Vertrauen in sozialen Systemen – Gefahr oder Chance? - Walter Schwertl - E-Book

Vertrauen in sozialen Systemen – Gefahr oder Chance? E-Book

Walter Schwertl

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Beschreibung

Vertrauen ist in relevanten sozialen Prozessen unverzichtbar. Oft wird es als gegeben angenommen. Walter Schwertl erklärt, dass das Entstehen und Bewahren von Vertrauen nicht von menschlicher Kommunikation zu trennen ist. Vertrauen ist eine Kommunikationsleistung und verliert damit seinen schicksalhaften Charakter. Ausgehend von Grundvertrauen, das Voraussetzung für gelingendes Leben ist, werden die Kategorien gerichtetes Vertrauen und Zuversicht eingeführt. Fundierte Definitionen bringen eine nachvollziehbare Ordnung in die Bedeutungen von Vertrauen. Ausgehend von dieser theoretischen Rahmung widmet sich der Autor einzelnen Arbeitsfeldern. Mit authentischem Praxismaterial lässt er die Leserschaft an Beratungsprozessen von Businesscoaching bis zur Familien- und Paartherapie teilhaben. Die große thematische Bandbreite und Perspektivenvielfalt machen dieses Werk zu einem spannenden Lesebuch.

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für meinen EnkelHenry Arthur,dessen Grundvertrauenimmer wieder Lichtin die Räume bringt.

Walter Schwertl

Vertrauen in sozialenSystemen – Gefahr oderChance?

Ein Lesebuch für Coaching, Beratung und Therapie

VANDENHOECK & RUPRECHT

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2025 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill BV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill BV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Brill Wageningen Academic, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau und V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Constanze Rad

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

EPUB-Erstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

E-Mail: [email protected]

ISBN 978-3-647-99253-2

Inhalt

Vom roten Faden und roten Linien

Vorwort von Elke Ratsfeld

Einführende Bemerkungen

Vertrauen – ein schwieriges Konstrukt

Vertrauen und soziale Systeme

Die Kehrseite: Misstrauen als Kulturprogramm

Vertrauen und therapeutische Prozesse

Über das Trauschauwem

Epilog von Karl Müller

Abschließendes und Dank

Literatur

Vom roten Faden und roten Linien

Vorwort von Elke Ratsfeld

Ich finde, Sie haben ein wirklich schönes, lehrreiches, interessantes und vielfältiges Buch vor sich.

Wer schreibt, mutet sich Linearität zu. Ein Gedanke muss sich gedulden, bis der vorherige Gedanke erläutert ist. Jeder Satz kann erst geschrieben werden, wenn der vorherige Satz mit einem Punkt beendet wurde. Einen Absatz kann ich nur exklusiv und treu lesen, denn ich kann nicht andere gleichzeitig neben ihm lesen. Und doch gibt es zum Thema Vertrauen so viele Assoziationen, die sich in unserem Gehirn gleichzeitig entzünden, neue Ideen und gedachte Gedanken, die wie in einem Kaleidoskop mit bunten Steinchen immer wieder neue Muster erzeugen. Walter Schwertl hat sich der Aufgabe gestellt, ein solches Kaleidoskop in einen Text zu gießen, und das mag sicher keine leichte Aufgabe gewesen sein.

Er webt ein feines Muster und schenkt uns ein Lesebuch, das vielfältig, klug und anschaulich Theorie, eine jahrzehntelange praktische Beratungserfahrung, durchzogen von Beispielen, und ein bisschen Autobiografie (in der Auseinandersetzung mit Theorie und Zeitgeist) verbindet. Walter Schwertl blickt auf ein langes und selbst kreiertes Berufsleben zurück, das sich von Familientherapie bis zu Beratung von Organisationen und ihren Führungskräften erstreckt. Seine Passion war und ist die Beschäftigung mit Systemtheorien. Sein Zweifeln, sein Hinterfragen und Durchdringen schlagen einen weiten Bogen von Maturana, den er als Brückenbauer zwischen Naturwissenschaften und Philosophie beschreibt, über Luhmann, Watzlawick, von Foerster und anderen Denkern und Forschern. Er zitiert aus Gesprächen mit Beratungskunden, erzählt Geschichten von seinen Klienten und von Vertrauensvorschüssen als Grundlage jeder Beratung. Walter Schwertl zieht konsequent seinen roten Vertrauensfaden durch und beleuchtet sein Thema Vertrauen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Dabei geht er wunderbar auch auf die Kehrseite der Medaille ein und markiert die roten Linien. Das Gift des Misstrauens: Wie entsteht es und welche Dynamiken aus Kontrolle und eben Misstrauen ergeben sich?

Den Abschluss des Buches bildet der Beitrag von Karl Müller, einem renommierten Literaturwissenschaftler, Freund aus Kindertagen des Autors und Weggefährte. Er lässt uns durch das Schlüsselloch blicken und Fülle entdecken: Brecht, Fontane, Schiller und die beiden Jungs aus Kindertagen. Von der Bibel bis zum Nationalsozialismus bis in die heutige Großwetterlage. Ein schillernder Stoff, mal hell, mal dunkel.

Ich könnte nun das Lob – wie sollte ich auch anders, als langjährige Lernende und Kollegin – beenden, mit den Worten: Vertrauen Sie mir.

