich Paulo Coelhos „Der Alchimist“ und fühlte mich bestätigt, sah aber keine Möglichkeit, diese Reise zu machen. 5.500 km quer durch die Sahara, zu Fuß und per Kamel, wird noch ein Traum bleiben.
Meine Frau brachte mich auf die Idee, auf dem Jakobsweg zu pilgern und Coelhos „Der Magier“ inspirierte mich dazu.
Ich wusste noch nicht viel über Pilger und Pilgerwege.
Diese Idee der Pilgerschaft verfolgte mich Jahre und ließ mich nicht mehr los.
Ich las, dass es im Mittelalter drei Hauptpilgerorte der Christenheit gab: Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela. Der Pilgerweg nach Jerusalem: Hier zogen wohlhabende Pilger in der Regel den Weg über die Alpen nach Venedig, um von dort mit dem Schiff ins Heilige Land zu reisen.
Ärmere bevorzugten den Landweg über den Balkan und durch das Gebiet der heutigen Türkei.
Der Frankenweg (Via Francigena) ist die Weitwanderroute von Canterbury zum Grab des heiligen Petrus nach Rom. Es handelt sich um ein Wegesystem. Sämtliche Wege, die nach Rom führen, werden unter dem Namen Vie Francigene (Frankenwege) zusammengefasst.
Als Jakobsweg (spanisch Camino Santiago) wird der Pilgerweg von Saint-Jean-Pied-de-Port durch das Baskenland, Navarra, Rioja, Kastilien-León zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Galicien (Spanien) bezeichnet.
Ich entschied mich für den Jakobsweg. Den letzten Anstoß und Impuls dazu gab mir Emilio Estevez‘ Film „The Way“ mit Martin Sheen und Kathy Bates. Meine Frau und ich sahen ihn gemeinsam. Am Ende des Films eröffnete ich ihr, dass ich den Jakobsweg machen würde, nicht bis Santiago de Compostela, sondern bis ans „Ende der Welt“, bis zum Kap Finisterre …
In der vorchristlichen Zeit des Jakobswegs galt das Kap Finisterre als das eigentliche Ziel (gallisch Cabo Fisterra, abgeleitet vom lat. finis terrae, „Ende der Welt“).
Heute gehört der Camino a Fisterra nicht zu den Jakobswegen, weil er nicht Santiago de Compostela zum Ziel hat, wird jedoch in den Chroniken des 12. Jh. erwähnt und beschrieben.
Ich halte mich für sportlich (als Jugendlicher – Leistungssportler der Leichtathletik, Shotokan Karate, Radsport, seither unregelmäßig Fitness und realitätsbezogene Selbstverteidigung, Schießen), wandern aber war ich nicht so richtig gewesen. Wanderer konnte ich bisher auch nicht verstehen. Die haben nicht alle Tassen im Schrank! Das dachte ich auch über die Radfahrer, bis ich einer von ihnen wurde.
Über die Pilger müssen wir sowieso nicht reden.
Ich konnte mir lange nicht erklären, was das Besondere am Jakobsweg und rund um Pilgerschaft generell war. Warum sich viele Leute quälen und die Strapazen des über 900 km langen (bis Kap Finisterre oder Muxia) Fußmarsches auf sich nehmen.
Kommen wir zurück auf mein Vorhaben. Nachdem ich die Reise äußerte, holte mich die Realität direkt ein und die Idee landete im Eimer. Aussagen wie „Kannst eh vergessen!“, „Wann?“, „Wie?“, „Mit was?“, „Wer gibt dir fünf Wochen Urlaub an einem Stück?“, „Du hast Familie, was ist mit deinen beiden Kindern?“ kamen mir in den Sinn.
Die Einwilligung meiner Frau kam daher überraschend:
„Warum denn nicht? Du gehst deinen Weg dieses Jahr und ich meinen nächstes …“ Mehr brauchte ich nicht.
Ein paar Tage später begann ich mich zu informieren, Blogs und Foren zu durchstöbern und mein Equipment zu bestellen. Ich brauchte nicht viel. Den benötigten militärisch-ähnlichen Rucksack, die selbstaufblasende Semptek Thermo-Isomatte und die Löwa-Bergschuhe hatte ich schon länger.
