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Bei dem Buch handelt es sich um einen Reise-/ Erfahrungsbericht über das Leben und Arbeiten in Saudi Arabien. Der Autor berichtet über vier Jahre die er dort verbracht hat und seine Erfahrungen und Ereignisse, welche er in einem für uns fast unbekannten Land gemacht, bzw. erlebt hat.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
S.A.E.
Vier Jahre Saudi
Vom Leben und Arbeiten eines deutschen Gastarbeiters im heiligsten Land der Muslime
www.tredition.de
© 2016 S.A.E.
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-0445-7
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1. ANKUNFT IN RIYADH
2. SEDER COMPOUND/RIYADH/BAUSTELLE
3. RIYADH/HOTEL/MAIN OFFICE
4. FAL COMPOUND 1
5. OP 1
6. RIYADH
7. UNTERKUNFT / AUTO
8. BAHRAIN 1
9. RIYADH/DISCOVERY 1
10. FLUG MIT HINDERNISSEN
11. TERROR WARNING
12. DISCOVERY 2
13. IQAMA
14. DUBAI 2
15. BAUSTELLE
16. HOSPITAL 1
17. GRANADA MALL
18. FRAUEN IN SAUDI ARABIEN 1
19. UNCOVERED
20. EDGE OF THE WORLD
21. FAMILY SECTION 2
22. ADVENTURE TRIP / GRAFFITI ROCKS (QARYAT AL-ASBA)
23. QUAD IN DER WÜSTE
24. SHISHA/ NASWAR UND AFGHANISCHE KÄMPER
25. DER WERT EINES MENSCHENLEBEN
26. BAHRAIN 2
27. PUBLIC VIEWING IN DER DEUTSCHEN BOTSCHAFT
28. UNCOVERED 2
29. QATAR 1
30. MUTAWA – DIE MUSLIMISCHE RELIGIONSPOLIZEI
31. WÜSTE UNTER WASSER
32. ARABIC LESSONS 1
33. NEUER BUSSGELDKATALOG
34. UNFALL / SAUDI DRIVER LICENSE
35. RATTENDRECK
36. SANDSTURM
37. KIDNAPPING
38. INDUSTRIAL AREA SOUTH / INDUSTRIAL CITY
39. FILMEABEND IN DER DEUTSCHEN BOTSCHAFT
40. RESTAURANTS
41. ARABIC LESSONS 2
42. VISA-PROBLEME
43. QATAR 2
44. KAKERLAKEN UND WANZEN
45. MIT DEM WAGEN ZUR UND AUF DER BAUSTELLE
46. BAHRAIN, AL-DAR ISLAND
47. FRAUEN IN SAUDI ARABIEN 2
48. AIN HEET CAVE
49. DIPLOMATIC QUATER – AL KINDI PLAZA
50. EIN SCHWIMMENDES AUTO
51. SAUDISCHER KALENDER
52. ANSCHLAG AUF DEUTSCHE DIPLOMATEN / SICHERHEITSLAGE
53. FAL COMPOUND 2
54. KNAST FÜR SCHNAPS
55. EXECUTION
56. AL BUSTAN VILLAGE
57. CORONAVIRUS MERS
58. ARBEITER AUF DEM WEG IN DEN TOD
59. ARRANGIERTE EHE
60. RAMADAN KAREEM
61. BIS AN DIE GRENZEN
62. SAUDI NATIONAL DAY
63. HAJJ – HOLIDAY
64. ESKALATION
65. MERRY CHRISTMAS AND A HAPPY NEW YEAR
66. DER KÖNIG IST TOT, ES LEBE DER KÖNIG
67. DAS INTERNET
68. HEISSE REIFEN
69. ARABIAN WORLD WAR
70. SAUDISCHE HOCHZEITSFEIERN
71. STREIK
72. ALLGEMEINES
73. FINAL EXIT
ZU GUTER LETZT!
S.A.E. 2015
VORWORT
Bevor ich nach Saudi Arabien kam, versuchte ich einige Informationen oder Reiseberichte über dieses Land und das Leben hier zu finden, um auf meine Zeit in diesem für mich fremden Teil der Welt wenigstens etwas vorbereitet zu sein. Trotz Suche im Fachbuchhandel und im Internet konnte ich nichts finden, was mir meinen Anfang und mein Leben in diesem Wüstenstaat erleichtern sollte. So musste ich all meine Erfahrungen selbst machen!
Immer wieder wurde mir bewusst, dass eigentlich niemand im fernen Deutschland eine Ahnung hat, wie es im Königreich Saudi Arabien wirklich ist. Wie fremd und anders die Kultur ist. Wenn ich bei meinen Heimflügen meinen Freunden und meiner Familie über meine Eindrücke und Erlebnisse berichtet habe, konnte ich sehen wie erstaunt oder auch erschüttert sie waren. Die kleinen Geschichten und Anekdoten vom Alltag in Saudi zeigen auf, wie das Leben für einen deutschen Gastarbeiter wie mich, einem Expatriate so ist.
Über das Arbeiten im Speziellen in diesem Land könnte ich ein eigenes Buch schreiben, aber darum geht es in meinen Berichten nur am Rande und wäre auch nur für die Insider interessant. Es geht mehr um das persönlich erlebte, ob nun positiv als auch negativ. Einige Sachen die hier geschehen sind, kann ich auch in diesem Buch nicht erwähnen und bleiben daher unveröffentlicht. Meine Arbeitskollegen, die mit mir zusammen diese Erfahrungen gemacht und durchgestanden haben, werden wissen was ich meine. Es gibt Ereignisse, die sollten besser nicht öffentlich ausgesprochen werden.
In diesem Buch möchte ich über die Stadt Riyadh (Riad) und den Teil von Saudi Arabien, welchen ich bei meinen Ausflügen in die Wüste, sowie bei Kurztrips in die angrenzenden Golfstaaten kennen gelernt habe, berichten. Ich möchte erzählen, wie viele Probleme man bekommen kann, mit eigentlich unscheinbaren und für Einen als unwichtig eingestuften Dingen, wenn man nicht weiß wie das System hier funktioniert. Ich möchte die Lage der Menschen, sei es der Gastarbeiter, als auch der einheimischen Bevölkerung anschneiden, die gefangen in einem totalitären Staat versuchen ihre eigene Identität zu finden und ihren Platz im System zu erhalten. Es geht um Menschenrechte, Sicherheit, die Situation der Frauen und den Versuch dieses Land in die Moderne zu führen, wobei die Auslegung der Religion, das Gesetz, das private und öffentliche Leben bestimmen. In keinem anderen Land der Welt ist der Zwiespalt so krass. Es gibt aber auch viel Hoffnung auf positive Änderungen und sehr viele gute Ansätze. Wir werden sehen wie sich das alles weiterentwickelt, entscheidend ist wie der neue König sein Land zu regieren gedenkt, ob moderat oder fundamentalistisch.
