Vicky Bliss und der blutrote Schatten - Der dritte Fall - Elizabeth Peters - E-Book
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Vicky Bliss und der blutrote Schatten - Der dritte Fall E-Book

Elizabeth Peters

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Beschreibung

Die dunklen Schätze der Vergangenheit: Der fesselnde Kriminalroman »Vicky Bliss und der blutrote Schatten« von Elizabeth Peters als eBook bei dotbooks. Wenn die Vergangenheit tödliche Geheimnisse bereithält … Eigentlich genießt Vicky Bliss die Ruhe und Ordnung, die ihre Forschungsarbeit im Münchner Nationalmuseum mit sich bringt – und vor allem hat sie die Nase voll von Männern und romantischen Avancen! Als Vicky eine wunderschöne rote Rose mit einer Einladung nach Stockholm erhält, sollte sie natürlich besser ablehnen – und sitzt dennoch prompt im Flieger. Schließlich ist der Kunstfälscher John Smythe nicht nur verflixt attraktiv, sondern auch verwegen und zieht Vicky mitten hinein in die Jagd nach einem verschwunden geglaubten Wikingerschatz. Doch die Suche entpuppt sich schon bald als mörderische Falle … »Eine großartige Erzählerin!« Mary Higgins Clark Jetzt als eBook kaufen und genießen: Das Krimi-Highlight »Vicky Bliss und der blutrote Schatten« von Elizabeth Peters – Band 3 der Bestseller-Reihe um die Kunsthistorikerin mit dem Gespür für mörderische Fälle. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 310

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Über dieses Buch:

Wenn die Vergangenheit tödliche Geheimnisse bereithält … Eigentlich genießt Vicky Bliss die Ruhe und Ordnung, die ihre Forschungsarbeit im Münchner Nationalmuseum mit sich bringt – und vor allem hat sie die Nase voll von Männern und romantischen Avancen! Als Vicky eine wunderschöne rote Rose mit einer Einladung nach Stockholm erhält, sollte sie natürlich besser ablehnen – und sitzt dennoch prompt im Flieger. Schließlich ist der Kunstfälscher John Smythe nicht nur verflixt attraktiv, sondern auch verwegen und zieht Vicky mitten hinein in die Jagd nach einem verschwunden geglaubten Wikingerschatz. Doch die Suche entpuppt sich schon bald als mörderische Falle …

»Eine großartige Erzählerin!« Mary Higgins Clark

Über die Autorin:

Hinter der US-amerikanischen Bestsellerautorin Elizabeth Peters steht Barbara Louise Gross Mertz (1927–2013), die auch unter dem Pseudonym Barbara Michaels erfolgreich Krimis und Thriller schrieb. Die Autorin promovierte an der University of Chicago in Ägyptologie. So haben auch ihre über 20 Kriminalromane, für die sie zahlreiche Preise gewann, meist einen historischen Hintergrund.

Die Krimireihe um Vicky Bliss bei dotbooks umfasst: »Vicky Bliss und der geheimnisvolle Schrein – Der erste Fall« »Vicky Bliss und die Straße der fünf Monde – Der zweite Fall« »Vicky Bliss und der blutrote Schatten – Der dritte Fall« »Vicky Bliss und der versunkene Schatz – Der vierte Fall« »Vicky Bliss und die Hand des Pharaos – Der fünfte Fall«

Ebenfalls bei dotbooks erscheint die Krimireihe um die abgebrühte Meisterdetektivin Jacqueline Kirby: »Der siebte Sünder: Ein Fall für Jacqueline Kirby – Band 1« »Der letzte Maskenball: Ein Fall für Jacqueline Kirby – Band 2« »Ein preisgekrönter Mord: Ein Fall für Jacqueline Kirby – Band 3« »Ein todsicherer Bestseller: Ein Fall für Jacqueline Kirby – Band 4«

Unter dem Pseudonym Barbara Michaels veröffentlichte sie bei dotbooks die folgenden Romantic-Suspense-Romane:»Das Geheimnis von Marshall Manor«»Die Villa der Schatten«»Das Geheimnis der Juwelenvilla«»Die Frauen von Maidenwood«»Das dunkle Herz der Villa«»Das Haus des Schweigens«»Das Geheimnis von Tregella Castle«»Die Töchter von King’s Island«

Sowie ihre historischen Liebesromane: »Abbey Manor – Gefangene der Liebe«»Wilde Manor – Im Sturm der Zeit«»Villa Tarconti – Lied der Leidenschaft«»Grayhaven Manor – Das Leuchten der Sehnsucht«

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eBook-Neuausgabe Dezember 2018

Dieses Buch erschien bereits 2002 unter dem Titel »Der blutrote Schatten« bei Econ.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1983 by Elizabeth Peters

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1983 unter dem Titel »Silhouette in Scarlet«.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2002 by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Published by Arrangement with BARBARA G. MERTZ REVOCABLE TRUST

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock Evannovostro / faestock / StaniG / Kokorina Mariia / TT Studio / Alexey Kopylov

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-280-1

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: in[email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Vicky Bliss und der blutrote Schatten« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

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Elizabeth Peters

Vicky Bliss und der blutrote Schatten

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Beate Darius

dotbooks.

Für Paula und Jim

Kapitel 1

Diesmal traf mich keine Schuld. Bei früheren Gelegenheiten hatte ich manchmal bis zum Hals in Schwierigkeiten gesteckt (und das heißt schon einiges, da ich fast ein Meter achtzig groß bin), was sich hätte vermeiden lassen, wenn ich etwas mehr damenhafte Zurückhaltung gewahrt hätte. Diesmal war ich jedoch für nichts verantwortlich – außer für meine eigene Dummheit. Man sagt, dass manche Menschen Probleme förmlich anziehen. Ich ziehe Menschen an, die Probleme heraufbeschwören.

