Volksfeind im Arbeiter- und Bauernstaat - Gerhard Krupp - E-Book

Volksfeind im Arbeiter- und Bauernstaat E-Book

Gerhard Krupp

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Beschreibung

Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts holte die UdSSR tief Luft, um den Endspurt beim Aufbau des Kommunismus anzutreten. “Die heutige Generation wird im Kommunismus leben“. Die DDR unter Führung der SED folgte ihr im Rahmen ihrer Möglichkeiten In der Landtechnik der DDR vollzog sich eine beschleunigte Entwicklung, die von den Forderungen der neuen Großbetriebe in der Landwirtschaft initiiert wurde. In den Wäldern Südbrandenburgs, die früher schon für geheime Projekte der Rüstungswirtschaft genutzt worden waren, tat sich wieder Geheimnisvolles. Im „WTZ für Landtechnik Schlieben“ wurden in strenger Geheimhaltung Wunderwaffen geschmiedet

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Seitenzahl: 554

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Auf zum Kommunismus!

Vorbemerkungen

Der Anfang der "Bestellkombine"

Schlieben, Forschung oder Bastelbude im Aufbau

Nach der Euphorie zum Parteitag, die Mühen der Ebene

Dem 20. Jahrestag der DDR entgegen

Ein Saufabend mit Bruno Kiesler

„Bereich Forschung" im WTZ Schlieben

"Sozialistische Menschengemeinschaft" und "bürgerliche Elemente"

Beurlaubung“ und "Aussprache"

„Rolle und Bedeutung“ der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD)

Das Recht auf Arbeit

Alles was Recht ist

Weidmannsheil!

Unter "Parteikontrolle"

Nachwirkungen

Quellenverzeichnis

Der Verfasser, seinerzeit - "Direktor für Forschung" in einem landtechnischen Institut - bekam Anfang Juli 1970 einen Brief vom Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Landtechnik - der für seinen Arbeitsplatz zuständigen staatlichen Institution der DDR-Regierung - in dem ihm unterstellt wird, eine "Theorie" entwickelt zu haben, die "den Beschlüssen unserer Partei und Regierung widerspricht."

Der Verfasser konnte diese Beschuldigung nicht teilen und setze sich zur Wehr.

Die Erfolge seines Bemühens um Recht und Gerechtigkeit waren höchst zweifelhaft. Er durchlebte währenddessen und danach eine wenig ersprießliche Zeit.

Erst zwei Jahrzehnte später, als die DDR in die Agonie ihres Unterganges eingetreten war, im Dezember 1989, bekam der Verfasser von einem Staatsanwalt des Obersten Gerichts der DDR mit einer Art "Waschzettel" ohne Briefkopf bescheinigt, dass die "erhobenen Vorwürfe … unberechtigt waren."

Den Polit-Krimi zwischen diesen Daten können Sie in diesem Buch miterleben. Staunen Sie über die unendliche Dummheit und Gemeinheit, die eine Diktatur hervorbringt.

1. Auf zum Kommunismus!

Manche Autoren beginnen die Kapitel ihrer Werke mit mehr oder weniger ergreifenden Schilderungen der Wetterverhältnisse für die Örtlichkeit, in der sich die Handlung vollzieht. Oft werden auch Himmelserscheinungen zu Hilfe genommen, um den Leser auf die folgende Handlung einzustimmen. "Blutrot ging die Sonne im Westen unter", oder "die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchteten die weite Ebene", wenn denn im nachfolgenden Text von einer solchen die Rede sein sollte. Einmal las ich: „Lautlos zog ein Schwarm von Wildgänsen am Himmel vorüber“. Das kann nicht stimmen, Gänse schnattern immer! Da sich die von mir beschriebene Handlung nicht auf einer weiten Ebene abspielt und auch zum Wetter fast keine Beziehung hat, finde ich es passender, die umgebende politische Wetterlage wenigstens in Streiflichtern zu beleuchten, wie man mit einer Lampe bei Nacht auf der "weiten Ebene" ein paar markante Sträucher beleuchten kann. Die von mir zu beschreibenden Handlungen sind ja ohnehin politischer Natur, und da ist das politische Wetter im Umfeld schon interessant. Genauer betrachtet wird ein Grasbüschel auf der Wiese des Sozialismus.

Das halbe Jahr vor meinem Eintritt in das damalige Ministerium für Land- und Forstwirtschaft unter der Leitung von Hans Reichelt war das Halbjahr, in dem der "antifaschistische Schutzwall" in Berlin errichtet wurde.

Am 05.07.1961 (1/2) berichtet "Neues Deutschland" über die 13. Tagung des ZK der SED. Im Kommunique heißt es: „Genosse Walter Ulbricht begründete den Friedensplan des deutschen Volkes mit den Vorschlägen über den Abschluss eines Friedensvertrages und die Umwandlung Westberlins in eine entmilitarisierte, neutrale Freie Stadt".

Albert Norden sprach auf dieser Konferenz über die Vorbereitung der Komrnunalwahlen und gab die Losung dafür aus: "Mit dem Friedensvertrag zu Frieden und Einheit der Nation! Mit dem Sozialismus zum Glück des Volkes!"

Erich Honecker gab den Bericht des Politbüros und forderte "die Erhöhung der Kampfkraft, der Qualität der Arbeit und die Verbesserung der Massenarbeit unserer Grundorganisationen."

Als würde man um diese fürchten, ging es in diesen und den folgenden Jahren in der Propaganda immer wieder um die „Stärkung der führenden Rolle der Partei“, der SED. Dabei ging es durchaus auch um die vom sozialistischen Staat gelenkte Produktion von materiellen Gütern.

Am 06.07.1961 (1/3) erklärt im gleichen Blatt (ND) Ernst Henkel, Parteisekretär und Agronom der LPG Albinshof auf einem Erfahrungsaustausch der Abteilung Parteiorgane des ZK:

"Die Durchsetzung der führenden Rolle der Partei und eine geduldige Arbeit mit allen Genossenschaftsbauern ist der Schlüssel aller Erfolge."

Wie die führende Rolle in der landwirtschaftlichen Praxis durchzusetzen sei, hatte der Leitartikel des ND vom 03.07.1961 (1/4) unter der Überschrift "Keine LPG ohne Parteiorganisation" schon anhand der LPG "Florian Schenk" in Blumberg (Brandenburg) erklärt:

"Ein Genosse Viehzuchtbrigadier ist z. B. dafür verantwortlich, täglich zu kontrollieren, dass in allen Bereichen der Viehzucht die Beschlüsse der Partei und des LPG-Vorstandes exakt verwirklicht werden. Täglich ist dieser Genosse bereits am frühen Morgen in den Ställen und gibt den Viehpflegern Ratschläge(...)"

Das immer wiederkehrende Schema der Partei erklärte die SED durch den Mund von Ernst Henkel: "Auf Grund der gründlichen Einschätzung der Lage (...) eine Klärung der ideologischen Unklarheiten (...) und damit den Weg frei machen zu neuen ökonomischen Erfolgen."

In Brandenburg betrug die Milchleistung je Kuh im Jahre 1990 4.312 kg/a (1/6).

Nach Berechnungen des Landeskontrollverbands Brandenburg in Waldsieversdorf betrug die Milchleistung je Kuh 2011 in Brandenburg 9.103 kg/a (211% gegenüber 1990 oder 10% pro Jahr!) und das ohne die „Klärung der ideologischen Unklarheiten“ durch die SED (1/7). Die „Klasse der Genossenschaftsbauern“ meisterte die Lage, sobald sie die notwendigen Rahmenbedingungen zum freien Wirtschaften bekam, die sie im „realen Sozialismus auf deutschem Boden“ nicht hatte. Ein Witz jener Jahre zum Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus sagte: „der Kapitalismus macht soziale Fehler, der Sozialismus kapitale“. Ein hoher kommunistischer Funktionär aus der UdSSR wurde nach seinem irdischen Ableben am Himmelstor von Petrus abgewiesen, aber gefragt, ob er in die sozialistische oder in die kapitalistische Hölle wolle. Auf seine Frage nach den Unterschieden sagte Petrus, dass er zunächst 3000 Jahre in Kesseln mit siedendem Öl sitzen, danach 5000 Jahre auf glühenden Kohle braten müsste u.s.w.; das wäre in beiden Abteilungen so. Daraufhin wünschte sich der Verstorbene, in die sozialistische Abteilung eingewiesen zu werden, weil er dort damit rechnen könne, dass es mal kein Öl, mal keine Kohle und mal keine Kessel oder Roste geben würde.

Die Außenpolitik der DDR in jenen Tagen umreißt eine rote Schlagzeile des ND vom 07.07.1961 (1/8): "Der deutsche Friedensplan" mit der Unterzeile "Freie Stadt Westberlin und deutsche Konföderation, Vorschlag zur Bildung einer deutschen Friedenskommission".

Dieser politische Vorstoß wurde in der Presse flankiert von einer Darstellung der militärischen und wirtschaftlichen Macht der UdSSR. Über viele Ausgaben wird sehr breit in Wort und Bild über die militärische Luftparade in Tuschino bei Moskau berichtet. Der Weltraumflug Gagarins und später German Titows schmückt jede Ausgabe der Zeitung.

Am letzten Tag des Monats Juni 1961 (1/9) liefert das ND einen neuen Paukenschlag. Es veröffentlicht den Entwurf des neuen Programms der KPdSU mit "grandiosen" wirtschaftlichen Vorhaben. Fettgedruckt wird hervorgehoben:

"In den nächsten 10 Jahren (1961 bis 1970) wird die Sowjetunion, die die materielltechnische Basis des Kommunismus errichtet, in der Produktion pro Kopf der Bevölkerung das mächtigste und reichste Land des Kapitalismus - die USA – übertreffen (...)“

„Im zweiten Jahrzehnt (1971 bis 1980) wird die materiell-technische Basis des Kommunismus geschaffen, für die ganze Bevölkerung wird ein Überfluss an materiellen und kulturellen Gütern gesichert sein.“

Ganz konkret wurden die wirtschaftlichen Ziele beschrieben:

Die UdSSR übertrifft die Pro-Kopf-Produktion der USA,

die Industrieproduktion der UdSSR steigt auf das 2,5 fache,

das Nationaleinkommen steigt auf das 2,5 fache,

die Fleischproduktion wird verdreifacht, (2010 und 2011 war Russland (RF) mit jeweils ca. 1 Mill. t der größte Rindfleischimporteur der Welt, (1/10) und mit 855 000 t/a der zweitgrößte Importeur von Schweinefleisch (1/11).

das Realeinkommen der Kolchosbauern steigt auf das Doppelte.

