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"Komm", flüsterte Maheine, und Ano spürte seine Lippen an der Wange, "es ist zum Greifen nah. Nie wieder werden wir diese Möglichkeit haben, Ano. Nur jetzt und hier. Laß uns aufbrechen. Wenn wir alt sind, werden wir uns an unsere Reise in den Süden erinnern. An die Achaier. An eine andere Welt." Ein Schauer lief über Anos Rücken. Ja, das wollte er noch erleben, bevor ihn die Sippe endgültig in die Pflicht nahm. Coming-of-Age in der Bronzezeit: Eine abenteuerliche Reise führt die Ziehbrüder Ano und Maheine vom Oberlauf der Etsch bis in das ferne, vielbesungene Königreich von Pylos. Dort verliert Ano sein Herz an die naive Assyrerin Siduri. Doch die hat nur Augen für den schönen Maheine, der ihre Gefühle zunächst nicht erwidert. Trotzdem folgt sie beiden zurück nach Norden, wo undurchsichtige Prediger die althergebrachte Ordnung in Frage stellen. Auch die enge Beziehung zwischen den beiden jungen Männern bekommt Risse. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Und die Götter sind fern ...
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Seitenzahl: 903
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Im 416. Sommer nach der Verdunklung der Götter
Im Land der Sippe von Manhir
Im 425. Sommer nach der Verdunklung der Götter
An Bord der Anat
Im Tal der Atiks
Pylos
Austiom
Im Land der Sippe von Manhir
Austiom
Pylos
Im Land von Manhir
Pylos
Im Land der Sippe von Manhir
Abona
Im Land der Sippe von Manhir
Dananae
Dananae
Im Tal der Atiks
Im 447. Sommer nach der Verdunklung der Götter
Ansedla
Ein Wort zum Schluss
Historischer Hintergrund: Die späte Bronzezeit
Die im Roman erwähnten Personennamen
Die im Roman erwähnten Orte
Das Tor des alten Speichers stand offen, wie ein großer Mund oder ein Maul.
Vielleicht war es hungrig? Ano zögerte. Der alte Speicher war verboten. Dass du ja nicht hineingehst! hieß es, aber es hieß auch: Pass auf dein Schwein auf!
Das Schwein war weder zu sehen noch zu hören. Unsicher tat Ano einige Schritte nach vorn, bis ihn das Speichermaul verschluckte. Mäuse huschten.
„Schweinchen?“, flüsterte er. Seine eigene Stimme kam ihm so laut vor. „Wo bist du?“
Nun war ein Rascheln zu hören, das vorwitzige Trippeln kleiner Beinchen. Ano tauchte in das verschwommene Dunkel des Speichers, vorbei an schweren hölzernen Scheibenrädern, an Körben und Truhen, in denen Werkzeug aufbewahrt wurde. Vom hohen Dachstuhl hingen Seile herab, fahl, träge, wie das lange Haar der Wasserfrauen. Wieder huschte eine Maus. Dann sah er das Schwein. Ganz hinten stand es, kaum zu erkennen. Als Ano langsam näherkam, rannte es wieder los und verschwand unter einem Tisch, auf dem ein Haufen Netze lag. Ano krabbelte hinterher, und das Schwein ließ sich in die Arme nehmen, als hätte es auf ihn gewartet.
„Böses Schwein!“ Er kraulte ihm den Bauch und die Ohren. „Du weißt doch, dass ich Ärger bekomme, wenn du wegläufst.“
Schritte. Das Tor wurde geschlossen. Schritte, die näher kamen. Ano kroch weiter unter den Tisch, bis zur Wand, wo der Lehmputz schon ganz abgesprungen war. Hart drückte sich das Flechtwerk gegen seinen Rücken. Mit dem Schwein im Arm lauschte er. Es waren zwei.
„Hier?“, hörte Ano eine Frau fragen.
„Nun komm schon“, sagte ein Mann, und Ano erkannte die Stimme sofort. Er hörte die Frau kichern und duckte sich noch mehr, obwohl er doch schon unter dem Tisch hockte.
Bitte, bitte, er soll mich nicht finden! Bitte, Ahn und Ahnin, er soll mich nicht finden! Ich weiß, ich soll hier nicht reingehen, aber das Schweinchen ist doch ausgebüxt. Ich gehe auch nie mehr in den alten Speicher, aber bitte, bitte, er soll mich nicht finden! betete Ano stumm.
Dabei drückte er das Schwein so fest, dass es zu quieken begann. Sofort ließ Ano die Arme locker, damit es aufhörte. Doch das Schwein quiekte weiter, strampelte, entwand sich Anos Armen und lief davon, geradewegs an dem Mann und der Frau vorbei. Die Frau fuhr zusammen.
„Was war das?“, rief sie erschrocken, aber der Mann sagte ruhig: „Es ist nichts, Disine. Nur ein kleines Schwein, sieh doch!“
„Tatsächlich!“ Nun klang ihre Stimme erleichtert. „Es hat sogar ein Band um den Hals.“
„Ein Band?“ Der Mann schlug mit der Hand hart gegen einen Pfosten.
„Wo ist er, der kleine Scheißer? Ano! Ano! Wo hast du dich versteckt? Ich weiß genau, dass du hier bist! Ano!“
Ano zog die Knie ans Kinn und hielt sich die Ohren zu. Er wollte nicht hören, wie Hliutar wutentbrannt durch den Speicher ging, die Körbe umstieß, die Decken und Netze von den Ablagen fegte, unter die Bänke und Tische blickte.
Schließlich stand Hliutar vor seinem Versteck. Ano wagte kaum zu atmen. Er konnte Hliutars Beine sehen, die mit borstigen braunen Haaren bedeckt waren. Nur auf der langen Narbe am linken Schienbein, da wuchsen keine.
„Ano!“, brüllte Hliutar und schlug mit einem Bronzebeil hart auf den Tisch. Ano unterdrückte einen Schrei, aber ein winzig kleiner Laut entwischte ihm, schlich sich aus seinem Mund, und Hliutar hörte es. Er bückte sich und zog Ano grob unter dem Tisch hervor.
„Du kleine Kröte! Du schleichst mir also nach?“
Er schlug ihm erst ins Gesicht und dann, wo er ihn erwischte. Ano krümmte sich zusammen. Die Frau rief: „Hliutar, hör auf, hör auf!“, aber Hliutar hörte nicht auf sie. Ihm in den Arm zu fallen, wagte sie nicht.
„Der verdient es nicht besser!“
„Aber er ist doch ein Kind ... und dein Bruder.“
Hliutar ließ Ano los. Wütend drehte er sich zu Disine.
„Mein Bruder, sagst du? Merk dir, das da“, er deutete mit dem ausgestreckten Finger auf Ano, der am Boden kauerte, „das da ist nicht mein Bruder!“
Ano, der die Prügel ohne Laut über sich hatte ergehen lassen, begann wieder zu weinen.
„Hliutar“, wimmerte er und streckte bittend die Hand aus.
Hliutar zog sein schönes Hemd glatt und schritt hinaus. Im Vorübergehen stieß er mit dem Knie die ausgestreckte Hand beiseite. Ano weinte lauter. Disine wollte Ano tröstend in den Arm nehmen, aber der krümmte sich noch mehr zusammen und schüttelte sie ab. Sie richtete ihre Röcke und ging, um Würde bemüht, zum Tor des Speichers, begleitet von den Schluchzern eines Knaben von gerade acht Sommern.
Abends aß Ano kaum und bat bald darum, ins Bett gehen zu dürfen. „Ist der Junge denn schon wieder krank?“, hörte er den Vater sagen und er hörte die Enttäuschung heraus.
Seine Schwester Laetakare deckte Ano zu, legte sich neben ihn und streichelte ihm sanft über die Haare. Weinen hätte sie mögen, als sie die blauen Flecke auf dem schmächtigen Kinderkörper sah. Sie selbst war mit ihren dreizehn Sommern schon fast eine Frau, groß und kräftig, so wie ihre Mutter Tenklona, wie ihr Vater Aig, wie ihr Halbbruder Hliutar.
„Laetakare?“
„Was ist?“
„Hat Vater mich nicht lieb?“
„Natürlich hat er das“, erwiderte sie ein wenig zu schnell.
„Warum sagt er dann nicht zu Hliutar, dass er nicht so böse sein soll?“
Hilflos hob Laetakare die Schultern. „Ich weiß es nicht, Ano. Vielleicht stirbt er ja, Hliutar meine ich. Wer weiß schon, was die Götter für uns bestimmen?“
„Ich will gar nicht, dass Hliutar stirbt, aber er soll mich nicht mehr schlagen.“
Und leiser fügte Ano hinzu: „Und Vater soll mich lieb haben, so wie er Hliutar lieb hat.“
Laetakares Augen wurden feucht, sie blinzelte, damit Ano es nicht sah. „Jetzt wird geschlafen. Komm, ich erzähle dir noch die Geschichte vom versunkenen Dorf.“ Ano lächelte ein kleines, zaghaftes Lächeln. Laetakare holte Anos Kuschelschwein, aus Stoffresten genäht und mit Wolle ausgestopft, und drückte es ihm in den Arm. Ano rollte sich an seine Schwester, sie erzählte, und er glitt in den Schlaf hinüber, er ritt auf einem verzauberten, fliegenden Schwein in das versunkene Dorf, das nur im Zwielicht des frühen Morgens zu sehen war.
In der blauen Zeit.