Nehmen wir beispielsweise Herrn Professor Dr. Schmidt. Niemand würde ihn auf den ersten Blick für so gefährlich halten. Rein optisch ist er eine Mischung aus dem Zauberer von Oz und dem Weihnachtsmann – klein, rundlich, fürchterlich nett. Intellektuell betrachtet, gehört er zu den weltweit renommiertesten Historikern und wird von sämtlichen Fachkollegen respektiert. Emotional ... Ah, da sitzt der Haken. Sein schwärmerischer Geist hat den Horizont eines 14-Jährigen nie überschritten. Er selbst hält sich für eine vollkommene Synthese aus D'Artagnan, James Bond, Rudolf Rassendyll, Clint Eastwood und Cyrano de Bergerac. Und genau dieses mentale Defizit Schmidts war teilweise dafür verantwortlich, dass ich mich in einer ganzen Reihe brenzliger Situationen wiederfand.

Allerdings setzt Schmidts Berufsstand, dem auch ich angehöre, voraus, dass die dazu Berufenen gelegentlich den Elfenbeinturm der Wissenschaft verlassen und sich auf unbekanntes Terrain vorwagen. Er ist der Direktor des Nationalmuseums in München; ich bin seine Mitarbeiterin und auf Kunstgeschichte spezialisiert. Nichts langweiliger oder friedlicher als ein Museum? Erzählen Sie das irgendeinem Museumsdirektor und sein hysterisches Kichern ist Ihnen gewiss.

Der illegale Handel mit gestohlenen Kunstobjekten, von historischen Juwelen bis hin zu den alten Meistern, floriert. Murph the Surf, der 1964 den Stern von Indien aus dem American Museum of Natural History in New York entwendete, war ein regelrechter Amateur, verglichen mit den modernen Dieben, die sich mit Videoüberwachung, Sensortechnik, fotoelektronischen Systemen und anderen futuristisch anmutenden Methoden herumschlagen müssen. Und sie schlagen sich bewundernswert. Schätzungen zufolge verzeichnen 75 Prozent aller Museen pro Jahr mindestens einen größeren Kunstraub.

Manchmal dienen die gestohlenen Meisterwerke der Erpressung. Die Versicherungsgesellschaften veröffentlichen nur ungern die Summen, die sie in solchen Fällen berappen, doch wenn man die Preise bedenkt, die selbst zweitklassige »Große Meister« heutzutage auf Auktionen erzielen, vermag man sich vorzustellen, dass dieser Geschäftszweig überaus lukrativ ist. Andere Kunstschätze verschwinden schlicht und einfach von der Bildfläche. Man nimmt an, dass kriminelle Organisationen wie beispielsweise die Mafia massiv in »heiße« Kunst investieren und diese wie Gold- oder Silbermünzen horten. Nicht zu vergessen die Privatsammler, die vorzugsweise in ihren abgeschotteten, klimatisierten Tresorräumen entspannen und Schönheiten bewundern, die allein ihnen zugänglich sind.

Von daher, ist es kein Wunder, dass Museumsdirektoren schlecht schlafen und sich häufig Sorgen machen.

Was nichts mit dem vorliegenden Fall zu tun hat. Es lag weder an meinem Job noch an meiner Neigung, mich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen, dass ich diesmal auf Abwege geriet. Es lag an einem Mann. Und ich hätte es besser wissen müssen.

Es regnet viel in Süddeutschland. Deshalb ist die Landschaft Bayerns so üppig und grün. Bei strahlendem Sonnenschein ist München eine der schönsten und reizvollsten Städte auf der Welt. Unter tristem, grauem Himmel ist sie so abstoßend wie jede andere Stadt. Dieses Frühjahr war sogar noch verregneter gewesen als üblich. (Das behaupten sie jedes Jahr im Frühling.)

Während ich eines Abends Ende Mai auf den Bus wartete, beschlich mich das Gefühl, dass ich für lange Zeit genug Wasser gesehen hatte. Mein Schirm hatte ein Loch und der Regen tropfte mir unaufhörlich ins Genick. Beim Überqueren der Tegernsee-Allee war ich in eine Pfütze getreten und hatte meine neuen, teuren italienischen Sandaletten hoffnungslos ruiniert.

Ich war umzingelt von einem Meer wogender, feucht glänzender Schirme. Da die meisten Münchner, Männer wie Frauen, kleiner sind als ich, befand sich die klatschnasse Hemisphäre fast ausschließlich in meiner Augenhöhe, hin und wieder bohrte sich ein Gestänge schmerzhaft in meinen Nasenrücken. Italien, überlegte ich. Capri, das azurblaue Meer, weiße Sandstrände. Mein Urlaub war erst im Juli fällig. Ich beschloss, ihn vorzuziehen.

Natürlich kam das Päckchen an jenem Abend an. Manche Menschen haben ein diabolisches Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Selbst das Wetter unterstützt sie.

Der Rest der Post war wie üblich langweilig, dazu der allwöchentliche Brief von meiner Mutter, auf dessen Lektüre ich nicht sonderlich erpicht war. Vermutlich enthielt er die ständig wiederkehrenden Neuigkeiten von ihren Bridgeaktivitäten, Kochrezepte und die üblichen versteckten Andeutungen, wie ich mir mein weiteres Leben vorstellte. Mein Geburtstag nahte mit Riesenschritten – welcher, spielt keine Rolle – soweit es Mom betrifft, ist jeder Geburtstag nach dem einundzwanzigsten ein weiterer Schritt ins hoffnungslose Jungferndasein. Ich schickte ihr ständig sorgfältig zensierte Beschreibungen meines Privatlebens, trotzdem durfte ich kein Verständnis von ihr erwarten, dass die Ehe das letzte war, was mir vorschwebte. Sie und Dad leben seit über 40 Jahren wie siamesische Zwillinge.

Bevor ich die Post lesen oder mich meiner nassen Sachen entledigen konnte, musste ich mich um Caesar kümmern. Er ist ein Andenken an ein früheres missliches Abenteuer in Rom, und manchmal wünsche ich mir, ich hätte einen vom Papst gesegneten Rosenkranz oder eine Miniaturausgabe des Kolosseums als Briefbeschwerer mitgebracht statt eines riesigen, überaus anhänglichen Dobermanns. Caesar ist ein Dobermann – zumindest sieht er so aus. Genau wie bei Schmidt passt sein Charakter nicht zu seinem Erscheinungsbild. Er ist entsetzlich naiv und dumm, mag jeden, selbst Einbrecher, und er vergöttert mich. Er hat mich ein kleines Vermögen gekostet, nicht nur an Futter, sondern auch an Extras, wie beispielsweise der Unterkunft. Selbst wenn ich so grausam gewesen wäre, ein Kalb von einem Hund in ein kleines Apartment zu pferchen, hätte sich darauf in der gesamten Stadt kein Vermieter eingelassen. Deshalb bezog ich ein Haus außerhalb Münchens und musste täglich zweimal eine einstündige Busfahrt in Kauf nehmen.