Ich kaufte mir noch funktionale Unterwäsche von Kaikkiala, Poloshirts von Meru und Socken mit Silberionen, eine Zipp-Off-Hose von Jack Wolfskin, die sich per Reißverschluss zu Shorts verkürzen lässt. und einen leichten Mumienschlafsack von Meru. Ebenso erstand ich eine Regenhose und -jacke und am Ende entschied ich mich noch für einen Jack Wolfskin Texapore-Sonnenhut anstelle der 5.11 Schildkappe.
Innerhalb der nächsten zwei Wochen hatte ich meinen Rucksack halb voll. Ich war bereit, eigentlich … wäre da nicht meine unvollständige Reiseapotheke gewesen und außerdem wusste ich noch nicht, wie ich nach Saint-Jean-Pied-de-Port komme.
Nach langen Recherchen fand ich über Amazon eine Online-Apotheke, die nach Österreich liefert und Antibrumm Forte im Sortiment hat. Das einzig funktionierende Insektenspray, meiner Meinung nach, welches zusätzlich angenehm riecht, Fliegen, Mücken und Bettwanzen fernhält.
Meine letzte Bestellung war auf dem Weg und ich hoffte, dass sie rechtzeitig ankommen würde.
Es war bereits der 22. Juni und ich hatte mir den 1. Juli als Start in meinen Kopf gesetzt. Als Nächstes musste ich mich entscheiden, wie ich nach Saint-Jean-Pied-de-Port komme: zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Pferd, Auto, Bus, mit Flugzeug oder mit der Bahn. Viel Spielraum war da nicht. Für meine Anreise entschied ich mich für den Zug. Gut gelaunt nahm ich Kurs zum Bahnhof. Am Kartenverkauf-Schalter angelangt, verlangte ich eine Fahrkarte, zweite Klasse, einfach, von Feldkirch nach Saint-Jean-Pied-de-Port.
Der Angestellte schaute auf seinem Computer und fragte mich erstaunt:
„Wo zum Kuckuck ist San-Djean-irgendetwas, im welchem Land liegt es überhaupt?“
„Das ist natürlich in Frankreich …“, du Blödmann, ergänzte ich in Gedanken.
„Oh, keine Chance! Da ist noch der TGV im Spiel.“
„Wie bitte?!“
„TGV … Wissen Sie, ist eine private Bahngesellschaft und wir haben keinen Zugriff auf die Datenbank und können somit keine Reservierungen tätigen …“
„Spielt keine Rolle! Ich will nicht mit dem TGV …“
„… Keine Chance! Am TGV kommen Sie nicht vorbei. Leider Gottes! Und das geht nur online …!“
„Wie, nur online?!“
„Sie können einzig online reservieren, aber eine Reservierung für Freitag oder Samstag zu machen, unmöglich …“
„Warum zum Teufel keine Reservierungen für den Freitag oder den Samstag?“
„Weil es nur noch fünf Tage sind! Sie hätten früher auf die Idee kommen müssen. Ich könnte für Sie von Feldkirch nach Zürich einen Platz reservieren und einen Stehplatz im TGV von Zürich nach Paris-Lyon. Von Paris müssen sie selber schauen und online buchen …“
Shit, dachte ich mir. Was soll ich jetzt machen? Ich hatte die zwei Karten in der Hand. Und in Frankreich? Zu Hause fing ich an, zu surfen, und fand die tgv-europe.de-Webseite. Ein Platz in der 2. Klasse war unmöglich zu bekommen.
Welch Glück, ich ergatterte den letzten in der 1. Klasse. ‚Jetzt kann meine Reise beginnen‘, dachte ich mir, um direkt danach in Gedanken Stop zu schreien … nicht ohne meine Reiseapotheke.
Am Dienstag, dem 26. Juni kamen meine zwei Guides, die ich bei Amazon bestellt hatte, an, der Outdoor (Spanien: Jakobsweg – Camino Francés) von Raimund Joos und Michael Kasper und der Rother-Wanderführer (Spanischer Jakobsweg) von Cordula Rabe.
Mitgenommen habe ich letztendlich den Outdoor, weil ich dann beim Durchstöbern feststellte, dass mir dieser wesentlich mehr zusagte. Ich hatte fast alles beisammen und im Büro zu Hause überall verteilt.