Von unten hörte Laetakare gedämpft die Stimmen der Eltern. Die helle Stimme der Mutter klang aufgebracht und hilflos. Die Stimme des Vaters schien ungerührt, ruhig. Schließlich weinte die Mutter. Es wurde still im Haus von Herrn Aig, dem Sippenersten von Manhir.
Zwei Tage, nachdem Anos Schweinchen in den alten Speicher gelaufen war, genossen die Frauen ihr monatliches Schwitzbad. Ano hasste den Badetag der Frauen, denn dann waren die Mutter, seine beiden Schwestern und auch die alte Tante Gerg fort, und er, Ano, musste allein mit dem Vater essen, wenn dieser nicht gerade auf Reisen war. Allein ihm am Tisch gegenübersitzen.
Schrecklich! Ano war immer hungrig, doch das Essen schmeckte ihm nie an diesen Tagen. Immer fiel ihm gerade dann etwas herunter, hing ihm ein Krümel hartnäckig am Mundwinkel, verschluckte er sich. Jedes Mal richtete Aig seine kühlen blauen Augen auf Ano und zog die Augenbrauen hoch. Ano spürte es dann ganz deutlich: Er missfiel.
Mit gesenktem Kopf aß Ano Brot und frischen Käse, den die Mutter noch rasch hingestellt hatte. Unter halb geschlossenen Lidern betrachtete Aig den Haarwirbel auf dem Kopf seines jüngeren Sohnes, er sah auch den blauen Fleck auf der Wange und den, der unter dem Ärmel hervorlugte. Aig presste die Lippen aufeinander, da ging die Tür auf. Hliutar steckte den Kopf herein.
„Vater! Ich muss mit dir sprechen!“
„Jetzt?“
„Es ist dringend, komm!“, antwortete Hliutar beinahe unwillig, und Ano, der sich nicht umzudrehen wagte und dessen Kopf fast auf den Teller gesunken war, hörte, wie der Bruder ungeduldig mit den Fingern auf den Türrahmen trommelte.
„Gut, gut. Ich komme, mein Sohn.“ Aigs Stimme klang weich, er stand auf und ging mit Hliutar nach draußen. Wie immer zog er ein klein wenig das Bein nach. Als er bald darauf wieder hereinkam, warf er einen Blick auf Ano und sagte streng: „Wie kann es sein, dass du Käse an den Haaren hast? Das ist Essen, für das wir den Göttern und Ahnen danken. Kein Spielzeug.“
„Entschuldige, Vater“, flüsterte Ano mit leisem Stimmchen und wischte sich eilig über die Stirnhaare. Vor ihm stand sein Vater, die Arme vor der Brust verschränkt, die Augenbrauen wie üblich hochgezogen. Ein später abendlicher Lichtstrahl, der durch das geöffnete Fenster hereinschien, ließ den schweren Bronzearmreif an Aigs Handgelenk glänzen. Der Reif stammte aus dem fernen Laiizkadi. Aig trug ihn in Erinnerung an seine Mutter, über die er jedoch niemals ein Wort verlor.
Schweigend beendeten sie die Mahlzeit. Aig schob das Fenster zu. Liebend gerne wäre Ano ins Bett gekrochen, aber sein Vater blieb noch am Tisch sitzen, trank etwas Bier, sann eine Weile vor sich hin und sagte dann: „Dein Großvater Brendar, der Vater deiner Mutter, der Sippenerste von Sterre, ist vor sechs Sommern zu den Ahnen gegangen. Du weißt, nach dieser Zeit fordern die Ahnen ein großes Totenopfer.“ Ano nickte.
Düster war‘s nun. Durch die geölte Haut, die das Fenster verschloss, drang nur noch wenig Dämmerlicht. Ein großer Falter, angelockt durch die Lampe, flatterte aufdringlich auf und ab.
„Zum vollen Mond. In einigen Tagen also. Deine Tante Andokare und ihr Mann, Herr Einmar, werden bald eintreffen. Du weißt, dass sie südlich der Großen Berge leben? Einmar ist von hohem Rang, ein Sippenerster wie ich, und ich erwarte von meinen Kindern - also auch von dir, Anochari - ein angemessenes Benehmen. Vergiss das nicht, Anochari. Mach deinem Großvater keine Schande.“
„Ich kann mich nicht an ihn erinnern“, flüsterte Ano schüchtern. Aig schien nicht überrascht.
„Natürlich nicht, dazu bist du zu jung. Ein großer Mann“, sagte er nachdenklich. „Schon zu seinen Lebzeiten sang man Lieder über ihn und rühmte seinen Mut und seine Schlauheit. Bereits als ganz junger Mann schlichtete er manche Streitigkeiten der Sippen zwischen der Denubaha und dem Zinngebirge. Der Frieden, den wir haben, ist auch sein Verdienst.“
Die Heldenlieder über Brendar den Großen jagten Ano immer einen Schauer über den Rücken und zugleich fühlte er sich jämmerlich. Wie sollte er es jemals seinem Großvater gleichtun können? Sein anderer Großvater, Andmar der Halsbrecher, war auch nicht besser. Aber der war auch schon sehr lange tot, und das Schlichten von Streitigkeiten war seine Sache nicht gewesen, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Anderen mir nichts, dir nichts den Hals zu brechen, wohl.
„Geh jetzt zu Bett, Anochari. Gute Nacht“, sagte Aig abwesend.
„Gute Nacht, Vater“, murmelte Ano, stand auf und trat vor seinen Vater hin, der gab ihm mit kühlen Lippen einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, während er nach der Dose mit seiner Pfeife langte. Gedrückt schlich Ano die steile Holzstiege hoch. Kostbar war, was sein Vater da in der tönernen Pfeife rauchte.
Winzige Mengen wurden sorgfältig gewogen und teuer bezahlt. Von unten drang der seltsam süßliche Geruch zu Ano. Widerlich roch das. Was mochte der Vater nur daran finden?
Aig war oft fort, um die Einhaltung der Gesetze zu überwachen, Streitigkeiten zu schlichten und Richtsprüche zu fällen. Wenn er nach Ansedla heimkehrte, veränderte sich die Stimmung im Haus. Alle Heiterkeit war dahin, denn heiter war Aig nie. Sein Vater war Andmar der Halsbrecher gewesen, der sich eine goldhaarige Frau aus Laiizkadi, dem Land hinter dem Zinngebirge, gestohlen hatte. Die Frau, die Mugardi hieß, und die er Gluva, die Blonde, nannte, schnitt sich eigenhändig ihren schönen Zopf ab, nach der ersten Nacht in Ansedla.
Aber Andmar ließ sie trotzdem nicht gehen und nagelte den Zopf als Trophäe an die Stubenwand.
„Mehr als einen halben Mond sind sie unterwegs, über die Großen Berge bis zu uns“, stellte Laetakare beeindruckt fest. „Nur für das Totenopfer.“
Die Geschwister waren ein gutes Stück bachaufwärts gelaufen, hinein in das enge Gaujaztal, das dicht bewaldete Hänge umschlossen. Eine leichte Brise bewegte die Haselbüsche sachte hin und her. Friedlich war‘s. Laetakare summte ein Liedchen. Ano beobachtete, wie die Vögel an den beiden halb verwesten Köpfen pickten, die in den Bäumen hingen. Frevler waren es gewesen. Aig hatte sie gerichtet, wie es die Gesetze der Ahnen forderten.
„Was sitzt du faul in der Sonne, Laetakare?“
Auf der anderen Seite des Baches erschien Hliutar mit einigen anderen Männern, den Bogen aus Eibenholz in der Hand, den bemalten Köcher mit den Pfeilen über der Schulter. Vorsichtshalber duckte sich Ano hinter Laetakares Rücken. Hliutar war unberechenbar, Kleinigkeiten ließen ihn die Beherrschung verlieren. Doch jetzt schien er eher zum Spott aufgelegt.
„Seht euch das an“, rief er und deutete mit dem Finger auf Ano. „Hockt im Gras und träumt vor sich hin. Bist du ein Mädchen? Als ich acht Sommer alt war, übte ich längst mit dem Schwert und der Lanze. Aber unser Anochen ist zu mickrig, das Schwert auch nur hochzuheben! Anstatt ein Mann zu werden, sitzt er bei den Frauen.“
Die Jäger lachten dröhnend und gingen weiter. Dabei sprachen sie laut über die Eber und Hirsche und Bären, die sie bald zu erlegen gedachten. Heute trugen sie allerdings nur ein Reh heim. Für die Gäste aus den Großen Bergen.
„Hör nicht auf ihn“, sagte Laetakare, doch Ano fröstelte es mit einem Mal, obwohl mittlerweile eine drückende Schwüle über dem Tal lag. Bald flogen lästige Mücken wie taub gegen Anos Gesicht. Grelle Sonnenstrahlen stachen durch dunkle Wolkenberge, die sich am Himmel türmten. Leises Donnergrollen war zu hören. Laetakare stand auf.