Ich ließ Caesar ins Freie und wieder ins Haus, gab ihm Futter, ließ ihn wieder raus und trocknete ihn ab. Dann ließ ich mich mit der Post und einem wohlverdienten Glas Wein nieder.

Als Erstes öffnete ich das Päckchen, wobei ich beiläufig feststellte, dass ich nicht die Erste war. Vermutlich der deutsche Zoll. Die Briefmarken stammten aus Schweden, die Anschrift war in unverfänglicher Blockschrift abgefasst, und die auf internationalen Sendungen erforderliche Rückadresse war die eines Osloer Hotels.

Schwedische Briefmarken, eine Osloer Adresse, eine mir unbekannte Handschrift – allein das hätte sämtliche Alarmglocken in Schwingungen versetzen müssen. Hat es aber nicht. Selbst meine Neugier hielt sich in Grenzen, als ich den Karton öffnete. Doch als ich den Inhalt sah – die perfekte Nachbildung einer dunkelroten Rose –, stieg mein Blutdruck.

Meine letzte Begegnung mit John lag über ein Jahr zurück – vor ungefähr drei Jahren war die rote Rose erwähnt worden. Dennoch hatte ich guten Grund, mich daran zu erinnern.

»Einmal im Jahr eine rote Rose.« Das hatte nicht er, sondern ich gesagt. Auf dem Leonardo-da-Vinci-Airport, als ich nach München aufbrach und John ins Ungewisse, verfolgt von dem Polizeiaufgebot dreier Nationen, wie er es salopp umschrieb. John war ein weiteres Andenken an jenes römische Abenteuer, das sich als entschieden unangenehmer herausstellte als Caesar. In der Zwischenzeit hatte ich ihn einmal getroffen. Wir hatten drei Tage gemeinsam in Paris verbracht. In der dritten Nacht war er aus dem Fenster des Hotelzimmers geflüchtet, während ich schlief, und hatte mir einen Koffer voll schmutziger Sachen, eine unbezahlte Hotelrechnung und einen liebevollen, rührenden Abschiedsbrief hinterlassen. Mein Zorn mäßigte sich keineswegs, als ich von einem sympathischen, aber ebenso wütenden Inspektor der Sureté den Grund für seinen überstürzten Aufbruch erfuhr. Sie hatten bis zum Morgen gewartet, um ihn festzunehmen, in dem Bewusstsein – bemerkte der Inspektor mit einer höflichen französischen Verbeugung –, dass er in der Nacht gut aufgehoben war.

Die Polizei wollte mir nicht sagen, was er gestohlen hatte. Eigentlich wollte ich es auch gar nicht wissen.

John ist ein Dieb und auf die Objekte spezialisiert, für deren Schutz und Erhalt ich bezahlt werde – Juwelen, Antiquitäten, Kunstgegenstände. Er ist kein sehr erfolgreicher Dieb. Er ist recht intelligent und verflucht gerissen, aber gleichzeitig ein unverbesserlicher Feigling. Wenn er die schweren Schritte von Polizeibeamten oder Konkurrenten hört, lässt er alles stehen und liegen und türmt. Das mag keine besonders beeindruckende Eigenschaft sein, ist aber in der Tat einer von Johns positiveren Charakterzügen. Wenn alle genauso ungern körperliche Gewalt einsetzen oder ertragen würden, gäbe es weder Kriege noch Raubüberfälle auf hilflose, kleine alte Damen.

Er ist der gewissenloseste Mensch, den ich kenne. Er ist außerdem ... Aber vielleicht vertiefe ich das besser nicht, da dieses Buch eine jugendfreie Lektüre werden soll. Wenn er besagte, hervorragend entwickelte Talente einsetzt, könnte man für Augenblicke seinen wahren Charakter vergessen, allerdings wäre man ein verdammter Idiot, sofern man sich an anderer Stelle von ihm reinlegen ließe.

Ich nahm die Rose und versuchte, die Blütenblätter abzureißen. Wie ich feststellte, handelte es sich um eine dieser recht widerstandsfähigen Seidenblumen. Als ich nach der Schere griff, fiel mir noch etwas anderes in dem Karton auf.

Es war eine schmale Mappe aus blauem Lederimitat, die ein Flugticket und eine Hotelreservierung enthielt. Das Hotel war in Stockholm. Das Reiseziel auf dem Ticket lautete ebenfalls Stockholm. Ich hatte eine Platzreservierung für einen Flug, der in zehn Tagen starten sollte.

Ich spürte ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend. Was hatte er diesmal vor?

Ich sagte es offen heraus. »Was hast du diesmal vor, du Schweinehund?« Caesar, der sich über meinen Füßen ausgebreitet hatte, hielt das für eine infame, unverdiente Beleidigung. Erbost knurrte er.

Es könnte ein Omen gewesen sein, wer weiß? Meine Hände hielten das dünne Papier des Tickets umklammert, bereit, es augenblicklich zu zerreißen. Als ich Caesar schließlich beruhigt und mich bei ihm entschuldigt hatte, durchdachte ich das Ganze erneut.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose, und ein Ticket ist ein Ticket, und ein Ticket ist bei weitem nützlicher als eine Rose. Mein mentaler Exkurs in die Lyrik erinnerte mich an einen anderen Vers, jenes anrührende kleine Gedicht von Dorothy Parker, in dem sie moniert, dass man ihr statt einer schönen Limousine immer nur schöne Rosen schickt.

Ich war mir sicher, dass John dieses Juwel amerikanischer Dichtkunst ebenfalls geläufig war. Ein Flugticket ist zwar keine Limousine, aber Dorothy hätte es einer Rose bestimmt vorgezogen.