Für mich war der Aufenthalt in diesem für den Westen so unbekannten Land eine sehr wichtige Erfahrung in meinem Leben und ich möchte es nicht missen.
VIER JAHRE SAUDI
Eigentlich war es nur als 15 monatiger Arbeitseinsatz geplant in einem Land wo die meisten Leute nur wissen, dass es hier viel Sand und noch mehr Öl gibt. Für mich war es meine erste Erfahrung für längere Zeit im Ausland tätig zu sein.
Aber ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde!
Vorweg, ich möchte nicht mit irgendwelchen Fakten und Daten über dieses Land aufwarten, die man in jedem Lexikon selbst nachlesen kann. Ich möchte meine gemachten Erfahrungen und Eindrücke wiedergeben, für die die ebenfalls vorhaben aus beruflichen Gründen in Saudi Arabien zu arbeiten und somit auch zwangsweise hier zu leben. Ich möchte einen kleinen Eindruck vermitteln, wie das Leben hier so ist und von den Geschehnissen erzählen, die um mich herum passiert sind.
Bis jetzt hatte ich meine Arbeit meist vom Schreibtisch aus gemacht, mit wöchentlichen Besuchen bei Architekten und auf den Baustellen, für die ich in Deutschland zuständig war.
Nun gab sich mir die Möglichkeit, das in Theorie geplante Vorort auszuführen und zu koordinieren. Die Firma für die ich arbeite führt Projekte auf der ganzen Welt durch, aber dieses Land war neu für uns und niemand wusste so recht wie es in einem Land wie Saudi Arabien überhaupt funktioniert, bzw. generell wie man hier lebt und arbeitet. Niemand hatte eine Vorstellung!
Das in Deutschland von meinem Team und mir geplante Projekt war eines von mehreren sogenannten Parcel, die unsere Gruppe im Joint Venture einzelner Business Units auszuführen hatte. Es gab noch drei weitere Parcel für unsere deutsche Firma, vier für unsere europäischen Nachbarn im Nordwesten und drei für die Kollegen aus Middle East. Unsere Mutterfirma aus Südeuropa hatte bereits vorher vier Parcel separat beauftragt bekommen, wobei eines davon ebenfalls von meinem Team und mir in Deutschland kurz vorher geplant wurde. Nachdem nun diese neuen Projekte an unsere Gruppe vergeben wurden hat man natürlich nach Freiwilligen gesucht, die sich der Herausforderung Vorort stellen wollen.
Für unsere deutsche Firma hab ich mich als Erster gemeldet.
Ja, so kam ich in den Genuss ein Land kennen und vielleicht sogar auf irgendeine Weise lieben zu lernen, von dem man nicht viel Informationen bekommt, außer das was die Regierung als allgemeine Daten nach außen gibt. Ehrlich gesagt machte ich mir selbst absolut keine Gedanken über das Land, die Leute, die Kultur und wie das alles so werden sollte. Aber der Sprung ins kalte Wasser reizte mich schon.
Nachdem unsere südeuropäischen Kollegen bereits seit kurzem in KSA (Kingdom of Saudi Arabia) tätig waren und hierfür eine Firma mit Hilfe unseres saudischen Auftraggebers gegründet hatten, konnte ich den ersten Kontakt knüpfen. Da mein Team und ich bereits eines der Projekt für Riyadh geplant hatten und die Durchführung Vorort anstand, tauschte ich mit dem zuständigen Bauleiter Daniele bereits viele geschäftliche Mails aus um verschiedene Arbeitsabläufe und Informationen auszutauschen. Hierbei machte er den Vorschlag, ich solle doch mal für ein paar Wochen nach Riyadh kommen um ihn in die anstehenden Arbeiten einzuweisen und mit ihm die von uns erstellten Planungen durchzugehen. Aufgrund von bauseitigen Terminverschiebungen verzögerte sich meine erste geplante Reise um ein halbes Jahr, währenddessen die neuen zusätzlichen Aufträge reinkamen und wir zwischenzeitlich die Planung des neuen Parcel durchführten. Zu diesem Zeitpunkt stand für mich schon fest, nicht nur für ein paar Wochen nach Riyadh zu gehen.
Soviel zur Vorgeschichte was meine beruflichen Angelegenheiten betrifft.
Von dem Land, in das ich bald reisen wollte, den Leuten und dem Leben hier hatte ich keine Ahnung!
Ein deutscher Kollege, der vor kurzem zu einem Besprechungstermin in Riyadh war, konnte mir zwar etwas über die Arbeit erzählen, aber für mehr hat es bei seinem 3tägigen Kurzaufenthalt nicht gereicht. Nur, dass ich vorher kein Geld umzutauschen bräuchte, da in jedem Hotel Geldautomaten wären und ansonsten ist es auch nicht anders, als wenn man z.B. nach London kommt, wo ich beruflich auch schon einige Besprechungstermine mit dem für mein Projekt zuständigen Architekten hatte. Alles ganz easy!
Nachdem unsere saudische Firma eine offizielle Einladung (diese ist zwingend notwendig, da es keine Touristen Visa gibt) an mich bzw. meine deutsche Firma geschickt hatte und einigem notwendigen Papierkram, konnte mein 180 Tage Business Visa beantragt werden. Nachdem es genehmigt war, wurde mein Ticket gebucht. Von Frankfurt aus startete ich meinen fast sechsstündigen Flug.
Im Flieger musste ich noch vor der Ankunft eine Einreisekarte ausfüllen, in der in großen roten Buchstaben darauf aufmerksam gemacht wurde, dass man den saudischen Gesetzen untersteht und Drogen unter Todesstrafe stehen!
Herzlich willkommen im geheiligten Land hab ich mir gedacht!