„Wie schwarz es ist! Da, das Gewitter kommt über das versunkene Dorf, von Westen“, sagte sie. „Lass uns heimgehen. Wir sind schon zu lange hier.“
Bald fielen erste schwere Regentropfen. Nur wenige Augenblicke später öffnete sich der schwarzgraue Himmel. Es goss in Strömen und durchnässte die Geschwister bis auf die Haut. Beide fürchteten sich vor Gewittern, denn wer konnte wissen, ob sich hinter Blitz und Donner nicht die Wut der Götter verbarg, ob nicht am Ende der Himmel auf die Erde stürzen könnte. Wieder donnerte es. Die Blitze zuckten über ihnen. Ano schrie: „Laetakare! Laetakare!“
War nicht erst im vergangenen Herbst der grindige Swil auf freiem Feld vom Blitz erschlagen worden? Ano hatte das Gesicht weggedreht, als sie den Grindigen auf der Bahre heimtrugen, so furchtbar hatte Swil ausgesehen. Wer durch ein solches Zeichen der Götter zu Tode kam, der musste sofort unter die Erde, keine Zeit, einen Grabhügel zu errichten. Also hatte man den Grindigen in eine alte Vorratsgrube inmitten des Dorfes gelegt - mehr geworfen eigentlich - und eilig zugeschaufelt. Dass nur der Mond nicht auf ihn schien! Dann würde der arme Swil niemals in die Halle der Ahnen gelangen und müsste bis ans Ende der Zeit blind und unbehaust durch die Dämmerung irren.
Ano zitterte am ganzen Leib. Da hob Laetakare ihren weiten Rock und ließ ihn darunter kriechen wie unter einen schützenden Mantel. Ano drückte das Gesicht an die Beine seiner Schwester. Er presste die Hände auf die Ohren, um den Donner nicht zu hören, er leckte das Salz von Laetakares verschwitzter Haut wie ein ängstlicher kleiner Hund, und geborgen im Dunkel des Rocks war es, als gäbe es die Welt und das Gewitter draußen nicht.
Bereits am Abend des nächsten Tages trafen die Verwandten ein. Tante Andokare und ihr Mann, Herr Einmar, der Sippenerste von Ichar. Ein Bote ritt den Gästen entgegen und brachte die Nachricht, Einmar komme in Begleitung von fast zwanzig Männern.
„Und noch zehn Lastpferde“, erzählte der Bote beeindruckt. So ließ Tenklona zwei weitere Schweine schlachten. Aig sagte nichts, er zog nur die Augenbrauen hoch und schürzte die Lippen auf eine bestimmte Weise, und jeder wusste, dass er die Unhöflichkeit seines Schwagers Einmar, unangekündigt so viele Esser mitzubringen, missbilligte.
Zu Ehren der Gäste, und auch, um ein wenig anzugeben, hatte sich die Familie herausgeputzt. Vor allem die Frauen. Reinweiß leuchteten die Blusen. Die bunt bestickten Schürzen waren mit großen Schleifen gebunden. Darunter bauschten sich die knielangen Röcke aus feinem Leinen. Um Tenklonas schlanken Hals hing eine Kette aus honigfarbenen Bernsteinperlen. Herwode, Hliutars Frau, hatte einen bronzenen Halsreif angelegt. Beide Frauen trugen die Haare hochgesteckt, darüber schwere Hauben, verziert mit kleinen Ringen und Bändern.
Auch Ano steckte in seinen besten Sachen, seine Hände waren sauber und die Haare ordentlich gekämmt.
Wohlerzogen küssten die Kinder Onkel Einmars haariges Handgelenk. Einmar war ein großer, kräftiger Mann, mit langen rotbraunen Haaren und einem dichten Bart. Auch die Männer, die ihn begleiteten, hatten langes Haar, das sie nach der Art ihrer Sippe in kunstvolle Zöpfe flochten.
Ano flüsterte: „Die haben ja Haare wie Frauen“, und Laetakare, die die kleine Breida auf dem Arm hielt, kicherte. Mit großen Augen schaute Breida die Fremden an, neugierig und ein wenig ängstlich. Die kleinen Finger griffen nach der Kette aus zierlichen blauen Glasperlen, die man ihr zur Abwehr des Bösen umgehängt hatte.
Andokare fiel ihrer Schwester Tenklona in die Arme und weinte vor Freude. Sie sieht genauso aus wie Mama, dachte Ano und konnte es gar nicht fassen, obwohl alle schon erzählt hatten, Brendars Töchter glichen einander wie zwei Tautropfen.
Aig begrüßte seinen Schwager förmlich, wie es üblich war zwischen Sippenersten, und küsste Andokare gebührlich die Fingerspitzen. Wie groß und stattlich der Vater doch aussah, dachte Ano. Ernst und mit strenger Haltung, den Bart und das blonde Kopfhaar kurz geschnitten und mit einer Paste glatt gekämmt.
An den Schläfen war es schon grau. Dagegen wirkte der um viele Sommer jüngere Einmar leutselig und heiter. Lachend schlug er Aig auf die Schulter. „Bei den Göttern, wie schön, endlich hier zu sein! Es ist ein wirklich weiter Weg zu euch, mein lieber Aig. Nicht überall ist es so friedlich wie im Land deiner Sippe.
Deswegen brauchte ich einige Männer zu unserer Begleitung. Außerdem haben wir dir viele Geschenke mitgebracht!“ Onkel Einmar hatte eine drollige Art, die Worte zu betonen, aber man konnte ihn doch gut verstehen.
Aig schien unangenehm berührt, denn Einmar schien sich nicht viel aus der althergebrachten Schicklichkeit zu machen. Zugleich wirkte der Vater neben dem fröhlichen Einmar seltsam starr, fand Ano, wie ein alter Mann mit steifen Gliedern. Und tatsächlich war er auch schon längst nicht mehr jung. Er hätte der Vater von Einmar sein können. Zum ersten Mal fragte sich Ano, ob seine Mutter nicht lieber einen jüngeren Mann geheiratet hätte, so wie ihre Schwester Andokare, die nun herumging, um alle zu begrüßen.
„Ach, wir sehen uns viel zu selten“, rief Andokare und kniff der kleinen Breida in die dicke rote Wange. Dann beugte sie sich zu Ano, der halb hinter Laetakare stand und seine Tante immer noch verwundert anstarrte. Als Andokare Anos blaue Flecke sah, stutzte sie kurz, Ano biss sich auf die Lippen, so gut er es konnte, mit zwei fehlenden Vorderzähnen, und Laetakare senkte die Augen.
„Tenklona, er sieht ja aus wie Aig, ganz genauso!“, rief Andokare schnell. „Nur die Augen, die hat er von unserer Seite.“
Ein hübscher Knabe mit dunkelroten Locken schmiegte sich an Andokare und blickte neugierig um sich. Andokare schob ihn nach vorn. „Das ist mein Maheine.“
Maheine musterte alle kurz, dann strahlte er Ano mit einem sonnigen Lächeln an. „Willst du mir alles zeigen? Schlafe ich bei dir?“
Einmar stieß Aig mit dem Ellenbogen an und sagte gut gelaunt: „Maheine hat deinen Jungen schon ins Herz geschlossen. Die zwei werden sich gut verstehen, das sehe ich.“
Tags darauf brachen sie zum Grab von Großvater Brendar auf, der sich, statt im prächtigen Brisgada, nahe der Grenze zum Land von Manhir hatte bestatten lassen. Alle legten den Weg zu den Gräbern zu Fuß zurück, wie es Brauch war.
Nur das Gepäck, das trug ein Pferdchen. Die Luft flirrte in der Sonne, und das Land kochte in der Sommerhitze. In den Gerstenfeldern standen die mageren Korngeister. Kein Windhauch wehte, als stünde der strahlend blaue Himmel still. Allen lief der Schweiß herunter. Hungrige Stechmücken umschwärmten sie. Aig zeigte kaum eine Regung. Nur einmal tupfte er sich die Stirn mit einem Tuch, während Einmar alles auszog, bis auf seine Hose.
„Was für eine Hitze!“, klagte Einmar und rieb sich mit seinem feuchten Hemd über den breiten Rücken, „dass es hier im Norden so heiß sein kann …!“
Tenklona war blass und ging langsam, Andokare hatte sie untergehakt und wedelte ihr mit einem Hut aus Birkenrinde Luft zu. Die Tante Gerg, Aigs früh verwitwete Schwester, beobachtete die beiden Frauen, dann hielt sie energisch das Pferdchen an und winkte Tenklona zu sich. Aig und Einmar drehten sich um.
„Was machst du, Gerg?“, rief Aig, und die Missbilligung in seiner Stimme war klar zu spüren. Zwischen seinen Brauen erschienen drei senkrechte Falten, wie mit dem Messer eingeritzt. Gerg, klein, krummbeinig und mit reichlich Schmuck behangen, hielt dem Blick seiner kalten blauen Augen unbeeindruckt stand.
„Das Pferd soll besser deine Frau tragen.“
„Wir gehen zu Fuß zu den Gräbern, wie es Brauch ist.“
„Ach, Aig ...“, Gerg klang ärgerlich.
Einmar nickte kurz, und ohne auf Aigs Antwort zu warten, kam er heran und nahm die ledernen Packtaschen ab. Er half Tenklona, die ihn dankbar ansah, aufs Pferd und legte sich einen Teil des Gepäcks auf die Schultern.
„Die kleine Tasche können die Buben tragen. Komm her, Maheine! Du auch, Ano!“ Aig nahm die zweite der großen Taschen und trug sie, wobei er Einmar, der unbekümmert dahinschritt, einen unwilligen Seitenblick zuwarf. Andokare führte das Pferd, und sie setzten ihren Weg fort. Trotz seines Beines hielt sich Aig gerade wie ein Wassertrieb.