Aber wie könnten wir systemischen Berater anders, als mit einem Zitat Norbert Wieners zu enden, der 1948 schrieb: Was ich gesagt habe, weiß ich erst, wenn ich die Antwort darauf kenne (Wieners, 1948/1969).

Das Wunderbare an diesem Buch ist, dass es vermutlich sehr viele Menschen lesen werden, es also sehr viele unterschiedliche Rezeptionen geben wird. Vielleicht finden Sie, lieber Leser, liebe Leserin, neue Fragen oder unvermutete Antworten. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie beim Lesen ebenso viel Freude haben werden, wie ich sie hatte.

Dr. Elke Ratsfeld

Einführende Bemerkungen

Ob in verschiedenen Beratungssettings, in Kontexten von Weiterbildung oder als Professor einer Hochschule begleitete mich immer wieder eine Überlegung: Diese Menschen, deren Augen oft auf mich gerichtet waren, schenkten mir ihr Vertrauen.1

Vertrauen ist ein uns sehr bekanntes, oft dahingeworfenes Wort. Aber wer sich ernsthaft damit beschäftigt, merkt schnell: Dieser Begriff und seine Bedeutung entschwinden immer wieder, neue Perspektiven öffnen sich ständig. Vertrauen berührt die kleinen und großen Verhandlungen, die Arbeit in Teams, die Erfüllung in Partnerschaften oder den Erfolg von Beratung, aber auch jene sozialen Systeme, in denen Misstrauen und Kontrolle herrschen, nur mit anderen Vorzeichen. Wer von Vertrauen umgeben ist, spürt eine gewisse Leichtigkeit, nimmt dies gern als selbstverständlich hin. Dort, wo sie fehlt oder Misstrauen dominiert, wird es schwergängig, und schnell ist die Forderung im Raum, der andere – natürlich der andere! – müsse vertrauen. Komplex ist es, dieses Vertrauen. Mit dem vorliegenden bunten Lesebuch soll aber Licht ins Dunkel gebracht, neugierig gemacht und angeregt werden, neu oder überhaupt über Vertrauen nachzudenken. Ob dies gelungen ist, werden die Leser2 entscheiden.

Beginnen wir damit, Vertrauen auf die beraterische Praxis zu übertragen, aus der ich komme: Mit der Zeit lernten viele Therapeuten, darauf zu verzichten, sich von ihren Beratungskunden ein Bild mit Objektivitätsanspruch zu machen und sie entsprechend objektiv beurteilen zu wollen. Aber was war die Alternative? Aus Informationen, die durch Fragetechnik entstanden, wurden Hypothesen generiert. Diesen zu vertrauen, bedeutete eine neue, aber noch grobe Leitlinie für eine andersartige Interviewführung. Wie aber konnte man sicher sein, trotz Kontingenz3 das Richtige zu tun? Die Antwort war kurz, aber der Erkenntnisprozess ein langer: Die gesuchte absolute Sicherheit gibt es nicht. Als Businesscoach, Psychotherapeutin oder in anderweitigen psychosozialen Berufen tätig zu sein, bedeutet immer, unter den jeweiligen Bedingungen von Kontingenz zu arbeiten und diese mit Vertrauen zu überwinden (Schmidt u. Schwertl, 2019): Schmidt sprach Jahre später von Kontingenzfähigkeit, allerdings nicht ohne eine gewisse Skepsis. »Mir ist klar, dass ein Kontingenzdenken philosophisch, sozial und politisch inopportun ist. Es verbaut die Ausflucht in welches Absolute auch immer, ist eine narzisstische Kränkung unseres Anspruchs auf Wahrheit, Beherrschbarkeit, Steuerbarkeit und Entscheidbarkeit – und auch unseres Anspruchs auf Herrschaft über andere« (Schmidt, 2012, S. 128).

Vertrauen in Beratungsprozessen, welchen Titel sie auch tragen, bedeutet, auf die Fähigkeit der Berater und Beraterinnen zu setzen, Fehlentwicklungen zu erkennen und das Lösungspotenzial als wertvollstes Gut an erste Stelle zu platzieren. Kundinnen wissen (fast immer), was für sie hilfreich ist. Am Heiligen Stuhl des Expertenstatus wurde damit fleißig gesägt. Die langen Ausbildungen und vielen Supervisionsstunden ergaben plötzlich einen ganz anderen Sinn. Vielleicht lernt man offiziell Interventionstechnologien, aber heimlich Bescheidenheit bezüglich des eigenen Wissens und Vertrauens auf die Kompetenz der Kunden. Mit anderen Worten: Praktikerinnen tun nur so, als ob sie die notwendige Sicherheit haben, denn sie müssen Probleme bewältigen, auch wenn die Theorie hinderlich ist. Anders ausgedrückt: Die Bergführer haben die moralische und juristische Pflicht, den Kunden ins Tal zu bringen, obwohl sie wissen, dass es nicht immer gelingt.4 Unter dem Einfluss dieser erkenntnistheoretischen Debatten, bekannt als Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, lässt sich eine Alternative zur Suche nach einer objektiven Erkenntnis kurz formulieren: durch ausgefeilte Fragetechniken Informationen sammeln, diese trotz Kontingenz zu Hypothesen bündeln und gemeinsam mit Kunden den Praxisanforderungen genügen. Die Suche nach Objektivität war dabei aber eben nicht mehr im Fokus – Wahrheit, ade! In Folge ist darum die Rede über Wirklichkeiten konsequent zu ersetzen durch Rede über Wissen, Kommunikation und Kontexte. Die geneigten Leser sind nun eingeladen, sich für alles Kommende zu vergegenwärtigen, dass hinter den Unterscheidungen, Sätzen, Angeboten und Weglassungen dieses Textes ein Beobachter steckt, der das Denken über das Thema und seine Setzungen in den Fokus rücken möchte.