1. ANKUNFT IN RIYADH
Als ich Anfang Mai 2011 dann in Riyadh (Riad) der Hauptstadt von Saudi Arabien ankam, hatte ich bereits über meinen italischen Kollegen Daniele Vorort eine Unterkunft in seinem Compound besorgt. Es war praktisch, da er mich mit seinem Auto jeden Tag mit zu sich auf die Baustelle und wieder zurück nehmen konnte. Compound sind abgeriegelte und abgesicherte Bereiche, in denen man als Westlicher auch nach westlichen Standards leben kann. Im streng wahabitisch muslimischen Saudi Arabien herrschen etwas andere Vorstellungen davon, wie man zu leben hat und nur in diesen Compounds muss man sich nicht an die (alle) strengen religiösen Gesetzen halten, die ansonsten im ganzen Land herrschen.
Als ich am internationalen Flughafen King Khalid in Riyadh ankam, wartete schon in der Menge mein organisierter Firmenfahrer mit einem DIN A3 großen Schild auf dem in großen dicken Lettern der Name unserer Firmengruppe und mein eigner drauf standen. Es wimmelte im Ausgangsbereich nur so von dunkelhäutigen Fahrern und Taxi Chauffeuren aus Indien, Bangladesch oder Sri Lanka die auf ihre Kunden warteten. Es war bereits gegen Mitternacht und die heiße trockene Luft außerhalb des Gebäudes raubte mir erst mal kurzzeitig den Atem.
Mein kleiner bangalischer Fahrer stellte sich mir vor und begann und endete jeden Satz mit „Sir“. Sehr ungewohnt, wenn man das das erste Mal hört und man mit „Sir“ angesprochen wird. Aber irgendwie cool!
Vor lauter Getümmel hab ich natürlich glatt vergessen nach einem Geldautomaten zu fragen. Also musste ich mir erst mal 100 Saudi Real (umgerechnet ca. 20 EUR) von ihm borgen, um überhaupt was zu haben.
„ Ist ja kein Problem, es gibt ja überall Geldautomaten!“ klingt es mir in den Ohren!
Auf dem Weg zur Stadt befuhren wir eine achtspurige Autobahn, die in der Mitte durch Palmenreihen getrennt war. Alles war hell erleuchtet, vor allem der anschließende königliche Privatflugplatz mit kuppelartigen Gebäuden, eigenem Terminal und einer anschließenden riesigen Moschee. Die Fahrt führte an der „Prinzess Noura Universität for Women“ vorbei. Prachtvolle rießige Eingänge mit Torbögen und Springbrunnen direkt neben der Autobahn. Das Gelände ist über 5km lang und von einer 12 km langen Mauer umzäunt. Darin befinden sich rießige Gebäudekomplexe, eine riesige Moschee mit zwei Minaretten und sogar eine eigene Hochbahn mit Bahnhöfen, um zwischen den einzelnen Gebäuden hin und her fahren zu können. In der größten Universität der Welt nur für Frauen sollen mehr als 30.000 Mädchen und Frauen studieren, wie ich später erfahren werde. Für Männer ist der Einlass strengstens verboten.
Gleich nach dem Universitätsgelände an der Autobahn ein Check Point. Hier werden die Fahrzeuge auf dem Weg zum Flughafen kontrolliert. Die Polizei steht mit Panzerwagen und automatischen Waffen im Anschlag und hält nach eigenem Ermessen Fahrzeuge an, die sich vielleicht lohnen kontrolliert zu werden. In Richtung City lässt man uns ungehindert durch.
Weiter geht’s Richtung Stadt, ein Lichtermeer das den ganzen Horizont erleuchtet. Bis jetzt bin ich absolut positiv beeindruckt.
Die Autobahnen erinnern mich an amerikanische Highways, sogar die Beschilderung, die hier jedoch vornehmlich in Arabisch sind und nur wichtige Sachen zusätzlich in englischer Sprache.
Nach einer der unzähligen Ausfahrten, mit blauen EXIT Schildern gekennzeichnet fahren wir von der Autobahn runter und auf einer breiten sechsspurigen Straße weiter, die von ein- und zweistöckigen Gebäude gesäumt ist. Im Erdgeschoß sind meist kleine Läden mit großen Schaufenstern und rießigen farbig beleuchteten Werbeschildern, die über die ganze Gebäudelänge gehen. Die arabische Leuchtschrift, kunstvoll geschwungen und verziert sieht fremd, aber einladend aus.
2. SEDER COMPOUND/RIYADH/BAUSTELLE
Dann biegen wir mehrmals ab und die farbigen Neonschriften verschwinden. Die Straßen sind immer noch breit, aber nicht mehr so einladend. Der Straßenbelag wird immer schlechter, die Schlaglöcher immer häufiger und tiefer.
Zufahrt zum Compound
Vor einer vier Meter hohen Mauer mit Stacheldraht bleiben wir stehen. Um die Mauer befinden sich schwarzgelb gestreifte Betonabsperrungen, ebenfalls mit Stacheldraht. Der verdeckt liegende Eingang mit Sichtschutzbarrieren und Maschinengewehrstellungen liegt hinter Tarnnetzen. Der Sicherheitsdienst am Eingang kontrolliert das Fahrzeug, unter der Motorhaube, der Kofferraum, sogar mit Spiegel und Licht wird der Unterboden des Fahrzeuges auf versteckte Bomben untersucht. Weiter geht’s einen 100m langen engen Parcours in Schlangenlinien zwischen Betonabsperrungen hindurch zum Haupteingang. Dann müssen die Pässe abgegeben werden und man bekommt einen Besucherausweis.
Welcome to the holy country!
Der Fahrer bringt mich zu einem zweistöckigen Gebäude, dem Gästehaus/Motel des Compound für Kurzzeitgäste. Der Schlüssel ist wie vereinbart im Briefkasten hinterlegt. Ich bin tot müde, da es schon weit nach Mitternacht ist und freue mich auf mein Bett, zum Umschauen hab ich morgen noch Zeit. Gott sei Dank gab es in meinem Apartment Trinkwasser für Gäste die spät ankommen, sonst wäre ich glaub ich schon am ersten Tag verdurstet.