Regen klatschte vor die Fenster. Ich nieste.

Schweden. Das Land meiner Vorfahren. (Einiger jedenfalls.) Meine Wurzeln. Stockholm, das Venedig des Nordens, die im Schein einer warmen Frühlingssonne glitzernden Kanäle ... Nein, diese Vorstellung barg einfach zu viel Wasser. Die riesigen Paläste und die malerischen alten Gassen von Stockholm, schimmernd im hellen Frühlingssonnenschein ... Während dieses Bild vor meinem geistigen Auge Gestalt annahm, strahlte die Sonne immer intensiver. Ich würde dieses Ticket benutzen. Und wenn John auftauchte, würde ich ihm geradewegs in seine babyblauen Augen spucken. Die Pariser Hotelrechnung hatte mich fast 200 Riesen gekostet.

Ich inspizierte den Boden des Kartons, hoffte, irgend etwas zu finden, was ich in bare Münze hätte verwandeln können – einen Scheck (der vermutlich ohnehin geplatzt wäre) oder irgendein gestohlenes Collier, vielleicht ein Diamantgeschmeide (das zweifellos eine Fälschung gewesen wäre). Es lag noch etwas in dem Karton – ein schlichtes Blatt Papier. In den gleichen Blocklettern geschrieben wie die Adresse auf dem Paket, standen dort zwei Wörter. Und diese lauteten: WIELANDIA FABRICA.

Ich starrte so lange auf das Papier, dass Caesar dachte, ich wäre ohnmächtig geworden, und mir nervös die Füße leckte, damit ich das Bewusstsein wiedererlangte. Das Einzige, was Caesar von dieser Aktivität abbringt, die er persönlich genießt, ist ein Knochen. Ich ging und holte ihm einen, lief gegen den Türrahmen und vor meine Möbel, weil ich aufgrund dieser erschütternden Notiz wie benommen war.

Natürlich war mir die Bedeutung klar. Falls Sie jetzt rätseln, werde ich sie Ihnen erläutern, da es unfair wäre, Hinweise zu streuen, die esoterisches Wissen voraussetzen. Die exakte Übersetzung dieser Begriffe müsste jedem offensichtlich sein, der über rudimentäre Lateinkenntnisse verfügt – »Wielands Werk«. Aber, werden Sie sagen, wer bitte schön war Wieland?

Ich begegnete ihm zunächst als Wieland dem Schmied in Puck of Pook's Hill, als er das dunkle Eisenschwert mit den prophetischen Runen auf der Klinge schmiedete – ein Schwert, das sang, wenn man es aus der Scheide zog. Kipling kannte seine Legende; er wusste, dass Wieland in England als heidnische Gottheit verehrt worden war, dessen Altäre nach Blut und Feueropfern stanken. Die altnordischen Sagen erzählen seine Legende; er war ein göttlicher Schmied, wie der römische Vulcanus, und genau wie dieser auf grausame Weise verkrüppelt. Wenn Schriftsteller ein handwerklich besonders schönes Stück hervorheben wollten, bezeichneten sie es schlicht als WELANDES WEORC. Jahrhunderte später benutzte die lateinische Epik denselben Terminus. Wielands kunstvolle Klingen besaßen Kräfte, die gewöhnlichen Stahl bei weitem übertrafen, und seine Griffe waren aus juwelenbesetztem Gold.

Skandinavien, sagenumwobene Goldschmiede, Juwelenraub ... Das ergab einen anrüchigen, kleinen Syllogismus, so überzeugend und so verrückt wie eine von Lewis Carrolls logischen Strukturen. John war einem Wikingerschatz auf der Spur. Oder, besser gesagt, er wollte mir das weismachen. Ich glaubte es nicht. Falls er wirklich einen Raub großen Stils plante, wäre ich mit Sicherheit die Letzte, der er dieses Vorhaben mitteilen würde. Der Hinweis war lediglich ein Lockmittel, ein schmackhafter Köder – und zweifellos ein recht geschickter. Mein Interesse war definitiv geweckt.

Ich sah mir die Reiseunterlagen noch einmal genauer an. Das Flugticket war nur für den Hinflug und in der billigsten Touristenklasse ausgestellt. Das Hotelzimmer war lediglich bestätigt, aber nicht bezahlt. Schlagartig war mir klar, dass ich nach Stockholm fliegen würde, schon allein wegen des Vergnügens, diesem Geizhals zu vermitteln, was ich von ihm und seinen knausrigen romantischen Gesten hielt.

Schmidt protestierte nur halbherzig, als ich ihm erzählte, dass ich meinen Urlaub vorziehen wollte. Im Gegensatz zu anderen Chefs störte ihn auch nicht die kurzfristige Information. Ihn beunruhigte lediglich die Tatsache, dass ihm die wöchentliche Fortsetzung meines Schundromans entging, an dem ich seit drei Jahren schrieb. Als nicht unbedingt ernst zu nehmender Versuch, mir etwas nebenher zu verdienen, hatte sich das Ganze zur Farce entwickelt; das Manuskript füllte bereits zwei riesige Kartons, und es war kein Ende abzusehen. Ich hätte an irgendeinem Punkt das Finale einleiten können; man braucht lediglich zu entscheiden, wie oft die Heldin ver- und entführt werden muss, bevor es langweilig wird. Aber Schmidt war hoffnungslos vernarrt in Rosannas Abenteuer. Ich hielt ihn mit meinen Kapiteln bei Laune wie Scheherezade den Sultan.

»Aber sie versteckt sich doch im Besenschrank, während die Hunnen das Haus durchsuchen«, entfuhr es ihm. »Wie wird sie entkommen? Hat Attila nicht am Ende von Kapitel 420 erklärt: ›Wir haben noch nicht im Besenschrank nachgesehen?‹ Diesmal wird sie bestimmt ...«

»Sie wird nicht vergewaltigt«, versetzte ich. »Es widerspricht meinen Prinzipien, dass die Heldin vergewaltigt wird.«

»Was ist mit der Nacht in dem duftgeschwängerten, mit Seide ausgekleideten Zelt von Emir Ahmed?«

»Das war keine Vergewaltigung.«

»Ach so«, erwiderte Schmidt onkelhaft.