Heinz von Foerster, Physiker, Philosoph und Erkenntnistheoretiker, verdanke ich im Rahmen einer persönlichen Begegnung die folgende Aussage: »Wenn du in systemischen Kategorien denken möchtest, musst du vor allem eine zentrale Frage entscheiden: Blickst du von außerhalb auf die Welt oder bist du ein Teil dieser Welt?« Dieser Satz beinhaltet zentrale Überlegungen. Sollte das Bemühen, in Systemen zu denken, mehr als Marketing-Geblubber sein, bedeutet dies, sich als Teil der Welt zu begreifen. Damit wird der archimedische Punkt, der objektive Blick von außen, in Zweifel gezogen. In Folge müssen wir die jeweilige Ausgangslage benennen und erklären, mit welchen Setzungen man beginnt.

In diesem Sinne bin ich als Autor ein kleiner Teil des Diskurses über Vertrauen voller Zweifel, Befangenheit und Einstweiligkeit.

1Ob ich das immer verdient habe, vermag ich nicht zu entscheiden. In meinem mehr als fünfzigjährigen Berufsleben sind dies viele Männer und Frauen geworden. Ohne diese satte Erfahrung würde es dieses Buch so nicht geben. Um es mit der berühmten südamerikanischen Sängerin Isabel Parra zu sagen: Gracias a la vida.

2Ich verwende im Text in zufälliger Folge die männliche und weibliche Form. Im Sinne der gendersensiblen Sprache mögen sich bitte alle mitgemeint fühlen.

3Kontingenz bedeutet die Möglichkeit, dass etwas anders sein kann als erwartet.

4Hierbei ist allerdings wichtig zu akzeptieren, dass noch so elegant formulierte Hypothesen in der Praxis vielleicht wenig hilfreich sein könnten.

Vertrauen – ein schwieriges Konstrukt

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Vertrauen führt zunächst zu einem Verlust an Sicherheit bezüglich der Bedeutung dieses Begriffs. Im Folgenden wird ein Ordnungsschema vorgeschlagen. Hierbei wird zwischen Grundvertrauen und anderen situativ bedingten Formen unterschieden.

Wie soll man diesem Wortmonster vertrauen? Das folgende Zitat von Luhmann signalisiert die Tiefe und Breite, mit der man konfrontiert ist, wenn man sich diesem alltäglichen und höchst komplizierten Konstrukt Vertrauen nähern will: »Der Mensch hat in vielen Situationen die Wahl, ob er Vertrauen schenken will oder nicht. Ohne jegliches Vertrauen könnte er morgens sein Bett nicht verlassen« (Luhmann, 1968, S. 147, zit. nach Hartmann, 2011).

Vertrauen ist ein Begriff, der – wie passendes oder unpassendes Wetter – immer wieder auftaucht und allzu häufig von entsprechend seichter Lyrik begleitet wird. Die oft beschworene Forderung nach mehr Vertrauen breitet sich rasant aus, wird aber immer weniger ernst genommen. Gleichzeitig kann Vertrauen oder ihr Fehlen kaum überschätzt werden, durchdringt es doch fast alle Lebensbereiche. Die Spannbreite reicht von Alltagsphrasen wie Vertrauen ist gut, Kontrolle besser5 zur griechischen Antike über Hobbes’ »Leviathan« bis Siegfried J. Schmidt und Niklas Luhmann. Der Begriff lässt sofort unterschiedlichste Assoziationen und Gedankengänge zu, lädt zu Alltagsdialogen und gleichzeitig zu anspruchsvollsten Überlegungen ein. Heute wird die Forderung nach Vertrauen auf alle denkbaren Gebiete ausgeweitet, sehr unterschiedlich benutzt, gerne als Worthülse ins Schaufenster gehängt und in keiner Weihnachtsansprache ausgelassen. Die Bekundungen finden sich in politischen Programmen, Konjunkturberichten, Börsenspekulationen, medizinischen und psychologischen Dienstleistungen und natürlich in Beschreibungen von persönlichen Beziehungen wieder. Wenn in Paarberatungen von nicht tolerierten Nebenbeziehungen die Rede ist, wird fast immer der Vertrauensbruch und nicht die konkrete sexuelle Handlung beklagt.