Motel-Anlage
Villen
Minimarket
Am nächsten Morgen verschaffte ich mir einen kleinen Überblick über das Compound. Es war wie ein kleines amerikanisches Village mit einzelnen Bungalows und dazwischen Carports. Alles schön angelegt mit Palmen, Bäume und Büschen. Ein kleiner Minimarket, in dem man alles Notwendige aus aller Welt kaufen kann, Beef in der Dose aus Brasilien, Tunfisch aus Japan, Joghurt aus Deutschland und Käse aus Holland. Dazu einheimische Sachen, die man zum Leben so braucht. Alles auf 12m2, bis an die Decke gestapelt. Hier hab ich mich erst mal eingedeckt mit Wasser, Biskuit und alkoholfreiem Bier. Dann holte mich Daniele zur Arbeit ab.
Am Abend auf der Rückfahrt zum Compound suchten wir eine ATM-Cash Machine, damit ich etwas Geld abheben könnte, doch gar nicht so einfach! Entweder funktionierten sie nicht oder meine Visa Card wurde nicht akzeptiert.
Schließlich nach eineinhalb Stunden fanden wir nach fünf endlosen Versuchen eine die zwar die Visa ebenfalls nicht akzeptierte, dafür jedoch meine einfache EC Card. Endlich Geld!
Daniele, der mich sehr geduldig von einer Cash Machine zur anderen chauffiert hatte, atmete erleichtert auf.
Das nächste Mal hab ich mir gedacht, sollte ich mich schon vorher um genügend Bargeld kümmern, damit so was nicht wieder passieren kann!
Abends im Compound angekommen, machte ich erst mal eine kleine Runde um mich ein bisschen umzusehen. Ich fand den Pool, 30m lang und genau das Richtige für mich, da ich für mein Leben gerne schwimme. In der Nähe das Fitness Center, Tennisplätze und eine als Restaurant umgebaute Turnhalle. Etwas provisorisch anscheinend. Mein Apartment war sehr groß mit anschließender Küche und Essecke. Das Bad absolut schön, neu und sauber. So was trifft man nicht mal in deutschen Hotels. An der Wand ein großer Flachbildschirm mit rund 50 internationale Kanälen. Ich war begeistert!
Da ich vom Staub der Baustelle und der Hitze großen Durst hatte, öffnete ich mir eine Büchse Budweiser 100% alkoholfrei! Da ich in Deutschland in einer Gegend aufgewachsen bin, die die größte Brauereidichte der Welt im Verhältnis zu seinen Einwohnern hat, liebe ich den Geschmack von Bier, auch wenn dieses zwangsweise hier ohne Alkohol ist. Nach der fünften Büchse stellte sich auf einmal das Gefühl von Trunkenheit ein! Mein Körper suggeriert meinem Gehirn aufgrund des Biergeschmackes und der Menge, dass ich jetzt eigentlich betrunken sein müsste! Und tatsächlich, ich fühlte mich auch so! Wer denkt das ist Blödsinn, sollte das selbst mal ausprobieren, es stimmt wirklich!
Diese Wirkung hielt aber nur drei Tage an, bis mein Gehirn merkte, da ist ja gar nichts zum betrunken werden!
So vergingen die ersten Tage wie im Flug und mein Kollege erzählte mir so einiges, was er in dem einen Jahr, seit dem er hier ist, so alles erlebt hat und gab mir sehr viele hilfreiche Tipps. Wir fuhren abends nach der Arbeit durch die Stadt und er zeigte mir unser Main Office in der Nähe des Kingdom Tower und ein paar neuralgische Punkte um mich etwas besser zu Recht zu finden.
Der Verkehr morgens, mittags, abends und nachts ist wie in anderen großen Städten und Weltmetropolen, eben ständig Rush Hour, aber hier ist alles etwas chaotischer! Ein ständiges Drängeln und Schieben ohne Rücksicht auf irgendwelche Regeln oder Verluste! Abgesehen davon gibt es nur zwei Regel – rote Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen – sonst ist/scheint alles erlaubt! Es gibt kein Rechts vor Links, kein Rechtsüberholverbot, sogar auf der Stadtautobahn oder dem vierspurigen Kreisverkehr kommen sie dir entgegen, wenn es zur nächsten Abfahrt kürzer ist! Dazu die rücksichtslosen einheimischen Fahrer, die ziel- und orientierungslosen Pakistani oder die ewig links fahrenden Inder, die nach dem englischen System fahren. Dazu kommt, dass es zwar eine Fahrschule in Riyadh gibt, aber hier wird, wenn überhaupt, nur auf einem abgesperrten Areal zweimal im Kreis gefahren und das war’s. Kein Wunder, dass Saudi mit seinen paar Städten jedes Jahr 5000 Menschen bei Verkehrsunfällen sterben, so die offiziellen Zahlen, mehr als Einwohner meiner Gemeinde aus der ich komme! Ein saudischer Medizinstudent, den ich später bei einem meiner Heimflüge nach Deutschland kennenlernen durfte, erzählte mir, dass er seine Doktorarbeit über dieses Thema geschrieben hat und bei seinen Recherchen auf mehr als 7800 Tode jährlich alleine in Riyadh kam.
Mein Freund und Kollege sagte mir noch „du bist hier nicht in einem anderen Land, sondern auf einem anderen Planeten“. Ich hab darüber gelächelt, jetzt mittlerweile weiß ich dass er Recht hatte!
Später noch mehr zum Thema Verkehr!
Anschließend lud er mich zu einem arabischen Straßenrestaurant zum Abendessen ein.
Das Restaurant war mitten in der City an einer ebenfalls sechsspurigen Nebenstraße umgeben von wundervollen neuen Glasgebäuden und kleinen bunt erleuchteten Läden. Zwischen Hochhäusern stehen riesige Werbebildschirme, die die wartenden Autos an den Ampeln mit neusten Angeboten von KFC, irgendwelchen luxuriösen Automarken und den neusten am Markt erhältlichen Handys unterhalten und zum Einkaufen locken sollen.
Durch das große Schaufenster des Restaurants, das die ganze Häuserfront einnahm, sah man einen Fleischspieß, ähnlich wie bei uns der Gyros oder Döner. Jedoch mit einem halben Meter Durchmesser und 1 m Höhe, doch etwas größer als bei uns. Daniele bestellt, da ich sowieso keine Ahnung habe was es hier gibt. Es schmeckt ausgezeichnet, auch wenn ich nicht weiß, was es genau war! Manche Sachen etwas ungewohnt, aber sehr gut und sehr reichlich. Was mich begeistert hat ist, dass die Fruchtsäfte, die wir bestellt haben, jedes Mal aus frischem Obst gepresst werden. Einfach wunderbar! Dazu gibt es immer überall kostenlos Trinkwasser in kleinen Flaschen.