Ano und Maheine schleppten zu zweit die kleine Tasche, die viel schwerer war als vermutet. Die Gerg zwickte Ano im Vorbeigehen in die Backe. „Na, jetzt hab ich dir eine schwere Last aufgeladen, Anochen. Aber deine Mutter, die muss nun auch schwer tragen …“, murmelte sie. „Dein Vater sieht nur, was er sehen will.“
„Tante, hast du auch immer was schleppen müssen?“, fragte Maheine plötzlich. „Oder woher kommen deine krummen Beine?“
Empört holte die Gerg Luft, da strahlte Maheine sie an, seine Augen sprühten Funken. Erst runzelte sie die Stirn, dann lachte sie.
„So ein frecher Kerl!“ Sie langte nach seinem Ohr und zog spielerisch daran.
„Nicht, Tante, sonst krieg ich auch noch Hasenohren zu den krummen Beinen!“, rief Maheine, da zog die Gerg noch ein bisschen fester und wuschelte ihm dann gutmütig durch die roten Locken.
Erst zu Beginn der Dämmerung erreichten sie die Gräber. Zwölf runde Erdhügel ragten auf, mit Steinen eingefasst, mit Gras bewachsen und bekrönt von Totenbrettern. Manche waren bereits morsch und halb vergangen. Mitunter war die Bemalung kaum noch zu erkennen. Maheine bestaunte den Grabhügel, unter dem Großvater Brendar unverbrannt begraben lag, denn in der Sippe von Einmar mussten die Toten durchs Feuer gehen, zu Ehren von Ichar, ihrem Ahnherrn, dem die Götter dieses Schicksal zugedacht hatten.
Herr Catarir, Brendars einziger Sohn und Nachfolger, erwartete die Familie bereits. Seit dem letzten Treffen hatte er sich ein kleines Bäuchlein zugelegt, das nun hinter seinem Gürtel spannte. Ein spitzer Hut aus Birkenrinde bedeckte sein helles Haar. Gemessen begrüßte Catarir seine Schwestern Tenklona und Andokare. Die Grillen zirpten. Brendars noch lebende Kinder steckten Fackeln um das Grab ihres Vaters und zündeten sie an. Dann hoben Catarirs Söhne eine Grube aus, eine Elle auf eine Elle.
„Warum dürfen wir das nicht machen?“, fragte Maheine nicht besonders leise.
„Weil wir nur die Kinder von Brendars Töchtern sind“, flüsterte Ano.
„Aber er war doch auch unser Großvater!“, gab Maheine zurück, hielt Ano seinen Arm hin und deutete auf einen blutverschmierten Kratzer. „Brendars Blut!
Und deswegen …“ Andokare sah auf, und Maheine verstummte sofort.
Die Dunkelheit senkte sich herab, ohne dass es merklich kühler wurde. Wie immer, wenn er außerhalb des elterlichen Hauses war, kam es Ano vor, als würde mit der Dunkelheit der nachtschwarze Wald kommen und ihn umschließen, mit all seinen Geräuschen und Gerüchen, den Tieren und den Geistern.
Tenklona und Andokare lösten ihr Haar, das über ihre Schultern bis zu den Hüften herabfloss wie heller Flachs. Schweigend leerten sie eine Kanne süßer Milch in die Grube. Schäumend ergoss sich die weiße Flüssigkeit in die lehmige Erde. Dann schütteten sie Honigmet dazu und Wasser, das mit feinem Mehl bestreut war.
Brendars Töchter lehnten sich Rücken an Rücken, fassten sich an den Händen, schlossen die Augen und sangen im Wechsel das Lied ihrer Sippe, die Namen ihrer Ahnen, ihre Taten und ihr Schicksal. Ewig lang schien Ano der Gesang. So viele Taten und so viele Namen. Ano klebte die Zunge am Gaumen, und sein Magen knurrte. Er blickte auf seine Mutter. Fremd war sie ihm, wie sie dort stand, im Schein des Feuers. Tante Andokare war ihr Spiegelbild auf dem Wasser. Die Finger der Schwestern waren ineinander verkrallt.
Endlich endete das Lied. Nun zerrte Catarir ein fettes Schwein herbei und schlachtete es. Das verzweifelte Quieken des Tiers hallte in Anos Kopf. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten. Dunkles Blut floss in die Grube. Catarir sprach das Totengebet. Das rohe Fleisch, auch der Kopf mit den toten, glotzenden Augen, lag zu seinen Füßen. Zusammen mit dem Blut rief das Opfer die Geister der Ahnen, auch Brendars Geist, aus der anderen Welt herüber. Die Toten aßen dann von dem Fleisch, tranken vom Blut und der Milch und dem Honigmet und dem mehlbestreuten Wasser.
Ano starrte auf das Grab, in die Fackeln und ins Dunkel dahinter, starrte sich die Augen aus, um die Ahnen zu sehen. Auch Maheines Augen standen weit offen. Ein plötzlicher Windhauch kam auf und strich ihnen über die Gesichter.
Die Flammen der Fackeln knisterten leise. „Das muss Großvaters Geist sein“, flüsterte Maheine voller Ehrfurcht, und Ano nickte mit offenem Mund. Ein Schauer lief beiden über den Rücken.
Dann schlug Catarir in langen Abständen auf einer kleinen Trommel. Er schlug sechzig Mal und gab den Ahnen, nun, da sie satt waren, das Signal, wieder in die andere Welt zurückzukehren.
Tags darauf saßen Tenklona und Andokare im Schatten der alten Linde und blickten über das Tal der Pagnisa. Die Gerste stand hell auf den Feldern. Auf den Wiesen wiederkäute das träge Vieh. Nicht weit entfernt schlängelte sich der Fluss dahin, beschattet von Weiden und Erlen.
„Heute geht es viel besser“, sagte Tenklona. Mitfühlend griff Andokare nach der Hand der Schwester. „Weiß Aig es noch nicht?“
Tenklona schüttelte leicht den Kopf. „Nein. Vielleicht ist es ihm ohnehin gleich.
Manchmal denke ich, nur Hliutar zählt für ihn. Meine Kinder dagegen …“ Sie stieß einen Seufzer aus. „Auch bei diesem Kind wird es nicht anders sein.“
„Ach, Tenklona …“, fing Andokare an, dann schloss sie die Lippen wieder.
Tenklona schwieg einen Augenblick, dann rief sie heftig: „Hast du nicht gesehen, wie mein kleiner Ano aussieht? Hliutar war das, wie so oft! Und Aig?
Schon hundertmal habe ich ihn angefleht, seinem ältesten Sohn Einhalt zu gebieten, denn ich kann Hliutar nichts sagen.“
Sie begann, zu weinen, erst stumm, dann brach es aus ihr heraus: „Aig tut einfach nichts! Nichts! Hliutar ist ihm immer viel wichtiger. Andokare, ich habe Angst, dass Hliutar den Jungen irgendwann totschlägt!“
„Ist es immer noch wegen eurer Hochzeit?“
Tenklona nickte. „Hätten wir nur damals nach Lichinas Tod die Trauermonde abgewartet, wie es Brauch ist! Hliutar war zehn und er hat Aig nie verziehen.
Einmal habe ich gelauscht, sie stritten, da schrie Hliutar, du hast meine Mutter vergessen, du hast sie nicht in Ehren betrauert, sondern dieses Weibsbild genommen, hast du vielleicht gedacht, wir Kinder, Jona und Sida und ich, wir würden unsere Mutter auch so vergessen? Und Aig wirkte ganz klein, ganz zerbrechlich, wie ich ihn nie gesehen habe, ich kannte ihn kaum wieder. Verzeih mir doch, Hliutar, mein Sohn, du bist doch mein liebstes Kind, sagte er.“
Sie setzte sich auf und holte Luft. „Hliutar hasst mich und meine Kinder, allen voran Ano, weil er ein weiterer Sohn von Aig ist. Und Aig lässt Hliutar gewähren, was immer er tut, als wäre nicht auch Ano sein Kind.“
Sie zitterte. Andokare zog sie in ihren Arm und wiegte sie sanft. Dann sagte sie unvermittelt: „Lass uns Ano mitnehmen. Er wird es guthaben. Er wird wie mein eigener Sohn sein, das verspreche ich dir. Er wird mit Maheine aufwachsen.
Wenn er sein Schwert führen kann, kommt er zurück zu euch.“
„Mein Junge … dann wird er so viele Sommer nicht bei mir sein!“ Tenklonas Finger krallten sich in den Stoff ihres Kleides, und wieder liefen Tränen über ihre Wangen. „Er ist so schmal und klein, und trotzdem hat Hliutar kein Einsehen … und Ano, ich glaube, er denkt, dass sein Vater ihn nicht liebt … und manchmal denke ich das auch.“ Sie schluckte, und auf einmal war ein faustgroßer Stein in ihrem Mund, eine Distel, eine Kröte. Matt rieb sie sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen und sagte gepresst: „Was wird Einmar sagen? Wird Maheine nicht eifersüchtig sein?“
„Ich habe mit Einmar bereits gesprochen. Er hat nichts dagegen, im Gegenteil, er sagte selbst, dass … dass der Junge nicht glücklich aussieht.“
Tenklonas Fingernägel bohrten ein Loch in ihren Rock. „Ano ist zu viel allein. Es ist schwer, das Kind eines Sippenersten zu sein. Die anderen Buben wollen nicht mit ihm spielen, denn sie fürchten Hliutars Wutanfälle.“
Sanft griff Andokare wieder nach der Hand ihrer Schwester. „Mein Maheine ist nie eifersüchtig! Er mag Ano sehr, das sehe ich. Ano ist auch nur zwei Sommer jünger. Weißt du, bei uns sind viele Kinder, aber er ist der Sohn von Einmar.
