Vierzehnmorgen - Margret Bonné - E-Book

Vierzehnmorgen E-Book

Margret Bonné

0,0

Beschreibung

Die „Non-profit“ – Auflage Eine unterhaltsame und häufig zum Nachdenken und Nachfühlen anregende Sammlung von Kurzgeschichten aus dem sehr ungewöhnlichen Leben der Margret Bonné öffnet den Blick auf die Dinge häufig aus einer anderen Perspektive. In ihren Geschichten haben sowohl Hasenbrote, Vierzehnmorgen und Pohutukawa, aber auch Beziehungen, das Verbiegen und das Reisen die Hauptrollen. Ihr Leben wurde geprägt durch eine Kindheit während der Kriegszeit im engen Ostwestfalen, dem unbändigen Drang, sich mit Literatur zu beschäftigen, ihre Tätigkeit im katholischen Jugendhaus in Düsseldorf, eine Brieffreundschaft mit einem unbekannten Mann in Auckland (Neuseeland), welche sie in die Liebe zu ihrem Ehemann (ohne ihn zuvor jemals gesehen zu haben) entführte, einen gemeinsamen Lebensabschnitt am anderen Ende der Welt und durch weitere Stationen in den Niederlanden und in Ahaus im Westmünsterland während der Bauzeit des Brennelementzwischenlagers. Erst nach dem Tod ihres Mannes und während ihrer Beziehung zu ihrem zweiten Partner fasste sie den Mut, selber dies Buch zu schreiben. Inzwischen kann sie selber nicht mehr ihrer liebsten Beschäftigung nachgehen und „den alten Menschen“ etwas vorlesen – sie lebt nunmehr selber in einem Pflegeheim und ihr Sohn hat sich entschlossen, dieses Werk als „Non-profit“ – Auflage wieder herauszugeben, um mit den Erlösen Gutes zu tun.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Autor und Herausgeber

Margret Bonné, geb. 1932 in Steinheim/Westfalen, absolvierte direkt nach Kriegsende eine Ausbildung zum Industriekauf ’mann’ in der Steinheimer Möbelfabrik, um anschließend, noch vor ihrer Volljährigkeit, eine Stelle als Sekretärin in Düsseldorf anzunehmen. Diverse andere Positionen als Sekretärin folgten.

Der weitere Weg führte über Neuseeland und den Niederlanden 1975 nach Ahaus im Westmünsterland. Dort entdeckte sie ihre Liebe zum Selberschreiben. Im Jahr 2004 kehrte sie in ihren Geburtsort Steinheim zurück.

Weitere Details sind aus ihren eigenen Kurzgeschichten zu entnehmen.

Andreas Bonné, geb. 1962 in Kerkrade/Niederlande, studierte Maschinenbau und bekleidete diverse Positionen in der Industrie und im eigenen Unternehmen. Nach 18 Umzügen ist er nun in der Wahlheimat im Allgäu angekommen.

Der vollständige Lebenslauf findet sich unter www.andreasbonne.com.

Herausgeber dieser 3. Neuauflage.

Ein Wort fällt mir zu

ich betrachte es lange

drehe es ratlos hin und her

nichts hat es zu sagen

nichts kann ich mit ihm machen

ich lege es fort

in die Lade der unnützen Dinge

unvermutet

eines Tages

wenn ich wirklich nichts erwarte

find' ich’s wieder

Inhalt

Vorwort zur Neuauflage

Wie dieses Buch entstand

Lebenslauf

Als du geboren wurdest

Josefine heißt man nicht

Der erste Schultag

Straßen

Hasenbrote

Vierzehnmorgen

Tot, töter, am tötesten

Quo vadis

Leseratte

Die Weihnachtskrippe

Heil, mein Führer! Heil, mein Kind!

Bleibe im Lande und nähre dich redlich

Wo liegt Neuseeland?