Vielen Bürgern der DDR waren die hehren Ziele und Perspektiven des Kommunismus in der UdSSR ziemlich schnuppe und sie stimmten im „Hammelsprung“ gegen den Sozialismus in der DDR, indem sie sich in stark zunehmender Anzahl in den Notaufnahmelagern in Westberlin einfanden. Im Monat Juni 1961 gingen über 30.000 Menschen diesen Weg aus dem Arbeiter- und Bauernstaat in den Imperialistischen Westen.

Am 02.08.1961 wendet sich der "Demokratische Block" (Zusammenfassung der politischen Parteien und Organisationen der DDR) "an alle Bürger der DDR" mit den Schlagzeilen (1/12):

"Kampf gegen den Menschenhandel!

Meidet Menschenschleuse Westberlin!

Alles für die Stärkung der Republik!"

Der "Evening Standard" interviewt am 31.07.1961 Walter Ulbricht (1/13). Auf die "Gretchenfrage": "Gibt es von Ihrer Seite, Herr Ulbricht, irgendeine Drohung, die Grenzen zu schließen?" antwortet dieser:

"Eine solche Drohung gibt es nicht. Sehen Sie, das hängt von den Westmächten ab, nicht von uns."

Auf die peinliche Frage nach der Abwanderung von Bürgern nach dem Westen sagt Ulbricht: "Die Abwanderung von Bürgern der DDR nach Westdeutschland ist seit Jahren keine bloße Abwanderung oder Auswanderung aus diesen oder jenen Gründen, sondern ein fester Bestandteil des Kalten Krieges, des Menschenhandels, der psychologischen Kriegsführung und der Sabotage - gerichtet gegen die DDR." Dies sei "keine politische Emigration, sondern schmutziger Menschenhandel, der mit den verwerflichsten Mitteln betrieben wird, in den die Bonner Behörden, das westdeutsche Monopolkapital und auch die US-amerikanischen Agentenzentralen, die meist von Westberlin aus arbeiten, große Geldmittel investieren". Nicht unerhebliche Geldmittel bekam die DDR für den staatlichen Handel mit Inhaftierten, die von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurden. Das war für das Politbüro der SED offenbar sauberer Menschenhandel.

Einen Monat vorher hatte Ulbricht in einer Erklärung im ND deutlich gesagt:

„Daran möchte ich keinen Zweifel lassen. Das heißt: der Provokationsherd in Westberlin und sein Missbrauch als Stützpunkt des kalten Krieges werden in jedem Falle beseitigt. Es kann sich nur darum handeln, ob dieser Prozess leichter und schmerzloser oder schwieriger verläuft.“ (1/14)

Die Herren vom "Evening Standard" hatten nicht ohne Grund so gezielt gefragt!

Am 12.08.1961 berichtet das ND von der 19. Tagung der Volkskammer mit der Mitteilung (1/15): "Die Zeit für entschlossene Maßnahmen zur Festigung des Friedens ist da." Nach dem 13. August bringt die Zeitung die .begeisterte Zustimmung" in Briefen an Walter Ulbricht. Wer Zweifel hat, wird bekehrt, wer dagegen ist, spürt die "Arbeiterfaust“. Der "Regierende Bürgermeister von Berlin" Willy Brandt wird zur Hauptzielscheibe der Propaganda.

German Titow, der 2. Kosmonaut der Welt, kommt in die DDR. Das ND vom 02.09.1961 macht mit einer roten Schlagzeile auf (1/16):

„Ein Jubelruf erfüllt Berlin! Titow - Ulbricht – Frieden!"

Das Missverhältnis zwischen Kaufkraft und Warendecke, der permanente "Warenhunger" dieser Wirtschaft soll mit Aufrufen an die Werktätigen für gleichen Lohn mehr zu leisten, gemildert oder beseitigt werden.

Das ND vom 15.09.1961 (1/17) erscheint mit dem Knittelvers:

"In gleicher Zeit mit gleichem Lohn erhöhen wir die Produktion."

Mitte September 1961 wird in der DDR gewählt und wie immer war die Wahl: "Ein Siegeszug ohne Beispiel für die deutsche Politik des Friedens" (1/18).

Der Grenzziehung auf der Erde folgt die Grenzziehung im Äther. "Klare Verhältnisse im Kopf setzen klare Verhältnisse auf dem Dach voraus" (1/19).. Man schaut jedem aufs Dach, um zu sehen, ob er seine Antenne etwa auf Westsender gerichtet hat. Der einzig rechtmäßige deutsche Staat, ausgerüstet mit der einzig wahren, alles erklärenden und voraussehenden Lehre des Marxismus-Leninismus hat Angst vor verderblichen Einflüssen aus dem absterbenden Kapitalismus, von dem Erich Honecker am 03.10.1961 (1/20) bei der Eröffnung des Parteilehrjahrs 1961/62 seinen Genossen erklärt: "Beim jetzigen Stand der Dinge ist die westdeutsche Bundesrepublik bereits in sozialer und kultureller Hinsicht (…) ein unterentwickelter Staat und gehört zu den rückständigsten Ländern in Europa."

Der Genosse Kurt Hager muss sich im Kulturbund mit Einwänden der Intelligenz auseinandersetzen, die SED fahre nach dem Mauerbau einen "harten Kurs". Hager bestreitet das natürlich und erklärt den zweifelnden Intellektuellen (1/21): "Es ist doch nicht bequem, dauernd vor dem Westen auf den Knien zu liegen. Aus dieser unbequemen Position sieht man die Dinge verzerrt und bemerkt nicht, dass (...) der Westen alt und grau wird und allmählich zusammenschrumpft, während neben ihm der Sozialismus in voller Frische und Jugendkraft blüht und gedeiht." (Was man besonders an den Zentren unserer Städte in der DDR sehen konnte!).

Im Januar 1963 fand der VI. Parteitag der SED statt. Er beschloss ein neues Parteiprogramm. Mit diesem Programm ordnet die SED im vollen Machtbewusstsein die Entwicklung der DDR in die Vorhaben der Sowjetunion zur Errichtung des Kommunismus in naher Zukunft ein, ohne sich allerdings auf einen so strikten Zeitplan festzulegen wie die Genossen in Moskau. Man legt sich nur fest auf „innerhalb derselben geschichtlichen Epoche“. (1/22)

Jedenfalls setzt man zu so etwas an wie zu einem „großen Sprung“, um die Wirtschaft auf ein höheres Niveau zu hieven. Der ökonomische Nutzeffekt wird in den Vordergrund gerückt und das neue Wort vom „Produktionsprinzip“ wird erfunden. (1/23) Auf der Basis begannen Erich Apel und Günter Mittag mit der Ausarbeitung und Durchsetzung des Neuen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft „NÖSPL“. Das System sollte effizienter werden durch Einführung marktwirtschaftlicher Elemente.

Wir jungen Leute fanden die bombastische Propaganda einseitig und töricht, aber wir ließen uns auch mitunter von den Erfolgsmeldungen z. B. von den Erfolgen der UdSSR in der Raumfahrt beeindrucken. Wir litten unter den Mängeln der Wirtschaft und der Dummheit der Propaganda, hofften aber auch, dass das große Potential der Sowjetunion und des ganzen „sozialistischen Lagers" wirtschaftliche Erfolge hervorbringen könne, dass der "Knoten reißen“ könnte und dann die versprochenen "Springquellen des Reichtums" sprudeln würden. Das Vorhaben der Sowjetunion, die USA zu überholen, hielten wir im Hinblick auf die gewaltigen Ressourcen dieses Landes und auf die vorgesehene Wirtschaftsreform nicht für völlig unrealistisch. Unser Fehler bestand vor allem darin, der Wirtschaftsentwicklung im „Weltfriedenslager“ Effektivitätswerte zu unterstellen, die der westlichen Wirtschaft eigen sind. Aber der „Wirkungsgrad“, um einen technischen Ausdruck zu benutzen, des „entwickelten Sozialismus“ war eben einfach schlechter als der des „faulenden Kapitalismus“.

Wir wollten es nicht gerne wahrhaben, dass wir auf der Verliererseite sind und einer törichten Propaganda aufsitzen. Wir schwankten zwischen „das wird ja doch nichts“ und „vielleicht geht es doch!“ Wir hätten gern einen Staat gehabt, wie ihn die SED versprach, antifaschistisch, demokratisch, freiheitlich „und der Zukunft zugewandt“. Doch die Realität wollte nicht so werden, wie wir uns auch mühten. Mit den verzweifelten Versuchen der SED, die Situation durch noch mehr Zentralismus und Parteikontrolle zu verbessern, ging die Schere zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Vernunft und Schwachsinn immer weiter auseinander. Damit sanken auch die Sympathien für das Regime. Wir hätten schon gern beim Aufbau einer besseren Welt mitgetan. Ich hatte mich bei allen inneren Zweifeln mit dem Regime arrangiert. Aber die Verhältnisse entfernten sich immer mehr von einer Besserung. Bis zur Perestroika war es 1965/70 noch weit!

In dieser Zeit scherzte ich gern: wie schön wäre es, wenn wir den Sozialismus aus Frankreich bekommen hätten und nicht aus Russland (Wie die Errungenschaften der französischen Revolution durch Napoleon am Anfang des 19. Jahrhunderts). Ein französischer Sozialismus auf deutschem Boden hätte viele Vorteile gehabt. Darüber, was dann alles anders wäre als es war, konnte man trefflich spekulieren. Doch in unserem Sozialismus ging es unfranzösisch zu und die Franzosen hatten keinen Sozialismus für den Export vorrätig.