MAMA NOURA beliebtes arabisches Schnellrestaurant
Fruchtcocktailbar und Fleischspieß für Shawarmer, ähnlich dem türkischen Döner Kebab
Hier in der City glaubt man nicht, dass man sich mitten in der Wüste befindet!
Am nächsten Abend wollten wir wie jeden Abend von der Baustelle zurück zum Compound fahren. Überall wird gebaut, Verkehrsstau ohne Ende. Straßensperrungen, heute mal wieder eine Neue. Obwohl mein Kollege bereits seit einem Jahr den Weg in und auswendig kennt, passiert es, dass Hauptstraßen einfach geschlossen werden und es keine ausgeschilderte Umleitung gibt. Durch die Verkehrsführung, die hier herrscht (Service Roads die parallel zu den Hauptstraßen verlaufen, U-Turns, keine Linksabbiegerspur) verliert man sehr leicht die Orientierung und nun ist es ihm ebenfalls passiert. Keine Ahnung mehr wo wir sind. Riyadh – die Stadt der U-Turns! Es gibt praktisch keine Strecke die man direkt erreichen kann, ohne einen U-Turn zu machen. Teilweise sind zwei oder drei notwendig, um dahin zu gelangen, wo man eigentlich hin möchte. Dann kam ein Anruf seiner südamerikanischen Ehefrau, die zurzeit mit in Saudi ist, wo wir bleiben. Aber kein Problem. Das GPS ausgepackt, Zieladresse eingegeben und leiten lassen! Nach eineinhalb Stunden, 30min verspätet erreichen wir das Compound.
Morgen ist Freitag (saudischer Sonntag), der einzige freie Tag in der Woche nach 6x10-12 Stunden Arbeit in der Hitze und dem Staub. Da ist Pool und relaxen in der Sonne angesagt.
Am nächsten Tag als ich meine Runde auf der Baustelle mache, höre ich plötzlich lautes Geschreie! Als ich zum gegenüberliegenden Bau blicke, etwa 50m von mir entfernt, sehe ich Stichflammen an einem Gebäude hochschießen. Hunderte Arbeiter laufen wie die Hasen in alle Richtungen um vom Brandherd so schnell wie möglich wegzukommen.
Brand bei Bitumenschweißarbeiten auf der Baustelle
Anscheinend wurden bei Bitumenschweißarbeiten an der Außenwand des Rohbaus etwas anderes mitentzündet oder der Bitumen so heiß, dass es selbst entflammte. Die Flammen loderten etwa zehn bis fünfzehn Meter hoch und die schwarzen Rauchschwaden nebelten die ganze Gegend ein, sodass die umliegenden Gebäude nicht mehr sichtbar waren. Einige Mutige versuchten mit einem Wasserschlauch (so einen wie jeder Hobbygärtner zu Hause hat) zaghaft zu löschen, doch keine Chance! Das Feuer breitete sich immer mehr aus und nun kamen alle Arbeiter, sowie die Arbeiter anderer Baustellen zurück und begafften die Situation. Nach zehn Minuten kam die Baustellenfeuerwehr, sie hatte aber Probleme durch die umstehenden Menschenmassen zum Brandherd zu gelangen. Als das kleine Löschfahrzeug ebenfalls versuchte zu löschen, stellte sich schnell heraus, dass diese total überfordert war. Ebenso wie manche versuchten mit Handfeuerlöscher etwas zu erreichen. Ein paar Minuten später kam ein großer Radlader und erstickte die Flammen mit Ladungen voll Sand. Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte ging jeder wieder seiner gewohnten Arbeit nach. Gott sei Dank wurde niemand verletzt!
Ein paar Tage später, als ich schon wieder in Deutschland war, sollte ich erfahren, dass im Fahrstuhlschacht unserer Baustelle ein Gerüst kollabiert ist und 17 Arbeiter den Tod fanden. Gewundert hat es mich nicht, so wie die Gerüste hier aussehen und wie unbekannt die Worte Sicherheit und Arbeitsschutz in diesem Land noch sind.
Nach zwei Wochen Aufenthalt war meine erste Dienstreise in den Nahen Osten so gut wie beendet, heut Nacht sollte es nach Hause gehen. Um 1 Uhr morgens sollte meine Maschine zurück nach Deutschland fliegen.
Abends um 5 waren wir gerade fertig auf der Baustelle, als wir mit dem Wagen aus dem Gate fahren wollten. Vor uns stand eine große Menschenmenge, Arbeiter von der Baustelle die alle wild durcheinander schrien. Ich dachte sie streiten sich nur wieder um einen Platz in einem dieser großen amerikanischen gelb mit schwarzen Streifen bemalten Schulbusse, die sie wie Vieh jeden Morgen von ihren Lagern zur Baustelle und abends wieder zurück brachten.
Hunderte Busse bringen und holen täglich zehntausende Arbeiter für die Großbaustelle
Hunderte dieser Busse fahren hier jeden Tag um die zehntausende von Arbeitern zu transportieren. Mein Freund hielt den Wagen an und sah, dass ein anderer europäischer Kollege auf der Straße lag und sich vor Schmerzen krümmte. Sofort eilten wir zu ihm hin. Er war am Bein verletzt, ein Auto hatte ihn angefahren. Der Sicherheitsdienst der Baustelle war bereits Vorort und ein Krankenwagen unterwegs. Daniele rief über sein Handy jemanden im Main Office an, der schnellstens Bargeld herbringen musste.
In der Zwischenzeit kam der Krankenwagen. Allerdings weigerten sich die nur saudisch sprechenden Sanitäter den verletzten Monteur mitzunehmen, da er keine gültige Versicherungskarte und weder er noch wir genügend Bargeld dabei hatten. Erst mit dem Geld und der Übersetzungshilfe des arabisch sprechenden Kollegen aus dem Main Office konnte Daniele den Krankenwagen bezahlen. Sie luden den Verletzten ein und wir folgten ihnen zum Hospital, zu dem sie ihn brachten. Dort musste Daniele alle Formulare ausfüllen und alle Behandlungen im Voraus cash bezahlen, auch den Krankenhausaufenthalt für die nächsten Tage.