Wohin du gehst, dahin gehe auch ich

Endlich

Unser Haus

Nur ein Zipfel

Biegen und Verbiegen

Ausreichend reicht aus

Auf den Standort kommt es an

Annette von Droste-Hülshoff

Über den Wolken

Tulpen aus Amsterdam

God bless you

Rivalinnen

Gabi

Die Leipziger kommen

Karneval

Freundschaften

Eine gestörte Beziehung

Die Zeit

Das Alter ist ein höflich Mann

Begegnung

WMF 2000

Es stand in der Zeitung

Bericht aus Rom

Schwanensee

Omar Ben Noui

Castor

Wer hoch fliegt

Pohutukawa

Spiegel

Nachwort

Vor der Stadt

Zu spät

Vorwort zur Neuauflage

Margret Bonné, oder wie die Menschen in ihrer Geburtsstadt zu sagen pflegen „Brüntrups Margret“, hatte immer schon ein besonderes Verhältnis zu Büchern. Im Verlaufe ihres außergewöhnlichen Lebens hat sie immer wieder Kurzgeschichten von Hand geschrieben, jedoch erst nach ihrer Pensionierung auf ihren ersten eigenen Computer übertragen. Uns drei Kinder hat dies immer sehr fasziniert und wir waren stolz darauf, wenn sie mit über 70 Lebensjahren sich wieder einmal in neue Dinge, wie den Versand von Emails, hineingearbeitet hatte. So war es ihr möglich, die ersten beiden Auflagen von diesem schönen Büchlein „Vierzehnmorgen“ mit den damals zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten in Kleinstauflage zu veröffentlichen.

Leider war ihr die Notwendigkeit einer zuverlässigen Datensicherung der Festplatte des Computers nicht klar, sodass die Festplatte zu einem „ungeschickten“ Zeitpunkt den Dienst einstellte und keine Sicherungskopie vorhanden war. Nachdem alle verfügbaren gedruckten Exemplare des Buches vergriffen waren, schien die Geschichte des Buches „Vierzehnmorgen“ abgeschlossen zu sein und andere am Buch Interessierte mussten leider enttäuscht werden. Dieser Status dauerte über 10 Jahre an.

Nach dem Tod von Ludwig Heßbrüggen, ihrem langjährigen Lebensgefährten, zog Margret Bonné von Ahaus im Westmünsterland in ihren Geburtsort Steinheim in Ostwestfalen zurück. Dort lebte sie bis August 2014 alleine, fuhr mit ihren über 75 Lebensjahren immer noch regelmäßig „zu den alten Leuten“, wie sie immer sagte, ins Altersheim, um ihnen aus der Zeitung das aktuelle Geschehen vorzulesen und mit ihnen zu diskutieren.

Der plötzliche Abbau ihrer geistigen Fähigkeiten überraschte meine Schwester Miriam und mich im August 2014 sehr und uns blieb keine andere Wahl, als für sie selber nunmehr einen Platz in einem schönen und menschlichen Pflegeheim kurzfristig zu suchen und sie dort unterzubringen. Sie wollte niemals zu uns Kindern ziehen und dabei ihre Heimat verlassen; diesem Wunsch entsprachen wir. In dieser Phase waren wir sehr dankbar darüber, dass sie uns frühzeitig eine vollumfängliche Vollmacht erteilt hatte und ihren Willen in einer Patentienverfügung formuliert hatte. In diesem Pflegeheim, nur wenige Häuser von unserer ehemaligen Wohnung entfernt, lebt sie auch heute noch. Jedoch ist sie durch ihre Demenzerkrankung zu einem recht unselbständigen Menschen geworden und ihr Zustand ändert sich fast täglich.