»Üben Sie sich einfach in Geduld, Schmidt. In 14 Tagen bin ich wieder da.«

»Können Sie mir nicht einen winzigen Anhaltspunkt geben?«

Konnte ich nicht. Ich weiß selber erst, was Rosanna vorhat, wenn ich vor meiner Schreibmaschine sitze. »Nein«, entgegnete ich entschieden. »Die neue Valerie Valentine ist auf dem Markt – der Titel lautet Brennendes Feuer der Leidenschaft. Das müsste Sie für zwei Wochen ablenken.«

»Sie ist gut, aber nicht so gut wie Sie«, murmelte Schmidt. »Sie haben mehr Fantasie.«

Er schmollte – ein betagtes Baby, das nach seiner Flasche verlangt. Ich schüttelte den Kopf. Schmidt seufzte.

»Na gut. Ich hoffe, Sie amüsieren sich bestens.«

»Ich auch«, knurrte ich.

»Das Land Ihrer Vorfahren«, sinnierte Schmidt. »Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln – ja, das klingt ausgesprochen romantisch. Sie wohnen sicherlich im Grand?«

»Weit gefehlt. Das ist zu teuer.«

»Aber Sie müssen dort logieren. Es ist ausgesprochen romantisch. Und sehr angenehm.«

Er meinte wohl, angenehm für ihn. Dann würde er definitiv wissen, wo er mich finden konnte, falls er unter Entzugserscheinungen litt. Trotzdem war die Vorstellung verlockend. Das Grand, eines der berühmten, alten europäischen Hotels, ist beinahe so romantisch, wie Schmidt annimmt. Und – vollkommen überflüssig, das zu erwähnen – es war nicht das Hotel, in dem John ein Zimmer für mich reserviert hatte.

»Ja«, beharrte Schmidt. »Sie werden im Grand absteigen. Der Direktor ist ein guter Bekannter von mir. Ich werde sofort anrufen.«

Nun denn, dachte ich im Stillen. Warum nicht? Wer hat, der hat. Ich konnte immer noch in ein billigeres Hotel umziehen, falls mir das Geld ausging.

Es regnete – was sonst? – am Tag meiner Abreise. Zuvor hatte ich Caesar in einer sündhaft teuren Tierpension untergebracht. Es regnete – selbstverständlich – auch in Stockholm. Das Flugzeug tauchte durch eine schmutziggraue Wolkendecke und überflog dann eine nebelverhangene Landschaft, so dass ich absolut nichts erkennen konnte. Resigniert kämpfte ich mit meinem Regenmantel, den ich in der Hoffnung eingepackt hatte, dass ich ihn nicht brauchen würde.

Ich hatte mich für das Ticket entschieden. Dass John mich am Flughafen erwartete, bezweifelte ich; überheblich, wie er war, ging er vermutlich davon aus, dass ich gehorsam in das von ihm ausgewählte Hotel trotten und Däumchen drehen würde, bis er sich dazu herabließ, mich aufzusuchen. Doch bei John war ich mir nie sicher.

Vorsichtig um mich spähend, verließ ich in geduckter Haltung den Zoll und rechnete jeden Augenblick mit der kritischen Konfrontation mit einem attraktiven blonden Gauner.

Blondschöpfe, wohin mein Auge blickte, aber keiner hatte die silberhelle Aureole von Johns Haar. Erleichtert richtete ich mich auf und schlenderte zum Schalter für den Geldumtausch.

Ich liebe Flughäfen – die Hektik und Aufregung, die spannungsgeladene Atmosphäre – Menschen, die abenteuerliche Ziele in Angriff nehmen oder hinter sich lassen – tränenreiche Abschiede, die strahlende Wiedersehensfreude. Der elegante Herr mit dem schütteren Haar und dem teuren Handgepäck und dem konzentrierten Stirnrunzeln – er könnte ein Diplomat auf geheimer Mission zu einem Krisenherd in Nahost sein, oder ein Geschäftsmann, der die Komplexität eines Milliardendeals überdachte, oder ein nervöser Ehemann, der übers Wochenende eine Geliebte in Kopenhagen traf und zu Gott betete, dass seine Frau nicht im Büro anrief. (Machen Sie sich keine Gedanken über den eleganten Herrn, Sie werden ihn nicht mehr treffen. Er ist nur ein Beispiel für meine lebhafte Fantasie.)

Niemand beachtete mich. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie angenehm ich das fand. Die Bayern sind klein und stämmig und dunkelhaarig. In München bin ich im Schnitt einen Kopf größer als alle anderen Frauen, größer als die meisten Männer, und mein blondes Haar glänzt wie ein Leuchtfeuer. Doch hier waren überall Schweden – wundervolle, große, blonde Schweden. In meiner näheren Umgebung bemerkte ich mindestens drei Frauen von meiner Statur. Da wusste ich, dass diese Reise ein voller Erfolg werden würde. Ein wundervolles Land! Wundervolle Menschen! Meine Wurzeln!

Ich war dermaßen überwältigt von dieser Entdeckung, dass es mir nicht einmal etwas ausmachte, mich vor dem Geldumtauschschalter wie üblich in die langsamste Schlange eingereiht zu haben. Irgendein armer Idiot, der weder wusste, was er wollte, noch seine Wünsche zu präzisieren vermochte, argumentierte mit dem Kassierer; die vor mir wartenden Leute schnitten Grimassen, fluchten leise oder versuchten ihr Glück in einer anderen Schlange. Ich stand nur da, fasziniert von diesem Anblick. Große, blonde Menschen – Menschen wie ich. Ich begriff, wie Gulliver sich nach seiner Rückkehr von Liliput gefühlt haben musste.

Ein Mann fiel mir auf, und das nicht nur, weil er seine hünenhaften Landsleute noch um einiges' überragte. Er musste ein Schwede sein. Mit einem Hörnerhelm auf dieser beeindruckenden, flachsblonden Mähne und einem Kettenhemd über den ebenso beeindruckenden Schultern hätte er das Bild eines kriegerischen Wikingers abgegeben, wie in den Büchern aus meiner Kindheit. Keine Sorge, die Wikinger trugen keine Hörnerhelme; die Abbildungen in dem Buch haben lediglich meine Fantasie beflügelt. Dieser Mann hatte sogar einen langen, herunterhängenden Schnurrbart wie Leif Eriksson.