Auch Maheine wird es guttun, einen Freund zu haben, einen Bruder. Mein kleiner Brendar ist ja noch keine zwei Sommer alt. Und Majene ist auch noch klein und spielt am liebsten mit ihrer Puppe.“
„Er ist ein sehr hübscher Junge, dein Maheine.“
Andokare seufzte: „Ja. Und er wird es wohl bleiben. Er ist schlau. Er ist kräftig.
Er ist mutig. Er ist frech, aber keiner kann ihm wirklich böse sein.“ Sie griff sich an die Brust. „Die Alten bei uns sagen, die Götter und Geister haben ihm eine wohlwollende Gabe verliehen, wie ein Strahlen, aber sie sagen auch, wen die Götter lieben, den rufen sie früh zu sich.“
Sie blickte zu Tenklona. „Manchmal wache ich auf, und auf meiner Brust hockt die Angst, dass er jung sterben wird. Jeden Tag flehe ich zu den Ahnen, bei den unnahbaren Göttern für meinen Jungen zu bitten.“ Sie atmete tief ein. „Für beide Buben wird es gut sein, jemanden an der Seite zu haben.“
Mit leiser Stimme sagte Tenklona: „Dann soll es so geschehen. Noch heute spreche ich mit Aig, und ich kann mir nicht denken, dass er etwas dagegen hat.
Im Gegenteil, er wird sagen, dass es Ano stärken wird, an Körper und Seele.“
Sie zog die Nadel heraus, die ihre langen Haare am Kopf zusammenhielt. Auch Andokare löste ihr Haar.
„Es bricht mir das Herz, Andokare, aber hier fürchte ich jeden Tag um ihn.“
Die Schwester streichelte ihr über die Wange. Dann legten sie die Köpfe aneinander und flochten ihre langen flachsblonden Haare zu einem gemeinsamen Zopf, wie damals, als sie Kinder waren.
Unterdessen lief Ano mit Maheine hinüber zur Pagnisa. An einer Biegung, zwischen den Erlen, hatte man Gesträuch und Brennnesseln ausgerissen. Ein Steigbaum am Ufer erleichterte den Einstieg. Maheine blickte aufs Wasser, das langsam dahinströmte.
„Ein großer Fluss ist die Pagnisa ja nicht“, stellte er fest.
„Findest du?“, gab Ano zurück.
„Unser Fluss, die Atiks, ist breiter. Und klarer.“
„Dafür habt ihr drollige Haare!“
„Na und? So ist das bei uns.“
„Ihr habt Haare wie Frauen“, beharrte Ano etwas beleidigt, um seinen Fluss zu verteidigen.
„Nein! Ihr seht eigenartig aus! Kurze Haare haben bei uns nur Kinder.“
„Ehrlich?“
„Ja“, sagte Maheine voller Ernst. Dann stieß er Ano mit dem Ellenbogen an.
„Los komm! Lass uns endlich baden!“
Schon zog er sein langes Hemd über den Kopf, nahm Anlauf und sprang, wobei er die Beine anzog. Mit einem gewaltigen Platschen landete er im Wasser und tauchte prustend wieder auf. Ano hatte sein Hemd nun auch abgelegt. Mit hochgezogenen Schultern stand er am Ufer, die Füße nach innen gedreht, und lugte zum Steigbaum. Maheine folgte Anos Blick.
„Sag bloß, du traust dich nicht springen? Das da ist doch für Mädchen.“ Ano rührte sich nicht.
Stirnrunzelnd sah Maheine ihn an. Dann kletterte er aus dem Wasser und ging zu Ano.
„Was hast du da für eine Narbe am Ellenbogen?“
„Der Hund vom grindigen Swil hat mich gebissen. Ist aber schon gestorben“ „Der Hund?“
„Der auch. Und Swil.“
„Weil der so grindig war?“
„Weil ihn der Blitz getroffen hat.“
Maheine erschauderte und zwinkerte ein paar Mal schnell hintereinander.
Dann zeigte er mit dem Finger. „Tun dir die blauen Flecke sehr weh?“
Ano legte die Hand auf den größten Fleck am Oberarm. „Das ist nichts.“
„Dein Bruder ist ein Arsch.“
„Woher …?“
„Deine Mutter hat's meiner erzählt, ich hab's zufällig gehört. Er wird dich nicht in Ruhe lassen, wenn du dich nicht wehrst.“
„Was soll ich denn machen?“ Ano schrie fast. „Hliutar ist groß und stark!“
Maheine lächelte. „Fang damit an, dass du ins Wasser springst. Du hast viel zu viel Angst.“
„Du weißt ja nicht, wie das ist mit Hliutar.“
„Wenn du dich nicht mal ins Wasser springen traust, dann wirst du dich immer verkriechen, wenn Hliutar um die Ecke kommt.“
„Nein! Das hat damit gar nichts zu tun!“
„Los, wir springen zusammen!“ Maheine sah Ano an. Er hatte strahlende grüne Augen und lange dunkle Wimpern, fast wie ein Mädchen.
„Ich kann nicht!“
Maheine nahm Ano an der Hand und hielt sie fest. „Kann ich nicht, gibt’s nicht.
Sagt Virmar immer.“
„Wer ist Virmar?“
„Einer aus unserem Tal. Er kann Baumstämme werfen, so stark ist er“, sagte Maheine und unvermittelt begann er zu rennen, Anos Hand fest umklammert.
Notgedrungen rannte Ano mit. Dann sprangen sie, ließen das Gras unter sich zurück, flogen über die lehmige Erde der Uferböschung und tauchten ein ins kühle Graubraun des Wassers. Sie versanken. Ano hielt die Luft an, kniff die Augen zu. Das Wasser schloss sich über ihm, und die Welt draußen schien verschwunden. Hektisch begann Ano, mit der freien Hand zu rudern. Da wurde er von Maheine schon wieder nach oben gezogen und tauchte aus dem Wasser.
Er holte tief Luft und öffnete die Augen. Die Helligkeit war durchdringend.
„Ich bin gesprungen“, schrie Ano. „Ich bin gesprungen!“
Maheine strahlte und erst jetzt ließ er Anos Hand los. Über ihnen breitete sich der klare Sommerhimmel. Sonnenstrahlen tanzten in goldenen Funken auf dem Wasser, und von einer nahen Hecke drang der Duft wilder Rosen zu ihnen. Ein Erpel kam unerwartet nahe herangeschwommen. Still und voller Freude sahen sie ihm zu, dem Vogel der Ahnen.
Tags darauf erlosch alle Freude. Die Mutter sagte: „Wir haben beschlossen, dass meine Schwester Andokare und Onkel Einmar dich mitnehmen. Du wirst bei ihnen leben, bis du großjährig bist. Maheine wird wie ein Bruder für dich sein.“
Ano erstarrte. Der Himmel stürzte ein. Er konnte nicht einmal weinen.
„Habt ihr mich denn nicht lieb?“, flüsterte er lautlos.
„Ano!“ Tenklona fiel auf die Knie und umarmte ihn, umschlang ihn. Schluchzend stieß sie hervor: „Ich hab dich lieber als alles unter der Sonne.“ Sie strich ihm das Haar aus der Stirn.
„Will Vater mich nicht mehr haben ... wegen Hliutar?“
Tenklona rang um Fassung. „Ano … ich kann dich nicht gut genug vor Hliutar schützen … dein Vater, ach ...“, sie biss sich auf die Lippen, ihre graubraunen Augen schimmerten beinahe fiebrig. „Bei Andokare und Einmar wird es dir gut gehen, besser als hier. Und wenn du wiederkommst, bist du groß und stark und brauchst Hliutar nicht mehr zu fürchten.“
Ano stand immer noch starr da. Er konnte sich nicht bewegen, als wäre er zu Stein geworden, vor Kummer, wie die Leute in den alten Sagen. Tenklona hielt ihn in den Armen, fest an sich gedrückt, weinend. Er stand da wie tot. Am Kopf der Mutter vorbei glitt sein Blick umher. Da war die vertraute, gefegte Feuerstelle, die Bänke, der Tisch, den Laetakare immer scheuern musste. Die sorgsam verputzten Wände mit den schönen Tüchern, die Decken aus schwerer Wolle, ordentlich gefaltet. Auf der Truhe in der Ecke lag die Schachtel mit der feinen Waage und den Gewichten, die wie Spielzeug aussahen. Ano blickte auf die hohen Holzsäulen, die das Dach trugen. Die Stiege nach oben. Droben in seinem Bett wartete sein Kuschelschwein. Es sah alles aus wie immer. Aber nichts war mehr wie zuvor. Ano konnte die Arme nicht um seine Mutter legen, es war, als sei er schon nicht mehr hier. Die Tage bis zur Abreise zogen an Ano vorbei wie ein Traum, unwirklich, als würde er sich selbst zusehen.
„Wirst du auf mein Schwein aufpassen?“, fragte er Laetakare mit tiefem Ernst, und Laetakare sagte: „Ja“, und sie dachte: Vater wird es bald schlachten lassen, und Ano weiß es, und er wusste es auch.