Obwohl ich selber nicht im Ruf stehe eine Leseratte zu sein - meine Eltern mussten mich als Kind mittels 5,- DM locken, endlich mal ein Buch zu lesen - ist es mir inzwischen sehr wichtig, dass das Werk meiner Mutter nicht sang- und klanglos einschläft. Ich verdanke meiner Mutter so viel, dass es mir am Herzen liegt, ein klein wenig zurück zu geben. So entstand die Idee zu dieser „Non-profit“ – Auflage ihres Buches. In den letzten Monaten ging ich nun den steinigen Weg und überführte das letzte mir zur Verfügung stehende Originalbuch in mäßiger Druckqualität als Ausgangsbasis in diese Neuauflage. Für den technisch Interessierten sei nur kurz erwähnt, dass das eingescannte Buch mittels Adobe Acrobat vom PDF Format und OCR Erkennung in ein sehr fehlerbehaftetes TXT Dokument überführt wurde. Durch Handarbeit wurden die gesondert eingescannten Bilder (die Schwierigkeit, gedruckte Bilder erneut zu scannen, wird auch in diesem Buch offensichtlich) eingefügt, der Text mehrfach umformatiert, korrigiert und eine solide Basis für die modernen Methoden des „print-on-demand“ geschaffen. Ich hoffe, dass sich die Anzahl der verbleibenden Fehler in Grenzen hält. Häufig war eine Entscheidung zu treffen, ob die Qualität, oder der Originalzustand Vorrang haben sollte; meistens war mir der Originalzustand wichtiger. Letztendlich steht nun dieses Werk in gedruckter Form mit ISBN Nummer und als E-Book zur Verfügung und kann überall bezogen werden. Ein echter Fortschritt im Vergleich zur Situation von vor über 10 Jahren.

Auszüge aus „Vierzehnmorgen“ und zusätzlichen Werken meiner Mutter wurden zwischenzeitlich im Buch Wir Kriegskinder; Zeitzeugen aus Ostwestfalen-Lippe erinnern sich von Hans-Jörg Kühne, Wartberg Verlag, im Buch Aus heiterem Himmel; Eine Anthologie von Alfons Huckebrink und Frank Lingnau, dialogverlag Münster und im Steinheimer Kalender 2007; Jahresheft 2006 veröffentlicht.

Als „Bonus“ habe ich ein weiteres Gedicht und eine weitere bewegende Geschichte von Margret Bonné in dieser Neuauflage mit aufgenommen.

Der Erlös von dieser Neuauflage wird in erster Linie für die entstehende Lücke bei den Pflegekosten meiner Mutter aufgewandt und ein hoffentlich vorhandener Überschuss wird vollständig an soziale Einrichtungen gespendet.

Sofern Sie Kontakt mit mir aufnehmen möchten, so steht Ihnen ein Kontaktformular auf meiner Homepage: www.andreasbonne.com zur Verfügung!

Im April 2015, Andreas Bonné

Wie dieses Buch entstand

Lange bevor ich begann, die Geschichten dieses kleinen Buches zusammenzustellen, wachte ich eines Morgens auf und wusste noch, was ich in der Nacht geträumt hatte. Das geschieht eher selten.

Ich stand vor einem Museum, das meinen Namen trug. Meine Kinder hatten es eingerichtet, nachdem ich gestorben war. Viele Besucher, darunter Bekannte und Freunde, betraten das Gebäude, kamen nach einer Weile wieder heraus und unterhielten sich angeregt. Ich war neugierig; was die Kinder wohl so alles an großen und kleinen Dingen, an unscheinbaren und vielleicht auch überraschenden zusammengetragen hatten und ging selbst hinein. Ich öffnete die Tür zum ersten Raum und sah - nichts. Der zweite, der dritte, schließlich der vierte Raum - nichts. Kahle, weiße Wände. Ein leeres Museum.

Ein seltsamer Traum. Gott sei Dank bin ich aber noch nicht gestorben. Auch wenn ich die Bedeutung des Traumes damals nicht ganz verstand, etwas erschrocken war ich schon über das leere Museum. Und ich ahnte, es hatte etwas mit den Texten zu tun, die sich seit langer Zeit in meiner Schublade stapelten. Kinder, Freunde und Bekannte sagten schon oft: „Du hast so viele Geschichten geschrieben, warum machst du nicht ein Buch daraus?"