Mir wurde klar, dass sie einen hier ohne genügend Bargeld oder einer in Saudi Arabien akzeptierten Versicherungskarte, im Straßengraben verrecken lassen würden!
Welcome to the holy country!
Eigentlich wollte ich meinen Freund und Kollegen mit seiner Frau am letzten Abend zum Abendessen einladen, aber zwischenzeitlich war es bereits nach Acht und um halb Elf sollte ich von unserem Fahrer vom Compound abgeholt und zum Flughafen gebracht werden. Ich hatte noch nicht einmal gepackt oder das Zimmer gezahlt. Wir verschoben es auf das nächsten Mal!
Um Neun war ich zurück auf meinem Zimmer, habe gepackt und schnell noch ein paar Kekse gegessen, besser als nichts.
Um dreiviertel Zehn ging ich zum Administration Center und wollte mit meiner Visa bezahlen. Die Karte wurde nicht akzeptiert. Nach fünf Versuchen haben wir aufgegeben. Meine Maestro ging auch nicht und es gab keinen Geldautomaten im Compound. Klasse!
Die Dame an der Rezeption wurde schon etwas ungeduldig und ich entschuldigte mich mehrmals dafür. Schließlich rief sie ein compoundeigenes Taxi, das mich zum nächsten Geldautomaten bringen sollte. Aber wie immer funktionierte nichts. Erst beim vierten Automaten bekam ich endlich Bargeld.
Gegen halb Elf war ich wieder im Compound und bezahlte. Endlich geschafft, dachte ich. Jetzt kann nichts mehr schief gehen!
Ich lief zum Gate und rief mit meinem Handy den Fahrer, ob er schon hier wäre, aber er sagte auf einmal, dass er keine Zeit hätte. Er würde jemand anderes schicken. Klasse!
Es war schon gegen Elf, als direkt vor den Betonabsperrungen ein Auto hielt und wartete. Nichts ungewöhnliches, da öfters offizielle oder inoffizielle Taxis vor dem Compound auf Kundschaft warten.
Ich wollte schon zu dem wartenden Wagen, als mich die Security davon abhielt. Sie sagten ich soll sie erst mal den Fahrer checken lassen, ob dies der bestellte Wagen ist. Ich gab dem Offizier einige Informationen, wie z.B. Firmenname und Name des anderen Fahrers. Der Offizier ging durch die mit massiven Stahltüren und Stacheldraht geschützte Sicherheitsschleuse zum Fahrer und redete mit ihm. Einige kurze laute Worte und der Mann von der Sicherheitsfirma schickte den Fahrer weg. Als er zurück kam fragte ich was los war und warum er den Wagen weggeschickt habe.
Seine kurze und knappe Antwort: „es hätte ihr letztes Taxi werden können!“
Welcome to the holy country!
Er bestellte mir ein offiziell zugelassenes und registriertes Taxi, das mich dann gerade noch rechtzeitig zum Flughafen brachte, damit ich meinen Flieger zurück nach Deutschland schaffte.
Das waren meine ersten zwei Wochen in Saudi Arabien, da kann es doch nur noch besser werden!
Nachdem ich in Deutschland zurückgekehrt war, musste ich erst mal meine normale Arbeitswelt wieder etwas auf die Reihe bringen und die Arbeit, die jetzt zwei Wochen liegen blieb, nachholen bzw. die mitgebrachten Aufgaben erledigen und verteilen. In vier Wochen war die nächste Reise geplant.
3. RIYADH/HOTEL/MAIN OFFICE
Bei meiner zweiten Anreise war wieder ein Fahrer gebucht. Nachdem ich in der Ankunftshalle jedoch niemand mit meinem Namensschild fand, rief ich den Fahrer, der mich das erste Mal abholte an und fragte nach. Er versicherte mir, dass ein anderer Fahrer auf dem Weg sei und gab mir seine Nummer, damit wir uns verständigen können. Hätte ich nicht die Nummer des ersten Fahrer gehabt, hätte ich auch den zweiten nie gefunden und hätte auch nicht gewusst, wo ich untergebracht bin, da alles von Riyadh aus arrangiert und gebucht wurde. Eine Kopie der Hotelreservierung hatte ich natürlich trotz Anfrage nicht erhalten. Also Glück gehabt!
Der Fahrer holte mich vom Terminal ab und fuhr mit mir Richtung Stadt. Dann fuhr er von der Autobahn ab und weit und breit nur Wüste zu sehen. In einiger Entfernung sah ich die Lichter einer Tankstelle mitten in der Prärie. Ich dachte noch, wo fährt der den hin, jedenfalls nicht in die Stadt. Kurz vor der Tankstelle blieb er stehen und stieg ohne ein Wort zu sagen aus. Dann verschwand er in der Nacht. Da saß ich nun in einem Auto ohne Fahrer mitten im Nirgendwo. Schon alles ein bisschen seltsam hier dachte ich, als in diesem Moment ein anderer Mann ins Auto stieg und wortlos losfuhr. Bin ich hier im falschen Film? Ich fragte nach, was das eben sollte und er erklärte mir, dass er eigentlich vorhin mit mir telefoniert hatte und der andere kein Wort Englisch kann, aber mich abholte, da er keine Zeit hatte. Und jetzt haben sie nur die Schicht gewechselt und er würde mich jetzt zum Hotel bringen. Alles irgendwie normal hier oder nicht?
Diesmal sollte ich nicht die ganze Zeit auf der Baustelle für das erste geplante Projekt verbringen, sondern mit den Kollegen im Main Office Riyadh die neuen Projekte vorbereiten und zu ersten Gesprächen mit unserem Auftraggeber zusammen kommen. Also wurde ich in einem Hotel direkt in der City, nahe unseres Office untergebracht. Es war wirklich praktisch, da ich jeden Tag zu Fuß laufen konnte und zudem abends nach der Arbeit mir die Innenstadt ansehen konnte.