Wir junge Leute hatten schon als Studenten in den Fünfzigern die freiwillige Bildung landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften begrüßt. Im Heimatdorf meiner Frau haben wir an der Bildung einer LPG Typ I mitgewirkt, weil das für die dortigen Kleinbetriebe um 10 ha eine große Erleichterung der Arbeit und Verbesserung des Lebens versprach. Später stießen wir uns allerdings an der Gewaltaktion der SED, durch die die Freiwilligkeit verletzt wurde. Als die LPG sich dann einigermaßen gefestigt hatten, begeisterten wir uns an den Möglichkeiten der Gestaltung moderner Großbetriebe mit durchgängiger Mechanisierung der Arbeiten auf dem Acker und im Stall. Unsere Vorbehalte gegenüber den in unseren Augen törichten Methoden der SED blieben allerdings erhalten und bekamen immer neue Nahrung durch die vorherrschende politische Praxis.

Nachfolgend Zitate aus einer zentralen Beratung der Direktoren der Maschinen-Traktoren Stationen, der „Stützpunkte der Arbeiterklasse auf dem Lande“, die von den Problemen künden, die damals Anfang der sechziger Jahre in der Landwirtschaft der DDR bestanden. Auf der Konferenz sprach der Leiter der Abteilung Landwirtschaft im Zentralkomitee der SED, Bruno Kiesler (Mitglied des ZK der SED von 1967 bis 1971), ein machtbewusster und auch hinreichend skrupelloser Funktionär mit großer Machtfülle im Parteiapparat, der auch dem Minister und dem Ministerium zeigen konnte und zeigte „wo die Reise eigentlich hingeht“. Kieslers Ausführungen sind nach Stenogramm geschrieben worden (1/24).

Auf der Kreisdelegiertenkonferenz der Kreisleitung „Zentrale Organe der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft“ vom 08.05.1071 verbeugte sich deren Sekretär Arno Wendel zweckmäßigerweise vor seinem scharf machenden Meister: „Besonders hervorheben möchten wir die große Arbeit, die Genosse Bruno Kiesler, Kandidat des ZK und Leiter der Abteilung Landwirtschaft mit dem Kollektiv der Abteilung leistet, um unseren Blick und unsere Grundhaltung für die offensive, optimistische Arbeit zur unverfälschten Durchführung der Beschlüsse der Partei zu schärfen.“ (1/25)

Wir witzelten um die Zeit. „Bald werden sie scharf mit drei ‚f’ schreiben.“

Ende der sechziger Jahre wurde ein Leninzitat aus dessen Aufsatz „Die große Initiative“ ausgegraben und inflationär verwendet, welches zu diesem Zeitpunkt im Grunde das Scheitern des Experiments „Sozialismus/Kommunismus auf russisch“ bestätigte:

„Die Arbeitsproduktivität ist in letzter Instanz das allerwichtigste, das ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung. Der Kapitalismus hat eine Arbeitsproduktivität geschaffen, wie sie unter dem Feudalismus unbekannt war. Der Kapitalismus kann endgültig besiegt werden und wird dadurch endgültig besiegt werden, dass der Sozialismus eine neue, weit höhere Arbeitsproduktivität schafft.“ (1/26).

Die Arbeitsproduktivität in der DDR lag zu der Zeit um ungefähr ein Viertel unter der der BRD. Das wussten alle oder alle konnten es wissen, denn auch die SED machte daraus kein Geheimnis seit Nikita Chruschtschow es auf ihrem Parteitag ausgeplaudert hatte. Nun konnte man Lenin zitieren und damit meinen: „wir werden das aufholen“ oder „seht, es ist in die Hose gegangen!“ Wer konsequent logisch und kritisch dachte, meinte Variante 2.

Überhaupt schürft die Volkspoesie tiefe Wahrheiten zutage. Als ich 1958 für ein Jahr zu einem Studienaufenthalt die Sowjetunion geschickt wurde, erzählte man mir dort bald in Studentenkreisen den folgenden Witz: Der Kolchosbauer Iwan Kusmitsch schläft in der zweiten Stuhlreihe in einer Parteiversammlung. Er erwacht als der Redner im Schlussakkord mit erhobener Stimme ausruft: “Der Kommunismus ist schon am Horizont sichtbar“. Zu Hause angekommen schaut er ins Lexikon, um zu erfahren, was das Wort „Horizont“ bedeutet. Dort stand zu lesen: „Der Horizont ist eine gedachte Linie, die sich mit Annäherung an sie immer weiter entfernt“.

Auch die jungen Erbauer des Kommunismus schauten kritisch auf ihre Welt.

2. Vorbemerkungen

Als ich im Frühsommer 2011 nach vier Jahrzehnten mein altes Manuskript aus der Wendezeit nebst alter Unterlagen wieder hervorkramte, um es zu vervollständigen und gegebenenfalls zu veröffentlichen, hätte ich nicht geglaubt, wie die alte Geschichte mich wieder innerlich aufwühlen würde. Die Sache erwies sich als unbewältigte Vergangenheit. Jetzt erscheint es mir so, als wäre es nicht möglich, diese alte Geschichte jemals zu vergessen. Sie war halt der Bruch in meinem Leben, der mich auf völlig andere als die beabsichtigte Bahn geworfen hatte. Und es bleibt für immer ärgerlich und in diesem Sinne unbewältigt, dass die ganze Angelegenheit einen so primitiven und dummen Hintergrund mit so gemeinen menschlichen Zügen hatte. Die Paarung von Dummheit und Macht ist eine schreckliche Mischung. Davon kann sich der Leser dieses Buches selbst überzeugen.

Anfang der Siebzigerjahre habe ich oft daran gedacht, die ganze Geschichte aufzuschreiben und ich habe es ja auch getan. Nur hatte ich damals immer den Ärger in mir, dass es nie möglich sein würde, unter den Zwängen der DDR diese Dinge objektiv in der Öffentlichkeit darzustellen. In der DDR gab es ja keine wirkliche Öffentlichkeit. Es hätte sich niemand gefunden, diese Angelegenheit zu veröffentlichen. Wenn es jemand gewagt hätte, dann wären sowohl für den Autor als auch für den Verlag unabsehbare Konsequenzen daraus erwachsen. Das Strafgesetzbuch der DDR und dessen Ausleger hielten genug Instrumente bereit.

Auf ein baldiges Ende des Systems der Einparteienherrschaft in der DDR hat man damals nicht gehofft. Insofern war es eine Situation der geistigen Ausweglosigkeit. Solange die Sowjetunion existierte, und diese war ja kein gewöhnliches Land wie alle anderen, sondern ein Kontinent voller Macht mit fast unerschöpflichen Ressourcen, konnte man an eine grundlegende Veränderung der Verhältnisse in der DDR nicht denken. Deshalb waren so viele, denen die Verhältnisse nicht gut genug erschienen, der Meinung, man müsse sie von innen heraus auf der Grundlage des sogenannten „Sozialismus“ reformieren und verbessern. Zu diesen gehörte ich auch. Natürlich sah ich in den sechziger, siebziger und in den achtziger Jahren die verzweifelten Versuche, es am Leben zu erhalten und deren geringen Effekt. Aber den Versuch zu machen, das System einfach zu verlassen, ist mir nicht wirklich ernsthaft eingefallen. Ich hatte eine hervorragende Familie und Bindungen an dieses Territorium "DDR" und seine Bewohner, die ich nicht lösen konnte und wollte. Dabei mag für mich persönlich auch eine Rolle gespielt haben, dass ich schon einmal 1945 bis 1947 eine sehr unerfreuliche Zeit mit Flucht und Vertreibung hinter mich gebracht hatte (0/1).

Für uns junge Leute spielte nach dem Krieg das Versprechen eine große Rolle, eine Welt ohne Krieg und in Freundschaft der Völker aufzubauen. Wir begrüßten den Wiederaufbau und taten eifrig mit, weil wir es für nötig und nützlich hielten, aus den Trümmern des Krieges heraus zu kommen. Uns wurden unentgeltliche Möglichkeiten zur Bildung geboten, die wir gern annahmen. Viele von uns waren als Studenten noch in umgeschneiderter Kleidung unterwegs, die aus aufgetrennten Uniformen gefertigt worden war. Ich auch. Wir scherzten: „wenn die deutsche Wehrmacht nichts übrig gelassen hätte, wären wir nackt“. Wir entwickelten Enthusiasmus für den Aufbau, blieben aber dabei immer kritisch gegenüber den Phrasen der Politik, die den Aufbau begleiteten. Dabei blieben wir die Kinder, die den heißen Krieg mit viel Glück überlebt hatten und zunehmend in den Kalten Krieg einbezogen wurden. Wir standen zwischen den Fronten der Propaganda und hätten so gern einfach nur unsere Arbeit gemacht und unsere kleinen Erfolge verbucht. Wir folgten den Idealen des Wiederaufbaus und hielten alle Mängel für überwindbar. Auch sahen wir die unverkennbaren Mängel des kapitalistischen Gesellschaftssystems und fühlten im Inneren unseres Sonnengeflechts ein tiefes Misstrauen gegen ein Gesellschaftssystem, das in unserem Jahrhundert innerhalb weniger Jahrzehnte zwei verbrecherische und verheerende Kriege hervorgebracht hatte. Rückblickend muss man heute allerdings sagen, dass wir die DDR immer als unvollendetes Experiment mit ungewissem Ausgang angesehen haben. Das Gedöns der Propaganda für DDR, Sozialismus und Bruderbund mit der Sowjetunion erinnerte uns ständig daran, dass damit etwas nicht ganz koscher sein kann, wenn man soviel Wind darum machen muss. Wir fragten uns immer aufs Neue, für wen die dummen Sprüche („Losungen“) an die Wände und Zäune geklebt wurden. Es wäre jedoch unredlich zu verhehlen, dass auch ich über Strecken geglaubt habe, dass die DDR das ist oder werden könnte, was sie zu sein vorgab, und dass die „Kinderkrankheiten beim Aufbau einer neuen Ordnung“ zu heilen wären. Wir schwankten zwischen diesen Stimmungslagen.