Lange zögerte ich, bis ich schließlich die Schublade doch öffnete. Ich fand dort Gedichte und Geschichten - erlebte und erdachte und solche, die ich ganz vergessen hatte. Im Laufe der Jahre waren immer wieder neue hinzugekommen. Wie aber sollte ich Ordnung in die Sammlung bringen oder gar einen roten Faden für das Buch finden? Das war nicht einfach. Trotzdem - die Zusammenstellung von Vierzehnmorgen hat mir viel Spaß gemacht.

Die Zeichnungen dazu sind von Ludwig Heßbrüggen, der die Entstehung meiner Geschichten miterlebt hat.

Das Museum bleibt leer und das ist mir sehr recht. Die Geschichten sind bei allen, die sie lesen, besser aufgehoben.

Margret Bonné

Im Dezember 2002

Lebenslauf

Handgeschriebene Lebensläufe waren mir zeitlebens ein Greuel. Ich geriet dabei ins Schwitzen, bekam feuchte Hände und prompt verwischte sich irgendwo die Tinte. Oder ich verschrieb mich in der vorletzten Zeile bei dem Wort Stenotypistin. Nein, gerne habe ich sie nie geschrieben, meine Lebensläufe. Heute ist das einfacher, denn Computer schwitzen nicht und die tabellarische Auflistung aller Daten – Blocksatz natürlich - sieht wirklich toll aus. Äußerst praktisch auch, dass man mit einem simplen Klick beliebig viele Exemplare ausdrucken kann, eines so akkurat wie das andere. Übersichtlich, lückenlos, erweiterungsfähig obendrein:

Name geboren am in Familienstand

Wenn ich da an meine erste Bewerbung vor fünfzig Jahren denke! In der Abgangsklasse der Volksschule lernte ich, wie ein Lebenslauf auszusehen hat:

Am 27. April 1932 wurde ich, Margarete Brüntrup, als erstes von sechs Kindern geboren. Meine Eltern sind der Schlossermeister. . .

undsoweiter undsoweiter. Viele Kommas, manchmal ein Strichpunkt. Den gebrauchte man damals noch häufig. Wieviele Lebensläufe mag ich in all den Jahren meiner Berufstätigkeit wohl verfasst haben? Vermutlich lassen sie sich an zehn Fingern abzählen. Meine Freundin Edith schickte allein 150 Bewerbungen mit Lebenslauf los, bis sie ihre jetzige Stelle fand. Edith ist 48 und war zwei Jahre lang arbeitslos.

Lebenslauf - das Wort lässt mich nicht los. Nie mehr werde ich gezwungen sein, einem Arbeitgeber mitzuteilen, wie mein Leben verlief. Weder handschriftlich noch tabellarisch. Ein gutes Gefühl. Ich schaue mein Leben an. beschreibe seinen Lauf. Und bekomme dabei endlich keine feuchten Hände mehr.

Als du geboren wurdest

sagten meine Eltern, haben wir uns sehr gefreut. Und das glaube ich ihnen aufs Wort. Ich bin das älteste von 6 Kindern und habe heute noch Vaters Stimme im Ohr, wenn er morgens in unser Schlafzimmer kam und sagte: Ihr habt heute Nacht ein Brüderchen bekommen; oder: Ihr habt ein Schwesterchen bekommen. Er sagte das jedes Mal so wie am Weihnachtsmorgen; Das Christkind war da! Er sagte es so wie einer, der einen anderen mit einem Geschenk überrascht und seine Stimme zitterte dabei ein ganz klein wenig.