Die Komplexität, mit der wir heute in der täglichen Lebensbewältigung zu kämpfen haben, konfrontiert uns mit schwer zu handhabbaren Widersprüchlichkeiten. Elektronische Datenverarbeitung und der Fokus auf eine globalisierte Welt gewähren uns Informationen in früher nicht da gewesenem Umfang, bereichern unser Leben, schließen uns aber gleichzeitig von vorhandenem Wissen verstärkt aus und fordern dadurch immer mehr Vertrauen. Ohne Mühe erkennt man einen riesigen Bedarf an Vertrauen, begleitet von wirkungslosen Forderungen und dem tatsächlichen Handeln. Beispielsweise ist die alltägliche Frage, was trotz aller Beteuerungen mit unseren Gesundheitsdaten geschieht, nicht valide beantwortbar. Würden wir entsprechenden Erklärungen vertrauen? Und sollte im Einzelfall der Nachweis des Datenmissbrauchs bekannt werden, was wären die Folgen? Wohlfeile Stellungnahmen, Versprechen und Entschuldigungen mit eingeübtem Blick der Demut! Der wachsende Entzug von Vertrauen gegenüber politischen Akteuren wird als Politikverdrossenheit getarnt, und der Vertrauensentzug gegenüber dem Finanzwesen bleibt ohne Bedeutung, schließlich sind wir ohne ein Girokonto nicht mehr geschäftsfähig.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich dieses oft sehr dürre Konstrukt6 Vertrauen nicht einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin zuordnen lässt. Wer sich auf die Suche nach einer allgemeingültigen Definition macht, wird enttäuscht werden. Nach kurzer Zeit der Vertiefung begegnet man entsprechenden philosophischen, psychologischen, soziologischen und ökonomischen Theorien. Kaum kann man einen Argumentationsstrang fassen, entschwindet er wieder. Sehr unterschiedliche Abstraktionsniveaus und Begrifflichkeiten tun ein Übriges. Das Spektrum reicht von umgangssprachlichen Allgemeinplätzen bis zu philosophischen Abhandlungen in sehr dünner Luft.

Für dieses Buchprojekt war es daher unerlässlich, den Fokus nicht zusätzlich zu erweitern, sondern radikal zu begrenzen, diese Begrenzungen auszuweisen und argumentativ abzusichern. Trotz des Bemühens um Reduktion galt es, einen großen Bogen aufzuspannen: den Theorien der eigenen Beratungspraxis gerecht zu werden und diese solide zu begründen. Etwas hochtrabend könnte man formulieren: Vertrauen untersucht im Lichte einer theoriegeleiteten Praxis. Dies bedeutet, wir müssen verstehen, was es für unsere Kunden bedeutet, wenn sie sich für oder gegen ein bestimmtes Beratungsangebot entscheiden. Die Referenz ist daher Beratungspraxis und nicht Wissenschaft, was uns allerdings nicht von der Pflicht zu einer sauberen theoretischen Argumentation befreit. Dieser Aussage wird kaum jemand widersprechen, aber lässt sich eine theoriegeleitete Praxis im Fokus von Vertrauen modellieren?

Im Folgenden versuche ich, theoretische Ableitungen und Definitionen für Vertrauen und seine Bedeutung anzubieten. Dieses Vorhaben referiert einerseits auf Wissenschaft und soll gleichzeitig Theorien für die tägliche Praxis handhabbar machen.

Ein praktisches Beispiel zur Erläuterung

Eine Psychotherapeutin, die ihre Ausrichtung als systemisch bezeichnet, muss nicht jede abstrakte Verästelung des Paradigmas der Autopoesie7 und auch nicht jede Abhandlung von Luhmann beherrschen. Aber sie sollte etwas über die begrenzten Interventionsmöglichkeiten in sozialen Systemen wissen. Auch die Unterscheidung in Selbstvertrauen und Grundvertrauen sollte ihr präsent sein. Das Adjektiv systemisch wäre dann deutlich mehr als nur ein Modelabel.

Ein interessantes Kuriosum ist der Umstand, dass sich Kriminelle in ihrer täglichen Praxis mehr Gedanken über Vertrauen machen (müssen!) als Wissenschaftler und Philosophinnen dies tun. Sie, die Kriminellen, können sich weder auf einklagbares Recht noch auf Gottvertrauen oder andere bürgerliche normative Vorgaben berufen. Die viel kolportierte Ganovenehre ist letztlich der Versuch, Vertrauen zu ermöglichen.

Dort, wo Verkaufserfolge, also Kundenbeziehungen, eine dominante Rolle spielen, gibt es quantitativ eindrucksvolle Forschungsergebnisse. Allerdings sind hierbei ausgeklügelte Rechenmodelle wichtiger als begriffliche Definitionen. Die Komplexität von Berechnungen über Vertrauen definiert nicht ausreichend präzise, was gerechnet wird. In jedem Falle sind wir weit davon entfernt, Vertrauen messen zu können.

Grundsätzlich benötigt man aber auch für dieses Thema keine abstrakten philosophisch fundierten Erkenntnistheorien, sondern eine Epistemologie8 mittlerer Reichweite, die soziale Alltagsprozesse abbildet. Sie muss so modelliert sein, dass sie für Praktikerinnen nutzbar ist, aber nicht im Widerspruch zu Theorien sozialer Systeme steht. Letztlich ist Vertrauen oder ihr Fehlen ein zentrales Bestimmungsstück jeder sozialen Beziehung.

Ein mögliches Ordnungsschema

Vertrauen ist ein deutlich unterdefinierter Begriff. Es gibt sehr unterschiedliche Definitionsversuche, die aus unterschiedlichen Denkrichtungen und wissenschaftlichen Disziplinen entwickelt wurden. Die meisten Publikationen zu Vertrauen vereinen einen Grundsatz: Wer Vertrauen schaffen will, muss mit Vertrauen beginnen und kann enttäuscht werden. Wäre die Startoperation eine an andere gerichtete Forderung (Sie müssen vertrauen!), würde sie im günstigsten Fall als erfolgloser Appell verhallen, aber wahrscheinlich zu Ablehnung oder Misstrauen gegenüber dieser Forderung führen. Die Forderung, Sie müssen uns vertrauen, lockt Misstrauen herbei.