Ich wurde 1950 als Kreissieger im Berufswettbewerb vorzeitig „Landfacharbeiter“ und bekam von der Gewerkschaft Land- und Forst des Kreises Zittau ein Angebot, an der Arbeiter- und Bauernfakultät auf das Abitur vorbereitet zu werden. Das war ein sehr gutes Angebot für einen Halbwüchsigen, der bis 1944 nur wenige Schuljahre absolviert hatte. Der Lehrgang begann am 01. Oktober 1950. An der ABF in Leipzig angekommen, mussten wir Studenten erst mal Säle füllen gehen. Ich erinnere mich, dass wir eine „Friedenskundgebung“ in der Kongresshalle des Zoo füllen helfen mussten. Es war wohl eine Veranstaltung der Universität. Damals wurde noch „agitiert“ und „überzeugt“; die Vereinheitlichung der Ideologie hatte ja erst begonnen.

Der damalige Rektor der Universität Leipzig, Prof. Georg Mayer (Rektor von 1950 bis zum 1. September 1964), sprach von der „planetarischen Weltfriedensbewegung“. Mayer formulierte lange Schachtelsätze und ich machte mir einen Spaß daraus, die Zeit zu stoppen, bis er zum Ende kam. Und Mayer kam immer zum passenden Ende! Der längste Satz, den ich gemessen habe, dauerte 3,5 Minuten. Der Einsatz der Studenten der ABF zum Füllen von Kundgebungen wurde dann auf Intervention der Direktorin der ABF, der Pädagogin und Widerstandskämpferin Frau Rosemarie Sacke-Gaudig, untersagt. Dann mussten wir aber noch zu einer Wahl, die auch 1950 stattfand, „Hausagitation“ betreiben, was uns allen sehr zuwider war.

Die ABF schloss ich 1953 mit dem Prädikat „Mit Auszeichnung“ ab. Wir haben an der ABF in der kurzen Zeit sehr viel gelernt. Vor allem in den Naturwissenschaften (ich besuchte den medizinisch-biologischen Kurs) hatten wir ausgezeichnete Dozenten, wieder aktivierte, pensionierte, ehemalige Studienräte und gestandene Praktiker. Ich kann davon reden, denn ich hatte bis dahin lediglich 4,5 Jahre lang Schulbänke gedrückt und das im Krieg mit akutem Lehrermangel; 1944 nur noch 18 Stunden pro Woche. Montag bis Mittwoch 3 Stunden am Vormittag, Donnerstag bis Sonnabend je 3 Stunden ab 15:00 wenn es die Luftlagemeldung zuließ.

Im Herbst des Jahres 1953 begann ich zusammen mit einigen anderen Studenten aus meinem Seminar und mit meiner damaligen Freundin und späteren bis heutigen Ehefrau Gerda Großmann das Studium der Landwirtschaft in Berlin. In Bezug auf meinen Abschluss des Studiums in Berlin brauche ich mein Licht bei einem Diplomzeugnis mit „Sehr Gut“ auch nicht unter den Scheffel stellen. Nach dessen Abschluss wurde ich als wissenschaftlicher Assistent an das Landmaschineinstitut der Martin-Luther - Universität Halle-Wittenberg vermittelt, das damals von Prof. Dr. Konrad Riedel geleitet wurde.

Inzwischen sind viele der Akteure aus der Zeit, die hier beschrieben wird (1961 ff) nicht mehr unter den Lebenden. Der Leiter der Abteilung Landwirtschaft im Zentralkomitee der SED, Bruno Kiesler, ist gestorben während ich begann, wieder an diesem Manuskript zu arbeiten (am 10.06.2011, (0/2)). Bruno Kiesler war mit „höchster Wahrscheinlichkeit“ bis „ohne Zweifel“ („mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“) der spiritus rector des gegen mich 1970 ff veranstalteten Kesseltreibens. Der Vorsitzende des SKL, Emil Löffelholz, hat dem Staatsanwalt am Obersten Gericht der DDR, Voigt, gegenüber 1989 erklärt, dass ihn Kiesler zu dieser Aktion veranlasst habe (Kapitel 13 “Alles was Recht ist“).

Manchmal denke ich jetzt, dass es besser gewesen wäre, das Manuskript gleich nach der Wende zu vollenden und zu veröffentlichen. Dann hätten die Akteure auch noch etwas davon gehabt und gesehen, wie sich ihr Tun von der anderen Seite aus anschaut. Doch im Grunde kann ich nicht hassen, allenfalls verachten. Alle wesentlichen Akteure waren Bestandteile eines Systems, Zahnräder in dem Getriebe und Bruno Kiesler war eines der großen mit vielen und spitzen Zähnen. „Möge die Erde, (die ihn deckt,) wie Daunen sein“ (russisches Sprichwort: пусть земля ему будет пухом).

Der damalige Direktor des WTZ in Schlieben, Klaus Algenstaedt starb am Ende des Jahres 2011. Der Vorsitzende des SKL, Emil Löffelholz ist schon sehr lange tot.

Vielleicht hätte ich die Sache auch ruhen lassen. Doch ich wurde von einer ganzen Reihe von Freunden vor allem aus dem Kreis der ehemaligen Landtechniker der DDR gerade in der letzten Zeit mehrfach darum gebeten, die Sache einmal aus meiner Sicht darzustellen, damit man einen möglichst objektiven Einblick in dieses trübe Kapitel gewinnen kann, das eigentlich für alle damals unverständlich erschienen und bis heute geblieben ist. Diese Bitte nahm ich als Auftrag.

Die ehemaligen Landtechniker der DDR treffen sich, soweit sie noch am Leben und gut genug „auf den Läufen“ sind, in jedem Jahr ein Mal. Von den „Landtechnikern“, die mir 1970 das Leben verdorben haben, indem sie mir erklärten, was ein „sozialistischer“ Wissenschaftler zu denken, zu tun und zu lassen habe und dass ich der Auswurf bürgerlicher Dekadenz sei, der „ideologische Diversion betrieben“ hätte sieht man auf diesen Zusammenkünften keinen.

Im folgenden Manuskript habe ich in dem engen Rahmen meiner damaligen Tätigkeit die Theorie der SED mit deren Praxis gegenübergestellt, was es auch heute, Jahrzehnte nach dem Ende der DDR noch wert ist, in Erinnerung gerufen zu werden. Man beobachtet noch einmal das letzte Aufbäumen des siechen Staatsgebildes DDR, dessen Funktionäre sich mit allen, auch den dümmsten Mitteln die Macht zu sichern suchten.

In den Beginn der siebziger Jahre fiel auch der Wechsel an der Spitze der SED von Walter Ulbricht zu Erich Honecker. In Bezug auf die Verbesserung des Verhältnisses zwischen Schein und Sein zwischen Phrasen und Taten hatte dieser Wechsel keine wesentlichen Änderungen gebracht, wie im Folgenden dargestellt werden kann. Die Phraseologie wurde unter Honecker noch hohler und eher schärfer als sie unter Ulbricht gewesen war. Die „sozialistische Menschengemeinschaft“ Ulbrichts wurde abgeschafft und auch offiziell als „unwissenschaftlich“ kritisiert. Die „führende Rolle der Partei“ wurde gestärkt und der „Klassenkampf verschärfte sich“. Den zunehmenden Realitätsverlust Honeckers und des greisen Politbüros der SED haben wir ja alle mit erlebt. Die DDR war auch ein Staat nach deren Verstand. In die Zeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts passte er so wenig, wie die für sein Entstehen ursächliche Teilung der Welt in Blöcke, die sich kalt oder an den Rändern leider auch heiß bekriegten.

Bei uns im Lande wird immer wieder einmal darüber diskutiert, ob die DDR ein Rechtsstaat war oder nicht. Lesen sie dieses Buch und sie werden sich ein Urteil bilden.

Die sogenannten menschlichen Schwächen gab und gibt es überall. Politische Systeme, in denen die Menschen leben, können diese und deren Auswirkungen für die Gemeinschaft verschieden ausprägen, nutzen und fördern oder dämpfen und neutralisieren. Das System, das von Menschen ausgeführt wird, wirkt relativ unabhängig von den handelnden Personen und deren Stellung in ihm und Einstellung zu ihm. Es hat wohl auch eine gewisse innere psychologische Steuerung, die wieder zurück wirkt auf die handelnden Personen. Einen kleinen, aber interessanten Einblick in dieses Innere des Systems geben besonders deutlich die Kapitel 9 „Sozialistische Menschengemeinschaft“ und „bürgerliche Elemente“ und 15 „Unter Parteikontrolle“.

3. Der Anfang der "Bestellkombine"

Seit dem 01. 01. 1962 arbeitete ich im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft und zwar im "Sektor Wissenschaft". Dorthin hatte mich mein Studienkollege Willi Boenigk gelotst, der schon vor seinem (späten) Studium Stellvertreter des Landwirtschaftsministers gewesen war und der zu der Zeit eine Hauptabteilung im Ministerium leitete, zu der auch die „Abteilung Wissenschaft“ gehörte. Willi Boenigk hatte mich gewissermaßen in letzter Minute von der Landwirtschaftlichen Hochschule Bernburg weggefangen, wo ich eigentlich am 02.01.1962 zu arbeiten beginnen sollte. Es hieß, ich solle für 2 bis 3 Jahre Erfahrungen in der zentralen Leitung sammeln. Das war formal gar nicht schlecht gedacht. Mein „Vorgänger im Amt“, Fritz Jeschke sagte dann bei meiner Vorstellung beim Direktor der Landwirtschaftsausstellung der DDR in Markkleeberg Dr. Oskar Baumgarten: „wen die zentrale Kadersonne einmal beschienen hat, ist nicht mehr allein seines Glückes Schmied“.

Aus dem „Institut für landwirtschaftliche Maschinen- und Gerätekunde" der Martin Luther Universität Halle kommend, hatte ich natürlich eine besondere Beziehung zur Landtechnik. Da ich über ein Thema der Bodenbearbeitung zu Stoppelfrüchten promoviert hatte, lag mein spezielles Fachinteresse bei der Bodenbearbeitung. Weil das Hallenser Institut unter Konrad Riedel besonders mit der Technisierung des Zuckerrübenanbaus befasst war, verstand ich auch auf diesem Gebiet etwas. Für die Arbeit im Ministerium waren die speziellen Fachkenntnisse eigentlich direkt nicht gefragt. Was wichtig war, waren Erfahrungen im Umgang mit einem Forschungsgegenstand, Verständnis für die Belange der Wissenschaft, besonders der Forschung, Die Kehrseite war, dass dieses Verständnis einen mitunter in Gegensatz stellte zu den administrativen Entscheidungen von oben, die man manchmal entgegen seinen eigenen Intentionen durchzusetzen hatte.