Über meine eigene Geburt weiß ich nicht viel, darüber wurde bei uns zu Hause selten gesprochen. Und darüber, woher ich kam, schon gar nicht. Unser Klapperstorch hieß Frau Müller. Frau Müller, klein und kugelrund, war Hebamme. Jeder im Ort kannte sie. Sie holte die kleinen Kinder aus dem Brunnen im Wasserturm und brachte sie zu uns, Das jedenfalls erzählten mir meine Eltern und jahrelang war ich's zufrieden. Der Wasserturm lag am Wiechersweg, sonntags gingen wir dort oft spazieren. Dann legte ich mein Ohr an die schwere Eisentür, um vielleicht doch dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Aber jedesmal hörte ich nur ein unheimliches Gluckern und Rauschen. Das machte mir Angst und ich lief schnell zu den anderen zurück.

Wenn wir nach der Ankunft eines neuen Kindes ins Elternzimmer stürmten, saß meine Mutter im Bett, die schwarzen Haare zu zwei Zöpfen geflochten, ein paar aufgeplusterte Kopfkissen als Stütze im Rücken. Sie sah irgendwie anders aus als sonst, erschöpft vielleicht und blass, doch mir erschien sie schön und ich betrachtete sie mit einer gewissen Scheu.

Am Fußende der Ehebetten stand die Wiege. Nein, keine richtige Wiege, es war unser Riesenwäschekorb, aus Weide geflochten, ein blauer oder rosa Himmel wölbte sich darüber. Vater hatte ein vierrädriges Gestell gezimmert, darauf den Korb montiert. Und unter einem dicken Kissen lag dann dieses winzige Etwas, schwarze Haare, die Händchen zu Fäusten geballt. Es schlief. Jeder von uns wollte das Baby anfassen, es streicheln. „Darf ich es auf den Arm nehmen?" „Wie soll es denn heißen?" Josef, Annemarie, Alfons, Lore, Otto. Vater und Mutter schauten sich wortlos an, doch dann lächelten sie. Wir alle freuten uns.

Meine Eltern hatten es nicht leicht und nur zu gut erinnere ich mich an den Seufzer meiner Mutter: ,,Ach, könnte die Müllersche nicht wenigstens einmal an unserem Haus vorbeigehen?" Trotzdem nahmen sie jedes Kind als Geschenk an und das haben wir unser Leben lang gespürt.

Mir gaben sie den Namen Margarete.

Im Griechischen bedeutet das Perle. Und Perlen bekommt man geschenkt.

Josefine heißt man nicht

Margarete soll unser erstes Kind heißen, so hatten meine Eltern beschlossen. Doch da war die Großmutter, Patin dazu, und die hieß Josefine. Ich kenne Großmutter nur vom Foto her, sie starb wenige Wochen nach meiner Geburt. Nicht Margarete, nein, Josefine soll das Kind heißen, so ihr ausdrücklicher Wunsch. Und das habe ich ihr eigentlich mein ganzes Leben lang übel genommen, denn Josefine heißt man nicht.

Morgens um 3 Uhr wurde ich geboren. Noch am gleichen Vormittag eilte mein Vater zum Standesamt und kam mit der Geburtsurkunde Nr. 15/1932 zurück. In diesem Dokument bestätigt die Stadt Steinheim mit Unterschrift und Siegel, dass den Eheleuten Joseph und Anna Brüntrup geborene Günnewich, beide katholisch und wohnhaft in Steinheim/Westfalen, Hinter der Mauer 12, am 27. April 1932 eine Tochter geboren wurde, deren Name Josefine Margarete Brüntrup lautet. Josefine! Noch immer bin ich froh darüber, dass Vater wenigstens Margarete als Rufnamen unterstreichen ließ.

Ein paar Tage nach meinem dritten Geburtstag kam mein Bruder auf die Welt. Ich lief auf die Straße und erzählte allen Leuten, die es hören wollten: „Heiße Heta Tuptup, binne schon drei Jahre alt, unnen Bruder hab ich auch, isse Josef." Der Name Heta blieb mir in der Familie für lange Zeit, irgendwann wurde Margarete und Margret daraus. Einmal allerdings hörte ich den Namen Heta nochmal, viele Jahre später. Josef ging als Brautführer neben mir durch die endlos scheinende Kirche zum Altar. Mir zitterten vor Aufregung die Knie. Da sagte er plötzlich leise und fast zärtlich:„Ach, Heta!“ und drückte meinen Arm.