Immer dann, wenn die Überprüfung einer Zusage oder eines Versprechens in der Zukunft liegt, benötigen wir, um handlungsfähig zu bleiben, Vertrauen. Wer Erdbeeren auf dem Wochenmarkt kauft und eine Frucht zur Kostprobe erhält, kann auf Vertrauen verzichten, er kann testen. Wenn die Lösung eines medizinischen Problems in der Zukunft liegt, operieren wir letztlich mit Vertrauen oder gehen nicht zum Arzt. Alle Leser, die kurz vor einer Narkose standen oder besser bereits lagen, wissen, dass sie letztlich vertrauen oder auf die Narkose und somit auf die Behandlung verzichten müssten.

Untersucht man, welche Bedeutung in bestimmten Kontexten Vertrauen hat, landet man meistens bei theoretischen Abhandlungen kurzer Reichweite. Es scheint so, als ob jeder Schritt an Erkenntnisgewinn, jede thematische Vertiefung mit einem Zuwachs an Unklarheit erkauft wird. Man kann es auch als interessante Paradoxie beschreiben: Vertrauen verträgt kaum Unklarheit, aber im Bemühen, diesen Begriff zu schärfen, produziert man weitere Unklarheit. Je tiefer man gräbt, umso dichter der Nebel. Für dieses Vorhaben war es daher unabdingbar, das Thema einzuengen, Lücken zu erkennen, zu überspringen und mindestens kursorisch zu benennen.

Jegliche Reflexion über Vertrauen ist immer eine Konfrontation mit sehr verschiedenen Konstrukten und Konzepten. Ob komplexe statistische Modelle (z. B. Konfidenzintervalle), Soziologie (z. B. Vertrauen in Kohorten), Politik (z. B. Vertrauen in Demokratie), Psychologie (z. B. Urvertrauen), Religion (z. B. Gottvertrauen), Finanzwesen (z. B. Risikomanagement) oder andere Disziplinen: Immer kommen deutlich unterdefinierte und unklare Vertrauensbegriffe um die Ecke. Im Folgenden schlage ich daher ein Ordnungsschema vor, das die Konstrukte Weltvertrauen, Vertrautheit, primitives Vertrauen und Urvertrauen als Ausformungen des Grundvertrauens zeigt, das sich wiederum im gerichteten Vertrauen konkretisiert (Abbildung 1).

Abbildung 1: Vertrauen: ein Ordnungsangebot

Das Ordnungsschema ist einerseits argumentativ abgesichert, um in akademischen Diskursen bestehen zu können, aber auch in Praxisfeldern brauchbar ist. Ob mir dies gelungen ist, mögen die Leser als Beobachter entscheiden. Kontingenz ist ausdrücklich unterstellt. In den folgenden Abschnitten werde ich die einzelnen Komponenten des Schemas vorstellen.

Urvertrauen

Das Konzept Urvertrauen ist mit dem Psychoanalytiker Erik Erikson (2020) untrennbar verbunden. Erikson war ein eigenständiger Denker. Laut Anna Freud galt er als Renegat, blieb aber der Psychoanalyse und Sigmund Freud, dessen Schüler er war, zeit seines Lebens auf das Engste verbunden.

Urvertrauen wird als innere, emotionale Sicherheit beschrieben. Es ist ein Grundgefühl, dass man Menschen generell vertrauen kann. Wie entsteht dieses Grundgefühl? Phylogenetisch betrachtet kommen Menschen zu früh zur Welt. In Folge sind Neugeborene, aber auch noch Kleinkinder, existenziell darauf angewiesen, versorgt zu werden, um überhaupt überleben zu können. Diese notwendige Versorgung umfasst Nahrung, Flüssigkeit, Sicherung von Ruhezeiten, psychosoziale Zuwendung, Körperpflege, Schutz, Anleitung und anderes mehr. Die Erfahrung, liebevoll umsorgt und beschützt zu werden und basale Bedürfnisse kontinuierlich befriedigt zu bekommen, führt zu großem Vertrauen gegenüber der versorgenden Person, die nach dieser Theorie immer die Mutter sein soll. Den Aufbau dieser Art von Vertrauen nennt Erikson Urvertrauen. Es wird auch als erste Stufe der psychosozialen Entwicklung bezeichnet. Dieses herausgebildete elementare basale Gefühl basiert auf der prägenden Erfahrung einer verlässlichen und damit weitestgehend berechenbaren Beziehung, die alle Versorgungsnotwendigkeiten abdeckt und garantiert. Hierbei sind auch Kleinstkinder nicht passiv, sondern stellen Forderungen, und eine passende Antwort ergibt jenes generalisierbare Gefühl des Urvertrauens.