Dann kam der Abschied. Zum letzten Mal für lange Zeit aß Ano die Milchsuppe seiner Mutter, aber sie schmeckte schal in seinem Mund. Die Mutter küsste ihn und weinte, er roch den vertrauten Duft ihrer Haut. Laetakare drückte ihn an sich, Breida gab ihm einen kindlichen Schmatzer und hielt ihm zum Abschied eine Kette aus Gänseblümchen hin. Nun kam der Vater mit ernstem Blick und legte ihm die große Hand auf die Schulter.
„Mach mir keine Schande, Anochari“, sagte er, und sein Gesicht schien unbewegt. Hliutar stand mit verschränkten Armen da und rührte sich nicht. Hliutars Frau Herwode lächelte unsicher neben ihm. Die Tante Gerg kniff Ano in die Wange, wie sie es immer tat, und als sie kurz zu Aig blickte, meinte sie, einen feuchten Schimmer in seinen Augen zu ahnen. Allerdings konnte sie sich auch getäuscht haben.
Maheine saß bereits auf einem Pferd. Einmar hob Ano hoch und setzte ihn dazu. Ano klammerte sich an Maheine fest. Sie ritten los, beladen mit Geschenken, in die Kühle des Morgens. Die kleinen, kräftigen Pferde trugen sie über das Gras, das noch feucht war vom Tau. Es würde ein klarer, sonniger Tag werden. Die Frauen von Ansedla würden ihre feuchten Leintücher zum Bleichen auf die Wiesen legen.
Ano drehte sich um. Er sah seine Mutter und Laetakare, die sein quiekendes Schweinchen auf dem Arm hatte, vor dem Tor stehen. Beide winkten, und er sah zu ihnen, bis sie immer kleiner wurden, bis sie nicht mehr zu sehen waren, er starrte mit weit geöffneten Augen zurück in ein Leben, das mit jedem Augenblick mehr zur Erinnerung wurde. Er begann zu weinen.
Nach einer Weile fragte Maheine: „Magst du nicht bei uns sein?“
Ano schluchzte nur. Schließlich hielt Maheine das Pferd an und stieg ab.
„Rutsch etwas vor“, sagte er. Dann stieg er wieder auf, sodass nun er hinten saß, und griff die Zügel.
„Ich pass auf dich auf“, sagte Maheine feierlich. „Hab keine Angst. Ich werd dich nie allein lassen.“
Ano weinte noch immer vor sich hin. Am Rücken spürte er die Wärme von Maheine, der seinen Kopf auf Anos Schulter legte und seine Wange an Anos Wange drückte. Maheine sagte nichts, aber Ano fühlte sich eigenartigerweise getröstet.
Siduri kauerte neben den aufgerollten Tauen. Die übrigen Mitreisenden, ausnahmslos Männer, hockten ein Stück entfernt und palaverten lautstark. Sie hörte nicht hin. Das Schiff glitt schwankend durch das tückische Wasser des grundlosen Meeres. Sie fühlte sich schutzlos. Ausgeliefert. Allein. Ganz allein.
Was wird, wenn er … wenn die Götter …? Er hat mich verflucht! Wie soll ich den Fluch abwenden? Nur ein Beschwörer könnte das. Es ist nun eine Frage der Zeit, bis … denk nicht daran! Du darfst nicht daran denken. Nicht dran denken!
Denk an etwas Schönes.
„Heh Einauge, deute uns die Zeichen.“ Vor ihr stand einer der Seeleute und hielt ihr fünf speckige Knöchelchen hin, die von den Beinen einer Ziege stammten. „Du bist doch Assyrerin, oder nicht? Ihr versteht euch doch auf das Orakel, wie sonst kein anderes Volk.“
Ein Stück entfernt saß einer der beiden Achaier, der nun neugierig den Kopf wandte. Der Matrose hielt ihr immer noch die Knochen hin. Siduri nahm sie und warf sie hoch in die Luft. Krachend fielen die Knochen vor ihr zu Boden.
„Na?“, fragte der Matrose ungeduldig.
„Die Zeichen stehen gut“, log Siduri und dachte: Die Zeichen stehen schlecht.
Wie könnten sie gut stehen, wo sie doch mich an Bord haben? Aber was nutzt es, das zu sagen?
Der Mann nickte halbwegs zufrieden, raffte die Knochen zusammen und trollte sich wieder zum Bug des Schiffes.
Siduri tastete nach dem Siegel, das an einem Band um ihren Hals hing. Es brannte auf ihrer Haut. Es war das Siegel ihres Vaters gewesen. Jetzt war es das Siegel ihres Onkels Muschabschi.
Sie stand auf, um unter Deck etwas Wasser zu trinken und den Eimer zu benutzen. Immer fürchtete sie, einer der Männer könnte ihr folgen. Danach setzte sie sich wieder an ihren Platz bei den Tauen und starrte aufs Meer, murmelte Gebete und Beschwörungen, um Muschabschis Fluch abzuwenden. Die Zeichen, die sich ihr boten, waren nicht klar, manche schlecht, andere gut. Wie ein Blatt im Wind war der Mensch dem Willen und den Launen der Götter ausgeliefert. Nach einer Weile kam der Achaier zu ihr.
„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte er und ließ sich neben ihr nieder, ohne ihre Antwort abzuwarten. Siduri blickte zur Seite. Kein Assyrer würde sich so nahe neben eine fremde junge Frau setzen. Es war aufdringlich, unhöflich, brachte sie in Verlegenheit. Der Achaier betrachtete sie ungeniert und sagte:
„Mein Name ist Klewas.“
„Siduri“, murmelte sie und richtete ihr Tuch.
„Die ersten Tage habe ich nicht viel von dir zu sehen bekommen. Du bist die See nicht gewohnt, oder?“
Er sprach holprig assyrisch, die Sprache ihrer Heimat, die vom Zweistromland bis zur Küste und sogar in Ägypten verstanden wurde.
„Wir Assyrer sind keine Seefahrer“, antwortete Siduri. Wie sie das Wasser hasste. Kein Ufer zu sehen. Unter ihr die schwarze Tiefe.
„Aber umtriebige Händler seid ihr Assyrer allemal. Bist du allein nach Ugarit gereist?“
Siduri wurde unruhig. Sie durfte sich nicht verraten.
„Ich bin schon als Kind mit meiner Familie nach Ugarit gekommen“, sagte sie abweisend in der Sprache der Achaier und fügte in Gedanken hinzu: Und jetzt bin ich ganz allein.
„Ach. Deine Familie, ihr seid wohl Kaufleute?“, bohrte Klewas.
„Ja.“
„Deshalb sprichst du wohl auch meine Sprache, was?“
Er rieb sich am Kinn. Er war glattrasiert, wie die meisten Achaier. Siduri fand das befremdlich, ein erwachsener Mann mit einem glatten Gesicht. Dagegen trugen die Assyrer prächtige, geölte Bärte.
„Ich habe schon viele Assyrer in Ugarit gesehen, und einige auf der Kupferinsel, und in Ägypten und in Mykene. Aber noch nie ein assyrisches Mädchen, das ganz allein auf einem Schiff reiste.“
Siduri deutete auf das Siegel um ihren Hals.
„Jaja, ich sehe, dass du ein Siegel bei dir hast.“ Er griff unvermittelt danach.
Seine Finger streiften wie zufällig ihre Haut. Siduri erstarrte. Klewas merkte auf.
„Dein Vater?“
„Mein … Onkel. Der Bruder meines Vaters.“
„Und dein Vater?“
„Meine Eltern sind tot.“ Besser, Muschabschi wäre tot!
„Das tut mir leid. So lebst du also bei deinem Onkel?“
Endlich ließ er das Rollsiegel los, es schlug gegen Siduris Brust wie der schwere durchlochte Stein, der neben den Tauen lag und als Anker diente. Der Achaier betrachtete Siduri scharf.
„Du willst nach Mykene?“
„Ja.“
„Und was willst du da? Warum schickt dein Onkel dich dorthin?“
„Mein Onkel hat eine Nachricht für einen der assyrischen Handelsvertreter.“
„Er könnte einfach ein Schreiben schicken, oder? Oder einen Boten.“
„Es … ist zu wichtig. Außerdem … außerdem soll ich dortbleiben. Der Sohn des Mannes, für den die Nachricht ist, sucht eine Frau. Er will keine Achaierin“, log Siduri, der nichts Besseres einfiel.
„Ich habe dich im Weißen Hafen an Bord gehen sehen. Ein Säckchen am Gürtel und ein Bündel. Mehr Gepäck hast du nicht. Eine Mitgift hast du nicht. Der Sohn des Mannes, für den die Nachricht ist, muss dich sehr lieben.“
Siduri zuckte die Schultern. „Du bist kein Assyrer, du kennst unsere Sitten nicht.“
Der Mann verzog die Lippen. „Du hast recht, Mädchen. Wir Achaier sind neugierig auf alles. Verzeih.“ Er lächelte sie spöttisch an und erhob sich, doch dann wandte er sich noch einmal zu ihr um und bemerkte: „Siduri. Diesen Namen wählte eure Göttin Ischtar, als sie vor Gilgamesch das Schankmädchen spielte, nicht?“
Er glaubt mir nicht, dachte Siduri verzweifelt. Warum habe ich mir keine schlauere Geschichte ausgedacht? Oh, Ischtar, warum ist alles nicht einfach ein böser Traum? Warum wache ich nicht auf?
„Für welches Vergehen hat man dir eigentlich das Auge ausgestochen?“
Siduri starrte Klewas mit dem Auge, das ihr geblieben war, wütend an.