Er stand seitlich von mir, las eine Zeitung und schien sich unbeobachtet zu fühlen. Ich starrte ihn weiterhin an und hoffte, dass er in meine Richtung sehen würde. Schließlich bewegte er sich und blickte auf. So viel zum Thema stechender Blick: er sah mich nicht an! Ich folgte seinem suchenden Auge, um festzustellen, was denn so erheblich faszinierender war als ich.

Grundsätzlich übertrieb John mit seinen Tarnungen stets ein bisschen. Ich schätze, dass er diesmal versuchte, den südländischen Typus zu verkörpern. Er hat die entsprechende Statur – sehnig, schlank, geschmeidig. Jetzt war sein Haar dunkel und seine Hautfarbe von einem hellen Olivton. Der kleine schwarze Schnurrbart und der zu perfekte Maßanzug legten Rudolph Valentino nahe. Vielleicht hätte ich ihn nicht einmal erkannt, wenn er mich nicht so ostentativ ignoriert hätte. Während er betont ins Leere schaute, war sein Profil mir zugewandt, und dessen markante Silhouette war unverkennbar.

Bei seinem Anblick überwältigte mich eine geballte Ladung von Emotionen – angestauter Zorn, Belustigung, Abscheu und ein Gefühl, das Schmidt vermutlich mit »romantisch« umschrieben hätte. (Inzwischen sollten Sie eine ziemlich konkrete Vorstellung davon haben, was dieser Begriff für Schmidt bedeutet.) Die erste Empfindung dominierte. Ich überlegte nicht lange, fragte mich auch nicht, was es mit seiner Maskerade auf sich hatte; die schlichte Tatsache, dass er inkognito bleiben wollte, war Grund genug, seine Präsenz zu propagieren. Ich öffnete meinen großen Mund und brüllte: »Hallo, John. John Smythe! He, hier bin ich, John.«

Meine – zur vollen Lautstärke erhobene – Stimme wird häufiger mit der Brunhilds verglichen, als diese den Ritt der Walküren anführte. John zuckte zusammen. Alle, die sich im Umkreis von etwa 30 Metern befanden, drehten sich zu mir um. Ich winkte, stellte mich auf Zehenspitzen und zeigte mit dem Finger auf ihn. Sämtliche Köpfe wandten sich in Johns Richtung.

Eine ungesunde Färbung – nackte Wut, nehme ich an – verdunkelte seine Wangen zu einem düsteren Oliv. Ich wusste um seine Fähigkeit, Schnelligkeit mit Unauffälligkeit zu verbinden; wo er gerade gestanden hatte, war niemand mehr. Es schien mir, als wäre rings um diese Stelle ein merkwürdiger, kleiner Sog entstanden – alle Umstehenden taumelten.

Der Mann hinter mir rempelte mich an. Die Schlange bewegte sich. Ich schloss die Lücke, die zwischen mir und meinem Vordermann entstanden war.

Ich hatte nicht die leiseste Absicht, John nachzugehen. Was mich beunruhigte, war mein Eindruck, dass jemand anders genau das bereits getan hatte. Mit gemischten Gefühlen spähte ich zu seinem ursprünglichen Standort neben der Säule in der Nähe des Zeitungsstands. Es war ein nahe liegender Treffpunkt, sofern man sich am Gate oder an der Zollabfertigung verpasst hatte. Die Menge schien sich zu lichten. Ich versuchte mich an das eine oder andere Gesicht zu erinnern, allerdings erfolglos, da ich nur Augen für John und den Wikinger gehabt hatte. Letzterer zeigte nach wie vor kein Interesse an mir. Er faltete seine Zeitung, steckte sie unter seinen Arm und schlenderte davon.

Erneut wurde ich einige Zentimeter nach vorn geschoben. Es hätte mich keineswegs erstaunt, wenn jemand John verfolgt hätte. Irgendeiner war ihm immer auf den Fersen – ein aufgebrachter Ehemann, ein Polizist, ein anderer Ganove ... Die Liste derer, die John umbringen oder übel zurichten wollten, war endlos. Sofern ich irgendwelche Gewissenbisse wegen meiner lautstarken Begrüßung hatte, beruhigte mich die Tatsache, dass er mich nach Stockholm gebeten hatte, mitten in den Schlamassel, den er gerade ausheckte. Nein, ich fühlte mich schuldlos. Stattdessen beschlich mich das Gefühl, dass ich diese Ratte eigenhändig umbringen sollte.

Nachdem ich einen Reisescheck eingelöst hatte, strebte ich zum Ausgang. Ursprünglich hatte ich mit dem Flughafenbus in die Stadt fahren wollen, doch in letzter Minute überlegte ich es mir anders. Ich schlüpfte aus der Schlange, rannte wie der Teufel und sprang in ein Taxi. Dafür erntete ich die wütenden Blicke der vor mir wartenden Leute, aber für gutes Benehmen war es nun zu spät. Mir war nämlich eingefallen, dass ich in meinem Bestreben, John in die Bredouille zu bringen, einen kleinen Fehler gemacht hatte. Damit hatte ich die Aufmerksamkeit nicht nur auf ihn, sondern zwangsläufig auch auf mich gelenkt.

Kapitel 2

Es hatte aufgehört zu regnen, als das Taxi die Innenstadt erreichte, trotzdem konnte ich deren Schönheit nicht genießen; ich war ständig damit beschäftigt, nach Verfolgern Ausschau zu halten. Offenbar vergeblich, aber man durfte sich nie sicher sein; jeder vorüberfahrende Wagen war ein beigefarbener Saab. Die Sonne kämpfte sich versuchsweise durch die Wolken, und ich entschied, dass ich unter Verfolgungswahn litt. Falls John beschattet worden war, hatte meine ungehemmte Begrüßungssalve jeden Beobachter davon überzeugt, dass ich nicht ganz bei Trost war – oder im höchsten Maße unqualifiziert für die Rolle der Komplizin.