Spätere soziale Kontakte, Freundschaften und Partnerschaften, generelle Teilhabe und Hingabe an das Leben können laut der Theorie des Urvertrauens nur dann gelingen, wenn dieses Grundgefühl entwickelt wurde und auf andere Beziehungen übertragen werden kann. Diese Generalisierung wird als existenziell angesehen. Das frühkindliche Verständnis von Zeit ist hierbei von großer Bedeutung. Kinder entwickeln erst in den späteren Lebensjahren mit dem kognitiven Verstehen der Uhr ein ausdifferenziertes Zeitgefühl. Der Zeitpunkt wird in der Regel mit dem Eintritt in den Kindergarten bis zum Schulbesuch datiert. Diesbezügliche Angaben weisen zwar große Varianzen auf, aber grundsätzlich gilt: Kleinstkindern fehlt aufgrund des Entwicklungsstandes ihrer kognitiven Fähigkeiten ein differenziertes Zeitgefühl. Dies bedeutet, dass sie anfangs nicht erkennen, ob die relevante Bezugsperson für kurze Zeit oder für lange Zeit aus dem Blickfeld ist. Kleinstkinder kennen nur einen Modus: anwesend oder abwesend. Auf diesem Beobachtungshintergrund entstand die Hypothese, die später zu einer Art Dogma wurde, dass die Abwesenheit der Bezugsperson, das heißt der Mutter, immer traumatisierend wirkt. John Bowlby erstellte für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Studie über den Zusammenhang zwischen seelischer Gesundheit und mütterlicher Pflege. Er machte eine Mutterentbehrung für das Auftreten psychiatrischer Krankheiten verantwortlich (Bowlby, Stahl, Stahl u. Holmes, 2021). Andere Bezugspersonen (Väter, Geschwister, Großeltern oder außerfamiliäre Einrichtungen usw.) wurden damals nicht als gleichwertig angesehen.

Das Werk von René Spitz (2005) leistete in diesem Zusammenhang Richtungsweisendes für die Säuglingsforschung. Insbesondere der Interaktion zwischen Mutter und Kind galt sein Interesse. Seine empirischen Arbeiten über gestörte Mutter-Kind-Beziehungen waren bahnbrechend. Fehlende oder gestörte Mutter-Kind-Beziehungen wurden als Ursache für Kontaktstörungen, Jaktationen, überbordende Aggressivität, erhöhte Reizbarkeit, soziale Isolation und körperliche Retardierung angesehen (ICD-10: F94.1).9

Das Konzept des Urvertrauens kann nur im zeitlichen Kontext seines Entstehens passend gewürdigt werden. Erikson, Bowlby und Spitz hatten mit durchschlagendem Erfolg auf die Notwendigkeit der kontinuierlichen Versorgung, insbesondere auch der psychosozialen Zuwendung der Kleinkinder hingewiesen. Die Autoren leisteten einen relevanten Beitrag für einen breiten Diskurs über Deprivation, Hospitalisierung und damit für das theoretische Konzept Urvertrauen. Diese Leistung kann kaum überschätzt werden. Die apodiktische Fixierung auf Mütter, die ausschließlich die Versorgungsleistung zu erbringen hätten, ist dem damaligen Zeitgeist und dem generellen Paradigma der Psychoanalyse anzulasten. Die Kritik am Frauenbild der Psychoanalyse muss hier nicht wiederholt werden.

Die Hypothesen über frühkindliche Entwicklung und Urvertrauen wurden allerdings in zunehmendem Maß in triviale moralische Forderungen gekleidet und mit pädagogischem Zeigefinger in Glaubenssätze umgewandelt. Einzelne Aspekte aus einer Theorie isoliert zu betrachten, schematisch umzusetzen und zum Dogma zu erheben, ist immer mit Verzerrungen verbunden.

Primitives Vertrauen

»Man lügt wohl mit dem Munde,aber mit dem Maule,das man dabei macht,sagt man doch die Wahrheit.«

Friedrich Nietzsche (zit. nach Hartmann, 2011)

Hartmann (2011) interpretiert primitives Vertrauen als eine spezifische Variante von Grundvertrauen. Er bezeichnet diese Form von Vertrauen als primitiv, weil es an keinerlei Bedingungen geknüpft ist und keiner kritischen Überprüfung oder Reflexion unterzogen wird. Stattdessen entsteht diese Form von Grundvertrauen als eine spontane Entscheidung. Der Begriff unbewusst wurde hier absichtsvoll vermieden, denn das Unbewusste ist mit psychoanalytischen Konzepten und daher mit einem anderen theoretischen Zusammenhang verbunden.

Die Entscheidung primitives Vertrauen – ja oder nein? ist streng genommen keine Entscheidung. Sie passiert präkognitiv, geradezu archaisch und damit ohne Reflexion. Wittgenstein (1970/2020) untersuchte den Umstand, dass wir gewisse Dinge einfach ohne weitere Prüfung hinnehmen. Es ist kein langsames Entstehen, sondern eine schnelle, nicht hinterfragte Gewissheit, die sich erst später als Fehler oder valide Einschätzung herausstellen wird. Diese Art von Vertrauen entsteht vorwiegend durch eine nonverbal, affektiv aufgeladene Körpersprache, deren Zeichen wir als vertrauenswürdig oder nicht interpretieren. Diese Gesten können ein Schulterzucken, ein Gesichtsausdruck, ein bestimmter Blick oder eine Körperhaltung sein. Primitives Vertrauen entsteht selten auf der Basis einer einzelnen entscheidenden Geste, im Normalfall kann ein ganzes Set nonverbaler Signale beobachtet werden.

Nonverbale Zeichen haben eine höhere Glaubwürdigkeit als verbale Bekundungen. Phylogenetisch sind averbale Zeichen älter und archaischer. Siegfried J. Schmidt verdanke ich den Satz: Mit der Sprache kam die Lüge in die Welt (persönliche Mitteilung). Die nicht sprachliche Kommunikation bestätigt den sprachlichen Kanal, bewertet ihn, stellt ihn unter Umständen aber auch infrage. Nonverbale Kommunikation kann auch in der Tierwelt beobachtet werden. Sie umfasst aber auch paralinguistische Phänomene wie Sprechtempo, Stimmhöhe oder Setzung von Pausen.