„Das war ein Unfall. Als ich ein Kind war.“
„Ein Unfall? Tatsächlich? Euer Volk ist bekannt für seine harten Gesetze. Eine Hand für eine Hand. Ein Auge für ein Auge. Untreuen Frauen schneidet man die Nasenspitze ab. Oder sind es die Ohren?“
„Und neugierigen Achaiern die Zunge!“ Hinter ihnen war Talamyani, der Kapitän der Anat, aufgetaucht. Klewas lachte, klopfte ihm freundschaftlich auf den Arm und ging unter Deck.
„Geht’s dir besser, Mädchen?“, fragte Talamyani nicht ohne Mitleid. Siduri nickte.
„Denk dir nichts, der Achaier ist nur ein Schwätzer, sonst nichts.“ Und fügte hinzu: „Ein Frevler ist er obendrein. Behauptet, es gebe keine Götter!“ Kopfschüttelnd ging Talamyani weiter. Siduri zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. Viele dachten, das Auge wäre zur Strafe ausgestochen worden.
Alle hielten es für ein böses Zeichen. Geh weg! Diebin! Dirne! Lügnerin! Du hast den bösen Blick! Du bringst Unglück! Du bist ein schlechtes Omen! Geh weg! Schau mein Kind nicht an!
Siduri hatte die Stimmen auf den Straßen in Assur noch im Ohr. Die Menschen des Zweistromlandes achteten auf die Zeichen wie niemand sonst, da ihre Welt von Dämonen und Geistern, die einem übel wollten, bevölkert wurde.
Was für eine Erleichterung es gewesen war, als sich Siduris Familie im weit entfernten Ugarit, einer Hafenstadt am Großen Meer, niederließ. Ugarit war lebensfroher, bunter, leichter, die Stadt war lebendig und voller Farben und Gerüche. Händler aus aller Herren Länder lebten hier, verhandelten alles, was man sich nur denken konnte. Von Ugarits Weißen Hafen fuhren die Schiffe übers Meer in alle Richtungen. Eselskarawanen brachten Waren aus dem Osten und Süden.
Die Anat setzte ihre Fahrt auch nachts fort. Wie die meisten ugaritischen Seeleute fand Talamyani auch bei Dunkelheit seinen Weg, solange die Sterne zu sehen waren. Siduri rollte sich in ihre Decke und blieb auf ihrem Platz bei den Tauen. Sie scheute sich, unter Deck zu schlafen, bei den Männern und ihren Gerüchen und Geräuschen. Und den Begierden, die nach einigen Tagen auf See selbst durch ein Mädchen mit nur einem Auge geweckt werden könnten.
Talamyani, der noch ihren Vater gekannt hatte, achtete auf sie, aber er konnte nicht überall sein. Zu Hause war sie nie ohne Begleitung ausgegangen, hatte, Verwandte ausgenommen, nie mit einem Mann allein gesprochen. Aber hatte ihr das Schutz geboten? Nein.
Wieder trieb Siduri in Gedanken dahin, zwischen Schlafen und Wachen. Sie war wieder in Ugarit, im Haus des Onkels, das einmal das Haus ihres Vaters gewesen war.
Seit einigen Monaten hatte sie bemerkt, dass Onkel Muschabschi sie mit anderen Augen ansah, als ahnte er, dass sie zu bluten begonnen hatte und zur Frau wurde. Sie spürte seinen Atem, wenn er wieder unvermittelt zu nahe hinter ihr stand, wenn er sie wie zufällig im Vorübergehen berührte. Siduri versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen. Er ekelte sie an. Bald kleidete sie sich in grobe Gewänder und bedeckte ihre dunklen Locken, die das Schönste an ihr waren, auch im Haus.
Am liebsten saß sie in der Bibliothek und las und vergaß alles um sich herum.
Sie las die Geschichte von Gilgamesch, dem sagenhaften König von Uruk, von dessen Gefährten Enkidu, der ein Kind der Steppe war, von den Prüfungen und Kämpfen, von Enkidus Tod und der Suche des Königs nach dem ewigen Leben, die ihn über die Ränder der Welt hinausführte. Oder die Geschichte von Etana, dem König von Kisch, den ein Adler zum Himmel emportrug. Oder die vielen Texte über die Liebe und die Lust. Aber die las sie heimlich, wehe, man hätte sie erwischt.
Ihr Onkel war auf einmal da, er stand hinter hier, stützte seine Arme links und rechts neben ihr auf den Tisch, diese seltsam glatten Arme, die Hände, die an die Hände ihres Vaters erinnerten.
„Siduri“, flüsterte er, „was liest du da … ach, von der Liebe und dem Begehren … schön, schön, aber du sollst doch nicht so viel lesen, das ermüdet nur dein Auge. Und das Licht ist schlecht, es ist dunkel hier.“
Wie erstarrt saß Siduri da. Ihr Onkel schob das Tuch zurück und streichelte über ihre Haare.
„Onkel. Nicht …“, flüsterte Siduri. Er tat, als höre er sie nicht, und fuhr fort: „Du bist ein hübsches Mädchen, Siduri, auch wenn dir ein Auge fehlt. Du bist wie eine Blume, die erblüht, wie ein duftender Garten, hinter verschlossener Pforte inmitten der unwirtlichen Steppe.“ Seine Hand glitt nun über ihren Hals weiter nach unten. „Nicht!“
Sie verschränkte die Arme, um ihre Brust zu schützen. Sein Atem an ihrem Hals. „Nicht, bitte, nicht!“
„Muschabschi? Bist du hier?“ Die helle Stimme der Tante Aja, die nun in der Tür zur Bibliothek erschien.
Muschabschi fuhr herum. „Was willst du, Weib?“
„Unten wartet ein Bote mit einer dringenden Nachricht“, sagte Aja leise.
„Ich komme.“
Er beugte sich noch einmal zu Siduri, die wie versteinert dahockte, und flüsterte mit rauer Stimme: „Widersetze dich nicht oder du wirst es bitter bereuen. Ein Wort von mir genügt …“ Mit schnellen Schritten ging er hinaus. Langsam kam Aja zu Siduri, die immer noch auf dem Stuhl kauerte. Hilfesuchend, flehend blickte sie zu ihrer Tante.
Doch die schüttelte langsam den Kopf.
„Ich kann nichts tun, er ist der Herr im Haus.“ Siduri weinte stumm.
Einige Tage später kam er in ihre Kammer. Früher hatte sie hier mit Schamuramat geschlafen, doch die Schwester hatte längst geheiratet.
„Es ist gegen das Gesetz.“ Sie hörte sich wieder diese Worte flüstern, dann rief sie lauter, am Ende schrie sie es hinaus. „Es ist gegen das Gesetz.“
„Was? Du wagst es, mir zu sagen, was Gesetz ist, was mein Recht ist? Kümmere ich mich nicht um dich und deinen Bruder? Wer ernährt euch? Wer kleidet euch? Bin ich nicht das Oberhaupt der Familie?“
„Onkel, bitte …“, flehte Siduri.
Er griff nach ihr, sie riss sich los, aber er fing sie wieder ein. Muschabschi presste sie gegen die Wand des Zimmers. Sie schrie. Er hielt ihr den Mund zu.
Sie bekam kaum noch Luft. Panik erfüllte sie. Voller Todesangst starrte sie ihn an.
„Wehr dich nicht“, flüsterte er. Ihr Körper erschlaffte.
„So ist es gut. So ist es gut.“ Muschabschi streichelte ihr die Wange. „Seit Tagen bin ich wie ein Südsturm, kaum konnte ich Brot und Wasser zu mir nehmen“, raunte er ihr zu, und sie spürte seinen Körper, spürte das harte Pochen.
Muschabschi nahm die Hand von ihrem Mund. Sie atmete tief ein und aus. Er betatschte ihre Brust, ihren Bauch. Sie stand stocksteif da. Dann schob er sie zum Bett und warf sie auf den Rücken.
„Siduri, mein kleines Mädchen“, sagte er fast zärtlich. Dann, gebieterisch:
„Zieh dein Kleid aus.“ Zitternd langte sie nach ihrem Gürtel. Er legte den Kopf schief.
„Warte, ich löse deinen Gürtel. Der erste Mann sollte den Gürtel einer Jungfrau lösen.“ Muschabschi trat heran und beugte sich über sie, seine Hände versuchten, den Knoten zu öffnen. Der Knoten saß fest. Oh, große Ischtar! Hilfe!
Vater! Mutter! Schickt mir Hilfe! Da durchschoss es sie im selben Augenblick.
Die Nadel, die ihr fransiges Überkleid an der Schulter zusammenhielt. Ihr Vater hatte sie ihr vor langer Zeit geschenkt, er hatte sie von einem Händler bekommen, der behauptete, sie käme aus einem fernen Land. Es war eine recht große, lange Nadel aus Bronze. Spitz. Vorsichtig tastete Siduri mit der Hand danach. Muschabschi war immer noch mit dem Knoten beschäftigt.
„Er ziert sich, wie die Jungfrau“, murmelte er halblaut, wie zu sich selbst. Sie mühte sich verzweifelt. Wenn Muschabschi nur nichts bemerkte. Im selben Augenblick hörte sie ihren Onkel, der den Knoten nicht aufbekam, sagen: „Dieser Gürtel will offenbar mit Gewalt geöffnet werden. Warte noch, meine Schöne, ich hole ein Messer. Aber zuvor …“ Sie zog die lange Nadel aus dem Stoff und umfasste sie. Ihr Onkel beugte sich tiefer und presste seinen Mund durch den Stoff des Kleides hindurch auf ihre Scham. Siduri stieß zu.