Das wusste ich vor meinem Eintritt ins Ministerium nicht, wie ich vieles über den Mechanismus des "Regierens" nicht wusste. Ich empfand es als Mangel, dass ich überhaupt keine staatsrechtliche Ausbildung hatte, worauf ich zurückführte, dass ich in manchen Maßnahmen und Entscheidungen keine Logik finden konnte. Ferner wusste ich nicht, dass ein Ministerium de facto ein "Funktionalorgan" der zuständigen Ableitung des ZK und des zuständigen Sekretärs des ZK war. Jeder Mitarbeiter hatte "die Linie" zu vertreten, die von der Parteiführung gegeben wurde, der Spielraum für eigene Aktivitäten war eng. Der Leser wird noch Gelegenheit haben, das aus der Beschreibung der sozialistischen Leitungstätigkeit in den folgenden Kapiteln zu erfahren. Ich war vom Bazillus des XX. Parteitages der KPdSU angesteckt und „verseucht“ durch die Geflogenheiten der "bürgerlichen Wissenschaft". So fiel mir das besonders auf, woran sich die alten Hasen längst gewöhnt hatten.

Besonders schmerzlich war es für mich, wenn man sich für eine Aufgabe mit viel Interesse besonders engagiert hatte, weil man sie für wichtig hielt, und plötzlich kam dann - meist aus dem ZK das "Aus", besonders deutlich habe ich solche Situationen bei der Vorbereitung von Landwirtschaftsausstellungen in Markkleeberg erlebt, Für die Halle "Wissenschaft" war ein leitender Mitarbeiter der Ausstellung verantwortlich, von der Akademie deren Wissenschaftlicher Direktor, vom Ministerium ich, Wir bereiteten die Konzepte vor. Die Drehbücher wurden unter Mitarbeit der maßgeblichen Forscher des Landes ausgearbeitet. Alles wurde mehrfach in den zuständigen Gremien bestätigt, Die DEWAG (Deutsche Werbeagentur) führte die Dinge aus, Es wurden Vorabnahmen durchgeführt, Dann kam Bruno Kiesler zur Abnahme und machte den beteiligten Doktoren und Professoren klar, dass sie Säuglinge sind, die das Wesentliche "der Agrarpolitik der Partei" nicht begriffen haben. Ich fühlte mich nach so einer Abreibung immer erniedrigt und tief gekränkt, Bewundert habe ich den Direktor der Ausstellung, Dr. Oskar Baumgarten, der aus diesen "Beratungen" herauskam wie die Ente aus dem Wasser, die letzten Tropfen abschüttelte und sagte: "Macht es, wie es der Genosse Kiesler gesagt hat."

Besonders fies fand ich die Praxis, immer auf die Wehrlosesten zu schlagen. Berief man sich in "Abschlussberatungen" darauf, dass man diese oder jene Koryphäe zu Rate gezogen habe, bekam man doppelt Prügel mit dem Hinweis; "und wozu haben wir dich hierher geschickt?"

Eine besondere eindringliche Lektion im "Regieren" bekam ich kurz nach meinem "Amtsantritt“ im Sommer 1962. In gemeinsamer Arbeit mit der Abteilung Agrapropaganda, geleitet von Ingo Seipt, einem agilen jungen Mann, der sehr aktiv in seiner Arbeit war, arbeiteten wir schon monatelang an der Propagierung und "Durchsetzung" der sogenannten "Spezialistengruppen" in den jungen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Die Idee erschien logisch und tragfähig, Sie bestand darin, in der LPG die Fachkräfte für bestimmte Produktionszweige wie Zuckerrüben- oder Braugersteanbau zu losen Gruppen zusammenzufassen, die die Leitung fachkundig beraten und die Arbeiten sachgerecht ausführen konnten. Ich selbst hatte Spaß daran gefunden, wie sich von mir betreute LPG im Kreis Jüterbog mit Interesse dieser Aufgabe annahmen. Die Sache lief, Ingo Seipt war der vielleicht glühendste „Spezialist für Spezialistengruppen“.

Eines Tages fand eine Sitzung im Zentralkomitee der SED (ZK) statt, auf der sich Gerhard Grünberg, Sekretär des ZK, negativ über die Spezialistengruppen geäußert hatte. Am nächsten Morgen war der Abpfiff der Aktion im Ministerium und auch Ingo Seipt war gegen die Spezialistengruppen. Wir standen auf dem Gang im ehemaligen Preußischen Landtag (heute Bundesrat), der damals unser Dienstgebäude war. Ich versuchte in meiner Unerfahrenheit den Ausschlag des Pendels in das andere Extrem zu bremsen und den Sinn der gestern noch allgemein verfochtenen Aktion zu retten. Vergebens, der zuständige Gott hatte den Bannstrahl geschleudert und ich musste begreifen, dass er mich verbrennen würde, wenn ich noch länger am "Alten kleben" würde. Meine erfahrenen Kollegen hatten die Lage sofort begriffen und klärten mich darüber auf, dass jeder Widerstand zwecklos und selbstzerstörerisch sei. Schließlich kann in einer Verwaltung auch nicht jeder machen, was er im Einzelnen für richtig hält. Das gilt wohl allgemein.

Der intellektuelle Schmelz der Agrarpropaganda jener Zeit war ohnehin vom Besten, Es war die Zeit des „Doppelsprungs" in der Sauenhaltung und der "Offenställe" bei den Milchkühen. In einer Bildserie für Wandzeitungen, mit deren Hilfe die Werktätigen zu neuen Höchstleistungen bewegt werden sollten, fanden sich unter den entsprechenden Bildern als Unterschriften Knittelverse wie:

"Seht den Schelm die Schnauze lecken,

diese will er zweimal decken."

oder:

"Floras Euter ist ganz prall,

seit sie steht im Offenstall."

Für den" Doppelsprung", eine "bewährte Neuerermethode", die mehr Ferkel pro Sau bringen sollte, waren unter vielen anderen auch die Bürgermeister verantwortlich! Das war ein kleiner Exkurs "Regieren". Aber ich will mich nicht zu weit vom Thema entfernen.

Etwa um die Jahreswende 1964/65 hatte ich die Idee, mit Vorbereitungen für eine Habilitationsschrift zu beginnen. Ich kannte den Gang der Forschungsarbeiten in der Agrarwissenschaft, verfügte über ein von meinem Mitarbeiter Erwin Gärtner wohl geführtes Archiv der Forschungsberichte, verfolge mit einem großen Zeitaufwand die Fachliteratur und war Mitarbeiter der Sektion Landtechnik der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR (DAL). Von meinem früheren „Dienstherrn“, Prof. Dr. Konrad Riedel in Halle bekam ich Rückenwind für diese Idee.

Aus den USA kam um die Zeit eine neue Arbeitsrichtung in der Bodenbearbeitung, die das Senken des Aufwands ohne Ertragseinbuße zum Ziel hatte, "Minimum Tillage", Minimalbearbeitung des Bodens. Mir erschien es für die DDR bedeutsam, die landtechnischen Aspekte dieser Richtung und ihre Verwertbarkeit unter unseren Bedingungen zu ergründen. Ich machte mich ans Werk unter dem Arbeitstitel "Perspektiven der Minimal-Bodenbearbeitung in der DDR unter besonderer Berücksichtigung landtechnischer Gesichtspunkte."

Der damalige Stellvertretende Minister für Landwirtschaft, mein „Dienstherr“ Heinz Kuhrig schloss mit mir Ende 1965 einen Qualifizierungsvertrag ab, nachdem er mich zur außerplanmäßigen Aspirantur an die Martin Luther Universität Halle - Wittenberg delegiert hatte. (2/1)

Die Aspirantur trat ich am 1. 9. 1967 an. Mein Abteilungsleiter Dr. Hans Wagemann bescheinigte mir aus diesem Anlass: "Für die Tätigkeit von Dr. Krupp ist bezeichnend, dass er sehr selbstständig arbeitet und seine Aufgaben verantwortungsbewusst löst. Seine bisherige Qualifizierung und seinem ständigen Bemühen, sich weiter zu qualifizieren ist es zu verdanken, dass er die ihm übertragenen Aufgaben mit großer Sachkenntnis und wissenschaftlicher Gründlichkeit löst, Dr. Krupp ist daher auch an der Ausarbeitung vieler Grundsatzfragen im Bereich der Wissenschaft maßgeblich beteiligt.“

Was will man Mehr? Dabei fand ich mich trotz oder vielleicht besser wegen der hervorgehobenen Eigenschaften schon auf dem absteigenden Ast. Als Mitglied nicht der SED, sondern der Bauernpartei (DBD), hatte ich keine weitere Chance. Ich war einige Zeit in der Phase der Metamorphose des Ministeriums vom „Ministerium für Land- und Forstwirtschaft" zur "Produktionsleitung des Landwirtschaftsrates der DDR" als ‚kommissarischer' Leiter des Sektors Wissenschaft; und mit ähnlichen Titeln für die Agrarwissenschaft zuständig gewesen, als man im Großen andere Sorgen hatte.

Als sich die neue Leitung "nach dem Produktionsprinzip" die auf Chruschtschows Reformen zurückging, konsolidierte, brauchte man wieder einen Genossen auf dem Stuhl des Leiters für die Wissenschaft, Schließlich fand man nach einer Übergangszeit mit Genossen Dr. Werner Schulze den Genossen Dr. Hans Wagemann, der mir auch ehrlicherweise sagte: "wärest du Genosse, säße ich nicht hier." Er hat seine Sache gut gemacht.