Wer je Zeuge eines ernsthaften Handschlagvertrags war, konnte ungefähr die folgenden Gesten beobachten: Aufstehen – straffer Rücken – Hand anbieten – kräftiger Händedruck – gegenseitig in die Augen sehen und beschlossen! Obwohl in heutiger Zeit manch juristisch gebildeter Beobachter solche Verträge für zu risikohaft hält, hatten sie über lange Zeiträume Gültigkeit. In anderen Kulturen finden sich diese Formen von Vertragsritualen immer noch. Glaubwürdigkeit und Werte wie Ehre werden damit verknüpft. Hinweise darauf sind das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns und der Grundsatz von Treu und Glauben.

Weltvertrauen

Wir zweifeln nicht an den physikalischen Gesetzen wie der Anziehungskraft der Erde oder dem Gezeitenwechsel. Viele Dinge unserer Welt nehmen wir als gegeben und sehen sie als richtig an, orientieren uns an ihnen, und dies ermöglicht uns, am Morgen aufzustehen und tagsüber unsere Dinge zu erledigen. Wir unterstellen eine bestimmte Regelhaftigkeit, der wir vertrauen. Damit machen wir Setzungen, von denen ausgehend wir weiter operieren können. Seit langer Zeit im Besitz eines Führerscheins und mit der Erfahrung tausender gefahrener Kilometer gehen wir stillschweigend davon aus, dass die anderen Verkehrsteilnehmer das Haltegebot respektieren, wenn die Verkehrsampel rot ist. Dieser Mechanismus ermöglicht uns, Aufzüge zu benutzen oder uns einem Flugzeug und seinem Piloten anzuvertrauen. Geht uns dieses Weltvertrauen verloren oder konnten wir es nie entwickeln, ist ein sozial integriertes Leben nur sehr schwer möglich.

Neben dieser weltzugewandten objektiven Seite verfügt der Begriff des Weltvertrauens darüber hinaus auch über eine intersubjektive Seite (Hartmann, 2011, S. 69). Wir unterstellen im Normalfall anderen Menschen, dass sie keinerlei böse Absicht hegen. Besitzt jemand dieses Vertrauen nicht oder hat er es verloren, meidet er in letzter Konsequenz jegliche menschliche Begegnung, auch wenn es nur Augenblicke sind, denn diese Begegnungen würden unerträglichen Stress bedeuten. Würden wir diese Friedfertigkeit nicht unterstellen, könnten wir keine Kontakte knüpfen, Fremde nicht nach einer Adresse fragen, keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und keinerlei soziale Beziehungen aufbauen. Wir können überhaupt nur handeln, wenn wir darauf vertrauen, dass die anderen unsere Integrität achten und respektieren. Wenn wir über Informationen verfügen, die dieses Weltvertrauen infrage stellen, unterstellen wir unfreundliche Absichten. Im Alltag nehmen wir das notwendige Weltvertrauen als gegeben hin, seine Bedeutung realisieren wir nur durch das Fehlen. Hier bietet sich die Analogie der Atmung an: Mit jedem Atemzug nehmen wir Sauerstoff auf, ohne darüber nachzudenken. Nur wenn er teilweise fehlt, realisieren wir ein Defizit, denken plötzlich an Atmung und versuchen, Abhilfe zu schaffen.

Es gibt eine unbekannte Anzahl von Personen, die mit dem Schicksal des fehlenden oder nicht genügend ausgeprägten Weltvertrauens konfrontiert sind. Unbekannt ist die Zahl deswegen, weil diese Personen, soweit sie überhaupt statistisch erfasst sind, mit medizinischen Diagnosen etikettiert und dadurch statistisch in eine andere Kategorie eingeordnet werden. Wenn jemand kein Flugzeug besteigen kann, wird man ihm die Diagnose »Flugangst« stellen, und vielleicht wird er dann in der entsprechenden Statistik über Angststörungen auftauchen. Nach dem Modus »mad or bad« landen alle Menschen mit auffälligem Verhalten entweder wegen Straftaten in den Mühlen der Justiz oder wegen entsprechender Symptome im Hilfssystem der Psychotherapie oder Psychiatrie. Menschen, die unser alltägliches Weltvertrauen anzweifeln, Angst vor einstürzenden Hochhäusern haben oder dieser Welt generell nicht vertrauen, gelten, wenn dies bekannt wird, als nicht normal und daher als behandlungsbedürftig. Damit sie in das Gesundheitswesen integriert werden können, wird eine Diagnose benötigt. Die Diagnose ist die Eintrittskarte, um Leistungen des Gesundheitswesens in Anspruch nehmen zu können. Mangel an Weltvertrauen ist keine gültige Diagnose und wäre in Folge nicht behandlungswürdig.