Muschabschi krümmte sich und taumelte hoch. Nach einem kurzen Moment des Schrecks sprang Siduri vom Bett.
„Du Hure, du Miststück“, brüllte Muschabschi. Blut lief über seinen Rücken.
„Verflucht sollst du sein! Du bist tot, du bist tot!“
Ohne zu denken, griff sie einen Krug und schlug ihn Muschabschi über den Kopf. Der schwankte und fiel aufs Bett. Blut. So viel Blut. Muschabschi stöhnte.
Siduri zitterte. Ihre Beine waren weich. Fort, nur fort. Sie rannte aus dem Zimmer und flog die Stiege hinab.
Am Stiegenabsatz stieß sie mit ihrer Tante zusammen. Sie hatte Siduris kleinen Bruder Riki zu Freunden gebracht und war eben heimgekommen.
„Siduri?“
Siduri zitterte am ganzen Körper. Ihre Zähne schlugen aufeinander. Aja griff sie bei den Schultern. Ihr Blick fiel auf die blutige Nadel, die Siduri immer noch umklammert hielt.
„Siduri. Was ist geschehen?“
„Er … er ist in mein Zimmer gekommen … er … hat mich … angefasst … er hat … ich habe die Nadel ...“, stieß sie wirr hervor.
„Muschabschi.“ Aja biss sich auf die Lippen. Dann lauschte sie nach oben. „Ich höre keine Schritte. Ist er tot?“
Siduri schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht.“
„Warte hier. Hörst du, du wartest hier. Ich sehe, ob er tot ist oder nicht.“
„Ich wollte nie, dass er … ich habe doch nicht …“ Aja nahm ihr Gesicht in die Hände.
„Ich weiß, wie er ist. Ich werde dir helfen, wenn es irgendwie geht. Ich hätte es längst tun sollen, aber ich fürchte ihn auch.“ Steifbeinig ging Aja nach oben. An die Wand gelehnt, blieb Siduri zitternd unten stehen. Ihr fransiges Überkleid hing unordentlich herab, nur noch gehalten von dem widerspenstigen Gürtel.
Eine Ewigkeit schien Tante Aja fortzusein. Siduri zwang sich, die blutverschmierte Nadel leidlich sauber zu wischen und steckte ihr Kleid wieder zusammen. Endlich kehrte Aja schnellen Schrittes zurück.
„Er ist bewusstlos, aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird er nicht sterben.“
„Dann bringt er mich um!“ Siduri weinte. „Ich sterbe sowieso. Verflucht hat er mich!“
Einen Augenblick lang schien Aja zu überlegen, dann rannte sie in die Küche und begann Kräuter und betäubende Säfte zu vermischen, fügte Bier hinzu, schüttete alles durch ein Sieb in einen Becher. Sie suchte saubere Tücher und eine Salbe heraus und sagte: „Komm mit nach oben.“
„Nein!“ Siduri wurde starr. „Ich gehe da nicht hoch.“
„Er kann dir im Moment nichts tun. Und niemand ist sonst im Haus.“
Aja sah Siduri an.
„Ich muss ihn verbinden, das ist meine Pflicht vor den Göttern, verstehst du, denn ich bin seine Frau. Und ich gebe ihm dies hier“, sie hob den Becher an, „es wird ihn schlafen lassen. Du wirst inzwischen ein paar Sachen packen.
Nimm etwas Kleidung von mir und nimm meinen Schmuck. Alles. Hol dir auch Brot und einen Schlauch mit Bier. Zieh mein Tuch über und verlasse das Haus.
Heute fährt noch ein Schiff nach Westen zu den Achaiern, nach Tiryns oder Mykene. Das Schiff heißt Anat. Talamyani ist der Kapitän. Er kannte noch deinen Vater. Muschabschi sprach erst heute Morgen davon. Gib Talamyani den großen Armreif und bezahle so die Fahrt. Lass alles hinter dir. Geh immer weiter, bis dorthin, wo keine Assyrer mehr hinkommen.“
Siduri nahm ihre Hand. „Und du?“
„Ich? Ich habe dich nicht gesehen. Ich kam, fand meinen Mann blutend und meinen Schmuck entwendet. Ich versuche ihn so lange es geht zu betäuben, aber ich kann ihn nicht töten oder unversorgt lassen.“ Und leise setzte sich hinzu: „Auch wenn er nie etwas tat, was auch nur einen Laib Brot für mich wert gewesen wäre.“
Siduri flüsterte: „Sein Fluch wird mich überall ereilen!“
„Vielleicht kann ich ohne sein Wissen einen Beschwörer finden, der etwas für dich tun kann“, erwiderte Aja ernst.
„Wirst du meinen Eltern Opfer bringen?“
„Das schwöre ich dir.“
„Sag Riki, ich liebe ihn. Und Schamuramat.“ Sie würde Schamuramat und Riki niemals wieder sehen. Riki, ihr kleiner Bruder. Schamuramat, ihre große Schwester, die schöne, die in Assur lebte, als Frau von Vetter Adadnirari. Die wohl immer noch Onkel Eribaadad liebte und der man, sollte man sie erwischen, die Nase abschneiden würde.
Aja wischte sich Tränen aus den Augen. „Ich muss nun Muschabschi versorgen, alle guten Mächte sollen mit dir gehen. Vielleicht soll sich dein Schicksal anderswo erfüllen.“
Aja küsste Siduri und stieg die Treppe hoch. Siduri wartete kurz, bis sie hörte, wie eine Tür geschlossen wurde. Dann rannte auch sie die Stiege hinauf und öffnete die Truhe ihrer Tante. Sie fand ein großes Tuch, legte ein Kleid, etwas Wäsche und ein Paar leichter Schuhe hinein, ergriff den Kamm, den Spiegel.
Ihr Blick fiel auf die Schmuckschatulle, die kostbar mit Einlegearbeiten und Elfenbeinschnitzerei verziert war. Sie zögerte. Über den Hof war ein Stöhnen zu hören. Muschabschi. Siduri öffnete die Schatulle und schüttete den Inhalt in einen Beutel, den sie an ihrem Gürtel befestigte. Sie griff Ajas weiten, fein bestickten Mantel, überlegte kurz, ließ ihn fallen. An der Tür spähte sie hinüber zu ihrer Kammer. Wieder drang ein Stöhnen heraus, diesmal leiser. Muschabschi war noch dort. Sie hörte Tante Ajas Stimme. Der Weg war frei. Siduri rannte die Stiege hinab und griff sich einige Brote in der Küche, füllte einen Lederschlauch mit Wasser. In der Küche hing ein schlichter Umhang, der der Köchin gehörte. Darin würde sie weit weniger auffallen als in Tante Ajas feinen Sachen. Besser keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Sie legte das Tuch mit einem Riemen zu einem Bündel zusammen. Ihr Blick fiel auf Muschabschis Empfangsraum. Siduri huschte rasch hinein. Auf dem Tisch lag, was sie suchte. Das Siegel ihrer Familie. Jetzt Muschabschis Siegel. Sie nahm es mit einer raschen Handbewegung an sich und verbarg es unter ihrem Kleid. Aus dem Zuber nahm sie sich noch eine Handvoll feuchten Ton. Fette, kühle Erde drängte sich unter ihre Nägel. Einen Wimpernschlag lang war sie überzeugt, dass ihre Finger darin stecken bleiben würden, abgebissen von bösen Geistern, zur Strafe. Aber nichts geschah. Sie zog die Hand mit dem Ton heraus, deckte den Zuber wieder ab und griff eines der Schilfrohre, deren Enden angeschrägt waren.
Dann eilte sie mit ihrem Bündel zum Eingangsraum. Da waren die Stufen, die hinab zur Gruft führten, in der ihre Eltern begraben lagen. „Mutter, Vater“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme, „Tante Aja wird für euch sorgen, im Land ohne Wiederkehr, wo es wüst ist und staubig und weder Sonne noch Mond Licht spenden.“
Im oberen Stock waren Schritte zu hören. Aja? Muschabschi, der nicht so schwer verletzt war, wie sie dachte? Panik ergriff sie.
„Mutter, Vater, verzeiht mir!“ Siduri warf den Umhang der Köchin um sich und riss die Haustür auf. Sie trat auf die Straße. Den Umhang zog sie weit über den Kopf, wie es Frauen aus Assur meist taten, und senkte den Blick. Dann lief sie, ohne sich umzusehen, die Straße hinauf, dem großen Tor zu, sie ließ die Stadt hinter sich und ging zum Hafen hinunter. Der berühmte Weiße Hafen, dem U-garit seinen Reichtum verdankte. Üblicherweise gingen junge Mädchen wie sie nicht allein herum. Aber wer hätte mit ihr gehen sollen? Sie hatte keine Familie mehr.
Mühsam zwang sie sich, nicht zu schnell zu gehen, um nicht aufzufallen. Aber sie wollte rennen, so schnell sie konnte. Mit einem Mal glaubte Siduri, Muschabschis Atem direkt hinter sich zu spüren. Sie fuhr herum. Niemand.
Vielleicht jagte auch schon ein Dämon hinter ihr her, angelockt durch Muschabschis Fluch? Würde Pazuzu sie mit seinen Vogelkrallen packen, sie mit seinem Skorpionschwanz stechen, würde die böse Lamaschtu sie mit ihren Flügeln einholen, mit ihrer Adlerklaue greifen und verderben?