Es war die erste Phase der „Stärkung der führenden Rolle der Partei," Eine Stärkung dieser führenden Rolle ließ sich am besten durch eine Erhöhung der Anzahl von Genossen in leitenden Positionen nachweisen und "abrechnen", Und da es vor allem um "abrechenbare“ Ergebnissen ging, war die Richtung klar: Herausdrängen von Parteilosen und von Mitgliedern anderer Parteien aus Leistungsfunktionen, Das erklärte Ziel dieser Maßnahmen war die Verbesserung der Arbeit, die tatsächliche Wirkung oft genug das Gegenteil davon, Musste ein Nichtgenosse bis dahin erheblich besser sein als ein Genosse in gleicher Position, kamen jetzt noch mehr Leute auf die Posten, die nicht primär durch Können und Leistung dafür prädestiniert waren, sondern durch das Parteibuch. Das wiederum zeigte den jungen Karrieristen, dass man mangelndes Können bequem durch den Beitritt zur „führenden Partei“ kompensieren konnte, und sie taten es. Die negative Auslese erhielt eine "neue Dimension". Da aber das System auf „abrechenbare Ergebnisse" programmiert und der Prozentsatz "leitender Genossen" bestens in Maß und Zahl zu fassen war, ging die Entwicklung zu mehr Genossen ohne Rücksicht auf die Qualität.

Ein Beispiel, wie so etwas gemacht wurde, beschreibt Dr. Gerhard Krenz, Direktor der landwirtschaftlichen Fachschule in Prenzlau:

„Inzwischen hatte sich an der Schule eine Situation herausgebildet, die nichts Gutes zu verheißen schien. Man hatte mir zu Beginn des Schuljahres 1966/67 den Titel „Studiendirektor" verliehen, nun musste ich erkennen, dass eine Gruppe von Lehrern, alles Genossen, angeführt vom Parteisekretär und dem 1. Stellvertreter, beides Lehrer für Marxismus-Leninismus und Politische Ökonomie, Stimmung gegen mich machte. (…) Mein Trost, die Schüler und die Bauern im Einzugsbereich standen „wie ein Mann" hinter mir, mein Pech, der Fachschulinspizient der Bezirksproduktionsleitung für Landwirtschaft fühlte sich offenbar durch Grundsatzbeschlüsse in die Pflicht genommen, war doch Prenzlau die einzige Schule im Bezirk Neubrandenburg, ich glaube, sogar in der DDR, an der die SED nicht unmittelbar ihre „führende Rolle" über den Direktor wahrnahm. Mein Pech auch, das Sekretariat des Bezirksvorstandes der DBD hatte keinen Schneid, gegenüber den Genossen der SED prinzipiell aufzutreten, obwohl es genügend Argumente dafür gegeben hätte. Interventionen führender Persönlichkeiten des Kreises Prenzlau blieben unbeantwortet, den Schülern musste ich raten, von Protesten abzusehen, meine Versetzung war perfekt. So war ich dann seit dem 17.2.1967 stellvertretender Leiter des Betriebswirtschaftlichen Beratungsdienstes (BBD) in Hohenzieritz, Kreis Neustrelitz, zunächst für fünf Jahre befristet.“ (2/2)

Ich glaubte für mich den Ausweg in größeren Kenntnissen suchen zu müssen, denn mir war klar, dass ich auf der "Beamtenlaufbahn" am Ende war. Außerdem fand ich die wissenschaftliche Arbeit für mich anziehender als die Arbeit in der Verwaltung. So begann ich mit Begeisterung die Abende und Wochenenden für die wissenschaftliche Arbeit zu nutzen, Ich wühlte mich in die umfangreiche Literatur zum Thema Minimal-Bodenbearbeitung hinein. (2/3)

Bald fand ich den landtechnischen Aspekt des Themas in der Zusammenlegung von bisher gesondert ausgeführten Arbeitsgängen zu weniger Arbeitsgängen. Dabei ließen sich Einsparungen an Material, Energie und Arbeitszeit erzielen. Ich analysierte die Bodenbearbeitung und Bestellung in der DDR anhand des Bezirkes Magdeburg (der größte Agrarbezirk der DDR) und fand Ansatzpunkte für die Rationalisierung mit landtechnischen Mitteln. Die größte Einsparung versprach die Kombination von Saatfurche, Saatbettbereitung und Aussaat in einer Maschine, die auf einem sehr großen Teil der Ackerflächen der DDR anwendbar wäre. So entstand der Gedanke der "Bestellkombine", wobei dieser Begriff gar nicht von mir, sondern von dem damals als Spezialist für Bodenbearbeitung in der DDR sehr geschätzten Max Domsch (Müncheberg) stammt.

Energetische und technologische Überlegungen brachten mich auf eine notwendige Arbeitsbreite von 3 m, was eine Motorleistung des Zugmittels von wenigstens 220 kW (300 PS) voraussetzte.

Meine Arbeit musste, den gesetzlichen Bestimmungen entsprechend, in den Forschungsplan aufgenommen werden. Dieser wurde von der DAL aufgestellt und vom Minister bestätigt. Mein Thema durchlief anstandslos die dafür zuständige Sektion Landtechnik, in der ich mitarbeitete. Die Bestätigung im Gesamtplan der Forschung erfolgte ebenso. Am 30. 08. 1966 verteidigte ich das Forschungsthema erfolgreich vor dem "Komplexthemen-Kollektiv Bodenfruchtbarkeit" (2/4). Das Thema wurde nach eingehender Diskussion bestätigt. Auf die formellen Umstände wird noch Bezug genommen werden, weil sich Kiesler und Löffelholz später einen Dreck um den Versuchsplan der Akademie scherten.

Ein bedeutendes Problem der kombinierten Bestellung erschien mir das Verfestigen des gerade erst durch den Pflug gelockerten Bodens zu sein. Die durch lange Erfahrung erhärtete Lehrbuchweisheit besagte, dass die Saat des Getreides in einen abgesetzten Boden eingebracht werden solle. Ein natürliches Absetzen des Bodens erfordert etwa 3 Wochen Zeit nach dem Pflügen und das „Trommelfeuer der Regentropfen", von dem einer meiner Doktorväter, Prof. Dr. Gustav Könnecke, in seiner Doktorarbeit geschrieben hatte. (2/5) Die ackerbauliche Literatur (z.B. Max Domsch) berichtete über negative und auch positive Wirkungen der Verdichtung der Krume durch Radspuren. Ich zog den Schluss, dass nicht eine bestimmte Bodendichte an und für sich ein Optimum darstellen konnte, sondern dass die Bodendichte im Zusammenwirken mit der auf die Bodenbearbeitung folgenden Witterung auf den Ertrag einwirkt.

Daraus entwickelte ich "Verfahren und Vorrichtung" zur ertragssteigernden Bearbeitung des Bodens mit partieller Verdichtung (Rückverfestigung). Das wurde ein patentiertes Gerät zu einem patentierten Verfahren; eine Sache, die auch dem strengen Urteil der Patentprüfer standhielt. (2/6)

Ich glaubte damit etwas für mein Land und für meine wissenschaftliche Reputation getan zu haben, Doch die Mächtigen des Landes sahen das anders, wie noch gezeigt werden wird.

Um die Brauchbarkeit von: "Verfahren und Vorrichtung" und die Möglichkeit der Kombination von Pflügen und säen ohne Ertragsminderung nachzuweisen, bedurfte es des Feldversuchs. Dazu wiederum brauchte ich eine Versuchseinrichtung, ein Versuchsgerät. Ein Abteilungsleiter im damaligen Bezirksinstitut für Landwirtschaft Dresden, Dipl. Ldw. Günter Weidling, interessierte sich für die Sache und organisierte die Fertigung einer Versuchsmaschine für die Arbeit auf Versuchsparzellen im Kreisbetrieb für Landtechnik Niesky in Mücka und auch die Durchführung der Feldversuche im Bezirk Dresden. Die Sache lief damit theoretisch und auch praktisch. Der finanzielle Aufwand war nur klein.

Im Laufe des Sommers 1966 entstand in der Diskussion mit G. Weidling und mit Fachleuten aus der landwirtschaftlichen Praxis der Gedanke, die theoretisch gedachte Maschine als Versuchsmuster in Originalgröße mit 3 m Arbeitsbreite zu realisieren. Dazu wurde ein Zugmittel mit hoher Motorleistung gebraucht, das es aber in der Landwirtschaft der DDR nicht gab. Weidling hatte aus früheren Arbeiten enge Beziehungen zur Nationalen Volksarmee und wusste, dass dort alte Panzer und Artillerieschlepper mit hoher Motorleistung ausgesondert wurden.

Die Verwendung militärischer Geräte in der Landwirtschaft war zu der Zeit im Zusammenhang mit einer Abrüstungsinitiative Chruschtschows in der UdSSR und auch in der DDR ins Gespräch gekommen.

Wir fuhren ins Verteidigungsministerium der DDR und fanden offene Türen vor. Man hätte uns dort am liebsten Dutzende alter Fahrzeuge verkauft. Wir prüften das umfangreiche Angebot an Panzern und Schleppern und entschieden uns für den Artillerieschlepper „ATS-250“ sowjetischer Herkunft. Die Maschine hatte einen auf 250 PS gedrosselten Dieselmotor. Dieser Motor soll ein Maybach-Nachbau gewesen sein, der ursprünglich für den Zeppelin entwickelt worden war. Die Motoreningenieure der NVA in Wurzen erzählten uns das und beeindruckten uns damit, dass sie uns zeigten, wie sich die Kurbelwelle auf zwei Stützen gelagert sichtbar durchbog: Leichtbau vom Feinsten! Die ATS war ein militärisches Kettenfahrzeug stark veralteter Bauart mit einfachem Schaltgetriebe und ohne Hydraulik. Der Schlepper hatte eine Mannschaftspritsche und ein Fahrerhaus für zwei Personen. Den Platz der Pritsche konnten wir gut gebrauchen, was fehlte, war ein Kraftheber und eine Hydraulikanlage. Wir bekundeten unser Interesse an zwei Maschinen, eine als "Ersatzteillager". Ich beantragte und erhielt eine Aufstockung der Forschungsmittel. Uns erfasste die Begeisterung der Neuerer, zumal wir auch gerade "Schlacht unterwegs", das Buch über den Aufbruch der UdSSR nach dem XX, Parteitag der KPdSU gelesen hatten, welches die Wirkung des leider kurzfristigen Tauwetters unter Chruschtschow beschrieb (2/7).