Ein prominentes Beispiel für mangelndes Weltvertrauen

1828 zu Pfingsten wurde in Nürnberg ein Junge unter dem Namen Kaspar Hauser bekannt. Sein Wortschatz war sehr begrenzt, er wiederholte ständig einen Satz: »Ein solcher Reiter möchte ich werden, wie mein Vater gewesen ist.« Der Gang war unsicher, die Kleidung verwahrlost und abgerissen. Der Nürnberger Bürgermeister veranlasste eine öffentliche Bekanntmachung: Kaspar Hauser sei weder blöd noch verrückt. Er sei in völliger Isolation erzogen worden. Er lebte in einem dunklen Raum, in dem er nicht stehen konnte. Während er schlief, wurde er, ohne Menschen zu Gesicht zu bekommen, mit Wasser und Brot versorgt. Schnell stellten sich Zweifel ein, seine Beschädigung sei angeblich – gemessen an den unterstellten Erlebnissen – nicht groß genug. Ein Jahr später wurde er überfallen und schwer verletzt. Am 14.12.1833 erlag er einem tödlichen Messerangriff. Kaspar Hauser brachte es zu trauriger Berühmtheit. Selbst die neue Wunderwaffe, die DNA-Analyse, konnte das soziale Rätsel nicht lösen. Die typischen Hospitalismus Symptome wurden später zeitweilig auch als Kaspar-Hauser-Syndrom bezeichnet.

Nach der antiken Sage von Romulus und Remus, die von Wölfen gesäugt wurden, sind jene Kinder als Wolfskinder benannt, die sich sehr früh selbst überlassen, eingekerkert waren oder mit Tieren lebten. Die Wolfskinder und Kaspar Hauser verbinden Schwierigkeiten im aufrechten Gang, erhebliche soziale Konflikte und große Probleme, eine Sprache zu erlernen oder sich überhaupt zu verständigen.

Die Datenlage ist allerdings mit Vorsicht zu behandeln. Über Kaspar Hauser und die Wolfskinder gibt es viele, aber sehr widersprüchliche Informationen. Unter dem Begriff Wolfskinder wurden etwa sehr unterschiedliche Schicksale in unterschiedlichen Epochen und verschiedenen Kulturen subsumiert. All diese widersprüchlichen Informationen weisen auf erhebliche Sprachschwierigkeiten, große Ängstlichkeit und fehlendes Vertrauen hin. Die meisten dieser Verhaltensbeschreibungen lassen sich zusammenfassend beispielhaft als fehlendes Weltvertrauen interpretieren.

Exkurs: Zerstörtes Weltvertrauen

Wer der Folter erlag,kann nicht mehr heimisch werdenin der Welt.

(Jean Améry, 1976, S. 73)

Weltvertrauen bedeutet, dass wir uns darauf verlassen können, dass unsere physische und psychische Integrität respektiert wird und nicht ständig gefährdet ist. Das Leben von Jean Améry zeigt eindrucksvoll, welche Folgen ein zerstörtes Weltvertrauen hat.

Jean Améry (eigentlich Hans Meyer), Sohn jüdischer Eltern, geboren in Wien, flüchtete 1938 nach Belgien und schloss sich einer Widerstandsgruppe an. Er wurde verhaftet, von SS-Angehörigen gefoltert, nach Auschwitz transportiert und überlebte den Todesmarsch nach Bergen-Belsen. 1978 nahm er sich in Salzburg das Leben.

Die Selbsttötung hatte er vorher in seinem Buch »Hand an sich legen« (Améry, 1976) angekündigt. In seinem Essayband »Jenseits von Schuld und Sühne« (Améry, 1966) wurde deutlich, dass ihm Vertrauen in diese Welt nicht mehr möglich war. Ludwig Wittgenstein, Immanuel Kant und vor allem Jean-Paul Sartre hatten sein Denken maßgeblich beeindruckt. Geprägt von der neopositivistischen Wiener Schule, wäre er in die Existenz eines bedeutenden österreichischen Literaten hineingewachsen. Aber nach der Folter der Gestapo, nach Auschwitz und Bergen-Belsen wollte er nicht mehr leben. Immer wieder sprach er von der Langeweile und Überflüssigkeit des Lebens nach Auschwitz. Jean Améry sprach nicht mehr für sich und schrieb für Opfer, die nicht überlebten. Sein Freitod war für ihn wie eine Heimkehr zu den Menschen, mit denen er das alles zerstörende Leid teilte.

»Doch ich bin sicher, dass er schon mit dem ersten Schlag, der auf ihn niederging, etwas einbüßt […] Was wir vielleicht vorläufig das Weltvertrauen nennen […] wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Unauslöschlich ist die Folter in ihm eingebrannt. Es war für einmal vorbei. Es ist noch immer nicht vorbei. Ich baumele noch immer, zweiundzwanzig Jahre danach, an ausgerenkten Armen über dem Boden, keuche und bezichtige mich« (Kesting, 2014, S. 31).

Die eindrucksvolle Sprachgenauigkeit, die das literarische Werk und seine publizistische Tätigkeit durchzog, und eine umfangreiche Sekundärliteratur können die Hypothese des Verlusts an Weltvertrauen dieses Menschen, der ein exemplarisches Beispiel für andere war, gut belegen. Jean Améry, ein unbequemer Mahner, wurde – vorwiegend nach seinem Tod – von Kritikern, den Medien und in Feuilletons sehr respektiert. Er war ein gern gesehener Diskutant in Frühformen von Talkshows, beliebt war er jedoch nicht. Ein Toter auf Abruf titelte eine deutsche Tageszeitung. Viele Jahre lehnte er es kategorisch ab, deutschen Boden zu betreten, was man ihm nicht verziehen hat.10 Wer seine Selbsttötung ankündigt und verteidigt, der Welt nicht mehr vertraut und Auschwitz nicht verzeiht, wird mit Ablehnung bestraft