Als meine Frau „zufällig“ das ganze Chaos sah, fragte sie:
„Schatz, was ist das für Zeug? Wofür brauchst du das?“
Sie war an meine militärischen und polizeilichen Trainingsequipments gewöhnt, aber das hier war etwas anderes:
„Was?! Was genau willst du wissen?“
„Was ist das für Zeug?“, fragte sie erneut.
„Wir haben uns darüber unterhalten und du warst damit einverstanden. Das Ganze ist für den Camino.“
„Ah! … Ja, ja … Nein, … aaaber das war nur so daher gesagt. Ich wusste nicht, dass du es ernst meinst. Du hast nicht weiter darüber geredet …“
„Was soll ich sagen, ich habe die Fahrkarten schon.“
„Und wann geht die Reise los?“
„Sonntag um 5:45 Uhr!“
„Und wann bist du am Ziel? Wo ist das Ziel überhaupt?“
„Ich komme ca. 22:35 Uhr in Saint-Jean-Pied-de-Port … Oh, Shit!“
„Warum Shit?“
„Erst jetzt kommt mir in den Sinn, dass laut meinen Guides alle Albergues um 22:00 Uhr schließen!“
„Albergues?“
„Eine Art Jugendherberge, Pilgerherberge genauer gesagt. Eine Unterkunft für Reisende, die sich auf einer Wallfahrt befinden. Ich komme um 22:30 Uhr an und ich will nicht unbedingt auf der Straße übernachten!“
Ich fing an, E-Mail-Anfragen an alle Unterkünfte in Saint-Jean-Pied-de-Port zu schicken.
Am Freitag, dem 29. Juni hatte ich dann eine Reservierungsbestätigung von einer Danielle vom „L‘auberge du pèlerin“ (französisch Pilgerherberge).
Ich hoffte, dass meine noch fehlenden Puzzle-Teile aus meiner Reiseapotheke am Samstag, dem 30. Juni ankommen würden. Ich hatte Pech. Später erfuhr ich, dass mein Paket erst am Dienstag, dem 3. Juli geliefert wurde.
Am Sonntagmorgen, dem 1. Juli um 5:30 Uhr, ohne vollständige Reiseapotheke, brachte mich meine Frau zum Bahnhof und wir verabschiedeten uns.
Allein blieb ich zurück, allein mit mir und meinem 13 kg schweren Rucksack.
25 Kilos wog er noch ein paar Stunden vorher.
„Sag mal, weißt du, wie schwer der Rucksack ist?“, fragte mich meine Frau, während sie ihn betrachtete.
„Keine Ahnung, so zwischen 12 und 15 kg würde ich mal sagen …“
„Ganz sicher nicht! Komm, den wiegen wir! Waaas? 25 kg?! Bis du verrückt? Das ist keine 2-Stunden-Wanderung im Wald hinterm Haus! Es sind mehr als 900 km … und das Ganze mit 25 kg auf dem Rücken …“
„Nee, nee! Du hast Recht! Was too much ist, ist too much!“ Und somit verzichtete ich auf 10 kg. 10 unnötige Kilos mit unwichtigem Zeug, von dem ich mich schwer trennen konnte.
Erkenntnis des Tages:
„Weg mit dem Ballast! Ausmisten im Kopf.Kopf und Rucksack von unnötigem Ballast befreien!Rucksack und mentale Ebene ausmisten.“
„Kein Ereignis hat irgendeine Macht über dich, außer der, die du ihm gibst.“ (Anthony Robbins)
Ich fand ein paar Websites über die Schattenseiten des Jakobsweges. Viele schlechte Erfahrungen waren dort gesammelt, über Überfälle, Unfälle, Anmache, Gefahr des Verlaufens, Vergewaltigungen. In Gedanken machte ich mich auf das Schlimmste gefasst.
Ich vergaß, dass Spanien in der EU ist und wir im 21. Jh. leben und vor allem, dass wir uns nicht im Krieg mit Spanien befinden oder in irgendeinem Bullshit-Krieg gegen den Terror. Das ist schwer für mich in Einklang zu bringen, ich als Sicherheits-Fanatiker. Ich bin ein Mann der Extreme, der keinen Mittelweg kennt. Es gibt nur entweder oder!
Man sagt über uns, damit meine ich die IT-Security-Fuzzis: „Ihr seid zu paranoid!“, und wir fragen uns oft, ob wir paranoid genug sind. Das aber ist eine andere Geschichte.