Für eine Weile hieß ich auch Maret. Das gefiel meinem Mann so sehr, dass wir diesen Namen in seinen Ehering eingravieren ließen. Meine Schwestern nennen mich heute noch so.

Heta, Tuptup, Maret - alle diese Namen habe ich längst abgelegt, genau so wie meinen Familiennamen auch. Niemand mehr ruft mich heute noch Heta.

Kürzlich stöberte ich in unseren alten Familienfotos. Eines davon, vergilbt und ziemlich lädiert, zeigt meine Großmutter: strenge Gesichtszüge, Mittelscheitel, die Haare zum Knoten straffach hinten gekämmt. Die verarbeiteten Waschfrauenbände ruhen im Schoß. Verhärmt siebt sie aus und traurig. Lange schaute ich mir das Bild an und dachte auf einmal, so schlecht wäre Josefine eigentlich gar nicht gewesen, spräche man den Namen nur französisch aus. Er würde richtig gut zu meinem Nachnamen passen. Doch wer sagt hierzulande statt Josefine-Margarete schon Josephine-Marguerite...?

Der erste Schultag

Schon oft habe ich mich darüber gewundert, was manche Menschen alles behalten haben. Aus ihrer Schulzeit zum Beispiel. Doch je länger ich über meine eigene Schulzeit nachdenke, um so mehr fällt auch mir ein. Viele Erinnerungen werden wach, obwohl ich heute nicht einmal mehr weiß, ob meine Mutter mich am ersten Schultag überhaupt zur Schule bringen konnte. Wir bauten gerade unser neues Haus und Mutter, die ihr viertes Kind erwartete, half Tag für Tag auf der Baustelle mit. Eine Schultüte hatte ich jedenfalls nicht, das war zu der Zett noch etwas Extravagantes. Woran ich mich allerdings deutlich erinnere, ist meine Schultasche, die ich am Arm trug: aus Bast geflochten, rot und weiß, ein Knebelknopf als Verschluss. Ich fand sie zwar schön, hätte jedoch lieber einen richtigen Schulranzen gehabt. Alle anderen Kinder kamen mit einem braunen oder schwarzen Ledertornister zur Schule. Meine Eltern konnten mir keinen kaufen, weil einfach kein Geld da war.

Unsere Schule lag an der Hollentalstraße , es war nicht weit bis dahin. Die schmale, ungeteerte Straße hieß „Hinter der Mauer", links und rechts viele Gärten, in denen neben Kartoffeln, Erbsen und Bohnen auch Pfingstrosen, Malven und Goldlack wuchsen. Auf meinem täglichen Schulweg machten mir zwei Hindernisse schwer zu schaffen und oft nahm ich deshalb den Umweg über die Neue Straße und Rochusstraße. Vermutlich lernte ich damals bereits, Schwierigkeiten lieber aus dem Wege zu gehen. Dort, wo jetzt die Kreissparkasse steht, lag nämlich der Bauernhof Pens und nur wenige werden sich an ihn erinnern, wenn sie heutzutage das Bankgebäude betreten, auch nicht an den Misthaufen mit seinem angriffslustigen Gänserich. Mir blieb er unvergessen, wie habe ich das Biest gehasst! Und welche Erleichterung, wenn das Gatter zugesperrt war. Doch leider stand es meistens sperrangelweit auf. Alptraum meiner Kinderzeit Er endete erst an jenem Tag, an dem mein Vater mit mir ging und dem widerlich zischenden Gänserich kräftig auf den Schnabel trat, bevor er zubeißen konnte. Vater trug benagelte Arbeitsschuhe. Wahrscheinlich sind Gänse gar nicht so dumm - jedenfalls suchte das Tier fortan laut schnatternd das Weite, wenn mein Vater an der Miste vorbeikam.