Kingdom Tower und NOVO Hotel an der King Fahd Road
King Fahd Road und Service Road Richtung Süden mit Blick auf Faysaliah Tower
Es ist gar nicht so einfach in Riyadh zu Fuß unterwegs zu sein, niemand läuft hier zu Fuß! Die ganze Stadtplanung ist nicht für Fußgänger ausgelegt. Es gibt so gut wie keine Gehsteige und Fußgängerampeln wie bei uns. Jeder fährt hier, auch wenn es nur 50m sind. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es praktisch nicht. Abgesehen von kleinen ratternden Bussen, die die Hauptstraßen entlang fahren und die man überall anhalten und ein- bzw. aussteigen kann. Alle Fenster und Türen sind geöffnet, damit wenigstens etwas Luftaustausch zustande kommt. Diese Busse werden vornehmlich von Indischen und Pakistanischen Gastarbeitern genutzt, um von A nach B zu kommen. Ich würde nicht damit fahren wollen. Jetzt im Juni sind es schon über 40°C und die vielen durchgeschwitzten Körper, die dann noch zusammengepfercht auf engsten Raum zusammen sitzen, riechen nicht besonders gut.
King Fahd Road bei Nacht
Südlicher Eingang Kingdom Tower mit Blick auf das NOVO Hotel
Am ersten Abend nach der Arbeit lief ich zum nahegelegenen Kingdom Tower und wollte dort etwas Essen gehen. Er ist das neue Wahrzeichen von Riyadh, sieht aus wie ein überdimensionaler Flaschenöffner, ist 300m hoch und hat ganz oben eine Öffnung, die ihm das unverwechselbare Aussehen gibt. Im 77ten Stockwerk ist ein Nobelrestaurant untergebracht und ganz oben im 99ten Stockwerk ist ein Skywalk über der Öffnung mit einem überwältigenden Blick auf Riyadh nach Norden und Süden. Bei Nacht ist die Aussicht am prachtvollsten! Das Lichtermeer scheint endlos in alle Richtungen. Ich war schon in einigen Großstädten dieser Welt, aber das hier übertrifft alles bisher gesehene! Wahrscheinlich kommt es daher, dass 98% aller Gebäude in Riyadh nur zwei oder drei Stockwerke haben und man durch die hügellose Landschaft bei klarer Sicht viele Kilometer weit sehen kann.
Luxusrestaurant im 77ten Stock des Kingdom Tower mit Blick auf die Stadt
Aussicht vom 99ten Stock Sky Bridge Kingdom Tower
Unten im Podium ist eine Mall. Die Kingdom Mall ist ein großes Einkaufzentrum nach amerikanischem Vorbild, aber mit orientalischem Style und luxuriös ausgestattet. Die meisten Geschäfte sind Designermode, Juweliere und Uhrengeschäfte gehobener Klasse. Es gibt aber auch ganz „normale“ Läden. Der einzige Unterschied zu westlichen Malls ist nur das Publikum. Hier sehe ich zum ersten Mal saudische Frauen, alle schwarz verschleiert und nur die Augen (ohne Augenbrauen) sind durch einen Schlitz sichtbar, bei manchen nicht mal diese und sie tragen sogar schwarze Handschuhe. Die Männer alle in ihrem weißen Gewand (Thawb) mit rotweißem oder manchmal auch reinweißem Kopftuch (Guthra) und schwarzer Kordel, bzw. Strick (Agal) als Stirnband. Alles in schwarz und weiß. Ein ungewohnter Anblick. Ich komme mir fast etwas fehl am Platz vor, da ich fast keine westlich aussehenden Leute sehe. Ein paar Inder, die meisten als Verkäufer, ein paar Philippinos die rumschlendern und der eine oder andere westliche Mann, manchmal sogar mit Ehefrau. Auch diese tragen die schwarze Abaya und die Haare mit einem schwarzen Kopftuch bedeckt. So sind die Gesetze hier. Das oberste Stockwerk der mehrgeschossigen Mall ist den Frauen vorbehalten. Männer, auch keine Ehemänner haben Zutritt! Hier können die Frauen unverschleiert shoppen gehen. In allen anderen Geschoßen sieht man Mädchengruppen oder Ehemänner mit Ehefrauen und Kindern zusammen einkaufen. Mir fällt auf, dass die meisten Leute hier sehr jung sind, ältere sieht man fast nicht. Ich hab gelesen, dass 75% der Bevölkerung unter 25 Jahre ist. Das Durchschnittsalter ist 21 Jahre. Kein Wunder, wenn jede Familie zwischen sechs und zehn Kinder hat!
Im Untergeschoß sind viele kleine Läden vorgesehen, die meisten haben noch nicht geöffnet oder werden noch ausgebaut. Die Mall ist noch nicht lange eröffnet. Der Food Court, die Fressmeile die es in jeder Shopping Mall gibt, ist noch nicht fertig. Einzig im Erdgeschoß ist, wahrscheinlich eher provisorisch zwischen Designermodegeschäften, ein kleiner MC untergebracht.
Ich beschließe dort etwas zu essen und stelle mich natürlich falsch an. Hier ist strickt zwischen Männern (Single) und Frauen (Family) getrennt. Ich werde höflich von den Angestellten darauf hingewiesen, dass ich an der verkehrten Stelle der Theke anstehe. Nun sehe ich auch die Schilder über der Theke, die das klar markieren. Woher soll man das wissen? Ich hatte es vorher jedenfalls nicht gewusst. Ich bestelle mein Menü und nachdem ich mein Tablett mit dem Essen erhalten hatte, wollte ich mich irgendwo hinsetzen. Aber Fehlanzeige! Alle Tische waren, mit zumeist jungen Frauen besetzt. Sogar ich weiß, dass ich mich nicht an einen Tisch setzen darf, an dem eine saudische Frau sitzt. Nun steh ich da, mit meinem Tablett im Arm und weiß nicht wohin. Ich stelle mich ein paar Meter entfernt an die Glas Balustrade zur Rolltreppe und stell mein Tablett auf das Geländereck, damit ich zumindest meine Hände zum Essen und Trinken frei habe.
Das war bestimmt ein bedauernswerter Anblick und eigentlich hab ich mir nichts weiter dabei gedacht als plötzlich unerwartet eine junge saudische Frau auf mich zukam und mich mit perfektem Englisch darauf aufmerksam macht, dass ein Stockwerk tiefer Sitzgelegenheiten für Männer sind. Ich war so perplex und total unvorbereitet darauf, dass ich mich nur artig bedankt habe und ihr sagte, ich wüsste es schon. So ein Schwachsinn! Aber ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dass ich von einer saudischen Frau angesprochen werde. Ich dachte die dürften so etwas gar nicht! Ihre Augen waren jedenfalls wunderschön! Wäre ich nicht so überrascht gewesen, hätte ich vielleicht auch ein paar vernünftige Sätze herausgebracht! Da hat man schon mal die einzigartige Möglichkeit mit einer Saudi ins Gespräch zu kommen und dann stammelt man nur dumme Sachen! Tja, Change verpasst.