Das Grand Hotel befindet sich am Mälarsee, nicht weit von der Ostsee entfernt. Auf dem verwitterten Kupferdach waren ein halbes Dutzend Fahnenstangen angebracht, und die blaugelbe schwedische Flagge flatterte im Wind. Dunkelrote Markisen säumten die Frontfenster und bildeten eine dicke rote Linie über dem Café und dem Restaurant im Parterre. Am Kai vor dem Hotel lagen einige der flachen weißen Touristendampfer vor Anker, die auf den Binnenwasserstraßen verkehren. Selbst an einem trüben Tag wie diesem waren die Farben überwältigend – klare, lebhafte Farben, Rot und Weiß und Grün und Blau.

In der Eingangshalle tummelte sich ein wahrhaft internationales Publikum: japanische Geschäftsleute und deutsche Touristen, amerikanische Studenten und Saudis in wallenden Gewändern. Erst nachdem man mich auf mein Zimmer begleitet hatte und der Hotelpage gegangen war, setzte meine Ratio wieder ein. Er hatte meine Koffer in Reih und Glied auf die Gepäckablage gestellt, die mit meiner ausladenden Handschrift versehenen Aufkleber für jeden von weitem ersichtlich: »Dr. Victoria Bliss, Grand Hotel, Stockholm.«

Die Gepäckstücke hatten die ganze Zeit neben mir gestanden, während ich in der Schlange wartete, und bestimmt noch gut fünf Minuten, nachdem ich mich so freimütig als Freundin von John Smythe zu erkennen gegeben hatte. Es war reine Zeitverschwendung gewesen, nach verfolgenden Wagen Ausschau zu halten. Wer etwas von mir wollte, wusste, wo er mich finden konnte.

Ich halte nichts davon, im Urlaub in Hotelzimmern herumzusitzen, doch dieses verließ ich noch schneller als gewöhnlich.

Ich trat aus dem Hotel in den herrlichen, von mir ersehnten Sonnenschein. Das Kreischen der Seemöwen erfüllte die Luft. Eine kühle Meeresbrise zerzauste mein Haar. Wellen schlugen ans Ufer. Überall waren Boote – sie tuckerten geschäftig durch die Fluten, legten an, legten ab oder schaukelten vor Anker. Ich fühlte mich wie ein Kind, das mit einer Hand voll Geld die Auslage eines Spielwarengeschäfts betrachtet; die ganze, reizvolle Stadt lag mir zu Füßen: Parks und Museen und Geschäfte und Straßen und Kanäle.

Die Wasserbusse für die Touristen sahen witzig aus, doch ich hatte es satt, untätig herumzustehen. Gegenüber der Bucht erhob sich die würdige Fassade des im 18. Jahrhundert erbauten königlichen Palastes auf der kleinen Insel Gamla Stan, der Altstadt oder der Stadt zwischen den Brücken – in Schweden scheint alles mehrere unterschiedliche Namen zu haben.

In der sperrigen Schultertasche, die ich statt einer Handtasche mitgenommen hatte, befand sich eine Broschüre von Gamla Stan, die ich in einem Münchner Reisebüro bekommen hatte. Sechs geschichtsträchtige Jahrhunderte, angefangen mit dem dreizehnten; Kopfsteinpflaster und enge Gassen, mittelalterliche Tore und Barockportale ... Ich hatte eine ganze Reihe reizvoller alter Städte besucht. In Süddeutschland gibt es viele, mit mittelalterlichen Festungswällen und Fachwerkhäusern. Trotzdem kann ich davon nie genug bekommen. Darüber hinaus enthielt die Broschüre einige Werbeanzeigen. Das berühmte Geschäft für schwedische Hemden; skandinavische Stricksachen; Kristall aus schwedischen Glasmanufakturen; alte Stiche, Bücher, Landkarten; Leder, Silber, Zinn, handgewebte Stoffe, handgestickte Blusen ... Ich könnte jetzt behaupten, dass mich mein kunsthistorisches Interesse in die verwinkelten Gassen von Gamla Stan führte – aber das wäre eine Lüge.

Wie vergleichbare Viertel anderer Städte – die Getreidegasse in Salzburg, Georgetown in Washington, D.C., die Via Sistina in Rom – ist Gamla Stan elegant, modern und ausgesprochen teuer. Viele Geschäfte befanden sich im Parterre der alten Gebäude. Die gemeißelten Steinportale und die kunstvollen schmiedeeisernen Fenstergitter bildeten einen harmonischen Rahmen für das ausgestellte moderne schwedische Kunsthandwerk. Der Fußgängerstrom bewegte sich nur langsam vorwärts. Die Leute blieben stehen, um ihre Reiseführer zu studieren, um Schaufenster zu betrachten oder um den Straßenmusikanten zu lauschen.

Ich weiß nicht, wie lange ich ziellos und zufrieden umherschlenderte, bis ich begriff, dass ich keineswegs entspannt war. Statt rote Holzpferde und wollene Skimützen zu bewundern, taxierte ich die Menschenmassen auf der Suche nach einem bekannten Gesicht. Statt mich an meiner multikulturellen Umgebung zu erfreuen, fühlte ich mich auf einmal eingekreist und bedrängt. Eine unangenehme Gänsehaut begleitete mein Gefühl, von kritischen Blicken verfolgt zu werden.