Nun befand ich mich am Feldkircher Bahnhof, allein. Nicht ganz allein. Ich hatte meinen Rucksack und meinen Kopf, mit all meinen Vorurteilen gegen Rassen, Völker, Religionen, gegen Fette, gegen Dünne, gegen Riesen und gegen Zwerge, gegen Sozialschmarotzer, gegen Migranten, obwohl ich selbst Migrationshintergrund habe (zugewandert vor 22 Jahren aus Siebenbürgen) … gegen Politik, gegen Outsourcing, gegen Globalisierung, gegen übertriebenen amerikanischen Patriotismus und religiösen Fanatismus, der nicht besser ist als der islamische Fanatismus, gegen Wichtigtuerei, gegen andere Meinungen, gegen Gott und die Welt …
Ich war eine tickende Zeitbombe.
All diese Vorurteile, die mein Leben schwer machten.
Ich war kurz vor einer gewaltigen Explosion. Das waren Probleme, die keine waren. Die Fußfessel mit schwerer Eisenkugel hatte ich mir bereits vor Jahren zugelegt. Ich pendelte, wie vermutlich die meisten Menschen, zwischen der Vergangenheit und der Zukunft und das, was direkt vor meiner Nase lag, sah ich nicht. Ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Es war höchste Eisenbahn, die Notbremse zu ziehen, bevor alles den Bach runtergehen würde.
Und so merkte ich nicht, dass ich mich schon im Zug Richtung Zürich befand. Am Züricher Hauptbahnhof angekommen, nahm ich den direkten Weg zum neuen, italienischen Café „Il Baretto“. Mit einem doppelten schwarzen Kaffee (der nicht sonderlich schmeckte) und einem Croissant gewappnet, rannte ich Richtung Informationsschalter. Ich hatte Pech. Es war Sonntag, 7:00 Uhr in der Früh, der Schalter war geschlossen. Ich fand den TGV ohne weitere Infos und dieses Mal hatte ich tatsächlich Glück – trotz gebuchtem Stehplatz fand ich einen Sitzplatz am Fenster. Fünf Stunden bis Paris-Lyon und ich hätte meine Ruhe.
Ich versuchte, meine Zeit mit Lesen zu vertreiben. Ich las „Siddhartha“, eine indische Erzählung von Hermann Hesse, geschrieben zwischen 1919 und 1922. Siddharta war auf der Suche nach dem eigenen Ich, der Erkenntnis, Erfüllung und dem Glück. Auf seiner Suche probiert er viele Wege aus, von der Askese bis hin zum Leben im Überfluss …
Ich wurde kurz unterbrochen:
„Mesdames, Messieurs, Bonjour. On peut voir les billets, s’il vous plaît? Die Fahrkarten, bitte!“
Ich war überrascht – der Schaffner war ein Farbiger mit Südstaatenfeeling …, aber weiter im Text.
Siddhartha zeigt, dass Erkenntnis nicht durch Lehren zu vermitteln ist, sondern durch eigene Erfahrungen. Ein hervorragendes Buch für Menschen, die im Umbruch sind.
Im Vergleich zum Hauptdarsteller des Buches, der wusste, wonach er sucht, war ich mir noch im Unklaren.
Mein ganzes Leben lang war ich auf der Suche. Ich hatte mich oft selbst erfunden, viel ausprobiert und war nicht zufrieden mit dem, was ich hatte und erreicht hatte.
Für mich stand an erster Stelle, niemals aufzuhören und auf einem Fleck zu verharren, immer weiter, alles perfekt, in Konkurrenz mit anderen, jemandem und vor allem mir etwas beweisen zu müssen.
Bloß nicht stagnieren, das setzte ich gleich mit dem Tod.
„Mesdames et Messieurs, dans quelques minutes nous arrivons à Paris-Lyon, notre destination finale. Bonne Journée, au revoir! – Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Paris-Lyon, unseren Zielbahnhof. Einen schönen Tag noch, auf Wiedersehen!“
Ich merkte nicht, wie schnell die Zeit vergangen war, spürte jedoch ein bohrendes Hungergefühl. Das schob ich beiseite und begab mich zum „Bureau d‘Information“, Informationsschalter. Am ersten Schalter angekommen, sah ich zwei Reihen Wartender. Nach Hautfarbe und Kleidung zu urteilen bekam ich das Gefühl, mich in Nordafrika zu befinden. Dieses Gefühl kannte ich.