Was mir noch aufgefallen ist, fast alle Verkäufer sind Inder, Bangalen oder ein paar Araber anderer Nationaltäten, keine Saudi! Sogar im Dessous Wäscheladen stehen indische Verkäufer. Das kommt daher, das saudische Männer in Indern und manch anderen Nationalitäten keine vollwertigen Männer sehen, die als Konkurrenz angesehen werden könnten. Somit dürfen diese auch saudischen Frauen unverschleiert sehen, was sonst niemand darf.
Man fragt sich sowieso, warum all die Schaufenster die neuste westliche Mode, Minikleidern und sonstigen für Frauen vorgesehene körperbetonten Kleidungsstücke zeigen, wenn sie doch nur ihre Abaya tragen. Ganz einfach, sie tragen es nur, wenn Frauen zusammen sind oder für ihren Ehemann. Kein anderer Mann wird diese Frauen jemals in solchen Sachen sehen können, keiner! Eigentlich schade.
Das verschleiern des Gesichts steht auch nicht im Koran. Nur die Haare müssen demnach bedeckt werden. Das Frauen ihr Gesicht verhüllen sollen wird jedoch in Saudi Arabien durch die Religionshüter angemahnt, zum eigenen Schutz der Frauen, vor den Blicken der Männern. Es heißt zwar, dass jede Frau selbst für sich entscheiden kann, ob sie es tun möchte oder nicht. Wer es nicht tut, muss mit Anfeindungen in der eigenen Gesellschaft rechnen, da dies als unschicklich gilt und daher eigentlich trotzdem zwanghaft gewünscht wird. Da ist der neueste Trend, bei den jungen Frauen die Augen ganz zu zeigen und den Schleier locker über die Nase zu tragen, schon sehr provokant und vielen zu offenherzig.
traditionelle Niqab und moderne Verschleierung
Mein Hotel liegt direkt an der KING FAHD ROAD, der Hauptstraße die von Nord nach Süd durch die Stadt führt. Es ist eine sechsspurige Stadtautobahn mit Ausfahrten, alle paar hundert Meter zur parallel verlaufenden Service Road wieder mit jeweils drei Streifen von der man dann irgendwann mal links oder rechts abbiegen kann in die querverlaufenden Hauptstraßen. Die Innenstadt von Riyadh gleicht einem Schachbrettmuster, da sie nicht gewachsen ist, sondern erst vor ca. 50 Jahren auf dem Reißbrett geplant wurde. Die ganzen großen Gebäude und Hochhäuser sind erst in den letzten 10 Jahren gebaut worden und es werden jährlich mehr. Mein Hotel, der Kingdom Tower, der Faysaliah Tower, die Riyadh Galerie und viele andere neue prachtvollen Gebäude stehen in einer Linie die von den beiden von Nord nach Süd parallel verlaufenden Hauptstraßen KING FAHD und OLAYA STREET begrenzt werden.
An und zwischen diesen beiden Straßen finden sich viele luxuriöse Läden und Shops jeglicher Art. Es gibt hier die großen Sport- und Freizeit Marken, Elektronik Shops, Möbelgeschäfte und internationale Restaurants. Eigentlich alles was es in anderen Großstädten auch gibt. Nur keine Bars und Kneipen! Wie sicherlich schon bekannt, ist Alkohol in Saudi Arabien genauso verboten wie Drogen. Demzufolge gibt es auch keine Bars oder Kneipen, auch nicht in den großen fünf Sterne Hotels wie etwa in UAE, Bahrain und Qatar. Einzig Fruchtbars mit frischgepressten Säften in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen.
Südlich des Kingdom Tower steht der Faysaliah Tower. Ein weiterer Wolkenkratzer mit markanter Form, einer steilen Pyramide gleich, mit einer rotierenden goldenen Kugel in der Spitze. In dieser Kugel ist ebenfalls ein Nobelrestaurant untergebracht.
Faysaliah Tower mit Luxusrestaurant
Im 90° Winkel verläuft hierzu eine weitere Prachtstraße, eigentlich DIE Prachtstraße von Riyadh, die „Prince Muhammad ibn Abdul Aziz Road“ (auch „Tahlia Street“ genannt). Die ebenfalls sechsspurige Hauptstraße ist in der Mitte durch Palmen geteilt, die nachts beleuchtet werden. Das ist eine von zwei Straßen die mir bekannt ist, die einen Gehweg hat. Der 15m breite Streifen zwischen den Nobelgeschäften, Restaurants und der Fahrbahn lädt zum Flanieren ein, wie der Berliner Kudamm. Aber man sieht kaum Leute außer paar Gastarbeiter oder Saudi die vom Parkstreifen zu den Geschäften und Restaurants laufen. Ein paar Tische stehen vor den Coffee Shops, die nur von Männern besetzt sind. Frauen haben sich in den Family Section der Restaurants oder Kaffee Bars zu verstecken!
Viele junge Saudi Männer und halbwüchsige Teens protzen mit ihren von Papa gesponserten Luxuskarossen, Sportwagen und Motorrädern. Hier sieht man Autos und Motorräder, die man sonst als normaler sterblicher höchstens auf einem Bild zu sehen bekommt. Hier wird zur Schau gestellt was man(n) hat!
Kuriosität, dieses „halbe“ Auto in der Tahlia Street
Junge Männer auf Motorräder, ohrenbetäubender Auspufflärm und dröhnende Motoren. Auch einige Skurrilitäten sind unterwegs, so wie dieses „halbe“ Auto oder ein Monster-Pickup im Maßstab 2:1 bei dem wirklich ALLES doppelt so groß ist wie im Original.
Sie fahren die kilometerlange Straße auf und ab um mit ihrem teuren Spielzeug anzugeben. Einer fährt nur auf dem Hinterrad seines Motorrades in dem er vor den Speed Pumps, die in regelmäßigem Abstand die Geschwindigkeit der Fahrzeuge beschränken soll, das Lenkrad hochreißt um zu zeigen was für ein cooler Typ er ist. Nur sein Pech, dass er beim Aufsetzen des Vorderrades hinten wegrutscht