Zur gleichen Zeit waren Prognosen über die weitere Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Produktion in Mode gekommen. Der Sekretär für Landwirtschaft des ZK der SED, Gerhard Grüneberg, ritt damals als besonderes Steckenpferd die Prognose der Landtechnik. Zieljahr der Prognose war das Jahr 1980. Sie war damit ein Arbeitsprogramm für das Jahrzehnt 1971 bis 1980. Ich war an der Prognose der Landtechnik wesentlich beteiligt. Da meine Habilitationsschrift auch von einer Prognose der Bodenbearbeitungsverfahren nach 1970 ausging, die ich auf der Basis des Bezirks Magdeburg aufgestellt und für die DDR extrapoliert hatte, traf ich damit genau den Trend der Zeit.

Die prognostische Arbeit war in diesen Jahren für die DDR und deren Landwirtschaft ganz passend. Die LPG waren größer geworden, sie hatten eine gewisse Konsolidierung erfahren. Leistungsfähigere Maschinen wurden gebraucht. Grüneberg fasste die Prognose als Forderung des von ihm vertretenen Wirtschaftszweiges Landwirtschaft an die übrige Volkswirtschaft, besonders den Landmaschinenbau auf. Da begann auch der Voluntarismus. Die Prognose war ihm nicht „kühn " genug. Er gab sie mehrfach zur Überarbeitung in Richtung auf "kühnere Vorschläge" zurück. Schließlich enthielt sie dann auch viele Forderungen und Vorschläge, die von der Wirtschaft nicht erfüllt werden konnten. Grüneberg ging wahrscheinlich von dem Grundsatz aus: viel fordern, um auch viel zu bekommen.

In einem von Grüneberg herausgegebenen Buch (1965) heißt es:

"Im Sozialismus ist die Prognose die theoretische Grundlage des planmäßigen Handelns der Gesellschaft. Sie ist gleichsam die Theorie der künftigen Entwicklung und wird auf der Grundlage der Erkenntnis der Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft und der ökonomischen Gesetze des Sozialismus ausgearbeitet." (2/8).

Die Autoren der Prognosen auf den verschiedenen Gebieten gaben sich alle Mühe, die künftige Entwicklung so genau wie es ging darzustellen. Naturwissenschaftlich hatten wir die Werkzeuge für eine gewisse Abschätzung der Genauigkeit aber mit den ökonomischen Gesetzen des Sozialismus hatten wir unsere Schwierigkeiten. Die SED hatte außer den bekannten Dogmen keine Prognose für die Entwicklung der Gesellschaft zu bieten. Die Wissenschaft war zwar. „(…) nominell hochexponiert, aber eben nicht unabhängig. Es hat keine Praxis der Veröffentlichung gegeben, die per rigorosum Fragen (…) unausweichlich aufwarf. Das sind strukturelle Defizite von denen ich heute behaupte, sie haben uns nicht nur nicht geholfen, sondern sie haben uns beschnitten.“ Das sagte der langjährige Sekretär von Erich Honecker, Frank-Joachim Herrmann in einem Interview 2006. (2/9).

Wir überschätzten damals alle unsere Kenntnisse von den "Entwicklungsgesetzen" und auch die Möglichkeiten der sozialistischen Gesellschaft, wie sie bestand. Man wollte die "wachsende Rolle der Wissenschaft als unmittelbare Produktivkraft" nutzbar machen und zur „Weltspitze“ vorstoßen und glaubte das erreichen zu können durch immer stärkere Zentralisierung der Wirtschaftsleitung, durch ein System des Leitens von oben nach unten, je besser die staatliche Leitung Wissenschaft und Produktion "in den Griff" bekommt, umso besser würde sich die Wirtschaft entwickeln. Heute wissen wir, dass eine Wirtschaft "im Griff" eine geknebelte Wirtschaft ist, die sich nur schwach entwickelt. Noch viel mehr gilt das für die Wissenschaft, die in den Fesseln der totalen Planung nur dahinvegetieren kann und von den Politikern und Wirtschaftsführern zur "Begründung" und "Untermauerung" ihrer oft dilettantischen und voluntaristischen Ideen missbraucht wird.

Ich wusste damals zwar, dass die Wirtschaft im Sozialismus die Arbeitsproduktivität und den Qualitätsstand der westlichen Industrieländer nicht erreicht hatte, machte mir aber immer wieder Illusionen darüber, woran das in Wirklichkeit lag. Ich sah auf der einen Seite die Begründungen für den Rückstand, die offiziell genannt wurden (schlechte Ausgangssituation, hohe Reparationen an die UdSSR, keine Hilfe sondern Boykotte aus dem Ausland, Schädigung durch Abwerbung von Arbeitskräften usw.), hoffte aber auf die Entfaltung innerer Kräfte der zentralisiert geleiteten Wirtschaft, ohne diese jedoch konkret zu sehen. Das erwies sich als Wunderglaube. Ich sah die vielen Ungereimtheiten dieser Wirtschaft; ich sah eine oft negative Auslese des Personals, die Vernachlässigung der Infrastruktur, die Nachteile der Abkapselung nach Westen hin, die retardierende Wirkung der sogenannten "ideologischen Arbeit", deren tiefen Konservativismus, den zeitstehlenden Unfug des „sozialistischen Wettbewerbs“ usw., aber ich hoffte als ausgemachter Optimist auf die Macht der Vernunft, obwohl ich hätte wissen müssen, dass die Geschichte längst die viel größere Macht der Dummheit erwiesen hatte. Wir wollten gerne glauben, dass wir an der besseren Zukunft arbeiten und dabei Erfolg haben würden aber waren gleichzeitig im tiefen Zweifel zerrissen.

Ich arbeitete mit Begeisterung an der Prognose und an meiner eigenen Arbeit in dem Rahmen in der Überzeugung, damit einen Beitrag zu leisten zur Beschleunigung der Entwicklung bis zum "Einholen" und "Überholen" der entwickelten Länder.

Diese Arbeit war für mich das Opium in jenen Jahren, das Begeisterung und Arbeitsfähigkeit brachte. Ich fühlte mich eingebunden in eine große und gute Aufgabe. Dienstlich hatte ich außerdem sehr viel mit der Entwicklung der Bezirksinstitute für Landwirtschaft zu tun. Diese entwickelten sich zu Beratungszentren der Bezirke mit praktischer Ausrichtung und erschienen mir als Bindeglieder zwischen der die Grundlagenforschung betreibenden Akademie und der sich entwickelnden Landwirtschaftspraxis mit ihren neuen Großbetrieben.

In diese Situation der befriedigenden Arbeit platzte wie aus heiterem Himmel die Mitteilung, gegen mich werde ein Disziplinarverfahren vorbereitet. Ich war höchst überrascht, fühlte mich geradezu beleidigt und überschätzte auch die Bedeutung solcher Dinge wohl etwas, was den rechtlichen Maßstab anbetraf. Das Wichtigste aber war, ich wusste nicht, woher der Wind wehte. Mein unmittelbarer Vorgesetzter, Dr. Wagemann, hatte nie Unzufriedenheit mit mir geäußert, ja er hatte mir nichts von der ganzen Aktion gesagt. Aus dem Arbeitsteam, das man damals „Kollektiv“ nannte, und aus der unmittelbaren Arbeit kam die Sache nicht. Woher aber? Zunächst wusste ich nicht, welche Vorwürfe erhoben wurden. Später erfuhr ich, dass es um meine Forschungsarbeit im Rahmen der Aspirantur ging. Ich erhielt Einsicht in einen Bericht, der Beschuldigungen aus sehr verschiedenen Bereichen meiner Arbeit enthielt und der daraufhin deutete, dass wahrscheinlich auf eine Beschuldigung von außen hin gesucht wurde, ob sie zu beweisen wären.

Es ging im Kern gegen die mit der Aspirantur verbundene Forschungsarbeit. Die Aufnahme der Arbeit in den Forschungsplan wurde angegriffen. Dem Verfahren dazu wurden Mängel nachgesagt. Mir wurden Privatfahrten mit dem Dienst- PKW vorgeworfen, was nach Überprüfung des Fahrtenbuchs gestrichen werden musste. Im Verfahren selbst wurde durch den Vertreter der Kontrollgruppe des Ministeriums festgestellt, dass kein Anhalt für das Verfolgen eigennütziger Ziele gefunden worden waren. Hängen blieb, wenn man so wollte, eine Art Übertreten der Befugnisse. Ich sah das anders, denn die gesamte Bestätigung der Forschungsarbeit und die Bestätigung der Mittel waren unter der üblichen Kontrolle der einschlägigen Gremien der Akademie verlaufen (s. oben).

Im Zuge des Verfahrens wurde verlangt, die Kaufzusage für die Schlepper ATS - 250 an die NVA zurückzunehmen. Mein Chef, Hans Wagemann, fuhr mit mir auftragsgemäß zur NVA nach Straußberg. Unterwegs sagte er: "Wenn man "Schlacht unterwegs" richtig gelesen hat, dürfte man den Kauf nicht rückgängig machen, aber wir können nicht anders." So war es: Das Tauwetter nach dem XX. Parteitag der KPdSU, das den Roman hervorgebracht hatte, war schon zu Ende.

Die Kettentraktoren ATS wurden dann doch gekauft. Inzwischen hatte der zuständige Mann im Staatlichen Komitee für Landtechnik, Rudolf Zieschang, der die Arbeit an der Prognose der Landtechnik leitete, die Angelegenheit anders eingeordnet. Die Bestellkombine war ja schon Bestandteil der Prognose. Zieschang hatte offenbar mit dem zuständigen Mann im ZK, Georg Ogorzelski, geklärt, dass die Arbeiten weitergeführt werden sollten.

Mir wurde am Ende des recht ruhig und ganz glimpflich und ohne Disziplinarmaßnahme verlaufenden Disziplinarverfahrens erklärt, dass mir völlig unabhängig von dem Verfahren der Vorschlag gemacht würde, aus der Produktionsleitung (Ministerium) auszuscheiden und im WTZ für Landtechnik in Schlieben an der Bestellkombine zu arbeiten. Mir war das sehr recht. Ich wollte ohnehin gern das Ministerium verlassen und in die Wissenschaft zurückkehren, und dass dies nun praktisch mit einem verbrämten Rausschmiss verwirklicht wurde, berührte mich wenig. Ich wusste ja ohnehin inzwischen, dass man ein Ministerium der DDR nur auf zwei Wegen verlässt, durch Rausschmiss oder durch Tod. Ich fand meinen Abgang erträglich, freute mich auf die wissenschaftliche Arbeit, die ihm folgen sollte und glaubte es werde Forschungsarbeit sein.