Ich erinnerte mich an Genf, wo ich vor ein paar Monaten war, als ich meine Prüfung zum Certified Information Systems Security Professional (CISSP) abgelegt hatte. Komisch, ich war viel unterwegs gewesen und trotzdem fühlte ich mich total fehl am Platz, als käme ich geradewegs von einer Alm.
Ein farbiger Bediensteter gab mir zu verstehen, dass ich nicht am richtigen Informationsschalter war, und zeigte in die entgegengesetzte Richtung. Trotz erforderlicher Infos fühlte ich mich überfordert. Schlussendlich fuhr ich mit dem Bus circa 20 Min. und gelangte so zu meinem nächsten Zwischenstopp, dem „Gare Montparnasse“.
In Montparnasse hatte ich 30 Min. Zeit totzuschlagen.
Ich konnte vor Ort, im Bahnhofsrestaurant, endlich mein Loch im Magen füllen. Nach sechs weiteren Stunden über Bordeaux erreichte ich Bayonne.
Hier musste ich eine Stunde auf einen „Bummelzug“ warten, der ca. dreimal am Tag nach Saint-Jean-Pied-de-Port fährt. Wenn man den verpasst, muss man in Bayonne übernachten oder ein Taxi nehmen und mit mehr als 80 Euro rechnen.
Das kam für mich nicht in Frage. Ich suchte schnellstens das passende Bahngleis und stellte fest, dass es sich auf dem entgegengesetzten Ende befand. Nachdem ich einen engen und ungepflegten Verbindungstunnel passiert hatte, befand ich mich am richtigen Gleis, aber mitten auf einer Baustelle. Hier stand ein leerer Personenwagen, Lokomotive zugleich, Abfahrt in beide Richtungen möglich.
Ich wusste noch nicht, ob das mein Zug war. Zudem musste ich noch auf die Toilette und ich hatte mal wieder Hunger.
Dann sah ich ständig komische Gestalten, die mich beunruhigten. Ich war in Alarmbereitschaft. Auf dem Polizei-Farbsystem für Terror-Warnstufen wäre das Orange eher ein Rot gewesen. Ich verzichtete auf den Gang zur Toilette, auf Essen aber nicht. Ich hatte noch zwei leckere Schinken-Käse-Sandwiches von meiner Frau, vorbereitet und liebevoll in Alufolie verpackt. Die kamen mir jetzt ganz recht. Nachdem ich mein zweites Schinken-Käse-Sandwich verputzt hatte, sah ich ein älteres Ehepaar in Richtung des leeren Waggons gehen und sprach sie an:
„Excusez moi, est-ce-que c’est le train vers Saint-Jean-Pied-de-Port? – Verzeihung, ist das der Zug nach Saint-Jean-Pied-de-Port?“
„Oui, bien sûr … vous pouvez déjà monter et occuper une place: bientôt, ça va être rempli de monde … Selbstverständlich, kommen Sie rein und nehmen Sie Platz, weil sich der Zug bald füllt.“
Meine Französischkenntnisse waren eingerostet. Kein Wunder, ich hatte sie mehr als 26 Jahre nicht mehr benötigt.
Gut, ich nahm meinen Rucksack und suchte mir einen Platz. Ich bat dieses ältere Ehepaar, mal ein Auge auf mein Zeug zu werfen, und eilte zur Toilette. In der letzten Viertelstunde füllte sich der Zug langsam mit Rucksacktouristen. Pilger?! Kurz bevor der Zug losfuhr, sah ich eine junge Frau mit schwerem Rucksack am Bahngleis stehen. Sie wirkte verwirrt: „Excuse me, is this the train to Saint-Jean-Pied-de-Port? – Entschuldigen Sie, ist das der Zug nach Saint-Jean-Pied-de-Port?“
Ich bestätigte ihre Annahme und begann ein Gespräch mit ihr: „Are you pilgrim, too? Where are you coming from? – Bist du auch ein Pilger? Woher kommst du?”