Aufgrund eines absurden Fluchtinstinkts strebte ich von den belebten Straßen nach Stortorget, dem berühmten Platz in der Altstadt. Da ich ihn auf Postkarten und Plakaten schon so häufig bewundert hatte, kam er mir fast wie eine zweite Heimat vor. Ernst blickende Touristen richteten ihre Kameras auf Nummer 20, das große rote Ziegelhaus mit seinem auffälligen Hochzeitskuchengiebel – eines der beliebtesten Fotomotive; nach den Sommerferien würde es in Tausenden von abgedunkelten Wohnzimmern über die Leinwand flimmern, während die Gäste ein Gähnen unterdrücken und der Gastgeber mit gewichtiger Stimme ausführen würde: »Nun, das hier ist irgendwo in Stockholm – oder war es Oslo?«

Der Platz war voller Menschen, dennoch vermittelte er mir nicht dieses klaustrophobische Gefühl wie in den Gassen. Grüne Holzbänke und riesige Kübel mit roten Geranien bestimmten das Bild; das zwischen den hohen Häusern einfallende Sonnenlicht ließ sie wie frisch gestrichen erscheinen. Ich entschied, dass meine neurotischen Anwandlungen teilweise auf meinen knurrenden Magen zurückzuführen waren, deshalb kaufte ich in einem Geschäft einige Marmeladentörtchen und setzte mich auf eine der Bänke, von wo aus ich den Barockturm der Kathedrale und das Treiben in der engen Gasse betrachten konnte. Nachdem ich die Törtchen verspeist hatte, leckte ich mir die Erdbeermarmelade von den Fingern und blieb sitzen, den Blick verträumt auf die verwitterte Kuppel gerichtet.

Vermutlich hatte ich die Beine ausgestreckt, trotzdem hätte er ausweichen können. Ich bemerkte ihn nicht; ich spürte nur den stechenden Schmerz an meinem linken Schienbein, hörte ein Knirschen, einen Knall und einen Fluch, als ein sperriger Gegenstand mir geradewegs zu Füßen fiel.

Ich schrie auf, beugte mich vor und umklammerte meinen Fuß. Er schrie ebenfalls auf und blieb, wo er war, bäuchlings auf dem Trottoir. Seine Statur wirkte auch in der Horizontalen beeindruckend – ein gefallener Koloss, ein gestürzter Titan.

Wäre das Gleiche in Dänemark passiert, hätte er sich vor hilfsbereiten Mitmenschen kaum retten können. Die Schweden hingegen schalten sich erst ein, wenn Blut fließt. Vereinzelt vernahm ich fragendes Gemurmel, ein Mann trat zögernd auf den Gestürzten zu, entfernte sich jedoch, sobald dieser sich aufrappelte.

Als er den Kopf hob, befanden wir uns in Augenhöhe. Seine waren nicht blau, wie man das bei einem Wikinger vermuten könnte; sie waren von einem seltsamen Braun, wie Karamellbonbons. Außer den buschigen Brauen, des noch buschigeren Schnauzbarts und seiner kräftigen Haare, die ihm in die Stirn gefallen waren, konnte ich von seinem Gesicht nur wenig erkennen. Was ich sah, war feuerrot, und seine Augen funkelten wie bronzene Speerspitzen.

»Sie ungeschickte, rücksichtslose ...«, hub er an. Dann schnellten seine Augenbrauen nach oben und verschwanden unter seinem Haar. »Sie waren am Flughafen!«

Es klang wie eine Anschuldigung. Ich rechnete schon fast mit der wütenden Frage: »Verfolgen Sie mich etwa?«

»Ja, ich war am Flughafen. Wieso? Wahrscheinlich habe ich mir den Fuß gebrochen. Warum zum Teufel können Sie nicht aufpassen, wo Sie hintreten?«

Noch immer auf Händen und Knien warf er den Kopf zurück, so dass die wilden blonden Locken seine Augen freigaben. Caesar reagiert ähnlich, wenn er sich einschmeicheln will. Ich lachte. Der Wikinger erhob sich, schwankte und umklammerte fluchend sein Knie. Die neben mir auf der Bank sitzende Frau sammelte ihre Päckchen ein und entfernte sich eilig. Vielleicht war es auch nur die taktvolle Reaktion auf einen verletzten Mitmenschen, trotzdem glaube ich, sie fürchtete, er würde auf sie stürzen.

Er nahm den frei gewordenen Platz. Für kurze Zeit saßen wir betreten schweigend nebeneinander, während er sich sein Knie rieb und ich meinen Fuß inspizierte.

Schließlich brummte er: »Es tut mir Leid.« Nachdem sich seine Verärgerung gelegt hatte, klang seine Stimme relativ hell für einen so hünenhaften Mann.

»Das sollte es auch.«

»Lassen Sie mich mal sehen.«

Ich umklammerte eine Ecke der Bank, während er meinen Fuß auf seinen Schoß hob; doch er ging sehr behutsam vor, brachte mich nicht einmal aus dem Gleichgewicht. Eine Frau von meiner Größenordnung hat beileibe keine kleinen Füße, dennoch behandelten seine langen, gebräunten Finger meine Quadratlatschen, als wären es die Füßchen einer Geisha.

Schließlich ließ er den Fuß los. »Tut mir Leid, aber das wird ein Bluterguss. Vielleicht konsultieren Sie besser einen Arzt.«

»Nein, ist schon in Ordnung. Was ist mit Ihrem Knie?«

Unbekümmert rollte er sein Hosenbein hoch. Seine Wade war so muskulös wie der Oberschenkel eines Durchschnittsmannes, durchtrainiert und von zartem Flaum bedeckt, schimmernd im Sonnenlicht wie der Nimbus von Heiligen oder göttlichen Helden. Ich war derartig fasziniert von dieser beeindruckenden Anatomie, dass ich sein verletztes Knie kaum beachtete. Ich erhaschte lediglich einen Blick auf gerötete Haut, bevor er den Stoff wieder hinunterschob.

»Es ist halb so schlimm.«

»Ich bin froh«, versetzte ich gedehnt, »dass Ihre Hose nicht zerrissen ist.«

»Ich auch. Sie war sehr teuer.«

Sie sah keineswegs teuer aus. Allerdings ist das relativ, und ich kannte ihn bestimmt nicht gut genug, um das Thema zu vertiefen. Als ich aufstehen wollte, legte er seine Hand auf meinen Arm.

»Erlauben Sie mir, dass ich Sie einlade ...«, fragte er.

»Also wirklich, ich glaube nicht ...«

»Auf einen Schnaps. Oder etwas anderes, wenn Sie wollen.«

»Also wirklich, ich ...«

»Sie müssen es mir erlauben.«

»Müssen« war das Stichwort. Es war keine Einladung; es war ein Befehl, zusätzlich unterstrichen vorn Gewicht seiner Hand auf meinem Arm.