Wenig später erfuhr ich auch den Grund für das ganze Verfahren, das so mysteriös erschienen war. Ein "guter Freund“, der Professor Götz Brandt aus Berlin, hatte einen Brief an den Minister für Landwirtschaft, Georg Ewald geschrieben, in dem er mir vorwarf, Forschungsgelder zu veruntreuen und in meine eigene Tasche zu wirtschaften. Brandt hatte nach Mitunterzeichnern für seine Denunziation gesucht und war dabei an einen mir wohlgesinnten gemeinsamen Bekannten geraten, der mir die Sache dann erzählte.

Was Brandt, der als Professor auf einem warmen Lehrstuhl saß, zu einer solchen Denunziation getrieben hat, ist mir nicht verständlich. Wenige Jahre später verlor Brandt Lehrstuhl und Professur, weil er sich, wie es hieß, durch unerlaubte Nebentätigkeit persönlich bereichert hätte. „Was ich denk und tu, trau ich auch andern zu."

Für mich blieb der Abgang aus dem Ministerium, versehen mit einer Maßgabe in der Personalakte („Kaderakte“), mich nicht für "höhere Funktionen" einzusetzen. Auf Diesen Abgang nahm der spätere Parteisekretär der Zentralen Organe der Landwirtschaft, Arno Wendel, der mich überhaupt nicht kennengelernt hatte, Jahre später noch einmal Bezug mit der Bemerkung: „Das Früchtchen kennen wir doch von damals!“ Es blieb also etwas hängen!

Mir waren höhere Funktionen schnuppe, ich wollte meine Forschungsarbeit weiter führen und ging wohlgemut nach Schlieben. Dort erwartete mich allerdings ein Urzustand mit Kulturschock. Das betraf die ganze innere und äußere Infrastruktur, die Voraussetzungen für die Forschung und die Lebensverhältnisse. Davon berichte ich später ausführlicher.

4. WTZ Schlieben im Aufbau, Forschung oder Bastelbude?

Im letzten Monat des Jahres 1965 fanden zwei Ereignisse statt, die auf die weitere Entwicklung der DDR in den kommenden Jahren großen Einfluss hatten - der Selbstmord Erich Apels und das elfte Plenum des ZK der SED.

Am 03. Dezember 1965 erschoss sich Erich Apel, der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission und Mitglied des ZK der SED in seinem Dienstzimmer. Apel war der Vater des „Neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NöSPL), über das in den sechziger Jahren unablässig geredet wurde. Er arbeitete an dessen Verwirklichung mit dem Segen Ulbrichts und eng zusammen mit dem zuständigen Abteilungsleiter im ZK der SED, Günter Mittag.

Es hatte sich insbesondere die Situation in der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion in diesen November- und Dezembertagen wesentlich zugespitzt. Es ging vordergründig um einen neuen Handelsvertrag der UdSSR. Die UdSSR drängte die DDR auf eine Linie, die Apel offenbar für unvereinbar mit seinen Ideen hielt, die darauf abzielten, in die sozialistische Wirtschaft Züge einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ einzubauen. Dazu brauchte er von der Sowjetunion mehr Energieträger (Erdöl, Erdgas) zu günstigen, brüderlichen Preisen und eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Westen in technologischer Beziehung.

Um die gleiche Zeit und auch im Zusammenhang mit den Bestrebungen zur Steigerung der Effizienz der sozialistischen Wirtschaft kam eine neue Wunderwaffe auf, die Kybernetik. Mit Hilfe der auf den Amerikaner Norbert Wiener zurückgehenden Theorie über das Veralten komplexer Systeme sollte die Planung, das „Grundgesetz der sozialistischen Wirtschaft“ entscheidend verbessert werden, indem sie auf eine objektive wissenschaftliche Grundlage gestellt wird. Dazu heißt es in einem damaligen Wörterbuch:

„Die Bedeutung der Kybernetik für die marxistisch-leninistische Gesellschaftswissenschaft und für die praktische Leitungstätigkeit hängt wesentlich mit der rasch zunehmenden Kompliziertheit und Komplexität der sozialistischen Gesellschaft unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution zusammen. Die Kybernetik ermöglicht es, mit Hilfe mathematischer Methoden die Probleme der Steuerung komplizierter sozialer Systeme präzis zu analysieren sowie die modernen technischen Mittel (insbesondere die EDV) für die Verbesserung der Qualität der Leitungstätigkeit effektiv zu nutzen.

Da die Kybernetik jedoch von der spezifischen Beschaffenheit der sozialen Systeme abstrahiert, kann sie in der Leitungstätigkeit, aber auch bei der theoretischen Erforschung der sozialen Systeme, nur dann produktive Anwendung finden, wenn ihre Methoden und ihr Apparat auf der Grundlage der marxistisch-leninistischen Theorie von der Gesellschaft angewandt werden.“ (4/1)

Mehr Marktwirtschaft, automatische Regulierungen und engere Beziehungen zum Westen fürchteten die alten Genossen im Politbüro wahrscheinlich wie der Teufel das Weihwasser. Wenn sich die Wirtschaft selbst reguliert, wo können sie dann noch ihre „Macht der Arbeiterklasse“ ausüben? Gerade hatten sie die Mauer in Berlin errichtet und nun sollte eine engere Zusammenarbeit mit dem Westen erfolgen? So etwas durfte nicht sein und es erhob sich wieder einmal die „Frage der Macht“. Und das zitierte Wörterbuch vergisst deshalb auch nicht, die Grundlage allen Tuns, die marxistisch-leninistische Wissenschaft, auch der Anwendung der Kybernetik zugrunde zu legen.

Man witzelte: „Apel starb vor Mittag“ aber Mittag überlebte sogar die DDR. Erich Apel hatte schlecht in das Schema gepasst, das für Kräfte in den führenden Gremien der SED galt. Im Krieg hatte er zu den führenden Raketeningenieuren gehört, die mit Wernher von Braun zusammen in Peenemünde arbeiteten. Er war von Braun nicht nach Amerika gefolgt, sondern von der Sowjetarmee in die Sowjetunion dienstverpflichtet worden.

Wenig später wird Kronprinz Erich Honecker eine geradezu gespenstisch anmutende Aktion einleiten und durchziehen, die unter dem schönen Titel "Störfreimachung der DDR-Wirtschaft" geführt wurde.

Vom 16. bis 18. Dezember 1965 fand die 11. Plenartagung des Zentralkomitees der SED in der aktuellen Legislaturperiode statt. Der Logik nach hatten alle erwartet, dass auf dieser Plenartagung vor allem über die Weiterentwicklung des Wirtschaftssystems diskutiert werden würde. Überraschend für uns alle bekam auf dieser Tagung aber die Kultur ihr Fett weg. Die Wirtschaft blieb am Rande aber die Politik geriet in die Mitte.

Kurz gefasst wurde es so dargestellt: Die Produktion schritt voran, aber die Kunst blieb zurück. Künstler und Intellektuelle anderer Berufe sahen nicht nur die leuchtenden Pfade des Sozialismus, sondern auch kritikwürdige Erscheinungen. Auf dem 11. Plenum des ZK rückte die SED diese Leute zurecht, und der Regisseur Kurt Maetzig, dessen Film "Das Kaninchen bin ich" für sozialismusfeindlich erklärt wurde, übte am 06. Januar 1966 im ND umfassende Selbstkritik (4/2). Er habe geglaubt, wenn in der DDR nun alles so schön floriert, könne man auch noch vorhandene Widersprüche offen zeigen. Am 23.01.1966 wird Maetzig gar ein persönlicher Brief Ulbrichts zuteil mit Anerkennung seiner Selbstkritik und weiteren Belehrungen. (4/3).

Christa Wolf kritisierte auf der Tagung den „vorherrschenden Ökonomismus“, und dass der Jugend nur der künftige Wohlstand als Ziel vorgegeben würde. Das konnte von den Hardlinern als Hieb gegen das neue ökonomische System des Sozialismus von Erich Apel verstanden und benutzt werden. (4/4).

Das elfte Plenum hinterließ bei all denen, die sich an der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung des Sozialismus in der DDR erfreut hatten, einen sehr bitteren Nachgeschmack. Die bis dahin durchgeführten Arbeiten zur Prognose und deren Verwirklichung erhielten einen Rückschlag. Sie wurden ausgebremst.

Offiziell kaute man aber in den darauf folgenden Jahren immer noch weiter auf dem Vermächtnis Apels herum, das darin bestand, Wirtschaftlichkeit in die sozialistische Wirtschaft zu bringen.

Der stockkonservative Armeeoffizier und Möchtegernschriftsteller Leonid Breschnew brachte seine „wissenschaftliche“ Quintessenz einige Jahre später auf die Formel: "die Wirtschaft muss wirtschaftlich sein". Mit dieser Formel waren dann alle zufrieden oder auch nicht. Die Völker der Sowjetunion witzelten darüber.

In seinem Neujahrsgruß 1966 schaut Walter Ulbricht ungeachtet der wenige Wochen zurückliegenden Turbulenzen "optimistisch ins neue Jahr". Er verkündet die Einführung der 5-Tage-Woche und. der Jahresendprämien. "Nur die DDR verfügt über einen langfristigen Plan der gesellschaftlichen Entwicklung des deutschen Volkes. Er steht im Einklang mit den Entwicklungsrichtungen der menschlichen Gesellschaft wie mit den nationalen und sozialen Lebensinteressen der Deutschen" (4/5).

Ulbricht fordert den Bundestag auf, mit der DDR gemeinsam auf die Atomrüstung zu verzichten und die Grenzen in Europa anzuerkennen. Beide Staaten sollten ihre Beziehungen und die Beziehungen zwischen ihren Bürgern normalisieren.