„Yes, I’m a pilgrim and I come from Germany. – Ja, ich bin ein Pilger und komme aus Deutschland.“
„Aha, dann können wir uns deutsch unterhalten.“
„Bist du auch Deutscher?“
„Nein, ich komme aus Österreich. Vorarlberg …“
„Ich war mal in Salzburg …“
„Wo übernachtest du heute?“
„Keine Ahnung. Ich habe noch nichts gefunden …“
„Hast du nichts reserviert?“
„Nein. Habe gehört, dass es jede Menge Albergues in Saint-Jean gibt.“
„Ja schon, aber wir kommen erst um 22:35 Uhr an und alle Albergues schließen um 22:00 Uhr!“
Erschrocken holte sie ihren Rother-Wanderführer raus und fing an, die Albergues der Reihe nach anzurufen, erfolglos.
„Warte mal kurz …“, sagte ich und holte die Nummer meiner Albergue raus und rief dort an. Nach einer kurzen Rückfrage hatte sie einen Platz zum Schlafen.
Kurz danach erreichte ich endlich mein Ziel – den Startpunkt meiner Pilgerschaft.
Wie ein Schwarm Wanderheuschrecken fielen die Pilger über die Albergue in Saint-Jean-Pied-de-Port her. Wir waren eine große Gruppe, wartend vor dem „L‘auberge du pèlerin“.
Als Danielle herauskam, verlangte sie sofort nach Reservierungsbestätigungen. Ich hatte eine und machte Danielle auf meine Begleitung aufmerksam, die vor ein paar Minuten eine telefonische Reservierung vorgenommen hatte. Wir wurden reingebeten, während die anderen das Weite suchen mussten. Das Haus hatte zwei Etagen. Mir wurde ein Bett im ersten Stock zugewiesen und meine Begleitung bekam eines im zweiten. Männer und Frauen wurden getrennt. Das erlebte ich auf dem Camino nur dieses eine Mal.
„Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“
(Goethe)
In meinem Zimmer waren drei Iren, ein Franzose und ein Südafrikaner – das erste Schnarchkonzert erklang und ich überlebte. Gegen 5:30 Uhr stand ein Ire auf, eine halbe Stunde später rührten sich die anderen beiden und um 7 Uhr gab ich meine Nachtruhe auf. Nach der Morgentoilette trottete ich Richtung Frühstücksraum.
Es gab ein Continental Breakfast, einfaches Frühstück, das Brot, Butter, Marmelade oder Konfitüre, Orangensaft sowie ein heißes Getränk beinhaltete. Einfach, sehr einfach. Ich hatte es mir anders vorgestellt im Hinblick auf den Weg, der vor mir lag. Ich sollte mich damit anfreunden, dachte ich. Normalerweise frühstücke ich kaum, wenn überhaupt nur am Wochenende. Aber Kaffee ist mir sehr wichtig und sollte Kaffee sein, nicht ein trübes teeähnliches Gebräu.
Meinen letzten echten Kaffee trank ich daheim, und wie es aussah, sollte das so bleiben.
Nach einer weiteren Stunde erschien meine Begleitung im Frühstücksraum. Ein bisschen Small Talk zwischen allen Anwesenden folgte. Wer kommt von woher, warum ist man da, was bewegt jemanden, diesen Trip zu machen, ist es das erste Mal, wie weit will man laufen, stecken religiöse Gründe dahinter, sportliche oder spirituelle? Die verschiedensten Gründe kamen zutage.
Um kurz vor 9:00 Uhr begannen wir, uns alle zu verabschieden, und wünschten uns gegenseitig das typische „Bon Camino“.
Ich ließ noch meinen Pilgerausweis (Credencial del Peregrino) stempeln. Mein erster Stempel – was für ein Gefühl!
Anhand des Pilgerausweises überprüft man, ob die für das Ausstellen der Pilgerurkunde „La Compostela“ geforderte Strecke des Jakobsweges zu Fuß, auf dem Pferd oder mit dem Fahrrad zurückgelegt wurde. Der Pilgerausweis oder der Credencial dient zwei praktischen Hauptzwecken:
Zum Erhalt der Compostela, der Pilgerurkunde, und als Herbergsausweis, ohne den man nicht in Pilgerherbergen übernachten kann. Er besteht aus vierzehn Seiten, die wie ein Akkordeon zu öffnen sind. Auf der ersten Seite findet man Platz für seine persönlichen Daten. Auf den weiteren kommen dann nach und nach die Stempel der Pilgerschaft, die man in verschiedenen Hotels, Albergues, Hostels, Bars und Pilgerbüros entlang des Caminos bekommen kann.