Hundert Meter weiter lag Lammersens Metzgerei. Dort wurde auch geschlachtet. Jauche und Blut flossen ungehindert auf den Pfad und verwandelten ihn in eine wabbernde, glitschige Masse. Es stank entsetzlich, ich ekelte mich und hatte Angst auszurutschen. Hinzu kam das ohrenbetäubende Quieken der Schweine in höchster Todesnot. Als Entschädigung aber passierte ich anschließend Manegolds Bäckerei, aus der es jeden Morgen köstlich nach frisch gebackenem Brot duftete.

Dann das klitzekleine Fachwerkhaus, in dem Litzinger wohnte. Er besaß den Schlüssel zur Schule und tat immer so, als wäre sie sein ganz persönliches Eigentum. Im Winter schaufelte er auf dem Schulhof den Schnee beiseite und zur Sommerzeit nahm er auf dem Dachboden unsere Tüten mit Kamillen- und Taubnesselblüten in Empfang. Hundert Gramm - vielleicht war es auch weniger – musste jedes Kind in den Sommerferien sammeln und so seinen Beitrag zum Endsieg leisten. Tee würde an der Front dringend benötigt, hieß es. Bangen Herzens stand ich jedes Mal vor dem bärbeißigen Mann. Ob ich wohl genug gesammelt hatte? Getrocknete Blüten wiegen ja fast nichts. Einige Kinder mischten deshalb heimlich Kieselsteinchen unter den Inhalt ihrer Tüten, doch das wagte ich nicht. Litzinger hisste die Hakenkreuzfahne der Schule, wenn er musste und holte sie wieder ein. Er versorgte die Heizung und rieb bei der Grundreinigung in den Ferien die knarrenden Treppenstufen mit Öl ein. Dabei half ihm seine Frau. Manchmal arbeitete sie morgens im Garten oder saß auf einem Stuhl vor dem Haus, wenn ich dort vorbeikam. Ihr Gesicht war durch Warzen ziemlich entstellt und der verwachsene Fuß steckte in einem hohen Schnürstiefel. Und obwohl sie meinen Gruß stets freundlich erwiderte, erschien sie mir in meiner kindlichen Vorstellung unheimlich. Ich fürchtete mich vor ihr. Lange Zeit glaubte ich, jede Schule hätte einen Litzinger und begriff erst später, dass dies lediglich der Name unseres Hausmeisters war.

Die Schule hatte zwei Eingänge, einen für Jungen, einen für Mädchen, und selbst auf dem Schulhof trennte ein hohes Eisengitter beide Geschlechter fein säuberlich voneinander. An meinem ersten Schultag stand ich nun da unter den Akazienbäumen mit einer rotweißen Basttasche am Arm und prompt riefen einige Jungen jenseits des Zaunes: „Bäh, die hat ja nicht mal 'nen richtigen Tornister!'' Ich schämte mich und fing an zu weinen. Plötz1ich hörte ich: „Lasst sie in Ruhe, die sind doch am Bauen! Wenn eure Eltern am Bauen wären, hättet ihr auch keinen richtigen Tornister!" Kropps Franz rief es Uber den ganzen Jungenschulhof. Franz, der Sohn unseres Nachbarn, wir spielten fast jeden Tag zusammen. Das tröstete mich ein wenig; doch später im Klassenzimmer flossen erneut Tränen. Fräulein Krömmeke, unsere Lehrerin, reagierte sehr teilnahmsvoll. Sie spürte wohl, dass es um mehr als nur die Schultasche ging. Zu Hause erzählte ich alles meinen Eltern. Wie sie es fertigbrachten, von sage und schreibe 120 Reichsmark Monatslohn ein Haus zu bauen und mir sehr bald einen wunderschönen, hellbraunen Ledertornister zu kaufen, bleibt mir bis heute ein Rätsel.